Bedeutung und Perspektiven von Kulturarbeit - Kulturelle Praxis als mögliche Form von Sozialarbeit

Am Beispiel des Bürger- und Kulturzentrums Feuerwache Köln


Diplomarbeit, 1992

78 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

I. Zum Kulturbegriff
1. Abriß über Entstehung und Entwicklung des Kulturbegriffs
1.1 Definition
1.2 Kultur der Romantik
1.3 Kultur im Zeichen der Industrialisierung
1.4. Kultur im Liberalismus der 50er Jahre
1.5 Kulturkritik der 60er und 70er Jahre
1.5.1 Die Kritik am klassisch-bürgerlichen Kulturideal
1.5.2 Kunst als Phänomen ästhetischer Kultur
1.5.3 Die "Massenkultur"
1.6 Die Erweiterung des Kulturbegriffs zur Soziokultur

II. Vom Begriff der Kultur zu Kulturarbeit
1. Vom traditionellen Kulturbegriff zur Idee einer demokratischen Kultur
2. Sinn und Ziel von Kulturarbeit
2.1 Allgemeine Zielsetzung allgemeines Selbstverständnis
2.2 Projekte von Kulturarbeit
2.3 Die Bedeutung des Theaters im Sinne von Kulturarbeit
2.4 Ganzheitlichkeit als Anliegen von sozialer Kulturarbeit
2.5 Das Arbeitsfeld Stadtteil
3. Kulturarbeit als mögliche Form von Sozialarbeit?
4. Die Bedeutung von Kulturarbeit hinsichtlich der Anforderungen der Industriegesellschaft

III. Kulturpolitik
1. Das Anliegen von Kulturpolitik
2. "Soziokultur" als neue Form von Kulturpolitik
2.1 Zum Verständnis neuer Kulturpolitik
2.2 Soziokulturelle Handlungsfelder
2.2.1 "Soziokultur in der kommunalen Kulturarbeit"
2.2.2 "Soziokultur in anderen öffentlichen Einrichtungen"
2.2.3 "Soziokultur in freien Feldern der Kulturarbeit"
3. Kulturpolitische Postulate

IV. Darstellung eines soziokulturellen Projekts,
1. Geschichte und Standort
1.1 Die "Alte Feuerwache" vor 99 Jahren
1.2 Die neue Nutzung
1.3 Das Einzugsgebiet
2. Politik der Alten Feuerwache
2.1 Abriß der politischen Entwicklung
2.2 Die Besonderheit der freien Trägerschaft
2.3 Das Prinzip der Selbstverwaltung
2.3.1 Organisationsstruktur
2.3.2 Ehrenamtliche und hauptamtliche Tätigkeit
3. Inhalte und Ziele
3.1 Zum allgemeinen Selbstverständnis
3.2 "Soziale Praxis"
3.2.1 Gemeinwesenarbeit/Stadtteilarbeit
3.2.1.1 Die Sozialberatung
3.2.1.2 Das Projekt "Wohnen und Leben"
3.2.1.3 Die Geschichtswerkstatt Agnesviertel
3.2.1.4 Die Stadtteilkonferenz Agnesviertel
3.3 Kulturelle Praxis
3.3.1 Die "Alte Feuerwache" als soziokulturelles Zentrum
3.3.2 "Kölner Appell e.V."
- Kultur-, Politik-, Sozialarbeit
4. Themen und Angebote
4.1 NutzerInnengruppen
4.1.1 Werkstätten
4.1.2 Kurse
4.1.3 Kinder
4.1.4 Jugendliche
4.1.5 Andere Bereiche
4.1.6 Veranstaltungsbereich
4.1.6.1 Geschlossene Gruppen
4.1.6.2 Öffentliches Forum
4.1.7 Lokal
4.1.8 Initiativen- und Selbsthilfegruppen
5. "Arc"-Iranisch-deutsches Theater
5.1 Die Entstehungsgeschichte von "ARC"
5.2 Die Tradition des iranischen Theaters
5.3 Themen und Anliegen von "ARC"

V. Schlußwort

Literaturverzeichnis

Vorwort

"Jeder Mensch ist nur so weit Mensch und zugleich Künstler, als er noch das in sich mobilisieren kann, was mit Kreativität, Phantasie, Traum usw. zu tun hat - selbst oder gerade dann, wenn dies dauernd mit der leidvollen Erfahrung von Angst, Vergeblich­keit und Unmöglichkeit zu tun hat. Kreativität, Phantasie, Traum hält BEUYS für die menschlichsten Fähigkeiten, und es ist ihm weniger wichtig, daß diese in Kunst eingehen, als daß sie für alle Menschen eine Herausforderung sind, sich selbst in ihrer alltäglichen Arbeit zu verändern."

(Hoffmann 1979, S. 242)

Bei dieser Arbeit geht es mir darum, Entstehung, Bedeutung und Perspektiven von Kulturarbeit, im Hinblick auf Ihre Möglichkeiten in der modernen Arbeits- und Konsumgesell­schaft, darzustellen.

Die wirtschaftlichen und technologischen Entwicklungen, die Veränderungen in vielen Arbeitsbereichen und damit verbun­den die Arbeitsmarktlage sowie die Belastung von Natur und Umwelt haben die Bedingungen des Gemeinschaftslebens ebenso wie das Bewußtsein der Menschen stark beeinflußt. Daraus resultierende gesellschaftliche Probleme, wie ansteigende Arbeitslosigkeit, soziales Ungleichgewicht sowie die Ge­fährdung der Natur, spiegeln sich in den Ängsten und Pro­blemen der Menschen, aber auch in deren Wertvorstellungen und Verhaltensweisen wider. Gleichzeitig ist eine Verände­rung menschlicher Bedürfnisse eingetreten, die mit einer Veränderung des Kulturverständnisses einhergeht.

Kultur soll nicht mehr nur auf einen Bereich beschränkt, sie soll in allen Lebensbereichen gegenwärtig sein, folg-lich auch im politischen wie im sozialen.

Davon ausgehend möchte ich aufzeigen, inwieweit die Anwen­dung der Konzeption von Kulturarbeit innerhalb der Sozial­arbeit bzw. die Verbindung von Kultur- und Sozialarbeit sinnvoll erscheint. Die praktische Umsetzbarkeit sowie die Möglichkeiten, die sich aus dieser Konzeption ergeben, stelle ich anschließend am Beispiel des Bürger- und Kultur­zentrums "Alte Feuerwache" in Köln dar.

I. Zum Kulturbegriff

1. Abriß über Entstehung und Entwicklung des Kulturbegriffs

1.1 Definition

E. SPRANGER bezeichnete Kultur als "Aufprägung menschlicher Sinngebungen auf die vorgefundene Natur und über sie hin­aus; Inbegriff menschlich-geistiger Werte, aufgeschichtet in jahrtausendelanger Arbeit" (SPRANGER 1953, S. 43).

Ausgehend von der Übersetzung des lateinischen Begriffs "cultura: Pflege (des Körpers und Geistes), >Landbau< zu colere, cultum >bebauen<, >bewohnen<" (Brockhaus 1990, Bd. 12, S. 580), meint Kultur" die Handlungsbereiche, in denen der Mensch auf Dauer angelegte und den kollektiven Sinnzu­sammenhang gestaltende Produkte, Produktionsformen, Lebens­stile, Verhaltensweisen und Leitvorstellungen hervorzubrin­gen vermag (Tradition, Brauchtum) ..." (ebd.).

Bei der Untersuchung des Wortursprungs zeigt sich, daß Kul­tur verschiedene Bedeutungsebenen besitzt:

"die Identifizierung von Kultur mit Gemachtem im Gegensatz zum Nichtgemachten (Kultur - Natur) sowie die Trennung von praktisch-materieller (Bebauung des Bodens) und geistig-ideeller Kultur (religiös-rituelle Praxis, Kultus)" (ebd.).

Die Gegenüberstellung von Kultur und Natur wurde im wesent­lichen mit der Entstehung des Stadtlebens vorgenommen, wel­ches im Gegensatz zum Leben auf dem Lande stehend, gesehen wurde.

Sie gelangte durch die lateinischen Begriffe >civilitas< und >urbanitas< in den europäischen Sprachgebrauch (vgl. ebd.).

Es läßt sich feststellen, daß die begriffliche Bestimmung von Kultur nicht ohne weiteres möglich ist, da es sich um ein sehr altes Wort handelt, das einen vielfachen Bedeu­tungswandel durchlaufen hat und über einen umfangreichen Bedeutungsinhalt verfügt.

1.2 Kultur der Romantik

Friedrich SCHILLER bemerkte 1793 in seinem zweiten Brief an den Prinzen Friedrich Christian von Schleswig-Holstein-Augustenburg über den Zustand der Zeit, in der er sich be-fand: "Jetzt aber herrscht das Bedürfnis und beugt die gesunkene Menschheit unter sein tyrannisches Joch. Der Nutzen ist das große Idol der Zeit, dem alle Kräfte fronen und alle Talente huldigen sollen. Auf dieser groben Waage hat das geistige Verdienst der Kunst kein Gewicht, und, al-ler Aufmunterung beraubt, verschwindet sie von dem lärmen-den Markt des Jahrhunderts" (Zit. SCHILLER 1958, S. 572). Kunst und Kultur stellten demnach Gegengewichte zu den Forderungen von Zweckmäßigkeit und Nützlichkeit dar. Ihre Aufgabe lag darin, diesen Zeiterscheinungen entgegenzu-wirken oder aber diese zu kompensieren. Eine Möglichkeit bot beispielsweise der Rückzug in die Phantasie über Literatur, Kunst und Musik. Dort konnte man Freiheit finden.

Während der romantischen Epoche, die zwischen 1770 und 1830 lag, bestimmten das allgemeine Empfinden Gefühle, wie Weh­mut und Sehnsucht. Man wandte sich dem Geheimnisvollen, Un­bewußten, Imaginären und Naturhaften zu, um die Realität, das Alltägliche, besser ertragen oder vergessen zu können. Die Suche nach Innerlichkeit und Wirklichkeitsferne, nach den geheimnisvollen Kräften der Natur, nach dem Ich, nach Identität, ist als Reaktion auf den Rationalismus und das systematische Denken des 18. Jahrhunderts zu verstehen. Es war vor allem ein Protest der Jugend gegen die Regeln sowie den Konformismus der Gesellschaft. Sie verurteilte den Klassizismus in Kunst und Literatur, der lediglich die Spontaneität und das Schöpferische unterdrückte. Sie stand der Aufklärung entgegen, die den Intellekt überbewertete und dem Fortschritt huldigte. Sie wollte ihren Instinkt als bestimmenden Lebensführer und an zweiter Stelle die Ver­nunft (vgl. CRAIG 1982, S. 216-240).

Dieser sollte ihr die tieferen Wahrheiten vermitteln. Sie fühlte sich unerfüllt und strebte nach der Fülle ihres Selbst, nach Individualität. Der einzelne sollte die Mög­lichkeit haben sich frei zu entfalten und seinen Neigungen nachzugehen.

Eine Möglichkeit der Realisierung von Selbstverwirklichung und Identitätsfindung war die des Reisens. Es diente als Motiv vieler romantischer Bücher. Es war die "Sehnsucht" nach etwas Unerklärlichem und hatte oft mystisch religiöse Bedeutung.

In der Novelle "Aus dem Leben eines Taugenichts" von Joseph von EICHENDORFF wird das Sehnen nach dem Geheimnisvollen, die Suche nach dem Selbst sowie die Hinwendung zur Natur deutlich. Sie handelt von einem jungen Müllerssohn, der in die Welt hinauszieht, um dort sein Glück zu machen. Sein Vater nennt ihn Taugenichts, da er träge und arbeitsscheu ist und schickt ihn weg, weil er ihn nicht mehr gebrauchen kann. Der einzige treue Begleiter des Taugenichts ist seine Geige, die er auf seinen Reisen ständig bei sich trägt. Der Taugenichts besitzt die Freiheit, die eine bürgerliche Ord­nung nicht gewährleisten kann. Er beugt sich weder bedin­gungslos dem Leistungsprinzip der Arbeitswelt noch den Re­geln der Gesellschaft. Er ist Repräsentant der romantischen Jugend. Für EICHENDORFF liegt die Freiheit, die er genießt, in seiner Bindung an Gott. Seine Reisen werden bestimmt von Wanderlust und Gottvertrauen, welche im ersten Lied "Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt ..." (EICHENDORFF 1970, S. 4f) zum Ausdruck kommen. Doch auch die Suche nach neuem Sinn und Inhalt sei­nes Lebens, die wesentlich aus der Ablehnung des Alltägli­chen heraus resultiert, bestimmt den Weg, den er geht. NOVALIS hat es einmal folgendermaßen formuliert: "Nach innen geht der geheimnisvolle Weg. In uns, oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten, die Vergangenheit und Zukunft" (Zitat n. BEST 1981, S. 12).

Bedeutsam ist in diesem Zusammenhang ebenfalls die Popula­rität der Wagneropern. Für Wagner galt die Musik als wahre Sprache der Romantik. Durch sie versetzte er seine Zuhörer­schaft in die Lage, in die Welt des Märchens und somit des Wunderbaren, in welcher er sich "zu Hause" fühlte, einzu­tauchen. Sie stellte für ihn die tiefere Wahrheit dar (vgl. CRAIG 1982, S. 223-230). Hier wird deutlich, daß die Suche nach dem Schönen, Guten und Wahren gleichzeitig zu verste-hen ist als Versuch, ein Lebensideal zu verwirklichen. Die Flucht ins Irreale wird zur Befreiung des Menschen aus den Fesseln der Realität.

Ausgehend von der Auffassung, daß das "Schöne" als höchster Wert und Lebensideal anzustreben sei, zeigt sich Kultur während der Romantik als eine vor allen Dingen ästhetische. Da jedoch Weltauffassung und Lebensgefühl vornehmlich in bestimmten Kreisen, wie zum Beispiel in solchen, worin sich Künstler aufhielten, zum Ausdruck gebracht wurden, fand hier eine Abgrenzung von der Masse statt. Das Dasein des Künstlers wurde von dem des Bürgers getrennt.

FICHTE stellte diesbezüglich in seinem Gedanken an das "zoon politikon" die Forderung an den Staat, die Erziehung des einzelnen zu seiner Sache zu erklären. Die ganzheitli­che Bildung des Menschen, zu der er im besonderen die des Charakters und Willens zählte, stand im Vordergrund seiner Betrachtungen: "Jeder individuelle Mensch kann man sagen, trägt, der Anlage und Bestimmung nach, einen reinen idealistischen Menschen in sich, mit dessen unveränder-licher Einheit in allen seinen Abwechslungen übereinzu-stimmen die große Aufgabe seines Daseins ist" (Zit. n. GLASER 1988, S. 49).

Diese Aussage macht deutlich, daß ein wesentliches Kennzei­chen der Romantik das Bestreben nach Ganzheit war. Damit verband sich das Ziel, individuelle Neigungen und Wünsche aufzufinden und zu realisieren. Es ging den Romantikern also nicht nur um die Flucht ins Irreale und Phantastische, sondern vielmehr um die Verbindung von Polaritäten wie Ge­fühl und Verstand, Realität und die Welt der Phantasie. Einseitigkeit sollte verhindert werden.

1.3 Kultur im Zeichen der Industrialisierung

Im Zuge der Industrialisierung, die Mitte des 19. Jahrhun­derts, auch in Deutschland begann, kam es durch die Aus­breitung und Entwicklung der Naturwissenschaften und der Technik zu einer tiefgreifenden Umgestaltung der Arbeits-, Wirtschafts- und Gesellschaftsverhältnisse. Als Folge der freien Konkurrenzwirtschaft und der Ansammlung des Kapitals in den Händen der vorwiegend bürgerlichen Unternehmer und der Banken sind die daraus resultierenden sozialen Not­stände, wie Arbeitslosigkeit, niedrige Arbeitslöhne, Frauen- und Kinderarbeit sowie politische Benachteiligung zu nennen. Diese Entwicklung führte zu sozialen und politi­schen Kämpfen und schließlich zum Klassenkampf zwischen Ka­pitalisten und Proletariern. Die Entfremdung zwischen der Arbeiterschaft, die sich zu einer politischen Massenbewe­gung organisierte, und dem Staat wuchs. Karl MARX äußerte sich im April 1856 zur Jahresfeier der Chartistenzeitung "The People's Paper", wie folgt zu den Erscheinungen des Industrialismus: "In dem Maße, wie die Menschheit die Natur bezwingt, scheint der Mensch durch andere Menschen oder durch seine eigene Niedertracht unterjocht zu werden Dieser Antagonismus zwischen den Produktivkräften und den gesellschaftlichen Beziehungen unserer Epoche ist eine handgreifliche, überwältigende und unbestreitbare Tatsache" (Zit. n. TAUBES 1969, S. 117). Demnach könnte der techni­sche Fortschritt als gesellschaftlicher Rückschritt gelten. Das Bewußtsein des Menschen wird nun mehr als zuvor von Ma­teriellem, von der Ware, bestimmt. Werte, wie zwischen­menschliche Beziehungen oder Gemeinschaft an sich, verlie­ren an Bedeutung.

Der Mensch "bezwingt" nicht nur die Natur sondern auch (den Menschen) seine eigene Gattung. Er entfremdet sich somit von sich selbst, was sich entsprechend im kulturellen Be­reich zeigt.

Da das Materielle, der Besitz von Gütern und dessen Anhäu­fung, das Denken, bzw. das Bewußtsein des Menschen bestim­men, wird Kultur zum Besitztum. Kultur ist vor allem bür­gerliche Kultur, sprich Privileg. Sie spiegelt zum einen eine gewisse Weltanschauung innerhalb der Gesellschaft wider, zum anderen beeinflußt sie diese. Kultur besitzt also auch politischen Charakter.

WILHELM II sah in ihr die Darstellung und Erhaltung von Idealen. Die höchsten Werte des deutschen Volkes seien darin zum Ausdruck gebracht. Bei der Enthüllung der letzten Gruppe der Denkmäler in der Siegesallee in Berlin am 18.12.1901 verkündete er: "... Uns, dem deutschen Volk, sind die großen Ideale zu dauernden Gütern geworden, wäh­rend sie anderen Völkern mehr oder weniger verloren gegan­gen sind ... Die Pflege der Ideale ist zugleich die größte Kulturarbeit ... Das kann sie nur, wenn die Kunst die Hand dazu bietet, wenn sie erhebt, statt daß sie in den Rinn­stein niedersteigt..." (Zit. n. GLASER 1974, S. 36). Kunst, verstanden als Werkzeug, die derzeit vorherrschenden Ideen und Ideale zum Ausdruck zu bringen, wird Mittel zum Zweck. Kultur dient hier als Rahmen, innerhalb dessen dieses Kunstverständnis sich bewegt. In ihr zeigt sich der Idealismus des "deutschen Volkes", dessen Weltanschauung und Verhalten, welche von den damals Gültigkeit besitzen­den Ideen und Idealen bestimmt werden. Als solche sind Werte, wie die des Mutes, der Stärke, der Vaterlandsliebe, der Gottesfurcht etc. ... zu nennen.

Durch die Folgen des ersten Weltkrieges, wirtschaftlicher Not, Arbeitslosigkeit etc begannen diese Werte ins Wan­ken zu geraten. Die Auseinandersetzung mit Kultur verän­derte sich oder blieb völlig aus. Es kam zur Verherrlichung des Lebens in und mit der Natur. Das Bauerntum wurde zum ideellen Wert. Man lehnte das Leben in den Städten, deren Einflüsse und Wirkungen auf den Menschen, zunehmend ab. Die Städte wurden zu Brutstätten des Bösen, des Materiellen und des Verderbens stilisiert. In dieser Gestimmtheit fand A. HITLER den "idealen" Nährboden für seine "Ideen". Er sah die Kunst als deutsche, nationalsozialistische an, die die "Erhaltung der im Wesen unseres Volkstums lebenden Ewig­keitswerte" (Zit. n. GLASER 1974, S., 37) anzustreben habe. Das "deutsche Blut" und die "deutsche Rasse" wurden zu den wesentlichsten Werten erhoben. Das "Erhaben-sein", "Herrlich-sein", "Hellenisch-sein" , das "Deutsch-sein" und somit "Sauber-sein" wurde zum Inbegriff der nationalso­zialistischen Weltanschauung. Zu den häufigsten Motiven da­maliger Kunstausstellungen zählten Landschaften, Frauen- und Mannestum, Tiere und Bauern (vgl. GLASER 1974, S. 37/38).

Bei der Betrachtung mancher Tendenzen nationalsozialisti­scher Kultur, wie der Hang zum Gefühlvollen, die Suche nach Lebensidealen, die Hinwendung zur Natur etc., könnte der Eindruck erweckt werden, es handle sich um romantische Nei­gungen. Da diese jedoch im Dienste der nationalsozialisti­schen Bewegung standen, scheinen sie höchstens als romanti­scher Abklatsch Geltung zu finden. Hier wurden romantische Ideen als Mittel zu Hitlers Zwecken mißbraucht.

E.G. REICHMANN bemerkte dazu in ihrem Buch "Die Flucht in den Haß", in welchem sie die Ursachen der deutschen Juden­katastrophe untersuchte: "Man kann die Wesenszüge der Ro­mantik, die Hinneigung zum Märchen, zum Unbewußten, Imaginären, Unheimlichen, Geheimnisvollen, Kindertümlichen und Naturhaften, das Fernweh und die Sehnsucht, nur richtig verstehen, wenn man sie unter dem Gesichtspunkt der »Paradoxie Fehler! Verweisquelle konnte nicht gefunden werden. Universalität, Sentimentalität und Ironie, Tag und Nacht, Realität und Surrealität, Frömmigkeit und Nihilismus, nationalistische Literatur und Weltliteratur, indem man Einzelzüge iso­lierte, zerstörte man das Gleichgewicht dieses dialekti­schen Weltbildes vollständig, "Gefühl, Subjektivismus, Irrationalismus wurden überlastig" (Zit. n. GLASER 1974, S. 53).

1.4. Kultur im Liberalismus der 50er Jahre

Im Zuge liberaler Wirtschaftspolitik seit dem Ende der 40er Jahre standen Wettbewerb und Privateigentum als maßgebende Faktoren wirtschaftlicher Motorik im Blickfeld öffentlichen Interesses. Da im kapitalistischen Wirtschaftssystem die Ansammlung von Kapital, also Profitwirtschaft, eines der wesentlichsten Merkmale ausmachte, gewannen Werte, wie Sub­jektivismus, Individualismus sowie Egoismus zunehmend an Bedeutung. Im Sinne des Liberalismus ist die Freiheit des einzelnen als grundlegende Regel des Lebens in der Gemein­schaft anzusehen. Darüberhinaus strebt er die Weiterent­wicklung der Kultur, des Rechts, der Wirtschaft und sozia­len Ordnung, sowie des Menschen selbst an (vgl. BROCKHAUS 1986, Bd. 11. S. 41). Ausgehend von diesen Werten sollte eigentlich der Mensch, als in seiner Person einmalig, mit seinen Fähigkeiten, Eigenschaften und Bedürfnissen im Vor­dergrund der Betrachtungen stehen. Bestimmend waren jedoch Warengüter, ansteigende Produktionen und die Befriedigung materieller Bedürfnisse. Diese Tendenzen machten sich in­nerhalb des Kulturbereichs dadurch bemerkbar, daß das Interesse an Kunstproduktionen und Kultur im allgemein schwand. Bedeutsam war in dieser Zeit jedoch die "Aufklärungsarbeit des Kulturbundes", welcher sich mit dem Ursprung und Wesen des Faschismus auseinandersetzte. Er veranstaltete Diskussionen, in denen es um geschichtliche Entstehungsbedingungen des Faschismus, seine "Vorläufer in der deutschen Geistesgeschichte", die "Wurzeln der Ras­senirrlehre", des "Antisemitismus" etc... ging (vgl. GLASER 1985, S. 334). An diesen Veranstaltungen nahmen Personen teil, für die die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit des deutschen Volkes ebenso wie mit ihrer persönlichen Ver­antwortlichkeit hinsichtlich der geschichtlichen Entwick­lung ihres Kulturkreises von Bedeutung war.

Bemerkenswert ist ebenfalls die geistige und damit litera-rische Entwicklung in Deutschland.

Der soziale sowie politische Bezug literarischer Werke zur Gegenwart war wesentliches Anliegen vieler Schriftsteller. Nachdem die ehemaligen Kriegsgefangenen Hans Werner RICHTER und Alfred ANDERSCH junge Schriftsteller zu einem gemein-samen Treffen eingeladen hatten, bei welchem Vorlesungen gehalten und diese anschließend besprochen wurden, bildete sich die Gruppe 47. Zu dieser Gruppe zählten Persönlichkei-ten, wie Günter GRASS, Siegfried LENZ, Ingeborg BACHMANN, Hans Magnus ENZENSBERGER, Günter EICH und viele mehr.

Sie nahmen starken Einfluß auf die deutsche Literatur, der nächsten zwanzig Jahre. Es ging ihnen darum, die deutsche Literatur, die in der Zeit des Nationalsozialismus so sehr geschändet worden war, wieder aufleben zu lassen und zwar auf einer anderen Grundlage.

Sie setzten sich mit der Bedeutung und den Inhalten sowohl der frühen Vergangenheit als auch der Gegenwart aus-einander. In diesem politischen Engagement zeigte sich deutlich das Verantwortungsbewußtsein der Schriftsteller gegenüber der Gesellschaft.

In diesem Zusammenhang ist auch die Gründung der deutschen Sektion der internationalen Schriftstellervereinigung PEN zu nennen, die ihren Protest bekundete sobald sich in der Öffentlichkeit eine Einschränkung der Freiheitsrechte des einzelnen abzeichnete (vgl. CRAIG 1982, S. 240-252).

1.5 Kulturkritik der 60er und 70er Jahre

1.5.1 Die Kritik am klassisch-bürgerlichen Kulturideal

Als eines der Kennzeichen klassisch-bürgerlichen Kultur­ideals galt im Sinne der Kulturkritik der 60er und 70er Jahre das "Zur-Verfügung-Stehen" von Kultur für eine be­stimmte gesellschaftliche Schicht, nämlich für die soge­nannte "bürgerliche". Diese bürgerliche, meist wohlhabende Schicht, besaß zum einen das Privileg, sich mit Kunst be­schäftigen zu dürfen, zum anderen die finanziellen Mittel, die sie dazu in die Lage versetzte. Die Auseinandersetzung mit dem "Schönen, Wahren und Guten" bestimmte demnach die Schichtzugehörigkeit. Durch ein solches Verständnis von Kultur schien dieselbe von der Entwicklung der Gesellschaft und somit von dem ihr Wesentlichen getrennt zu werden. H. MARCUSE charakterisierte diese Auffassung folgendermaßen: "Unter affirmativer Kultur sei jene der bürgerlichen Epoche angehörige Kultur verstanden, welche im Laufe ihrer eigenen Entwicklung dazu geführt hat, die geistig-seelische Welt als ein selbständiges Wertreich von der Zivilisation abzu­lösen und über sie zu erhöhen. Ihr entscheidender Zug ist die Behauptung einer allgemein verpflichtenden, unbedingt zu bejahenden, ewig besseren, wertvolleren Welt, welche von der tatsächlichen Welt des alltäglichen Daseinskampfes we­sentlich verschieden ist, die aber jedes Individuum >von innen< her, ohne jene Tatsächlichkeiten zu verändern, für sich realisieren kann. Erst in dieser Kultur gewinnen die kulturellen Tätigkeiten und Gegenstände ihre hoch über den Alltag emporsteigende Würde: ihre Rezeption wird zu einem Akt der Feierstunde und der Erhebung" (Zit. n. GLASER 1988, S. 21f).

Bei der zu bejahenden, klassisch-bürgerlichen Kultur han­delte es sich um keine, die sich mit dem alltäglichen Le­ben, dem Leben in der Gesellschaft, das sowohl Sonnen- als auch Schattenseiten beinhaltet, beschäftigte. Die Auseinan­dersetzung mit ihr erfolgte in einem "Akt der Feierstunde", also ausschließlich in angenehmer und vor allem vergeistig­ter Atmosphäre.

Hingegen sollte Kultur eine für jedermann zugängliche, in den Alltag eingefügte Angelegenheit sein. Sie sollte schon im Kindesalter vermittelt und faßbar gemacht werden. Auch die Auseinandersetzung mit Kultur unter dem Blickwinkel ästhetischer Erziehung ist, bezüglich der Gestaltung der Umwelt sowie des unmittelbaren Umfeldes, von Bedeutung. Die Beschäftigung mit Kultur sollte vor allen Dingen emanzipa­torischen Charakter besitzen. Darunter ist zu verstehen, daß mittels Kultur (das schließt auch den Gebrauch kultureller Medien mit ein,) das Bewußtsein des Menschen erweitert bzw. der Mensch offener werden soll für das, was um ihn herum und in der Welt passiert. Als beispielhaftes Werk emanzipatorischen Charakters bezeichnete ADORNO Goethes Werther: "Tedenzlose Werke wie der Werther dürften zur Emanzipation des bürgerlichen Bewußtseins in Deutsch­land erheblich beigetragen haben. Indem Goethe den Zusam­menstoß der Gesellschaft mit dem Gefühl des als ungeliebt sich Erfahrenden bis zu dessen Vernichtung gestaltete, pro­testierte er wirksam gegen die verhärtete Kleinbürgerlich­keit, ohne sie zu nennen" (ADORNO 1969, S. 367).

1.5.2 Kunst als Phänomen ästhetischer Kultur

Durch die zunehmende Technisierung und die damit einherge­hende Beherrschung der Natur, rückt die Beziehung des Men­schen zur Natur sowie deren Abhängigkeit voneinander immer mehr in den Hintergrund der Betrachtungen.

Der Fortschritt gewinnt an Macht, an die sich der Mensch erst einmal ohne Hinterfragung anpaßt. Aus diesem Verhält­nis heraus resultiert eine Ohnmacht, die für den Menschen einen Rückschritt bedeuten kann.

Bei dem Versuch eine "Gegenwelt" zu schaffen, mit deren Hilfe diese Ohnmacht überwunden werden kann, steht nach ADORNO die Versöhnung von Geist und Natur im Vordergrund (vgl. TOMBERG 1973 S. 28/29). Er weist der Kunst diese Auf­gabe zu. Für ihn muß Kunst politisch sein, um einen Beitrag zur Schaffung einer "besseren und schöneren" Welt leisten zu können. Er sieht Kunst in erster Linie als Lernraum für politische Bildung und somit auch als "demokratische Kraft".

Sie sollte verstanden werden als "ästhetische Aktion", die innerhalb der Gesellschaft wirkt, die darüber hinaus Öf­fentlichkeit schafft und Gegebenheiten verändert. Sie soll nicht nur gesellschaftliche Wirklichkeit widerspiegeln oder Schönheit vermitteln.

Ihre wesentlichste Aufgabe besteht folglich darin, den Men­schen die Möglichkeit zu geben, ihre Lebenswelt selbst und aktiv mitzugestalten.

Das Sich-Zum-Ausdruck-Bringen, die Mitgestaltung, Verände­rung sowie das Erkennen von Gegebenheiten und Verhältnissen sind wesentlich.

Ästhetische Kultur soll zum Ziel haben, eine Gesellschaft zu schaffen, die den Menschen ganzheitlich betrachtet und davon ausgehend, seine kreativen Handlungen und Fähigkeiten erfaßt und fördert.

In gleichem Maße soll sie dazu beitragen, ein Bewußtsein zu schaffen, das die Menschen dazu bewegt, zusammenzuarbeiten und gemeinsame Ziele zu verwirklichen.

Kunst im Sinne ästhetischer Kultur erfährt hier eine be­deutsame Erweiterung hinsichtlich ihrer Aufgaben innerhalb der Gesellschaft. Sie beschränkt sich nicht bloß auf die Vermittlung von Genuß und Ästhetik. Sie ist vielmehr zu verstehen als Medium ästhetischer Erziehung, die sowohl auf die Persöhnlichkeitsbildung des Menschen als auch auf seine Wahrnehmungsfähigkeit einfluß nehmen will. Sie verfügt über die Möglichkeit auf die politische Bewußtseinsbildung des Menschen einzuwirken, in dem sie ihm Mittel in die Hand gibt, sich selbst, ebenso wie seine Eingebundenheit in die gesellschaftlichen Verhältnisse, zu hinterfragen.

1.5.3 Die Massenkultur

Durch das stetige Wachstum der Kulturindustrie, zu deren Hauptvertreter Radio und Fernsehen gehören, werden nicht nur Bedürfnisse befriedigt, es werden vor allem neue Be­dürfnisse geschaffen. Es werden einerseits Informationen und Unterhaltung geboten, die die Masse als interessant und angenehm (schon allein der Bequemlichkeit wegen) empfindet. Andererseits wird neue Lust, werden neue Interessen herauf­beschworen (Werbung macht's möglich). Darüber hinaus werden dem Zuschauer bzw. Zuhörer Zerstreuung geboten. Die Sorgen des Alltags finden somit einen Weg, in Vergessenheit zu ge­raten. Das Hilfsverb "werden" verdeutlicht geradezu die Produktion von Passivität. Der einzelne als Teil der Masse verliert zuerst die Lust und später die Energie, aus sich selbst heraus tätig und zwar aktiv-tätig zu sein. Seine Be­deutung als Individuum gerät ins Abseits. Nicht die Bedürf­nisse und Fähigkeiten des einzelnen sind wichtig, sondern vielmehr diejenigen der Masse. Das "Allgemeine" zählt. All­gemeine Tendenzen, allgemeine Wünsche, allgemeine Werte und diese werden dargestellt von denjenigen der Masse. Die Kul­turindustrie manipuliert die Masse, wirtschaftliche Notwen­digkeiten manipulieren wiederum die Kulturindustrie. Nicht zu vergessen ist der Faktor "Isolation", die mit dem Ge-brauch von Medien, wie Radio und Fernsehen entsteht. Der Emfpänger hat nicht die Möglichkeit zu reagieren, d.h. selbst zum Sender zu werden und gerät dadurch in die Position des Isolierten. Es findet lediglich indirekte, einseitige Kommunikation statt. Bertolt BRECHT charakterisierte diesen Zustand folgendermaßen:

"Der Rundfunk wäre der denkbar großartigste Kommunikations-apparat des öffentlichen Lebens, ein ungeheures Kanal-system, das heißt, er wäre es, wenn er es verstünde, nicht nur auszusenden, sondern auch zu empfangen, also den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern in Beziehung zu setzen" (Zit. BRECHT 1967, S. 129).

[...]

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Details

Titel
Bedeutung und Perspektiven von Kulturarbeit - Kulturelle Praxis als mögliche Form von Sozialarbeit
Untertitel
Am Beispiel des Bürger- und Kulturzentrums Feuerwache Köln
Hochschule
Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen
Note
1,3
Autor
Jahr
1992
Seiten
78
Katalognummer
V90201
ISBN (eBook)
9783638042505
Dateigröße
501 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bedeutung, Perspektiven, Kulturarbeit, Kulturelle, Praxis, Form, Sozialarbeit
Arbeit zitieren
Claudia Klein (Autor), 1992, Bedeutung und Perspektiven von Kulturarbeit - Kulturelle Praxis als mögliche Form von Sozialarbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/90201

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