Die Arbeit spürt der Entstehung der nationalsozialistischen Ideologie in den Diskursen der so genannten "völkischen Bewegung" im zweiten deutschen Kaiserreich nach, wobei insbesondere das diffuse Konglomerat sozialdarwinistischer, antisemitischer, rassistischer und nationalromantischer Diskurse sowie die vielfältigen Organisationsformen der "völkischen Bewegung" detailliert untersucht werden.
Im Mittelpunkt stehen diejenigen Organisationen und Strömungen, , in denen die politischen Ziele der völkischen Bewegung eine Überhöhung ins Transzendente erfahren - sei es als "arteigene" Interpretation des Christentums, als Germanenkult oder als esoterische Ariosophie. Die grundlegende These der Arbeit besteht darin, dass das antimoderne Denken, dass auf zahlreichen Wegen zum Gemeingut des deutschen Bürgertums im Kaiserreich wurde, bereits lange vor dem Aufstieg der Nationalsozialisten grundlegende Elemente ihrer Ideologie verfügbar und populär gemacht hatte, so dass der Nationalsozialismus bei seinem Aufstieg zur Macht in der Weimarer Republik auf bereits bestehende Diskurse zurückgreifen konnte, bzw. selbst genealogisch auf diese zurückzuführen ist.
Zugleich wendet sich die Arbeit jedoch auch gegen die These eines "Rückfalls" der völkischen Ideologie hinter die Moderne und verweist statt dessen auf den genuin modernen Charakter der antimodernen Diskurse als dialektischer Teil der Moderne im 19. Jahrhundert.
Dabei greift der Verfasser auf eine umfangreiche und aktuelle Literatur zurück.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Völkische Bewegung und ihre Ideologie
2.1. Völkischer Nationalismus
2.2. Vordenker der Völkischen Bewegung
2.3. Organisationen
a)Alldeutscher Verband
b)Antisemitische Parteien
c) Reichshammerbund
3. Völkische Religiosität
3.1. Quellen der Völkischen Religiosität
3.2. Völkisch-religiöse Gruppen
a)Germanengläubige Gruppen
b)Germanenorden
c) Lanz von Liebenfels und die Neutempler
d)Rudolf von Sebottendorf und die Thule-Gesellschaft
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Völkische Bewegung und ihre Religiosität im deutschen Kaiserreich (1871–1919) unter der zentralen Forschungsfrage, inwieweit diese als eigenständige religiöse Form oder als politisches Phänomen der Sakralisierung antimodernen Denkens zu verstehen ist.
- Die geistesgeschichtlichen Grundlagen der Völkischen Bewegung und ihres Nationalismus.
- Wichtige Vordenker und deren Beitrag zur rassistischen und antisemitischen Ideologie.
- Die Rolle zentraler Organisationen wie dem Alldeutschen Verband und der Thule-Gesellschaft.
- Die Entwicklung und Ausprägung völkisch-religiöser Gruppen und deren Verhältnis zur Moderne.
Auszug aus dem Buch
Wilhelm Marr (1819 – 1904) und der moderne Antisemitismus
1879 gründete der Berliner Journalist Wilhelm Marr, der zuvor seinen Arbeitsplatz wegen anti-jüdischer Hetze verloren hatte, die „Antisemiten-Liga“, die erste Organisation die den von ihm selbst geprägten Begriff des „Antisemitismus“ im Namen und im Programm führte. Bereits einige Jahre zuvor hatte Marr mit seiner Schrift Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum. Vom nicht confessionellen Standpunkt aus betrachtet (1873) ein breites publizistisches Echo erreicht. 1880 trat Marr zudem als Schriftleiter der antisemitischen Zeitung Deutsche Wacht in Erscheinung, mit dem erklärten Ziel „Das deutsche Vaterland vor der vollständigen Verjudung retten“ zu wollen.
Obwohl wenige Jahre zuvor, mit der deutschen Reichsverfassung von 1871, die vollständige rechtliche Gleichstellung der deutschen Juden kodifiziert worden war, leisteten die Schriften Marrs einen nicht unerheblichen Beitrag zum Wiederaufflammen der Judenfeindlichkeit. Während sich die antijüdische Agitation und Diskriminierung jedoch zuvor, wie beispielsweise bei Paul de Lagarde, auf soziale und religiöse Argumentationen gestützt hatte, wurde sie nun von Marr und anderen Publizisten (namentlich genannt seien an dieser Stelle Eugen Dühring und Adolf Wahrmund) mit Hilfe von Argumenten aus der Rassenlehre fortgeführt.
Der Übergang vom traditionellen Antijudaismus zum rassistisch argumentierenden Antisemitismus - die „Umwandlung des Judentums in eine Rasse“ - war deshalb so gravierend, da der Antisemitismus vor dem Hintergrund des sich zeitgleich ausbreitenden Sozialdarwinismus eine naturgesetzliche Dimension erhielt: Die Biologisierung der Judenfeindlichkeit machte eine Emanzipation oder eine Bekehrung durch eine christliche Taufe unmöglich – wer als Jude geboren wurde blieb – biologisch-genetisch – Jude.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Klärung der zentralen Begrifflichkeiten „Völkische Religiosität“ und „Antimodernismus“ sowie Definition des Untersuchungsrahmens und der Forschungshypothese.
2. Die Völkische Bewegung und ihre Ideologie: Skizzierung der geistesgeschichtlichen Grundlagen und Organisationen der Bewegung, die den Rahmen für die Analyse der völkischen Religiosität bilden.
2.1. Völkischer Nationalismus: Untersuchung der Tradition des völkischen Nationalismus und der Mythologisierung des „Volkes“ im 19. Jahrhundert.
2.2. Vordenker der Völkischen Bewegung: Vorstellung einflussreicher Theoretiker wie Gobineau, Lagarde, Marr und Chamberlain, deren Konzepte den völkischen Diskurs maßgeblich prägten.
2.3. Organisationen: Darstellung der strukturellen Vernetzung der Bewegung durch Verbände und Parteien, die als Multiplikatoren völkischer Weltanschauungen dienten.
3. Völkische Religiosität: Analyse der Formierung einer institutionalisierten völkischen Religiosität nach der Jahrhundertwende als integraler Bestandteil der Ideologie.
3.1. Quellen der Völkischen Religiosität: Beleuchtung der Einflüsse von Romantik, Germanenkult und Okkultismus auf die Entstehung völkisch-religiöser Strömungen.
3.2. Völkisch-religiöse Gruppen: Untersuchung spezifischer Gruppierungen und Geheimbünde, deren Weltanschauungen den Übergang in den politischen Radikalismus nach 1918 markieren.
4. Fazit: Zusammenfassende Bestätigung der Hypothese, dass völkische Religiosität keine eigenständige Religion, sondern eine sakralisierte Form des antimodernen politischen Denkens darstellt.
Schlüsselwörter
Völkische Bewegung, Antimodernismus, Völkische Religiosität, Nationalismus, Antisemitismus, Rassenlehre, Sozialdarwinismus, Kaiserreich, Germanenglaube, Thule-Gesellschaft, Alldeutscher Verband, Ariosophie, Politische Religion, Moderne, Ideologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert die „Völkische Religiosität“ in Deutschland zwischen 1871 und 1919. Sie untersucht, ob diese Strömungen als authentische religiöse Ausprägungen oder als ein politisches Phänomen zu verstehen sind, das modernen politischen Zielen eine metaphysische Überhöhung verlieh.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Kernbereichen zählen die geistesgeschichtlichen Wurzeln des völkischen Denkens, die Entwicklung rassistischer Theorien, die Institutionalisierung germanen-religiöser Gruppen und die enge ideologische Verbindung zwischen Antimodernismus und Antisemitismus.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Hauptziel ist es aufzuzeigen, dass die Religiosität innerhalb der völkischen Bewegung als Sakralisierung des Politischen fungierte und als Instrument diente, um gegen die Moderne gerichtete, völkisch-nationalistische Weltanschauungen zu radikalisieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine Literatur- und ideengeschichtliche Untersuchung, in der die Thesen renommierter Historiker (wie Mosse oder Goodrick-Clarke) aufgegriffen und an exemplarischen Akteuren und Organisationen angewandt werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Analyse der ideologischen Grundlagen (Vordenker, Nationalismus) und eine Untersuchung konkreter Organisationen (Alldeutscher Verband, Reichshammerbund) sowie völkisch-religiöser Gruppen (Germanenorden, Thule-Gesellschaft, Neutempler).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die Arbeit wird wesentlich durch Begriffe wie „völkischer Antimodernismus“, „Rassenideologie“, „Sakralisierung des Politischen“, „Germanenverehrung“ und die „Dialektik der Moderne“ charakterisiert.
Welche Rolle spielt der Antisemitismus in der untersuchten Religiosität?
Der Antisemitismus bildete das integrierende Feindbild, das die verschiedenen Facetten der Moderne bündelte. In der völkischen Religiosität wurde er biologisiert, wodurch die Judenfeindlichkeit eine naturgesetzliche Dimension erhielt.
Warum enden die Betrachtungen im Jahr 1919?
Die zeitliche Begrenzung soll den Fokus auf die Entstehungsgeschichte der völkischen Ideologie vor der Gründung der NSDAP legen, um die völkische Religiosität als eigenständiges Phänomen antimodernen Denkens zu betrachten, ohne die spätere Entwicklung zum Nationalsozialismus in den Vordergrund zu drängen.
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- B.A. David Freis (Author), 2006, Völkische Religiosität und Antimodernismus in Deutschland (1871 - 1919), Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/90194