Untergang der Folterkultur als konservative Kulturkritik?

Ein Vergleich zwischen der Bedeutung von Franz Kafkas Figur des Offiziers 'In der Strafkolonie' und Octave Mirbeaus chinesischem Folterer in 'Der Garten der Qualen' als Quelle für Kafka


Seminararbeit, 1999

36 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Quellen als Grundlage für literisches Schaffen: Plagiat oder Inspiration?

2. Gemeinsamkeiten der Vergleichsstellen

3. Kafkaeske Momente bei Mirbeau? Was Kafka an dem Quellentext interessiert.

4. Analyse der konservative Kulturkritik bei Mirbeau
4.1 Erzähltechnik
4.2 Folterkultur als Schönheits-, Todes- und Liebeskult

5. Analyse der konservativen Kulturkritik bei Kafka
5.1 Erzähltechnik
5.2 Das Verfahren des Offiziers als altes System
5.3 Das Verfahren des Offiziers als Groβmetapher für gegenwärtige Zustände. Mögliche Interpretationsansätze
5.3.1 Sado-Masochismus
5.3.2 Der Bürokratie-Komplex in Anlehnung an Alfred Weber
5.3.3 Der allgegenwärtige Vater
5.3.4 Sozialisation des Menschen
5.3.5 Die Wertfreiheit des Wissenschaftlers nach Max Weber

6. Der offene Text als Kennzeichen der Moderne

Bibliographie

1. Quellen als Grundlage für literisches Schaffen: Plagiat oder Inspiration?

In der Literaturgeschichte gibt es unzählige Fälle, in denen sich ein Autor nachweislich auf andere literarische oder nicht-literarische Texte als Grundlage für sein Schaffen stützt. Dies kann ihm in unserem Jahrhundert zum Verhängnis werden, nämlich dann, wenn er des Plagiats bezichtigt wird, das heißt, wenn er fremde Werke oder Teile daraus kopiert und als seine eigene Schöpfung ausgibt. Auch namhafte Autoren sind vor dieser Anklage nicht gefeit, so wurde z.B 1994 ein Text mit dem Titel "Günter Grass ein Plagiator?1 " veröffentlicht und auch Carlos Fuentes, einer der bekanntesten mexikanischen Schriftsteller, ist des nämlichen Übels schon bezichtigt worden. Natürlich schmälert es den Wert eines Werkes ungemein, wenn ein Autor sogar seitenweise von einem anderen abschreibt, wie es etwa Elmar Peter Schilhab getan hat, dessen Buch Ein Mann in Chiapas wie eine billige Copie und Zusammenstellung mehrerer Bücher Travens erscheint2.

Auch Franz Kafkas Erzählung In der Strafkolonie3 stützt sich auf Vorlagen, wobei die literaturwissenschaftliche Forschung gleich drei Quellen zutage gefördert hat, die Kafka bei der Abfassung seiner Erzählung entschieden beeinflusst haben, und zwar Octave Mirbeaus Der Garten der Qualen4, Friedrich Nietzsches Zur Genealogie der Moral5 und Alfred Webers Der Beamte6.

Vor allem die Arbeiten von Hartmut Binder7 haben belegt, dass Kafka auf Grund seiner psychologischen Konstitution sehr stark auf Vorlagen angewiesen war. Vielfältige und oft bis ins Detail gehende Entsprechungen seiner Werke mit denen von Vorgängern untermauern dies.

Doch bedeutet das Umsetzen von Quellentexten immer schon Plagiat? Die Antwort lautet natürlich "nein". Die Aufnahme von Ideen und Motiven aus literaturgeschichtlich früheren oder zeitgenössischen Werken ist aus der Literatur gar nicht wegzudenken. Kein Autor kann die von ihm erschaffenen fiktiven Welten ganz allein aus sich heraus schöpfen; immer ist er auf literarische, geschichtliche oder sonstige Vorbilder angewiesen, denen er sein Material entnimmt und von denen er sich inspirieren lässt. Dabei werden die Vorlagen in der Regel eigenständig umgearbeitet und in das entsprechende Weltbild bzw. die Aussageabsicht des Autors integriert. Aus den entlehnten Elementen entsteht also in einem Umformungsprozess etwas völlig Neuartiges. Denken wir nur an die verschiedenen Bearbeitungen des Faust-Stoffes, oder aber an Plenzdorfs Einflechtung des Werther-Motivs in Die neuen Leiden des jungen Werther.

Ebenso verhält es sich mit Franz Kafka. Er beweist die Fähigkeit, die übernommenen Quellen in seine ganz eigene Welt zu übertragen und dabei sowohl in ästhetischer als auch inhaltlicher Sicht weit über diese hinauszugehen. "Kafka's power of transmutation" nennt Wayne Burns diesen Sachverhalt, und er fügt bezüglich Kafkas literarischen Anleihen hinzu: "Close and numerous as they are, they do not in any sense lessen his artistic achievement [...]"8.

Ausgehend vom Quellentext Der Garten der Qualen von Octave Mirbeau werden wir in der vorliegenden Arbeit untersuchen, welche Elemente Kafka für seine Erzählung In der Strafkolonie daraus übernommen hat und wie er diese verwendet bzw. umformt, um sie für sein eigenes Schaffen fruchtbar zu machen. Dabei interessiert uns insbesondere der Themenkomplex der konservativen Kulturkritik, der in beiden Texten zum Tragen kommt, bei Mirbeau in der Weltanschaung des chinesischen Henkers, bei Kafka in der des Offiziers. Als ersten Schritt werden wir also diejenigen Textstellen vergleichen, die dieses Gedankengut entwickeln und uns dabei sowohl auf erzähltechnische als auch inhaltliche Aspekte stützen. Angesichts der Tatsache, dass Kafka weit über seine Vorlage hinausgreift und die Thematik der Kulturkritik in sehr komplexem Licht erscheinen lässt, sehen wir uns allerdings in einem zweiten Schritt gezwungen, besonders im Fall der kafkaschen Erzählung zwecks einer vielseitigen Beleuchtung der Fragestellung über die einschlägige Textstelle hinauszugehen und die Gesamterzählung mit einzubeziehen, ebenso wie werktranszendente Betrachtungsweisen, das heißt außerliterarische Faktoren, die in dieses eingeflossen sind bzw. in ihm reflektiert werden.

2. Gemeinsamkeiten der Vergleichsstellen

Sehen wir uns zunächst einmal die Stellen an, die wir bei Mirbeau und Kafka vergleichen wollen. Es handelt sich (hauptsächlich, einige Details werden auch aus frühren oder späteren Textstellen entnommen) um die Seiten 105 bis 118 von Im Garten der Qualen, die der Beschreibung und dem Monolog des chinesischen Folterers gewidmet sind, sowie die Seiten 177 bis 178 aus In der Strafkolonie, in denen der Offizier ebenso monologartig dem Forscher seine Weltsicht ausbreitet.

Die Parallelen zwischen beiden Textstellen sind augenfällig. In beiden Fällen ist die Handlung in einen fremden, exotischen Schauplatz verlegt worden. Wird hier die grausame Folterei anderen, außereuropäischen Völkern unterstellt oder wird die Kritik an heimischen Zuständen auf diese Weise nur verfremdet, wie es z.B. in der französischen Klassik üblich war?

Beide Male sind es Ausländer (der europäische Forscher bei Kafka, die Engländerin Clara und der französische Ich-Erzähler bei Mirbeau), die die einheimische Figur motivieren, ihre Weltsicht und ihr Leid in recht redseliger Weise auszubreiten. Und dabei wird jedes Mal die Sprache der Ausländer gesprochen (Französisch bei Kafka, Englisch bei Mirbeau), d.h. die einheimische Figur ist mit der europäischen Kultur vertraut.

Eine weitere Entsprechung sind die klimatischen Verhältnisse. Auf beide Folterstätten brennt eine glühend heiße Sonne nieder und es herrscht eine starke Helligkeit.

Kommen wir nun zu den inhaltlichen Aspekten der jeweiligen Monologe. Sowohl der Offizier bei Kafka als auch der chinesische Folterer bei Mirbeau beklagen sich über den Niedergang der Folterkultur. Sie sind jeweils der letzte Vertreter einer untergehenden Tradition, die von ihren Landsmännern zwar noch toleriert wird, aber auf zunehmendes Unverständnis stösst und keine Unterstützung mehr erfährt. Das Foltern wird dabei in beiden Fällen mit Kunst gleichgesetzt. Der Chinese vergleicht sie mit den Töpfereien, Seidenstickereien und schönen Bildern, die man ebenfalls nicht mehr so wie früher würdige: "Die Kunst, Mylady, besteht darin, dass man zu töten versteht, und zwar nach den Riten der Schönheit, deren göttliches Geheimnis wir Chinesen allein kennen"9, erklärt er Clara. Auch der Klang der Glocke (die allerdings in dieser Passage nicht angesprochen wird) ist sanft und schön. Kafkas Offizier erinnert sich, dass früher "kein Mißston" die Arbeit der Maschine störte und die Schrift auf dem Körper des Gemarterten bezeichnet er als "Verzierung". In beiden Texten ist die Folterzeremonie ein quasi religiöser Akt. Der Chinese spricht von "göttlichem Geheimnis" (ein Buddha schmückt den Garten der Qualen), In der Strafkolonie sind Anspielungen auf die Kreuzigung Christi unübersehbar ("Ausdruck der Verklärung von dem gemarterten Gesicht") und die Hinrichtung gleicht überhaupt einem rituellen Fest, an dem das ganze Volk teilnimmt: "Nun, und dann kam die sechste Stunde! Es war unmöglich, allen die Bitte, aus der Nähe zuschauen zu dürfen, zu gewähren"10.

Henker und Offizier beschweren sich auch bitter darüber, dass ihrem Berufsstand nicht mehr die nötige Ehre und Aufmerksamkeit entgegengebracht wird, und dass heutzutage eine rangniedrige Person diese Tätigkeiten ausführen darf: "Die Henker werden heutzutage Gott weiß wo rekrutiert, es gibt keine Examen, keinen Wettbewerb mehr"11, jammert der Chinese. Und der Offizier: "Was heute ein gemeiner Soldat tun darf, war damals meine, des Gerichtspräsidenten, Arbeit und ehrte mich"12.

Die Exekutionsmaschine des Offiziers ist ein technisch ausgeklügeltes System, dass er wie ein Ingenieur fachmännisch erklärt. Auch der Chinese rückt seine Foltermethoden in die Nähe von wissenschaftlicher Exaktheit, so z.B. wenn er behauptet, dass zur fachgerechten Ausführung des Folterns u.a. "Wissenschaft" nötig sei. Und seine Erfindung der Qual der Ratte basiert auf den "Gestzen der Physiologie"13. Beide setzen übrigens das Ausmaß der Straftat des Verurteilten in keinerlei Beziehung zu der zu erleidenden Qual. Wenn beim Offizier die Schuld einfach immer zweifellos ist und der Verurteilte sein Urteil gar nicht kennen muss, so ist es für den Chinesen nicht einmal notwendig, dass der Gefolterte überhaupt zu etwas verurteilt wurde.

Beide Figuren drücken auch eine gewisse Verachtung gegenüber der europäischen "Dekadenz" aus. "Mich widern alle diese Machenschaften, alle diese neuen Methoden an, die uns unter dem Vorwand der Zivilisation von den Europäern und insbesondere von den Engländern herbeigebracht werden"14 klagt der Henker. Und der Offizier unterstellt dem Forscher, in europäischen Anschauungen befangen zu sein15.

Kurz noch ein paar Worte zu einer sprachlichen Besonderheit der Texte. Sowohl bei Mirbeau als auch bei Kafka wird die Begriffswelt gezielt anders gebraucht, als es unserem herkömmlichen Verständnis entspricht. Was wir als "schrecklich" empfinden, nämlich die Qual eines Menschen, wird von beiden Figuren mit Wörtern besetzt, die etwas Positives ausdrücken. Der Henker spricht von "sehr schönen Vorgang", "außergewöhnliche Leistung", "einer so schönen Arbeit", der "Wunderwelt von Leiden", "wunderbaren Foltern" usw. Und er wettert gegen "die Intrige, der Wettbewerb, die Käuflichkeit, die Verachtung der Rechte, der Abscheu vor dem Schönen"16, die diesen (für uns grausamen) Brauch hemmen. Analog dazu der Offizier. Er spricht von "Lebenswerk", "Ausdruck der Verklärung", "was für Zeiten", "unbegreiflich sanften Flug" der Leiche usw. Den Niedergang dieser Quälerei bezeichnet er dagegen als "Schande". Kontrastierend zu dieser Verherrlichung der Grausamkeit zeichnen sich beide durch eine ausgesprochene Höflichkeit, ja fast Freundlichkeit aus und gehen mit ihren Folterwerkzeugen liebevoll und reinlich um.

3. Kafkaeske Momente bei Mirbeau? Was Kafka an dem Quellentext interessiert

Sicher haben wir es bei Mirbeaus Text nicht mit der rätselhaft verschlüsselten Welt Kafkas zu tun. Vergeblich suchen wir nach Metaphern, alles wird explizit und in aller Deutlichkeit ausgesprochen. Dennoch gibt es hier Elemente, die Kafka ansprachen und die er als geeignet empfand, um sie in seine eigene Arbeit zu integrieren und auszubauen. Was aber hat Der Garten der Qualen, was zu Kafkas Gedankenwelt, sowie zu Themenschwerpunkten und sonstigen Eigenheiten seines Werkes in Bezug gesetzt werden kann?

Da ist zunächst einmal das Foltern als solches. Biographische Zeugnisse belegen, dass Kafka sich persönlich intensiv mit dem Foltern auseinandergesetzt hat17, wobei wir in diesem Zusammenhang nicht klären wollen, ob er sich auf Grund seiner persönlichen Situation gefoltert fühlte, ob er gesellschaftliche Mechanismen als Folterung empfand, oder inwieweit seine Arbeit in der Versicherungsanstalt, bei der er mit von Maschinen verstümmelten Arbeitern zu tun hatte, ihn dazu angeregt haben. Feststeht, dass Mirbeaus Beschreibung von Folterszenen bei dem Marquis de Sade-Leser Kafka auf fruchtbaren Boden fielen.

[...]


1 Rarisch, Klaus M.: Günter Grass ein Plagiator? Hamburg: Robert Wohlleben Verlag 1994 (Meiendorfer Druck 30), 16 unpaginierte Seiten, unaufgeschnitten und ohne Umschlag.

2 vgl. Rall, Dieter: Literatura y etnología: los indios de Chiapas como tema en la narrativa alemana y mexicana. In: Letras Comunicantes. Hg. v. Marlene Rall und Dieter Rall. México, D.F.: UNAM 1996. S. 66.

3 Kafka, Franz: Ein Landarzt und andere Drucke zu Lebzeiten. Originalfassung. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag GmbH 1998, S. 159-195.

4 Mirbeau, Octave: Der Garten der Qualen. Ungekürzte Originalausgabe. München: Wilhelm Heyne Verlag: 1974.

5 Nietzsche, Friedrich: Zur Genealogie der Moral. In: Friedrich Nietzsche: Werke in drei Bänden. Hg. von Karl Schlechta, Bd. 2. München: 1977.

6 Weber, Alfred: Der Beamte. In Die neue Rundschau, XXI ter Jahrgang der freien Bühne, 1910, Band 4. S. 1321-1339.

7 vgl. Lange-Kirchheim, Astrid: Franz Kafka: "In der Strafkolonie" und Alfred Weber: "Der Beamte". In: Germanisch-Romanische Monatsschrift, hg. von Heinz Otto Burger, Neue Folge, Band XXVII 1977, S. 220.

8 Burns, Wayne: 'In the Penal Colony': Variations on a Theme by Octave Mirbeau. In: Accent 17 (1957), Heft 2, S. 49.

9 Mirbeau 1974, S. 109.

10 Kafka 1998, S. 178.

11 Mirbeau 1974, S. 107.

12 Kafka 1998, S. 178.

13 vgl. Mirbeau 1974, S. 114.

14 Mirbeau 1974, S. 108.

15 vgl. Kafka 1998, S. 180.

16 Mirbeau 1974, S. 115.

17 vgl. Norris, Margot: Sadism and masochism in two Kafka Stories: "In der Strafkolonie" and "Ein Hungerkünstler". In: MLN 93, Michigan: John Hopkins University Press 1978, S. 431.

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Untergang der Folterkultur als konservative Kulturkritik?
Untertitel
Ein Vergleich zwischen der Bedeutung von Franz Kafkas Figur des Offiziers 'In der Strafkolonie' und Octave Mirbeaus chinesischem Folterer in 'Der Garten der Qualen' als Quelle für Kafka
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Institut für Neuere Deutsche und Europäische Literatur)
Veranstaltung
Präsenzseminar Kafkas Quellen
Note
1,0
Autor
Jahr
1999
Seiten
36
Katalognummer
V9017
ISBN (eBook)
9783638158336
ISBN (Buch)
9783638676274
Dateigröße
561 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Autorin ist Lehrkraft an der Benemérita Universidad Autónoma de Puebla, Mexiko.
Schlagworte
Folterkultur, Kulturkritik, Quellen, Kafka
Arbeit zitieren
Magister Artium Dorit Heike Gruhn (Autor), 1999, Untergang der Folterkultur als konservative Kulturkritik?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/9017

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