Die politische Gefahr von sozialen Medien


Essay, 2019

7 Seiten


Leseprobe

Einleitung

Medien werden schon seit den frühen Jahren der Bundesrepublik Deutschland als 4. Gewalt im Staat angesehen. Sie sind in der Lage, von ihren Recht auf Meinungs- und Pressefreiheit Gebrauch zu machen, wie im ersten Absatz des fünften Artikels des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland festgeschrieben ist:

Art. 5 [Meinungs-, Informations-, Pressefreiheit; Kunst und Wissenschaft]

(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und frei zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt (Hesselberger 2003: 95).

Aus diesem Artikel des Grundgesetzes ist zu entnehmen, dass jeder das Recht zur freien Meinungsäußerung habe. Auch die Forschung stellt zurecht fest, dass die Öffentlichkeit bzw. die Medien als „prüfende und legitimierende Instanz der Handlungen politischer Akteure“ ( Michaelsen 2003: 48). Diese Aussagen können insbesondere im Jahr 2019 aktualisiert werden. Die Elemente digital und Videos sind nämlich heute insbesondere im demokratischen Diskurs Teil der Pressefreiheit geworden und in sozialen Medien zu verwenden. Auch die Begriffe der Meinungs- und Pressefreiheit sind insbesondere in den sozialen Medien anzusiedeln. Spätestens seit der Gründung von Fridays for Future und der größer werdenden Popularität von YouTube-Videos mit politischen Inhalten diskutieren politisch Interessierte über sozialen Netzwerken. Auch Politiker machen von sozialen Netzwerken Gebrauch, um ihre politischen Botschaften in die Öffentlichkeit zu verbreiten. Deshalb ist nicht zu verkennen, dass die Wichtigkeit von sozialen Medien die deutsche Politiklandschaft beeinflusst und sogar erschüttern kann. Viele Politiker müssen lernen, wie damit umzugehen ist, dass jede unkonkrete Äußerung im Internet scharf beobachtet und auseinandergenommen wird. Allerdings müssen sich auch die Nutzer der sozialen Netzwerke die Frage stellen, wie sie mit dem vielfältigen Angebot an Beiträgen oder Kommentaren anderer Nutzer umgehen sollen. Insbesondere, wenn politische Themen in sozialen Netzwerken aufgelistet sind, dauert es je nach der Popularität des jeweiligen Nutzers oder der Seite nicht lange, bis das Thema von anderen Nutzern kritisch beäugt wird. Es lassen sich verschiedenen politische Positionen finden: von ernsthaft zu satirisch, von ideologisch zu pragmatisch und von gemäßigt zu radikal. Allgemein kann nicht genau gesagt werden, was in einem Nutzer vorgeht, wenn er sich in sozialen Medien mit politischen Inhalten beschäftigt. Er kann den Beitrag kommentieren, mit anderen Nutzern teilen, aber sich auch stark von den Ansichten von anderen Nutzern beeinflussen lassen. Durch dieses Phänomen stellt sich folgende Frage: Sind die Beiträge in sozialen Medien hilfreich, um sich ein politisches Urteil bilden zu können? Dies soll in diesem Essay diskutiert werden. Als These lässt sich formulieren, dass soziale Netzwerke durchaus dazu beitragen können, sich über Politik zu informieren, da diese ein vielfaltiges Angebot an Kanälen oder Seiten mit politischen Inhalten bieten. Extremistische oder einseitige Beiträge in sozialen Medien sollen jedoch nicht dazu verwendet werden, sich als Nutzer zu informieren oder sich zu bestimmten politischen Themen ein Urteil zu bilden. Denn diese sind primär darauf ausgerichtet, uninformierte Nutzer zu beeinflussen.

Soziale Medien als Wahlhelfer? – YouTube als Hilfsmittel für Wahlentscheidungen

Am Beispiel der diesjährigen Europawahl und an den Reaktionen der Parteien gegenüber de, politischen Einfluss von sozialen Medien kann festgestellt werden, dass diese eine große Wirkmächtigkeit entwickeln können. Das Video des YouTubers Rezo, der sich vehement gegen die Wahl von SPD und CDU ausspricht, hat dazu beigetragen, dass die beiden ehemaligen Volksparteien massive Verluste hinnehmen mussten. Warum ist das so? Zum einen konnte Rezo einen großen Teil der Jugend mit seinen kritischen Gedanken über die verfehlte Klimapolitik der Regierungsparteien für seine Ansichten überzeugen. Insgesamt ist zu erkennen, dass eine Reaktionskette entstanden ist, wie sich an folgenden Beobachtungen belegen lässt. Rezo rief vor allem dazu auf, die Grünen zu wählen (Hildebrandt 2019). Tatsächlich wurden diese in der Europawahl mit großem Abstand stärkste Kraft bei den jüngeren Wählern. Rezo hat also eine Wahlempfehlung ausgesprochen. Zum anderen hat er auch verursacht, dass sich viele Jugendliche mit Politik beschäftigt haben und sich durch Protest und Unverständnis gegen die aktuelle Regierungspolitik gewendet haben. Nach Rezos Video haben außerdem andere bekannte YouTuber und Nutzer von sozialen Medien Rezos Beitrag geteilt, die Reichweite des Protests vergrößert und auch Videos über die Regierungspolitik von CDU/CSU und SPD produziert. YouTube, Twitter und Instagram haben sich dadurch zu Massenmedien entwickelt, die gegen das politische Establishment revoltieren und tiefgreifende Veränderungen fordern, die vor allem die Klimapolitik betreffen. Natürlich haben die Tageszeitungen und Fernsehsender diese Stimmung mitbekommen und auch darüber berichtet. Dadurch haben auch neutrale Journalisten indirekt für Rezos Video geworben, was weitere Menschen auf die Ansichten des YouTubers aufmerksam machte. In der Forschung wird dieses Vorgehen als Agenda-Setting bezeichnet: Massenmedien fokussieren bestimmte politische Themen und verursachen, dass sich die Konsumenten dieser Medien verstärkt mit den jeweiligen Themen auseinandersetzen. Journalisten bzw. soziale Medien können also dafür sorgen, dass bestimmte Themen verstärkt in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden (Michaelsen 2003: 49). Viele Politiker von CDU/CSU und SPD waren diesem medialen Druck nicht gewachsen. So hat CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer in völliger Verkennung der Situation dazu plädiert, den Einfluss von sozialen Medien einzuschränken. Zugespitzt gesagt fordert die CDU-Chefin also eine Zensur digitaler Medien. Dies zeigt, welchen Einfluss soziale Medien haben können. Wenn ein Politiker bzw. eine Politikerin um die Existenz ihrer Partei fürchtet und als Gegenmaßnahme für den Einfluss von Youtube oder Instagram eine Zensur fordert, muss der Einfluss von sozialen Medien immens sein. Es ist außerdem eine Bankrott-Erklärung für eine Partei. Die CDU bzw. Frau Kramp-Karrenbauer ist nicht in der Lage zu erklären, warum die Wählberechtigten für ihre Partei votieren sollen bzw. warum die Jugendlichen sich lieber mithilfe von Politikern als von Betreibern sozialer Medien über Politik informieren sollen. Diesen Job hat sie den sozialen Medien überlassen. Medien informieren weitgehend über politische Inhalte, weil viele Politiker an ihrer mangelhaften Kommunikationsfähigkeit scheitern. Das mag auch daran liegen, dass sie noch nicht ausreichend den Umgang mit sozialen Medien erprobt haben.

Soziale Medien als Gefahr

Insgesamt konnte festgestellt werden, dass soziale Medien auf politische Inhalte verweisen und zur politischen Urteilsbildung über akute Themen dienen. Die Forschung spricht deshalb von der sogenannten Mediokratie (Meyer :2017 417). Dieses Schlagwort suggeriert, dass sozusagen jeder politische Prozess in unserem demokratischen System über Medien gesteuert wird und in unserem heutigen Zeitalter digital verbreitet wird. Und genau das kann eine Gefahr darstellen, wie auch dieser Forschungsansatz zutreffend herausstellt:

„Social Media wird [..]vorgeworfen, eine Verflachung des gesellschaftlichen und politischen Diskurses zu befördern, die Grenzen des Sagbaren auszudehnen und kommunikative Regeln aufzuweichen, gerade dann, wenn sich Populismus mit gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit verbindet.“ (Ott/Gür-Seker 2019: 279)

Es ist nicht zu verkennen, dass auch digitale Medien Teil der heutigen Demokratie geworden sind. Wer soziale Medien in ihrer Bedeutung unterschätzt oder ihnen ihr Partizipationsrecht abspricht, stellt damit ebenso einen Teil unseres modernen politischen Systems infrage. Aber diese oben stehenden Erkenntnisse zeigen, dass soziale Medien für bestimmte Zwecke instrumentalisiert werden können. Diesen umstrittenen Forschungsbefunden muss nicht zugestimmt werden, allerdings zeigen sie auch das Gefahrenpotenzial von sozialen Medien. Beispielsweise können Videos von populären YouTubern dazu führen, dass die Zuschauer nur politisch beeinflusst werden und nicht die Gelegenheit erhalten, eine eigene Meinung in politischen Themen einzunehmen. Denn viele Betreiber von YouTube-Kanälen haben nicht immer die Intention, mithilfe einer differenzierten Argumentation über politische Ereignisse aufzuklären. Natürlich gibt es auch social media-Betreiber, die ihre Zuschauer ähnlich wie die Tagesschau über politische Themen aufklären wollen. Aber es gibt viele Falschmeldungen oder Unwahrheiten. So spöttisch der Begriff fake news von Donald Trump aufgenommen wurde, zeigt er in jedem Fall eine Wahrheit: Es kursieren insbesondere über politische Themen viele Falschmeldungen, die sofort geteilt werden können. Niemand von den Nutzern hinterfragt, ob diese Inhalte der Wahrheit entsprechen (Brodnig 2017: 5). Jeder Nutzer von social media muss deshalb in der Lage sein, zwischen seriösen oder populistischen Seiten differenzieren zu können. Auch im Fall von Rezo ist es so, dass wir als außenstehende Beobachter nicht ausschließen können, dass er versucht hat, uninformierte Erstwähler zu beeinflussen. Allerdings hat er mit seriösen Quellen und Forschungsberichten von Wissenschaftlern gearbeitet und damit seine Ansichten begründet. Das machen – zugespitzt gesagt – Journalisten auch, indem sie sich beispielsweise die Aussagen von Politikern anschauen und daraus Befunde ableiten, die gegebenenfalls eine negative Wirkung auf einzelne Parteien oder auf bestimmte Politiker haben. Woran lässt sich denn genau festmachen, wann soziale Medien eher hilfreich für die politische Meinungsbildung sind und wann nicht? Wann können soziale Medien eher als populistisch bzw. als politische Beeinflussungsstrategie wahrgenommen werden? Diese Frage ist ebenfalls nicht einfach zu beantworten. Generell kann gesagt werden, dass vor allem Inhalte mit einseitiger Argumentationsstruktur oder sogar ohne jegliche Argumentation nicht als Gegenstand für die politische Meinungsbildung zu verwenden sind. Auch Emotionalität oder die übermäßige Verwendung von Emojis tendieren dazu, den Nutzer nicht politisch zu überzeugen, sondern ihn zu beeinflussen. Denn der Versuch, jemanden mit Emotionen zu überzeugen, zeigt, dass die jeweilige Person keine Inhalte hat, mit denen sie argumentieren kann. In diesem Zusammenhang ist auch die übermäßige Verwendung von Bildern zu erklären. Denn Bilder führen sehr oft dazu, dass sie die Realität verzerren können. Ferner können sie ebenso dazu genutzt werden, die eigene Unkenntnis zu verschleiern. Als Beispiel für diese Behauptungen sind die Tweets von der Fraktionschefin der AfD, Alice Weidel, als Beleg zu verwenden. Ihre Mitteilungen auf Twitter haben oft denselben Inhalt. Sie verwendet Graphiken, in denen markante Botschaften und Überschriften geschrieben stehen und politische Fakten undifferenziert und teils unvollständig in den Mittelpunkt gerückt werden. Davon darf man sich als Nutzer sozialer Medien keinesfalls beeinflussen lassen. Deshalb muss gesagt werden, dass die Positionen politischer Parteien zu bestimmten Themen nicht dafür geeignet sind, sich über politische Themen zu informieren. Das gilt für alle Parteien und auch für soziale Bewegungen. Deren Aussagen in sozialen Netzwerken sind auch sehr oft einseitig und überdecken beispielsweise andere wichtige Argumente und Standpunkte. Es scheint also wichtig zu sein, dass ein Nutzer sozialer Medien sich für die politische Urteilsbildung mit mehreren Kanälen bzw. mit vielen unterschiedliche Aussagen der jeweiligen Betreiber beschäftigen muss. Wenn ein Jugendlicher dem Twitter-Account von Fridays for Future folgt, so sollte er auch weiteren politisch aktiven Personen folgen, um so ein Gesamtbild über ein politisches Thema zu gewinnen. In jedem Fall lässt sich ein großer Vorteil von sozialen Medien diagnostizieren: Eine große Anzahl von Jugendlichen wird politisiert, zum Nachdenken über politische Themen angeregt und dazu animiert, sich ein Urteil über akute Themen zu bilden. Aber die Tweets von Parteien oder Bewegungen sollen nicht als Grundlage für die politische Meinungsbildung genutzt werden. Darum ist es ebenso ratsam, dass sich die Nutzer sozialer Medien vor allem darauf konzentrieren, dass sie beispielsweise Influencern oder Journalisten mit neutraler Berichtserstattung in sozialen Medien folgen sollten. Nur so kann gewährleistet werden, dass eine politisch interessierte Person ein vielfältiges Angebot an Argumenten und Standpunkten erhält und daraus filtern kann, was für einen besonders wichtig ist oder nicht.

[...]

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Details

Titel
Die politische Gefahr von sozialen Medien
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Veranstaltung
Politik und Gesellschaft der BRD
Autor
Jahr
2019
Seiten
7
Katalognummer
V903128
ISBN (eBook)
9783346209733
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Medien, Gefahr, AfD, Populismus, Sozial, Digital
Arbeit zitieren
Lauritz Tufan (Autor:in), 2019, Die politische Gefahr von sozialen Medien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/903128

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