Der Atlantis-Mythos in nationalsozialistischer Propaganda. Das Werk "Atlantis – Die Urheimat der Arier" von Karl Georg Zschaetzsch


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

21 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhalt

1. Zu Struktur und methodischem Vorgehen

2. „Atlantis – Die Urheimat der Arier“ von Karl Georg Zschaetsch

3. Die Arier in Zschaetzschs Text
3.1. Entstehung und Verbreitung der Arier
3.2. Charakterisierung der Arier

4. Die Nichtarier in Zschaetzschs Text
4.1. Charakterisierung der Nichtarier
4.2. Umgang mit den Nichtariern

5. Funktion und Intention des Textes

6. Auswirkung und Einfluss dieser und anderer nationalsozialistischer Atlantis Literatur

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis
8.1. Literatur
8.2. Forschungsliteratur

1. Zu Struktur und methodischem Vorgehen

Schon in vielen Texten wurden die Bewohner der Insel Atlantis, die Atlantiden, als ideales Volk beschrieben. Nicht nur Platon, sondern auch Tommaso Campanella und Francis Bacon wiesen auf die einzigartigen Eigenschaften der Atlantiden hin. Nebst besonderer Weisheit wird den Inselbewohnern oft große Tugendhaftigkeit sowie ein einzigartiges Staats- und Gesellschaftswesen zugeschrieben. In seinem Text „Atlantis - die Urheimat der Arier“ schreibt Karl Georg Zschaetzsch diese Eigenschaften nun dem nationalsozialistischen Idealvolk der Arier zu und betont dessen Überlegenheit gegenüber anderen Völkern sowie die Wichtigkeit der Reinhaltung des arischen Blutes. Auf welchem Wege und in welchem Ausmaß er diese Überzeugungen auf den klassischen Atlantis-Mythos nach Platon anwendet, wird in dieser Hausarbeit dargelegt. Besonderes Augenmerk wird auch auf die Funktionen und Intentionen der Erzählweise des Autors sowie auf die konträre Darstellung von Ariern und Nichtariern gelegt. Zudem wird unter Verwendung von Texten des Historikers Franz Wegener sowie Johannes Schmitt und Lazaro Miliopoulos auf die Frage eingegangen, welchen Einfluss der Atlantis-Mythos in der nationalsozialistischen Gesellschaft hatte, da Zschaetzsch bei weitem nicht der einzige Autor war, der den Mythos Atlantis zu einer rassistischen Handlung uminterpretiert.

Um eine Hypothese aufzustellen, lässt sich sagen, dass Zschaetzsch durch Zugriff auf und Kommentation von anderen ihm bekannten Mythen, wie der nordischen Sage Edda, aber auch der Bibel, die Bewohner der Insel, welche in diesem Fall Arier sind, sehr positiv konnotiert und ihnen zum Beispiel Tüchtigkeit und Gutmütigkeit zuspricht. Dahingegen werden die Nichtarier als sündhaft und animalisch dargestellt, während ihnen zudem die Schuld am Untergang der Insel gegeben wird. Dieser Text und andere, die auf den Atlantis-Mythos zugriffen und ihn zu einem nationalsozialistischen Mythos machten, wurden von hohen nationalsozialistischen Politikern, wie auch Adolf Hitler, als Rechtfertigung für den Umgang mit Nichtariern, beziehungsweise Fremden oder Ausländischen benutzt.

2. „Atlantis – Die Urheimat der Arier“ von Karl Georg Zschaetsch

In seinem Text „Atlantis - die Urheimat der Arier schreibt Karl Georg Zschaetzsch über die Insel Atlantis, wie sie auch schon in vielen Erzählungen seit Platon vorgekommen ist. Diese beschreibt er allerdings als Urheimat der Germanen und meint damit das nationalsozialistische Idealvolk, die Arier. Unter Zuhilfenahme von Platons „Timaios“ und „Kritias“, vieler Mythen aus verschiedenen Gebieten der Erde, bevorzugt aus Südamerika sowie der nordischen Sage Edda und sogar der Bibel, versucht er seine Thesen zu stützen und zu belegen. Dennoch nimmt Zschaetzsch nicht nur Bezug auf diese Texte, sondern behauptet auch, sie würden alle zumindest zu Teilen denselben Sachverhalt behandeln. Unterschiede in Namen von wichtigen Personen und Königen, sowie in der Verortung der Insel schreibt er den verschiedenen Sprachen und Kulturen der Überlieferungen oder sogar angeblich falschen Überlieferungen zu.1 So behauptet der Autor, dass selbst die Bibel einige Szenen falsch überliefert hätte, wie zum Beispiel den Auszug der Israeliten aus Ägypten, mit dem laut Zschaetzsch eigentlich die Auswanderung von Wilden unterdrückter Arier gemeint war.2 Zschaetzsch erklärt: "Derartige Unstimmigkeiten, die bei mündlicher Weitergabe gar nicht zu vermeiden waren, kommen noch weiterhin vor, sie lassen sich aber durch eine Vergleichung mit anderen Mythologien leicht richtigstellen."3

In seinem Text verortet Karl Georg Zschaetzsch die Insel Atlantis wie viele seiner Vorgänger zwischen den beiden Kontinenten Europa und Amerika.4 Um die Herkunft der Germanen, beziehungsweise der Arier, aus Atlantis plausibler zu gestalten, verorten andere nationalsozialistisch geprägte Autoren die Insel öfters im Norden, am Pol oder in der Nähe zu Skandinavien.5 Zudem wurde die Insel laut Zschaetzsch nicht nur durch die bekannte und endgültige Sintflut zerstört, sondern durchlebte drei weitere Katastrophen, den Sinthunger, den Sintsturm und den Sintbrand6, den schließlich nur drei Arier überleben, welche folglich für das Überleben des Volkes verantwortlich waren und von denen alle existierenden Arier abstammen.7 Auf die beschriebene Entstehungsgeschichte der Arier wird im Folgenden knapp eingegangen, ein größerer Fokus wird auf die Charakterisierung der Germanen und auch der Nichtarier wie auch auf den Umgang der beiden Parteien miteinander gelegt. Dass der Kontrast zwischen den Völkern von Zschaetzsch nur zu deutlich gemacht wird, liefert bereits einige Hinweise auf die Intention seines Textes.

3. Die Arier in Zschaetzschs Text

3.1. Entstehung und Verbreitung der Arier

Karl Georg Zschaetzsch beginnt seinen Text zeitlich nach dem Sintbrand, einer der großen Katastrophen, die über Atlantis hinwegfegten. Dieser Sintbrand zerstörte den fruchtbaren südlichen Teil der Insel, in dem die Arier lebten.8 Als der Sintbrand über die Insel herfegte, überlebten laut Zschaetzsch nur drei Menschen, die sich in einer Höhle in der Nähe einer Quelle aufhielten und die den Fortbestand der arischen Rasse sicherten: "Diese drei waren ein schon etwas betagter Mann, seine um vieles jüngere Schwester und die kleine, etwa neun oder höchstens zwölf Jahre alte Tochter der letzteren."9 Als dann die Frau kurze Zeit später stirbt, schneidet ihr Bruder ihr einen Jungen aus dem Bauch. Dieser wird von seiner Schwester und seinem Onkel als Pflegeeltern aufgezogen und nimmt später seine Schwester zur Frau.10 Von diesen beiden stammen folglich alle Arier ab. Zschaetzsch behauptet in seinem Text, dass dieses Urarier-Paar das Pendant zu Adam und Eva aus der biblischen Genesis sei und dass sie dieselben Personen wären, nur mit unterschiedlichen Namen, den verschiedenen Überlieferungen verschuldet: "Die biblische Überlieferung beginnt ebenfalls mit drei Personen. Von diesen ist Gottvater mit dem Pflegevater identisch, während Adam den Pflegesohn darstellt und Eva die Pflegetochter."11 Zudem behauptet er: "Die ersten drei Menschen des neuen nachsintbrandlichen Zeitalters sind in den verschiedensten Mythologien zu finden."12

Zschaetzsch erläutert sogar, dass die atlantinischen Arier einen solchen Einfluss hätten, dass Feste, die heutzutage noch gefeiert werden, ihren Ursprung in ihrer Kultur hätten. Sogar das Weihnachtsfest soll nicht etwa mit der Geburt Jesu oder der Wintersonnenwende zusammenhängen, sondern eine Zusammenkunft eines Sterbe- und eines Geburtstages bedeutender Anführer darstellen.13 Außerdem soll die Wassertaufe auf einem Brauch der atlantinischen Gesellschaft zurückzuführen sein14 und auch ein Feiertag soll bereits vor Auftreten des Christentums existiert haben, dieser sei allerdings der Montag gewesen.15

Diese Behauptungen setzen voraus, dass sich Arier aus Atlantis in unseren Breitengraden angesiedelt hätten. Zschaetzsch bestätigt dies und erklärt: „Nach dem Norden Europas fand bereits in einer verhältnismäßig frühen Zeit nach dem Sintbrande eine Auswanderung von Ariern aus Atlantis statt und zwar nicht nur nach Germanien und Skandinavien, sondern, wie es sich aus der Lage der Länder von selbst ergibt, auch nach Britannien und Gallien.“16 Dass diese arisch-atlantinischen Bräuche angeblich noch erhalten seien, leitet sich Zschaetzsch daraus her, dass die eingewanderten Arier sich nicht mit den Einwohnern der jeweiligen Länder vermischt hätten, sondern ihre Bevölkerung „rein“ hielten.17 Besonders in bevölkerungsarmen Gebieten, wie Germanien und Skandinavien sei dies leichter umzusetzen gewesen.18 Zschaetzsch ist sogar der Auffassung, dass durch die frühe Umsiedlung einiger Atlantier auf andere Kontinente zur Vorbeugung einer Überbesiedlung der Insel in fast jedem Volk der Erde einmal arisches Blut vorkam, welches durch die Vermehrung mit den dort Eingeborenen immer weniger wurde.19

In Ländern, in denen schon andere Kulturen vorhanden waren, „brachten die arischen Einwanderer aus dem Norden neues Blut und neues Leben, und die alten Priesterregierungen wurden durch Volksregierungen der neuen Ankömmlinge ersetzt.“20 So erfolgreich die atlantinischen Arier auch ausgewandert sein mögen, so wenige von ihnen gab es noch zu Zeiten Zschaetzschs. Dies erklärt er einerseits durch die Vermischung mit den eingeborenen Völkern, welche zu einer Ausdünnung und letztendlich einer Auslöschung des arischen Blutes führte, aber auch durch einfallende asiatische Kämpfer, welche viele arische Bewohner Germaniens getötet haben sollen.21

3.2. Charakterisierung der Arier

Um sich vor den charakterlichen Eigenschaften der Arier nach Zschaetzsch einen Eindruck von deren physischen Merkmalen zu machen, reicht es aus, sich den ersten Satz des zu behandelnden Textes anzuschauen: „Die Urheimat des blonden, blauäugigen, arischen Stammes, der bei uns auch allgemein unter dem Namen Germanen bekannt ist, war die Insel Atlantis.“22 Dieses Aussehen wurde von den Nationalsozialisten im 20. Jahrhundert als der ideale Phänotyp des Menschen und als Zeugnis dessen reinarischer Abstammung angesehen. Dass einige von ihnen selbst, das prominenteste Beispiel in diesem Fall ist Adolf Hitler, nicht diesem Phänotypen entsprachen, wurde außer Acht gelassen.

Auf die charakterlichen Merkmale der Germanen eingehend, lässt sich zunächst sagen, dass der Autor sich an Platons Entstehungsgeschichte der Atlantiden bedient, nach der die Bewohner der Insel von einer Göttin, namentlich Athene abstammen.23 Dieses göttliche Blut in den Adern der Inselbewohner, verleiht ihnen neben außergewöhnlichen Fähigkeiten und Kenntnissen auch ganz besondere Wesenszüge. So wird nicht nur beschrieben, dass die Arier das erste Volk waren, welches die Herstellung und Kontrolle von Feuer beherrschte und diese Kenntnisse an andere, unkultiviertere Völker außerhalb Atlantis weitergaben, sondern auch, dass sie die Herstellung von Steinwerkzeugen zu ihren Fähigkeiten zählten.24 Dass die Arier von der Insel auswanderten und andere Völker lehrten und ihre Gesellschaften verbesserten,25 zeugt neben ihrer Gutmütigkeit auch davon, dass sie es verstanden Seefahrzeuge zu bauen und sie in ferne Länder zu lotsen. Der Einfluss ihres göttlichen Blutes auf ihr Wesen wird von Zschaetzsch noch einmal betont, als er behauptet, die Atlantiden seien "allen übrigen Menschen voraus in ihrer Tüchtigkeit, wie das von Nachkommen und Schülern der Götter nicht anders zu erwarten ist."26

Zudem richteten sich die Arier eine gemeinschaftliche Hauptstadt auf der Insel ein, die als Zentrum für die schulische Bildung ihrer Kinder und für die Herstellung von Waren diente.27 Selbst eine Art Hospital hatten die Arier für ihre Kranken und Leidenden Mitmenschen eingerichtet.28 Dass die Germanen auf der Insel kultiviert waren und nach einer Ordnung lebten, betont Zschaetzsch durch die Behauptung, dass sie sich schon sehr früh eine eigene Zeitrechnung erschlossen hatten: "Daraus geht hervor, daß die Arier seit 29500 Jahren, wenn nicht länger, eine Zeitrechnung kannten und somit in Zucht und Ordnung lebten."29 Zudem erklärt Zschaetzsch ausführlich, wie die Gesellschaft der Germanen aufgeteilt und in diesen Stämmen, wie auch in ihrer Gesamtheit verwaltet wird,30 was auf eine strukturierte und durch verschiedene Organe geleitete Gesellschaft hindeutet. Besonders auffallend ist, dass es nach Zschaetzsch auch schon auf der Insel Atlantis demokratische Wahlen gab: „An der Spitze eines jeden Gaues stand ein Ältester oder Fürst, der aus der Wahl der Gaubewohner hervorgegangen war und seine Stellung nur ein Jahr oder eine Reihe von Jahren inne hatte.“31 Außerdem formulierten die Bewohner Atlantis ihre eigenen Gesetze nach denen sie lebten32 und brachten diese auch anderen Völkern näher.

[...]


1 Vgl. Zschaetzsch: Atlantis – Die Urheimat der Arier . S.

2 Vgl. Ebd. S.59

3 Ebd. S.42

4 Vgl. Ebd. S.7

5 Vgl. Wegener: Das Atlantidische Weltbild – Nationalsozialismus und Neue Rechte auf der Suche nach der versunkenen Atlantis S.

6 Vgl. Zschaetzsch: Atlantis S.9

7 Vgl. Zschaetzsch: Atlantis S.11f.

8 Vgl. Zschaetzsch: Atlantis S.10

9 Ebd. S.11

10 Vgl. Ebd. S.11f

11 Ebd. S.16

12 Ebd. S.14

13 Vgl.Ebd. S.70

14 Vgl. Ebd. S.14

15 Vgl. Ebd. S. 25

16 Zschaetzsch: Atlantis S.72

17 Vgl. Ebd. S.79

18 Vgl. Ebd. S.79

19 Vgl. Ebd. S.43

20 Ebd. S.80

21 Vgl. Ebd. S.93

22 Zschaetzsch: Atlantis S.7

23 Vgl. Platon: Timaios S.15

24 Vgl. Zschaetzsch: Atlantis S.43f.

25 Vgl. Ebd. S.94

26 Ebd. S.31

27 Vgl. Ebd. S.21

28 Vgl. Ebd. S.21

29 Ebd. S.9

30 Vgl. Zschaetzsch: Atlantis. S.25

31 Ebd. S.25

32 Vgl. Ebd. S.23

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Der Atlantis-Mythos in nationalsozialistischer Propaganda. Das Werk "Atlantis – Die Urheimat der Arier" von Karl Georg Zschaetzsch
Hochschule
Universität zu Köln
Note
2,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
21
Katalognummer
V903492
ISBN (eBook)
9783346237682
ISBN (Buch)
9783346237699
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Atlantis, Nationalsozialismus, Hitler, Mythos, Propaganda, Atlantiden, Mein Kampf
Arbeit zitieren
Lisa-Sophie Roth (Autor), 2016, Der Atlantis-Mythos in nationalsozialistischer Propaganda. Das Werk "Atlantis – Die Urheimat der Arier" von Karl Georg Zschaetzsch, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/903492

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der Atlantis-Mythos in nationalsozialistischer Propaganda. Das Werk "Atlantis – Die Urheimat der Arier" von Karl Georg Zschaetzsch



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden