Partizipation in der politischen Bildungsarbeit

Das Projekt "DENK - MAL - WERTE" als Beispiel demokratischer Beteiligungsprozesse an Schulen


Masterarbeit, 2018

150 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

1. Einleitung /Inhaltsbeschreibung
1.1. Beschreibung der Ausgangslage
1.2. Gesellschaftsdiagnostische Gedanken

2. Grundlagen für Werte und Normen in der Gesellschaft
2.1. Begriffserläuterungen/ Herleitungen für Werte und Normen
2.2. Wie entstehen Werte?
2.3. Werten in unserer Gesellschaft
2.4. Wertewandel und Werteverfall, Ursachen und Handlungsideen
2.5. Auswirkungen des Wertewandels
2.6. Idee für einen beteiligenden Willensbildungsprozess am Beispiel der Schule X

3. Demokratie/Demokratieverständnis und theoretische Grundlagen
3.1. Geschichte/ Begriffsbestimmungen/ Definitionen
3.2. Gleichgültigkeit als Beitrag zur Gestaltung der Gesellschaft
3.3. Gestaltung von Demokratie mit jungen Menschen als Herausforderung
3.4. Demokratiebefähigung junger Menschen
3.5. Demokratie als Lebensform am Bildungsort Schule, eine Utopie?

4. Politische Bildung - Grundlagen, Ziele und Aufgaben

5. Partizipation
5.1. Begriffsbestimmungen/ Definitionen/ Partizipationsmodelle
5.2. Finanzierungsdynamik in einem partizipativen Wertedialog
5.3. Partizipationsbarrieren
5.4. Theoretische Zusammenhänge zur Lebensweltorientierung

6. Das Interventionsprojekt ‚DENK - MAL - WERTE‘
6.1. Geschichte des Projektes
6.2. Konzept und Projektbeschreibung
6.3. Ziele des Projektes

7. Forschungsanteil und Datenerhebung
7.1. Zielsetzung der Untersuchung
7.2. Vorgehensweise und Methoden
7.3. Auswertung der Daten
7.4. Zielerreichung, Präsentation der Daten

8. Fazit und Ausblicke

9. Handlungsempfehlungen für Partizipation in der politischen Bildungsarbeit

10. Fachtag an der KHSB

11. Literaturverzeichnis

12. Abbildungsverzeichnis

13. Danksagung

Abstract

Diese Arbeit bildet den Abschluss des berufsbegleitenden Studienganges zum Erwerb des akademischen Titels/Grades Master of Arts Soziale Arbeit mit dem theoretisch vertiefenden Wahlprofil Partizipation und Sozialraumorientierung. Die in diesem anwendungsorientierten Studiengang intensivierende und verbindende Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Transformationsprozessen und den aktuellen Theoriediskursen, anlehnend an menschenrechts- und lebensweltorientierter Sozialer Arbeit, wird sich hier widerspiegeln.1 Dieser Studiengang zielt auf vertiefte Kenntnisse der Konzepte Inklusion, Partizipation und lebensweltlicher Integration. Ausgehend von den erwähnten Kennzeichen wird der beschreibende Blick dieser Arbeit schwerpunktorientiert auf partizipatorische und lebensweltorientierte Zusammenhänge von jungen Menschen in Bezug auf Werte und Demokratie unserer Gesellschaft gerichtet sein.

Die Themenfindung für diese Arbeit hat ihren Ursprung2 in einem praxisorientierten Forschungsprojekt, aus dem 5. Semesters meines berufsbegleitenden Studiums zum Erwerb des Bachelor of Arts Soziale Arbeit 2014 - 2016. Hier entstand die Idee eines Wertedialoges aus der Annahme heraus, dass es Knickstellen3 in der Wahrnehmung, der Kommunikation und der Wertschätzung zwischen ‚Top down‘ und ‚Bottom up‘ in der Sozialen Arbeit gibt. Mit dem Ausleuchten von Entwicklungsmöglichkeiten im Beschwerdemanagement in stationären und offenen4 Einrichtungen der Jugendhilfe5 wollten Studierende herausfinden, welche Normen und Werte für junge Menschen in ihrer aktuellen Lebenswelt wichtig sind und wie beteiligend solche gemeinsam entwickelt werden können.

Weiterführend wurde im aktuellen Masterstudiengang das Seminar ‚Entwicklung und Umsetzung von Projekten‘ im Modul 5 genutzt, um einen erweiterten Blick auf Partizipationsmöglichkeiten zu erhalten. Ein Forschungsprojekt6 hat Beteiligungsmöglichkeiten von jungen Menschen einer bestimmten Jugendkultur, die Sprayer, in einer Einrichtung der offenen Jugendarbeit, erforscht, um eine Diskursmöglichkeit zu finden. Vorrangig sollte es darum gehen, über lebensweltlich und gesellschaftliche Prozesse und altersspezifische Werte und Wertvorstellungen in einen Dialog zu kommen. Im Ergebnis sind die unterschiedlichen Perspektiven von Adressat*innen Sozialer Arbeit und der institutionellen Seite, hier das Bezirksamt Mitte von Berlin, anlehnend an die Partizipationspyramide7 sehr deutlich geworden.

Die Ergebnisse der beiden Projekte stellen Informationen und Handlungsempfehlungen für einen beteiligenden Willensbildungsprozess für junge Menschen zur Verfügung.

Einen dritten Baustein bildet nun diese Ausarbeitung. Hier werden Prozesse und Möglichkeiten beschrieben und entwickelt, um politische Bildungsarbeit partizipatorisch zu gestalten.

In einem Projekt bei dem sich junge Menschen im Kontext ihrer Lebenswelt z. B. in der Institution Schule, mit Werten, Vielfalt und Demokratie auseinandersetzen, soll es vorrangig darum gehen, Wertekompetenz zu entwickeln und sich mit eigenen und den Werten anderer auseinanderzusetzten. Priorisiertes Ziel dieses Projektes ist es, dass alle Schüler*innen einer Schule, durch eine demokratische Wahl einen gemeinsamen Wert für ihr Zusammenleben am Bildungsort Schule finden. Durch eine theoriegeleitete Wissensvermittlung wird für alle ein gleiches Verständnis für die zu wählenden Werte entwickelt. Gegenseitig akzeptierende Wertedialoge stützten und fördern die werteorientierte Auseinandersetzung. Wichtige Erkenntnisse aus aktuellen Fachdiskussionen zu gesellschaftlichen Entwicklungen in einer globalisierten Welt, werden in dieser Arbeit in Bezug auf Demokratie und Wertewandel erwähnt. Praktische Erfahrungen in der Kinder- und Jugendhilfe sollen hier systematisch dazu ins Verhältnis gesetzt werden und sich einbetten.

Ausgangspunkt soll eine aktuelle Betrachtung unserer Gesellschaft, mit dem Fokus auf die Lebenswelt junger Menschen sein. Weiterführend wird versucht, durch eine analysierende Betrachtung der bestehenden Demokratie in unserem Land, ein Bogen zu spannen, zu praktischen Handlungsempfehlungen die partizipatorische und demokratische Beteiligungsmöglichkeiten an Schulen beinhalten. Definierende Überlegungen zu den Themen Demokratie und Werte finden sich ebenfalls in dieser Arbeit wieder. Den erwähnten Wertedialog im Blick behaltend, werden Grundlagen der politischen Bildungsarbeit und deren Anwendung ebenso Inhalt sein, wie Herleitungen und Aufbau /Struktur von Partizipation. Der beschreibenden Überschrift des aktuellen Studienganges ‚Aufbruch für engagierte Professionalität: Masterstudiengang Soziale Arbeit‘ folgend, werden ganz pragmatische Erfahrungen und Ideen in einem wissenschaftlichen Kontext überprüft, dargestellt und begründet. Hierzu wird anhand eines Interventionsprojektes an Schulen, in den sechs neuen Bundesländern, erklärend beschrieben, welche Möglichkeiten sich aus beteiligenden Strukturen in der politischen Bildungsarbeit entwickeln können. In die Zukunft blickend werden generierbare Chancen für einen demokratischen Willensbildungsprozess an Schulen beschrieben.

Gesetzliche Grundlagen, theoretische Aspekte und Hindernisse /Barrieren für qualitätsgerechte Partizipation werden sich hier wiederfinden, sowie lösungsorientierte Handlungsoptionen.

Im Sinne praxisorientierter Forschung8 wird ein empirischer Teil mit einer Befragung, Gesprächen und teilnehmenden Beobachtungen über das genannte Projekt die Arbeit abrunden.

Auf den erhobenen Daten basierend, wird aufgezeigt welche Bedeutung ein partizipatorisch gestaltetes Projekt der politischen Bildungsarbeit im Kontext von Schule hat. Das durch diese Arbeit und das beschriebene Projekt generierte Wissen und die praktisch erlebten Erfahrungen, fließen in einem alltagstauglichen Transfer zu Handlungsempfehlungen zusammen und bilden schlussendlich den Abschluss dieser Ausarbeitung.

Mit dem Anspruch, eine Weiterentwicklung in der politischen Bildungsarbeit mit neuen innovativen Impulsen zu unterstützen und als wichtigen Baustein des Bildungssystems zu verstehen, werden sich in dieser Arbeit theoretische und praktische Ideen am nachweislichen Ausmaß der Mitbestimmung der Adressat*innen messen.

Die Beschreibung eines zu planenden Fachtages an der KHSB9, stellt nachhaltige und zukunftsorientierte Perspektiven in Aussicht und wird die Arbeit bzw. das innovative Potenzial des Projektes weiterdenken.

Theoriebasierendes wissenschaftliches Vokabular wird in dieser Ausarbeitung mit dem Gedanken der alltagstauglichen /allgemeinverständlich Transformation und Benutzbarkeit für Kommunikation erklärend verwendet. Auch die visuelle Kommunikation in wissenschaftlichen Ausarbeitungen hat in den letzten Jahren eine deutliche Aufwertung erfahren. Bilder können oft Informationen über anschauliche Merkmale und räumliche Zuordnungen besser vermitteln als Texte. Im Kontext dieser Arbeit werden ihnen Erkenntnis schaffende Funktionen zugeschrieben und sie dienen hier als Argumentationsstütze und Verdeutlichung.

1. Einleitung /Inhaltsbeschreibung

1.1. Beschreibung der Ausgangslage

Grundlage und Motivation für die Ausarbeitung dieser Masterthesis ist die Idee eines ‚Wertedialoges‘ zwischen allen Agierenden der Sozialen Arbeit. In diesem Dialog soll es vordergründig um demokratische Werte, Wertekompetenz und ein Demokratieverständnis gehen. Die vertikale Kommunikation innerhalb der Sozialen Arbeit als ein möglicher Baustein für die Entwicklung von Wertekompetenz, auf allen Ebenen unserer Gesellschaft, soll auf ihre Qualität hin überprüft werden. Einzelne Module bzw. Projekte werden bei der Entwicklung dieses Dialoges auf Tragfähigkeit und Durchführbarkeit und tatsächliche Beteiligung von jungen Menschen sprichwörtlich unter die Lupe genommen.

Wie werden Werte wie Toleranz, Ehrlichkeit, Gerechtigkeit und Empathie tatsächlich gelebt und erlebt. Welche Formen und Möglichkeiten von Aushandlungsmöglichkeiten und Prozessen gibt es und welche müssen wie ausgestaltet werden, damit ein werteorientiertes und demokratisches Zusammenleben für alle Menschen unserer Gesellschaft gleichermaßen ermöglicht werden kann. Dazu ist es auch wiederkehrend notwendig, den Wert und die Aufgaben Sozialer Arbeit, insbesondere die politische Bildung, neu zu justieren und zu hinterfragen. Ein Diskurs um Werte und Lebensgestaltungsmöglichkeiten sollte an der Sozialen Arbeit im Verständnis als Profession10 nicht vorbei gehen. Gedanken um eine solche Diskussion und Ideen für die Gestaltung von Handlungsmöglichkeiten für eine demokratische Werteorientierung werden sich in dieser Arbeit wiederfinden.

Die Wahlergebnisse im Wahljahr 2017 haben eine deutliche Spur im politischen und gesellschaftlichen Bild in unserem Land hinterlassen. Im Ergebnis dieser Wahl ist mit der AfD11 eine Partei in den Bundestag eingezogen, der es gelungen ist, kritische Meinungen und Unzufriedenheit über die aktuelle Politik in ihrer Gesamtheit zu nutzen um Wählerstimmen zu erhalten. Die Programminhalte und Ziele waren für einige Wähler*innen nicht ausschlaggebend um die AfD zu wählen. Der Bonner Politikwissenschaftler und Parteienforscher Volker Kronenberg sagt kurz nach der Wahl „[…]viele Wähler stimmen nicht unbedingt mit allen Inhalten der AfD überein. Sie trauen der AfD aber am ehesten zu die jetzige Politik zu kritisieren.“ Weiter beschreibt er in einem Interview in der Zeitung die Welt: „Die AfD hat die Sorgen der Bürger bedient“, 85% der AfD-Wähler bezeichnen diese als einzige Partei bei der wahrnehmbar Protest ausgedrückt werden kann“.12

Ob diese Ergebnisse und Aussagen für unsere Demokratie hilfreich sind oder als Signal an die politische Elite gelten sollen, ist abhängig von der jeweiligen Perspektive. Unumstößlich bleibt zu konstatieren, dass ein großer Teil unserer Gesellschaft die Wahl nutzt, um ihre Einschätzung über die Ausgestaltung und der Ausführung von politischer Verantwortung kundzutun. Bei einer Vielzahl von öffentlichen Meinungsäußerungen in Form von Demonstrationen oder Ähnlichem wird deutlich, dass die Bürger*innen von ihrem Recht der Meinungsfreiheit13 Gebrauch machen. Das Recht, sich seine Meinung selbst zu bilden, ist ein wichtiges Recht.

In dieser Partei (AfD) werden aber auch undemokratische Meinungen und Vorstellungen von gesellschaftlicher Gestaltung geäußert. Zudem wird hier programmatisch versucht Menschen in ihren Lebensentwürfen zu beschränken. Im Programmentwurf der AfD für den Wahlkampf 2017 finden sich Sätze wie „ Die Familie aus Vater, Mutter und Kind als Keimzelle der Gesellschaft zu verstehen[…]“. „Die Alternative für Deutschland bekennt sich zur traditionellen Familie als Leitbild“; „ Für Asylbewerber will sie [die AfD] ein Aufnahmestopp“.14 Hier wird deutlich, welche Forderungen und Meinungen den Vorrang erhalten, vor Individualität in der Lebensausgestaltung und einem pluralistischen Weltbild. Pluralismus meint hier den Teil einer modernen Demokratie, der ein freies politisches und gesellschaftliches Zusammenleben ermöglicht, die liberalen Grundrechte, sowie die Vereinigungsfreiheit respektiert und jegliche rassische, geschlechtliche und politische Diskriminierung untersagt. Diese zunehmende pluralistische Ausgestaltung, die Veränderungsdynamiken komplexer Gesellschaften und die mannigfaltige Individualisierung erfordern sensible Lösungs- und Denkansätze, damit unsere Gesellschaft zusammenbleibt. Hierzu ist es notwendig und wünschenswert, dass Gruppen, Meinungen und unterschiedliche Positionen gegenüberstehen und in Konflikt geraten.

Für eine politische Ausgestaltung, trotz unterschiedlicher Meinungen und Positionen, gibt es aber Regelungen und Vereinbarungen. Diese sind in unserer Gesellschaft in einem politischen System der Demokratie, durch Grundrechte im Grundgesetz verankert. Um Aushandlungsprozesse auf der Basis dieser Grundlagen zu akzeptieren und durchzuführen, ist Wissen um diese Werte und Handlungsfähigkeit15 erforderlich. Meinungsfreiheit endet dort, wo die Würde eines anderen Menschen verletzt wird.

Kompetenzen für solche Prozesse, müssen rechtzeitig und in möglichst vielen Varianten eingeübt und erprobt werden. Dafür Handlungsspielräume und Gelegenheiten zu schaffen ist u. a. in einem Zusammenspiel, Aufgabe von Familie, sozialer Arbeit, politischer Bildung und Schule. Eine im Kontext dieser Arbeit verwendete Theorie geht von einer Partizipatorischen Demokratie aus, mit dem Verständnis das Demokratie in Familie, Erziehung und Schule, den Medien, Kunst, Krankenhäusern und in der Wirtschaft wirkt. In dieser Demokratieform sollen möglichst viele Menschen in die Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozesse eingebunden werden und Beteiligung soll auf viele, wenn nicht sogar alle Bereiche der Gesellschaft ausgedehnt werden.16 Die Idee der Partizipatorischen Demokratie soll als Grundverständnis für diese Ausarbeitung dienen, um unter zu Hilfenahme von Elementen dieses Politikkonzeptes ein beteiligendes Projekt an Schulen zu beschreiben.

Um im Kontext der erwähnten Demokratieidee zu bleiben, ist es hier erstrebenswert, dass sich möglichst viele Gesellschaftsmitglieder an politischen Aushandlungen beteiligen um eine gemeinwohlorientierte, auf Menschenrechten basierende Gesellschaft zu bilden. Es sollen Erfahrungshorizonte und Wissen für diese Gesellschaftsidee generiert werden. Partizipation wird als Grundlage für Willensbildungsprozesse und für die Entwicklung zu befähigten Staatsbürger*innen gesehen (ebd.). In dieser Arbeit wird generell davon ausgegangen, dass Partizipation ein „Kristallisationspunkt“ aktueller Jugendpolitik ist.

Aus meiner praktischen und alltäglichen Arbeit17 ist zu berichten, dass gerade junge Menschen, wenig bis gar kein Interesse für parlamentarische Politik entwickeln. Das Gefühl des innerlichen Abwendens, mit den Argumenten das [die] Politik nicht in ihrem Sinne gestaltet wird, sie nichts an [ihr] ändern können und sowieso nicht beteiligt werden, geht einher mit einer geäußerten Überforderung durch die Komplexität von Politik.

Dies führt auch dazu, dass sie eigentlich mit dem ‚ ‚System‘ (Politik) nichts zu tun haben wollen und verstärkt eine gewisse Politikverdrossenheit18 unter Jugendlichen.

In Umfrageergebnissen, ob junge Menschen der Meinung sind, dass sich die Parteien in Deutschland ausreichend mit den aktuellen Themen ihrer Generation beschäftigen und ihre Interessen vertreten, antworten neun von zehn der 14 – 17 Jährigen, mit einem klaren Nein.19

In der 17. Shell Jugendstudie finden sich hierzu hinreichend Daten. Ein zwar steigendes Politikinteresse bei jungen Menschen im Alter von 12 – 25 Jahren abseits von etablierten Parteien wird beschrieben. Im Gegensatz zu 2002, hier waren 30% politisch interessiert, bezeichnen sich 2015 41% als politisch interessiert20. Eigene Beteiligung an politischen Aktivitäten beinhaltet nach ihrer Aussage aber, wenig Vertrauen in Parteien, große Unternehmen, Kirchen und Banken. Fast sechs von zehn jungen Menschen waren schon mal an politischen Aktivitäten beteiligt. Jeder vierte in Form von Meinungsäußerung z. B. Demonstrationen. Das eigene politische Engagement verlagert sich zunehmend auch auf digitale Medien. So sind laut der Studie, Online –Petitionen beliebter als analoge Unterschriftenlisten (ebd.).

Um nun jener Unzufriedenheit, Überforderung oder den Demokratiedefiziten entgegenzuwirken und in der Konzeptidee der Partizipatorischen Demokratie zu bleiben, wird deutlich wie wichtig es ist, Gelegenheiten und Räume für Aushandlungs-und Willensbildungsprozesse zu entwickeln bzw. zu schaffen. Jungen Menschen sollten Einübungsmöglichkeiten für politische, demokratische Beteiligung angeboten werden, damit diese lernen mit den beschriebenen (aktuellen) Tendenzen umzugehen und eine mit pluralistischen Werten wie Toleranz, Gerechtigkeit, Respekt u.v.m. ausgestaltete Gesellschaft entwickeln zu können. Dazu bietet diese Ausarbeitung ein Konzept an. Das in dieser Arbeit beschriebene Projekt wird hierzu einen gangbaren Weg aufzeigen. Es wird in diesem Projekt vordergründig darum gehen, ganz konkret Engagement zu entwickeln/ zu wecken und sich mit Spaß und ohne großen Aufwand an demokratischen Aushandlungsprozessen am Bildungsort Schule zu beteiligen und sich dazu mit eigenen und den Werten anderer auseinanderzusetzten. Wichtig erscheint hier, soziale Ungleichheiten im Blick zu behalten. In der erwähnten Shell Jugendstudie ist erfasst, dass 52% der jungen Menschen zuversichtlich in die Zukunft unserer Gesellschaft schauen. 60% der Jugendlichen aus oberen Schichten der Gesellschaft sehen das so, nur 42% junger Menschen aus unteren Gesellschaftsschichten (ebd.). Bei der für diese Arbeit verwendeten Idee von der partizipatorischen Demokratietheorie sollten möglichst viele Menschen den Willen haben und die Möglichkeit zur Teilnahme an politischen Aushandlungsprozessen.

In dieser Ausgangslagenbeschreibung lässt sich festhalten, dass unsere Demokratie aus unterschiedlichen Gründen etwas ins Wackeln geraten, wenn nicht sogar in Gefahr, ist.

Es sind undemokratische Handlungsspielräume und Denkweisen entstanden, denen es demokratische Ideen und Konzepte entgegenzusetzten gilt.

Bundespräsident Frank -Walter Steinmeier sagte bei der Preisverleihung des Demokratie – Kreativwettbewerbes ‚Volker‘; „Viele - bei unseren Nachbarn, Partnern im Ausland und in Deutschland - kehren der Demokratie den Rücken“21 Weiter führt er aus: „[…] auch hier bei uns, wo immer mehr Menschen die Werte unseres Grundgesetztes und unseres Zusammenlebens infrage stellen, wie es seit den Zäsuren von 1945 und 1989 nicht mehr möglich schien.“ (ebd.). Ein Teil unserer Bevölkerung, stellt das parlamentarische demokratische System mit seinen partizipatorischen Elementen, aus unterschiedlichen Beweggründen in Frage. Dadurch entsteht Unmut und es entwickelt sich eine Protestkultur, die auch antidemokratischen Sichtweisen Räume eröffnet. Diese Situation macht auch vor jungen Menschen nicht Halt. Von Grundlagen der politischen Bildungsarbeit ausgehend, über aktuelle Ideen bis hin zu Zukunftsgedanken, soll in diesem Text ein Band geknüpft werden um ein grundlegendes Verständnis und die Erforderlichkeit von partizipatorischer politischer Bildungsarbeit darzustellen.

Eine von mir entworfene Grafik in Form eines Baumes der Partizipation, verdeutlicht aus meiner praktischen erlebten Perspektive, welche grundlegenden Voraussetzungen Partizipation benötigt. Weiterführende Beschreibungen und Definitionen von Partizipation und deren unterschiedlichen Modellen werden folgen und die Vertiefungsmerkmale dieses Masterstudienganges verdeutlichen.

Eine darauf aufbauende Projektbeschreibung des Projektes DENK - MAL – WERTE, wird im Rahmen dieser Ausarbeitung Möglichkeiten für demokratische und wertebildende Aushandlungsprozesse für den Bildungsort Schule beschreiben.

Der Forschungsanteil dieser Arbeit wird erbracht um im Sinne von Praxisforschung zu handeln. „ Die sehr spezifischen Anliegen der Beteiligten werden ebenso berücksichtigt wie ihre Werthaltung“22. Es werden empirische Daten des Projektes von drei teilnehmenden Schulen exemplarisch dargestellt und ausgewertet. Ein partizipativ entwickelter Fragebogen und Sequenzen aus Protokollen teilnehmender Beobachtung spiegeln auswertend einige wichtige Eckdaten wider, um die Notwendigkeit des Projektes zu untermauern. Hauptanliegen dieser Arbeit wird es sein, einen Prozess beispielhaft darzustellen, wie junge Menschen zu Verantwortungsgefühl und –bewußtsein erlebbar motiviert werden können. Das Beteiligungsprojekt soll Möglichkeiten aufzeigen, gesellschaftliches Engagement selbststärkend zu empfinden und dadurch politischen Entscheidungswillen zu entwickeln.

Eine Empfehlung für den Umgang mit den Ergebnissen des Prozesses ist, die gemeinsame partizipatorische Entwicklung von Handlungskonzepten mit allen Beteiligten. Dadurch könnten die Erfolgsfaktoren für qualitätsgerechte Partizipation im Sinne des beschriebenen Demokratiekonzeptes in allen Strukturebenen der Gesellschaft gut gestützt, zusammengetragen und weiterentwickelt werden.

Ein Befund unserer Gesellschaft und Gedanken zur Demokratie folgen im nachfolgenden Kapitel um einen Handlungsbedarf zu verdeutlichen.

1.2. Gesellschaftsdiagnostische Gedanken

Dieses Kapitel wird die aktuelle Notwendigkeit von Demokratieförderung und Wertevermittlung aus einem gesellschaftlichen Befund heraus beschreiben. Mit Sicherheit können hier nicht alle Fragen und Probleme unserer Gesellschaft in Gänze benannt oder beantwortet werden. Darum wird diese Arbeit verstärkt den Fokus auf die Lebenswelt junger Heranwachsender setzen.

Aus dem Blick des Demokratieaspektes heraus, stellt sich hier die Frage nach der demokratischen Verfasstheit unserer Gesellschaft und der Wahrnehmung junger Menschen darauf. Der Journalist Holger Schmale schreibt im Februar 2017 in der Frankfurter Rundschau; „[..] die Generationen der Satten, der 25- bis 50-jährigen, [...]. Sie wurden, jedenfalls im Westen, in eine Welt hineingeboren, in der sie für nichts mehr kämpfen mussten, in der es alles schon gab: Frieden, Freiheit, Demokratie, einigen Wohlstand. Alles schien selbstverständlich. [..] Man sieht, dass alle diese Errungenschaften auch in Demokratien wieder verloren gehen können, wenn die Bürger nicht auf sie achten.“23

Bis hier wird deutlich, dass es unterschiedliche bzw. oft auch widersprechende Einschätzungen und Diskussionen über unsere Demokratie, über Werte oder einen Wertewandel gibt.

Am Anfang dieses Abschnittes ist nicht ein defizitärer Blick auf unsere Gesellschaft gerichtet, sondern ein eher positiv optimistischer. Zu einer Diagnose gehören auch die Dinge, die bis dato erreicht wurden und die erhaltungswürdig sind.

Laut Demokratie Index von 2016, belegt Deutschland Rang 1324 vor modernen Ländern wie Frankreich und Österreich, allerdings auch weit hinter den Skandinavischen Ländern.

Dieser Index beruht auf der Analyse von folgenden fünf Kategorien: Wahlprozess und Pluralismus, Zivilfreiheiten und Bürgerrechte, Funktionsweise der Regierungsinstitutionen, politische Partizipation und politische Kultur (ebd.).

In den letzten 20 - 25 Jahren und aktuell hat sich unsere Demokratie in eine positive, und an unserer Verfassung orientierten25 Richtung entwickelt. Wenn unsere Gesellschaft auf Erfolge hin betrachtet wird, ergibt sich deutlich, warum unsere Demokratie so verteidigungswürdig ist. Zunächst sollen neben der oben erwähnten guten Platzierung, einige bürokratische Errungenschaften genannt werden. Nach den verfassungsrechtlichen Vorgaben, ist Deutschland ein sozialer Rechtsstaat, eine Republik, eine Demokratie, ein Bundesstaat, Sozialstaat und ein offener Staat. Unsere Gesellschaft ist hochorganisiert und setzt zunehmend auf bürgerliches und zivilgesellschaftliches Engagement. Das zeigen die wachsenden Bürgerplattformen genauso wie Beteiligungschancen und Teilnahmemöglichkeiten an z.B. öffentlichen Diskussionen. In unserer Gesellschaft besteht für alle gleichermaßen die Möglichkeit der freien, allgemeinen und geheimen Wahlen als Willensbekundung jedes Einzelnen. Ohne Angst vor Verfolgung oder Repressalien haben zu müssen, bietet unsere Gesellschaft allen Bürger*innen die gleiche Chance sich an Entscheidungsfindungen und Willensbildungsprozessen zu beteiligen. Beteiligung und das Engagement in Bürgerinitiativen, Vereinen oder Parteien oder die einfache Möglichkeit der freien Meinungsäußerungen sind in vielen Ländern keine Selbstverständlichkeit. Die Menschen in unserer Demokratie können ein freies und selbstbestimmtes Leben führen und alle haben die gleichen Rechte. Es gibt noch vieles mehr aufzuzählen, ist aber nicht Hauptthema dieser Arbeit.

Dass trotz der vielen Angebote und Möglichkeiten das Interesse an politischen Aushandlungsprozessen teilzunehmen in den letzten Jahren nicht für alle gleichermaßen attraktiv bzw. interessant ist, wurde bereits ausgeführt. Das dieses Interesse wieder stärker angeregt und ausgebildet werden sollte, folgt der Idee einer Partizipatorischen Demokratie. Einige Handlungsoptionen zur Willensbildung sind bereits benannt, andere werden im Verlauf dieser Arbeit deutlicher werden. Zu den Gedanken dieses Demokratiekonzeptes gehört es auch, ein gemeinsames Werteverständnis zu entwickeln und nach diesem zu leben.

In unserer immer bunteren und vielfältigeren Gesellschaft gewinnen Werte wie Respekt und Toleranz anderen gegenüber und Rücksichtnahme, Solidarität, Gerechtigkeit und Akzeptanz immer mehr an Bedeutung. Durch ein gemeinsames Verständnis dieser Werte, auf der Basis von Menschenrechten und unserer Verfassung, entwickelt sich Wertekompetenz und Diskursfähigkeit. Gerade junge Menschen sind auf ihrem Weg zum Erwachsen werden Gelegenheiten zu bieten, bei denen sie politisches Interesse und soziale Kompetenzen entwickeln können, um den benannten Tendenzen von z. B. Politikverdrossenheit gegenüber einer parlamentarischen Demokratie entgegenzuwirken.

Hackmack nennt aus seiner Sicht drei mögliche Faktoren für politisches Desinteresse. Intransparenz von politischen Entscheidungen, die durch nicht zur Verfügung gestellte Informationen nicht nachvollzogen und überprüft werden können. Lobbyismus der es ermöglicht, dass über Nebeneinkünfte und Spenden großen Einfluss auf Entscheidungen genommen werden kann. Als dritte Ursache wird die Entfremdung von Politiker*innen gegenüber ihren Wähler*innen genannt, Politiker*innen entfernen sich zunehmend von ihren Wahlversprechen und dem Willen derer dessen Interessen sie eigentlich vertreten sollen.26

Vertrauen muss man aber genau dort haben können, wo komplexe Zusammenhänge (z. B. in der Politik) in einer Gesellschaft bearbeitet werden. Wenn aber Bürger*innen und damit auch junge Menschen, dieses Vertrauen aus den unterschiedlichsten Gründen nicht mehr haben (können), hat das System/ Projekt Demokratie /Gesellschaft ein Problem. Gefühle von staatlicher Bevormundung in der persönlichen individuellen Entwicklung, die nicht auf gleichberechtigter Aushandlung und Vertrauen basieren, lassen dann schnell Unmut aufkommen. Fehlentscheidungen durch z. B. Lobbyismus oder auch die Verschwendung oder falsche Verwendung öffentlicher Gelder beschleunigen einen solchen Vertrauensverlust. Ein aktuelles Beispiel aus der Hauptstadt Berlin, zeigt solche Diskrepanzen im gegenseitigen ‚Vertrauensverlust’. 56,4 % der Wähler*innen hatten am 24.09.2017 per Volksentscheid für einen Weiterbetrieb des Flughafens Tegel gestimmt. Der Berliner Senat hat nun nach einer umfassenden ‚Folgeabschätzung’ eingeschätzt, den Volksentscheid nicht umzusetzen.27

Partizipation in Prozessen von politischen Aushandlungen in der eigenen Lebenswelt z. B. Spielplatzgestaltung, Stadtentwicklung etc. trägt dazu bei, dieses Vertrauen zu entwickeln und bildet ein Gegengewicht zu Politikverdrossenheit und Desinteresse. Beteiligung wird in der beschriebenen Idee einer Partizipatorischen Demokratie, nicht nur als Methode zur Herbeiführung von Mehrheitsentscheidung deklariert, sondern als Wert an sich. Beteiligung wird hier als ethisch-normatives Ziel gesehen, dass allen Bürger*innen einen Überblick über die eigenen und die Interessen anderer verschafft. Möglichst viele Menschen sollen sich an den erforderlichen Aushandlungsprozessen beteiligen wollen, um Demokratie als Lebensform zu empfinden.28 Damit Jugendliche an dieses Demokratiekonzept herangeführt werden können, sollten sich wesentliche Themenfelder aus diesem Kontext auf ihre Lebenswelt fokussieren und an dieser orientieren.

Werden junge Heranwachsende befragt, erklären sie ihre politische Inaktivität ausgesprochen differenziert. In den Ergebnissen einer Pilotstudie mit jungen Ehrenamtlichen des deutschen Youth for Understanding Komitees (YFU) finden sich Antworten auf die Fragen, was sie motivierend bzw. abhaltend empfinden um sich an Politik zu beteiligen. Durch eine qualitative Gruppendiskussion29 sollten zusätzlich Beteiligungsformen und die Sichtweise auf politische Partizipation herauskristallisiert werde. Folgende Aspekte wurden für den Kontext dieser Arbeit aus dieser Studie generiert, die aus meiner persönlich gemachten Erfahrung in Zusammenhängen von Sozialer Arbeit, exemplarisch die Perspektiven von jungen Menschen auf Politik widerspiegeln.

Junge Menschen scheuen sich davor, sich an komplexen politischen Entscheidungen zu beteiligen aus Angst, sich nicht genügend informiert zu haben bzw. sich dadurch falsch zu entscheiden. Sich zivilgesellschaftlich zu engagieren, erhält bei jungen Erwachsenen den Vorzug vor aktiver politischer Beteiligung, da dieses als weniger vielschichtig, dafür aber erfüllender angesehen wird. Auch die Form des Protestes, wird als eine Möglichkeit sich zu engagieren erwähnt. Politische Teilhabe wird eher als Verantwortlichkeit gegenüber der Gesellschaft gesehen und dadurch als Bürde empfunden. Der individuelle Gestaltungswille wird eher aus dem eigenen Inneren heraus beschrieben. Jugendliche wollen eher Inhalten vertrauen als Personen. Eine zu sehr auf Personen und nicht auf Inhalte fokussierte Politik empfinden sie eher nicht als Erfahrungsmöglichkeit für ihre Selbstentfaltungsfähigkeit, sondern als frustrierend. Einen aktiven und direkten Austausch mit Mitmenschen über Positionen empfinden junge Menschen als wirksamer und lohnender im Selbstverständnis, als die Beteiligung an politischen Aushandlungen.30

Wie können Menschen und in meinem beruflichen Kontext junge Menschen, mit diesen Gedanken, dazu bewegt werden unser parlamentarisches und demokratisches System nicht nur in Frage zu stellen, sondern sich trotz aller Schwierigkeiten partizipativ und engagiert an diesem zu beteiligen? An diesem Punkt der Arbeit wird deutlich, dass Aufklärung, tatsächliche Beteiligung und niedrigschwellige Einübungschancen für demokratische Prozesse eine Option sein könnten. Wissenslücken in Demokratiewissen und geschichtlichen Zusammenhängen oder Überforderung bei gesellschaftlichen und politischen Kontexten, können durch Optionen, Angebote und Gelegenheiten für Aneignungsprozesse geschlossen bzw. einer Überforderung entgegengewirkt werden. Zweifel an der korrekten Arbeit (Ausführung) der gewählten politischen Volksvertretung können Handlungsspielräume für antidemokratische Akteur*innen und menschenrechtsfeindliche Gedanken öffnen.

Vorstellungen von einem Nationalstaat der Schutz vor angeblicher, äußerer Bedrohung bietet und für mehr kulturelle Homogenität und traditionelle Lebensformen wirbt, geistern durch unser Land. Weltanschauliche Vorstellungen die ein Leben in globalen Ausmaßen denken, ein Leben in einer Welt ohne Grenzen, werden abgelehnt oder boykottiert. Die Anerkennung, Toleranz und Akzeptanz unterschiedlicher Lebensgestaltungentwürfe werden in Frage gestellt und das gesellschaftliche Ideal, bei Bedürftigkeit und Schutzbedarf zu helfen, ebenso. Ausmaße einer solchen Einstellung werden deutlicher, wenn Schlagzeilen z. B. von Angriffen auf Flüchtlinge in den Medien auftauchen. So hat es laut Bundesinnenministerium im Jahr 2017, 2219 Angriffe auf Flüchtlinge gegeben, bei denen 313 Menschen verletzt wurden.31 Solche Angriffe bzw. Übergriffe erfordern klare Signale von demokratisch und werteorientiert denkenden Menschen unserer Gesellschaft.

Auch körperliche Übergriffe auf Rettungssanitäter32 sollten keine Toleranz erfahren. Zivilcourage und deutliche Zeichen unserer Wertevorstellungen, die auf den Menschenrechten basieren, sind hier angebracht. Gerade junge Menschen benötigen in ihrer Entwicklung vorbildhafte Verhaltensweisen, um sich Werte aneignen zu können. Dazu werden in den nächsten Kapiteln noch einige Ausführungen zu finden sein. Festgehalten werden sollte hier aber, wie wichtig politische Bildung, vielleicht gerade auch in Bezug auf diejenigen jungen Menschen ist, die im Elternhaus und sozialem Umfeld nicht an Politik und deren Aushandlungsprozesse herangeführt werden (können).

Für junge Menschen ist die Entwicklungsphase zum Erwachsenenalter in der heutigen Zeit durch schwierige und unsichere Bedingungen gekennzeichnet.

Wird die Idee einer partizipatorischen demokratischen Gesellschaft an diesem Punkt weitergedacht, zeigt sich deutlich, dass politischer Bildung eine wichtige Aufgabe zukommt. Als ein Bildungskonzept kann sie dazu beitragen, Wissenslücken zu schließen und Gelegenheitsstrukturen für demokratische Prozesse für alle gleichermaßen zu ermöglichen. Dem Gedanken folgend, dass sich viele Gesellschaftsmitglieder an solchen Prozessen beteiligen, bedeutet dann, gleiche Zugänge zu diesen Bildungschancen zu gewährleisten. Daher ist zu überlegen, ob und wie ein solches Konzept der gleichberechtigten Bildungschancen umgesetzt werden könnte. Hier wird in der Shell Studie darauf verwiesen, dass z.B. in der Frage nach Bildungs- und Berufszielen deutlich die soziale Herkunft eine Rolle spielt. Nur 46% der hier sogenannten unteren Schicht sind zuversichtlich ihre beruflichen Wünsche realisieren zu können. Im deutlichen Gegensatz dazu sind 81% der oberen Schicht davon überzeugt.33

Ohne den Gefahren der beschriebenen gesellschaftlichen Entwicklungen die Brisanz zu nehmen ist zusammenfassend festzuhalten, dass es nach dieser groben Diagnostik, viele positive und erhaltungswürdige Errungenschaften unserer Gesellschaft gibt. Der englische Staatsmann Winston Churchill sagte im November 1947 einmal: „Demokratie ist die schlechteste aller Regierungsformen - abgesehen von all den anderen Formen die von Zeit zu Zeit ausprobiert worden sind.“ Die Herausforderungen der aktuellen Zeit, die größer werdende Komplexität von Modernisierung und Politik erfordern etwas Geduld, aber auch Engagement. Max Weber, ein deutscher Soziologe beschreibt anstrengende, langwierige demokratische Prozesse als: „[...] ein starkes langsames Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich.“34

Ob und wie die jungen Menschen die Herausforderungen des Jugendalters meistern, liegt aber auch an der Ausgestaltung und den Gegebenheiten ihrer Lebenswelt. Eine Vielzahl von unterschiedlichen Individuen mit den Möglichkeiten einer pluralistischen Ausgestaltung des eigenen Lebens, der Gesellschaft und verschiedener Lebensstile, z.B. auch eigene vielfältige Erziehungsmethoden, erfordern immer mehr Akzeptanz dieser und Spielräume für die notwendigen Aushandlungsprozesse.

Werden demokratische politische Aushandlungen und unser parlamentarisches demokratisches System in Frage gestellt, entstehen Handlungs- und Argumentationsräume für undemokratische Akteur*innen und ihren Sichtweisen. Alle Formen von Unmutsäußerungen sind verankertes Recht zur freien Meinungsäußerung und wichtig in einem demokratischen Verständnis. Die Gestaltung von politischen Aushandlungsprozessen benötigt aber zusätzlich auch andere Formen von Beteiligung wie z.B. Verantwortungsübernahme in Bürgerplattformen etc. und Geduld und das Aushalten von langwierigen Entscheidungsfindungen.

Rahmenbedingungen für dieses Alltagshandeln müssen demnach gerade für junge Menschen zuverlässig, konstant, garantiert und vertrauenswürdig gestaltet sein.

Die politische Landschaft verändert sich sehr schnell und Parteien sind programmatisch insbesondere für junge Menschen schwer zu unterscheiden. Verzweifelt suchen gerade diese aber nach Orientierung und nachvollziehbaren Standpunkten.

Die eingeforderte Geduld für demokratische Aushandlungsprozesse wird im Zeitalter von Digitalisierung und Schnelllebigkeit schwer aufgebracht und dadurch entstehen Ungeduld und Desinteresse bei jungen Menschen. Eine Überforderung mit der politischen Komplexität geht damit einher, dass die eigene Urteilsfähigkeit, teils aus Unwissen als nicht genügend empfunden wird. Die jüngere Generation findet einen Zustand von ‚gesellschaftlichen Wohlstand’ vor (z. B. Frieden und Freiheit) und daraus generieren sie, sich nicht mehr einbringen zu müssen.

Nun liegt es an den demokratischen, weltoffenen, ehrlichen Menschen die sich Pluralität und Anerkennung der individuellen Entwicklung jedes Einzelnen und weniger Diskriminierung auf allen Feldern unserer Gesellschaft vorstellen können, Handlungsstrategien zu entwerfen, um unsere Demokratie zu schützen und aufkommende Gefahren im Keim zu ersticken. „Politik ist gesellschaftliches Handeln, [..] welches darauf gerichtet ist, gesellschaftliche Konflikte über Werte verbindlich zu regeln.“35

Jungen Menschen sollten mit geeigneten Methoden, Handlungs- und Einübungsmöglichkeiten bekannt gemacht und zur Verfügung gestellt werden. Dass diese Methoden altersgerecht, beteiligend und an ihrer Lebenswelt ausgerichtet sein sollten, ergibt sich nach den gemachten Einführungen von selbst. Im Kern gilt es den Eigenwert politischer Beteiligung zu erkennen und den Zusammenhalt der Gesellschaft neu zu konstruieren. Das kann u.a. durch eine Verständigung über Werte und den Austausch und die Auseinandersetzung mit diesen geschehen. Benjamin Barber plädiert für „[...] eine Ergänzung durch stark ausgeprägte > direktdemokratische Elemente, denn seiner Meinung nach könne nur die partizipatorische Demokratie alle Interessen ansprechen und aktivieren.36

Durch die aus der gesellschaftsdiagnostischen Perspektive entstandenen Impulsen, soll mit dem Projekt ‚DENK - MAL – WERTE‘ eine Idee beschrieben werden, wie durch beteiligende Strukturen, demokratische Verfahren (Wahl etc.) und eine wissensgenerierende Orientierung an pluralistischen Werten, direktdemokratische und partizipative Einübungsmöglichkeiten gestaltet werden können. Hier sollen durch praktische Erfahrungen in Entscheidungsprozessen und mit altersgerechten Methoden der Wertevermittlung, jungen Menschen Möglichkeiten des Erlebens gegeben werden. Durch das frühzeitige Einüben von demokratischen beteiligenden Verfahren und der Auseinandersetzung mit Werten werden junge Erwachsene befähigt sich für die erwähnten politischen Prozess einzusetzen und sich dafür zu engagieren, zu begeistern.

Ein vielleicht entstandener Eindruck von ‚sozialer Romantik’, die mit dem Irrglauben verbunden ist, dass es unserer Gesellschaft gelingen könnte, durch viel Wertevermittlung, Geduld und Toleranz alle Gesellschaftsmitglieder zur Mitwirkung an politischen Prozessen zu gewinnen, soll an diesem Punkt klar widersprochen werden. Die hier gemachten Ausführungen sollen an dieser Stelle, als Apell für das Suchen von Gelegenheiten und das Schaffen von Möglichkeiten für diese Mitwirkung verstanden werden.

2. Grundlagen für Werte und Normen in der Gesellschaft

2.1. Begriffserläuterungen/ Herleitungen für Werte und Normen

Etymologisch leitet sich der Begriff Wert vom althochdeutsch Wort werd ab und bezeichnet zum einen Kriterien, anhand derer Menschen Handlungen und Ereignisse beurteilen, zum anderen aber auch Ziele, nach denen Menschen streben und die als „handlungsleitende Prinzipien die Leben der Menschen lenken“.37.„Werte umfassen die direkten Ziele des menschlichen Handelns (goal values oder terminal values), aber auch die als gewünscht und wertvoll beurteilen Mittel zur Erreichung von Zielzuständen (instrumental values)“.38

Häufig werden die Begriffe Werte, Normen, Konventionen, Moral, Ethik, Charakter und Gewissen synonym gebraucht und nicht voneinander abgegrenzt, obwohl sie oftmals völlig Unterschiedliches beinhalten.39 So sind Normen quasi die Konkretisierungen der eher abstrakten Werte, das heißt die direkt aus den Werten abgeleiteten konkret anwendbaren Sollens- oder Verhaltensforderungen. Konventionen sind gesellschaftlich konstruierte Regeln und leiten sich anders als Normen nicht unbedingt aus Werten ab, sind also in der Gesellschaft durchaus verhandelbar und können geändert werden, wie etwa die sich wandelnden Konventionen der Begrüßung.40

Nach UN-Menschenrechtserklärung gelten als grundlegende gemeinsam geteilte Werte Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität und Anerkennung der Menschenwürde und das demokratische Prinzip. Jeder Einzelne Mensch muss nun diese in seine Lebenswelt und seinen Alltag integrieren transferieren und schließlich auch übersetzen.

2.2. Wie entstehen Werte?

Sowohl Erfahrungen und Herausforderungen in den unterschiedlichen Lebenswelten, aber auch aktuelle öffentliche Debatten hängen mit gesellschaftlichen Veränderungsprozessen zusammen. Strukturelle Einflussgrößen, dazu gehören Modernisierung, Migrationsbewegungen, Globalisierung, um nur die wichtigsten zu nennen, machen unsere Gesellschaft offener, aber zugleich auch ungleicher. Die Lebenswelten werden kulturell vielfältiger, aber auch widersprüchlicher, sie werden aufgeschlossener, aber damit auch unübersichtlicher nicht zuletzt chancen- und risikoreicher.

Das führt dazu, dass die Wertvorstellungen Einzelner, aber auch die unterschiedlichen Wertesysteme von Gruppen, Institutionen und Gemeinschaften, in einem Spannungsverhältnis nebeneinander und in Wechselwirkung zueinander stehen. Der Begriff Wertevielfalt beschreibt genau diese Realitäten. Er umfasst zum einen das breite Spektrum von Wertorientierungen und zum anderen das vorhandene Ausmaß an Diversität also Unterschiedlichkeit und auch Widersprüchlichkeit.

Werte geben Orientierung und Halt für das eigene Leben und sind Entwürfe und Überzeugungen die Menschen für richtig und wichtig für ein gemeinsames Leben halten. Sie gelten nicht nur als Maßstab für das soziale Miteinander und Handeln, sondern haben oft motivierende Wirkung im Sinne von ‚so wollen wir leben und darum treten wir für diese Werte ein‘. Entstehungszusammenhänge für Werte ergeben sich aus sozialen, kulturellen erzieherischen, aber auch historischen Entwicklungen und ergeben für jeden ein anderes Sinnverhältnis. Eine Vielzahl von unterschiedlichen Werten begegnen uns im Alltäglichen, diese werden durch Erlebnisse, Taten, Lebenskontexte etc. zueinander in Beziehung gesetzt und damit geordnet. Werte entstehen in den Erfahrungen der Selbstbildung und der Selbsttranszendenz. Der Begriff Selbsttranszendenz beschreibt gerade in der Wertebildung eher das aus sich Heraustreten, eine Offenheit und Öffnung auf z. B. eine Idee auf einen Menschen hin. Der Philosoph Karl Jaspers findet hier eine verständlichere Abbildung, indem er sagt: “Was der Mensch ist, das ist er durch die Sache, die er zur seinen macht.“41 Für den Zusammenhang dieser Arbeit soll hier ein Verständnis entworfen werden wie Werte entstehen. Werte entstehen deshalb im Prozess der Selbstbildung, weil wir uns gewissermaßen mit für uns wichtigen Personen identifizieren und uns mit deren Weltsicht und deren Werten identifizieren. Diese individuellen Erfahrungen werden nun adapterfähig mit normativen Vorstellungen und Bedingungen einer Gesellschaft verknüpft.

Für seine Überzeugung einstehen, auf die persönlichen Erfahrungen aufbauen und diese mit anderen in einen sinnbringenden Zusammenhang zu stellen, lässt Wertekompetenz entstehen. Wertevermittlung die nicht auf Erfahrungen und erlebbare Art und Weise erfolgt, kann auf Schwierigkeiten stoßen. Aufkommende Konflikte können grundlegend an den Werten an sich liegen oder an der Vermittlung dieser Werte.

Durch eine immer wiederkehrende Auseinandersetzung mit den eigenen und Werten anderer Menschen werden uns reflexiv Werte bewusst und es entstehen individuelle Wertegedanken und unterschiedliches Verständnis. In diesem Prozess werden eigene Werte entworfen und es entwickelt sich eine Wertekompetenz.

Diese Wertevielfalt erfordert von allen nicht nur die stetige Auseinandersetzung mit den eigenen Werten, sondern lädt dazu ein, die erwähnte Wertekompetenz einzusetzen und sich auch mit den Werten anderer auseinanderzusetzten. Das Aufbauen einer eigenen Wertehaltung ist dabei genauso wichtig, wie das Aushalten der Vielfalt und der daraus entstehenden Ambivalenzen. Sich der täglichen Anforderung des Lebens in aller seiner Vielfalt und Widersprüchlichkeit zu stellen und ein faires, würdevolles, respektvolles Miteinander zu initiieren, um soziale Beziehungen konstruktiv zu gestalten, sollte Aufgabe von allen Mitgliedern der Gesellschaft sein. Der Sozialen Arbeit mit ihrer menschenrechtsorientierten Arbeit als Profession und seinen Akteur*innen kommen dabei besondere Aufgaben zuteil.

2.3. Werten in unserer Gesellschaft

Der Wirkkreis von Werten beschränkt sich aber nicht nur auf das Gefühlte, er wirkt und entwickelt bewusste Auseinandersetzung und ein Nachdenken darüber, gerade im Austausch mit anderen.

Auf der Suche nach Werten oder dem Blick auf Wertevielfalt finden wir gerade bei jungen Heranwachsenden Verunsicherungen, Suchbewegungen, Unterschiedlichkeiten und Orientierungsbedarfe. Sind gesellschaftliche Maßstäbe für alle gleichermaßen gültig, oder sollen sie tatsächlich für alle gelten? Wertefragen gehen tief in unser inneres Bewusstsein und berühren eine empfindliche Stelle unserer Gedanken. Freiräume für individuelle Lebens-und Familienlebensgestaltung, in einer immer pluralistischer werdenden Gesellschaft zu verbinden mit Grenzen und gleichzeitige Freiräumen erscheint oft mühselig wenn nicht sogar unmöglich.

Gewaltfreie Kommunikation als Grundvoraussetzung in der Familie und Zusammenhänge von Beziehung und Erziehung von jungen Menschen beschäftigen nicht nur die Familien selbst, sondern gerade auch die Soziale Arbeit in ihrer beschriebenen Professionsgestaltung.

Ein wertesensibilisierender Umgang trotz oder gerade wegen unterschiedlicher Vorstellungen von würdevollem Leben, unterschiedlicher kultureller Herkunft, und verschiedener Weltanschauungen und politischer Orientierungen, erfordert ein hohes Maß an Toleranz. Wie eben beschrieben, beginnt der Prozess von Werteentwicklung und Umgang mit Wertevielfalt im kleinsten Modul in einem Selbst. Im nächstgrößeren Modul der Familie werden dazu die Grundlagen gebildet und gefördert. Eine theoretische und praktische Reflexion zu Werten und Wertebildungsprozessen erfordert von allen Akteur*innen in diesem Prozess einen verständnisvollen Umgang miteinander. Ein Blick auf verschiedene Aspekte macht deutlich, wie vielschichtig Unterschiede und Perspektiven sind. Soziale und ethnische Herkunft spielen eine große Rolle, genauso wie Bildungsstand und Lebenswelt. Alle genannten Faktoren und viele andere, haben wichtige Wirkung auf die Entwicklung bei jungen Menschen.

Gerade die verschiedensten Einflussmöglichkeiten bei Kindern und Jugendlichen spielen eine wichtige Rolle bei der Werteentwicklung. Ohne die Zusammenhänge hier näher auszuleuchten, sollen hier unterschiedliche soziale Milieus, die sozialen Netzwerke und die Peergroups42 als enorme Einflussfaktoren genannt werden.

Hier wird der Nährboden gebildet um sich in den eigenen sozialen Zusammenhängen ungezwungen, spontan und aus eigenen freien Willen einzubringen. Der Umgang mit den eigenen Werten wird hier erlernt, überprüft und gestaltet. Bei dem in dieser Arbeit beschriebenen Projekt, geht es vordergründig darum, ein entwickeltes Wertebewusstsein als ‚festen Baustein’ in den eigenen Alltag zu integrieren, um damit gegen Ausgrenzung und Diskriminierung zu wirken.

Soziale Gelegenheitsstrukturen und Erfahrungsmöglichkeiten im alltäglichen Umfeld müssen im Sinne von Wertebildung, Unabhängigkeit und persönliche Autonomie zulassen. Der hier immer wieder beschriebene Wertebildungsprozess in kausalen Zusammenhang mit einem angenommenen Wertewandel in der Gesellschaft erfordert Geduld und Toleranz. Die aus diesem Prozess zu erwartenden Gewinne für die eigene Persönlichkeit und die entstandene Wertekompetenz können aber den Willen zur Teilnahme an demokratischen Aushandlungsprozessen in hohem Maße stärken. Ein realistisches Selbstentfaltungskonzept, Ideen für Konfliktlösungen, soziale Kompetenz, Selbstbewusstsein und eine erhöhte Frustrationstoleranz sind nur einige aufzuzeigenden Fähigkeiten. Ein aus diesen genannten Strukturen erwachsendes Wertesystem trägt maßgeblich zu einer Gesellschaft bei, die durch Offenheit, eigenverantwortliches Handeln, Toleranz gegenüber anderen und ein positives Menschenrechtsverständnis getragen wird.

2.4. Wertewandel und Werteverfall, Ursachen und Handlungsideen

Unterschiedliche öffentliche Statements zum Thema Werte werden aus verschiedenen Perspektiven heraus geäußert. Sprechen die Einen, aus meiner Sicht eher die ältere Generation, gern und viel von Werteverlust und Verfall von Werten, reden andere über einen Wertekonflikt (Wertewandel) in den Generationen. Ein so deklarierter Wertewandel ist keine neuartige Entwicklung. Bereits seit den 60-iger Jahren des 20. Jh. hat dieser nicht nur Deutschland, sondern eine Vielzahl anderer Länder erreicht. „[…] dass sich der Wertewandel – ganz ebenso wie der Vertrauensverlust – vor allem in denjenigen Ländern vollzog, die sich in einem fortgeschrittenen Stadium der sozio-ökonomischen Modernisierung befinden.“43

Klage erklärt weiterführend eine kausale Beziehung zwischen Vertrauensverlust und Wertewandel. Es wird zur inhaltlichen Ausrichtung des Wertewandels beschrieben: „[…] dass im Wertewandel - nicht nur in Deutschland, sondern mit großer Übereinstimmung in allen betroffenen Ländern - ein Wandel von ‚Unterordnungs- und Fügsamkeitswerten‘ zu individualistisch gelagerten ‚Selbstentfaltungswerten‘ stattfand bzw. immer noch stattfindet.“44 Mit dieser inhaltlichen Ausrichtung entspricht nach Klages (ebd.) dieser Wertewandel den sozio-ökonomischen Anforderungen an Modernisierungsprozesse.

Immer wieder werden dabei die verschiedenartigen Interpretationen von Werten deutlich. Die Fragen von einem angenommen Werteverfall bzw. -verlust lassen sich schwer greifen und beantworten. Klar wird aber in der Auseinandersetzung mit dem beschriebenen Wertewandel auch, dass unter seinem Einfluss Selbstentfaltungswerte auch zu Mentalitätswandlungen führen. Die Menschen werden „[…] nicht nur selbstbewusster, sondern auch schwieriger, anspruchsvoller, illoyaler, weniger autoritätsbewußt [….], oder schlicht unverschämter, egoistischer.“ (ebd.). Konfliktpotenzial ist hier gesellschaftlich gesehen genug vorhanden, dass weit in die Aushandlungsprozesse zwischen Mensch und Gesellschaft reicht.

Erklärungsversuche bzw. Zukunftsideen schwanken stark zwischen der Annahme, dass ein solcher Wandel zyklisch verläuft und somit nicht steuerbar ist. Andere wollen den Wandel bzw. den einhergehenden ‚Verfall’ durch eine gesteuerte (ggf. durch Zwangsmaßnahmen) Wertepolitik in ihrem Sinne verändern (ebd.). Mit beiden Perspektiven habe ich in meinem persönlichen Berufsverständnis einige Probleme. Ich möchte mich, auch mit dieser Ausarbeitung und ihren Ideen, für einen aktiv gestaltbaren Prozess einsetzen und möglichst viele Menschen dazu bewegen sich willentlich mit menschenrechtsorientierten Werten auseinanderzusetzen.

Bei der intensiven Auseinandersetzung im Kontext dieser Arbeit und dem nachfolgend beschriebenen Projekt zeigt sich nun, dass einige Begriffe und Zusammenhänge eine gewisse Hilflosigkeit darstellen. Wertekompetenz erfordert das Wissen um Normen und Werte gleichermaßen, wie eine Auseinandersetzung mit eigenen und den Werten anderer. Erst diese kritischen Diskurse mit Gleichgesinnten und Andersdenkenden lassen eine Wertekompetenz entstehen, die notwendigerweise benötigt wird, um sich über den Verfall, Verlust oder Wandel von Werten im Klaren zu werden. Gerade im Lichte dieser genannten Aspekte zeigen sich aus meiner Wahrnehmung eher keine Verluste oder ein Verfall sondern eher ein Hinterfragen oder Infrage stellen der jeweiligen Perspektiven und Einordnungen von Werten. Das Aufeinandertreffen von Andersartigkeit und Unterschiedlichkeit kann einige Unsicherheiten hervorrufen. Werte und Normen geraten in jeder Generation ins Wanken und lassen Unsicherheiten entstehen. Über Jahre und Generationsstufen entstandene Wertesysteme/-fundamente bestimmter Werte bzw. Lebensausgestaltungsformen wackeln plötzlich und scheinen an Geltung zu verlieren (ebd.). Dies führt zwangsweise zu Unsicherheiten im Wertesystem. Gibt es einen Wertewandel in unserer Gesellschaft, verlieren wir Werte und wie kommen wir zu neuen Werten? Klages konstatiert bereits 1998 auf die Frage eines Wertewandels, das es diesen mit benennbaren Formen gegeben hat. „.[...] das es einen gesellschaftlichen Wertewandel (oder Wertewandelschub) tatsächlich gegeben hat und das er eine individualistische Richtung eingeschlagen hat, ist nach übereinstimmender Auffassung der maßgeblichen Beobachter unbestreitbar.“ (ebd.). Weitergehend wird beschrieben“[...] im Rahmen der Speyerer Werteforschung von einem Wandel von insgesamt abnehmenden Pflicht- und Akzeptanzwerten zu zunehmenden Selbstentfaltungswerten (ebd.). Auch wird hier erwähnt, dass Entwicklungstrends eine Tendenz ‚zunehmenden Egoismus‘ und eine Neigung zur Ego- oder Ellenbogengesellschaft bemerkbar wird (ebd.).

2.5. Auswirkungen des Wertewandels

Aus den genannten Unsicherheiten und Entwicklungen heraus entstehen Räume für Spekulationen und Positionen die nicht immer für alle gleichermaßen verständlich sind. Hier sollte Demokratiebildung und politische Bildung stärker möglichst viele Bürger*innen einbinden. Dies kann und muss verstärkt die Aufgabe von Politik sein. Vereine, Jugendverbände und andere Institutionen sind ebenso aufgefordert sich an solchen Aufgaben zu beteiligen.

Ein gedachter Wertedialog sollte demnach horizontal und vertikal, offen und ehrlich und durch alle Schichten unserer Demokratie und Gesellschaft, unter Einbeziehung aller ihrer Mitglieder geführt werden. Egoismus oder falsch verstandene Individualität darf dabei nicht im Wege stehen. Je weiter sich eine Gesellschaft pluralistisch entwickelt, umso intensiver und anspruchsvoller werden die Diskurse und Auseinandersetzungen über Wertvorstellungen und –fragen. Ein starres und autoritär vermitteltes Werteverständnis verspricht hier wenig Erfolg. Ein gangbarer Weg könnte ein verständnisvolles und auf Respekt basierendes Miteinander sein. Das Bild eines lernenden, atmenden und flexiblen Organismus reiht sich in ein solches Gedankenbild besser ein.

Dafür ist eine Sensibilisierung für die Vielfalt von Lebensstilen und unterschiedlichen Meinungen erforderlich. Die alltägliche Umsetzung ethischer Prinzipien als Werte bergen Konfliktstoff und bringen Kontroversen in Gang. Das ist gut und notwendig, wenn das Normensystem einer Gesellschaft die Grundlage bildet. Normen werden im Kontext dieser Arbeit als Wertefundament aus dem als grundlegende gemeinsam geteilte Werte nach der UN-Menschenrechtserklärung verstanden.45

Nun gilt es, wenn unsere Gesellschaft als Gemeinschaft zusammenbleiben soll, Werte zu vermitteln und Wertekompetenzen zu erwerben.

Grundlegende Werte wie Gerechtigkeit für alle, Respekt gegenüber Anderen, ein menschwürdiges Leben für alle gewährleisten, sollten nun durch direkte Maßnahmen, Methoden, didaktische Planungen und beteiligende Projekte vermittelt werden. Aneignungsideen und Hilfen sollten unterstützt werden, um ein stabiles Wertegerüst und ein allgemeines Verständnis für einen wertvollen und wertschätzenden Umgang miteinander zu erreichen. Werteorientierungen und ein verständnisbringendes Werteverstehen und Wissen, dienen dazu, eine positive Wertereflektion jedes Gesellschaftsmitgliedes anzuregen. Direkte Formen dafür könnten z.B. Wertevermittlung an Schulen, Werteprojekte, diskursiv gestaltete Konzepte zum Thema Demokratie und altersgerechte Methoden zur Wissensvermittlung sein. Auch die menschenrechtsbasierende, werteorientierte Vorbildwirkung in unserer Gesellschaft sollte wieder für jeden Einzelnen zu einem gesellschaftsverantwortlichen Verhaltenscodex werden.

2.6. Idee für einen beteiligenden Willensbildungsprozess am Beispiel der Schule X

Jungen Erwachsenen eigene Handlungsspielräume und Erfahrungsmöglichkeiten für persönliche Autonomie, Unabhängigkeit, Interaktion, Diskurse und für Kommunikation z. B. über Werte und Normen zur Verfügung zu stellen, kann und sollte eine Aufgabe politischer Bildung sein.

Dass gerade junge Menschen sich weniger an politischen Aushandlungsprozessen beteiligen wollen und eher Protest als Willensbekundung nutzen, müssen wir Akteur*innen der Sozialen Arbeit im Blick behalten. Hier gilt es Angebote zu entwerfen, die Lust auf die komplexen Prozesse in der Politik machen. Demokratieerziehung und politische Bildung sollten auf die gemachten Ausführungen hin, nun folgerichtig als klar formulierter Auftrag an z.B. Soziale Arbeit, aber auch an die Institution Schule verstanden werden. Hierbei ist es empfehlenswert, vorsorglich darauf zu achten, dass junge Heranwachsende sich nicht sozialstrukturell, bildungspolitisch, infrastrukturell, wirtschaftlich oder allgemein z .B. durch eingeschränkte Zugangsmöglichkeiten zu kultureller Bildung, ungleichberechtigt behandelt fühlen. Es wird immer Verlierer und Gewinner bei der Fortführung und Entwicklung von Gesellschaften geben. Der Umgang mit beiden Genannten muss dennoch ein Thema der aktuellen Diskurse und der Politik sein. Für gleiche Lebenschancen und das Ausgleichen von ungleichen Startvoraussetzungen im Elternhaus, im Bildungsniveau, wegen intellektueller Fähigkeiten oder unterschiedlicher kultureller Herkunft muss die Politik Konzepte entwerfen. Unter Einbeziehung aller zivilgesellschaftlichen Akteur*innen einer Gesellschaft können und sollten hier Ideen kreiert werden, die einerseits individuelle Entwicklungen für Alle ermöglicht und dennoch der Pluralität Raum lässt. Andererseits sollte Wert darauf gelegt werden, dass allen Mitgliedern einer Gesellschaft gleichberechtigte Chancen für ein selbstbestimmtes und in Würde zu führendes Leben ermöglicht werden. Besonderes Augenmerk muss hier auf gleiche Chancen für Bildung und Kultur gelegt werden.

Die Überprüfung persönlicher Werte und der Abgleich mit Wertvorstellungen und Perspektiven Anderer ist ein grundlegender Baustein für das Modell Demokratie.

Das erwähnte Konzept der Partizipatorischen Demokratie entwirft eine Idee für die Beteiligung Aller bzw. möglichst Vieler in allen Bereichen der Gesellschaft. Erweiternde Möglichkeiten zum konstruktiven Austausch und Diskurs über politische und demokratische Vorstellungen einer Gesellschaft sollen hier einhergehen mit weitgestreuten Partizipationsmöglichkeiten. Nach Barber findet man in der Bevölkerung ein [...] doppeltes politisches Interesse, das an den Endresultaten, aber auch das an der Qualität der Partizipation. Demokratie wird hier also nicht so sehr als Staatsform, sondern als eine möglichst zu verallgemeinernde „Lebensform“ verstanden.46

Gerade die Beteiligung junger Menschen an einem Prozess zur Entwicklung von Wertekompetenz und politischer Teilhabe ist in diesem Zusammenhang enorm wichtig. Sie werden in Zukunft maßgeblich gesellschaftliche Veränderungen gestalten und miterleben. Eine auf grundlegende Menschenrechte basierende Ausgestaltung unserer zukünftigen Gesellschaft erfordert eine gelebte, selbst erlebte und sich weiterentwickelnde Werte- und Demokratiekompetenz. Diese entsteht durch Bereitstellen von Erfahrungsmöglichkeiten und Handlungsspielräumen. Hier sind neben theoretischem Wissen um Werte und Normen, gerade die praktisch im Alltag in der eigenen Lebenswelt (Schule, Ausbildung, Familie) erworbenen Erfahrungen wichtige Bestandteile in einem solchen demokratischen Werteentwicklungsprozess. Die persönlichen Erfahrungen aus vielen Jahren und Projekten der offenen Kinder- und Jugendarbeit hat mir gezeigt, dass Wertekompetenz erlangen heißt, auszuprobieren, auseinandersetzen, streiten, aushalten, ertragen usw. Stärkung von Eigenmacht und Autonomie und das Unterstützen, Jugendliche ermächtigen etc. sind dabei zentrale Aufgaben Sozialer Arbeit. Die Erfahrungen zeigen aber auch, dass junge Menschen nach Rahmungen und Orientierung suchen. Diese Rahmen und Orientierungshilfen sollten die Akteur*innen, trotz aller Selbstbestimmtheit und Individualisierung, mit den Möglichkeiten der Sozialen Arbeit entwickeln.

Aus den beschriebenen Erkenntnissen und Entwicklungen heraus, ist es einer kleinen Gruppe von Sozialarbeiter*innen aus Berlin, gelungen eine Idee zu entwerfen, die für junge Menschen Möglichkeiten und Handlungsspielräume in ihrer eigenen Lebenswelt anbietet. Im Vordergrund steht hier, die Gelegenheit zu schaffen, ein toleranteres Miteinander gemeinsam einzuüben, auszuprobieren und Vereinbarungen zu gestalten wie ein Zusammenleben in ihrem direkten Alltag aussehen könnte.

Diese entwickelte Projektidee der jungen Initiative, generierte gemeinsam mit jungen Menschen der Schule X ein partizipatorisches Projekt, um eine Vereinbarung für einen respektvollen Umgang zu treffen. Ein Zwischenfall47 im alltäglichen Schulleben der Schule X wirkte sich massiv und nachhaltig auf eine Mehrheit der Schüler*innen aus. Die Forderung nach einer Be- bzw. Aufarbeitung des Vorgefallenen wurde an die Schulleitung herangetragen. Idee der Schüler*innen war es, eine gemeinschaftliche Reaktion auf diesen Vorfall mit einer geeigneten Form der Willensbekundung zu verbinden. Eine gemeinsam gebildete, sogenannte ‚Respektgruppe‘ bestehend aus Schüler*innen und Sozialarbeiter*innen der Schule und einer offenen Jugendfreizeiteinrichtung, wollte nun ein Projekt entwickeln, dass diese Idee gut umsetzt. Freiwilligkeit, tatsächliche Beteiligung Aller, ein geeigneter und nachvollziehbarer transparenter Willensbekundungsprozess und die Dokumentation der Vereinbarung, galten als die wichtigsten Bedingungen. Gemeinsame Werte die Allen im Schulalltag begegnen, sollten auf ihre Universalität und Tauglichkeit geprüft werden und ein gemeinsames theoretisches Verständnis über die gefunden Werte erarbeitet werden. Ziel war es, persönliche Werte, Klassen-, Altersgruppen- und Schulwerte auf Alltagstauglichkeit und Anwendbarkeit im Rahmen der Institution Schule zu überprüfen. Das Zusammenleben in der Schule sollte für alle gleichermaßen Verbindlichkeiten festlegen, die von allen verstanden und getragen werden. Hier entstand die Idee, einen Schulwert zu wählen der für einen festgelegten Zeitraum für alle verbindlich als Verpflichtung gelten sollte. Mit dieser Idee hatten die Schüler*innen vor, einerseits ein deutliches Signal zu setzen und andererseits eine gemeinsame Willensbekundung zu mehr Respekt und Toleranz zu äußern.

Der ausgewählte Wert sollte möglichst a) für alle sichtbar, b) verbindlich vereinbart (Signaturform) c) gleichermaßen verständlich d) mehrheitlich getragen e) demokratisch ermittelt sein.

Die beteiligten Sozialarbeiter*innen hatten getreu ihrer Profession natürlich auch die Wertschätzung für eine solche Auseinandersetzung im Blick und haben Methoden dazu eingebracht. Eine hervorgebrachte Idee war, allen Agierenden am Wertschätzungstag symbolisch ein Puzzleteil zu überreichen. Dadurch sollte deutlich gemacht werden, dass alle Teilnehmer*innen, ein Teil des ‚Ganzen’ sind. Dr. Gregor Gysi (MdB) erhielt an diesem Tag als erster prominenter Unterstützer, ein solches Puzzleteil.

Die Dimension von Partizipation, politischer Bildung und demokratischer Auseinandersetzung im Rahmen von Schule war allen Beteiligten dato so nicht bewusst. Ein spannender und hier noch ausführlich beschriebener Prozess der Willensbildung am Bildungsort Schule nahm seinen erfolgreichen und innovativen Lauf.

3. Demokratie/Demokratieverständnis und theoretische Grundlagen

‚Wenn Du mich nicht willst, verlasse ich Dich. Liebe Grüße Deine Demokratie’.48

Vor dem ‚Verlassen’ wird in diesem Abschnitt der Begriff Demokratie grob erläutert, als Grundlage für die weitergehenden Ausführungen. Hier wird vorwiegend beschrieben, wie eine Demokratie aufgebaut ist und welche Konsequenzen sich aus einer demokratischen Lebensform für die Lebensgestaltung ergeben. Welcher Beitrag muss erbracht werden damit mündige Bürger*innen demokratische Verhaltensweisen kennen und ausüben können? Welches Demokratieverständnis trägt dazu bei, unsere Gesellschaft durch zivilgesellschaftliches Engagement zu gestalten?

Im Allgemeinen können wir davon ausgehen das Individuen vor allem und gerade durch eigene Erfahrungen zu Demokrat*innen werden. Gemeint sind hier Bildungsprozesse in demokratisch gestalteten Lebenswelten bei denen ein demokratischer Habitus erworben und demokratische Überzeugungen entwickelt werden. In dieser Arbeit wird ein Demokratieverständnis an das Konzept einer Partizipatorischen Demokratie angelehnt. Jürgen Habermas hat in seinem deliberativen Demokratiekonzept dazu folgende Überlegungen. Der öffentliche Diskurs ist bei der Idee einer Partizipatorischen Demokratie eine wichtige Grundlage, bei dem er besonderes Augenmerk auf Qualität und Regeln in diesem setzt.

„Dieser soll offen, herrschaftsfrei und fern aller Zwänge ablaufen, sodass die Entscheidungen zuletzt idealerweise nicht durch Befehle oder Mehrheitsvoten, sondern wesentlich durch Einsicht begründet sein könnten, d. h. zumindest durch „eine Form der Willensbildung und Verständigung über öffentliche Angelegenheiten, die ihre legitimierende Kraft aus jener Meinungs- und Willensbildung gewinnt, die die Erwartung aller Beteiligten erfüllen kann, dass ihr Ergebnis vernünftig ist.“49

Hieraus kann nun der Anspruch abgeleitet werden, junge Menschen durch das Angebot einer demokratisch strukturierten Erfahrungswelt zu Demokrat*innen zu erziehen. Ein Anliegen könnte sein, Demokratie als Herzensangelegenheit zu sehen, zu verinnerlichen und Sorge dafür zu tragen, dass sie eine mehrheitsfähige Idee von Zusammenleben bleibt. Eine zweite wichtige Stütze dieser deliberativen Demokratie ist eine verständnisorientierte, qualitative und geregelte Kommunikation, auf die besonderer Wert gelegt wird. Habermas geht davon aus, dass eine so angewendete Kommunikation im öffentlichen Diskurs über politische Themen, die Fähigkeit zugesprochen werden kann, Gemeinwohl zu erzeugen.50 Dazu werden formulierte demokratieförderliche Handlungsziele gebraucht, damit im weiteren Sinne Möglichkeiten und Gelegenheiten geschaffen werden, um Demokratie im Sinne dieser Idee zu realisieren. Das vermitteln von Schlüsselkompetenzen, wie z. B. aktives Zuhören sollen hier als zielführende Aktivitäten, gegenüber den Kritikern dieses beteiligungszentrieten Demokratieansatzes genannt werden. Das Konzept der Partizipatorischen Demokratie soll hier die theoriegeleitete Grundlage bilden.

3.1. Geschichte/ Begriffsbestimmungen/ Definitionen

Der Ursprung der Demokratie entstand ca. 500 - 429 v. Chr. als neues Gesellschaftssystem. In früheren Zeiten wurden Gesellschaften meist von mächtigen und patrialistischen Anführern, Tyrannen oder Königen regiert. Im alten Griechenland entstand nun jedoch ein System das von der Gleichheit und Freiheit aller Bürger*innen als Lebens- und Staatsform ausgeht. Als Grundverständnis wurde von einer Volksvertretung ausgegangen, die sich Demokratia nannte und ‚Herrschaft‘ (kratia) und ‚des Volkes‘ (demos) bedeutet. Die Verfassung, die wir haben [...] heißt Demokratie, weil der Staat nicht auf wenige Bürger, sondern auf die Mehrheit ausgerichtet ist." So definierte der griechische Staatsmann Perikles (circa 500 - 429 v. Chr.) die Demokratie im Athen seiner Zeit.51

In dieser damaligen direkten Demokratie wählten die Bürger*innen keine Vertreter*innen bzw. Repräsentant*innen, die Entscheidungen bzw. Aushandlungen treffen sollten, sondern stimmten selbst über aktuelle sie betreffende Themen ab. Die Idee der sich entwickelten Demokratie leitete nun aus der Freiheit und Gleichheit aller Bürger*innen die Forderung ab, das auf Grundlage einer Verfassung die gewählten Volksvertreter*innen nach dem Willen des Volkes zu agieren und zu regieren haben (ebd.).

Die Verfassung beschreibt und manifestiert u. a. die Hauptaufgaben der staatlichen Machtgestaltung. Diese unterteilt sich in einer Demokratie auf die Gesetzgebung, genannt Legislative, die öffentliche Verwaltung, als Exekutive bezeichnet und die Rechtsprechung als Judikative benannt. Die gebildete Regierung bzw. das Parlament ist die gesetzgebende Gewalt (Legislative) eines Landes und entwickelt und beschließt aus aktuellen Bedarfen heraus Gesetzentwürfe und Gesetze. Aufgabe der von der Regierung unabhängigen Justiz (Judikative) ist es diese Gesetze auszulegen und Recht zu sprechen, indem sie die Judikative auf verfassungsrechtlicher Grundlage Urteile fällt. Die öffentliche Verwaltung (Exekutive) sorgt dafür, dass die Gesetze ausgeführt und eingehalten werden. In aktuellen Debatten der heutigen Zeit, wird oft von einem vierten Organ der Machtausübung gesprochen. Hier wird den öffentlichen Medien eine Rolle in der Demokratie zugeschrieben, die parteienübergreifende Berichterstattungen gewährleisten und allumfassend und für alle verständlich informieren sollen (ebd.).

In der Verfassung ist festgeschrieben, dass diese Organe voneinander unabhängig aber gegenseitig kontrollierend und stabilisierend agieren sollen, dies wird als Gewaltenteilung bezeichnet. Das Vorhandensein unserer Verfassung sichert und gewährleistet damit die Grundrechte aller Menschen der Gesellschaft und sorgt für die unabhängige Gewaltenteilung. Die Volksvertretung (Volkssouveränität) wird gestaltet, durch die Berufung des Volkes per Wahl und der einhergehenden Willensbekundung. In der kurzen Definition wird deutlich, dass der Wille des Volkes die Grundlage einer Demokratie bildet, die auf aktive Beteiligung möglichst vieler Bürger*innen fußt. Um Demokratie erklärend darzustellen, sollen hier Elemente einer Demokratie benannt werden. Rechtsstaatlichkeit, Herrschaftssteuerung, Freiheit, Selbst- und Mitbestimmung und die Anerkennung der Menschenrechte sind elementare Voraussetzungen.52

Drei unterschiedliche demokratische Denkweisen, die aus verschiedenen Denktraditionen entstanden sind und Wert und Sinn von Demokratie thematisieren, werden unterschieden. Zwei werden hier nur namentlich erwähnt, die empirischen Ansätze und die klassischen Ansätze. Die partizipatorischen Ansätze wurden bereits in dieser Arbeit verwendet.53 Als ein Grundbaustein dieser Arbeit soll hier in kurzen Zügen ein partizipatorisches Demokratieverständnis dargestellt werden um die Herleitungen zum DENK - MAL - WERTE Projekt nachvollziehbarer zu gestalten. An diesem Konzept anlehnend ist das Projekt entstanden.

Burk erläutert Ansätze für diese Idee und erklärt eine Herangehensweise und Denkweise für diese Demokratie nicht nur bzw. nur indirekt als Staatsform, sondern eher als mitbestimmende Lebensform (ebd.). Dachs beschreibt das Konzept als Starke Demokratie und beschreibt die Beteiligung als ein „[...] ethisch - normatives Ziel“.54

3.2. Gleichgültigkeit als Beitrag zur Gestaltung der Gesellschaft

Zur Förderung der Entwicklung einer Gesellschaft gehört das Austragen von Konflikten, das Artikulieren von Meinungen z. B. in Form von Protest und auch Gleichgültigkeit gegenüber diesen Prozessen. Notwendigerweise benötigt die Entwicklung gewissermaßen eine solche Gleichgültigkeit, um Diskurse eröffnen und führen zu können. Die Form und Intensität einer solchen Gleichgültigkeit bietet Chancen um Möglichkeiten für die Gestaltung einer Gesellschaft zu entwerfen.

Viele Menschen der Gesellschaft beteiligen sich an politischen Aushandlungen und tragen dadurch aktiv zur Gestaltung bei. Der Anfang wird in der individuellen Lebenswelt gemacht und gelebt. Geht über den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmen hinaus bzw. sieht demokratische Lebensstile und Formen in der Familie als Beitrag für die Gesellschaft an. Grundidee dieser Ansätze sind die Beteiligung möglichst vieler Bürger*innen an öffentlichen Entscheidungen und die aktive Mitwirkung bei der Auflösung von Konflikten jeglicher Art. Grundannahme ist die Entwicklung von Formen und Strukturen, die es ermöglichen, gemeinschaftliche Belange sachlich und gemeinsam zu lösen. Autoritäre Herrschaften sollen durch beteiligende mitbestimmende Demokratie ausgetauscht werden. Indem Demokratie als gesamtgesellschaftliche Aufgabe gedacht und gelebt wird, werden neue und andere Protagonisten im gesamtgesellschaftlichen Rahmen auf den Plan gerufen, um ein partizipatorisches Demokratieverständnis gesamtgesellschaftlich entwickeln und lernen zu können. Um dieses Verständnis als Prozess zu verstehen, umfasst dies natürlich auch Erziehung, Familie und Schule. Eine gewisse Gleichgültigkeit solchen Prozessen gegenüber, regt zum Widerspruch oder zur Entwicklung von Gestaltungsprozessen an.

Unterschiedliche Entwicklungen hinsichtlich politischer oder allgemeiner gesellschaftlicher Teilhabe und Teilnahme werden nun deutlich. Denn für eine lernende und sich immer weiterentwickelnde Gesellschaft und ihre Agierenden, ist es schon eine große Herausforderung auf unterschiedlichen Ebenen, Chancen für die heranwachsenden Generationen zu schaffen und demokratische Teilhabemöglichkeiten zu kreieren. Damit diese auch für die Adressat*innen an ihrer Lebenswelt orientiert und praktisch erlebbar gestaltet sind, sollten entsprechende Angebote bereitgestellt werden. Eine Beschränkung der Teilhabe auf politische Mitwirkung ist hier zu kurz gedacht. Aus soziologischer Sicht, meint Teilhabe vor allem auch Bildungschancen, berufliche Entwicklung und Möglichkeiten zur Erfüllung von Lebensvorstellungen. Hier erscheint es angebracht, die vorangestellten Aussagen und Aspekte in diese Arbeit einzuordnen. Das aufzubringende und zu entwickelnde Verständnis aller Akteur*innen, die eingeforderte Geduld und die Förderung von Entscheidungsprozessen durch das Bereitstellen von Handlungsspielräumen, sind richtige und grundlegende Gedanken. Auch das Aushalten von Protest und das Entstehen von Konflikten, selbst die erwähnte Gleichgültigkeit, gehören zum Prozess einer sich entwickelnden Gesellschaft. Grundlegender Gedanke dieser Arbeit und im Übrigen auch der nach der Idee einer Partizipatorischen Demokratie, ist aber jener, dass die Lebensbedingungen selber demokratisch gestaltet werden. Nur damit können soziale Ungleichheiten, Ausgrenzungen und Diskriminierungen etc. vermieden bzw. abgebaut werden.

Ein wichtiger Aspekt dieser Arbeit und des eben Erwähnten kristallisiert sich nun heraus. Für ein weiterdenkendes, würdevolles und verständnisentwickelndes zivilgesellschaftliches Engagement bedarf es nicht nur eines freien Willens und eines Wollens. Hier ist ein demokratisches und menschenrechtliches Grundverständnis und ein in fundiertes Wissen erforderlich, das sich durch alltägliches soziales Leben in der jeweiligen Lebenswelt entwickelt. Im Projekt DENK – MAL – WERTE wurde mit großer Sorgfalt darauf geachtet, dass es für alle Teilnehmer*innen eine theoretische Wissensvermittlung gibt, die eine positive Selbstwirksamkeitserfahrung bei demokratischen Aushandlungen möglich macht.

3.3. Gestaltung von Demokratie mit jungen Menschen als Herausforderung

Eine Demokratie lebt und entwickelt sich durch unterschiedliche Herausforderungen und Geschehnisse. Eine Grundbedingung im Verständnis des beschriebenen Demokratiekonzeptes, sie lebt und wächst nur durch Beteiligung möglichst vieler Akteur*innen. Die zentralste Form und eine einfach zur Verfügung stehende Möglichkeit der freien Meinungsäußerung und Willensbekundung ist die Wahl. Das wir eine geheime, freie, unmittelbare, allgemeine und gleiche Wahl55 haben, ist gesetzlich verankert. Die Begriffe und ihre inhaltliche Definition sind politisches Wissen, dass junge Menschen für ihre Entwicklung zu demokratischen Gesellschaftsmitgliedern benötigen.

[...]


1 aus der inhaltlichen Beschreibung des Masterstudienganges der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin (KHSB)

2 der Zeitpunkt oder der Ort, an dem etwas angefangen hat, ‚der Ursprung einer Entwicklung‘

3 Als falscher Durchfluss bzw. gefilterter Durchfluss gemeint; z.B. gab es in der Zeit der DDR, Planvorgaben des Wirtschaftsministeriums, den Plan mit 120 % zu erfüllen um wirtschaftliche Stärke nach innen und außen zu demonstrieren. Die Betriebe haben zu 80% ihren Plan erfüllt, da die Gegebenheiten nicht mehr ermöglichten. Um aber nicht in Misskredit bei Partei und Staat zu geraten wurde eine Planerfüllung von 140% gemeldet. Das Ministerium ist darauf hin von sehr guten wirtschaftlichen Verhältnissen ausgegangen.

4 offene Jugendarbeit nach §11 SGB VIII

5 vgl. Elsaßer, Manuela/ Grammelsdorff, Sascha/ Gürke, Sylvia/ Stolzenburg, Ole/ Ullrich Ines 2015

6 vgl. Geuder, H. Christoph/ Grammelsdorff, Sascha/ Hetey, Christian 2017

7 vgl. Straßburger, Gaby/Rieger, Judith 2014

8 „Praxisforschung will die Welt untersuchen, um sie zu verbessern“ vgl. van der Donk, Cyrilla/van Lanen, Bas/Wright, Michael T. 2014

9 Am 05.09.2018 findet in der Aula der KHSB ein Fachtag statt der das beschriebene Projekt auswerten wird.

10 Soziale Arbeit im Verständnis als Menschenrechtsprofession die wissensbasiert Handlungstheorien entwirft.

11 Alternative für Deutschland

12 vgl. welt.de am 24.09.2017 - Das „ehrliche“ Wahlergebnis der Bundestagswahl

13 Artikel 5 des Grundgesetztes für die BRD

14 vgl. www.afd.de Wahlprogramm – Alternative für Deutschland

15 Handlungsfähigkeit im Sinne von: die Fähigkeit besitzen, Aushandlungsprozess durch Kommunikationskompetenz, soziale Kompetenzen etc. mitgestalten zu können

16 vgl. Dachs, Herbert 2008

17 Leitung unterschiedlicher Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe beim Jugendamt Mitte von Berlin

18 meint hier das Desinteresse und negative Haltungen gegenüber „der Politik“

19 YouGov – Umfrage 2017

20 vgl. 17. Shell Jugendstudie 2015

21 vgl. Focus.de 2017

22 van der Donk, Cyrilla/van Lanen, Bas/Wright, Michael T. 2014

23 vgl. Frankfurter Rundschau.de 2017

24 vgl. Democracy Index 2016

25 Artikel 1 des Grundgesetzes: Die Würde des Menschen ist unantastbar.

26 Hackmack, Georg 2014

27 vgl. Der Tagesspiegel 27.03.2018

28 vgl. Dachs, Herbert 2008

29 Erhebungsmethode der empirischen Sozialforschung, bei der thematische Aussagen einer Gruppe im Fokus stehen. Oft als Fokusgruppe bezeichnet.

30 vgl. YFU Studie 2017

31 Frankfurter Allgemeine vom 28.02.2018

32 Am 11.12.2017 wurde ein Rettungssanitäter in Prenzlauer Berg angegriffen, weil sein Rettungswagen einen parkenden PKW blockiert hat. vgl. Berliner Morgenpost vom 12.12.2017

33 vgl. 17. Shell Jugendstudie 2015

34 Weber, Max in Kluge, Alexander 2011

35 Lehmbruch, Gerhard 1968

36 vgl. Dachs, Herbert 2008

37 Schwartz, Shalom H. 1996

38 Rokeach, Milton 1973

39 Stein, Margit 2012

40 Schwartz, Shalomn H. 1994; Stein, Margit 2008

41 Jaspers, Karl 2012

42 Peergroups sind Gruppen von Jugendlichen zwischen 13 – 21 Jahren, die in dieser Phase besonderen Einfluss auf diese haben. (z.B. Banden, Cliquen, Jugendkulturen etc.)

43 Hofstede, Geert 2001; Inglehart, Ronald 1998

44 Klages, Helmut 2002

45 Generalversammlung Vereinte Nationen 1948 (30 Artikel)

46 Dachs, Herbert 2008

47 Androhung einer Gewalttat mit einem Messer

48 Sprichwort: Quelle unbekannt

49 Dachs, Herbert 2008

50 Habermas, Jürgen 1992

51 vgl. politische Bildung Demokratie

52 vgl. Müller, Anselm Winfried 1995

53 vgl. Burk, Karl-Heinz 2003

54 vgl. Dachs, Herbert 2008

55 Artikel 38 des Grundgesetztes der Bundesrepublik Deutschland

Ende der Leseprobe aus 150 Seiten

Details

Titel
Partizipation in der politischen Bildungsarbeit
Untertitel
Das Projekt "DENK - MAL - WERTE" als Beispiel demokratischer Beteiligungsprozesse an Schulen
Hochschule
Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin
Veranstaltung
Schwerpunkt Partizipation und Sozialraumorientierung (PuS)
Note
2,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
150
Katalognummer
V901430
ISBN (eBook)
9783346244833
ISBN (Buch)
9783346244840
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Demokratiebildung, Partizipation, politische Bildung, demokratische Schule, Wertekompetenz, Methoden der sozialen Arbeit, Lebensweltorientierung
Arbeit zitieren
Sascha Grammelsdorff (Autor), 2018, Partizipation in der politischen Bildungsarbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/901430

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