Die Genera Orationis in Jean Racines "Andromaque"


Hausarbeit, 2019

12 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die genera orationis in der rhetorischen Tradition

3. Die genera orationis in Andromaque

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das antike System der Rhetorik besteht traditionell aus drei Redegattungen, den genera orationis. Diese verschiedenen Typen finden sich in der sprachlichen Gestaltung antiker Texte wieder und nehmen Einfluss auf die französische Literatur des 17. Jahrhunderts. Auch in der Tragödie Andromaque von Jean Racine finden diese Redegattungen Verwendung. Racine setzt diese zu unterschiedlichen Zwecken und an mehreren Stellen des Werkes ein, um spezifische Wirkungen hervorzurufen.

2. Die genera orationis in der rhetorischen Tradition

Die antike Rhetorik unterscheidet drei Redegattungen, die genera orationis. Die Gerichtsrede (genus iudicale), die politische Rede (genus deliberativum) und die Fest- oder Prunkrede (genus demonstrativum). Jede dieser Reden hat eine andere Absicht und bezieht sich auf eine Entscheidung oder Handlung, die je nach Redegegenstand entweder in der Zukunft, Gegenwart oder Vergangenheit liegt. Durch seinen Vortrag, bei dem er sich eine bestimmte Gattung zu Nutzen macht, bewirkt der Redner eine Einstellungsveränderung oder Bestätigung durch das Publikum.1 Die Aufteilung der Rede in unterschiedliche Stilarten und Gattungen wurde von den antiken Rhetorikern ausgearbeitet. Ausgehend vom Gegenstand der Rede und der Absicht des Redners gebraucht der Verfasser einen unterschiedlichen sprachlichen Stil.2 Ein vollkommener Redner (perfectus orator) weiß sich nach Cicero, der drei genera orationis sowie der genera dicendi angemessen und überzeugend zu bedienen.3 Die genera orationis gehen auf Aristoteles zurück und lassen sich in drei Arten unterteilen, diese beabsichtigen verschiedene Zwecke und orientieren sich an möglichen Haltungen und Wirkungen beim Zuhörer. Es ergeben sich drei verschiedene Redearten, die das Verhältnis zwischen dem Redegegenstand bzw. dem Redner und dem Zuhörer unterschiedlich behandeln. Bei der Gerichts- und Beratungsrede ist der Redegegenstand jeweils zweifelhaft und bedarf somit einer Auseinandersetzung.4 Das genus iudicale versteht sich als Gerichtsrede und richtet sich an den Zuhörer, der in der Funktion als Richter über Vergangenes entscheidet. 5 Das Ziel ist es hier, im Verlaufe der Rede ein Urteil zu fällen und so Gerechtigkeit zu schaffen. Der Fokus liegt auf dem in der Vergangenheit Geschehenen, der „chose faite“ die nach einer Bewertung verlangt.6 Die Aufgabe und Intention des Redners ist es in der Gerichtsrede nun, anzuklagen oder zu verteidigen. Die Leidenschaften und Gefühlsregungen (passions), die beim Publikum hervorgerufen werden sollen, sind vor allem Strenge (sévérité) und Sanftmut (douceur).7 Diese Redegattung wird als der Tragödie zugehörig betrachtet, da sie durch ihre komplexe Struktur dem Prozess dieser gerecht wird.8 Die zweite Gattung ist das genus deliberativum, die Beratungsrede. Diese richtet sich an den Zuhörer als Teil einer Versammlung, die über zukünftiges Handeln berät und diskutiert. Sie versucht eine Entscheidung zu fällen, die sich auf die Zukunft bezieht. Die Intention des Redners ist es hier, den Hörer von einer Absicht entweder zu überzeugen (persuader), oder ihm abzuraten (dissuader). Hervorgerufen werden sollen Schrecken (crainte) und Hoffnung (espérance).9 Dieses genus ist nicht spezifisch einer Literaturgattung zugeordnet, sondern findet sich in allen Texten wieder, in denen eine Situation zweier Figuren erzeugt wird, die über eine kommende Handlung diskutieren. Dies kann vorkommen, wenn eine Hauptfigur bei ihrem Vertrauten nach Rat fragt oder eine andere Figur davon überzeugen will auf eine bestimmte Art zu handeln. 10 Die Beratungs- und Gerichtsrede sind jedoch nicht strikt voneinander getrennt, sondern können ineinander übergreifen. So wird in der ersteren auch über Vergangenes geurteilt werden müssen, und auch in der Gerichtsrede kann sich Tadel finden.11 Zuletzt gibt es noch die Lobrede, das genus demonstrativum. Sie vertritt im Gegensatz zu den vorherigen Gattungen einen Redegegenstand, der nicht zweifelhaft, sondern sicher ist. Das Verhältnis zwischen Redner und Zuhörer ist hier also entweder lobend oder tadelnd.12 Die Rede soll angehört werden, um sie zu genießen, daher richtet sie sich an die Gegenwart, in der das Publikum diese Gefühlsregung erfahren soll. Sie ist nicht wie die anderen Gattungen an einer vergangenen oder zukünftigen Handlung orientiert, sondern möchte im Hier und Jetzt Vergnügen (plaisir) hervorrufen.13 Entsprechend jeder Redegattung bedient sich der Redner der angemessenen Stilarten, der genera dicendi. Die Aufgabe des Redners ist es, seine Zuhörer zu steuern und sie durch eine durchdachte Wortwahl zu einem bestimmten Ziel zu lenken. Abhängig von der Redegattung kann sich der Redner verschiedener Stilgattungen bedienen. Die Verwendung dieser richtet sich sowohl nach dem Publikum als auch dem Gegenstand der Rede. Die genera dicendi gliedern sich in genus humile, den sachlich-nüchternen Stil, das genus mediocre, oder medium, die mittlere Stilebene , und das genus grande oder sublime, den pathetischen Stil.14

3. Diegenera orationis in Andromaque

Die Tragödie findet im Geflecht der konfliktiven Figurenkonstellation der Protagonisten statt, Oreste liebt Hermione, Hermione liebt Pyrrhus, Pyrrhus liebt Andromaque und Andromaque liebt ihren verstorbenen Gatten Hector und ihren Sohn Astyanax . Andromaque besteht aus Dia- und Monologen, die sich hauptsächlich dem genre iudicale sowie dem genre deliberativum zuordnen lassen. Eine Tragödie ist nicht uniform in einer Redegattung geschrieben, sondern präsentiert unterschiedliche Szenen mit ineinander verwobenen Redegattungen. Gleichzeitig schafft sie es so, im gerichtlichen Diskurs politische sowie emotionale Themen zu verknüpfen.15 Jede der Hauptfiguren in Racines Tragödie hat einen Vertrauten, der ihr beratend zur Seite steht. Diese beratenden Unterredungen kommen in Form des genus deliberativum zum Einsatz. Das genus iudicale hebt Racine in seiner Rhetorik hervor, indem er eine Vielzahl an Stilelementen, Tropen und Metaphern einsetzt, sowie eine direkte und konfrontative Argumentation einsetzt, um den Richter in der jeweiligen Gerichtsrede zu überzeugen.16 Seine Figuren übernehmen nacheinander die Funktion des Klägers, sowie die des Angeklagten.

Als Beispiel für das genre iudicale lässt sich die fünfte Szene des vierten Aktes heranziehen, die wie eine Gerichtsverhandlung organisiert ist. Es handelt sich um eine Szene zwischen Pyrrhus, dem griechischen König von Epirus, und seiner Verlobten Hermione. Es handelt sich um ein Gespräch, indem Pyrrhus versucht, sich vor Hermione zu rechtfertigen, da er trotz der Verlobung mit dieser, Andromaque, seine trojanische Gefangene, heiraten möchte. Er argumentiert, dass er und Hermione sich sowieso nie geliebt hätten. Diese ist wütend und tief verletzt, willigt aber ein und schickt Pyrrhus fort. Durch die Ausdrücke „aveu“17, „parjures“ (JR, S.215, V.1304) und „justice“ (JR, S.215, V.1309), wird dem Hörer als Ort der Szene eine Gerichtsversammlung vor Augen geführt. Hermione tritt hier als Richterin auf, während Pyrrhus als Angeklagter dasteht. Phoenix, der Berater des Pyrrhus hat keinen Redeanteil, ist aber Zeuge des Diskurses. Zusammengesetzt ist der Dialog aus jeweils aufeinanderfolgenden Tiraden der beiden Figuren. In der abschließenden Tirade bringt Hermione ihren Schmerz und ihre Wut zum Ausdruck. Ihre Rede besteht aus 31 Alexandrinern und ist im genus grande verfasst, welches der Erregung starker Affekte beim Publikum (movere) dient. Die Einleitung, das exordium umfasst lediglich den ersten Vers der Tirade. „Je ne t’ai point aimé, cruel ? Qu’ai-je donc fait ?“ (JR, S.216, V.1356)

Die Aufgabe des Redners ist es hier, Kontakt mit dem Publikum aufzunehmen und seine Aufmerksamkeit zu erlangen. Es handelt sich um eine rhetorische Frage, die durch die Bezeichnung des Pyrrhus als „cruel“ vorwurfsvoll und provokant wirkt, und so das Interesse der Zuhörer gewinnen will. Auffällig ist außerdem die Verwendung des tu, das Hermione trotz vorigem Siezen einführt. Das Duzen erzeugt eine Annäherung an Pyrrhus, ist aber gleichzeitig ein Signal für den Verlust der Beherrschung und Überwältigung der Gefühle der Figur. Die passions, die Leidenschaften, von denen Hermione getrieben ist, werden so direkt zu Beginn deutlich. Durch die Wörter „aimer“ und „cruel“ werden Gefühlsregungen von Liebe und Hass eingeführt. Diese beiden leidenschaftlichen Empfindungen sind bei Racine zentrales Motiv, alle seiner Figuren sind von diesen Regungen beherrscht.18 Die Erzählung des Geschehens, das narratio, (V.1357-1369), macht den größten Anteil der Tirade aus. In diesem Abschnitt soll die Schilderung des Falls der Verhandlung dargestellt werden. Hermione führt hier die Tat aus und schildert ihr demütiges Verhalten in Bezug auf die Untreue Pyrrhus. Auffällig ist der anaphorische Gebrauch des Pronomens je, das zu Beginn der Verse steht und ihr Verhalten in den Mittelpunkt stellt. Aufgezählt werden Taten und Beweise ihrer Liebe zu Pyrrhus, der die Liebe der beiden zuvor verneinte. Durch den Gebrauch des passé-composé der Verben, wie „dédaigné“, „cherché“, oder „commandé“ (JR, S.216, V.1357-1359) werden die Opfer, die sie für die Liebe zu ihrem Verlobten gebracht hat, als abgeschlossene Handlungen zur Geltung gebracht. Das Imparfait „attendais“, „aimais“ kommt alternierend dazu vor und stellt ihre Hoffnungen und Gefühle dar. Vers 1365 des n arratio greift die rhetorische Frage des exordiums erneut auf und beantwortet diese mit einer weiteren rhetorischen Frage. „Je t’aimais inconstant, qu’aurais-je fait fidèle?“ (JR, S.216,V.1365) Der Vers greift das Verb „aimer“ erneut auf, diesesmal im Präsens, nachdem es bereits in zwei Vergangenheitsformen vorkam („aimé“ „aimais“ JR, S.216). Im weiteren Verlauf kommt das Verb nicht mehr vor und signalisiert so die vergangene, hoffnungslose Liebe zwischen den beiden Figuren. Der Wechsel in den anschließenden Teil des argumentatio (V.1366-1379), das den Hauptteil der Rede darstellt, wird durch einen Wechsel der Anrede gekennzeichnet.

„Mais, Seigneur, s’il le faut, si le ciel en colère Réserve à d’autres yeux la gloire de vous plaire“ (JR, S.216, V.1369-1370) Hier erschafft Hermione durch das Siezen einen Abstand, eine Verfremdung zwischen ihr und Pyrrhus. Sie geht diesen Abstand ein, nachdem sie ihrem Verlobten durch die Litotes im narratio „je doute encor si je ne t’aime pas.“ (JR, S.216, V.1359) dennoch ihre Liebe zu verstehen gab. Diese Bindung ist nun jedoch vorüber, was durch die Ansprache verdeutlicht wird, und sie leitet den Teil der Anklage ein.

„Vous ne répondez point ? Perfide, je le voi : Tu comptes les moments que tu perds avec moi !“ (JR, S.216, V.1375-1376)

[...]


1 Vgl. Gert UEDING, Klassische Rhetorik, S.54f.

2 Vgl. Gert UEDING; Bernd STEINBRINK: Grundri ß der Rhetorik, S. 93.

3 Vgl. Gert UEDING, Klassische Rhetorik, S.44.

4 Vgl. Gert UEDING; Bernd STEINBRINK: Grundri ß der Rhetorik, S. 213.

5 Vgl. Karl-Heinz GÖTTERT: Einführung in die Rhetorik, S.21.

6 Vgl. A. KIBEDA VARGA, Rh étorique et littérature. Etudes de structures classiques, S.12.

7 Ebd. S.26.

8 Vgl. Gilles DECLERC, „ L’identification des genres oratoires en tragédie française du 17e siècle (Iphigénie; Cinna)“, S. 232.

9 Ebd.

10 Vgl. Georges FORESTIER, Introduction à l’analyse des textes classiques, S.47.

11 Vgl. Gert UEDING; Bernd STEINBRINK: Grundri ß der Rhetorik, S. 213

12 Ebd.

13 Ebd.

14 Gert UEDING, Klassische Rhetorik, S.76-77.

15 Vgl. Georges FORESTIER, Introduction à l’analyse des textes classiques, S.46.

16 Vgl. Gilles DECLERC, „La formation rhétorique de Jean Racine“, S.279.

17 Jean Racine, Théâtre I, S.215, V.1308. Alle Racine-Zitate nach dieser Ausgabe. Sie werden im Folgenden direkt im Fließtext unter Angabe des Siegels JR, der Seitenzahl und dem Vers dokumentiert.

18 Vgl. Karl August OTT, „Racine · Andromaque“, S.140

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Die Genera Orationis in Jean Racines "Andromaque"
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
12
Katalognummer
V903514
ISBN (eBook)
9783346200778
ISBN (Buch)
9783346200785
Sprache
Deutsch
Schlagworte
andromaque, genera, jean, orationis, racines
Arbeit zitieren
Anna Buhl (Autor), 2019, Die Genera Orationis in Jean Racines "Andromaque", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/903514

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