Poesie und Politik in Antonio Skármetas Roman "Mit brennender Geduld"


Magisterarbeit, 2004
69 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

II. Antonio Skármeta

III. Rezeptionsgeschichte

IV. Der politische und soziale Kontext: Chile 1969 bis 1973
Die Zeit vor Allende
Die Präsidentschaftswahl vom 4. September 1970
Die Regierung der Unidad Popular 1970 bis 1973
Die letzten Monate der Regierung Allende
Der Putsch vom 11. September

Antonia Skármeta: Mit brennender Geduld

V. Aspekte der Darstellung

VI. Aspekte der Handlung

VII. Der Zusammenhang von Poesie und Politik: Interpretation
Die Vision Nerudas
Die Geschichtsphilosophie Rimbaud – Neruda – Skármeta

VIII. Resümee

IX. Anhang

X. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Antonio Skármetas Roman Ardiente paciencia – „Mit brennender Geduld“[1] – versteht sich als eine Hommage an Pablo Neruda, einen der bedeutendsten Autoren Lateinamerikas. Noch heute, über dreißig Jahre nach seinem Tod, ist Neruda das große Vorbild vor allem für chilenische, aber auch andere latein­amerikanische Autoren.

Seine immense Beliebtheit erlangte der Poet nicht nur dadurch, dass er mit seiner Dichtung ganz bewusst einfache Leute zu erreichen versuchte und seine Sprache dieser Zuhörerschaft anpasste.

Darüber hinaus war Neruda auch politisch sehr engagiert und erhielt internatio­nal Anerkennung für seine Solidarität mit politisch Unterdrückten.

Die Person Pablo Nerudas ist ein Symbol für die Verbindung von Poesie und Politik schlechthin. Inwiefern dies seinen Niederschlag auch in Skármetas Ro­man Mit brennender Geduld findet, soll im Zuge dieser Arbeit untersucht wer­den.

Im Zentrum der Untersuchungen steht dabei die Frage, ob Poesie und Politik einander innerhalb des Romans bedingen oder ausschließen – und ob man beides überhaupt voneinander trennen kann.

Bevor diese Fragestellung jedoch erörtert wird, sollen in den einleitenden Ka­piteln zunächst einmal der Autor und sein Werk kurz vorgestellt werden. Im folgenden wird dann ein Überblick über die Rezeptionsgeschichte Skármetas gegeben.

Um ein besseres Verständnis für den politischen und sozialen Rahmen des Romans vermitteln zu können, werde ich danach in einem weiteren Kapitel einen Überblick über den historischen Kontext geben.

Da der Roman das Chile von 1969 bis 1973 behandelt, wird diese Zeitspanne dabei im Vordergrund stehen.

Der weitere Verlauf dieser Arbeit widmet sich dann den Aspekten der Dar­stellung und der Handlung.

Im Blickpunkt stehen hier zum einen ästhetische Gesichtpunkte: Welcher Sprache bedient sich der Autor? Auf welchen sprachlichen Ebenen werden Poesie und Politik dargestellt? Lässt sich eine sprachliche Entwicklung der Protagonisten erkennen?

Eine wichtige Rolle innerhalb der Darstellung fällt dem Erzähler zu. Es wird zu klären sein, ob Erzähler und Autor identisch sind und welche Haltung der Er­zähler gegenüber seinen Protagonisten und den politisch-sozialen Geschehnis­sen einnimmt. Welche Gewichtung, welche Rolle spricht er der Poesie und der Politik zu? Wie fasst er beide Begriffe auf und in welche Relationen stellt er sie?

Der Bearbeitung der ästhetischen Aspekte wird dann die Darstellung der Handlung folgen.

Es ist zu untersuchen, welche Funktion der Poesie und der Politik hierbei zu­kommen. Welche Auswirkung hat die Beschäftigung mit der Poesie auf das Leben der Protagonisten, insbesondere hinsichtlich ihrer politischen Haltun­gen? Welchen Stellenwert nimmt sie darin ein und inwiefern beeinflusst sie die Figuren in Bezug auf ihre Identität, ihre Entwicklung und ihr Handeln?

Eine grundsätzliche Überlegung besteht darin, dass die Spannung des Romans durch die Gegenüberstellung zweier Ebenen entsteht: einer utopischen und einer alltäglichen. Beide Bereiche entsprechen in gewissem Sinne einer idealistischen Theorie und einer alltäglichen Praxis. Inwiefern sie jedoch mit Poesie und Politik gleichzusetzen sind, einander bedingen oder möglicherweise ausschließen, wird zu untersuchen sein.

Die Kapitel über die ästhetische Darstellung des Romans und die in ihm ge­schilderte Handlung sollen die Interpretation der Vision Nerudas, sowie der zentralen Metapher – „Mit brennender Geduld“ – und damit den Kernpunkt dieser Arbeit vorbereiten.

Die Vision des Dichters stellt politische Ereignisse in einen geschichtlichen Zusammenhang und schafft auf diese Weise die Voraussetzung für die Interpretation des Titelzitats.

Die Metapher Mit brennender Geduld entnimmt Neruda im Zuge seiner Rede zur Verleihung des Nobelpreises[2] 1971 einem Gedicht von Rimbaud[3]. Skármeta wiederum greift das Bild mit dem Titel seines Romans auf.

Anhand der Interpretation ist herauszustellen, welche Polarität das Bild „Mit brennender Geduld“ besitzt. Auch hier sind die zwei Ebenen der Utopie und des Alltäglichen, bzw. der Rationalität und der Emotionalität, von Bedeutung. Beide Momente müssen die Umsetzung einer Theorie in die Praxis beein­flussen.

Die grundlegende These besteht darin, dass dem Titelzitat eine Geschichtsphi­losophie zugrunde liegt, die sich von Rimbaud über Neruda und Skármeta spannt. Sie macht den tatsächlichen Zusammenhang von Poesie und Politik bei Skármeta deutlich und zeigt auf, welche Rolle der Autor der Literatur in Bezug auf die Politik zuspricht und umgekehrt. Die Literatur steht der Politik gegen­über in einer Verantwortung, die sowohl vom Autor, als auch von seinen Lesern nicht vergessen werden darf.

Die Interpretation des Titelzitats und seine Forderung an die Literatur bilden zugleich den Kern dieser Arbeit.

Die Ergebnisse, die im Zuge der Analyse erzielt wurden, werden abschließend in einem Resümee zusammengefasst und noch einmal kurz kommentiert

II. Antonio Skármeta

Antonio Skármeta wurde am 07. November 1940 in Antofagasta/Chile als Sohn kroatisch-stämmiger Eltern geboren und wuchs in einfachen Verhältnis­sen auf. Aus wirtschaftlichen Gründen emigrierte seine Familie in seiner Kind­heit nach Buenos Aires/Argentinien, kehrte jedoch einige Jahre später nach Chile zurück. Seine Jugend verbrachte Skármeta dann in Santiago.

Bereits früh interessierte er sich für Literatur, seine zweite Passion galt daneben dem Kino.

Nach dem Besuch des staatlichen Gymnasiums studierte er zunächst Philoso­phie an der Universität von Chile in Santiago und später auch Literatur an der University of Columbia in New York.

1969 trat er der Bewegung der Nationalen Volksfront (MAPU) bei, die Allende 1970 als Kandidat bei der Präsidentschaftswahl unterstützte.

Nachdem Allende am 11. September 1973 durch einen Militärputsch gestürzt worden war, verließ Skármeta das Land. Er verbrachte danach erst ein Jahr in Buenos Aires, bevor er 1975 nach Berlin emigrierte. Dort lebte er die nächsten fünfzehn Jahre.

In Deutschland wurde Antonio Skármeta bald durch seine Zusammenarbeit mit dem Regisseur Peter Lilienthal bekannt. Lilienthal verfilmte einige seiner Drehbücher, darunter La Victoria (1973), Es herrscht Ruhe im Land (1975) und Der Aufstand (1979).

Seine Laufbahn als Schriftsteller begann Skármeta bereits in Chile. Dort erschien 1967 sein erster Band von Erzählungen unter dem Titel El entusiasmo[4]. Im Laufe der Zeit folgten weitere Erzählungen, u. a. Desnudo en el tejano[5] (ausgezeichnet mit dem Premio Casa de las Américas) und Tiro libre[6].

Seinen ersten Roman veröffentlichte Skármeta 1975 unter dem Titel Soñé que la nieve ardía[7] („Ich träumte, der Schnee brennt“[8]).

Der Roman zeichnet ein Bild der Regierungszeit der Unidad Popular und behandelt im wesentlichen die letzten zwei Jahre der Volksfront. Der Untergang der sozialistischen Regierung wird in dramatischer Weise wiedergegeben. Im Vordergrund stehen hier die Auseinandersetzungen zwischen reaktionären und linken Kräften, die sich schließlich bis zum Putsch im September des Jahres 1973 zuspitzten.

In seinem Roman gelingt es Skármeta, ein Bild der damaligen Zeit zu schaffen, die vor allem durch die Klassenkämpfe und den immer weiter anschwellenden Hass innerhalb der Gesellschaft gekennzeichnet war[9].

Soñé que la nieve ardía wurde schnell in verschiedene Sprachen übersetzt, u. a. ins Russische, Italienische, Französische und Deutsche.

Skármetas zweiter Roman No pasó nada[10] wurde 1980 veröffentlicht. Internationale Anerkennung erlangte er aber vor allem durch sein viertes Werk, Ardiente paciencia[11], das ursprünglich für das Theater konzipiert worden war, aber schließlich auch als Roman veröffentlicht wurde.

Ardiente paciencia (auch unter dem Titel El cartero de Neruda bekannt) wurde von Skármeta 1983 in eigener Regie verfilmt. Eine zweite Verfilmung unter der Regie von Michael Bradford kam 1994 in die Kinos und wurde zu einem überwältigenden Erfolg: der Film erhielt fünf Oscar-Nominierungen, wurde mit einem Oscar für die Filmmusik ausgezeichnet und gilt als der erfolgreichste ausländische Film in den Vereinigten Staaten aller Zeiten.

Der Roman selbst wurde mit dem portugiesischen Premio Libro de Oro ausge­zeichnet und in 20 Sprachen übersetzt.

Nach dem Ende des Regimes Pinochet kehrte Antonio Skármeta 1989 nach Santiago zurück.

In seiner Heimat ist der Autor seit Beginn der neunziger Jahre jedoch nicht nur wegen seiner Bücher, sondern vor allem für seine Fernsehsendung Show de los Libros bekannt, die 1992 erstmalig ausgestrahlt wurde[12]. In dieser Sendung bemühte sich Skármeta, auch einfachen Leute Literatur nahezubringen. Mit Erfolg: die Einschaltquoten waren von Beginn an sehr hoch, 1996 lagen die durchschnittlichen Zahlen der Sendung bei ca. 1.000.000 Zuschauern[13].

Nicht zuletzt der Show de los Libros war es zu verdanken, dass die Nueva Narrativa Chilena, die jüngere Generation chilenischer Schriftsteller, seit Beginn der neunziger Jahre eine außergewöhnliche Steigerung der Verkaufszahlen vorweisen konnte[14].

1999 kehrte Skármeta dann nach Deutschland zurück: bis 2002 war er chileni­scher Botschafter in Berlin. In derselben Zeit veröffentlichte er zwei weitere Romane, die für großes Aufsehen sorgten.

Es waren dies zum einen La boda del poeta[15], ein Roman, zum anderen seine Fortführung, die zwei Jahre später unter dem Titel La chica del trombón[16] publiziert wurde.

In La boda del poeta erzählt der Autor die Geschichte einer Liebe, die von Humor und Intrigen durchwoben ist. Dabei zeichnet Skármeta einerseits das Bild Europas vor Beginn des Krieges, andererseits aber auch die Geschichte von dalmatischen Emigranten, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach Chile auswandern.

In La Chica del trombón wird diese Chronik weiter erzählt. Der Schriftsteller schildert die Geschichte eines kleinen Mädchens, das nach Chile emigriert und in Antofagasta eine neue Heimat findet. Der Roman behandelt die Probleme des Erwachsenwerdens, die Träume und Hoffnungen junger Menschen, die ihre Nahrung in den großen Filmen ihrer Zeit finden. Er thematisiert außerdem die Vergangenheit und ihrer Bewältigung, die Suche nach der eigenen Identität und die erste große Liebe.

Beide Romane kennzeichnet eine augenzwinkernde Ironie und viel Sinn für Humor.

2003 erhielt der Autor dann den Premio Unesco, einen Kinderbuchpreis für sein Buch La redacción[17].

Im selben Jahr konnte Skármeta auch seinen bisher unbestritten größten Erfolg feiern: für seinen letzten Roman, El baile de la victoria[18], wurde ihm der Premio Planeta verliehen, der höchstdotierteste Preis für spanischsprachige Literatur.

Auf die weiteren Werke Antonio Skármetas darf man nicht zuletzt nach diesem Erfolg sehr gespannt sein.

III. Rezeptionsgeschichte

In der deutschen Forschung wurde Skármetas Werk bisher leider noch nicht in großem Umfang diskutiert.

Nennenswert sind hier die Studien von Herman Herlinghaus, der Skármeta in zwei Büchern behandelt.

In Romankunst in Lateinamerika[19] , das von Herlinghaus herausgegeben wurde, wird Skármeta neben literarischen Größen wie Miguel Angel Asturias, Gabriel García Marquez, Mario Vargas Llosa und Isabel Allende ein Kapitel gewidmet. Dies lässt sich sicherlich als ein Indiz für die Qualität des Autors heranziehen.

Im Mittelpunkt stehen hier Skármetas Erzählungen, sowie die Romane Soñé que la nieve ardía und No pasó nada. Der Autor des Skármeta-Kapitels, Desiderio Saavedra, untersucht die Texte darin auf ihre Erzähltechnik und ihren historischen, politischen und sozialen Kontext.

In Herlinghaus’ zweitem Titel, Intermedialität als Erzählerfahrung: Isabel Allende, José Donoso, und Antonio Skármeta[20], werden Skármetas Texte vor allem hinsichtlich der literarischen Vergegenwärtigung einer „audiovisuell geprägten Massenkultur unter den Bedingungen militärstaatlich gesteuerter Modernisierung[21] “ untersucht.

Auch wenn Herlinghaus dabei Film, Fernsehen und Theater mit einbezieht, so hält er doch letztlich am literarischen Text als Forschungsgegenstand fest.

In Kathrin Bergenthals Studien zum Mini-Boom der Nueva Narrativa Chilena[22] wird Skármeta zwar behandelt, doch steht hier weniger sein Werk im Vorder­grund, als vielmehr sein Einfluss durch seine Literaturwerkstatt, bzw. die Show de los libros[23].

Die Autorin gibt hier allerdings eine wichtige Erklärung für die geringe Diskussion Skármetas und der übrigen Nueva Narrativa Chilena innerhalb der ausländischen Forschung: sie wertet den Mini-Boom als ein nationales Phäno­men, das keinesfalls auch im Ausland auffallend höhere Verkaufszahlen nach sich zog[24].

Innerhalb der spanischsprachigen Forschung stieß Skármeta – und insbesondere auch Ardiente paciencia – jedoch durchaus auf größeres Interesse als in Deutschland.

Das lag zum einen sicherlich daran, dass Skármeta als erster Autor einen fikti­ven Pablo Neruda in seinem Werk auftreten ließ, der aber sehr realistische Züge trägt. Die Besonderheit daran: bei Skármeta steht Neruda nicht in einem hochpoetischen Zusammenhang, im Gegenteil: der Dichter spricht eine überaus alltägliche Sprache, tanzt, singt und weiß sich auch durchaus nicht immer verbal zur Wehr zu setzen.

Dennoch wurde der Roman nicht als eine Parodie, sondern als Hommage an Pablo Neruda erkannt und diskutiert.

Die Vermischung eben dieser poetischen und populären Elemente in Ardiente paciencia untersuchte Guillermo García-Corales[25].

Gerade durch den Bezug zu Neruda fand Skármeta viel Aufmerksamkeit; eine ganze Reihe von Autoren widmeten dem Vergleich beider Autoren größere Teile ihrer Studien (u. a. Belmonte-Serrano[26] ).

Bei Andres Piña[27] kommt der Autor selber zu Wort. Dies ist gerade hinsicht­lich Skármetas Verständnisses eines „ästhetischen Konzeptes“ von Interesse.

Eine intensive Auseinandersetzung mit den Texten Skármetas ist innerhalb der Forschung, insbesondere in Deutschland, bisher (noch) ausgeblieben. Es ist allerdings zu erwarten und zu erhoffen, dass sich dies nach seinen jüngsten internationalen Auszeichnungen – vor allem nach dem Premio Planeta – ändern wird.

IV. Der politische und soziale Kontext: Chile 1969 bis 1973

Die Zeit vor Allende

Bei den Präsidentschaftswahlen des Jahres 1964 standen sich drei Kandidaten gegenüber: Salvador Allende als Vertreter der Sozialisten, Eduardo Frei als Vertreter der Christdemokraten sowie ein Vertreter der Rechten.

Schnell mehrten sich die Anzeichen für einen möglichen Wahlsieg Allendes, so dass sich die Rechte kurzfristig entschloss, Frei und seine „Revolution in Freiheit“ zu unterstützen. Tatsächlich gewann Frei daraufhin die Wahl mit beachtlichem Abstand: 56 % der Stimmen entfielen auf ihn, Allende erhielt nur 39 %[28].

Frei wurde auch durch das Ausland unterstützt, er erschien den ausländischen Regierungen – vor allem den USA – als Kompromiss zwischen Oligarchie und sozialistischer Revolution.

Nach der Wahl begann Frei, ein umfangreiches Reformkonzept umzusetzen: so schuf seine Regierung die gesetzliche Grundlage für eine Landreform, die eine Enteignung der Großgrundbesitzer ab einer bestimmten Größe des Landbesit­zes möglich machte. Weiterhin führte er eine teilweise Verstaatlichung des Kupferbergbaus durch[29], erlaubte erstmals Landarbeitergewerkschaften und verlieh auch den Analphabeten das Wahlrecht[30].

Doch die Reformen sorgten für eine enorme Verschärfung der politischen Ge­gensätze: den Rechten gingen die Reformen zu weit, den Linken dagegen nicht weit genug. Beide Lager versuchten, die Regierung zu blockieren, so dass die Christdemokraten auch in der Bevölkerung den Rückhalt verloren[31].

Die Präsidentschaftswahl vom 4. September 1970

Diese Polarisierung zwischen Rechten und Linken war es auch, die Allende 1970 letztlich zum Wahlsieg verhalf.

Frei verfügte zwar immer noch über großes Ansehen, durfte aber laut Verfas­sung nicht noch einmal als Präsidentschaftskandidat antreten.

Während die Rechten und die Christdemokraten weiterhin in Auseinanderset­zungen verstrickt waren, einigten sich die Linken schließlich auf einen gemein­samen Kandidaten: Salvador Allende.

Und tatsächlich gelang es Allende, mit 36,6 %[32] die relative Mehrheit zu er­langen. Er gewann die Wahl knapp vor dem Rechten Jorge Alessandri (35,3%).

Da Allende schon vor der Wahl angekündigt hatte, den Großgrundbesitz radi­kal zu zerschlagen und nordamerikanische Firmen entschädigungslos zu ent­eignen, regte sich im Ausland schnell Widerstand gegen seinen Wahlsieg.

Die US-Regierung bemühte sich zunächst erfolglos darum, die Amtsüber­nahme zu verhindern. Man versuchte, Abgeordnete zu bestechen, um so Allendes Ernennung im Kongress zu vereiteln.

Im Laufe der folgenden drei Jahre intervenierte die US-Regierung auf ver­schiedenem Wege: man finanzierte Oppositionsgruppen (u. a. Zeitungen, aber auch Streiks, so z. B. der Gewerkschaft der Fuhrunternehmer[33] ), stoppte alle Ersatzteillieferungen nach Chile und machte den amerikanischen Einfluss in den internationalen Finanzorganisationen geltend, um eine Kreditvergabe an die chilenische Regierung zu verhindern. Gegen Ende der Regierungsperiode signalisierte man den Militärs zudem, dass man im Falle eines Putsches nicht eingreifen würde[34].

Die amerikanischen Interventionen verschärften zwar die innenpolitischen Auseinandersetzungen, waren jedoch nicht der alleinige Grund für das Schei­tern der Regierung Allende.

Die Regierung der Unidad Popular 1970 bis 1973

Nach der Wahl begann Allende umgehend mit den Umsetzungen seines „Sozialismus in Freiheit“-Programms. Dabei ergab sich das Problem, dass die Unidad Popular, die Volksfront, keine Mehrheit im Parlament besaß. Allende entschloss sich daher, am Parlament vorbei mit Dekreten zu regieren[35].

Die Zerschlagung des Großgrundbesitzes und die Enteignung von ausländi­schen Unternehmen hatten jedoch bald einen enormen Rückgang der Produk­tion und hohe Arbeitslosigkeit zur Folge. Die Angst vor Enteignungen führte letztlich auch dazu, dass Investitionen aus dem Ausland ausblieben und der Produktionsrückgang auf diesem Wege nicht abgefangen werden konnte. Zudem übernahm die Regierung die verbliebenen Privatbanken in Staatsbesitz, indem sie die Aktienmehrheit erwarb und so eine Genehmigung durch das Parlament umging. Die dadurch entstehenden Haushaltslöcher musste die No­tenpresse ausgleichen. Dies hatte wiederum eine steigende Inflation zur Folge, die zeitweise mehr als 600% betrug und damit völlig außer Kontrolle geriet.

Im Laufe seiner Regierungszeit stand Allende mehr und mehr unter dem Ein­fluss des extremen linken Flügels seiner Partei. Ohne Rücksicht auf die insta­bile wirtschaftliche Situation wurden die Reformpläne weiter umgesetzt.

Die ersten ernsthaften wirtschaftlichen Probleme zeichneten sich 1972 ab und wurden durch die bereits erwähnte Kreditsperre seitens der US-Regierung noch verstärkt. In Folge dessen kam es zu den ersten Streiks, die sich immer mehr ausweiteten. In 21 der 25 chilenischen Provinzen herrschte der Ausnahmezu­stand; ohne die Kontrolle des Militärs wäre die Situation eskaliert.

Allende appellierte daher an die führenden Militärs und berief sie in die Regierung[36]. Tatsächlich gelang es dem Oberkommandierenden des Heeres, Carlos Prats, den Streik binnen von 24 Stunden gewaltfrei zu beenden. Das Eingreifen des Militärs wurde von allen Seiten begrüßt, da es sowohl unter den Unternehmern als auch den Arbeitern volles Vertrauen genoss.

Die Regierungsbeteiligung der Militärs dauerte über fünf Monate an, innerhalb derer ohne „Dringlichkeitsdekrete“ oder andere zwielichtige Methoden regiert wurde. Die Aufgabe der Militärminister bestand vor allem darin, dem Land einen ordnungsgemäßen Ablauf der im März 1973 anstehenden Parlamentswahlen zu gewährleisten. Sie legten der Regierung als Bedingung für ihren Verbleib im Kabinett einen Katalog vor, der u. a. die Gewährleistung von Recht und Gesetz gemäß der Verfassung forderte.

Daraufhin entschied sich Allende, die Minister mit Dank für ihre geleisteten Dienste aus dem Amt zu entlassen.

Da die Grenzen des Staatssektors unter Allende nie klar umrissen wurden, sa­hen sich auch weite Teile des Mittelstandes – Alleinunternehmer, selbständige Bauern, Freiberufler – mit einer möglichen Enteignung konfrontiert und entzo­gen Allende daher ihre Unterstützung. Große Proteste gab es vor allem auch unter den Frauen, von denen Allende erstaunlich wenig Wählerstimmen erhal­ten hatte[37].

Die letzten Monate der Regierung Allende

Um die Jahreswende war das gesamte chilenische Volk, einschließlich des Mi­litärs, in zwei Lager gespalten: ein sozialistisches und ein konservatives. Die Propaganda tat ein übriges, um zu einer nie gekannten fanatischen und hasser­füllten Polarisierung beizutragen[38].

Als die Preise im Laufe des Jahres 1973 dramatisch anstiegen und die Lebens­mittel rationiert werden mussten, gab es weitere Streiks und heftige Straßen­schlachten zwischen rechten Gruppierungen und dem Militär.

Im Juli 1973 kam es erneut zu einem Streik, der seinen Anfang bei den Fuhrunternehmern nahm, sich aber bald zu einem landesweiten Generalstreik ausweitete: alle mittelständischen Berufe und auch weite Teile der Arbeiterschaft schlossen sich ihm an.

Am 9. August 1973 berief Allende nochmals die führenden Militärs in die Regierung, doch binnen weniger Tage legten zwei der vier Militärminister ihre Ämter nieder: der eine wegen Eigenmächtigkeit eines links-sozialistischen Staatssekretärs, der andere, weil er sich außer Stande sah, die desolate Haushaltslage zu lösen.

Am 22. August 1973 gab das Parlament eine „Illegalitätserklärung“ ab, in der die Verfassungswidrigkeit der Regierung Allende festgestellt wurde[39]. Diese Erklärung war mit der Forderung an die vier Oberkommandierenden der Streitkräfte sowie der Polizei verbunden, entweder die Einhaltung von Verfas­sung und Gesetz durch die bestehende Regierung zu gewährleisten – oder aber sich aus der Regierung zurückzuziehen.

Der Putsch vom 11. September 1973

Die Militärs standen nun vor der Entscheidung, einen Präsidenten zu unterstüt­zen, dessen Regierung vom Parlament als illegal festgestellt worden war oder auf Seiten des Parlaments und der Volksmehrheit die Rechtsstaatlichkeit wie­der herzustellen.

Am 11. September 1973 kam es schließlich zum Putsch unter der Führung des Generals Augusto Pinochet. Salvador Allende kam im Regierungspalast unter zunächst ungeklärten Umständen ums Leben.

In Chile wird ein Selbstmord Allendes jedoch seit Ende der achtziger Jahre nicht mehr angezweifelt[40].

Seit den dreißiger Jahren hatte das Militär nicht mehr aktiv in die Politik ein­gegriffen[41], nun wurde der Umsturz mit schockierender Brutalität vollzogen. Allein zwischen 1973 und 1976 wurden Tausende Menschen ermordet: offi­zielle Quellen sprechen von ca. 3.000 Menschen, inoffizielle Schätzungen lie­gen jedoch weit darüber[42]. Tatsächliche und vermeintliche Anhänger der Unidad Popular wurden zu Tausenden verhaftet, gefoltert und ermordet. Allein in den ersten zwei Jahren der Diktatur verließen ca. 20.000 Chilenen ihr Land, Anfang der achtziger Jahre lebten schätzungsweise 165.000 (!) Chilenen im Exil[43].

[...]


[1] Skármeta, Antonio: Mit brennender Geduld. Aus dem chilenischen Spanisch von Willi

Zurbrüggen, Piper Verlag, München 1985.

[2] Die Rede ist im Internet auf der Seite http://www.geocities.com/Paris/Arc/9906/discurso.htm

im Originaltext einzusehen (Stand: 23.06.2004).

[3] Adieu (Une saison en enfer), in: Rimbaud, Arthur: Sämtliche Dichtungen. Herausgegeben

von Walther Küchler, 6. Aufl., Heidelberg 1982.

[4] Skármeta, Antonio: El entusiasmo. Editorial Zig-Zag, Santiago 1967.

[5] Ders.: Desnudo en el tejano. Editorial Sudaméricana, Buenos Aires 1969.

[6] Ders.: Tiro libre. Editorial Siglo XXI, Santiago 1973.

[7] Ders.: Soñé que la nieve ardía. Editorial Planeta, Barcelona 1975.

[8] Ders.: Ich träumte, der Schnee brennt. Deutsch von Monika López, Luchterhand Verlag,

Darmstadt und Neuwied 1978.

[9] Vgl. hierzu auch: Desiderio Saavedra: Antonio Skármeta – Varianten einer künstlerischen

Methode. In: Hermann Herlinghaus (Hrsg.): Romankunst in Lateinamerika. Akademie-Verlag,

Berlin 1989, S. 238-254.

[10] Skármeta, Antonio: No pasó nada. Editorial Pomaire, Barcelona 1980.

[11] Ders.: Ardiente paciencia. Editorial Sudaméricana, Buenos Aires 1985.

[12] Die Sendung wurde 1994 von der UNESCO ausgezeichnet. Vgl. hierzu Kathrin Bergenthal:

Studien zum Mini-Boom der Nueva Narrative Chilena, Frankfurt a. M. 1999, S. 115.

[13] Vgl. ebd. S. 115. Genaue Zahlen liegen mir nicht vor.

[14] Vgl. ebd., S. 115.

[15] Skármeta, Antonio: La boda del poeta. Areté 1999. In Deutschland veröffentlicht unter dem

Titel Die Hochzeit des Dichters, aus dem chilenischen Spanischen von Willi Zurbrüggen,

Piper 2000.

[16] Ders.: La chica del trombón. Areté 2001. In Deutschland veröffentlicht unter dem Titel Das

Mädchen mit der Posaune. Aus dem chilenischen Spanisch von Willi Zurbrüggen, Piper 2002.

[17] Ders. (2000): La redacción.

[18] Ders.: El baile de la victoria. Editorial Planeta 2003.

[19] Desiderio Saavedra: Antonio Skármeta – Varianten einer künstlerischen Methode.

Akademie-Verlag, Berlin 1989.

[20] Herlinghaus, Hermann: Intermedialität und Erzählerfahrung: Isabel Allende, José Donoso

und Antonio Skármeta im Dialog mit Film, Fernsehen und Theater, 1994.

[21] S. ebd. S. 10.

[22] Bergenthal, Katrin: Studien zum Mini-Boom der Nueva Narrativa Chilena. Literatur im Neo-

liberalismus. Hispano-Americana. Geschichte, Sprache Literatur, Bd. 21, Frankfurt/ M. 1999.

[23] Vgl. ebd. S. 115 und 145.

[24] Vgl. ebd. S. 11.

[25] García-Corales, Guillermo: Ardiente paciencia: Carnavalización del discurso nerudiano. In:

ders.: Relaciones de poder y carnavalización en la novela chilena contemporánea, Santiago

de Chile 1995.

[26] Belmonte-Serrano, José: Dos versiones de un poeta: Neruda, segun Jorge Edwards y Antonio

Skármeta, 1998.

[27] Andre Piña, Juan: Conversaciones con la narrativa chilena, Editorial Los Andes 1991.

[28] Vgl. hierzu: Nolte, Detlef: Die Vorherrschaft der Militärregimes in den sechziger und sieb-

ziger Jahren, in: Lateinamerika II, Informationen zur politischen Bildung, 3. Quartal 1994,

Bundeszentrale für politische Bildung, S. 15-30:19.

[29] Chile verfügt über die größten Kupfervorkommen der Welt. Vgl. hierzu MSN Encarta

Enzyklopädie 2004, „Chile“.

[30] Vgl. hierzu: Nolte, Detlef: Die Vorherrschaft der Militärregimes in den sechziger und sieb-

ziger Jahren, in: Lateinamerika II, Informationen zur politischen Bildung, 3. Quartal 1994,

Bundeszentrale für politische Bildung, S. 15-30:19.

[31] Vgl. ebd.: S. 19. Zu ihrer Zeit war die Regierung Frei zwar umstritten, wurde von der Bevöl-

kerung aber zu Beginn der neunziger Jahre mit großem Abstand zur besten Regierung seit den

spätern fünfziger Jahren gewählt.

[32] Vgl. hierzu: Nolte, Detlef: Die Vorherrschaft der Militärregimes in den sechziger und sieb-

ziger Jahren, in: Lateinamerika II, Informationen zur politischen Bildung, 3. Quartal 1994,

Bundeszentrale für politische Bildung, S. 15-30:19.

[33] Vgl. hierzu Skármeta, Antonio: Mit brennender Geduld. Aus dem chilenischen Spanisch von

Willi Zurbrüggen, Piper Verlag, München 1985, S. 107.

[34] Vgl. hierzu Nolte, Detlef: Entwicklungshoffnungen und revolutionäre Umbrüche in den fünf-

ziger Jahren. In: Lateinamerika II, Informationen zur politischen Bildung, 3. Quartal 1994,

Bundeszentrale für politische Bildung, S. 8-15:14.

[35] Vgl. hierzu: ders.: Die Vorherrschaft der Militärregimes in den sechziger und siebziger

Jahren, in: Lateinamerika II, Informationen zur politischen Bildung, 3. Quartal 1994,

Bundeszentrale für politische Bildung, S. 15-30:20.

[36] Vgl. hierzu: Lothar Lahn: Chile unter Allende – persönliche Eindrücke und Erfahrungen aus

meiner Botschaftszeit, in: Titus Heydenreich (Hrsg.) Chile: Geschichte, Wirtschaft und Kultur

der Gegenwart, Lateinamerika-Studien, Bd. 25, Frankfurt/M., Vervuert 1990, S. 76.

[37] Der Anteil der Stimmanteile bei den Männer betrug 42 %, bei den Frauen dagegen nur 30,9%. Vgl. hierzu Huneeus, Carlos: Der Zusammenbruch der Demokratie in Chile. Eine vergleichende Analyse. Heidelberger Dritte Welt Studien Band 8, Heidelberg 1981. S. 215, Tabelle 22.

[38] Vgl. hierzu: Lothar Lahn: Chile unter Allende – persönliche Eindrücke und Erfahrungen aus

meiner Botschaftszeit, in: Titus Heydenreich (Hrsg.) Chile: Geschichte, Wirtschaft und Kultur

der Gegenwart, Lateinamerika-Studien, Bd. 25, Frankfurt/M., Vervuert 1990, S. 77.

[39] Vgl. ebd. S. 79.

[40] Vgl. hierzu: Nolte, Detlef: Die Vorherrschaft der Militärregimes in den sechziger und sieb-

ziger Jahren, in: Lateinamerika II, Informationen zur politischen Bildung, 3. Quartal 1994,

Bundeszentrale für politische Bildung, S. 15-30:20.

[41] S. ebd. S. 20.

[42] Vgl. hierzu: ders.: Menschenrechte und politischer Wandel in Chile, in: Lateinamerika.

Analysen – Daten – Dokumentation, Nr. 11/12, August 1989, S. 33-45.

[43] Vgl. hierzu: Angel Angell/ S. Carstairs: The exile question in Chilean Politics. In: Third

World Quarterly 9, 1987, S. 148-167:153.

Ende der Leseprobe aus 69 Seiten

Details

Titel
Poesie und Politik in Antonio Skármetas Roman "Mit brennender Geduld"
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
1,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
69
Katalognummer
V90326
ISBN (eBook)
9783638029209
ISBN (Buch)
9783640204588
Dateigröße
824 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Poesie, Politik, Antonio, Skármetas, Roman, Geduld
Arbeit zitieren
M. A. Imke Strauß (Autor), 2004, Poesie und Politik in Antonio Skármetas Roman "Mit brennender Geduld", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/90326

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