Über Entwicklungsvorgänge der Adoleszenz

Aus Sicht der Feldtheorie und des Symbolischen Interaktionismus nach G.H. Mead


Zwischenprüfungsarbeit, 2007

44 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhlat

1 EINLEITUNG

2 SOZIALPSYCHOLOGIE
2.1 Definition
2.2 Begriffsgeschichte

3 UNTERSCHIEDE
3.1 Sozialpsychologie und Soziologie
3.2 Soziologische Sozialpsychologie und psychologische Sozialpsychologie
3.3 Einordnung
3.3.1 Lewins Biografie
3.3.2 Lewin in der Sozialpsychologie
3.3.3 Meads Biografie
3.3.4 Mead in der Sozialpsychologie

4 ADOLESZENZ
4.1 Definition
4.2 Methodische Probleme
4.3 Adoleszenz aus Sicht der Strömungen
4.3.1 Meads Grundbegriffe
4.3.2 Beschreibung der Entwicklung
4.3.3 Lewins Grundbegriffe
4.3.4 Beschreibung der Entwicklung

5 VERGLEICH DER BESCHREIBUNGEN
5.1 Diskussion der Verhaltensformel

1 Einleitung

In der Lehrveranstaltung „Zur Geschichte der Psychologie: Feldtheorie“, in dessen Rahmen diese Hausarbeit fällt, habe ich zum ersten Mal von Kurt Lewin gehört.

Das hätte mich nicht weiter gewundert, als Student der Soziologie habe ich mich nie mit psychologischen Fragestellungen beschäftigt. Überrascht wurde ich allerdings von der Tatsache, dass Kurt Lewin als wichtige Persönlichkeit der Sozialpsychologie gilt.

Bisher kannte ich die Sozialpsychologie nur als Gebiet in der Soziologie. Immerhin entwickelte der soziologische Klassiker George Herbert Mead in seinen Vorlesungen über Sozialpsychologie den Grundstein einer wichtigen soziologischen Theorie: den Symbolischen Interaktionismus.

Mich beschäftigten folgende Fragen: Wie kann jeweils ein Klassiker der Psychologie und einer der Soziologie als prägende Persönlichkeit dieser Sozialpsychologie gelten? Und warum haben wohl die meisten Studierenden der Soziologie, selbst im fortgeschrittenen Semester, Kurt Lewin nie kennengelernt, obwohl die Sozialpsychologie schon im Grundstudium ausführlich behandelt wird?[1]

In einer ersten Recherche stieß ich auf den Cooley-Mead Award, welcher jährlich von der Social Psychology Section der American Sociological Association vergeben wird. Im Newsletter der Sektion heißt es: „The Cooley-Mead Award, which is given annually, recognizes career contributions to sociological social psychology.“[2]

Offensichtlich gibt es also eine soziologische Sozialpsychologie, welche sich von anderen Sozialpsychologien abgrenzt. Ebenso gibt es eine psychologische Sozialpsychologie, deren Standardlehrbuch „The handbook auf social psychology“[3] heißt. In der dritten Auflage wird der Symbolische Interaktionismus, dessen prägende Persönlichkeit G.H. Mead auch Namensgeber für den oben genannten Preis ist, nicht einmal angeschnitten.[4]

Im amerikanischen Standardwerk der soziologischen Sozialpsychologen „Sociological Perspectives on Social Psychology“[5] hingegen verweisen 28% aller Literaturhinweise auf psychologische Journale.[6]

Pettigrew betont die gemeinsamen Ausgangsannahmen beider Richtungen der Sozialpsychologie:

"Sociological social psychology shares with most psychologists many basic emphases: (a) It rejects unitary trait conceptions; (b) it emphasizes cognitive approaches; (c) it works from a common model of human beings that involves bounded rationality, subjectivity, situational malleability, and reactivity; and (d) like psychological social psychology, it focuses on social interaction and the situation. This explains why those of us trained in both root disciplines feel no conflict in the two approaches”.[7]

Demnach müsste es möglich sein, ein und denselben Tatbestand aus der Sicht beider Richtungen der Sozialpsychologie zu beschreiben. Diesen Versuch unternehme ich mit einer Beschreibung der Entwicklung der Adoleszenz. In erster Linie erhoffe ich mir davon ein genaueres Bild der Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen der Sozialpsychologie Lewins und Meads.

Eine Umfrage aus dem Jahre 1978 läßt erahnen, dass der Unterschied der beiden Hauptströmungen der Sozialpsychologie größer sein muss, als Pettigrew vermuten läßt:

Wilson und Schafer haben eine Umfrage unter amerikanischen Sozialpsychologen der soziologischen und der psychologischen Strömung durchgeführt. Gefragt wurde, welches die für den Befragten wichtigsten sozialpsychologischen Autoritäten seien. Die psychologischen Sozialpsychologen nannten an erster Stelle Lewin (vor Festinger, Schachter - und gleichrangig - Asch, Campbell und Allport.) Die soziologischen Sozialpsychologen nannten an erster Stelle G.H. Mead (vor Goffman, Freud, Homans und Bales. Eine Überschneidung in den Ranglisten gibt es nicht.[8] Selbst Mead und Lewin, als Gewinner ihrer Strömung, wurden bei den jeweiligen Wissenschaftlern aus der anderen Hauptströmung nicht genannt.[9]

Ein Hinweis vorab: G.H. Mead hat sein Konzept der symbolisch vermittelten Interaktion über Jahre im Rahmen einer Vorlesung mit dem Namen „Sozialpsychologie“ entwickelt.[10] Nach Meads Tod übernahm dessen Schüler Herbert Blumer diese Vorlesung. Blumer war es auch, welcher Meads Konzept weiterentwickelte und den Namen „Symbolische Interaktion“ prägte.

Es wäre das Thema einer anderen Hausarbeit zu klären, ob es angemessen ist, in dieser Hausarbeit den Begriff „Symbolische Interaktion“ für das Konzept auf dem Stand von G.H. Mead zu verwenden.

In einem Aufsatz von McPhail und Rexroat wurde dieses Thema 1979 behandelt.[11] Der Artikel ist übertitelt mit: „Mead vs. Blumer: The divergent methodological perspectives of social behaviorism and symbolic interactionism“.

Demnach würde sich die Weiterentwicklung Blumers stark von Meads Konzept unterscheiden.

Blumer reagierte kurze Zeit später in der gleichen Zeitschrift direkt. Seine Überschrift: „Mead and Blumer: The convergent methodological perspectives of social behaviorism and symbolic interactionism”.[12] Darin widerlegt er die Aussagen McPhail und Rexroats überzeugend.

Im Rahmen dieser Hausarbeit verwende ich den Begriff „Symbolischer Interaktionismus“ für das Konzept auf dem Entwicklungsstand von G.H. Mead.

2 Sozialpsychologie

2.1 Definition

Es gibt viele Versuche „Sozialpsychologie“ zu definieren. Diese Versuche würden im Zusammenhang mit dieser Hausarbeit allerdings ins Leere führen. Soziologische Sozialpsychologen definieren ihr Fach anders, als deren Kollegen aus der Psychologie.

Martin Irle, emeritierter Professor für Sozialpsychologie gibt keine Definition ab. Als diplomierter Psychologe, ausgestattet mit einer Habilitation für Soziologie, hat er wohl einen genauen Blick für die Vielschichtigkeit der Sozialpsychologie. Sein Lehrbuch zur Sozialpsychologie beginnt mit einer Verweigerung einer Definition:

„Die Versuchung ist nicht gering, als Auftakt eines Lehrbuches eine Diskussion von Definitionen der Sozialpsychologie zu präsentieren. Traditionell erwarten die Leser von Lehrbüchern solche Definitionen zum Gegenstand einer Wissenschaft: Der Autor steckt sein Revier ab; durch definitorische Kunstgriffe versucht er das Feld seiner Wissenschaft zu verteidigen oder zu erweitern. Auch Haushunde versuchen - oft verzweifelt und vergeblich - durch Duftmarken ihr Revier kenntlich zu machen. Aber bestenfalls akzeptieren nur andere Hunde die Grenzen dieses Revieres. Zum Beispiel sehen Ratten dasselbe Areal aus einer ganz anderen Perspektive. Sie ignorieren die Grenzbestimmungen der Hunde, so wie jene sich nicht um die Revieransprüche der Ratten scheren.

… Es gibt keinen Gegenstand und kein Feld, die einer Wissenschaft allein gehören: “[13]

Der kleinste gemeinsame Nenner aller Richtungen der Sozialpsychologie läßt sich auf folgenden Punkt bringen: „Es geht der Sozialpsychologie um Menschen in ihren Beziehungen zu anderen Menschen.“[14]

Läßt man diese knappe Definition zu, kann man Sozialpsychologie mindestens bis Platon zurückverfolgen. Alle Menschen müssen sich laut seiner Polithea als Teil des Ganzen betrachten und ihre Pflichten für den Staat erfüllen, selbst wenn dies zu individuellen Einschränkungen führt. Diese vermeintlichen Einschränkungen sind nur kurzfristig und führen zum Glücklichsein der Allgemeinheit, was langfristig auf den Einzelnen zurückstrahlt. Platon erklärt diesen Zusammenhang mit einer Analogie aus Seele und Staat. Er teilt die Seele in drei Teile und beschreibt sie analog zu drei Ständen des Staates.

Der Herbertianismus, dessen Begründer Johann Friedrich Herbart ist, denkt ebenfalls in solchen analogen Strukturen. Makroskopische Gesetze sind leichter feststellbar als mikroskopische. Die Herbertianer ziehen Rückschlüsse zwischen beiden Ebenen.[15] Laucken beschreibt diese Gedanken als Grundstein vieler sozialpsychologischer Richtungen, obwohl Herbart den Begriff „Sozialpsychologie“ selbst nie benutzt hat.

Diese Analogiebeziehung stellt einen Zusammenhang zwischen dem makroskopischem Blick auf die Gesellschaft und dem, für die damalige Psychologie klassischen, mikroskopischen Blick auf das Individuum her. Diese Analogie ist somit Voraussetzung für eine Psychologie der Gesellschaft. Ob diese Analogie auch auf Lewins oder Meads Sozialpsychologie zutrifft, wird im weiteren Verlauf der Arbeit geklärt.

2.2 Begriffsgeschichte

Zum ersten Mal wird das Wort „Sozialpsychologie“ nachweisbar Mitte des 19. Jahrhunderts von Carlo Cattaneo (hier: psicologia sociale 1863/64) verwendet.

Gustav Adolph Lindner (1828-1887), Professor für Pädagogik in Prag, brachte ebenfalls ein Werk zum Thema heraus. („Ideen zur Psychologie der Gesellschaft als Grundlage der Sozialwissenschaft“) Dieses Buch erschien zwar erst 1871 in deutscher Sprache, die tschechische Ausgabe soll allerdings älter sein und könnte somit noch vor Carlo Cattaneos „Psicologia sociale“ liegen.[16] Leider ist diese ursprüngliche Version nicht auffindbar.

Im zweiten Teil des angesprochenen Werkes legt Lindner den Entwurf einer Sozialpsychologie vor, welcher sich direkt auf Herbart bezieht. „Die Gesellschaft ist nichts außer den Individuen; ihr Geistesleben kann somit kein anderes sein, als dasjenige, was sich im Einzelbewusstsein ihrer Mitglieder abwickelt“.[17] Damit diese Analogie funktioniert, müssen die geselligen Verknüpfungen eng genug sein, um den gegenseitigen Einfluss zu vermitteln.[18] Der gegenseitige Einfluss wird laut Lindner nicht durch die einzelnen Personen, sondern durch deren kundgetane Vorstellungen (Mitteilungen) gebildet, welche auf geistiger Wechselwirkung beruht.[19] Die Individuuen müssen also ihre Vorstellungen entsprechend austauschen können, damit die Gesellschaft überhaupt ihren eigenen Geist erhält, welcher dann für die Analogie herangezogen werden kann.

Eben dieser Gedanke des Austauschs von Vorstellungen der Individuuen prägt ganz entscheidend G.H. Meads Gesellschaftsbild. Dieser begreift Gesellschaft als einen kommunikativen Prozess, welcher voraussetzt, dass die Mitglieder über Geist und Identität verfügen. Geist und Identität bilden sich innerhalb der Gesellschaft durch symbolisch vermittelte Interaktion und bedingen sich gleichzeitig.[20] Nach Mead ist dieser Gedanke für eine Gesellschaft konstituierend. Am Anfang von Gesellschaft steht für Mead nicht ein Individuum, welcher soziale Beziehungen erst eingehen muss, sondern der „social act“. Damit meint Mead eine komplexe Gruppenaktivität.

Lindner hingegen hält diesen Austausch der Individuuen nur in der modernen Gesellschaft, welche sich wegen ihres „geselligen Verkehrs“ dank zunehmender Zivilisation und Organisation auszeichnet, für gegeben.[21] Während Lindner diesen Austausch nur voraussetzt, sucht Mead nach dem Prozess, welcher diesen Austausch überhaupt ermöglicht.

Ein Kapitel Lindners Werks heißt „Die Sprache als Trägerin des öffentlichen Bewußtseins.“ Darin heißt es:

„Die große Bedeutung der Sprache für die zivilisatorische Entwicklung läßt sich dahingehend präzisieren, daß sie die indiviuellen, von Moment zu Moment und von Individuum zu Individuum wechselnden Seelenzustände fixiert, indem sie dieselben zu allgemeinen Begriffen erhebt und dadurch zu Bestandteilen des gesellschaftlichen Bewußtseins macht.”[22]

Wie ich später noch zeigen werde, entspricht diese Vorstellung von Sprache ziemlich genau Meads Konzept der symbolisch vermittelten Interaktion.

Lindners analogisierende Sozialpsychologie funktioniert methodisch rein deduktiv. Er wendet die Ergebnisse der Individualpsychologie auf die Gesellschaft an. Die Gesellschaft betrachtet er dann sozusagen als eine Person. Von einer wechselseitigen Beeinflussung, wie wir sie bei Lewin und Mead finden, spricht Lindner nicht.

3 Unterschiede

3.1 Sozialpsychologie und Soziologie

Charles A. Ellwood (1873 - 1946) entwickelte ebenfalls eine Sozialpsychologie. Diese war allerdings nicht analog zu Herbart, wie der Entwurf von Lindner, sondern an einer funktionalistischen Individualpsychologie orientiert. Auf Einzelheiten will ich in diesem Rahmen nicht eingehen.

Ellwood war der 14. Präsident der American Sociological Society (heute Association) und gleichzeitig lange Zeit Vorsitzender der dort ansässigen Section for Social Psychologie. Ellwood war offenbar unschlüssig, ob sein Entwurf, der Gegenstand einer „Sozialpsychologie“, einer „Psychologischen Soziologie“ oder einer „Psycho-Soziologie“ sein solle.[23] Womöglich aufgrund seiner Ämter war er sich aber sicher, dass der Gegenstand zum Forschungsgebiet der Soziologie gehört:

"Psychology ... studies the individual and his behavior, while sociology studies the group and its behavior". Da das Verhalten der Individuums aber vom Verhalten der Gruppe abhängt, steht die Soziologie, wenigstens forschungslogisch betrachtet, noch vor der Psychologie:"The psychology of the individual's social behavior becomes dependent, therefore, upon an understanding of the historical social environment in which the individual lives" [24]

Ellwood prognostizierte schon 1912, dass sich der Begriff Sozialpsychologie durchsetzen werde.“ Dass er mit seiner Prognose recht behalten hat, führte dazu, „that the psychochologists have gained administrative control over social psychology in many universities - mainly because ‚social‘ is an adjective and ‚psychology‘ a noun…“.[25] Angemessener erschien Ellwood der Begriff „Psychologische Soziologie“.

Typisch für eine psychologisch anmutende Soziologie ist Emilé Durkheims Klassiker „Der Selbstmord“. In diesem Werk untersucht Durkheim das sehr private Thema Selbstmord aus soziologischer Sicht. Durkheim untersucht nicht den individuellen Fall des Selbstmordes. Es interessiert ihn also nicht, warum die Person X Selbstmord verübte. Diese Frage könnte mit der Psychologie beantwortet werden. Er interessiert sich lediglich für die Summe aller Selbstmorde innerhalb einer Gesellschaft als Ganzes. Durkheim beweist, dass diese Summe nicht auf außergesellschaftliche Faktoren zurückzuführen ist. Damit belegt er gleichzeitig, dass selbst der so intime Selbstmord ein soziologischer Tatbestand ist.

Laucken fasst Durkheims wichtigstes Argument für die Eigenständigkeit der Soziologie gegenüber der Psychologie wie folgt zusammen:

Zwar ist es richtig, daß die Gesellschaft aus menschlichen Individuen zusammengesetzt ist und daß die Eigenart der Gesellschaft von der Eigenart der Individuen abhängt, doch diese Abhängigkeit ist eine des Ermöglichens und nicht eine des Bestimmens. Die menschlichen Eigenarten bestimmten nicht die Formen, Sitten, Gesetze, Institutionen usw. des gesellschaftlichen Zusammenlebens (wie könnte es sonst zu den allenthalben beobachteten historischen und kulturellen Differenzen kommen), sondern sie ermöglichen diese (mit Tieren z.B. ließe sich dies wohl nicht machen). Wenn aber menschliche Eigenarten die Strukturen gesellschaftlichen Zusammenlebens nicht bestimmen, dann kann man aus der Kenntnis menschlicher Eigenarten gesellschaftliche Strukturen weder ableiten, noch kann man diese auf jene zurückführen. Soziales läßt sich nur aus Sozialem erklären. Und das Soziale ist anderer Art als das Individuelle [26].

Und gerade deswegen dürfen Sozialwissenschaften nicht analog der Psychologie entworfen werden. Genau das ist aber, wie bereits gezeigt, der einzige Weg in der herbertianischen Sozialpsychologie. Sie ist somit eine rein psychologische Sozialpsychologie.

Besonders zwischen Lindners und Meads Konzepten sind, wie gezeigt, parallelen zu erkennen. Allerdings folgen sowohl Lewins, als auch Meads Entwürfe weder der Analogieannahme Herbarts und Lindlers.

Lewin und Mead sprechen eben nicht über Analogien, sondern vielmehr über Wechselwirkungen zwischen Individuum und Gesellschaft.

Wir wissen nun also, dass Herbarts Sozialpsychologie eine rein psychologische war. Und wir wissen, dass Lewins und Meads Psychologie mit Herbart nicht zu vergleichen ist. Den Rückschluss, dass Lewin und Mead damit keine psychologischen Sozialpsychologen sind, läßt dieser Zusammenhang aber nicht zu.

3.2 Soziologische Sozialpsychologie und psychologische Sozialpsychologie

In der Entwicklung der Sozialpsychologie sind mindestens zwei Richtungen festzustellen: Die soziologische und die psychologische. Diese Unterscheidung zieht sich durch die gesamte Begriffsgeschichte.[27]

Laucken unterscheidet in seinem Überblick über die Sozialpsychologie sogar vier Hauptströmungen:

1. Die Strukturale Sozialpsychologie (fragt nach der Vergesellschaftung des Individuums, nach der Abhängigkeit seiner Beschaffenheit von den Strukturen der Gesellschaft.)
2. Symbolisch-interaktive Sozialpsychologie: Ihr geht es um zwischenmenschliche Beziehungen, begriffen als Kommunikationen, die bestimmten Regeln gehorchen.
3. Individualistische Sozialpsychologie: Sie erforscht das Verhältnis des einzelnen Menschen zu seiner mitmenschlichen Umwelt.
4. Gruppenpsychologische Sozialpsychologie: Forschungsgebiet, welches die Beziehungen zwischen den Menschen in relativ kleinen Gruppen erforscht. Dazu gehört die Gruppendynamik und die Kleingruppenforschung.[28]

Die ersten beiden Hauptströmungen lassen sich laut Laucken eher der Soziologie zuordnen, die dritte und vierte Hauptströmung hingegen zur Psychologie.

Die Einordnung von Lewin und Mead in diese vier Hauptströmungen fällt auf der ersten Blick leicht. Der Name legt nahe, Mead der symbolisch-interaktiven Sozialpsychologie zuzuordnen. Lewin als wichtige Persönlichkeit der Kleingruppenforschung fiele demnach in die gruppenpsychologische Kategorie

Diese Einordnung zu akzeptieren wäre sehr bequem. Schließlich wäre damit leicht bestätigt, dass Mead die soziologische und Lewin die psychologische Sozialpsychologie vertritt.

Sicherlich lassen sich Lewins Untersuchungen zu Gruppen leicht in die gruppenpsychologische Kategorie einordnen. Doch obwohl Lewin Gründer des Research Center for Group Dynamics gewesen ist, hat er selbst „eigentlich sehr wenig über Gruppendynamik geschrieben.“[29] Lewins Feldtheorie ist natürlich viel größer. In dieser Hausarbeit beispielsweise geht es nicht um Gruppen, sondern um Individuuen. Lewin müsste also auch der individualistischen Sozialpsychologie zugeordnet werden können.[30]

3.3 Einordnung

3.3.1 Lewins Biografie

Kurt Lewin wurde am 9. September 1890 in Mogilno (damals zur Preußen gehörend, heute Polen) geboren. Er wurde jüdisch erzogen und wuchs in recht einfachen Verhältnissen auf. 1905 zog die Familie nach Berlin um. 1909/1910 studierte Lewin in Freiburg und München Medizin, um Landarzt zu werden. In München hörte Lewin einige Vorlesungen Psychologie bei Aloys Fischer und belegte ein psychologisches Praktikum. Im Frühjahr 1910 zog Lewin zurück nach Berlin und studierte dort kurz weiter Medizin, hörte aber zusätzlich psychologische Veranstaltungen bei Carl Stumpf. Dann wandte sich Lewin von der Medizin ab und studierte Philosophie, Wissenschaftstheorie und Psychologie. Unter anderem hörte er bei Ernst Cassier und wurde noch als Student Mitglied der Gesellschaft für experimentelle Psychologie. Er promovierte bei Carl Stumpf.

Kurt Lewin diente als Kriegsfreiwilliger im ersten Weltkrieg. Gleichzeitig promovierte er, veröffentlichte seine Dissertation und seine erste Veröffentlichung „Kriegslandschaft“. Diese Veröffentlichung läßt bereits erste Grundzüge der Feldtheorie erahnen.

Nach dem Weltkrieg wurde Lewin Mitglied einer studentischen Gruppe, welche aktiv an sozialreformerischen Aufgaben beteiligt war.

Die Begründer der Frankfurter und Berliner Schule der Gestaltpsychologie, Max Wertheimer, Wolfgang Köhler und Kurt Koffka zählten zu Lewins Kollegen. 1920 habilitierte Lewin und führte mit einer Reihe von Studierenden Experimente und theoretische Arbeiten durch, welche ihm als Grundstein der Feldtheorie dienten. 1929 wurde Lewin zum Internationalen Kongress für Psychologie in Yale eingeladen. Dort hielt er mit eigenen Filmen Vorträge über die Auswirkungen von Umweltkräften.

Dieser Kongress wurde als „the most impressive gathering of psychologists in the history of the discipline,“ charakterisiert. Insgesamt kamen 826 Psychologen aus 21 Nationen zusammen. Darunter waren Ivan Pavlov, Lev Vygotsky und Jean Piaget.[31] (Yale, 2004)

Da eine intensive Online-Recherche keine Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Mead und diesem Kongress gebracht hat, gehe ich davon aus, dass Mead dort mit großer Wahrscheinlichkeit nicht als Referent aufgetreten, vermutlich aber auch nicht teilgenommen hat.

[...]


[1] Vgl. auch Untersuchung von Wilson & Schafer auf Seite 4 dieser Hausarbeit

[2] (Kiecolt, 2007)

[3] (Lindzey, 1985)

[4] (Laucken, 1998)

[5] (Cook, 1995)

[6] (Pettigrew, 1996) zitiert aus (Laucken, 1998)

[7] (Pettigrew, 1996)

[8] Das gilt zumindest für die oberen 5 Plätze

[9] (Lewin, Feldtheorie und Experiment in der Sozialpsychologie, 1982)

[10] Vgl. Kapitel Biografie Mead innerhalb dieser Hausarbeit

[11] (McPhail, 1979) vgl. auch (Skript)

[12] (Blumer, 1980)

[13] (Irle, 1975)

[14] (Laucken, 1998) vgl. (Deutsch M. &., 1997)

[15] (Herbart, Psychologie als Wissenschaft neu gegründet auf Erfahrungen, Metaphysik und Mathematik, 1825/25) zitiert nach (Laucken, 1998)

[16] (Laucken, 1998)

[17] (Laucken, 1998) vgl. (Lindner, 1871)

[18] (Herbart, Lehrbuch der Psychologie, 1834) zitiert nach (Laucken, 1998)

[19] (Lindner, 1871) zitiert nach (Laucken, 1998)

[20] (Mead, 1973)

[21] Vgl. (Lindner, 1871)

[22] (Laucken, 1998) (Lindner, 1871)

[23] (Laucken, 1998)

[24] (Lindner, 1871) zitiert nach (Laucken, 1998)

[25] (Bernand, 1937) zitiert nach (Laucken, 1998)

[26] (Laucken, 1998)

[27] (Laucken, 1998)

[28] (Laucken, 1998)

[29] (Deutsch M. &., 1997)

[30] Die biografischen Eckdaten aus diesem Kapitel stammen bis auf die anderweitig gekennzeichneten Informationen aus (Stein, 2002)

[31] (Yale, 2004)

Ende der Leseprobe aus 44 Seiten

Details

Titel
Über Entwicklungsvorgänge der Adoleszenz
Untertitel
Aus Sicht der Feldtheorie und des Symbolischen Interaktionismus nach G.H. Mead
Hochschule
Universität Bielefeld
Veranstaltung
Geschichte der Psychologie: Feldtheorie
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
44
Katalognummer
V90268
ISBN (eBook)
9783638068680
Dateigröße
2444 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Entwicklungsvorgänge, Adoleszenz, Geschichte, Psychologie, Feldtheorie
Arbeit zitieren
Karl Musiol (Autor), 2007, Über Entwicklungsvorgänge der Adoleszenz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/90268

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