Der Autor hinterfragt die bis in die Gegenwart dominierende Repräsentation der kemalistischen Türkei als fortschrittlichem
Modernismus-Projekt und die immer noch überwiegend (insbesondere von deutschen Forschern) positive Bewertung der von Atatürk betriebenen Verwestlichung des Landes. Zum anderen geht es ihm um eine mehr kritische Perspektive auf die autoritäre Seite der modernen Architektur, die staatstragender Ziele diktatorischer Regimes repräsentiert und materialisiert.
Eine dritte Zielrichtung des Autors ist das Erfassen der engen ökonomischen und kulturellen Beziehungen zwischen
dem deutschsprachigen Raum Mitteleuropas und der Türkei seit dem 19. Jahrhundert; eine Kontinuität, in der Abbasoglu auch Bruno Tauts Berufung als Leiter der Architekturfakultät in Istanbul und des Baubüros des türkischen Erziehungsministeriums situiert. Das Verfassen der Arbeit scheint Abbasoglu in der Überzeugung gefestigt zu haben, dass ein politisch in so hohem Masse aufgeladenes Bauwerk nicht getrennt von den Absichten seiner Auftraggeber beurteilt werden kann; und dass ein Architekt, der einen derartigen Auftrag annimmt, Mitverantwortung an der Propaganda eines Regimes trägt.
Diese Bewertung und die "offensichtlichen Wiederspiegelungen" (S. 6) zwischen Rassismus und Diktatur der kemalistischen Türkei und ihrer Stadt- und Architekturpolitik ist bereits zu Beginn der Arbeit (S. 9–10) angekündigt: "Vertreter des Werkbundes waren der Auffassung, dass architektonische Ästhetik eine entscheidende Rolle bei der Bildung einer Nation spiele". (…) "Das Gebäude DTCF (…) war eine Koproduktion der deutsch-türkischen Zusammenarbeit für die Bildung einer reinen türkischen Nation nach deutschem Vorbild (…)".
In seinem Schlusswort verweist Abbasoglu auf Tauts stille Mittäterschaft (S. 65): "Taut (…) nutzte sein Beruf als Vorwand, sich von der Politik und vom Geschehen in der Türkei zu entziehen". (…) „Er (…) sah sich als unpolitischer Künstler und Organisator, der seine Fähigkeiten in den Nutzen eines Volkes stellte.“ Zugleich weist Abbasoglu auf Tauts Widersprüche in dieser Haltung anhand seiner eigenen, in der Türkei verfassten Architekturlehre hin.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Forschungsstand
1.2 Forschungsfrage und Hypothese
1.3 Zielsetzung und Methode
2 Politischer Kontext
2.1 Jungtürkische Revolution
2.2 Die Eroberung des orientalischen Bodens
2.3 Deutscher Einfluss auf die Jungtürken und ihre Ideologie
2.4 Deutscher Kulturimperialismus im Osmanischen Reich: Das Haus der Freundschaft in Konstantinopel
2.5 Deutsch-türkische Beziehungen in der Zeit der Weimarer Republik
2.6 Die Tradition der deutschen Moderne
3 Die Rolle der Architektur in der Nation Bildung
3.1 Architektur als politisches Werkzeug und die Vorreiterrolle der deutschen Planungspraxis
3.2 Angora, das neue alte Regierungszentrum
3.3 Der Lörcher-Plan für Angora
3.4 Jansen Plan und Legitimation der autoritären Staatsmacht
3.5 Das Regierungsviertel
3.6 Das Hochschulviertel, der Kniefall der Moderne
4 Bruno Taut’s Literatur Fakultät in Ankara
4.1 Der Nutzung angepasste Qualität
4.2 Bruno Tauts Gegenbild Sedad Hakkı Eldem
4.3 Tauts (Un)vollständige Freiheit
4.4 Bruno Taut’s Vorgesetzter: Cevat Dursunoğlu
4.5 Tauts Tod
5 Schlusswort
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit analysiert kritisch und historisch die Kontextualisierung des Fakultätsgebäudes für Sprache, Geschichte und Geographie (DTCF) in Ankara durch den deutschen Architekten Bruno Taut. Ziel ist es, die Rolle der Architektur als Instrument der Repräsentation und Legitimation des kemalistischen Regimes sowie den Einfluss der deutsch-türkischen Beziehungen in dieser politischen Ära aufzuzeigen und zu hinterfragen.
- Die politische Instrumentalisierung von Architektur in der frühen Republik.
- Der Einfluss deutscher Architekten und Stadtplaner auf das moderne Ankara.
- Bruno Tauts Wirken und sein architektonischer Entwurfsprozess in der Türkei.
- Das Spannungsfeld zwischen Moderne, Nationalismus und autoritärer Staatsführung.
Auszug aus dem Buch
4.1 Der Nutzung angepasste Qualität
Bruno Taut, der 1936 in die Türkei kam, wurde neben der Leitung der Akademie der Schönen Künste in Istanbul auch mit der Leitung des Baubüros des Unterrichtsministeriums für Schulbauten sowie die Literaturfakultät an der Universität Ankara beauftragt. Bis zu seinem Tod am 24. Dezember 1938 arbeitete er als Architekt in Istanbul und Ankara.
Durch die Bemühungen der sich in Zürich formierende «Notgemeinschaft deutscher Wissenschaftler im Ausland» und der Türkischen Botschaft Berlin (und später der Türkischen Botschaft Wien) lud die türkische Regierung ab 1933 mehr als 200 Exilwissenschaftler, davon 33-45 Architekten, in die Türkei ein. Diese Art des organisierten Wissenschaftlertransfers war ein einzigartiges Phänomen in der Geschichte der deutschen Einwanderung; die Universität İstanbul entwickelte sich nach 1933 zur grössten deutschsprachigen Einwanderungsuniversität.
Im Jahre 1935 begann das türkische Erziehungsministerium mit den Vorbereitungen zur Gründung einer Sprachwissenschaftlichen Fakultät in Ankara, die nach dem Vorbild der deutschen Universitäten aufgebaut werden sollte. Die Fakultät sollte in erster Linie die Fundierung der Sonnensprachtheorie (Günes-Dil Teorisi) und der doktrinären türkischen Geschichtsthese absichern. Saffet Arıkan, der Erziehungsminister, erhielt für die Einrichtung einer Fakultät alle neuen Richtlinien von Atatürk. Am 14. Juni 1935 verabschiedete das türkische Parlament ein Gesetz zur Gründung einer Fakultät in Ankara, die den Namen «Fakultät der Sprache, Geschichte und Geografie» (DTCF), tragen sollte.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in das Thema der DTCF-Fakultät als politisches Symbol ein und diskutiert den Forschungsstand sowie die methodische Herangehensweise der Untersuchung.
2 Politischer Kontext: Dieses Kapitel beleuchtet die historischen Hintergründe, insbesondere die Jungtürkische Revolution und die intensiven deutsch-türkischen Beziehungen unter dem Aspekt des kulturellen Einflusses.
3 Die Rolle der Architektur in der Nation Bildung: Hier wird analysiert, wie Architektur und Stadtplanung aktiv als Werkzeuge zur Modernisierung und zur Festigung des kemalistischen Staates eingesetzt wurden.
4 Bruno Taut’s Literatur Fakultät in Ankara: Dieses Kapitel widmet sich detailliert der Entstehung und architektonischen Gestaltung des DTCF-Gebäudes durch Bruno Taut im Spannungsfeld politischer Anforderungen.
5 Schlusswort: Das Schlusswort resümiert die Ergebnisse und reflektiert die Rolle von Architekten wie Taut, die zwischen künstlerischer Freiheit und dem Druck autoritärer Regime agierten.
Schlüsselwörter
Bruno Taut, Ankara, DTCF, Kemalismus, Türkische Republik, Architekturgeschichte, Deutsch-türkische Beziehungen, Exilarchitekten, Städtebau, Nationenbildung, Moderne, Faschismus, Staatskultur, Literaturfakultät, Nationalismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die historische Bedeutung und den architektonischen Entwurf des Fakultätsgebäudes für Sprache, Geschichte und Geographie (DTCF) in Ankara durch Bruno Taut im Kontext des kemalistischen Staates.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit behandelt die Wechselwirkung zwischen politischer Ideologie (Kemalismus), dem deutschen Exil in der Türkei, der Rolle deutscher Architekten und der Instrumentalisierung von Architektur für nationale Identitätsbildung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist eine kritische Kontextualisierung des DTCF-Baus, um aufzuzeigen, wie das Gebäude als politisches Symbol für die Machtdemonstration des kemalistischen Einparteienstaates diente.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Es wurde eine historische Analyse durchgeführt, die auf der Auswertung theoretischer Schriften Bruno Tauts, Archivmaterialien und zeitgenössischer wissenschaftlicher Diskurse basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden der politische Kontext, die städtebauliche Entwicklung Ankaras durch Lörcher und Jansen sowie die spezifischen Entwurfs- und Bauprozesse der Literaturfakultät durch Taut detailliert beleuchtet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird wesentlich durch Begriffe wie Bruno Taut, Architekturpolitik, Kemalismus, Exilmoderne und Nationsbildung bestimmt.
Wie bewertet der Autor Bruno Tauts Rolle in der Türkei?
Der Autor zeigt Taut als einen Architekten, der im Exil versuchte, künstlerische Integrität zu bewahren, sich jedoch in einem autoritären System wiederfand, das seine Arbeit stark instrumentalisierte.
Welche Rolle spielten deutsche Berater bei der Gestaltung Ankaras?
Deutsche Architekten wie Clemens Holzmeister, Ernst Egli und Hermann Jansen prägten maßgeblich das Erscheinungsbild der neuen Hauptstadt durch monumentale Planungen und moderne Gebäudetypen, die den Wunsch nach Verwestlichung widerspiegelten.
- Quote paper
- Bülent Abbasoglu (Author), 2020, Architektur im Dienst der Nation. Eine kritisch-historische Kontextualisierung von Bruno Tauts "Fakultät der Sprache, Geschichte und Geographie (DTCF)" in Ankara, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/902978