Der Wandel der elektronischen Musik. Das Phänomen Techno im Kontext postmoderner Entwicklungsprozesse


Hausarbeit, 2019

18 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. ENTSTEHUNG VON ELEKTRONISCHER MUSIK
2.1. Entwicklung von Techno

3. PRODUKTION VON TECHNO-MUSIK
3.1. Die Techno-Musik

4. POSTMODERNE ENTWICKLUNGSPROZESSE
4.1. Pluralität
4.2. Pastiche
4.3. Mehrfachkodierung
4.4. Fragmentierung
4.5. Recycling

5. SCHLUSSBETRACHTUNG

LITERATURVERZEICHNIS

1. Einleitung

Wir schreiben das Jahr 1985 und befinden uns in der US-Amerikanischen Stadt Detroit. Die Stadt ist eingetaucht in industrielle und elektronische Klänge. Jene Klänge gehören zu einer Musik, welche neu, sehr laut und intensiv ist. Sie klingt beständig und futuristisch, wie von Maschinen gemacht. Man hört weder das Ende eines Liedes noch den Anfang eines neuen. Vielmehr hört man ein Ganzes. Und trotzdem sind die Klänge der Musik von den einen auf den anderen Moment komplett neu und anders. Heutzutage sind diese Klänge und vor allem elektronische Hilfsmittel zur Bearbeitung von Musik oder als Mittel zur Musikproduktion Standard und für die meisten ProduzentInnen und KünstlerInnen wohl kaum wegzudenken. Elektronische Musik in ihren zahlreichen Facetten von Techno bis Pop hört man mittlerweile an vielen verschiedenen Orten. Ob im Radio oder als Hintergrundmusik in einem Restaurant, diese Art von Musik scheint allgegenwärtig. Sie scheint sich in unseren Hörgewohnheiten so weit durchgesetzt zu haben, dass sie wie „natürliche Klänge“ gehört werden (Diaz-Bone, 2010: 325). Diese Massenhaftigkeit des Phänomens spricht für eine soziologische Analyse von jenem. Bevor es jedoch zu der Massenhaftigkeit und dem Selbstverständnis kam, musste die elektronische Musik erst einmal entstehen. Aus dieser konnte sich dann ein weiteres Genre, der Techno entwickeln. Genau hier knüpft die vorliegende Arbeit an. Diese konzentriert sich nämlich auf die Entstehung der elektronischen Musik und die daraufhin entstandene Entwicklung von Techno. Dabei soll sich vor allem auf die ästhetische Entwicklung konzentriert werden. Es wird zunächst auf die Entstehung der elektronischen Musik geschaut, um dann grob die Entwicklung von Techno zu skizzieren. Die Produktion von Techno wird aufgeführt. Hierbei werden die ProduzentInnen und DJs/DJanes der Techno-Musik als zentrale Figuren gesehen. Im Vordergrund stehen deren Arbeitsweisen. Es wird ebenfalls ein Einblick in Klang, Rhythmik und in den formalen Aufbau der Techno-Musik gewährleistet. Auch wenn der Fokus der Arbeit der Gegenstand selbst ist, soll eine theoretische Einbettung in einen soziologischen Zusammenhang nicht fehlen. Techno entwickelte sich ungefähr in den 80er Jahren und steht in einem Zusammenhang mit neuen Technologien (Meyer, 2000: 36). Da dieses Jahrzehnt durch Entwicklungsprozesse wie Technisierung bestimmt wurde und im Zusammenhang der Begriff der Postmodernen stark diskutiert wurde, wird angenommen, dass sich im Phänomen Techno postmoderne Entwicklungsprozesse abbilden (vgl. Welsch, 1993).

2. Entstehung von elektronischer Musik

Die technischen Innovationen zu Beginn des 20. Jahrhunderts bilden das Fundament der Entwicklung des hier behandelten musikalischen Genres. Diese Form der Musik zeichnet sich durch elektronisch erzeugte Klänge aus. Durch die Einführung von Phonographen und Grammophonen konnten diese Klänge und Geräusche aufgenommen und gespeichert werden – das Fundament der elektronischen Musik und somit auch der Techno-Musik war gelegt worden (Meyer, 2000: 36). Grundlage des Equipments der DJs/DJanes war das Grammophon und Schallplatten, welche kurz vor der Jahrhundertwende erstmalig produziert wurden. Des Weiteren war die Entwicklung der Elektronenröhre und der Magnettonaufzeichnung eine elementare Voraussetzung, um elektronische Musik produzieren zu können (Poschardt, 1995: 15). Vor allem diese industriellen Fortschritte führten dazu, dass Ende der 40er und Anfang der 50er Jahre immer mehr KünstlerInnen anfingen, elektronisch klingende Geräusche in ihre Musik aufzunehmen oder diese sogar zum Hauptbestandteil ihrer Musik zu machen (Klein, 2001: 172). Neben der bereits beschriebenen notwendigen technologischen Entwicklung, leistete die avantgardistische Denkweise einiger Nachkriegsmusiker ebenfalls Beitrag zu der neuen musikalischen Richtung. Diese richteten sich bewusst gegen die damaligen musikalischen Bräuche und eröffneten so einen neuen musikalischen Raum. Sie suchten neue Mittel und Wege, experimentierten mit Klängen und Maschinen, um eine völlig neue Art der Musik hervorzubringen. Ende der 40er Jahre entwickelte der Franzose Pierre Schaeffer die sogenannte „musique concrète“ (Meyer: 2000: 36). Diese Art von Musik gilt in dem Genre der elektronischen Musik als eine Vorreiterströmung. Auch er war getrieben von der Idee, etwas Revolutionäres zu erschaffen und wandte sich von der herkömmlichen Musik ab. So schnitt er bereits bestehende musikalische Stücke auseinander, um diese Teile dann zu ganz neuen Werken zusammenzufügen. Um die bestehenden Werke noch weiter zu verfremden, spielte er diese zusätzlich zum Beispiel langsamer, schneller oder rückwärts ab (ebd.). Dieses neue musikalische Genre stellte einen Bruch der damaligen musikalischen Bräuche dar. Ein auf dem Genre „musique concrète“ basierendes Werk ist „It’s Gonna Rain“ von Steve Reichs. 1965 verwendete er eine Sprachaufnahme, auf der dieser Satz zu hören ist, als Kern seines Werks. Er spielte die Sprachaufnahme gleichzeitig, aber asynchron, auf zwei Tonbandgeräten ab. Der Satz wurde fortlaufend in neue harmonische und rhythmische Bezüge gesetzt, wodurch eine hypnotische Komposition entstand (Klein, 2001: 172). Die eben beschriebene Art der Bearbeitung erwies sich fortlaufend als eine selbstverständliche und gängige Produktionsweise, welche heute noch verwendet wird (ebd.).

Anfang der 50er Jahre entwickelten sich auch in Deutschland zuvor noch nie dagewesene Arten elektronischer Musik. In Köln wurde zu der Zeit ein Studio errichtet, in dem elektronische Musik produziert werden sollte. Hier wurde sich, ganz entgegen der „musique concrète“, auf die Weiterentwicklung der Technik konzentriert. Außerdem wurden Musikstücke mit elektronischen Instrumenten verfasst (Klein, 2001: 172). Die Mitwirkenden des Kölner Studios erschufen ihre Musik aus dem Abstrakten und bezogen sich nicht, wie bei „musique concrète“ üblich, auf konkrete, bereits vorhandene Werke. In diesem Studio wurde mit verschiedenen technischen Hilfsmitteln, wie zum Beispiel Rauchgeneratoren, Hallgeräten oder Frequenzfiltern, experimentiert. Es wurden Sinustöne1 erzeugt und miteinander vermischt. Der Grundsatz war, dass keine organischen Mittel verwendet und alle Töne oder Geräusche künstlich erschafft werden sollen (ebd.). Durch die experimentierfreudige Haltung und die Konzentration auf die Weiterentwicklung der Technik, waren die Mitwirkenden an einer bedeutenden, technologischen Weiterentwicklung beteiligt. Sie erweiterten beim künstlichen Erzeugen von Klängen den musikalischen Wortschatz und schufen neue Klangfarben. Vergleichen kann man die dafür benötigten Klangerzeuger mit dem heutigen „Modular Synthesizer“ (ebd.). Karl-Heinz Stockhausen kann als einer der bekanntesten Künstler des Kölner Studios genannt werden. Anfangs komponierte er seine elektronische Musik nach dem Credo des Studios. Im Laufe der Zeit nahm er immer öfter Bezug zu anderen Richtungen der elektronischen Musik, vor allem aber zu der bereits genannten „musique concrète“ (ebd.). Wie auch die anderen KünstlerInnen des Studios experimentierte er mit elektronischen Klangerzeugern. Seine Stücke beruhen meist auf mathematische Formeln und sind das Ergebnis einer stark rationalen und wissenschaftlichen Arbeitsweise. Diese findet sich später in der Arbeitsweise von ProduzentInnen des Technos wieder (Klein, 2001: 172).1

Der Synthesizer, eine weitere technologische Neuheit im Bereich der elektronischen Musik, integriert die Ausrüstung, welche in den jeweiligen Studios benutzt wurde, in einer kompakten Einheit. Durch diesen werden reale Instrumente nachgeahmt. Er kann deshalb als „Simulationsmaschine“ bezeichnet werden. „Die moderne Discomusik wäre ohne fortgeschrittene Möglichkeiten elektronischer Tonerzeugung undenkbar“ (Ziegenrücker/Wicke, 1987: 387). Die Musikwissenschaftler Ziegenrücker und Wicke legen dar, welche große Bedeutung die Entwicklung des Synthesizers für die elektronische Musik, zu der ebenfalls die moderne Diskomusik zählt, hatte.

Die Gruppe Kraftwerk kann für die weitere Entwicklung der elektronischen Musik als eine der einflussreichsten genannt werden. Diese setzte in den 1960er und 1970er Jahren neue Impulse im Bereich der elektronischen Musik. Sie verzichteten beinah vollständig auf konventionelle Instrumente und nutzten, beim Produzieren der Musik, einen sogenannten Mini-Moog-Synthesizer (Meyer, 2000: 38f). Die Musikgruppe nahm dabei gleichzeitig Abstand von dem avantgardistischen Anspruch ihrer Vorläufer, bei jenen die live-elektronische Spielweise und die Elemente hemmungsloser Improvisation die Grundlage der Darbietung darstellten. Kraftwerk konnte den Ablauf ihrer Darbietung durch Kombination von Synthesizer, Sequenzer und Rythmusgeräten programmieren (ebd.). Sie verzichteten nicht auf gesangähnliche Elemente, verfremdeten diese aber elektronisch. Auch die Titel ihrer einzelnen musikalischen Darbietungen, wie z.B. der Titel „Radioaktivität“, aus dem gleichnamigen Album von 1975, übermitteln die Verwendung technologischer Innovation (ebd.). Während ihrer Konzerte kleideten sich die Mitglieder der Gruppe meistens einheitlich, bewegten sich wenig und ließen sich sogar ab und zu von ihnen gleichenden Puppen vertreten. Dies zeigt, dass sich die futuristische Erwartung vom Zusammenschluss des Menschen mit der Maschine auch in der gesamten ästhetischen Gestaltung ihrer Erscheinungsweise weiterentwickelt (ebd.). Wie schon bei Stockhausen, stehen auch hier Musik und Maschinen, mit denen diese produziert wird, im Mittelpunkt.

Natürlich gibt es noch viele andere Entwicklungen oder KünstlerInnen, die zu der gesamten Entwicklung der elektronischen Musik beigetragen haben. Um den Rahmen dieser Arbeit nicht zu sprengen, wurde sich bewusst nur auf einen Teil von jenen konzentriert, welche in der Wissenschaft als einflussreichste zählen. Die aufgeführten technologischen und musikalischen Weiterentwicklungen führten zur Bildung weiterer neuer musikalischer Genres, welche unter den Oberbegriff „Techno“ gezählt werden können (Meyer, 2000: 37f). Was explizit unter dem Begriff Techno verstanden wird und wo das Musikgenre ihren Ursprung gefunden hat, ist Thema des nächsten Kapitels.

2.1. Entwicklung von Techno

Durch die Kombination von verschiedenen Richtungen der elektronischen Tanzmusik, entwickelte sich, Mitte der 80er Jahre ein neues musikalisches Subgenre. Ausgehend von der US-Amerikanischen Stadt Detroit sollte dieses bald auf der ganzen Welt gehört werden und heute noch unter dem Namen Techno bekannt sein. Der amerikanische DJ Juan Atkins soll den Begriff eingeführt und mit seinem Projekt „Model 500“ diese Art von Musik eingeleitet haben. (Poschardt, 1995: 315.) Er selbst schreibt dazu, dass es derartige Musik vorher noch nie gegeben hat, es klingt futuristisch und ist technologisch. (Poschardt, 1995: 315) Es ist allerdings sehr schwierig tatsächlich zu sagen, wer der Begründer des Begriffs Techno ist oder wer diese Musik erfunden hat, da in Bezug hierzu oftmals Mythen entwickelt werden (ebd.). Da davon ausgegangen werden kann, dass die Produktion der Musik der Ausgangspunkt der Entstehung eines popkulturellen Phänomens ist, ist es von großem Interesse den Begriff Techno als musikkulturelle Praxis zu verstehen. So sieht Poschardt Techno als „Musik auf dem Weg zum reinen Geräusch“ (Poschardt, 1995: 311).

Der Detroit-Techno ist ein wichtiger Wegbereiter der heutigen Techno-Musik. 1982 produzierte der DJ Juan Atkins Tonträger, welche unter dem Namen „Detroit Techno“ bekannt wurden. Bei seinen Werken bezog er sich zum Teil auch auf das Credo der im zweiten Kapitel beschriebenen Gruppe „Kraftwerk“. Auch er wollte den Menschen mit der Maschine in Verbindung setzen. Ein bekanntes Stück von Juan Atkins war sein 1984 produziertes Werk über Detroit mit dem Namen „Techno City“. Die neue Musik basierte, bis auf die Samples, nur auf Synthesizern und Drum Machines (Kühn, 2017: 123f). Die Klänge, welche in den für elektronische Tanzmusik typischen 4/4-Takt hinein arrangiert wurden, konnten nicht schräg und abwegig genug sein. Bei dem „Detroit-Techno“ wurden Klänge erschaffen, welche düster-reduziert, futuristisch aber trotzdem „funkig“ und schnell klingen (Kühn, 2017: 124). Ebenfalls von Bedeutung für die Entwicklung von Techno war die Gruppe: „Underground Resistance“. Auch sie prägten den Detroit-Techno Sound und damit das, was heute unter Techno-Musik verstanden wird, stark. Die Töne der Werke dieser Gruppe waren ebenfalls hart, brachial und hatten eine erhöhte Geschwindigkeit (ebd.). Stand die Gruppe auf der Bühne, waren deren Mitglieder meist schwarz gekleidet und vermummt. Es war ihnen wichtig, dass die Musik durch Technik und durch das tanzende Publikum in den Vordergrund tritt, während sie selbst in den Hintergrund traten. Ein weiterer Grundstein für die Entwicklung von Techno wurde somit gelegt (Kühn, 2017: 125).

Auch die derzeitigen gesellschaftlichen und industriellen Entwicklungen in der Stadt Detroit nahmen Einfluss auf die Entstehung des Techno. Detroit war zu der Zeit von einem wirtschaftlichen Niedergang betroffen. Durch verstärkte Rationalisierungs- und Automatisierungstendenzen der Detroiter Automobilindustrie wurden hier vermehrt Arbeiter entlassen. Daraufhin verließen viele die Stadt. Zurück blieben leere Gebäude und wenig Arbeitsplätze. Doch auch die Arbeit an den verbleibenden Arbeitsplätzen, wurde nach und nach von Maschinen übernommen (Klein, 2001: 170). Passend dazu wurde Detroit „Motor-City“ oder „Techno-City“ genannt. Das städtische Leben wurde durch industrielle Klänge und die hohe Arbeitslosenquote geprägt. So wurde Detroit zum Sinnbild des Untergangs einer Industriestadt. Die Stadt wurde zu der Zeit als kaputt, kalt und bedrohend empfunden. Die zurückgebliebene Bevölkerung wich vor der Realität und ihren Anforderungen aus, indem sie sich in Illusionen, Zerstreuungen und Vergnügen flüchtete (ebd.). Diese eskapistische Atmosphäre nutzten DJ’s wie Juan Atkins und ließen sie in ihre Musik einfließen. Der Detroit-Techno ist deshalb düster und melancholisch, was jedoch nicht bedeutet, dass nicht zu dieser Musik getanzt wurde. Techno sollte zu dieser Zeit eine Antwort auf die hohe Arbeitslosigkeit und die geringen Zukunftschancen marginalisierter Gruppen sein (Klein, 2001: 170). Die Basis von dem, was heute unter Techno-Musik verstanden wird, wurde damit gebildet.

[...]


1 Ein Ton besteht nur aus einer Frequenz. Die Wellenform dieser Frequenz gleicht einer Sinuskurve. Deshalb spricht man von einem Sinuston (Gorski, o.J.)

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Der Wandel der elektronischen Musik. Das Phänomen Techno im Kontext postmoderner Entwicklungsprozesse
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
1,7
Autor
Jahr
2019
Seiten
18
Katalognummer
V903056
ISBN (eBook)
9783346192196
ISBN (Buch)
9783346192202
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Stilgeschichte, Techno, Elektronische Musik, Wandel
Arbeit zitieren
Jonas Zecher (Autor), 2019, Der Wandel der elektronischen Musik. Das Phänomen Techno im Kontext postmoderner Entwicklungsprozesse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/903056

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