Der normativ richtige oder moralisch verantwortbare Umgang mit der äußeren, nichtmenschlichen Natur ist Gegenstand der relativ neuen Disziplin der Umweltethik ( oder ökologische Ethik ) als ethische Teildisziplin der Bioethik.
Kommt es auf die Natur selbst oder auf ihre Funktionen für den Menschen an? Was ist der Mensch im Ganzen der Natur, was zeichnet ihn aus, was steht ihm zu, was hat er mit dem Anderem und Anderen gemeinsam? Menschliches Handeln ist immer Ausdruck eines impliziten oder expliziten Selbstverständnisses des Handelnden, jede Ethik hat anthropologische Voraussetzungen, die auf diesen Annahmen beruhen. Die zentrale Frage ist die des Eigenwertes der nichtmenschlichen Natur. Hat die außermenschliche Natur einen intrinsischen Wert, ist sie um ihrer selbst willen moralisch zu berücksichtigen, umfasst dies die gesamte Natur oder nur Teile davon und wie weit geht jeweils das Ausmaß dieser moralischen Berücksichtigung?
Oder ist die Natur nur um des Menschen und seiner Interessen willens von moralischer Bedeutung, relevant nur für das rationale Klugheitsgebot, die Nutzung der verfügbaren Ressourcen ( einschließlich der „ökologischen Belastungsspielräume“) so weit zu zügeln, dass unsere eigenen Lebensgrundlagen unbeeinträchtigt bleiben bis hin zu der langfristigen (altruistischen) Dimension, die Interessen zukünftiger Generationen, vorbehaltlich unseres eigenen begrenzten prognostischen Wissens, in gleicher Weise zu berücksichtigen wie unsere Interessen in der Gegenwart?
Wie weit können natürliche Ressourcen als durch produzierte Ressourcen ersetzbar gelten oder sind sie prinzipiell unersetzbar? Die Kontroversen zwischen schwacher und starker Nachhaltigkeit bzw. deren Kompromisslinien beruhen auf einem Dissens über die normativen Grundlagen des Naturerhalts, ausgehend von der Frage, ob alles Seiende einen intrinsischen Wert und wenn ja, einen gleichen oder abgestuft ungleichen Wert besitzt. Wir brauchen, mit H. Jonas gesprochen „etwas Neues in der Ethik“ - und zwar etwas, das sie von der Ökologie lernt. Es genügt nicht mehr, eine Ethik der Intersubjektivität, eine Ethik des zwischenmenschlichen Handelns zu haben, wir müssen die Natur in die Ethik einbeziehen, weil wir aus der Ökologie etwas über die Verletzlichkeit der Natur gelernt haben.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Naturerleben durch den Menschen
3. Natur als ethischer Begriff
4. Die moralische Indifferenz der Natur
5. Entwicklungslinien der ökologischen Ethik und Ökophilosophie
5.1 Einführung
5.2 Ökologische Ethik und ihre Differenzierungen
5.2.1 Anthropozentrismus
5.2.1.1 Die jüdisch-christliche Tradition
5.2.1.2 Ausprägungen des christlichen Anthropozentrismus in der Neuzeit
5.2.1.3 Christliche Umweltethik
5.2.2 Physiozentrismus
5.2.2.1 Tiefenökologie
5.2.2.1.1 Quellen der Tiefenökologie
5.2.2.1.2 Kernaussagen der Tiefenökologie
6. Theorie der Werte
6.1 Einleitung
6.2 Werttheorie
6.2.1 Phänomenalismus
6.2.2 Erfahrung von Wert
7. Schlussfolgerungen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die philosophischen und ethischen Begründungsprobleme der Nachhaltigkeit im Kontext des Mensch-Natur-Verhältnisses. Ziel ist es, die Diskrepanz zwischen der moralischen Idealisierung der Natur und ihrer tatsächlichen ökologischen Indifferenz aufzuzeigen sowie die Grenzen menschlicher Rationalität bei der ethischen Bewertung von Umwelteingriffen zu analysieren.
- Analyse der verschiedenen Strömungen der ökologischen Ethik
- Kritische Untersuchung des Anthropozentrismus und Physiozentrismus
- Erkenntnistheoretische Grundlagen der menschlichen Naturwahrnehmung
- Diskussion über intrinsische Werte der Natur gegenüber instrumentellen Werten
- Grenzen der Rationalität im Umgang mit ökologischen Risiken und Langzeitfolgen
Auszug aus dem Buch
4. Die moralische Indifferenz der Natur
Andererseits ist die Natur, so wie sie uns als belebte und unbelebte Natur gegenübersteht, moralisch gleichgültig und es wäre nach J.S. Mill geradezu absurd, das Walten der Natur zum Modell menschlichen Handelns zu machen.
„Die ungezähmte Natur ist alles andere als gut und wohltätig. Sie pfählt Menschen, zermalmt sie, wirft sie wilden Tieren zur Beute vor, verbrennt sie, steinigt sie, läßt sie verhungern und erfrieren, tötet sie durch giftige Ausdünstungen und hat noch hunderte andere scheußliche Todesarten in Reserve. Wenn wir natürlich sein wollen, können wir all dies ebenfalls ohne Gewissensnot tun. Wir haben es hier mit einer -reductio ad absurdum- zu tun“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Darstellung globaler ökologischer Gefahrenpotenziale und die Notwendigkeit einer neuen ethischen Reflexion des Verhältnisses von Mensch und Natur.
2. Naturerleben durch den Menschen: Untersuchung der subjektiven Wahrnehmung von Natur, geprägt durch Wunschbilder und die psychologische Verdrängung der ökologischen Realität.
3. Natur als ethischer Begriff: Analyse der semantischen Vieldeutigkeit des Naturbegriffs und dessen positive Konnotation in ethischen Diskursen.
4. Die moralische Indifferenz der Natur: Darlegung, dass die Natur in ihrem Wirken moralisch gleichgültig ist und nicht als unmittelbares Vorbild menschlichen Handelns dienen kann.
5. Entwicklungslinien der ökologischen Ethik und Ökophilosophie: Differenzierung zwischen anthropozentrischen und physiozentrischen Positionen und deren theoretische Fundierung.
6. Theorie der Werte: Reflexion über den ontologischen Status von Werten und die Frage, ob Natur intrinsische Werte besitzt oder ob Werte menschliche Konstrukte sind.
7. Schlussfolgerungen: Synthese der Erkenntnisse mit dem Fazit, dass angesichts der Komplexität ökologischer Systeme eine Ethik erforderlich ist, die sowohl ökologische Notwendigkeiten als auch ethische Grenzen berücksichtigt.
Schlüsselwörter
Nachhaltigkeit, Umweltethik, Anthropozentrismus, Physiozentrismus, Naturerleben, Tiefenökologie, Intrinsischer Wert, Klimawandel, ökologische Krise, Werttheorie, Rationalität, Naturverständnis, Schöpfungsverantwortung, Biozentrismus, Phänomenalismus
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die philosophischen Begründungsprobleme einer nachhaltigen Entwicklung und hinterfragt kritisch, wie Menschen Natur wahrnehmen, bewerten und welche ethischen Prinzipien diesem Umgang zugrunde liegen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das Verhältnis von Mensch und Natur, die verschiedenen Strömungen der Umweltethik, die Frage nach dem Eigenwert der Natur sowie die Grenzen unserer ethischen Rationalität.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass die Natur moralisch indifferent ist und dass unsere idealisierten Vorstellungen von einer "guten" Natur oft psychologische Konstrukte sind, die uns den Blick auf die tatsächlichen ökologischen Herausforderungen erschweren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt eine erkenntnistheoretische und ethisch-philosophische Analyse, die Strömungen von der Antike bis zur modernen Ökophilosophie vergleicht und metaphysische Annahmen auf ihre Tragfähigkeit prüft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Abgrenzung von Anthropozentrismus und Physiozentrismus, der Rolle von Religion und Aufklärung bei der Ausbildung unseres Naturbildes sowie einer detaillierten Auseinandersetzung mit der Werttheorie.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Begriffe wie "Nachhaltigkeit", "Tiefenökologie", "intrinsischer Wert", "Anthropozentrismus" und "Umweltethik" sind entscheidend, um den theoretischen Rahmen der Arbeit zu erfassen.
Wie unterscheidet der Autor zwischen "Schwacher" und "Starker" Nachhaltigkeit?
Die Unterscheidung basiert auf der Frage, ob natürliche Ressourcen durch vom Menschen produzierte Ressourcen ersetzbar sind oder ob sie einen unersetzbaren intrinsischen Wert besitzen, der unabhängig von menschlichem Nutzen bewahrt werden muss.
Warum spielt die psychologische "Theorie der kognitiven Dissonanz" eine Rolle?
Sie dient zur Erklärung, warum Menschen die moralische Indifferenz der Natur verdrängen und sie idealisieren: Es ist psychologisch entlastender, die Natur als harmonisch und gerecht wahrzunehmen, als sich ihrer Grausamkeit und Unberechenbarkeit zu stellen.
Welche Kritik übt die Tiefenökologie am herrschenden sozialen Paradigma?
Die Tiefenökologie kritisiert vor allem den Glauben an ewiges wirtschaftliches Wachstum und den technologischen Optimismus, die die Natur lediglich als ein "Vorratslager" für menschliche Zwecke betrachten.
- Quote paper
- Holger Richter (Author), 2007, Mensch und Natur - Begründungsprobleme der Nachhaltigkeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/90141