Neo-Institutionalismus als Erklärungsansatz des Wandels von Organisationen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006
20 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Problemstellung

2. Entstehung des Neo-Institutionalismus

3. Ausprägungen des Neo-Institutionalismus
3.1 Der ökonomische Neo-Institutionalismus
3.2 Der soziologische Neo-Institutionalismus

4. Neo-Institutionalistische Erklärungsansätze für Wandel
4.1 Kosten und Effizienz
4.2 Legitimation

5. Schlussfolgerung

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Problemstellung

Befasst man sich mit Literatur, die sich unter dem Schlagwort Neo-Institutionalismus subsumieren lässt, fällt schnell auf, dass es sich hierbei um keinen rein ökonomischen oder gar betriebswirtschaftlichen Ansatz handelt. Vielmehr findet der theoretische Rahmen des Neo-Institutionalismus seine Anwendung in nahezu allen Geistes- und Sozialwissenschaften. Für die vorliegende Arbeit sind dabei vor allem ökonomische und soziologische Betrachtungsweisen von Bedeutung, da diese den engsten Bezug zu Unternehmungswandel aufweisen bzw. als Erklärungsansatz dafür herangezogen werden können. Neo-Institutionalismus aus den Bereichen der Rechtswissenschaft, Politologie, Theologie oder Philosophie soll daher im Rahmen der vorliegenden Arbeit ausgeklammert werden.

Allerdings wird auch bei der Beschränkung auf zwei wissenschaftliche Disziplinen nach kurzer Zeit klar, dass in der Literatur keineswegs definitorische oder terminologische Übereinstimmung hinsichtlich der im Titel dieser Arbeit verwendeten Begriffe „Neo-Institutionalismus“ und „Organisationen“ besteht.[1] So wird „Neo-Institutionalismus“ in der Literatur zum Teil synonym verwendet mit Institutionalismus (ohne Präfix), Institutionenökonomik oder Neue Institutionenökonomik.[2] Für den vorliegenden Text sollen die beiden letztgenannten Begriffe synonym den ökonomischen Theorien zugeschrieben werden, Neo-Institutionalismus in seiner überschreibenden Funktion aber nicht ausschließlich den soziologischen, sondern beiden Ansätzen.

Auf die Unterschiede in der Verwendung des Organisationen-Begriffs, die zumeist in seiner Tragweite bestehen, wird in den folgenden Kapiteln näher eingegangen. Für den hier vorliegenden Kontext, dies sei bereits vorweggenommen, bietet sich eine recht enge institutionelle Definition, im Sinne von (Wirtschafts-)Organisation, als profit-orientierte Unternehmung an.

Das Ziel der vorliegenden Arbeit besteht also darin, Wandel von Organisationen, sprich Unternehmungen, mithilfe des neo-institutionalistischen Theoriegefüges zu untersuchen und zu begründen. Dazu soll in Kapitel 2 zunächst eine kurze historische Einführung in die Entstehung des Neo-Institutionalismus gegeben werden. Kapitel 3 stellt anschließend die beiden wichtigen Ausprägungen, den ökonomischen und den soziologischen, vor, ehe in Kapitel 4 explizite Erklärungsansätze für den Wandel von Unternehmungen beschrieben werden. Kapitel 5 liefert dem Leser eine abschließende Zusammenfassung und Schlussfolgerung.

2. Entstehung des Neo-Institutionalismus

Der Stammbaum des heutigen Neo-Institutionalismus lässt sich ohne große Anstrengung bis in die Anfänge des vorigen Jahrhunderts zurückverfolgen. Als Wegbereiter der Institutionenökonomik gilt Coase, der 1937 mit der Frage, warum Unternehmen überhaupt existieren, das zentrale Konzept der neoklassischen Mikroökonomik, den Markt als wichtigstes Mittel der Koordination, in Frage stellte.[3] Coase forderte, Märkte und Unternehmungen als alternative Möglichkeiten ökonomischer Organisation zu betrachten, mit den jeweils verursachten Kosten als Entscheidungsvariablen.[4] Damit wurden erstmals positive Transaktionskosten unterstellt. Die, schon als klassisch zu bezeichnende, Dichotomie von Markt und Unternehmung wurde vor allem von Williamson, dem Hauptvertreter der Transaktionskostentheorie, um hybride Formen (Kooperationen) ergänzt. Welche der Koordinationsformen die Effizienteste ist, macht er abhängig von der Transaktionshäufigkeit, der Spezifität der Investition, sowie der Unsicherheit.[5]

Die Unsicherheit, bestehend aus Umwelt- und Verhaltensunsicherheit, impliziert einen wesentlichen Unterschied der Akteure des ökonomischen Neo-Institutionalismus zu denen der Neoklassik. Zum einen sind die Akteure nicht mehr vollständig informiert über die Folgen ihres Handelns, sondern agieren, im Rahmen der ihnen zur Verfügung stehenden Informationen, lediglich beschränkt rational (Umweltunsicherheit). Zum anderen wird den Wirtschaftssubjekten mit der Verfolgung der eigenen Interessen, unter Zuhilfenahme von List und Betrug, opportunistisches Verhalten unterstellt (Verhaltensunsicherheit).[6]

Diese Annahmen machen institutionelle Regulierungen notwendig, die die Akteure vor dem Opportunismus ihrer Vertrags“partner“ ex post wie ex ante schützen.[7] Damit rücken Institutionen, die in der Neoklassik noch außerhalb der Betrachtung, im exogenen Prämissenkranz, lagen, in den Mittelpunkt. Dennoch lässt sich keine eindeutige Definition des Institutionenbegriffs ausmachen.[8]

Die wirtschaftswissenschaftlich orientierten Vertreter des Institutionalismus verwenden mit Institution als „System von Regeln“ zumeist einen engen definitorischen Rahmen.[9] Diese Regelsysteme können im einfachsten Fall einzelne Eigentumsrechte oder Verträge sein,[10] aber auch die komplexen Koordinationsformen Markt, Hierarchie und Kooperation.[11] Demzufolge können auch Organisationen im Sinne von Unternehmungen oder deren Organisationsstruktur als Institution betrachtet werden.

Soziologen bedienen sich i.d.R. einer weiter gefassten Definition, die näher am allgemeinen Sprachverständnis von Institutionen als fest verankerten, traditionellen und gemeinhin bekannten Phänomenen der Gesellschaft liegt. Dazu zählen Staat, Kirche, Familie, aber auch etablierte non-profit Organisationen, wie Universitäten, Stiftungen oder Parteien, aus denen sich wiederum formalisierte Verhaltensmaßregeln (z.B. Gesetze) und weniger formalisierte, wie Sitten, Routinen und Gewohnheiten, ableiten lassen. Institutionen aus soziologischer Sicht sind also übergreifende Erwartungsstrukturen, die bestimmen, was angemessenes oder unangemessenes Verhalten ist, und so das gesellschaftliche Miteinander regulieren.[12] Diese Institutionen wurden in der klassischen Soziologie vor allem im Hinblick auf ihre Wirkung untersucht, weitgehend als starr angesehen und von den Akteuren der Theorien nicht hinterfragt. Dies kritisierend, entwickelte sich, eine dynamische Perspektive einnehmend, in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts der soziologische Neo-Institutionalismus.[13] Im Mittelpunkt stehen die Prozesse des Aufkommens und Vergehens von Institutionen, sowie Wechselwirkungen mit den Akteuren und zwischen institutionellen Vorgaben.[14] Die Akteure in den soziologischen Modellen handeln zwar ebenfalls nutzenmaximierend, aber im Gegensatz zu denen der Institutionenökonomik nicht opportunistisch, da der Nutzen hier in der Erlangung von Legitimität durch regelkonformes, gesellschaftlich akzeptiertes Verhalten liegt.

Nachdem für beide wesentlichen Strömungen unter dem Schlagwort des Neo-Institutionalismus sowohl Entstehung als auch zugrunde liegende Definitionen dargelegt wurden, sollen die theoretischen Gedankengänge im folgenden Kapitel ausführlicher vorgestellt werden, bevor dann ihr Erklärungsgehalt für den Wandel von Organisationen untersucht wird.

3. Ausprägungen des Neo-Institutionalismus

3.1 Der ökonomische Neo-Institutionalismus

Wie oben beschrieben, ist die ökonomische Sichtweise eher eng gefasst und kontraktorientiert. Dabei sind zwei Aspekte von Bedeutung: Der Effizienzaspekt zur Senkung von (Transaktions-)Kosten und der Motivationsaspekt zur Reduzierung oder Vermeidung von opportunistischem Verhalten und Unsicherheit. Drei Ansätze haben sich herauskristallisiert und finden regelmäßig Verwendung: Die Transaktionskostentheorie, die Agenturtheorie sowie die Theorie der Verfügungsrechte.

Transaktionskostentheorie

Grundlegende Analyseeinheit in der Transaktionskostentheorie ist, wie der Name impliziert, die einzelne Transaktion. Das Erklärungsziel besteht darin, verschiedene institutionelle Formen der Organisation von Transaktionen hinsichtlich der damit verbundenen Kosten zu vergleichen und möglichst die effizienteste Form auszuwählen.[15] Dabei müssen Transaktionskosten sowohl ex ante wie auch ex post berücksichtigt werden. In der Literatur werden sie zumeist unterteilt in Kosten für Anbahnung, Vereinbarung, Abwicklung, Kontrolle und Anpassung des Leistungsaustauschs.[16] Unter den zugrunde liegenden Verhaltensannahmen der beschränkten Rationalität und des Opportunismus bestehen die Transaktionskosten vorrangig aus Informations- und Kommunikationskosten zum Schutz vor opportunistischem Verhalten. Damit eine der möglichen Kontrollstrukturen (governance structures) im Kontinuum zwischen Markt und Hierarchie effizient ist, müssen also nicht nur die zur Durchführung der Transaktion notwendigen Informationen generiert, sondern auch Anreize geschaffen werden, durch die sich die Akteure im Sinne des Transaktionspartners verhalten.[17]

Von den die Höhe der Transaktionskosten bestimmenden Charakteristika, Häufigkeit, Unsicherheit und Spezifität, ist die Häufigkeit die am einfachsten zu handhabende. Solange nicht einmalige oder extrem häufige Transaktionen vorliegen, verstärkt die Häufigkeit nur die Impulse, die von den beiden anderen Variablen gegeben werden.[18] Das wichtigste Transaktionscharakteristikum stellt nach Williamson die Spezifität der Investition dar.[19] Die Spezifität ist davon abhängig, wie leicht bzw. mit welchem Wertverlust man die bereits getätigte Investition einer anderen Verwendung zuführen kann. Bei geringer Spezifität gelingt dies u.U. ohne Wertverlust, bei hoher Spezifität aber gar nicht.[20] Bei einem Scheitern der Transaktion wären die eingesetzten Potentialfaktoren (z.B. Sach- oder Humankapital) dann, salopp gesagt, futsch. Der Akteur mit hoher Spezifität der Investition begibt sich also gegenüber dem Transaktionspartner in eine Abhängigkeit, die opportunistisch ausgenutzt werden kann.[21] Dieses Problem wird durch zunehmende Unsicherheit noch verstärkt.

Bei unspezifischen Investitionen spielt auch eine hohe Unsicherheit keine Rolle, da man im Falle des Scheiterns schnell und unproblematisch neue Transaktionspartner finden kann. Je spezifischer die Investitionen aber werden, umso stärker wirkt die Unsicherheit in den Entscheidungen mit.[22] Williamson kommt deshalb zu dem Schluss, dass bei unspezifischen Investitionen ein marktliches Arrangement zu wählen und sich mit steigender Spezifität zunehmend Richtung hierarchischer (Beherrschungs-)Strukturen zu orientieren sei.[23] Dabei wirkt die Hierarchie (Unternehmung) als wirtschaftliche Institution unsicherheitsverringernd, indem sie die verfügbaren Informationen erhöht und/oder den Informationsbedarf reduziert.[24]

[...]


[1] Vgl. bspw. Edeling, T. (1999), S. 9.

[2] Vgl. Gretschmann, K. (1990), S. 340.

[3] Vgl. Coase, R. (1937).

[4] Vgl. Williamson, O. (1990), S. 4.

[5] Vgl. Williamson, O. (1990), S. 89.

[6] Vgl. Williamson, O. (1990), S. 54.

[7] Vgl. DiMaggio, P., Powell, W. (1991), S. 7 sowie Schanz, G. (1999), S. 160.

[8] Vgl. Gilgenmann, K., Glombowski, J. (2003), S. 163.

[9] Vgl. bspw. North, D. (1988), S. 207 oder Moldaschl, M., Diefenbach, T. (2003), S. 146.

[10] Vgl. Hasse, R., Krücken, G. (2005), S. 8.

[11] Vgl. Williamson, O. (1990), S. 17.

[12] Vgl. Hasse, R., Krücken, G. (2005), S. 14-15.

[13] Vgl. Walgenbach, P. (2002), S. 159.

[14] Vgl. Hasse, R., Krücken, G. (2005), S. 17-19.

[15] Vgl. Koch, J. (2005), S. 194.

[16] Vgl. Picot, A., Dietl, H., Franck, E. (1997), S. 66.

[17] Vgl. Vogt, J. (1997), S. 20.

[18] Vgl. Picot, A. (1982), S. 277.

[19] Vgl. Williamson, O. (1990), S. 59.

[20] Vgl. Vogt, J. (1997), S. 20.

[21] Vgl. ebenda, S. 20.

[22] Vgl. Williamson, O. (1990), S. 68.

[23] Vgl. Williamson, O. (1990), S. 89.

[24] Vgl. Windsperger, J. (1996), S. 6-11.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Neo-Institutionalismus als Erklärungsansatz des Wandels von Organisationen
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Fachbereich Wirtschaftswissenschaften)
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
20
Katalognummer
V90040
ISBN (eBook)
9783638038157
ISBN (Buch)
9783638935197
Dateigröße
441 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Neo-Institutionalismus, Erklärungsansatz, Wandels, Organisationen
Arbeit zitieren
René Romero-Bastil (Autor), 2006, Neo-Institutionalismus als Erklärungsansatz des Wandels von Organisationen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/90040

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