In seinem Aufsatz „Logic and Conversation“ von 1975 beschäftigt sich H. Paul Grice mit dem Phänomen der Differenz zwischen Gesagtem und Gemeintem. Einen Teil solcher Fälle beschreibt er als sogenannte Implikaturen, wobei er sein Augenmerk v.a. auf die „conversational implicatures“ (Grice 1975, S.307) richtet. Er geht dabei von der Existenz eines Kooperationsprinzips und bestimmter Maximen für die Gesprächsführung aus, deren Beachtung durch den Sprecher der Hörer grundsätzlich voraussetzt. Falls eine Äußerung durch den Sprecher nun auf den ersten Blick gegen diese Prinzipien verstößt oder sie nur mäßig erfüllt, interpretiert der Hörer Grice zufolge diese Äußerung in einer Weise um, so dass zumindest das Gemeinte mit den Prinzipien in Einklang ist. Diese Uminterpretierung über das wörtlich Gesagte, die Semantik der Äußerung hinaus, ist das, was Grice als konversationelle Implikatur bezeichnet.
Grice und in seiner Nachfolge und Weiterführung auch Stephen Levinson (in dem Kapitel „Conversational implicature“ seines Grundlagenbuches „Pragmatics“ von 1983, deutsch 1994) teilen die konversationellen Implikaturen in dreierlei Hinsicht ein: Zum einen nehmen sie eine Einteilung der Implikaturen nach der jeweiligen Gesprächsmaxime vor, die für das Zustandekommen der Implikatur verantwortlich ist, d.h. also z. B. der Quantitätsmaxime, der Maxime der Art und Weise, etc.. Zum zweiten unterteilt Levinson die konversationellen Implikaturen in Standardimplikaturen, bei denen der Sprecher die Maximen grundsätzlich beachtet, und in Implikaturen, die entstehen, wenn der Sprecher eine oder mehrere der Maximen bewußt mißachtet, verletzt oder ausschöpft. Als dritte Einteilungskategorie dient Grice und Levinson die Frage, ob die entstandene konversationelle Implikatur von spezifischen Kontexten abhängig – also partikularisiert ist, oder ob sie generalisiert ist, d. h. „ohne einen bestimmten Kontext oder ein besonderes Szenario“ (Levinson 1994, S. 128) auskommt.
In seinem 1984 erschienen Aufsatz „Toward a new taxonomy for pragmatic inference: Q-based and R-based implicature“ versucht Laurence R. Horn nun, das Phänomen der konversationellen Implikatur mit Hilfe von nur zwei grundlegenden Prinzipien zu erklären, dem sogenannten Q-Prinzip und dem sogenannten R-Prinzip.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Laurence R. Horns Aufsatz „Toward a new taxonomy for pragmatic inference: Q-based and R-based implicature“ : Zusammenfassung und kritische Kommentierung
3 Diskussion von Problemen der R-Implikatur anhand einiger Beispiele
4 Zitierte Literatur
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit setzt sich kritisch mit Laurence R. Horns Theorie der Q- und R-Implikatur auseinander, um deren Leistungsfähigkeit bei der Erklärung pragmatischer Inferenzprozesse zu bewerten und die Problematik hinter der Reduktion auf Hörer- und Sprecherökonomie aufzuzeigen.
- Grundlagen der konversationellen Implikatur nach Grice und Levinson
- Horns Dichotomie von Q-Prinzip und R-Prinzip
- Kritische Analyse der Sprecher- und Hörerökonomie
- Anwendung der Theorie auf Sprachwandel und Euphemismen
- Diskussion von Problemfällen und Grenzen der Implikaturtheorie
Auszug aus dem Buch
3 Diskussion von Problemen der R-Implikatur anhand einiger Beispiele
An den Ausführungen zu Horns Beispielsatz „John war fähig das Problem zu lösen“ wurde im vorigen Abschnitt schon die Problematik von R-Implikaturen und auch von Horns Rückführung dieser auf die Sprecherökonomie angedeutet. Im folgenden sollen nun einige weitere Beispiele diskutiert werden. Diese Beispiele sind zum Teil Horns Aufsatz oder anderer Literatur zum Thema entnommen , zum Teil auch selbst gewählt.
Bei Levinson findet sich z. B. folgende Gesprächssituation:
A: Wo ist Michael?
B: Vor Susannes Haus steht ein gelber VW. (Levinson 1994, S. 105)
Levinson beschreibt Bs Antwort als Verstoß gegen Grices Quantitäts- und Relevanzmaxime, aus dem folgende Implikaturen entstehen: B weiß nicht exakt wo Michael ist, sonst würde er es äußern (Quantität) und B scheint der Auffassung zu sein, dass der VW ein Indiz dafür sein könnte, dass Michael bei Susanne ist (Relevanz bzw. Informativität). Das Gemeinte ist also der Satz „Ich glaube, dass Michael bei Susanne ist.“
Wie würde nun Horn mit R-Prinzip/Sprecherökonomie oder Q-Prinzip/Hörerökonomie argumentieren? Auf den ersten Blick erscheint das Gemeinte in seiner sprachlichen Alternative weniger aufwendig zu sein als der geäußerte Satz „p“. Obwohl Horns Formulierung des R-Prinzips „Say no more than you must“ nicht zutrifft, meint „p“ aber „mehr als p“. Bei genauerer Betrachtung trifft das R-Prinzip aber dennoch zu. Zum einen ist der Satz „Ich glaube, dass...“ hypotaktisch und somit komplexer als der einfache Satz „Vor Susannes Haus steht...“. Zum anderen würde die Aussage von B „Ich glaube, dass Michael bei Susanne ist“ mit großer Wahrscheinlichkeit die Frage von A nach sich ziehen, warum dies so sei, worauf B antworten müsste „Weil vor ihrem Haus ein gelber VW steht.“ Indem B jetzt nur äußert „Vor Susannes Haus steht ein gelber VW“ gestaltet er seine Aussage zwar nicht so sehr auf den einzelnen Satz, wohl aber auf den Verlauf des Gesprächs bezogen, durchaus ökonomischer.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Grundlagen der Implikaturtheorie nach Grice ein und erläutert die Ausgangslage sowie das Ziel der Arbeit, Horns Taxonomie zu untersuchen.
2 Laurence R. Horns Aufsatz „Toward a new taxonomy for pragmatic inference: Q-based and R-based implicature“ : Zusammenfassung und kritische Kommentierung: Das Kapitel fasst Horns Reduktion der Grice’schen Maximen auf zwei ökonomische Prinzipien zusammen und hinterfragt kritisch die logische Konsistenz der Hörer- und Sprecherökonomie.
3 Diskussion von Problemen der R-Implikatur anhand einiger Beispiele: Hier werden komplexe Fallbeispiele herangezogen, um die Grenzen der Horn’schen Theorie bei der Vorhersage von Implikaturtypen und im Bereich des Sprachwandels aufzuzeigen.
4 Zitierte Literatur: Ein Verzeichnis der in der Arbeit verwendeten wissenschaftlichen Quellen.
Schlüsselwörter
Konversationelle Implikatur, Q-Prinzip, R-Prinzip, Pragmatik, Sprachphilosophie, Laurence R. Horn, H. Paul Grice, Sprecherökonomie, Hörerökonomie, Quantitätsmaxime, Relevanz, Skalare Implikatur, Sprachwandel, Euphemismus, Semantik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht Laurence R. Horns Ansatz, die klassische Theorie der konversationellen Implikaturen von H. Paul Grice auf zwei ökonomische Grundprinzipien zu reduzieren.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themenfelder umfassen die pragmatische Inferenz, die Ökonomie der Sprache, die Unterscheidung zwischen Gesagtem und Gemeintem sowie die Anwendung dieser Modelle auf sprachliche Phänomene.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist eine zusammenfassende Darstellung der Horn’schen Theorie und eine kritische Überprüfung, ob die beiden Prinzipien (Q und R) ausreichen, um konversationelle Implikaturen präzise zu erklären.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die Methode der theoretischen Analyse und der kritischen Kommentierung, ergänzt durch die Diskussion spezifischer linguistischer Fallbeispiele.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden Horns Konzepte der Sprecher- und Hörerökonomie erläutert, terminologische Ungereimtheiten aufgezeigt und die Theorie an Praxisbeispielen wie dem Sprachwandel oder der Ironie geprüft.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Q-Prinzip, R-Prinzip, Konversationelle Implikatur, Pragmatik und Ökonomie der Sprache.
Warum hinterfragt der Autor die Horn'sche Einordnung der „Art und Weise“-Maximen?
Der Autor bemängelt, dass Horn die Maximen der „Art und Weise“ pauschal dem R-Prinzip unterordnet, obwohl viele dieser Maximen eigentlich den Bedürfnissen des Hörers (Hörerökonomie) und nicht dem Aufwand des Sprechers entsprechen.
Wie erklärt die Arbeit das Phänomen von „sich lieben“ im Vergleich zu „miteinander schlafen“?
Die Arbeit zeigt, dass „sich lieben“ seine ursprüngliche ideelle Bedeutung oft bewahrt, während „miteinander schlafen“ als R-Implikatur weitgehend konventionalisiert ist, wobei die sexuelle Bedeutung von „sich lieben“ kontextabhängig durch zusätzliche Zeit- oder Ortsangaben ausgelöst wird.
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- M.A. Johannes Schmid (Author), 1999, Laurence R. Horns Theorie der Q- und R-Implikatur, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/90278