Im Rahmen dieser Hausarbeit werde ich versuchen zwei von Goethes bekanntesten und gleichermaßen wichtigsten Gedichten, Prometheus und Ganymed, zu interpretieren und aufzuzeigen, welch komplementäre Grundpositionen diese Gedichte einnehmen. Darüber hinaus werde ich mich dann der Frage widmen, warum es Goethe so wichtig gewesen ist, dass diese beiden Gedichte direkt aufeinander folgend abgedruckt werden müssen und wieso es zu einem regelrechten Streit zwischen Goethe und seinem Freund, dem Philosophen Friedrich Heinrich Jacobi kam, weil er den Prometheus so veröffentlicht hatte, dass man relativ leicht auf Goethes Autorenschaft schließen konnte, obwohl er eigentlich anonym abgedruckt wurde. Goethes Antwortbrief an Jacobi vom 17.11.1784,
„Du schickst mir Deinen Spinoza. Die historische Form kleidet das Werkchen gut.
Ob Du aber wohl getan hast, mein Gedicht mit meinem Namen vorauf zu setzen, damit man
ja bei dem noch ärgerlichen Prometheus mit Fingern auf mich deute, dass mache mit
dem Geiste aus, der Dich es geheißen hat. Herder findet lustig, dass ich bei dieser
Gelegenheit mit Lessing auf einen Scheiterhaufen zu sitzen komme“
Diese Aussage Goethes sollte nach meiner Arbeit verständlicher werden, wobei es nötig sein wird, zumindest in groben Zügen auf Spinozas Pantheismus und den damit einhergehenden Streit darüber einzugehen. Letztendlich gilt es zu klären, warum diese beiden Gedichte oft als typische Sturm und Drang Gedichte klassifiziert werden und inwiefern sich daraus Informationen über den Geniekult und das Lebensgefühl der „Stürmer und Dränger“ ableiten lassen. Bei Prometheus und Ganymed handelt es sich um Hymnen. Deshalb möchte ich, bevor ich in die eigentliche Interpretationsarbeit einsteige, auf den Begriff der Hymne zu sprechen kommen und außerdem klären, was die zentralen Aspekte der „Sturm und Drang Zeit“ sind, die man nicht außer Acht lassen darf, wenn man diese Gedichte einer Analyse unterzieht. Der Begriff Hymne ist abgeleitet aus dem griechischen Wort „hymnos“, was soviel bedeutet wie „Preis- oder Lobgesang eines Gottes oder Helden“. Ursprünglich wurden Hymnen zu musikalischer Begleitung vorgetragen und konnten von Chor- bis zu Einzelvorträgen variieren. Zu Zeiten des Sturm und Drang wurden Hymnen als adäquate Gedichtform benutzt, um das persönliche Verhältnis und Erlebnis mit Gott zu verherrlichen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Vorbemerkung und Klärung relevanter Begriffe
2.1 Die Hymne
2.2 Die Sturm und Drangzeit – Geniekult
2.3 Pantheismus – Spinoza
3 Prometheus
3.1 Das Gedicht
3.2 Veröffentlichung
3.3 Die mythologische Figur Prometheus
3.4 Interpretation
4 Ganymed
4.1 Das Gedicht
4.2 Veröffentlichung
4.3 Die mythologische Figur Ganymed
4.4 Interpretation
5 Schlussbetrachtung und Fazit
6 Literatur:
6.1 Primärliteratur:
6.2 Sekundärliteratur:
Zielsetzung & Themen
Das Hauptziel dieser Arbeit ist die interpretatorische Untersuchung von Goethes Hymnen Prometheus und Ganymed, um deren komplementäre Grundpositionen aufzuzeigen und die Notwendigkeit ihres gemeinsamen Verständnisses zu begründen. Dabei wird analysiert, wie diese Gedichte den Geist des Sturm und Drang sowie die pantheistische Philosophie Spinozas reflektieren.
- Komplementarität der Gedichte Prometheus und Ganymed
- Die Epoche des Sturm und Drang und der Geniekult
- Pantheismus und die Philosophie Baruch Spinozas
- Stilistische Analyse und Rhythmik der Hymnen
- Historischer Kontext der Veröffentlichung
Auszug aus dem Buch
3.4 Interpretation
Ohne weitere Umschweife möchte ich nun in medias res gehen und versuchen, Goethes Prometheus-Hymne zu interpretieren, besonders auch im Kontext der oben beschriebenen Untersuchungen.
Die Sprechsituation ist so beschaffen, dass Prometheus, das lyrische Ich, sich direkt an Zeus wendet. Es handelt sich also nur scheinbar um einen Monolog, da sein Gesprächspartner zwar unbeteiligt ist, dennoch immer eine gewisse Präsens vermittelt, was durch die häufigen Fragesätze zusätzlich unterstrichen wird.
Gleich in der ersten Strophe wird das ungeheure Selbstbewusstsein Prometheus’ sichtbar. In imperativem Grundton zieht er einen klaren Trennungsstrich zwischen „dem Reich Zeus [...] und der Welt des Prometheus“21 („deinen Himmel“, V.1 - „meine Erde“, V. 6), was durch die häufige Verwendung von Possessivpronomen wie „deinen“, „dich“, „mir“, „meine“, „du“, „mich“ eine starke Akzentuierung erhält. Prometheus verbannt Zeus’ Wirkungsbereich weit weg von der Erde und hinter „Wolkendunst“ (V. 2) soll er sich von seiner Erde fern halten. Dabei macht er Zeus lächerlich und setzt ihn herab, indem er ihn mit Knaben vergleicht, als Sinnbild für Macht- und Wirkungslosigkeit („und übe, Knaben gleich, der Disteln köpft“, V. 3/4). Direkt nach der Herabwürdigung des Gottes Zeus steckt Prometheus seinen Wirkungsbereich ab und unterstreicht noch einmal, dass Zeus keinen Einfluss auf diesen hat. („Musst mir meine erde doch lassen stehen“, V.6/7) - Prometheus bittet Zeus also nicht darum, ihm „seine Erde“ zu lassen, sondern er spricht voller Selbstbewusstsein davon, dass es Zeus „muss“.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Darstellung der Zielsetzung und Fragestellung bezüglich der komplementären Grundpositionen der beiden Gedichte Prometheus und Ganymed.
2 Vorbemerkung und Klärung relevanter Begriffe: Einführung in die Gattung der Hymne, die Epoche des Sturm und Drang sowie das philosophische Konzept des Pantheismus nach Spinoza.
3 Prometheus: Analyse des Gedichtes, seiner Entstehungsgeschichte, der mythologischen Figur und eine detaillierte Interpretation der einzelnen Strophen.
4 Ganymed: Betrachtung des Gedichtes im Kontext des Ganymed-Mythos sowie Interpretation der Naturerfahrung und der mystischen Vereinigung im Gedicht.
5 Schlussbetrachtung und Fazit: Zusammenfassende Betrachtung der Komplementarität beider Texte und Einordnung in das Gesamtschaffen und die Weltanschauung Goethes.
6 Literatur: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Goethe, Prometheus, Ganymed, Sturm und Drang, Hymne, Pantheismus, Spinoza, Geniekult, Lyrik, Schöpferkraft, Naturphilosophie, Literaturanalyse, Göttliches, Autonomie, Selbstbestimmung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit einem interpretatorischen Vergleich der Hymnen Prometheus und Ganymed von Johann Wolfgang Goethe.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Fokus stehen die literarische Analyse der Gedichte, der Geniekult des Sturm und Drang sowie die pantheistische Philosophie Baruch Spinozas.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist es, die komplementären Positionen der beiden Gedichte zu erarbeiten und zu klären, warum Goethe diese beiden Hymnen in seinem Werk zusammengehörig aufgefasst wissen wollte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine textimmanente Interpretation in Kombination mit einer epochenkontextuellen Einordnung und der Analyse philosophischer Hintergründe angewandt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in Begriffsdefinitionen, eine detaillierte Analyse von Prometheus inklusive Veröffentlichungskontext und Mythologie sowie eine entsprechende Analyse zu Ganymed.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen zählen Sturm und Drang, Pantheismus, Geniekult, Schöpferkraft, Autonomie und die poetologische Einheit der Gegensätze.
Warum kam es bei der Veröffentlichung des Prometheus-Gedichtes zum Streit mit Jacobi?
Der Streit entstand, weil Friedrich Heinrich Jacobi das Gedicht entgegen Goethes Wunsch veröffentlichte und es so leicht auf Goethes Autorenschaft sowie seine Nähe zu Spinozas als blasphemisch geltendem Pantheismus schließen ließ.
Wie unterscheidet sich die Rolle des lyrischen Ichs in Prometheus von der in Ganymed?
Während Prometheus durch absolute Autonomie und trotzige Selbstbehauptung gegenüber den Göttern glänzt, zeichnet sich Ganymed durch Sehnsucht, ekstatische Hingabe und die Verschmelzung mit der göttlichen Natur aus.
Welche Bedeutung hat das „heilig glühend Herz“ in der Prometheus-Hymne?
Es symbolisiert das Bewusstsein der eigenen Schöpferkraft und Geniehaftigkeit, die den Menschen befähigt, sich ohne einen transzendenten Gott zu definieren und zu wirken.
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- Steven Kiefer (Author), 2007, Johann Wolfgang Goethe - „Prometheus“ und „Ganymed“, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/90102