Sündenvererbung und Schuldfrage in Thüring von Ringoltingens "Melusine"


Hausarbeit, 2020

13 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Zwischen Theologie und Magie

2. Forschungsstand zu Melusine

3. Schuld und Sünde

4. Adam und Eva

5. Zur Schuldfrage in Melusine

6. Zusammenfassung und Fazit

7. Literatur

1. Zwischen Theologie und Magie Melusine stellt eine mystische, fiktive Genealogie mit Anspielungen an die wirkliche, historische Welt und das Geschlecht der Lusignan1 dar, da die Familiengeschichte der Melusine als «wahre Geschichte» des historischen Geschlechtes fingiert wird. Melusine ist eine «Merfaym»2 - eine Wasserfee. Jeden Samstag wird sie zur Hälfte Frau und zur Hälfte «würm»3 - Drache, Schlange. Sie ist die zentrale Figur in Thüring von Ringoltingens, um 1457 erstmals gedruckt veröffentlichten, frühneuhochdeutschen Prosaroman Melusine 4 5.

Melusine und ihre Schwestern wurden durch ihre Mutter verflucht und dadurch mit «Gaben»6 ausgestattet. Dies ist in Melusines Fall in ihrer samstäglichen Verwandlung zu sehen. Durch den Fluch der Mutter ist Melusine nicht mehr menschlich und kann, sofern sie keine Seele hat, nicht ins Paradies kommen7. Findet sie einen Mann, der ihrem Geheimnis widerstehen kann und es nicht lüftet, kann sie als Mensch sterben und wäre erlöst. Die Magie ist in diesem Fall antagonistisch zum Glauben. Sie geht in der «historÿ»8 eine Martenehe9 mit Reÿmund ein.

Reÿmund, der Sohn des Grafen vom Forst, wurde von seinem Onkel adoptiert und erstach diesen bei einem Jagdunfall nach der astronomischen Voraussagung seines Ziehvaters, dass derjenige, der in dieser Stunde seinen Herrn tötete, selbst zum wahrhaftigen Herrn würde und reicher und mächtiger wie keiner seiner Verwandten und Bekannten10. Nach dem Jagdunfall trafen sich Melusine und der, durch den Unfall verwirrte, Reÿmund beim ‘Turstbrunnen’11. Melusine eröffnete ihm, dass sie um die Geschehnisse im Wald wisse. Er solle das tun was sie ihm sagte und sie heiraten, dadurch würde er reicher und glücklicher werden als alle seine «freünd oder vordren»12. Er findet in ihr weder Unglauben noch Übernatürliches und stimmt der Ehe zu13. Diese Ehe ist eine Martenehe14, eine Ehe zwischen Mensch und übernatürlichem Wesen, die an ein doppeltes Tabu geknüpft ist.

Unter dem Tabu, dass Reÿmund sie samstags nicht sehen dürfe, heiraten sie und haben zehn Söhne. Alle sind «ungeschickt […] vnder dem antlücz vnd sunst volkummen»15. Als Reÿmund das Tabu bricht, zeigt sich Melusines übernatürliche Gestalt und sie flieht. Zuvor sagt sie ihm, er solle den gemeinsamen Sohn Horibel töten, da dieser in der Zukunft Böses tun würde16. Zudem segnet sie ihre Familie. Der Sohn wird in der Folge getötet. Für Reÿmund war bis zum Tabubruch nicht klar, warum seine Söhne so entstellt sind. Er hinterfragte es bis zu diesem Zeitpunkt auch nicht. Dies lässt den Schluss zu, dass er sich selbst die Schuld an der Entstellung gab, da er seinen Onkel getötet hatte. Dieses Schuldverständnis wird im Folgenden aufgegriffen. Die Schuldfrage in dieser Angelegenheit ist also abhängig vom Wissen der Figuren. Solange Reÿmund nicht weiss, dass seine Frau ein Halbwesen ist, sieht er sich durch seinen unbeabsichtigten Mord, der jedoch vom Getöteten vorausgesagt wurde, in der Verantwortung für alles Schlechte, was ihm geschieht. Er begeht später einen doppelten Tabubruch, er bricht sowohl das Sichtverbot wie auch das Verbot des Weitergebens von Melusines Geheimnis.

Im Folgenden wird also die Schuldfrage anhand der Fragestellung: «Wie ist die Schuld aus einer theologischen Perspektive in Melusine diskutiert?» erarbeitet. Um die Schuldfrage zu untersuchen werden im Folgenden Parallelen zur Geschichte von Adam und Eva in Genesis Kapitel 3 gezogen und anhand dieser eine Schulddiskussion unterstützt. Zunächst werden dafür der Forschungsstand zur Konzeption der Melusine aufgezeigt, die Begriffe Schuld und Sünde definiert, eine Parallelisierung gemacht und dann die Schuldfrage anhand der Begriffe und der Forschung diskutiert. Die Eigenleistung besteht aus der Zusammenführung der Forschung und Begriffe und einer Fortführung der Diskussion. Dabei soll keine Adaption der christlichen Geschichte Adam und Eva geschehen, sondern eine religiöse Perspektive eingenommen werden, um anhand dieser die Schuld- und Sündenfrage zu erläutern.

2. Forschungsstand zu Melusine

Die Frage nach der Seelenlosigkeit von Melusine greift auch Christian Kiening auf. Durch ihren übernatürlichen «dämonisch-unheimlichen Charakter»17 besitzt sie theologisch gesehen keine Seele, denn die Seele ist Menschen vorbehalten18. Diese Seelenlosigkeit wird bei Kiening differenzierter diskutiert, denn Melusine erhält christliche Züge durch die Stiftung geistiger Institutionen, den Bezug auf Gott und das Segnen ihrer Familie bei der Geheimnisenthüllung19. Der in der Forschung aufgegriffene Gedanke, dass Melusine als Schlangenfrau die Inkarnation der biblischen Motive der Schlange und der Frau wie in der Genesis ist und damit schuldig sein muss, wird hier in Frage gestellt und eine Spannung in Melusine selbst erzeugt.

Kiening spricht von einer «finalen Motivation», welche die «kausale Motivation» zur Folge hat20 21. Diese finale Motivation ist im Sujet der Schlangenfrau und dem doppelten Tabu, dem Sicht- und Redeverbot, angelegt. Das Scheitern der Martenehe ist also von vornherein determiniert und dennoch wird die Figur der Melusine entdämonisiert. Weiterführend ist hier diskutabel, dass Melusine die Zukunft Reÿmunds sieht, aber ihr gemeinsames und damit auch ihr eigenes Scheitern scheinbar nicht. Reÿmunds Zukunft ist sowohl in der Voraussage seines Ziehvaters positiv als auch in den Versprechen Melusines am ‘Turstbrunnen’. Das Übermenschliche scheint sich nicht in Unglück der Figuren zu zeigen, sondern am Aussehen und am Glück, solange kein Tabubruch geschieht. Dadurch ist jedoch der Handlungsablauf determiniert. Bei Thüring von Ringoltingen kann, dadurch dass die Übernatürlichkeit keine Folgen im Handeln der Figuren hat, kaum von einer Seelenlosigkeit Melusines gesprochen werden. Almut Suerbaum argumentiert mit der Wissensdifferenz Melusines und Reÿmunds, die die zentrale Rolle einnimmt22. Er versucht die Akzeptanz des Wissensunterschiedes Reÿmunds am Erfolg Melusines als Burgherrin festzumachen und an ihrer höfischen Erhabenheit23. Melusine ist seiner Meinung nach eine Figur, die eine «Verletzung gottgegebener herrschaftlicher Dominanz» oder eine «Quasi-Heilige weiblicher Selbstbestimmung» darstellt24, also variabel gelesen werden kann. Die Übernatürlichkeit sei ein zentraler Streitpunkt der Theologie des 14. Jh.25. Die Frage dabei ist, ob die Übernatürlichkeit auf Gott oder den Teufel zurückgeht.

Suerbaum streicht heraus, dass Reÿmund nichts hinterfragt und beim ersten Tabubruch nicht wütend auf Melusine, sondern seinen Bruder ist, der ihn überzeugt hatte, das Tabu zu brechen26. Erst mit dem Brudermord seines Sohnes, sieht Reÿmund die Verantwortung in Melusine27. Für diesen Wechsel der Beschuldigung findet sich kein klares Motiv. Suerbaum sieht eine Erklärungsmöglichkeit für die Schuldzuweisung in der religiösen Perspektive, in der Diskussion von Sünde und Busse, sieht aber keine Einsicht, Reue oder Busse bei den Figuren28. Dieser Erklärungsansatz wird im Folgenden untersucht, dabei sind Busse, Reue und Einsicht mit der begrifflichen Definition von Schuld und Sünde nicht die zentralen Handlungsauslöser.

3. Schuld und Sünde Nach der

Religion in Geschichte und Gegenwart ist Sünde «nicht die religiöse Benennung von Schuld, sondern die Bestimmung des mit der Schuld angezeigten Freiheitsverständnisses»29. Die Schuld ist also «das Scheitern an der eigenen Freiheit»30. Sünde ist zunächst ein Rechtsbruch. Das Brechen einer Norm, einer moralischen Vorstellung. Es ist eine «selbstverantwortete Lebenstat»31. Im Alten Testament werden die Begriffe Sünde und Schuld nicht eindeutig getrennt. Es gibt aber den sogenannten Tun-Ergehens-Zusammenhang, welcher die Vorstellung expliziert, dass aus einer bösen Tat Krankheit, Unheil oder Tod folgen. Kritisch zu betrachten ist, dass sowohl das theologische Schuld- wie auch das theologische Sündenverständnis nicht unbedingt mit dem volkstümlichen Verständnis übereinstimmen32.

Die Sünde kann theologisch als Auslöser der Schuld verstanden werden. Wobei die Schuld mit einem Wissen verbunden ist, dass zur Handlungszeit noch nicht vorhanden sein muss. «Gott straft sofort» als volkstümlicher Ausspruch heutzutage war auch im Tun-Ergehens-Zusammenhang schon im Mittelalter bekannt. Sodass Sünden nicht transzendental, sondern auch präsentisch, also schon im Diesseits Folgen haben mussten.

4. Adam und Eva Die Geschichte Adam und

Evas im Paradies soll hier kurz rekapituliert werden: Adam und Eva, die ersten Menschen, lebten im Paradies unter dem Tabu die Frucht eines bestimmten Baumes, des Baumes der Erkenntnis, nicht zu essen. Eine Schlange spricht mit Eva und verspricht ihr: «ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist» (1. Buch Mose 3,5). Eva isst daraufhin eine Frucht und gibt auch Adam davon. Sie erkennen, dass sie nackt sind und verstecken sich vor Gott. Als Gott sie findet, sagt Adam: «Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum und ich aß» (1. Buch Mose 3,12). Daraufhin wird der Baum des Lebens, der den Menschen unsterblich und damit gottgleich machen würde, von Engeln beschützt und Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben.

Die Parallele zu Adam und Eva ist in den Figuren selbst angelegt. Als Schlangenfrau verkörpert Melusine sowohl die Schlange wie auch Eva. In dieser doppelten Figuralität muss Melusine Ursache der Schuld sein und dennoch ist sie ganz Christin, eine gute Mutter und Ehefrau. Adam und Reÿmund parallelisieren sich in der völligen Handlungsunfähigkeit. Sowie Adam auf Geheiss seiner Frau vom Apfel ist (1. Buch Mose 3,6), ist Reÿmund seinem Schicksal ergeben. Adam und Eva werden durch den Biss in die Frucht die Augen geöffnet (1. Buch Mose 3,7), und auch Reÿmund bricht das Sichtverbot. Ihnen wird ihre Situation bewusst und sie hinterfragen ihre Weltanschauung. Wie Adam, so gibt auch Reÿmund seiner Frau die Schuld am Tabubruch (1. Buch Mose 3,13) 33. Bei beiden wird durch die Offenbarung des Geheimnisses das Brechen des ersten Tabus zum Problem. In der Folge ist das Verbleiben im Paradies nicht möglich und die Folgen sind unumkehrbar. Auch in den nachfolgenden Generationen findet sich die Schuld wieder. Im Falle Evas als Erbsünde34, im Falle Melusines in der Entstellung ihrer Söhne.

[...]


1 Almut Suerbaum: Wissen als Macht – Figurendarstellung in Thürings von Ringoltingen Melusine, S. 57.

2 Melusine. In: Müller 1990. S. 11 Z. 2. Im Folgenden wird aus dieser Ausgabe mit Seitenzahlen und gegebenenfalls Zeilenzahlen zitiert.

3 Ebd., S. 11. Z. 5f..

4 Scheibel, N. (2020). Ambivalentes Erzählen - Ambivalenz erzählen. Studien zur Poetik des frühneuhochdeutschen Prosaromans, S. 148.

5 Almut Suerbaum: Wissen als Macht – Figurendarstellung in Thürings von Ringoltingen Melusine, S. 57.

6 Melusine, S. 139, Z. 24.

7 Dies wird im Folgenden noch einmal aufgegriffen. Dazu: RGG: Seele.

8 Melusine, S. 11, Z. 12.

9 Claudia Steinkämper: Melusine - Vom Schlangenweib Zur "Beauté Mit Dem Fischschwanz, S. 14f..

10 Melusine, S. 19, Z.10-14.

11 Ebd., S. 22.

12 Ebd., S. 24, Z. 3-8.

13 Ebd., S. 24, Z. 15-20.

14 Beispielhaft ist hier: Christoph Huber, „Mythisches erzählen. Narration und Rationalisierung im Schema der ‚gestörten Martenehe‘ zu betrachten.

15 Melusine, S. 48. Z. 9f..

16 Ebd., S. 125.

17 Christian Kiening: Feengeschlecht, S. 190.

18 RGG Seele.

19 Christian Kiening: Feengeschlecht, S. 190.

20 Ebd., S. 192.

21 Clemens Lugowski: Die Form der Individualität im Roman. Studien zur inneren Struktur der frühen deutschen Prosaerzählung.

22 Almut Suerbaum: Wissen als Macht – Figurendarstellung in Thürings von Ringoltingen Melusine, S. 54.

23 Ebd., S. 60.

24 Almut Suerbaum: Wissen als Macht – Figurendarstellung in Thürings von Ringoltingen Melusine, S. 63.

25 Ebd., S. 63.

26 Ebd., S. 63

27 Ebd., S. 67.

28 Ebd., S. 70.

29 RGG Sünde, Schuld und Vergebung.

30 Ebd..

31 Ebd..

32 RGG Schuld.

33 Melusine, S. 114.

34 RGG Erbsünde.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Sündenvererbung und Schuldfrage in Thüring von Ringoltingens "Melusine"
Autor
Jahr
2020
Seiten
13
Katalognummer
V900308
ISBN (eBook)
9783346222510
Sprache
Deutsch
Schlagworte
melusine, ringoltingens, sündenvererbung, schuldfrage, thüring
Arbeit zitieren
Katharina Sauder (Autor), 2020, Sündenvererbung und Schuldfrage in Thüring von Ringoltingens "Melusine", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/900308

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