Konfliktfelder der Bioethik: Enhancement statt Therapie?


Seminararbeit, 2007

25 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffserklärung
2.1 Bio-Macht nach Michel Foucault
2.2 Enhancement
2.3 Therapie
2.4 Gesundheit/ Krankheit

3. Unterscheidung von Therapie und Enhancement

4. Argumentation
4.1 Argumente für Enhancement
4.2 Argumente gegen Enhancement

5. Resümee

Literaturverzeichnis
Bücher/ Aufsätze
Internetseiten
Sonstige Quellen

„Ich wollt, ich wär, hilft keinem mehr. Die Medizin: ein Schluck! – ich bin.“

(Aldous Huxley)[1]

1. Einleitung

Das Verlangen nach der „Überwindung von unerträglich gewordenen Spannungen“ ist ein sehr altes menschliches Verlangen. Schon immer und in allen Kulturkreisen haben die Menschen nach Möglichkeiten gesucht sich von belastenden Spannungen zu lösen und solche auch gefunden: Sei es durch das Trinken oder Rauchen indischen Hanfs oder das Kauen von Betel. Viele Völker und Stämme setzen sich mit Hilfe von Koffein in erregende Zustände, oder suchen Entspannung in systematischen Atemübungen und/ oder rituellen Gebets-Gesängen.[2]

Im 21. Jahrhundert ist der Drang nach Leistung und Erfolg in der westlichen Gesellschaft stärker als je zuvor. Der Druck, der von der Leistungsgesellschaft auf das Individuum ausgeübt wird, ist enorm. Um in eben dieser Gesellschaft bestehen zu können ist die Fähigkeit zur Überwindung der Spannungen und Belastungen wichtiger denn je. Die Angst des Einzelnen vor dem Altern, vor Müdigkeit, Überforderung, Unvollkommenheit, Aufmerksamkeitsverlust und depressiven Verstimmungen etc. steigt zunehmend an und somit auch die Suche nach Auswegen.

„Urlaub von der Wirklichkeit nehmen, wann immer man will, und dann wieder in den Alltag zurückkehren, weder von Kopfschmerzen noch von Mythologie geplagt.“

„Sämtliche physiologischen Symptome des Greisenalters sind beseitigt. Und zugleich mit ihnen natürlich auch alle psychischen Eigenheiten alter Menschen. Heutzutage bleibt der Charakter während des ganzen Lebens unverändert.“[3]

„Wir prädestinieren und normen auch. Wenn wir unsere Kleinlinge entkorken, haben sie bereits ihren festen Platz in der Gesellschaft, als Alphas oder Epsilons, als künftige Kanalreiniger [...]“[4]

Bereits 1932 hat Aldous Huxley solche Auswege gefunden – wenn auch nur in seinem dystopischen Roman „Brave New World“.

Gut siebzig Jahre später sind wir dieser „Schönen neuen Welt“ schon sehr Nahe. Den Neurowissenschaften und der Pharmaindustrie sei Dank. Doch letztendlich muss auch angemerkt werden, dass so genannte „Glückspillen“ wie das Antidepressiva Fluctin® (in den USA bekannt als Prozac®) und/ oder das ADS/ADHS-Medikament Ritalin®, Schönheitsoperationen, Keimbahninterventionen etc. nur deswegen solch einen Boom erfahren konnten und können, da diese „verbessernden“ Maßnahmen - auch Enhancement genannt - den „Nerv der Zeit“[5] treffen. Der Griff zu leistungs- und wohl-befindlichkeits-steigernden Psychopharmaka wie auch das Bedürfnis sich Schönheitsoperationen zu unterziehen etc. geschieht aus dem Zwang heraus, gesellschaftlich einwandfrei funktionieren und glücklich sein zu müssen.

Im Zuge dieser Arbeit möchte ich versuchen, darzustellen, dass das Thema Enhancement schwierig zu beleuchten und kontrovers zu diskutieren ist. Es gibt hier keine klaren Ansagen, kein klares „Ja“ oder „Nein“ bezüglich Enhancement-Praktiken. Um sich eine Meinung zu bilden und sich für oder gegen Enhancement zu entscheiden, müssen eine Reihe von Fragen gestellt werden und viele Kriterien erfüllt sein. Dabei wird auch immer wieder auf die Rolle der Gesellschaft in diesem Bereich Bezug genommen. Wie weit das Feld dieser Thematik ist, werde ich im Folgenden versuchen aufzuführen.

Dabei werde ich zu Beginn der Arbeit erst einmal näher auf den Begriff der Bio-Macht von Michel Foucault eingehen (2.1), um ein allgemeines Verständnis von dem Gebiet der Bioethik zu erzeugen. Danach werde ich kurz die Begriffe Enhancement (2.2) und Therapie (2.3) erklären, um im dritten Punkt die Frage zu erörtern, ob Enhancement vom herkömmlichen Therapieverständnis abzugrenzen ist. Zuvor muss jedoch der Begriff der Gesundheit resp. Krankheit näher erläutert werden, was in Punkt 2.4 geschieht. Dann werden einige Argumente für (4.1) und gegen (4.2) Enhancement-Maßnahmen dargestellt, bevor im fünften und letzten Punkt der Arbeit ein Resümee des vorher Aufgeführtem gezogen wird.

2. Begriffserklärung

2.1 Bio-Macht nach Michel Foucault

Der Begriff der Bio-Macht (Biopolitik) ist auf den französischen Philosophen Michel Foucault zurückzuführen. Foucault beschreibt mit diesem Begriff eine neue Form von Machtmechanismus, eine Transformation der Machtverhältnisse also. In einer seinen Vorlesung im Jahre 1976 sagt er, dass eines der wohl grundlegendsten Phänomene des 19. Jahrhunderts die „Vereinnahmung des Lebens durch die Macht“ ist:

„eine Machtergreifung auf den Menschen als Lebewesen, eine Art Verstaatlichung des Biologischen oder zumindest eine gewisse Tendenz hin zu dem, was man die Verstaatlichung des Biologischen nennen könnte.“ (Foucault, S. 276)

Diese Transformation der Machtverhältnisse lässt sich erst dann nachvollziehen, wenn man die klassische Theorie der Souveränität in die Erklärung der Machtergreifung über den Menschen mit einbezieht. Hauptelement dieser Theorie ist das Recht des Souverän über Leben und Tod. Foucault fügt hinzu, dass der Souverän letztendlich das Recht zu töten innehat, denn nur über das Töten kann er seine Macht über das Leben ausüben. Der Souverän hat also das Recht, „sterben zu machen und leben zu lassen“. Seine Macht leitete sich somit über den Tod her.

Dieses Recht wurde im 19. Jahrhundert transformiert – und zwar in eine Macht, die das Recht des Souverän „sterben zu machen und leben zu lassen“ umwandelte in das Recht, „leben zu machen und sterben zu lassen“. Der Fokus dieser neuen Macht liegt nun auf dem Leben.

Ferner beschreibt Foucault die Veränderung der Machttechnologien. Während in der letzten Hälfte des 17. Jahrhunderts bis weit in das 18. Jahrhundert hinein eine so genannte Disziplinartechnik vorherrschte, trat mit Beginn der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine Technik auf, die erstere nicht ersetzen sollte, sondern sie integriert und modifiziert. Die Disziplinartechnik befasste sich weitestgehend mit dem individuellem Körper. Es wurde versucht, die „Nutzkraft“ der Körper mithilfe von Dressur zu verbessern. Die neue Technik hingegen beschäftigte sich nun nicht mehr mit dem „Körper-Mensch“, sondern mit dem lebendigen Menschen, mit – um es in Foucaults Worten zu sagen – dem „Gattungs-Mensch“. Nach Foucault ist diese Abwendung vom „Körper-Menschen“ hin zu einem „Gattungs-Menschen“ die Geburtsstunde der Bio-Macht bzw. Biopolitik. Der Bio-Macht geht es wesentlich um die

„Gesamtheit von Prozesse(n) wie das Verhältnis von Geburt- und Sterberaten, den Geburtenzuwachs, die Fruchtbarkeit einer Bevölkerung usw.“ (Foucault, S. 280)

Den Regierungen wurde gegen Ende des 18. Jahrhunderts bewusst, dass sie es nicht nur mit Untertanen, mit einem Volk zu tun haben – das „Konzept der Bevölkerung“ hielt nun langsam Einzug in das Denken und Handeln. Und eben mit diesem „Auftreten der Bevölkerung“ hat die Bio-Macht/ Biopolitik zu tun:

„Die Bio-Politik hat es mit der Bevölkerung, mit der Bevölkerung als politischem Problem, als zugleich wissenschaftlichem und politischem Problem, als biologischem und Machtproblem zu tun – ich denke, daß dies der Augenblick ist, in dem sie in Erscheinung tritt.“ (Foucault, S. 283)

Diese neue nicht-disziplinäre Machttechnik beschäftigt sich mit der Erfassung des menschlichen Lebens und der biologischen Prozesse der Menschen. Durch erste demographische Erhebungen wird dies möglich. Dabei steht jedoch die Gesamtheit von Prozessen im Mittelpunkt: Das Verhältnis von Sterbe- und Geburtenraten, die Fertilität einer Gesellschaft etc.. Die Biopolitik will mithilfe von Regulationsmechanismen auf die Gründe dieser gesellschaftlichen Phänomene einwirken. Sie hat das Ziel, die Mortalität zu verändern indem die durchschnittliche Lebensdauer verlängert wird, die Geburtenrate zu erhöhen usw.. Durch diese Zielsetzung hat die Biopolitik die Macht erlangt, „leben zu machen“; Sie existiert, um das Leben zu verbessern, zu verlängern und eventuelle Störungen wie Krankheiten und Unfälle zu beseitigen bzw. zu kontrollieren.[6]

Der Begriff der Bioethik hingegen entstand sozusagen als Antwort auf die rasche Entwicklung der biomedizinischen Entwicklungen (deren Vorreiter die Foucaultsche Bio-Macht/Biopolitik darstellt) in den USA um die 1970er Jahre. Im Lexikon der Bioethik wird Bioethik als „ethische Reflexion jener Sachverhalte verstanden, die den verantwortlichen Umgang des Menschen mit dem Leben betreffen“.[7]

Kontrovers diskutiert werden hierbei u.a. die Stammzellenforschung, das Klonen von Tieren, Tierversuche im Allgemeinen, die Pränataldiagnostik/ Abtreibung und die damit verbundenen Fragen nach dem Beginn des menschlichen Lebens, Gendiagnostik, (Neuro-) Enhancement etc..

In dieser Arbeit soll das Konfliktfeld des Enhancement thematisiert werden. Was genau man unter Enhancement zu verstehen hat und ob und inwiefern man dieses Gebiet von therapeutischen Maßnahmen abgrenzen kann wird versucht im Folgenden näher zu erläutern.

2.2 Enhancement

„Enhance“ bedeutet in der deutschen Übersetzung „erhöhen“; unter Enhancement lässt sich also eine „Erhöhung“, „Steigerung“ verstehen. Das Longman Dictionary of Contemporary English gibt folgende Beschreibung für „enhance“: „to improve something“.[8] Mit Enhancement lässt sich also eine Steigerung, Verstärkung und/oder Verbesserung bestimmter Eigenschaften verstehen. Im Lexikon der Bioethik wird der Enhancement-Begriff folgendermaßen definiert:

„Als Enhancement bezeichnet man allgemein einen korrigierenden Eingriff in den menschlichen Körper, durch den nicht eine Krankheit behandelt wird bzw. der nicht medizinisch indiziert ist.“[9]

Die Begriffsbestimmung ist jedoch nicht so einfach abzuhandeln, da nach dieser Definition die Frage offen bleibt, was ein Eingriff korrigieren soll, wenn dieser nicht medizinisch indiziert ist. Schwierig ist hier auch die Auslegung von Gesundheit und Krankheit. Ab wann gilt ein Mensch als krank und wann als gesund?[10] Aber darauf wird im Verlauf dieser Arbeit noch näher eingegangen. Nach Lenk sind Enhancement-Maßnahmen „biotechnische Interventionen, mit denen keine therapeutischen Ziele verfolgt werden“[11] - also eine Verbesserung resp. Erzeugung bestimmter menschlicher Eigenschaften, um sowohl die Leistungsfähigkeit als auch die Lebensqualität zu erhöhen.[12]

Beispiele für solche Enhancement-Maßnahmen wären etwa Operationen der kosmetischen Chirurgie, die Pränataldiagnostik oder die Präimplantationsdiagnostik.

Neben dem genetischen und dem „Body-Enhancement“ gibt es noch das so genannte Neuro-Enhancement. Darunter ist folglich die Verbesserung bzw. die Optimierung des menschlichen Gehirns durch Medikation mit Psychopharmaka zu verstehen. Während die

[...]


[1] Siehe Huxley (2006), S. 112

[2] Vgl. Bröckers (2003), gefunden auf http://www.heise.de/tp/r4/artikel/14/14611/1.html, (21.04.2007)

[3] Siehe Huxley (2006), S. 67f.

[4] Siehe Huxley (2006), S. 30

[5] Siehe Einemann (2003), gefunden auf

http://www.stern.de/wissenschaft/gesund_leben/index.html?id=502934&p=2&nv=ct_cb, (22.04.07)

[6] Vgl. Foucault (1999), S. 276 - 287

[7] Siehe Korff / Beck / Mikat, S. 7

[8] Siehe Langenscheidt-Longman Dictionary of Contemporary English, München, 1995, S.451

[9] Siehe Korff / Beck / Mikat, S. 604

[10] Vgl. Lenk (2002), S. 27

[11] Siehe Lenk (2002), S. 28

[12] Vgl. Handout zum Thema „Therapie oder Enhancement“

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Konfliktfelder der Bioethik: Enhancement statt Therapie?
Hochschule
Universität Augsburg
Veranstaltung
Biopolitik
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
25
Katalognummer
V90213
ISBN (eBook)
9783638044653
ISBN (Buch)
9783638943017
Dateigröße
490 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Konfliktfelder, Bioethik, Enhancement, Therapie, Biopolitik, Neuro-Enhancement, Happy Pills, Schöne neue Welt, Psychopharmaka, Depression, Leistungsgesellschaft, Prozac, Ritalin, Bio-Macht: Foucault, verbessernde Maßnahmen
Arbeit zitieren
Melanie Bilzer (Autor), 2007, Konfliktfelder der Bioethik: Enhancement statt Therapie?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/90213

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