Ökonomik als Ethik mit besseren Mitteln? Anwendung von Karl Homanns Lösungsansatz auf den Fall Enron


Hausarbeit, 2016

34 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Moral in der Ökonomie
2.1 Einblick in die traditionelle Ethik
2.1.1 Das christliche Liebesgebot
2.1.2 Die Goldene Regel
2.1.3 Der kategorische Imperativ
2.2 Moral und/ oder Ökonomik - Dualismus oder gänzliche Einheit
2.3 Die ökonomische Theorie der Moral

3. Der mögliche Ort für (keine) Verhandlungen
3.1 Die Erläuterung der Dilemmastrukturen anhand des Gefangenen-dilemmas
3.2 Dilemmastrukturen in der Ökonomie

4. Ordnungspolitischer Ansatz nach Homann
4.1 Hommans Ansatz zur Überwindung der Dilemmastruktur
4.2 Die Ordnung spolitik – nicht nur Aufgabe des Staates
4.2.1 Die Ordnungspolitik auf staatlicher Ebene
4.2.2 Die Handlungsverantwortung der Unternehmen
4.2.3 Die Ordnungspolitik auf der Unternehmensseite
4.3 Die psychologische Beleuchtung von Anreizen

5. Das Fallbeispiel: Der Energiekonzern Enron
5.1 Enron: Aufstieg und Fall
5.2 Das Versagen der Kontrollinstanzen
5.3 Einblick in die Special Purpose Entities
5.4 Die Anreizsysteme bei Enron

6. Fazit, offene Fragen und möglicher Ausblick

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Drei Prinzipien der abendländisch-christlichen Ethik

Abbildung 2: Paralleltätigkeit Enrons Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Kustner (2004)

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Ordnungspolitische- und Wettbewerbsstrategie Quelle: Eigene Darstellung, in Anlehnung an Homann (2007)

Tabelle 2: Auszahlungsmatrix des Gefangenendilemmas in Jahren Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an SCHRAMM

Tabelle 3: Auszahlungsmatrix bei Kinderarbeit: Profit in Mio. Euro

Tabelle 4: Auszahlungsmatrix bei Kinderarbeit: Profit in Mio. Euro; moralisch erwünschtes Ergebnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Die Frage, ob und wie die Wirtschaft und die Ethik Hand in Hand gehen können, wird in der Marktwirtschaft zunehmend relevant. Sie ist eine immer wieder kehrende Herausforderung mit vielen potentiellen Chancen wie die an Bedeutung gewonnen Begriffe, „Fair-Trade“, „Nachhaltigkeit“ und das generelle „Umweltbewusstsein“ zei-gen.

Die Fragestellung „Ökonomik – als Ethik mit besseren Mitteln“ mit der sich diese Arbeit beschäftigt, soll diesen Diskurs der dualistischen Positionen aufgreifen und die vorherrschenden wissenschaftlichen Meinung aufzeigen. Diese teilt sich im Grunde genommen grob in zwei Lager auf. Auf der einen Seite befinden sich die Vertreter der Position, die Ethik und die Ökonomik als antagonistisch sehen. Auf der anderen Seite stehen diejenigen, welche der Meinung sind, dass die Ethik und die Ökonomik sehr wohl koexistieren können, sogar aufeinander aufbauen. Diese Auf-fassung vertritt auch Homann, auf dessen Sichtweisen diese Arbeit primär eingehen wird. Um diesen Sachverhalt zu untersuchen, wird zuerst auf den Verlauf der Ethik eingegangen, um ein besseres Verständnis für die darauffolgende Auseinanderset-zung der zwei gegensätzlichen Parteien zu erlangen. Die daran anschließende Er-läuterung von Dilemmastrukturen, soll als Grundlage für den darauf aufbauenden Lösungsansatz Homanns zur Überwindung grade dieser Dilemmastrukturen in der Marktwirtschaft dienen. Hierbei werden vor allem die Ordnungs- und Handlungsethik der Unternehmen betrachtet. Letztlich wird diese Arbeit den herausgearbeitet An-satz Homanns auf den amerikanischen Energiekonzern „Enron“ anwenden und ver-suchen einen möglichen Ausblick zu bieten.

2. Die Moral in der Ökonomie

Jeder muss sich mehrmals in seinem Lebenslauf mit moralischen Konflikten ausei-nandersetzen. Bereits im Kindesalter beginnen die moralischen Auseinanderset-zungen: zum Beispiel wenn ein Kleinkind sich das erste Mal in der Lage befindet, die Spielsachen mit den Geschwistern zu teilen. Auch im weiteren Lebensverlauf erlebt der Mensch Situationen, in denen er mit einem moralischen Konflikt konfron-tiert wird. Ein Beispiel hierfür ist, während der Bahnfahrt zu entscheiden, den Sitz-platz einer zugestiegenen älteren Dame anzubieten oder stattdessen einfach sit-zenzubleiben. Hier stellt sich die Frage: Wer will in einem Bus voller Schulkinder, in dem ein Gedränge herrscht, sich Schulranzen an Schulranzen reiht, freiwillig auf den Sitzplatz verzichten? Dieses Beispiel zeigt, dass zu dem weit verbreiteten fun-damentalen Verständnis der Moral das Gefühl gehört, das Eigeninteresse zu be-zwingen.1 Die Liste solcher moralischen Dilemmas kann ins Unermessliche weiter-geführt werden.

Das Kind, welches zu Beginn nicht bereit war die Spielsachen zu teilen, kann im Erwachsenenalter unter Umständen komplexeren, moralischen Problemen gegen-überstehen. Im Berufsleben angekommen, gilt es möglicherweise Entscheidungen zu treffen, ob das Unternehmen seine Arbeitsplätze um 50 Prozent reduziert und zusätzlich seinen Standort von Deutschland nach Rumänien verlagert, um somit Kosten zu sparen und wettbewerbsfähig zu bleiben. Ein solches Beispiel ist keine Seltenheit in der heutigen Marktwirtschaft. Es hat nicht nur für das Individuum, son-dern für ganze Personengruppen weitrechende Konsequenzen. Neben der Arbeits-losigkeit, der Zerstörung der Umwelt und der Korruption reiht sich mit der „Verlage-rung des Standortes“ nur ein weiteres Glied in die lange Kette der Vorwürfe der Ge-sellschaft an die Marktwirtschaft ein.2 Es ist ökonomisch sinnvoll, doch gesellschaft-lich und moralisch verwerflich. Laut Homann, wird die Marktwirtschaft heute als ein Konstrukt des Egoismus, in dem die Solidarität abhandengekommen ist, gesehen.3 Doch wie definiert sich nun Moral? Homann und Lütge definieren die Moral als „ei-nen Komplex von Regeln und Normen, die das Handeln der Menschen bestimmen oder bestimmen sollen und deren Übertretung zu Schuldvorwürfen gegen sich selbst bzw. gegen andere führt.“4 An diese Definition lehnt sich im weiteren Verlauf diese Arbeit.

2.1 Einblick in die traditionelle Ethik

Die Moral ist objektiv nicht messbar. Dennoch erzeugt sie Spannungen, wenn nicht in ihrem Sinne gehandelt wird. Es scheint, als existiere eine unausgesprochene und unsichtbare Richtlinie. Überschreitet ein Mensch diese, wird er von seinem sozialen Umfeld bestraft.5

Den historischen Verlauf betrachtet, wird deutlich, dass diese Auseinandersetzung schon vor tausenden von Jahren in der Bibel seinen Ursprung gefunden hat. Dieser Abschnitt soll einen Überblick über „die drei großen Prinzipen der abendlän-disch-christlichen Ethik“ verschaffen, welche in Abbildung 1 dargestellt sind.6 Hierbei wird die Entwicklung der Moral reflektiert und mit Adam Smith, dem „Vater der Öko-nomie“ abgeschlossen.7

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Drei Prinzipien der abendl ä ndisch-christlichen Ethik Quelle: Eigene Darstellung

2.1.1 Das christliche Liebesgebot

Der Bibelvers: „[…] liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst“ ist nach wie vor in den heutigen, von christlichen Werten geprägten, Gesellschaften verankert.8 Der Gedanke liegt nahe, dass dieser Bibelvers das solidarische Miteinander, aber auch ein altruistisches Verhalten impliziert. Eine differenzierte Auseinandersetzung und die Betrachtung des Liebesgebotes von einem anderen Standpunkt führen zu einer erweiterten Sichtweise. So steht nicht geschrieben, liebe deine Mitmenschen mehr als dich selbst, sondern liebe deinen Mitmenschen, wie dich selbst.9 Das setzt in erster Linie voraus, sich selbst zu lieben. Eine zusätzliche Sichtweise auf das Lie-besgebot führt dazu, dass sich das persönliche Vorteilsstreben auch positiv auf das Befinden einer anderen Person auswirkt.10 Erst wenn es dem Menschen möglich ist, sich selbst zu lieben und dieser die Selbstliebe zulässt, ist es auch möglich diese Liebe an seinen Nächsten weiterzugeben. Daraus folgt, dass ein altruistisches Ge-bot wie dieses einen gewissen Egoismus voraussetzt.

2.1.2 Die Goldene Regel

Ein weiteres Prinzip der abendländisch-christlichen Ethik ist die „Goldene Regel“. Als Goldene Regel wird das Moralprinzip bezeichnet, welches im Allgemeinen ver-langt, jeden so zu behandeln, wie man auch selbst behandelt werden möchte.11 Die Goldene Regel fasst diese Forderung, welche in nahezu allen Kulturbereichen und Konfessionen vorkommt, zusammen.12 Im Folgenden werden exemplarisch einige Beispiele genannt:13

1) Christentum:

Hoche unterscheidet zwischen einem positiven und negativen Bezug auf die Goldene Regel. Als Negativ-Beispiel zieht er hierfür die Bibelstelle Tobias, 4.15 heran, welche besagt: „Was du nicht willst, daß man dir tu‘, das füg auch keinem andren zu.“

Das Positiv-Beispiel wiederum entnimmt Hoche aus Matthäus, 7.12: „Alles nun, von dem ihr wollt, daß es die Menschen euch tun, daß tut ihr auch ih-nen. […]“

2) Judentum:

Auch hier erfolgt die Beschreibung anhand eines Negativ-Beispiels. Im Ba-bylonischen Talmund, in Sabbath 31, steht: „Alles, von dem du nicht willst, daß es dir nicht geschehe, daß tue auch anderen nicht […].“

3) Altindischer Nationalepos Mahâbhârata (XIII, 5571 ff.):

„Tue keiner dem anderen, was er nicht will, daß es ihm selbst widerfahre; […].“

2.1.3 Der kategorische Imperativ

Das dritte Prinzip – der kategorische Imperativ nach Kant – ist auch ein Prinzip der abendländisch-christlichen Ethik. Im ersten Schritt unterscheidet Kant zwischen dem hypothetischen und dem kategorischen Imperativ.

Der hypothetische Imperativ ist ein Mittel, welches Glückseligkeit herbeiführt. Kant formuliert den hypothetischen Imperativ als Handlungen, die als Mittel zu etwas an-derem dienen.14 Weiter beschreibt er den hypothetischen Imperativ als „Rathschläge der Klugheit“.15 Das folgende Beispiel soll den hypothetischen Imperativ verdeutli-chen: Wenn du eine Lerngruppe besuchst und als Bester aus dieser Gruppe her-vorgehen willst, dann enthalte deinen Gruppenmitgliedern Informationen vor. Dabei stellt der Besuch der Lerngruppe, mit dem Zusatz, Informationen vorzuenthalten eine Handlung dar, die wiederum als Mittel dient, die beste Note zu erhalten, was wiederum das Ziel ist. Das bedeutet, es geht bei dem hypothetischen Imperativ um die Erfüllung einer Absicht mit der Erreichung einer bestimmten Konsequenz. Im oben aufgeführten Beispiel ist die Absicht, Bester der Lerngruppe zu sein. Die Errei-chung der Konsequenz wiederum wird durch das Vorenthalten wichtiger Informatio-nen erlangt.

Im Gegensatz zum hypothetischen Imperativ definiert sich der kategorische Impera-tiv wie folgt: „handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“16 Hierbei spielt die Absicht keine Rolle, denn der kategorische Imperativ gilt unbedingt. Auch die mögliche Konse-quenz darf keine Rolle spielen. Wird der kategorische Imperativ auf das oben er-wähnte Beispiel angewendet, würde er die Vorenthaltung diverser Informationen gegenüber den Lerngruppenmitgliedern nicht erlauben. Denn betrifft die Vorenthal-tung wichtiger Informationen ein Mitglied der Lerngruppe persönlich, wird sie als unangebracht bzw. als unmoralisch empfunden. Der kategorische Imperativ ist die ethische Handlungsempfehlung nach Kant.

Zusammengefasst zielt der Grundgedanke der Moral primär auf eine eigene Bes-serstellung ab. Keine dieser oben beschriebenen drei Prinzipien der abendländisch-christlichen Ethik verbietet die Verfolgung der eigenen Besserstellung.17 Auch Adam Smith ist zu diesem Schluss gekommen. In seinem Werk „Wealth of Nations“ schreibt er: „[…] Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Brauers und Bä-ckers erwarten wir unsere Mahlzeit, sondern von deren Bedachtnahme auf ihr eige- nes Interesse. Wir wenden uns nicht an ihre Menschenliebe, sondern an ihre Eigen-liebe und sprechen ihnen nie von unseren eigenen Bedürfnissen, sondern von ihren Vorteilen.“18

Dadurch kristallisiert sich der Gedanke heraus, dass Moral nicht nur von einem Ei-gennutzvorteil bestimmt ist, sondern auch auf diesem aufbaut. Die gängige Auffas-sung der heutigen Gesellschaft hingegen ist, dass Moral mit einem subjektiven Vor-teilsgedanken nicht vereinbar ist.

Der Ökonomik, der ein Gewinnbestreben zugrunde liegt, wird oft vorgeworfen, un-moralisch zu sein.19 Doch was sind die Gründe dafür? Und sind diese Gründe fun-diert? Diese Fragestellung wird im folgenden Kapitel aufgegriffen.

2.2 Moral und/ oder Ö konomik - Dualismus oder g ä nzliche Einheit

Kinderarbeit, die Ausbeutung der Dritte-Welt-Länder und die Umweltverschmutzung sind nur einige der zahlreichen Vorwürfe, der heutigen Gesellschaft an die Markt-wirtschaft. Managern wird vorgeworfen, zu hohe Gehälter und Bonusauszahlungen zu bekommen, während Arbeitsplätze reduziert werden. Die Marktwirtschaft und die Unternehmen werden öffentlich kritisiert und noch ist unklar, inwiefern sie ihr Image wieder zurechtrücken können. Erneut wird die Frage aufgeworfen, wie moralisch der Markt und der Wettbewerb sind. Laut Homann liegt die Problematik in der Konstella-tion von Moral in der Ökonomie bzw. der Ethik in der Ökonomik.20 Dabei ziehen Homann und Blome-Drees eine klare Linie sowohl zwischen Moral und Ethik, als auch zwischen der Ökonomie und der Ökonomik. Eine Definition der Moral wurde bereits im Abschnitt Die Moral in der Ökonomie gegeben. Als Ethik verstehen sie die „wissenschaftliche Theorie der Moral“, welche die Moral theoretisch anwendet, legi-timiert und ordnet. Weiterhin verstehen Homann und Blome-Drees unter der Öko-nomie ein Teilsystem der Wirtschaft, in welchem die Teilnehmer handeln. Unter der Ökonomik verstehen sie die Theorie der wirtschaftlichen Transaktionen.21 Um den Konflikt zwischen Ethik und Ökonomik bzw. der Moral und der Ökonomie aufzuzei-gen, unterscheidet Homann zwischen zwei Positionen. Zu der einen Position zählen nach Homann diejenigen, die von ihm als „Moralisten“ bezeichnet werden. Diese sehen einen Dualismus zwischen dem Wettbewerb und der Moral.22 Die andere Position wird von denen vertreten, die der Meinung sind, dass Moral und Wettbe-werb sehr wohl Hand in Hand gehen können. Diesen Standpunkt nimmt auch Ho-mann ein. Diese Auffassung geht soweit, dass sich die Ökonomie auf der Moral be- Adam Smith (1776 / 2005), S. 17, aus dem Englischem Übersetzt von Monika Streissler gründet.23 Auf diese zwei konträren Positionen wird im Folgenden näher eingegan-gen.

Vorerst gilt es jedoch, den Begriff des Dualismus näher zu erklären. Darunter ver-steht Homann, dass das wirtschaftliche Handeln zwei antagonistischen Anforderun-gen, welche sich nicht voneinander ableiten lassen, gegenübersteht. Dabei handelt es sich um die moralischen und die ökonomischen Anforderungen. Zwischen diesen beiden Anforderungen müssen sich die Akteure entscheiden.24 Dieser dualistische Ansatz schließt an die Lebenserfahrung vieler Menschen und Unternehmer an, wel-che des Öfteren vor der Herausforderung stehen, sich zwischen moralischen und wirtschaftlichen Sinnvorstellungen zu entscheiden.25 Nach Homann wird vor allem in Organisationen wie Kirchen oder Arbeitnehmerverbänden der Wettbewerb als Ge-genpol zur Solidarität gesehen. Aus deren Sichtweise folgt, den Wettbewerb zu mä-ßigen, zu bändigen oder ganz zu unterbinden. Die Position, die Homann einnimmt, ist eine gänzlich andere. Der Wettbewerb ist laut Homann zum jetzigen Zeitpunkt die beste bekannte Maßnahme zur Realisierung der Solidarität aller Menschen. Er ist weiter auch der Meinung, dass der Wettbewerb gerechter sei als teilen.26 Denn durch den Wettbewerb wird seiner Meinung nach „der zu verteilende Kuchen größer“.27

Damit stellt sich die Frage, inwieweit die Wirtschaft ethikgerecht ist. Im Gegenzug sollte sich nach Homann zeitgleich auch die Frage gestellt werden: ob Ethik auch wirtschaftsgerecht ist.28 Obwohl die „Moralisten“ ständig nach mehr Moral verlan-gen, finden ihre Ermahnungen keinen Anklang. Sie sehen darin laut Homann eine Bestätigung für den Niedergang der Moral. Homann vertritt eine andere Meinung. Der moralische Verfall ist seiner Meinung nach das Resultat des Einsturzes der in-stitutionellen Pfeiler, welche bis heute die Moral vieler Menschen getragen haben. Dieser sei nicht das Resultat der heutigen, veränderten Sichtweise auf die Moral. Er vertritt weiterhin die Meinung, dass das Moralisieren selbst der Grund für die Krank-heit ist, für die sie Heilung verspricht und dass das Moralisieren letzten Endes das Ergebnis fehlender Offenlegung der in der Marktwirtschaft angewendeten morali-schen Grundlagen ist.29 Nach Homann besteht überdies die moralische Notwendig-keit zu Gewinnmaximierung.30 Homann vertritt die Meinung, dass Wertevorstellun-gen und ethische Handlungsregeln als Teil und mit Hilfe von wirtschaftlichen Geset- zen manifestiert werden müssen und nicht gegen sie antreten sollten.31 Joseph Kardinal Ratzinger fasst das folgendermaßen zusammen: „Eine Moral, die dabei die Sachkenntnis der Wirtschaftsgesetze überspringen zu können meint, ist nicht Moral, sondern Moralismus, also das Gegenteil von Moral.“32 Nun stellt sich hierbei die Frage, wie es gelingen kann, Moral und ökonomische Gesetze zu verbinden und das Bild des Wettbewerbs, der als moralisch umstritten, sogar als Gefahr für die Solidarität und den Gemeinsinn der Gesellschaft gesehen wird, zu verändern.33 Nach Homann ist es möglich die Ökonomie auch als „Ethik mit anderen Mitteln“ in-terpretieren, da seiner Meinung nach moralische und ökonomische Anhaltspunkte austauschbar sind.34 Der nächste Abschnitt, die ökonomische Theorie der Moral, soll versuchen darüber Aufschluss zu bieten.

2.3 Die ö konomische Theorie der Moral

Der obige Abschnitt hat bereits versucht die Diskussion aufzuzeigen die häufig auf-kommt, wenn über den Wettbewerb und die Moral gesprochen wird. Pies ist der Meinung, dass die Moral in der heutigen Gesellschaft als „Fremdkörper“ gesehen wird.35 Auch die ökonomische Theorie der Moral geht davon aus, dass Unrecht-mäßigkeiten den Akteuren zugesprochen werden. Somit werden Wirtschaftssubjek-te, Gewerkschaftsmitglieder, etc. für Übertretungen verantwortlich gemacht. Nun ist es doch ein leichtes die Akteure mit ihren demnach moralisch verwerflichen „Intentionen“36 zu Beschuldigen, obwohl diese dennoch bei weitem weder fundiert noch begründet sind. Daran knüpft der Kerngedanke der ökonomischen Theorie der Moral an. Nach Pies lautet dieser: […] daß in einer sozialen Dilemmasituation die Institutionen zum systematischen Ort der Moral avancieren. Die institutionellen An-reize sind ergebnisbestimmend, und deshalb können moralische Mißstände (nur) durch institutionelle Reformen abgestellt werden.“37

Wie auch Homann versucht Pies die Frage zu beantworten, wie das persönliche Vorteilsbestreben in die Moral integriert und vertretbar wird.38

[...]


1 Vgl. Homann (2004), S. 8

2 Vgl. Homann / Lütge (2005), S. 11

3 Vgl. Homann (2007b), S. 2

4 Homann / Lütge (2005), S. 12

5 Vgl. Homann (2002), S.182 f.

6 Homann (2004), S. 9

7 Homann (2007a), S.10

8 Mt.19,19; entnommen aus der Guten Nachricht Bibel

9 Vgl. Homann / Lütge (2005), S. 53

10 Ebd.

11 Vgl. Hoche (1978), S. 355

12 Ebd.

13 Entnommen aus Hoche (1978), S. 357

14 Vgl. Kant (1870), S. 36 ff.

15 Kant (1870), S. 38

16 Ders., S. 44

17 Vgl. Homann (2002), S. 182

18 Vgl. Homann (2002), S. 182

19 Vgl. Homann (2007a), S. 28 f.

20 Ders., S. 1

21 Vgl. Homann / Blome - Drees (1992), S. 16 f.

22 Vgl. Homann (1996), S. 38

23 Vgl. Homann (2006), S. 16 f.

24 Vgl. Homann (2007b), S. 2

25 Vgl. Homann (2006), S. 2

26 Vgl. Homann (1996), S. 38

27 Palazzo (2000), S. 32

28 Vgl. Homann (2008), S. 2; dabei bezieht sich Homann auf den Bischof Wolfgang Huber

29 Vgl. Homann (1996), S. 38 f.

30 Vgl. Homann / Blome - Drees (1992), S. 38

31 Vgl. Homann (2007b), S. 3

32 Joseph Kardinal Ratzinger (1986), S. 58

33 Vgl. Homann (2008), S. 6

34 Vgl. Palazzo (2000), S. 32

35 Pies (2000), S. 13

36 Ders., S. 18

37 Ebd. Pies erläutert in seiner Fußnote auf S. 22, dass sich das Paradoxon zwischen Wett-bewerb und Moral auflöst, da beiden ein Kooperationsgedanke zugrunde liegt.

38 Vgl. Ders., S. 28

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Ökonomik als Ethik mit besseren Mitteln? Anwendung von Karl Homanns Lösungsansatz auf den Fall Enron
Hochschule
Universität Hohenheim
Autor
Jahr
2016
Seiten
34
Katalognummer
V900444
ISBN (eBook)
9783346194565
ISBN (Buch)
9783346194572
Sprache
Deutsch
Schlagworte
anwendung, ökonomik, enron, ethik, fall, homanns, karl, lösungsansatz, mitteln
Arbeit zitieren
Liya Rediet (Autor), 2016, Ökonomik als Ethik mit besseren Mitteln? Anwendung von Karl Homanns Lösungsansatz auf den Fall Enron, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/900444

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