Frauen in der Bundeswehr. Geschlechterbezogene Diskriminierung in militärischen Organisationen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2019

20 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Konstruktion von Geschlecht
2.1. „Gender Studies“
2.2. „Doing Gender“

3. Geschlechterverhaltnisse im Militar
3.1. „Mannlichkeit" im Militar
3.2. „Weiblichkeit“ im Militar
3.3. „Tokenisierung“
3.4. Frauen als Token im Militar?

4. Analyse der Bundeswehr
4.1. „Truppenbild ohne Dame?“
4.2. Geschlechterverstandnis in der Bundeswehr
4.3. Tokenisierung von Frauen in der Bundeswehr

5. Fazit

1. Einleitung

Seid jeher gelten Soldaten in westlichen Gesellschaften als Prototyp eines „richtigen Mannes.“ In kaum einer anderen Institution gibt es solch eine machtvolle mannliche Geschlechtsidentitat und kaum eine andere Institution schafft es so erfolgreich ein sozial konstruiertes Geschlechterbild in der Gesellschaft zu verankern. Deshalb möchte ich mich in dieser Arbeit auf die Konstruktion von Geschlecht in militarischen Organisationen konzentrieren. Im Anschluss daran werde ich mithilfe der Studie „Truppenbild ohne Dame?“ in der Bundeswehr nach Zusammenhangen von konstruierten Geschlechtsidentitaten und der Marginalisierung und Diskriminierung von Frauen in Kampftruppen suchen.

Zuerst werde ich allgemein in das Thema der Konstruktion von Geschlecht einführen. Mithilfe von Therese Steffens Buch „Gender“ über Geschlechterforschung und weiteren Beitragen von Candace West, sowie Regine Gildemeister, werde ich den Genderbegriff und die Thematik des „Doing Gender“, also der durchgehend reproduzierten Konstruktion von Geschlecht, zusammengefasst prasentieren. Im Anschluss daran werde ich explizit auf die Konstruktion von „Mannlichkeiten“ und „Weiblichkeit“ innerhalb und durch das Militar, eingehen. Denn explizit die Rollen von „hegemonialer Mannlichkeit“ und „schwacher Weiblichkeit“ scheinen einen erheblichen Einfluss auf die Legitimation von Geschlechtshierarchien in der Gesellschaft und vor allem auch in militarischen Organisationen zu haben. Somit könnten sie Aufschlüsse über eine Marginalisierung von Frauen innerhalb der Bundeswehr liefern. Ein weiterer wichtiger Begriff zur Beschreibung von Diskriminierung in der Bundeswehr ist der Begriff der „Tokenisierung.“ Deshalb werde ich theoretische Konzepte des „tokenism“ erklaren und ergründen weshalb Frauen innerhalb militarischer Organisationen oft eine Randgruppe bilden. Im Anschluss daran werde ich mit Hilfe der Studie „Truppenbild ohne Dame“ (2014) das Geschlechterverstandnis innerhalb der Bundeswehr beleuchten und überprüfen, ob Frauen in der Bundeswehr ein Token-dasein führen. Somit möchte ich einer geschlechtsbezogenen Diskriminierung innerhalb der Bundeswehr auf den Grund gehen.

Deshalb möchte ich innerhalb dieser Arbeit unterschiedlichen Fragen auf den Grund gehen. Wie wird Geschlecht konstruiert? Wie wird Geschlecht in militarischen Organisationen konstruiert? Welche Geschlechtsidentitaten besitzen innerhalb militarischer Organisationen die gröBte Relevanz? Und vor allem möchte ich mithilfe des vorangegangenem Wissen Erklarungsansatze dafür liefern, weshalb Frauen innerhalb der Bundeswehr oft Diskriminierung erfahren.

2. Das Geschlecht als soziale Konstruktion

2.1. Begriffsklarung „Gender“

Um die Bedeutung von Geschlecht für militarische Organisationen analysieren zu können, müssen zuerst die Grundbegriffe geklart werden. Dazu zahlen die Begriffe „gender“ beziehungsweise „Gender Studies“. (vgl. Steffen 2006:12). Der Beginn der 60iger Jahre lautete die Geburt des sich noch im heutigen Gebrauch befindenen Genderbegriffes ein. Im Jahr 1968 nutzte der Psychologe Robert J. Stoller erstmals den Begriff „gender“ um die biologische Geschlechtsidentitat grammatikalisch von der sozialen Geschlechtsidentitat trennen zu können. Vorher beschrieben Wörterbücher den Genderbegriff grammatikalisch lediglich als biologisch „mannlich“ und „weiblich“ (vgl. Steffen 2006:12).

Im Zuge der Frauenbewegung in den 70iger Jahren wurde der Begriff „gender“ erstmals als sozial konstruierte Geschlechtsidentitat beschrieben und dem Begriff „sex“ als biologisch festgelegte Geschlechtsidentitat, gegenübergestellt. Die sozial konstruierte Geschlechtsidentitat beinhaltet Rollen- und Merkmalserwartungen, welche sich je nach Kultur und Epoche stark wandeln. (vgl. Steffen 2006:13).

Der Begriff „gender“ muss von den Begriffen „sex“ und „sex categorization“ getrennt werden. „Sex“ beschreibt die Vorannahme, dass es nur zwei natürliche biologische Geschlechter gibt. Die Geschlechter sind schnell und eindeutig an essenziellen Kriterien erkenn- und unterscheidbar. In unserem taglichen Leben gehen wir laut Kessler und Mcenna (1978) von der moralischen Gewissheit aus es gebe nur zwei Geschlechter, über die wir Vorannahmen treffen können. Zum Beispiel gehen wir davon aus, dass Manner mannliche Genitalien und Frauen weibliche Genitalien besitzen müssen. (vgl. West 2009:21). Der Begriff „sex categorization“ beschreibt, die als natürlich und als einzig möglich gesehene Einteilung von Menschen in „mannlich“ und „weiblich.“ Dabei wird angenommen, dass alle Menschen „natürlich“ und „normal“ geschlechtlich sein müssen. Somit kann zum Beispiel ein Transvestit, unabhangig vom Verhalten, nur aufgrund der Figur, dem Kleidungsstil und der Frisur als unangezweifelt weiblich gelten. Wir wollen unsere Mitmenschen immer in Geschlechter kategorisieren. Ist die eindeutige Kategorisierung in ein Geschlecht nicht möglich, kann Verwirrung ausgelöst werden und wir nehmen an, dass es beschamend ist, einem Geschlecht nicht eindeutig zugeordnet werden können (vgl. West 2009:21-22). Als letzter Begriff zwischen „sex“ und „sex categorization“ beschreibt „gender“ die sozial konstruierte Vorstellung davon, was als typisch „weiblich“ und was als typisch „mannlich“ gilt. Das können zum Beispiel bestimmte Merkmale und Verhaltensweisen sein (vgl. West 2009:23).

Die modernen Gender Studies konzentrieren sich auf die Relationalitat von Weiblichkeit und Mannlichkeiten. Dabei werden die Geschlechterverhaltnisse als „strukturierte Bedingungen menschlicher Gemeinschaften und Gesellschaften“ analysiert (vgl. Steffen 2006:12). Die zentrale Analysekategorie der Gender Studies erforscht die individuelle und gesellschaftliche Situation von Mannern und Frauen (vgl. Steffen 2006:14). Dabei liegt der Fokus auf der Geschlechterhierarchie (Gleichheit/Ungleichheit der Geschlechter), den Geschlechterrollen und Stereotypen, sowie den Geschlechteridentitaten. Zentral ist dabei die Frage, wie sich Geschlechteridentitaten unter unterschiedlichen soziokulturellen und historischen Bedingungen konstruieren. Dabei wird die Geschlechterdifferenz als soziale Konstruktion gedacht und deshalb auch immer wieder in realen Situationen hergestellt. Somit kommt es immer wieder zu realen Ungleichheiten (vgl. Steffen 2006:14).

Dem Genderbegriff fehlt eine einheitliche und unumstrittene Definition. Jedoch ist die zentrale Übereinkunft in der Frauen- und Geschlechterforschung, dass Geschlecht und Geschlechterverhaltnisse nicht von Natur aus gegeben sind, sondern gesellschaftliche Phanomene sind, welche das Ergebnis und Moment einer sozialen Konstruktion, menschlichen Handelns sind (vgl. Steffen 2006:18).

Die fortlaufende Herstellung von Geschlechtszugehörigkeit wird als „Doing Gender“ beschrieben, welche als Thema des nachsten Kapitels dienen wird.

2.2. „Doing Gender“

Was „mannlich“ und was „weiblich“ ist unterliegt immer einem starken Wandel, welcher das Ergebnis von Gesellschaft und Geschichte ist. In jeder Epoche wandeln sich die Vorstellungen davon, wie sich eine Geschlechteridentitat zusammensetzt. Jedoch wird sie immer als unveranderliche Biologie erklart. Beispielhaft ist die Zahl der weiblichen Studierenden an Hochschulen. Christina von Braun verglich die die Anzahl der weiblichen Studierenden von vor 100 Jahren und zum Zeitpunkt ihrer Untersuchung. Wahrend es aktuell eine einigermaBen gleichmaBige Balance zwischen weiblichen und mannlichen Studierenden gibt, sah die Debatte zur Zulassung von Frauen an Hochschulen um 1900 noch ganz anders aus. Damals wurde nicht mit der kulturellen Zuschreibung von Weiblichkeit argumentiert, sondern mit der biologischen, unveranderlichen Beschaffenheit des weiblichen Körpers. Die angesehensten Wissenschaftler aller Disziplinen waren der Meinung, die kulturell zugeschriebene „Weiblichkeit“ sei biologisch determiniert (vgl. Gildemeister 2005:74).

Als Vorreiterin im Hinterfragen des „Doing Gender“ lasst sich Simone Beauvoir nennen, welche schon im Jahr 1949 fragte: „Was ist eine Frau?“ Ihr Denkansatz legte den Grundstein, um die normative Verankerung von Geschlechteridentitaten zu hinterfragen (vgl. Gildemeister 2005:72). Jedoch dauerte es noch bis zur Frauenbewegung in den 70iger Jahren, bis ihr Ansatz wieder aufgegriffen wurde (vgl. Steffen 2006:12)

Dabei basiert das Konzept des „Doing Gender“ auf den Studien von Kessler und Mcenna (1978) über Transsexuelle (vgl. Steffen 2006:21). Denn nirgendwo anders wird die soziale Konstruktion von Geschlechtsidentitat starker sichtbar, als bei Transsexuellen, welche die als natürlich und normal angesehen Verhaltensweisen des angenommenen Geschlechtes verstehen und adaptieren müssen, um möglichst glaubwürdig und normal zu wirken (vgl. West 2009:20-21). Dabei lasst sich Doing gender definieren als eine fortlaufende Konstruktion von Geschlechtszugehörigkeit und Geschlechtsidentitat, die in „faktisch jeder menschlichen Aktivitat vollzogen wird (vgl. Steffen 2006:21).

Dabei ist wichtig festzuhalten, dass Geschlecht nicht nur auf der individuellen Ebene konstruiert wird, sondern sich vor allem in der sozialen Praxis gestaltet. „performative Akte“ und „konkretes Handeln“, sorgen für die Konstituierung von Geschlecht. Sie haben ihren Ursprung in den Diskursen des Alltags, welche als fortlaufender Prozess von Geschlechterkonstruktion angesehen werden können (vgl. Steffen 2006:23). Dabei ist wichtig festzuhalten, dass bei der Thematisierung von Geschlecht immer die Differenzierung vom jeweils anderen Geschlecht bedeutsam ist. (vgl. Gildemeister 2005:75) Frauen und Manner haben verschieden zu sein. In der Geschlechterforschung wird die unterschiedliche Kategorisierung als „Sameness-Taboo“ beschrieben. Das Gleichheits-Tabu basiert auf der gesellschaftlichen Arbeitsteilung, welche tief im alltaglichen Denken verankert ist (vgl. Gildemeister 2005:76. Eine Kategorisierung nach Geschlecht ermöglicht Vorannahmen (gender status believes), welche in der Gesellschaft und vor allem Arbeitswelt eine groBe Rolle spielen (vgl. Gildemeister 2005:79). Diese Vorannahmen darüber, was „Frauensache“ ist, also welche Berufsfelder am besten zu den weiblichen Attributen passen, bringen den Begriff „Token“ ins Spiel. Wenn eine Frau zum Beispiel nicht in einem gewöhnlich weiblichen Arbeitsbereich, wie zum Beispiel dem Gesundheits-, oder Bildungsbereich tatig ist, steht sie unter einem enormen Legitimations- und Anpassungsdruck. Personen, welche solch einer Minderheit, die unter standiger Beobachtung steht, angehören, werden „Token“ genannt (vgl. Gildemeister 2005:79).

Doing Gender lasst sich nicht vermeiden. Die Ressourcen, um Geschlecht herzustellen sind immer und in jeder sozialen Situation verfügbar. Individuen besitzen im alltaglichen Leben verschiedene Rollen. Die Relevanz der Rollen hangt immer von der sozialen Situation ab. Menschen können zum Beispiel ein Freund, Familienangehöriger, Arbeitgeber, Bürger oder auch alles zu unterschiedlichen Zeiten sein. Im Gegensatz dazu bleiben wir jedoch immer, sofern wir nicht in eine andere Geschlechterkategorie wechseln, „Frau“ oder „Mann“, ganz gleich in welcher sozialen Situation wir uns befinden. Die Identifikation mit dem Geschlecht kann in nahezu jeder sozialen Situation relevant werden. Diese sichtbare Identifikationsmöglichkeit bietet eine immerwahrende Ressource für Doing Gender (vgl. West 2009:25-26). Wenn Geschlechteridentitaten erhalten und kontinuierlich reproduziert werden, bleiben auch bestehende Geschlechterverhaltnisse erhalten und werden legitimiert. Wenn Individuen Gender nicht reproduzieren wollen oder können, können sie als Individuum zur Verantwortung gezogen werden und ihre persönlichen Leitmotive werden hinterfragt (West 2009:30).

3. Geschlechterverhaltnisse im Militar

3.1. Mannlichkeit im Militar (Hegemoniale Mannlichkeit)

Im Zuge der Genderforschung gewann die Kategorie „Mannlichkeit“ an Bedeutung. Für das Militar hat sie jedoch eine ganz besondere Bedeutung. Denn in militarischen Organisationen sind nicht nur hauptsachlich Mannlichkeitsideale anzutreffen, sondern militarische Organisationen tragen auch maBgeblich zur Gestaltung von Mannlichkeitsvorstellungen in der Gesellschaft bei. Die Sozialisierung des Militars von Millionen von Mannern könnte maBgeblich für die Vorstellungen der Gesellschaft von einem dominanten mannlichen Rollenmodell verantwortlich sein. Denn der Prototyp eines Soldaten gilt eigentlich weltweit als das ideale, traditionelle mannliche Rollenverhalten. Das Bild einer Symbiose von Militar und Mannlichkeit ist typisch in westlichen Gesellschaften. Dieses Bild wird auch von popularen militarischen Vorbildern in den westlichen Unterhaltungsmedien genahrt. Innerhalb von Streitkraften entstehen keine einheitlichen „Mannlichkeiten“, sondern eine Reihe von mannlichen Identitaten, welche innerhalb der Verwendungsbereiche variieren (vgl. Barrett 1999:71-72).

Mannlichkeit, als eine Kategorie der Genderforschung, beschreibt somit alle sozialen Gepflogenheiten, Symbole, Diskurse und Ideologien, welche mit „Mann-sein“ verbunden werden (vgl. Barrett 1999:73).

Bei der Beobachtung von „Mannlichkeit“ in militarischen Organisationen ist von besonderem Interesse, wie sich unterschiedliche Mannlichkeiten konstruieren und durch unterschiedliche Machtstrukturen von einander unterscheiden. Dabei ist der Begriff der „hegemonialen Mannlichkeit“ von zentraler Bedeutung. Der Hegemoniebegriff geht dabei auf die Theorie der Klassenbeziehung von Gramscic zurück und bezeichnet jene Prozesse, durch die Gruppen in Gesellschaften Macht erlangen und erhalten. Hegemonie bezeichnet jedoch nicht nur das bloBe Besitzen von Macht, sondern vor allem die in der Gesellschaft als unangezweifelt wahrgenommenen Prozesse, welche das Hegemoniebestreben einer Gruppe als normal und selbstverstandlich wirken lassen (vgl. Barrett 1999:73).

Unter der kombinierten „hegemonialen Mannlichkeit“ wird eine idealisierte Art von Mannlichkeit verstanden. Andere Vorstellungen von Weiblichkeit und anderen Mannlichkeiten werden marginalisiert und ihr untergeordnet. Dabei setzt sich das hegemoniale Ideal von Mannlichkeit aus Unabhangigkeit, Risikofreudigkeit, Aggressivitat, Heterosexualitat und Rationalitat zusammen (vgl. Barrett 1999:73). Um dieses hegemoniale Mannlichkeitsideal zu erreichen, entwickeln Manner unterschiedliche Arten von Mannlichkeit. Denn das vorgegebene Ideal kann nur selten erfüllt werden (vgl. Barrett 1999:74).

Im Militar dient Mannlichkeit als Disziplin. „Jungs“ müssen sich beweisen, zeigen, dass sie ihren „Mann stehen“ können. Dazu gehört die Pflege des auBerlichen Erscheinungsbildes, die Erziehung zur Sauberkeit, penibler Genauigkeit, Respekt vor Dienstgrad und Tradition, sowie die Akzeptanz und Wertschatzung von Gehorsam und Anpassungswillen. Darüber hinaus ist Aggressivitat und Mut erwünscht. Mannlichkeit kann in militarischen Organisationen mit Mut, Harte, Ausdauer, Handlungsbereitschaft, dem Erdulden von Entbehrungen, einer betonten Heterosexualitat, einer emotionslosen Art von Logik und dem Verzicht auf Klagen und Beschwerden bewiesen werden. Mithilfe von Gewaltritualen, Schikane und der Drill-Ausbildung werden die Rekruten auf ihre Mannlichkeit geprüft. Um die „mannlichen Qualitaten“ zu überprüfen, sehen militarische Institutionen Prüfsituationen vor, mit denen die „Schwachen“ vom Rest getrennt werden können (vgl. Barrett 1999:75­76). Zudem helfen „schwache“ Soldaten, welche die Ausbildung abbrechen und somit offensichtlich unfahig waren die Hartetests zu bestehen dabei, „starke“ Soldaten in ihrer „Starke“, „Kompetenz“ und „Zuverlassigkeit“ zu bestatigen (vgl. Barrett 1999:79).

Ihren Wert bekommt Mannlichkeit durch Differenzkonstruktionen. Wenn Mannlichkeit zum Beispiel mit Starke und dem Willen ohne Klagen durchzuhalten, verbunden wird, wird Weiblichkeit mit dem Gegenteil, also Schwache, Klagen und Aufgeben assoziiert (vgl. Barrett 1999.77). Dazu im weiteren Kapitel mehr.

3.2. „Weiblichkeit“ im Militar

Die Entwicklung und der Wandel von Mannlichkeitsdefinitionen verliefen parallel zum Wandel der Identitaten von Weiblichkeit und Homosexualitat. Das Schaffen von Differenzkonstruktionen hilft heterosexuellen Mannern beim Schaffen einer eigenen Identitat. In der Tradition von Streitkraften ist die Identifizierung von Weiblichkeit als etwas „anderes“ mitinbegriffen. „Weibisches Verhalten“, Furcht und Passivitat sind Merkmale, welche in Streitkraften oftmals widerwillig kampfenden Feinden und „schwacheren“ Mitgliedern der eigenen Truppe zugesprochen werden. Rekruten, die sich beschweren, oder klagen, werden das Ziel von geschlechtsbezogenen Beleidigungen. Das Heraussuchen von „weibischem“ Verhalten ist notwendig um die Idealvorstellungen von „mannlichem“ Verhalten zu produzieren und zu reproduzieren (vgl. Barrett 1999:77).

Das Aufnehmen von weiblichen Rekruten in die Armee kann zu einem Konflikt mit dem im Militar propagierten Frauenbild führen. Denn wenn Frauen die Prüfungen und Hartetests, mit denen Mannlichkeit bewiesen wird, bestehen können, würde dies bedeuten, dass das Frauenbild von schwachen, schnell aufgebenden und klagenden Frauen zusammenbrechen könnte. Zurchers (1967) Studie über die Indoktrination von Rekruten in der Grundausbildung bei der Marine können Hinweise auf eine Problemlösung für diesen Widerspruch liefern. Dabei wird deutlich, dass viele mannliche Offiziere versuchen ein schwaches und unprofessionelles Frauenbild aufzubauen. Es werden Geschichten erzahlt und gepflegt, in denen Frauen kapitulieren, zusammenklappen, nachgeben und ausfallen. Frauen sollen nur die Möglichkeit haben die harten Tests zu bestehen, in dem sie Nachlasse bekommen. So berichtet ein Hubschrauberpilot, dass Manner eine 1,80 m hohe Mauer hatten überwinden müssen, wahrend hingegen weibliche Soldaten einfach um die Wand herumlaufen hatten dürfen (vgl. Barrett 1999:79-80).

Frauen werden als „weiche“ Wesen bezeichnet, welche innerhalb der Streitkrafte nichts verloren hatten. Unabhangig vom sorgsam gepflegten Bild der schwachen und kapitulierenden Frau, fühlen sich mannliche Soldaten durch die Anwesenheit von weiblichen Soldaten, in dem Sichern einer mannlichen Identitat gestört. Denn die „patriarchale Mannlichkeitskonstruktion“ führt zu dem Zwang sich im Umgang mit Frauen wie ein „Gentleman“ zu verhalten. Jedoch ist ein wichtiger Faktor für das Sichern von mannlicher Identitat, das „Benehmen wie Jungs“, welches sich in „harter Grobheit“ und ungehobeltem Verhalten auBert. Frauen könnten im Gegensatz zu Mannern keine „Mannlichkeitsdemonstrationen“ aushalten (vgl. Barrett:80)

Somit dient Weiblichkeit, im Vergleich zur mannlichen Hegemonie, zur Legitimation von der Unterordnung der Frau. In westlichen Gesellschaften lernen Jungs, dass ihr Verhalten umso mannlicher ist, je weniger weibliche Merkmale sie verkörpern (vgl. Barrett:88).

Mannlichkeitskonstruktionen und Weiblichkeitskonstruktionen spiegeln sich in der Struktur, den Praktiken, den Werten, den Riten und Ritualen militarischer Organisationen wider. Jedoch tragen sie auch aktiv zur Schaffung geschlechtsspezifischer Identitaten bei (vgl. Barrett:88).

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Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Frauen in der Bundeswehr. Geschlechterbezogene Diskriminierung in militärischen Organisationen
Autor
Jahr
2019
Seiten
20
Katalognummer
V901602
ISBN (eBook)
9783346224590
ISBN (Buch)
9783346224606
Sprache
Deutsch
Schlagworte
frauen, bundeswehr, geschlechterbezogene, diskriminierung, organisationen, Gender, Geschlechterkonstruktion
Arbeit zitieren
Julian Borchard (Autor), 2019, Frauen in der Bundeswehr. Geschlechterbezogene Diskriminierung in militärischen Organisationen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/901602

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