Die hier vorgelegte Arbeit soll zunächst einen Abriss der Entwicklung des deutschen Nationalismus in der Zeit vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts geben. Die Darstellung orientiert sich entlang prägender Ereignisse und Tendenzen. Das Angebot der Literatur zu diesem Thema ist groß und mit unterschiedlichen Bewertungen und Tendenzen. Eine wissenschaftliche Forschung zum Phänomen des Nationalismus hat erst seit dem Ende des 19. Jahrhunderts begonnen.
Hierbei wurden, jeweils auch vor unterschiedlichem gesellschaftlichem Hintergrund, diverse Theorien und Definitionen erarbeitet, die jedoch immer wieder auch Widersprüchlichkeiten zeigten. In der gegenwärtigen Forschung gelangte man zu der Erkenntnis, dass der Nationalismus in seiner Phänomenalität und Bedeutung vielschichtig ist und sowohl den Bereich der Politik als auch die Bereiche der Kultur-, Sozial- und Geisteswissenschaften betrifft.
Eine wissenschaftlich eindeutige, absolute Theorie lässt sich schwer erstellen, da das dynamische Potential, die soziokulturellen und -ökonomischen Bedingungen und auch der Kontext seiner Entstehung jeweils unterschiedlich sind. Insofern lässt sich, gerade in Anbetracht der Kleinstaaterei Deutschlands im 19. Jahrhundert, keine klare wissenschaftliche Theorie zur Entwicklung des deutschen Nationalismus finden.
Im Rahmen dieser Arbeit soll zugleich die Rolle von Ernst Moritz Arndt bei der Entwicklung des deutschen Nationalismus betrachtet werden. Der Theologe und Publizist Arndt erreichte mit seinen Büchern, Liedern und Flugschriften, v.a. in der Zeit der Befreiungskriege eine breite Masse aller Bevölkerungsschichten und prägte das Denken dieser Zeit wesentlich mit. Hans-Ulrich Wehler bezeichnet Arndt als einen der "[…] populärsten Wortführer des frühen deutschen Nationalismus […]".
Der Forschungsstand in Bezug auf die Rolle Arndts und seines Gesamtwerks sowie zu seiner Rezeption und Instrumentalisierung sowohl seiner Werke als auch seiner Persönlichkeit zeigt sich insgesamt nur lückenhaft, da eine Forschung, v.a. nach 1945, nur in begrenztem Maß stattfand. Nach 1945 stand die Instrumentalisierung Arndts bis 1945 stigmatisierend im Vordergrund. Hinzu kommt, dass er aufgrund der arbeitsteiligen Forschung der verschiedenen Fachdisziplinen aus dem Blick des wissenschaftlichen Interesses "verloren ging".
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Allgemeiner historischer Abriss der Entwicklung des deutschen Nationalismus
2.1 Anfänge einer nationalen Bewegung in Deutschland
2.2 Aufbau einer organisierten nationalen Bewegung während der napoleonischen Besatzungszeit
2.3 Nationale Bewegung als Oppositionsbewegung
2.4 Zuspitzung gesellschaftlicher Konflikte in der Zeit des „Vormärz“
2.5 Revolutionäre Entladung der gesellschaftlichen Konflikte
2.6 Nationalbewegung nach 1848/49
2.7 Veränderungen der nationalen Bewegung nach der deutschen Reichsgründung 1871
2.8 Expansionistische Ausrichtung des Nationalismus
2.9 Radikalisierung des Nationalismus
2.10 Eskalation des radikalen Nationalismus
3. Einfluss des Nationalismus auf die Herausbildung des Antisemitismus in Deutschland
4. Der Nationalismus in Deutschland im Vergleich zu anderen Nationen
5. Ernst Moritz Arndt und seine Rolle bei der Entwicklung des Nationalismus in Deutschland
5.1 Zur Person Arndts
5.2 Zur Rolle Arndts bei der Entwicklung des Nationalismus
5.2.1 Arndts erste Publikationen zu Thema Volk und Nation
5.2.2 Arndt als Publizist während der Befreiungskriege
5.2.3 Arndt und sein Verhältnis zu den Franzosen
5.2.4 Arndts publizistische Rolle während der Zeit der Restauration
5.2.5 Arndt und sein Verhältnis zu den Juden und deren Emanzipation
5.3 Bewertung Arndts und seiner publizistischen Werke
6. Resümee
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Diese wissenschaftliche Arbeit analysiert die Genese und Ausprägung des deutschen Nationalismus vom 19. Jahrhundert bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts und untersucht in diesem Kontext kritisch die Rolle und Wirksamkeit des Publizisten Ernst Moritz Arndt.
- Historische Entwicklung des deutschen Nationalismus von den Befreiungskriegen bis zur Zeit des Nationalsozialismus
- Die Wechselwirkung zwischen der Entstehung des deutschen Nationalstaats und der Herausbildung eines rassistischen Antisemitismus
- Biografische und publizistische Analyse der Rolle von Ernst Moritz Arndt als Vordenker der deutschen Nationalbewegung
- Untersuchung der Instrumentalisierung von Arndts Werk durch verschiedene politische Epochen
- Vergleichende Einordnung des deutschen Nationalismus im europäischen Kontext
Auszug aus dem Buch
Arndt als Publizist während der Befreiungskriege
Während der Napoleonischen Befreiungskriege wurde Arndt publizistisch sehr aktiv und rief unermüdlich zum Zusammenschluss aller Deutschen im Kampf gegen Napoleon und die Franzosen auf. In seinen Büchern, Liedern und Flugschriften sprach er mit einer einfachen Sprache gezielt das Volk an und versuchte so, auch die breite Masse der einfachen Menschen zu erreichen. Damit hatte er großen Einfluss auf das Denken und die Meinungsbildung und galt als einer der populärsten Schriftsteller seiner Zeit.
Arndt selbst sah sich, insbesondere in den Jahren 1812-1815, in der Rolle des Zeitdeuters, nationalen Erweckers, Stimmführers und Erziehers (Schäfer 1974, S. 101-113). In dieser Zeit wurden seine Beiträge zunehmend schärfer. War er zu Beginn des Jahrhunderts noch politischer Neuling, so hatte er sich nun zu einem geübten Propagandisten entwickelt, der wusste, wie Begriffe in welcher Form wirksam eingesetzt werden können (Kuhlmann 2007, S.24). Ein wichtiger Bestandteil seiner Publizistik war die Motivation des deutschen Volkes. In seiner Schrift von 1813 „Der Rhein, Teutschlands Strom, aber nicht Teutschlands Gränze“ wies er auf die „[…] stillen Gefahren […] “ der „[…] allmählichen Auslöschung […] teutscher Art und Eigenthümlichkeit […] in den letzten Jahrhunderten […]“ hin. Er sah aber zugleich optimistisch in die Zukunft: „[…] aber wir hatten vieles übrig, woraus wieder stattliche und feste teutsche Männer […] ein großes und gefürchtetes teutsches Volk hervorgehen könnte […]“ (Arndt 1813 b, S. 67-68).
Immer wieder wies er auf die große deutsche Geschichte und ihre großen Krieger und Fürsten hin. Im „Katechismus für den Teutschen Kriegs- und Wehrmann“ aus dem Jahr 1815 heißt es: „[…] und es stand das teutsche Reich in Herrlichkeit, wegen ihrer Macht und Streitbarkeit gefürchtet, wegen ihrer Ehrbarkeit, Treue und Gerechtigkeit gepriesen […]“ (Arndt 1815, S. IV ff.). Gleichzeitig motivierte er die Befreiungskämpfer durch den Einsatz sakralen Vokabulars.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung umreißt die Ausgangslage Deutschlands im 19. Jahrhundert als Flickenteppich und führt die zentrale Rolle des Publizisten Ernst Moritz Arndt sowie das Ziel der Arbeit ein.
2. Allgemeiner historischer Abriss der Entwicklung des deutschen Nationalismus: Dieses Kapitel zeichnet die chronologische Entwicklung des deutschen Nationalismus nach, von den ersten Wurzeln im 18. Jahrhundert über die Befreiungskriege bis hin zur Radikalisierung und dem verheerenden Nationalsozialismus.
3. Einfluss des Nationalismus auf die Herausbildung des Antisemitismus in Deutschland: Hier wird analysiert, wie sich der deutsche Nationalismus im 19. Jahrhundert zunehmend mit rassistischen und antisemitischen Ideologien verknüpfte und den Weg zur Ausgrenzung jüdischer Mitbürger ebnete.
4. Der Nationalismus in Deutschland im Vergleich zu anderen Nationen: Dieses Kapitel ordnet den deutschen Nationalismus in einen gesamteuropäischen Kontext ein und hinterfragt die These des „deutschen Sonderwegs“.
5. Ernst Moritz Arndt und seine Rolle bei der Entwicklung des Nationalismus in Deutschland: Dieser Hauptteil widmet sich der Biografie und dem publizistischen Werk von Ernst Moritz Arndt, wobei besonders seine ambivalente Rolle und die Instrumentalisierung seiner Schriften untersucht werden.
6. Resümee: Das Schlusskapitel fasst die Ergebnisse zusammen und betont, dass Arndt zwar eine prägende Leitfigur der Befreiungskriege war, sein Werk jedoch stark selektiv wahrgenommen und ideologisch instrumentalisiert wurde.
Schlüsselwörter
Ernst Moritz Arndt, Deutscher Nationalismus, Befreiungskriege, Antisemitismus, Völkische Ideologie, Nationalstaat, Publizistik, Nationalsozialismus, Restauration, Rasse, Volksgemeinschaft, Historische Rezeption, Deutschland, Patriotismus, Identitätsstiftung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die historische Entwicklung des deutschen Nationalismus und analysiert dabei kritisch die Rolle von Ernst Moritz Arndt als einflussreicher, aber auch widersprüchlicher Publizist dieser Ära.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die Entstehung des Nationalgefühls, die Radikalisierung des Nationalismus zum Rassismus, die Emanzipationsdebatte der Juden sowie die Wirkungsmacht von Arndts patriotischen Schriften.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, den Einfluss von Ernst Moritz Arndt auf den deutschen Nationalismus unter Berücksichtigung seines gesamten Kontextes sowie seiner späteren Instrumentalisierung durch verschiedene politische Lager objektiv darzustellen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine historisch-analytische Arbeit, die primäre Quellen von Arndt mit einer breiten geschichtswissenschaftlichen Forschungsliteratur verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in einen historischen Abriss des Nationalismus, die spezifische Untersuchung des Antisemitismus im Zuge dieser Entwicklung sowie eine detaillierte Analyse der Person und Publizistik von Ernst Moritz Arndt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Nationalismus, Ernst Moritz Arndt, Antisemitismus, Befreiungskriege und historische Rezeption.
Warum wurde Arndt in späteren Jahren so stark instrumentalisiert?
Arndts vielschichtiges und teilweise widersprüchliches Gesamtwerk bot verschiedenen Akteuren die Möglichkeit, einzelne Argumente oder Sprachbilder aus dem Kontext zu lösen, um sie für aktuelle politische Ziele oder nationalistische Wunschvorstellungen zu nutzen.
Wie bewertet die Arbeit Arndts Haltung zu den Juden?
Die Arbeit zeigt, dass Arndts Haltung ambivalent war; er plädierte für eine Integration durch Taufe, vertrat jedoch gleichzeitig rassistisch geprägte Vorurteile und lehnete eine Gleichstellung ohne kulturelle Assimilation strikt ab.
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- Antje Lüth (Author), 2020, Die Rolle Ernst Moritz Arndts bei der Entwicklung des deutschen Nationalismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/900138