Warum schreibt jemand seine Autobiographie? Welche Ziele verfolgt er wohl dabei? Im Vordergrund steht sicherlich der Wunsch, sich seiner Umwelt aus seiner eigenen Sicht zu präsentieren, um ein möglichst authentisches Bild von sich zu liefern. [...]
Gloria Anzaldúa hebt sich mit ihrem Buch „Borderlands / La Frontera – The New Mestiza“1 von vielen anderen Autobiographen ab. So beschreibt sie nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch das ihrer Familie und ihrer ethnischen Gruppe. Hierbei geht sie historisch sehr weit zurück bis zu den Ursprüngen ihrer ethnischen Gruppe, den Azteken. Zudem wählt sie eine neue Literaturform, indem sie nicht einfach ihr Leben niederschreibt, sondern zunächst eine Darstellung in Form von Prosa vornimmt, dem sich ein zweiter Teil in Form von Gedichten anschließt. Der erste Teil dieser Arbeit wird sich also mit der Gattung der Autobiographie befassen, wobei ich die verschiedenen Ausprägungen darstellen möchte, um später erörtern zu können, in welcher literarischen Tradition Anzaldúa letztlich steht. Dazu werde ich auch auf die Chicana-Literatur eingehen, welche eine eigene Gattung im Kanon der US-amerikanischen Literatur darstellt. Dem schließt sich dann eine eingehende Analyse von Borderlands an, in der ich auf die diversen Grenzen (literarische, spirituelle, sexuelle, sprachliche Grenzen), die Anzaldúa in ihrem Werk überschreitet eingehen werde. Um Anzaldúas Vorgehen anschaulicher nachvollziehen zu können, werde ich bei meiner Analyse noch auf andere Chicana- bzw. Latina-Autorinnen eingehen, die die entsprechenden Themen in ihren Werken verarbeitet haben und versuchen Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede darzustellen.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Autobiographien
1. Definition und Abgrenzung zu verwandten Gattungen
2. Historische Entwicklung der Autobiographie
2.1. Religiöse Autobiographien
2.1.1. Frühe christliche Autobiographien
2.1.2. Jeremiade
2.1.3. Spiritual Autobiography
2.2. Weltliche Autobiographien
Die Entwicklung der Persona in Benjamin Franklins Autobiography
2.2.1. Persona: Charakter und Personalität
2.2.2. Persona als Form der Selbstpräsentation
2.3. Autobiographien ethnischer Minoritäten
2.3.1. Slave narrative
2.3.2. Testimonio-Literatur
1. Indianische Literatur
III. Chicano / Chicana-Literatur in den USA
2. Interkulturalität als Aspekt zum Umgang mit Chicana-Literatur
3. Chicana-Literatur und Postkolonialismus
4. Women-of-Color-Feminismus
5. Mestizaje und Hybridität
IV. Anzaldúas Borderlands / La Frontera – The New Mestiza
1. Literarische Grenzüberschreitungen in Borderlands
1.1. Borderlands in der Tradition der amerikanischen Autobiographie
1.2. Borderlands als Geschichtsrekonstruktion
1.2.1. Kulturelles Gedächtnis
1.2.2. Mythos und Geschichte: die Heimat Aztlán
1.2.3. Literarische Grenzgänge: Literatur und Geschichtsschreibung
2. Spirituelle Grenzüberschreitungen
2.1. Der religiöse Mythos der präkolumbischen Gottheit Coatlicue
2.2. Der indigene Mythos: La Malinche (La Chingada)
2.2.1. Die Darstellung von La Malinche in Borderlands
2.2.2. Die Darstellung von La Malinche bei Carmen Tafolla
2.3. Der religiöse Mythos: La Virgen de Guadalupe – Die Jungfrau von Guadalupe
2.3.1. La Virgen de Guadalupe in Sandra Cisneros’ “Guadalupe the Sex Goddess”
2.3.2. La Virgen de Guadalupe als ‘Coatlalopeuh’ in Borderlands
1.3. Der indigene Mythos von La Llorona
3. Sexuelle Grenzüberschreitungen
3.1. Sexualität in Borderlands
3.2. Die Darstellung der Schlange als Metapher für weibliche Sexualität
3.3. Sexuelle Unterdrückung und Erniedrigung in „Immaculate, Inviolate: Como Ella“
4. Sprachliche Grenzüberschreitungen
4.1. Die Verarbeitung der sprachlichen Grenzen in Sandra Cisneros‘ „The House on Mango Street“
4.2. Die Verarbeitung der sprachlichen Grenzen in Borderlands
4.3. Spanisch als die Sprache der Intimität
4.3.1. Cristina Garcías „Soñar en Cubano“
4.3.2. Anzaldúas „Compañera, cuando amábamos“
4.4. Code-Switching
V. Schlußbetrachtung
VI. Anhang
1. Carmen Tafolla: La Malinche (1977)
2. Übersetzung von „Compañera, cuando amábamos”
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht Gloria Anzaldúas Werk „Borderlands / La Frontera – The New Mestiza“ im Kontext der literarischen Gattung der Autobiographie. Dabei ist das primäre Ziel, Anzaldúas Werk innerhalb der Chicana-Literatur zu verorten und zu analysieren, wie die Autorin verschiedene Grenzbereiche – insbesondere literarische, spirituelle, sexuelle und sprachliche – überschreitet und neu definiert, um eine selbstbestimmte Identität jenseits kolonialer und patriarchaler Strukturen zu konstruieren.
- Analyse der Autobiographie als literarisches Genre und deren Anpassung durch marginalisierte Gruppen.
- Untersuchung der Chicana-Literatur und relevanter kulturtheoretischer Konzepte wie Mestizaje und Hybridität.
- Kritische Auseinandersetzung mit Mythen (z.B. La Malinche, La Virgen de Guadalupe) und deren Rolle bei der Identitätsbildung.
- Analyse von Sprache und Identität unter Berücksichtigung von Code-Switching und der „Sprache der Intimität“.
- Dekonstruktion von Geschichtsschreibung und Rekonstruktion kultureller Gedächtnisse.
Auszug aus dem Buch
Literarische Grenzüberschreitungen in Borderlands
So stellt sich die Frage, ob Anzaldúas Borderlands tatsächlich eine Autobiographie ist. Wie ich einleitend schon aufgezeigt habe, unterlag das Genre der Autobiographie in den letzten Jahrhunderten einem ständigen Wandel. Unterschiedliche Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen haben aus den unterschiedlichsten Gründen heraus ihr Leben niedergeschrieben. So ist es auch wahrscheinlich, dass die Literaturformen sich gewandelt haben. Die oben angeführten Autobiographen standen alle fast ausschließlich unter europäischem Einfluss. Dies ist ein bedeutender Unterschied zu Anzaldúa. Obwohl sie Amerikanerin in der siebten Generation ist, steht sie dennoch unter großem Einfluss ihrer mexikanischen und indianischen Vorfahren. Dass es sich aber tatsächlich um eine Autobiograhphie handelt, möchte ich im Folgenden aufzeigen. Zunächst fällt auf, dass an verschiedenen Stellen im Text das Ich mit dem Eigennamen Gloria identifiziert wird. Wie ich oben schon gesagt habe, ist nicht jede Ich-Erzählung eine Autobiographie, aber dennoch erscheint dies hier aus den folgenden Gründen sehr wahrscheinlich: Von Gloria wird hier in der zweiten oder dritten Person gesprochen, was eine gewisse Distanzierung signalisiert. Dies soll hier jedoch als unerheblich betrachtet werden, da die Autorin eine neue Mestiza entwickelt, die sich vom alten Bild der Mestiza distanziert. Außerdem ist die Danksagung am Anfang von Borderlands mit den Initialen G.E.A. – Gloria Evangelina Anzaldúa – unterzeichnet, was auf die Autorin verweist. In den Danksagungen werden Freundinnen, Kolleginnen und Familie erwähnt, wobei insbesondere der Vater Urbano sowie die beiden Großmütter erwähnt werden. Die hier namentlich genannten Personen werden auch im Text wieder erwähnt, woraus sich „eine Übereinstimmung aus Paratext und Text ergibt“ (Bandau 69). In dem beigefügten Interview mit Karin Ikas finden sich große Übereinstimmungen mit den im Text erzählten Ereignissen.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Thematik der Autobiographie ein und erläutert die Zielsetzung der Arbeit, Gloria Anzaldúas „Borderlands“ literaturwissenschaftlich zu analysieren.
II. Autobiographien: Dieses Kapitel definiert die Gattung der Autobiographie, ihre historische Entwicklung von religiösen zu weltlichen Formen und ihre Bedeutung für ethnische Minoritäten.
III. Chicano / Chicana-Literatur in den USA: Hier werden kulturtheoretische Modelle wie Interkulturalität, Postkolonialismus und der Women-of-Color-Feminismus als Instrumente für den Umgang mit Chicana-Literatur diskutiert.
IV. Anzaldúas Borderlands / La Frontera – The New Mestiza: Der Hauptteil analysiert Anzaldúas Werk, indem er literarische, spirituelle, sexuelle und sprachliche Grenzüberschreitungen im Detail untersucht und auf ihre Funktion für die Identitätskonstruktion hin befragt.
V. Schlußbetrachtung: Die Schlußbetrachtung resümiert die Analyseergebnisse und bestätigt Borderlands als eine innovative Form der Autobiographie, die Identität durch das Überschreiten verschiedener kultureller und literarischer Grenzen neu formuliert.
VI. Anhang: Der Anhang enthält ergänzende Primärtexte, namentlich das Gedicht „La Malinche“ von Carmen Tafolla sowie die deutsche Übersetzung des Gedichts „Compañera, cuando amábamos“ von Gloria Anzaldúa.
Schlüsselwörter
Autobiographie, Chicana-Literatur, Gloria Anzaldúa, Borderlands, Identität, Mestizaje, Hybridität, Postkolonialismus, La Malinche, La Virgen de Guadalupe, Sprachgrenzen, Code-Switching, Minoritätenliteratur, Frauenbewegung, Kulturgeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Werk „Borderlands / La Frontera – The New Mestiza“ von Gloria Anzaldúa im Kontext der literarischen Gattung Autobiographie und analysiert, wie die Autorin darin kulturelle und persönliche Grenzen überschreitet.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Gattung der Autobiographie, Chicana-Literatur, feministische Diskurse, postkoloniale Aspekte, indigene Mythen (wie La Malinche und La Virgen de Guadalupe) sowie die Bedeutung von Sprache und Identität.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, Anzaldúas Werk innerhalb des Kanons der US-amerikanischen Chicana-Literatur einzuordnen und aufzuzeigen, wie durch die Überschreitung literarischer, spiritueller, sexueller und sprachlicher Grenzen eine neue, selbstbestimmte Identität – die „New Mestiza“ – konstruiert wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen literaturwissenschaftlichen Analyseansatz, der verschiedene Gattungen (Essay, Gedicht, Prosa) vergleicht und mit kulturwissenschaftlichen Theorien zur Identität, Geschichte und Interkulturalität verbindet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Analyse von Anzaldúas Borderlands, gegliedert in die Kategorien der literarischen, spirituellen, sexuellen und sprachlichen Grenzüberschreitungen, inklusive Vergleichen zu anderen Chicana-Autorinnen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselwörter sind unter anderem Autobiographie, Mestizaje, Hybridität, Chicana-Literatur, Identitätskonstruktion und Interkulturalität.
Wie unterscheidet sich Anzaldúas Gebrauch der Autobiographie von klassischen Beispielen?
Anzaldúa nutzt eine fragmentarische, unchronologische Form, die zwischen verschiedenen Genres (Prosa und Lyrik) sowie zwischen individuellen und kollektiven Perspektiven wechselt, um eine neue Form der Identität zu entwerfen.
Welche Rolle spielen Mythen wie La Malinche in der Arbeit?
Die Arbeit zeigt auf, wie Anzaldúa traditionelle, patriarchale Interpretationen dieser Mythen dekonstruiert und sie stattdessen in einem feministischen Kontext neu bewertet, um sie als Ressource für die Emanzipation der Chicana nutzbar zu machen.
Warum ist das „Code-Switching“ für die Autorin wichtig?
Code-Switching ist für die Autorin ein Instrument des Widerstands gegen sprachliche Assimilation und gleichzeitig ein Ausdruck ihrer dynamischen, multikulturellen Identität, die sich nicht auf eine Sprache reduzieren lässt.
Welche Bedeutung hat das „Grenzgebiet“ (Borderland) im Werk?
Das Grenzgebiet ist sowohl ein realer geographischer Raum (Texas/Mexiko-Grenze) als auch eine psychologische und existenzielle Dimension, in der sich das „Nicht-Dazugehören“ manifestiert und den Schreibprozess der Autorin als Suche nach Identität motiviert.
- Quote paper
- Katharina Heyne (Author), 2007, Grenzüberschreitungen in Gloria Anzaldúas "Borderlands / La Frontera - The New Mestiza", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/90137