Das Verlangen nach der „Überwindung von unerträglich gewordenen Spannungen“ ist ein sehr altes menschliches Verlangen. Schon immer und in allen Kulturkreisen haben die Menschen nach Möglichkeiten gesucht sich von belastenden Spannungen zu lösen und solche auch gefunden: Sei es durch das Trinken oder Rauchen indischen Hanfs oder das Kauen von Betel. Viele Völker und Stämme setzen sich mit Hilfe von Koffein in erregende Zustände, oder suchen Entspannung in systematischen Atemübungen und/ oder rituellen Gebets-Gesängen.
Im 21. Jahrhundert ist der Drang nach Leistung und Erfolg in der westlichen Gesellschaft stärker als je zuvor. Der Druck, der von der Leistungsgesellschaft auf das Individuum ausgeübt wird, ist enorm. Um in eben dieser Gesellschaft bestehen zu können ist die Fähigkeit zur Überwindung der Spannungen und Belastungen wichtiger denn je. Die Angst des Einzelnen vor dem Altern, vor Müdigkeit, Überforderung, Unvollkommenheit, Aufmerksamkeitsverlust und depressiven Verstimmungen etc. steigt zunehmend an und somit auch die Suche nach Auswegen. Bereits 1932 hat Aldous Huxley solche Auswege gefunden – wenn auch nur in seinem dystopischen Roman „Brave New World“.
Gut siebzig Jahre später sind wir dieser „Schönen neuen Welt“ schon sehr Nahe. Den Neurowissenschaften und der Pharmaindustrie sei Dank. Doch letztendlich muss auch angemerkt werden, dass so genannte „Glückspillen“ wie das Antidepressiva Fluctin® (in den USA bekannt als Prozac®) und/ oder das ADS/ADHS-Medikament Ritalin®, Schönheitsoperationen, Keimbahninterventionen etc. nur deswegen solch einen Boom erfahren konnten und können, da diese „verbessernden“ Maßnahmen - auch Enhancement genannt - den „Nerv der Zeit“ treffen. Der Griff zu leistungs- und wohl-befindlichkeits-steigernden Psychopharmaka wie auch das Bedürfnis sich Schönheitsoperationen zu unterziehen etc. geschieht aus dem Zwang heraus, gesellschaftlich einwandfrei funktionieren und glücklich sein zu müssen.
Im Zuge dieser Arbeit möchte ich versuchen, darzustellen, dass das Thema Enhancement schwierig zu beleuchten und kontrovers zu diskutieren ist. Es gibt hier keine klaren Ansagen, kein klares „Ja“ oder „Nein“ bezüglich Enhancement-Praktiken. Um sich eine Meinung zu bilden und sich für oder gegen Enhancement zu entscheiden, müssen eine Reihe von Fragen gestellt werden und viele Kriterien erfüllt sein.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Begriffserklärung
2.1 Bio-Macht nach Michel Foucault
2.2 Enhancement
2.3 Therapie
2.4 Gesundheit/ Krankheit
3. Unterscheidung von Therapie und Enhancement
4. Argumentation
4.1 Argumente für Enhancement
4.2 Argumente gegen Enhancement
5. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das ethische Konfliktfeld zwischen therapeutischen Maßnahmen und Enhancement. Dabei steht die zentrale Forschungsfrage im Mittelpunkt, wie sich diese beiden Bereiche voneinander abgrenzen lassen und welche moralischen sowie gesellschaftlichen Implikationen mit einer Anwendung von Enhancement-Methoden einhergehen.
- Theoretische Fundierung durch Michel Foucaults Konzept der Bio-Macht
- Analyse der Begriffe Enhancement, Therapie, Gesundheit und Krankheit
- Untersuchung der ethischen Argumente für eine Befürwortung von Enhancement
- Kritische Beleuchtung von Gegenargumenten unter Berücksichtigung sozialer Folgen
- Reflektion über die Rolle der Gesellschaft und die Verantwortung der Medizin
Auszug aus dem Buch
4.2 Argumente gegen Enhancement
Lenk unterscheidet bei seiner Argumentation zwischen Enhancement-Maßnahmen, die sich gegen die Manipulation der Natur/ Schöpfung richten (1), Enhancement bei zustimmungs sowie nicht-zustimmungsfähigen Menschen (2) und Maßnahmen, die an nicht zustimmungsfähigen Menschen durchgeführt werden (3). Argumente, die sich gegen den Eingriff in die Natur resp. die Schöpfung aussprechen, finden in dieser Arbeit aus Platzgründen jedoch keine Berücksichtigung. Eine solche Unterscheidung ist wichtig, da es durchaus Enhancement-Maßnahmen gibt, die ethisch gesehen bei zustimmungsfähigen Menschen gestatten sind, während diese oder andere bei nicht-zustimmungsfähigen Menschen ethisch absolut verwerflich sind. Bei der Ausführung der Argumente soll deshalb immer auch angemerkt werden, in welche der drei Kategorien das gerade aufgeführte Argument fällt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einführung beleuchtet das menschliche Verlangen nach Leistungssteigerung in der modernen Gesellschaft und führt in die Problematik des Enhancements ein.
2. Begriffserklärung: Dieses Kapitel definiert zentrale Begriffe wie Bio-Macht, Enhancement, Therapie sowie Gesundheit und Krankheit als theoretische Basis für die weitere Diskussion.
3. Unterscheidung von Therapie und Enhancement: Hier wird erörtert, wie sich Enhancement-Maßnahmen von therapeutischen Eingriffen abgrenzen lassen, wobei das Konzept der Krankheit im engen bzw. weiten Sinne eine entscheidende Rolle spielt.
4. Argumentation: In diesem Hauptteil werden ethische Pro- und Contra-Argumente gegenübergestellt, wobei Aspekte wie Autonomie, Chancengleichheit und gesellschaftliche Folgen analysiert werden.
5. Resümee: Das Kapitel fasst die gewonnenen Erkenntnisse zusammen und betont die Notwendigkeit einer ethischen Debatte angesichts des fortschreitenden medizinischen Machbaren.
Schlüsselwörter
Bioethik, Biopolitik, Enhancement, Therapie, Bio-Macht, Michel Foucault, Gesundheit, Krankheit, Leistungsgesellschaft, Neuro-Enhancement, Ethik, Menschenwürde, Biotechnik, Chancengleichheit, Diskriminierung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das ethische Spannungsfeld zwischen medizinischer Therapie und sogenannten Enhancement-Maßnahmen, also Techniken zur Verbesserung menschlicher Eigenschaften.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Definition von Gesundheit und Krankheit, die Machtstrukturen in der Gesellschaft nach Foucault sowie ethische Fragen zur Anwendbarkeit von biotechnischen Verbesserungen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Hauptziel besteht darin, die Schwierigkeiten einer klaren Abgrenzung zwischen Therapie und Enhancement aufzuzeigen und die kontroversen ethischen Debatten dazu darzustellen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin stützt sich auf eine theoretische Analyse und Literaturarbeit, insbesondere auf das Werk von Christian Lenk, um die verschiedenen ethischen Argumentationslinien zu strukturieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine begriffliche Klärung, die Erörterung von Unterscheidungskriterien zwischen Therapie und Enhancement sowie eine detaillierte Gegenüberstellung von Argumenten für und gegen Enhancement.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Bioethik, Enhancement, Therapie, Bio-Macht, Gesundheit, Krankheit und das Spannungsfeld der Leistungsgesellschaft.
Warum ist die Unterscheidung zwischen Therapie und Enhancement so schwierig?
Da Gesundheit und Krankheit nicht nur biologische, sondern auch subjektive und soziale Dimensionen haben, verschwimmen die Grenzen, besonders wenn soziale Normen den Wunsch nach Enhancement treiben.
Welche Rolle spielt die Gesellschaft bei der Enhancement-Debatte?
Die Gesellschaft prägt durch Ideale wie Leistungszwang und Schönheitsnormen die Nachfrage nach Enhancement, was die Gefahr einer Stigmatisierung derjenigen erhöht, die diese "Verbesserungen" nicht nutzen oder sich nicht leisten können.
- Quote paper
- Melanie Bilzer (Author), 2007, Konfliktfelder der Bioethik: Enhancement statt Therapie?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/90213