Schon im 18. Jahrhundert wusste Benjamin Franklin: „Eine Investition in Wissen bringt noch immer die besten Zinsen“. Doch was, wenn man in Bildung investiert, aber selbst keine Zinsen dafür bekommt? In der konträren öffentlichen Diskussion um das Pro und Kontra von Studiengebühren wird von einigen Ökonomen und Politikern immer wieder angeführt, die staatliche Hochschulfinanzierung führe zu einer Umverteilung von arm nach reich. Die unteren Einkommensklassen würden über ihre Steuern die Kosten der Ausbildung der zukünftigen Akademiker tragen. Da sie selbst nur vergleichsweise wenig an der Hochschulausbildung partizipieren, wäre solch ein kostenloses Studium folglich unsozial und führe zu einer Umverteilung von unten nach oben. Die Krankenschwester würde so beispielsweise über ihre Steuern das Studium der Chefarzttochter bezahlen. Ein gebührenpflichtiges Studium könnte hier Abhilfe schaffen. Die Akademiker würden dabei zur Finanzierung ihrer eigenen Bildung beitragen und später dafür auch die Zinsen bekommen.
Bei der Untersuchung von solchen Verteilungseffekten haben sich unter Wirtschaftswissenschaftlern zwei Verfahren etabliert. Zum einen die zeitpunktbezogene Querschnittanalyse, bei der die Haushalte nach ihrem Einkommen in verschiedene Schichten eingeteilt werden und danach deren Anteile an Finanzierung und Bildungsbeteiligung gegenübergestellt werden. Und zum anderen die zeitraumbezogene Längsschnittanalyse, die das Lebenseinkommen von Akademikern und Nicht-Akademikern gegenüberstellt und untersucht, ob erstere die Kosten ihrer Ausbildung über höhere Steuern an den Staat zurückerstatten.
Ziel dieser Arbeit ist, sich kritisch mit oben genannten Behauptungen aus-einander zu setzen und die Verfahren zur Untersuchung der Verteilung näher zu beleuchten. Darüber hinaus wird eine Analyse der Studentenstruktur vorgenommen. Diese soll zeigen, wie groß die Bildungsbeteiligung der jeweiligen Einkommensklassen im tertiären Sektor ist und ob die Studienbeiträge eine Auswirkung auf die Zahl der Studienanfänger haben könnten. Gerade ein Rückgang der Einschreibungen wäre ein wesentliches Argument in der momentanen Debatte um den Fachkräftemangel und die Wettbewerbsfähigkeit unseres Landes. Hierfür wird ein Ländervergleich vorgenommen und eine mögliche Entwicklung der Immatrikulationen der kommenden Jahre aufgezeigt.
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Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 AKTUELLE SITUATION IN DEUTSCHLAND
3 UMVERTEILUNGSWIRKUNGEN STAATLICHER HOCHSCHULFINANZIERUNG
3.1 Regressive Umverteilung
3.2 Progressive Umverteilung
3.3 Möglichkeiten der Messung der Umverteilung
3.3.1 Querschnittanalysen
3.3.2 Längsschnittanalysen
3.4 Private und soziale Erträge von Bildungsinvestitionen
4 PARTIZIPATION VERSCHIEDENER EINKOMMENSKLASSEN AM BILDUNGSSYSTEM
4.1 Analyse der Studentenstruktur und deren Auswirkungen
4.2 Entwicklung der Studienanfängerzahlen durch Gebühren im Ländervergleich
5 FAZIT
Zielsetzung & Themen
Diese Seminararbeit untersucht kritisch die kontroverse Debatte über die Einführung von Studiengebühren in Deutschland und deren mögliche Verteilungswirkungen. Die zentrale Forschungsfrage befasst sich mit der Frage, ob eine staatliche Hochschulfinanzierung regressiv wirkt – also eher wohlhabende Haushalte begünstigt – oder ob sie im Sinne einer sozialen Umverteilung von oben nach unten fungiert, und wie sich die Studienanfängerzahlen durch Gebühren verändern könnten.
- Regressive und progressive Umverteilungseffekte der staatlichen Hochschulfinanzierung
- Methoden der wirtschaftswissenschaftlichen Untersuchung von Verteilungswirkungen
- Analyse der Studentenstruktur und sozialer Barrieren im Bildungssystem
- Vergleich der Auswirkungen von Studiengebühren in Deutschland, Österreich und England
- Private und soziale Erträge sowie Renditen von Investitionen in Bildung
Auszug aus dem Buch
3.3.1 Querschnittanalysen
Die Querschnittanalyse ist im Gegensatz zur Längsschnittanalyse eine Zeitpunktbetrachtung (statisch). Hierbei werden die Haushalte aufgrund der Höhe ihrer Einkommen in verschiedene Schichten eingeteilt. Danach werden deren über die Steuern eingenommen Finanzierungsbeiträge zur Hochschulbildung dem Anteil der Bildungsnutzung der einzelnen Schichten gegenübergestellt. Dadurch soll eine Netto-Zahlungsbilanz erstellt werden, die zeigt welche Einkommensklassen von der staatlichen Hochschulfinanzierung am stärksten profitieren oder verlieren.
Hierzu existieren einige Analysen, die im Folgenden dargestellt werden sollen. Die wohl bekannteste Arbeit stellt die von Hansen und Weisbrod (1969) dar, die durch Milton Friedmans (1962) Statement, die staatliche Hochschulfinanzierung stelle eine „perverse distribution of income“ dar, motiviert wurde. In der Arbeit wurde, wie oben bereits erläutert, der Nettoeffekt für Haushalte in Kalifornien berechnet. Allerdings teilten die beiden Ökonomen die Gesamtbevölkerung zusätzlich in Familien mit und ohne Studierende ein. Das Ergebnis der Untersuchung wies auf eine regressive Verteilungswirkung hin. Reiche Familien mit studierenden Kindern profitieren laut dieser Studie trotz höherer Steuerlast folglich mehr von einer öffentlichen Bildungsfinanzierung als ärmere Studierenden-Familien.
Dem entgegen steht eine Studie von Pechman (1970), die zu dem gegenteiligen Ergebnis, der progressiven Umverteilung in Kalifornien, kommt. Pechman modifizierte seine Untersuchung aber, indem er die Haushalte nicht in Familien mit und ohne Studierende aufteilte, sondern die Gesamtbevölkerung in die einzelnen Einkommensschichten unterteilte. So konnte er nicht nur die armen und reichen Familien miteinander vergleichen, die Steuern zahlen aber auch an der Hochschulbildung partizipieren, sondern auch diejenigen, die zwar Steuern zahlen, aber keine Bildung in Anspruch nehmen. Des Weiteren hat er nicht wie Hansen und Weisbrod die Gesamtsteuerlast eines Haushaltes angesetzt, sondern nur den prozentualen Anteil einbezogen, den der Staat von seinen Gesamtausgaben auch für die Hochschulbildung verwendet.
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Einführung in die Diskussion um Studiengebühren und Definition der beiden zentralen Untersuchungsverfahren der Wirtschafts- und Verteilungseffekte.
2 AKTUELLE SITUATION IN DEUTSCHLAND: Darstellung der rechtlichen Rahmenbedingungen nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts sowie der vielfältigen Gebührenmodelle in den Bundesländern.
3 UMVERTEILUNGSWIRKUNGEN STAATLICHER HOCHSCHULFINANZIERUNG: Kritische Analyse regressiver und progressiver Umverteilungsargumente sowie Erörterung der Messmethoden und Renditen von Bildungsinvestitionen.
4 PARTIZIPATION VERSCHIEDENER EINKOMMENSKLASSEN AM BILDUNGSSYSTEM: Untersuchung der sozialen Studentenstruktur, der Bildungsbarrieren im Lebenslauf und der Auswirkungen von Studiengebühren auf die Anfängerzahlen im Ländervergleich.
5 FAZIT: Synthese der Ergebnisse, wonach kein eindeutiges Urteil bezüglich der Verteilungswirkungen möglich ist, bei einer gleichzeitigen Befürwortung der Gebühren unter der Bedingung sozialer Flankierung.
Schlüsselwörter
Studiengebühren, Hochschulfinanzierung, Umverteilung, Bildungsbeteiligung, soziale Selektion, Bildungsrendite, Querschnittanalyse, Längsschnittanalyse, Bildungsinvestition, Humankapital, Einkommensklassen, tertiärer Sektor, Fachkräftemangel, soziale Gerechtigkeit, Bildungsbarrieren.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Seminararbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die konträre Debatte über Pro und Kontra von Studiengebühren in Deutschland unter Berücksichtigung ihrer ökonomischen Umverteilungswirkungen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen die Verteilungseffekte staatlicher Finanzierung, die soziale Zusammensetzung der Studierenden und die Auswirkungen von Gebühren auf die Bildungsbeteiligung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Behauptung zu prüfen, ob gebührenfreie Hochschulbildung eine Umverteilung von arm nach reich darstellt, und eine fundierte Einordnung der Gebührendebatte vorzunehmen.
Welche wissenschaftlichen Methoden finden Anwendung?
Die Arbeit nutzt Literaturanalysen zu ökonomischen Studien, insbesondere Vergleiche von Querschnitt- und Längsschnittanalysen sowie einen Ländervergleich.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil beleuchtet die Messmöglichkeiten von Umverteilung, die privaten und sozialen Erträge von Bildung sowie die tatsächliche Partizipation verschiedener Einkommensschichten.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Umverteilung, soziale Selektion, Bildungsinvestition, Bildungsrendite und Hochschulfinanzierung.
Warum wird im Dokument auf Österreich und England eingegangen?
Da in Deutschland nur kurzfristige Daten vorliegen, dienen diese Länder als Vergleichsbeispiele, um mögliche Auswirkungen von Gebühren auf Studienanfängerzahlen besser einschätzen zu können.
Welche Rolle spielt die soziale Herkunft bei der Bildungsentscheidung laut der Arbeit?
Die Arbeit zeigt, dass soziale Selektion bereits weit vor dem Studium stattfindet und die Bildungsbeteiligung stark von der sozialen Schicht und dem Elternhaus abhängt.
Wie lautet die Schlussfolgerung bezüglich der Rechtfertigung von Studiengebühren?
Die Autorin hält Gebühren für rechtfertigbar, sofern sie gezielt die Qualität der Lehre verbessern und gleichzeitig soziale Härten durch Kredite oder Zuschüsse vermieden werden.
- Arbeit zitieren
- Julia Großmann (Autor:in), 2007, Pro und Kontra Studiengebühren, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/90354