Immaterialität, Herrschaftssicherung und immanenter Widerspruch

Zum Bewusstseinsindustrie-Begriff bei Hans Magnus Enzensberger


Seminararbeit, 2007
12 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Produktion und Vermittlung von Bewußtsein
1.1. Bewußtsein als gesellschaftliches Produkt
1.2. 'Kulturindustrie' und 'Bewußtseins-Industrie'
1.3. Systemkonservativität, Herrschaftssicherung und immanenter Widerspruch: Hauptcharakteristika der Bewußtseins-Industrie.

2. Der Intellektuelle als Produzent

Zusammenfassung

Bibliographie:

Sekundärliteratur:

Einleitung

Als Enzensberger 1962 mit dem Essay "Bewußtseins-Industrie"[1] eine Sammlung kultur- und medienkritischer, zum großen Teil Ende der 50er Jahre entstandener Essays einleitete, schuf er damit einen begrifflichen Rahmen für das breite thematische Spektrum, welches seine zusammengestellten theoretischen Beiträge abdeckten, die sich zwischen Print- und Bildmedienkritik, Medien-Sprachkritik und theoretischen Stellungnahmen zu alltäglichen gesellschaftlichen Bereichen wie dem des Tourismus oder bürgerlichem Konsumverhalten bewegten.

Er erkannte ein sich zwischen diesen einzelnen Bereichen veränderter gesellschaftlicher Kommunikation erstreckendes Netz von Zusammenhängen, das durch die neuen und sich mit hoher Geschwindigkeit weiterentwickelnden elektronischen Bild- und Tonmedien rasch ausweitete. Eine Benennung des Phänomens, die sich nicht mehr auf rein kulturelle Erscheinungen beschränkte, erschien notwendig, ihre genauere Untersuchung als eine Aufgabe des Intellektuellen, der sich als ein sich des Systems eines industriell gefertigten Bewußtseins Bedienender seiner Rolle als ein Eingebundener, jedoch zu kritischer Stellungnahme Verpflichteter zu stellen hatte.

Ziel dieser Arbeit ist es, Enzensbergers Argumentation nachzeichnend, die Charakteristika seines Verständnisses vom Phänomen der "Bewußtseins-Industrie" aufzuzeigen sowie zu untersuchen, inwiefern sich der seiner Begriffsbildung innewohnende Bezug zur 'Kulturindustrie' Th. W. Adornos[2] in ihr manifesiert.

1. Produktion und Vermittlung von Bewußtsein

1.1. Bewußtsein als gesellschaftliches Produkt

Enzensberger leitet seinen Essay mit der deutlich postulierten Abwendung vom Glauben an ein souverän-individuelles, subjektives Bewußtsein des Menschen ein. Diese "zäh verteitigt[e] [...] Illusion"[3] sei Frucht eines "heruntergekommene[n] bürgerliche[n] [...] Idealismus in Hausschuhen"[4] und wird von ihm kontrastiert mit dem Rückbezug auf Marx und dessen Bezeichnung des Bewußtseins als "gesellschaftliches Produkt"[5], somit Ergebnis der sozialen Umwelt des Individuums[6]. Doch sei die institutionelle Vermittlung des gesellschaftlich produzierten Bewußtseins durch die Person eines sichtbaren Einzelnen, den Lehrer, Meister und Priester, bis zum Zeitalter der Industrialisierung "selbstverständlich"[7] und dadurch "unsicht-bar"[8] geblieben. Das industriell vermittelte Bewußtsein erscheint mithin als relativ junges Phänomen, ein "Kind der letzten hundert Jahre"[9] und erst ab diesem Zeitraum als ein problematischer Faktor.

Das zuvor durch die persönliche Präsenz eines einzelnen Vermittlers deutlich gewordene Moment der 'Unsichtbarkeit' gesellschaftlicher Bewußtseins-Induktion erweist sich jedoch als bloß verlagert: was nunmehr den Augen der Beobachter und Kritiker entgeht, was sie als Ganzes "unbegriffen" - und dadurch 'unsichtbar' - bleiben läßt, sei ihre Entfaltung über ein weit gespanntes Spektrum von Lebensbereichen jenseits der bisherigen engen Sichtweise auf Einzelmedien und die ihnen zugrunde liegenden technischen Neuerungen. Eben diese Totalität schaffe eine Notwendigkeit, sie nicht mehr aus rein technologischer Perspektive zum Diskussionsgegenstand zu erklären.

1.2. 'Kulturindustrie' und 'Bewußtseins-Industrie'

Dieselbe Argumentation - eine angesichts des umfassenden Zugriffs industrieller Steuerung des menschlichen Bewußtseins offenbar werdende Unzulässigkeit des fokussierenden Blicks auf Details, Einzelphänomene oder Sparten führt Enzensberger auch zur Ablehnung des Adornoschen 'Kulturindustrie'-Begriffs als einer ohnmächtigen und verharmlosenden Begriffsbildung, die der "Verdrängung dessen, wovon sie zehrt", der stoffgebenden Inhalte der "Philosophie und Musik, Kunst und Literatur", beispringe[10]. Da Bewußtsein sich industriell nur vervielfältigen, nicht produzieren lasse, die Produktion jedoch von einem mit der Gesellschaft in Dialog tretenden, durch kein industrielles Verfahren ersetzbaren Einzelnen geleistet wird - der eben aufgrund des vermittelnden, nicht produktiven Charakters der Bewußtseins-Industrie in "Schutzhaft" und "Reservate" verwiesen wird[11] - erscheint bereits die im Begriff "Kultur" steckende Mahnung an den subjektiven Ursprung des Produktionsvorgangs als eine "Verdunk[elung]" von sich daraus ergebenden "gesellschaftlichen und politischen Konsequenzen"[12].

[...]


[1] Enzensberger, Hans Magnus: Bewußtseins-Industrie. In: Ders.: Einzelheiten I. Bewußtseins-Industrie. Frankfurt am Main 1962, S. 7-17. Der titelgebende Beitrag entstand 1962 als Einleitung der Sammlung, die zum Großteil Radio-Essays des damals v.a. als Lyriker und Rundfunkredakteur tätigen Autors versammelte und Enzensbergers erste kritisch-theoretische Textsammlung darstellt (vgl. S. 206 sowie Jakobi 2001, S. 255).

[2] Enzensberger, der sich selbst als ein 'Schüler' Adornos gesehen hat (vgl. Schultz 1984, S. 237) konnte in den Jahren vor der Erscheinung der "Dialektik der Aufklärung" bei Suhrkamp 1969 und dem "Resumee über Kulturindustrie" 1963 auf die Erstpublikation der "Dialektik der Aufklärung" von 1947 beim Amsterdamer Querido-Verlag zurückgreifen (vgl. hierzu auch Kim 2002, S. 38-39, Petazzi 1983, S. 6 sowie schließlich Adorno 1981, S. 9). Datierungen des Erscheinungsdatums der "Dialektik der Aufkärung" auf 1944, wie sie zuweilen in der Literatur begegnen (so z.B. bei Blum 1986, S. 89), gehen auf die laut Verlagsangaben in eben diesem Jahr in New York veröffentlichte englischsprachige Version zurück. Peitsch erkennt Hinweise auf Enzensbergers Aneignung der Kritischen Theorie Adornos bereits ab 1955 (vgl. Peitsch 1997, S. 243).

[3] Enzensberger 1962, S. 7.

[4] Enzensberger 1962, A.a.o.

[5] Karl Marx: Die deutsche Ideologie, zit. n. Enzensberger 1962, A.a.o.

[6] eine Überzeugung, die auch Eingang in das lyrische Schaffen Enzensbergers gefunden hat und in der Folge zu poetischen Ausdrucksformen für das Subjekt als "Mittäter" (Schlenstedt 1961, S. 111) führte, lebhaft von literaturwissenschaftlicher Seite aufgegriffen: "ein Teil seines Selbst nimmt am 'deutschen Wunder' notgedrungen oder gedankenlos teil, ist Typ des Bundes'bürgers'", der mit seiner ihn umgebendenden Gesellschaft "nicht nur durch das äußere Leben verbunden ist" (Schlenstedt 1961, ebd.).

[7] Enzensberger 1962, S. 8.

[8] Enzensberger 1962, A.a.o.

[9] Enzensberger 1962, A.a.o.

[10] Enzensberger 1962, S. 9.

[11] Enzensberger 1962, A.a.o.

[12] Enzensberger 1962, A.a.o. Frühe kritische Stimmen wollten dieser Bezugnahme auf die 'Kulturindustrie' "eine[...] bloße[...] Variante Adornoscher Begriffsansätze" erkennen, die sich "in Publizistik und Wissenschaft kaum durchsetzen [dürfte]". Der "überdrehte Titel" liefere ein "Beispiel krampfhafter Steigerung" und hätte "zum mindesten einen neuen sprachlichen Ansatzpunkt" gefordert (Siering 1962, S. 158). Spätestens im Zuge der Auseinandersetzung um Enzensbergers 1968 im 'Kursbuch' erschienenen "Baukasten zu einer Theorie der Medien" setzte sich jedoch seine Begriffsildung innerhalb der publizistisch-medientheoretischen wie literarisch-essayistischen Debatte durch.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Immaterialität, Herrschaftssicherung und immanenter Widerspruch
Untertitel
Zum Bewusstseinsindustrie-Begriff bei Hans Magnus Enzensberger
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft)
Veranstaltung
Debatten zur Kulturtheorie
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
12
Katalognummer
V90232
ISBN (eBook)
9783638044769
ISBN (Buch)
9783640204564
Dateigröße
412 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Immaterialität, Herrschaftssicherung, Widerspruch, Debatten, Kulturtheorie
Arbeit zitieren
Anna Panek (Autor), 2007, Immaterialität, Herrschaftssicherung und immanenter Widerspruch, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/90232

Kommentare

  • Stefanie Kennes am 4.5.2010

    In den Fußnoten wird öfter Enzensberger 1962 angegeben. Diese Angabe hätte ich gerade gebraucht, findet sich aber leider im Literaturverzeichnis nicht wieder.

  • Anna Panek am 15.7.2011

    Stefanie, könntest Du so freundlich sein und hinten bitte nochmal genauer nachschauen. Es ist extrem unwahrscheinlich, dass Enze 1962 hinten vergessen wurde. Ich habe mehr Sachen zu Enze gemacht, aber bei keiner war die Liste wirklich knapp, kann also sein, dass Du das hinten übersehen hast, gehe die Titel hinten bitte nochmal durch und schau, was davon 1962 erschienen ist. Außerdem dürftest Du in einer der ersten Fußnoten mit Enze 1962 den Titel genauer finden. Ich mache mich in der Zwischenzeit hier auf die Suche nach der bei mir gespeicherten Version und nenne Dir die Seitenangabe der Fußnote.

  • Anna Panek am 15.7.2011

    (Satzkorrektu, um im post-Gutti-Zeitalter eventuelle Mißverständnisse auszuschließen: "Es ist extrem unwahrscheinlich, dass Enze 1962 hinten vergessen wurde." Sollte sein: "Es ist extrem unwahrscheinlich, dass Enze 1962 von mir hinten vergessen wurde.")

  • Anna Panek am 15.7.2011

    und an der Satzkorrektur oben fehlt ein r.

    DANIEL? Ich brauche eine Edit-Funktion verfl.nochmal...

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