Orientalistische Strukturen in der Erzählung "Die Eroberung von Byzanz" von Stefan Zweig


Seminararbeit, 2019

15 Seiten, Note: 1.70


Leseprobe

GLIEDERUNG

Abstract

1. Einleitung

2. Der Orientalismus und seine Beziehung zur Literatur

3. Sternstunden der Menschheit,1943
3.1.Inhaltsangabe

4. Die Eroberung von Byzanz (1453)
4.1. Inhaltsangabe
4.2. Die Darstellung des Sultans Mehmet II.: Mahomet als Führer
4.3. Die Osmanen als Orient und Die Byzantiner als Okzident
4.4. Sultan Mehmet als „das Andere“

5. Die Eroberung von Byzanz aus der Perspektive von Prof. Dr. Ilber Ortayl als ein historisches Ereignis

6. Schlussbemerkungen

7. Literaturverzeichnis

Abstract

Die vorliegende Arbeit entstand im Rahmen meines Masterstudiums an der Ege Universität zu Izmir.

Das Ziel dieser Arbeit ist die orientalistischen Strukturen in der Erzählung „Eroberung von Byzanz“ von Stefan Zweig festzustellen und diese Strukturen im Rahmen vom Edward Saids Orientalismus Diskurs zu analysieren. Dabei wird erstmal Orientalismus als Begriff definiert und seine Beziehung zur Literatur erläutert. Dann wird erstmal die Sammlung “Sternstunden der Menschheit“ vorgestellt und die Inhaltsangabe der Erzählung „Eroberung von Byzanz“ gegeben.

Als nächstes wird die Darstellung des Sultans Mehmet in der Erzählung „Eroberung von Byzanz“. Dabei wird es in Frage gestellt, warum Zweig den Name Mahomet anstatt Mehmet wählt.

Des Weiteren wird analysiert, inwiefern die Osmanen für Orient und die Byzantiner für Okzident stehen. Saids Prinzip Orient-Okzident dient dabei als Grundlage für die Analyse. Ein weiterer Punkt, auf den eingegangen wird, ist die andersartige Darstellungsweise von Sultan Mehmet II in Bezug auf ein weiteres Prinzip von Said „das Andere“.

Schließlich wird die Eroberung von Byzanz aus İlber Ortaylıs Sicht als ein historisches Ereignis erläutert, um einen Vergleich zwischen Zweigs orientalistisch-fiktiver Darstellung und Ortaylıs akademischer Arbeit zu ermöglichen.

Serra Yılmaz, İzmir, 2019

1.Einleitung

Die Geschichte der Interaktion zwischen den west-europäischen Gesellschaften und den östlichen besteht aus Konflikten. Diese Konflikte stammen überwiegend aus der orientalistischen Sicht von den Abendländern. Der Literaturwissenschaftler Edward Said setzte sich in seiner Studie „Orientalismus“ für eine bessere Verständigung zwischen dem Westen und Osten ein. Saids Werk Orientalismus war insofern wie ein Schlag ins Gesicht von dem Westen. Der Westen, der sich als aufgeklärt akzeptiert, betrachtet den Orient als unlogisch, barbarisch und unaufgeklärt. Diese ethnozentiristische Wahrnehmungsweise vom Westen kritisiert Said in seinem Werk „Orientalismus“.

In dieser Arbeit wird Zweigs Erzählung „Eroberung von Byzanz“ -eine von diesen Konflikten zwischen Westen und Osten- unter dem Aspekt des Orientalismus analysiert. Um eine solche Analyse zu ermöglichen, werden zunächst die inhaltliche Wiedergabe vom Saids Werk so wie seine Thesen erläutert. Dies wird der Gegenstand von dem zweiten Kapitel sein.

Im Fokus der Arbeit steht die Analyse der orientalistischen Strukturen in Zweigs Erzählung „Eroberung von Byzanz“. Diese Analyse wird unter drei Kapiteln gegliedert: Die Darstellung des Sultans Mehmet II, Mahomet als Führer Die Osmanen als Orient und Die Byzantiner als Okzident, Sultan Mehmet als „das Andere“. Diese drei Kapitel werden sich ausführlich der Analyse auf orientalistische Deutungsmuster widmen. Hierbei sollen die Thesen von Edward Said hinzugefügt werden. Danach wird das Hauptthema als ein historisches Ereignis betrachtet, dabei wird es aus der Sicht eines Historikers erläutert.

Im Anschluss erfolgt im sechsten Kapitel der Hausarbeit eine Zusammenfassung sämtlicher erarbeitenden Ergebnisse im Hinblick auf die Ausgangsfrage der Arbeit. Ein Literaturverzeichnis wird die Hausarbeit dann schließlich abschließen.

2. Der Orientalismus und seine Beziehung zur Literatur

Orientalismus ist ein Begriff, der erstmals im späten 18. Jahrhundert verwendet wurde, um sich auf die wissenschaftliche Erforschung des Ostens und einen Stil in den östlichen Künsten zu beziehen.1 In den 1980-er Jahren wurde der Begriff „Orientalismus“ von dem christlich-palästinische Literaturwissenschaftler Edward Said als eine Wissenschaftsdisziplin oder ein künstlerische Bewegung bezeichnet. Laut Edward Said ist der Orientalismus ein durch Wissenschaft, den Reisebericht und die fiktive Literatur elaborierter Diskurs, durch den sich Europa seiner politischen, sozialen, militärischen, wissenschaftlichen und kulturellen Überlegenheit über den Orient versichert, der als das grundsätzlich Fremde stilisiert wird.2

Dementsprechend ist der Orientalismus eine Denkweise, die auf einer ontologischen und epistemologischen Unterscheidung basiert, die zwischen „dem Orient“ und (meistenteils), „dem Okzident“ gemacht wurde.3 An dieser Stelle sieht man, dass die Begriffe „Orient“ und „Okzident“ in diesem Diskurs wichtig zu nennen sind. Im Duden wird „Orient“ als vorder-und mittelasiatische Länder, Osten und „Okzident“ als Abendland, Westen definiert. Hauptsächlich ist der Orient Ausgangspunkt von dem Diskurs des Orientalismus. Aus der Sicht des Okzidents wird den „Orient“ als Ort ausschweifender Sinnlichkeit, Dekadenz und Irrationalität dargestellt.4 Insofern kann man sagen, dass im Orientalismus die östliche Kultur und Lebensweise abwertet werden. Der Orient wird also als „das Andere“ gesehen. Daneben werden die westlichen Kulturen immer tugendhaft, ideal und adlig gesehen. In diesem Sinne hat sich der Orientalismus in postkolonialen Theorien zunehmend vom konkreten Raum des Orients gelöst und fungiert als allgemeine Bezeichnung für westliche Repräsentationen eines nichtwestlichen Anderen.5

Orientalismus beschäftigt sich vor allem mit den Darstellungen des Orients in der literaturhistorischen Studie von der europäischen Kultur und Wissenschaft. Diese Darstellungen des Orients werden in der westlichen Literatur fast immer negativ geschildert. Mithilfe dieser Darstellungen wird eigentlich die Identität des Okzidents gebildet: Was nicht der Orient ist, ist der Okzident. Daher wird das Andere (der Orient) konstitutiv für das Eigene (der Okzident) gesehen. Das Eigene wird also in Abgrenzung zu einem Außen bestimmt. Die negativen Attribute gehören dem Orient. Aus diesem Grund gehören die positiven Attribute dem Okzident. In diesem Zusammenhang muss es erwähnt werden, dass kollektive Identität des Okzidents durch die Stereotypen und Wertungen über den Anderen hergestellt wird. Diese Stereotypen werden besonders in der europäischen Literatur oft benutzt. Infolgedessen wird die kollektive Identität der Abendländer beeinflusst.

3. Sternstunden der Menschheit,1927

3.1. Inhaltsangabe

Sternstunden der Menschheit ist eine Sammlung von geschichtlichen Erzählungen, die von österreichischem Schriftsteller Stefan Zweig im Jahr 1927 geschrieben wurde. Zweig hat diese Erzählungen mit einer aus der Malerei übernommenen Form bezeichnet: als Miniatur. Miniatur bedeutet kleines Bild oder Zeichnung als Illustration einer Handschrift.6 Zweig übernahm diesen Begriff, der ursprünglich aus der Malerei kommt, da diese sublime Augenblicke (die Sternstunden) ohne eine nachhelfende Hand gestaltet7 werden. In diesem Buch ist also die Gestaltung in der Rede. Die Geschichte waltet wahrhaft als Dichterin, darf kein Dichter versuchen, sie zu überbieten.8

Das Buch beinhaltet 14 triumphierende oder tragische Weltgeschichte. Alle Geschichte haben Wendepunkte, die von Zweig „Sternstunden“ genannt wurden, weil sie leuchtend und unwandelbar wie Sterne die Nacht der Vergänglichkeit überglänzen.9

Die Helden in diesen Geschichten sind bekannte Figuren in der Weltgeschichte und verfolgen ihre Ideen und treffen weitreichende Entscheidungen. Im Mittelpunkt der Erzählungen stehen die seelische Verfassung und persönliche Eigenschaften dieser Helden.

Stefan Zweig erzählt u.a. die Eroberung Konstantinopels, das Spätwerk Goethes, den Aufbruch zum Südpol, die Entdeckung des Pazifiks, den Goldrausch in Kalifornien, Napoleons Niederlage. 1927 erschienen die ersten 5 Miniaturen. Dann kamen die weiteren Miniaturen hinzu. 1943 erschienen diese 14 Miniaturen in einem Band, also ein Jahr nach Zweigs Freitod.

Die Texte wiederspiegeln nicht die 100%ige historische Wahrheit. Die historische Wahrheit wurde von Zweig literarisch bearbeitet. Die Schilderungen beinhalten manchmal Subjektivität von Zweig. Dies kann man besonders in den Geschichten „Eroberung von Byzanz“ und „der Kampf um den Südpol“ deutlich sehen.

4. Die Eroberung von Byzanz (1453)

4.1. Inhaltsangabe

Diese Miniatur aus dem Buch Sternstunden der Menschheit beschäftigt sich mit der Geschichte des jungen, gierigen Sultans Mehmet, der in der ersten Minute seiner Regierung schwor, Konstantinopel zu gewinnen. Wie der Name der Miniatur verrät, konzentriert dieser Text sich auf Eroberung von Byzanz. Daneben wird die Persönlichkeit von Sultan Mehmet detailliert dargestellt.

Am Anfang der Erzählung bekommt der junge Mahomet (Mehmet) die Nachricht, dass sein Vater gestorben sei. Dann wird erzählt, dass Mehmet grausam seinen unmündigen Bruder im Bade ertränken lässt, um den Thron zu besteigen. Mahomet wird als ein gelehrter, kunstliebender Mann und gleichzeitig als ein grausamer Barbar dargestellt. Sein ehrgeiziges Ziel ist die Eroberung Konstantinopels. In Zweigs Schilderung redet Mahomet vom Frieden, weil er einen Krieg vorbereitet.

Zur Vorbereitung seiner Attacke baut er an der schmalsten Stelle des Bosporus auf europäischer Seite bei Rumili Hissar eine Festung, um von dorther den Angriff gegen die Kilometer lange Theodosiusmauer zu starten. Sultan Mahomet ist so ehrgeizig und schlau, dass er die Flotte auf dem Weg über den Berg ziehen lässt, um Konstantinopel zu erobern. Am 29. Mai 1453 dringen die Osmanen in die Stadt durch eine vergessene Pforte ein. Dann werden alle christlichen Zeichen in Hagia Sofia von Türken entfernt und das hocherhobene Kreuz von Hagia Sophia stürzt dumpf polternd zu Boden.10

4.2. Die Darstellung des Sultans Mehmet II.: Mahomet als Führer

Die Hauptfigur in „Die Eroberung von Byzanz“ ist Sultan Mehmet II. Zweig nennt die Figur Mahomet und schafft somit eine neue Figur. In manchen historischen Quellen gilt der Name des Sultans Mehmet II als Mohammed. In den türkischen Quellen gilt der Name als Sultan Mehmet II. Der Name Mohammed wurde ursprünglich aus dem Mehmet abgeleitet und wird oft in der islamischen Welt verwendet. Zweig beansprucht die Form Mahomet, da sie ihm wahrscheinlich von der europäischen Literatur her vertrauter war. In manchen Zweig, 1943: 62 westlichen Werken u.a. Voltaires gleichnamiges Trauerspiel von 1741 und Goethes Gedicht „Mahomets Gesang“ (1773) wird diese Form verwendet.11

Diese Figur spielt in dieser Geschichte eine wichtige Rolle. Es handelt sich nicht nur um eine militärische Auseinandersetzung, sondern auch die Persönlichkeit des damaligen Sultans Mehmet II Der Protagonist Mahomet kommt als eine ambivalente Figur vor, die sowohl negative als auch positive Eigenschaften hat. Zweig stellt die Figur Mahomet mit einer abendländischen Perspektive dar, daher bezeichnet er Mahomet als ein grausamer Mann, der mit einer furchtbar rücksichtlosen Entschlossenheit seinen Bruder ertränken lässt.

Daneben werden die positiven Eigenschaften von Mahomet nicht abgelehnt. Zweig stellt Mahomet wie folgt dar:

„Mahomet ist beides - zugleich fromm und grausam, leidenschaftlich und heimtückisch, ein Gelehrter, ein kunstliebender Mann, der seinen Cäsar und die Biographien der Römer lateinisch liest, und gleichzeitig ein Barbar, der Blut verschüttet wie Wasser.“12

Es ist hier festzustellen, dass Zweig Mahomets Genie nicht ignoriert aber ihn gleichzeitig als Barbar qualifiziert. Mahomet wird also als eine ambivalente Figur dargestellt. Diese Darstellungsweise schafft eine orientalistische Atmosphäre in der Geschichte, weil die barbarischen Eigenschaften von Mahomet im Vordergrund stehen. In Bezug auf Edward Saids Begriffe kann man sagen, dass Zweig hier eine Figur konstruiert, die sich im Bereich des ‚Orients‘ befindet. Einer der Pfeiler vom Orientalismus ist -wie erwähnt- die Behauptung einer grundsätzlich unterschiedlichen Persönlichkeitsstruktur von Orientalen und Europäern. Demnach sind Orientalen unorganisiert, antriebslos, barbarisch und tendenziell hinterhältig. Hier sind diese Vorurteile des ‚Okzidents‘ deutlich zu sehen. Auch an dieser Stelle ist auf Said zu verweisen, der sich hierzu folgendermaßen äußert:

„(...) genau darin liegt das intellektuelle Hauptproblem des Orientalismus. Kann man, allein dem äußeren Anschein folgend, die Menschheit in streng voneinander geschiedene Kulturen, Stränge, Traditionen, Gesellschaften, ja sogar Völker unterteilen und trotzdem Humanist bleiben?“13

[...]


1 Wiley Online Library, URL : https://onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1002/9781118455074.wbeoe217 Im Original :” Orientalism is a term first used in the late 18th century to refer to scholarly study of the East and a style in the arts.“ (Übersetzt von S.Y.)

2 Die französische Literatur des 19. Jahrhunderts und der Orientalismus. Hg. von Michael Bernsen / Martin Neumann. Tübingen: Max Niemeyer Verlag 2006, S.

3 Said, Orientalismus, 1981, S. 11

4 H. Blumentrath, J. Bodenburg, R. Hillman, M. Wagner-Egelhaaf: Transkulturalität türkisch-deutsche Konstellationen in Literatur und Film, 2007, S. 22

5 Wiedemann, Felix, Orientalismus, S. 2

6 Wiedemann, Felix, Orientalismus, S. 2

7 Wiedemann, Felix, Orientalismus, S. 2

8 Wiedemann, Felix, Orientalismus, S. 2

9 Wiedemann, Felix, Orientalismus, S. 2

10 Wiedemann, Felix, Orientalismus, S. 2

11 Bazarkaya, Onur Kemal: Mehmet II. als “Kunstliebender Mann „ und „Barbar „: Das Sultansbild in Stefan Zweigs Eroberung von Byzanz

12 Zweig: 1953, S.36

13 Said, Orientalismus: 1981, S. 60

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Orientalistische Strukturen in der Erzählung "Die Eroberung von Byzanz" von Stefan Zweig
Veranstaltung
Interkulturelle Literaturwissenschaft I
Note
1.70
Autor
Jahr
2019
Seiten
15
Katalognummer
V903294
ISBN (eBook)
9783346200273
ISBN (Buch)
9783346200280
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Stefan Zweig Analyse Interpretation Sternstunden der Menschheit
Arbeit zitieren
Serra Yilmaz (Autor), 2019, Orientalistische Strukturen in der Erzählung "Die Eroberung von Byzanz" von Stefan Zweig, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/903294

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