''Alle Orte sind gleich und fremd''. Entfremdung von Heimat in Terézia Moras "Seltsame Materie"

Eine erzähltheoretische Analyse


Hausarbeit, 2020

30 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Begriffsklärung 'Eigen' und 'Fremd'

3. Analyse der Erzählungen
3.1. Seltsame Materie
3.2. STILLE. mich. NACHT
3.3. Der See
3.4. Die Lücke
3.5. Der Fall Ophelia
3.6. Am dritten Tag sind die Köpfe dran Langsam. Dann Schnell
3.7. Buffet
3.8. Die Sanduhr
3.9. Durst
3.10. Ein Schloß

4. Beziehungsmodi in der Perspektivierung

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

''Wenn man aus der Stadt kommt und aus dem Bus auf sie hinausblickt, scheint meine Heimat wie aus einer einzigen Materie zu sein. Aus Fasern, so braun und so unauftrennbar wie die Wolle unserer Kleidung.''1

Die deutsch-ungarische Schriftstellerin Terézia Mora hat sich immer gegen die Etikettierung ihrer Werke als 'Migrationsliteratur' abgesetzt.2 Sie spricht sich sogar deutlich dagegen aus, ihre Herkunft als eine Art 'Markenzeichen' einsetzten zu wollen.3 Die Auseinandersetzung mit ''Innerer und äußerer Fremdheit'' ist jedoch ein literarisches Merkmal, wofür Terézia Mora gewürdigt wird.4 Die Literaturwissenschaftlerin Daniela Strigl spricht von einem ''Vexierbild'' bei dem V-Buchstabe in ihr als Alphabet geschriebenes Laudatio anlässlich der Verleihung des Georg-Büchner-Preises.5 ''Die Menschen, die bei Terézia Mora in den Spiegel schauen, sehen nicht selten das eigene Bild als ein fremdes.''6

Auch in ihrer Prosasammlung Seltsame Materie ist das 'Fremde' beziehungsweise die Entfremdung das durchgehende Thema der zehn Erzählungen. Darin wird das Leben in einem kleinen archaischen Dorf der Vorwendezeit in Ungarn aus den Perspektiven von zehn Jugendlichen dargestellt. Alle diese Protagonisten entsprechen auf unterschiedlicher Weise nicht den ''erstarten Normen des Dorfes''7 welche laut der Autorin auf einem ''Geflecht mehrerer durchweg autoritärer Systeme'' beruhen, das sich aus folgenden Elementen zusammensetzt: ''[…] die bäuerliche Lebensweise, die katholische Religion und die ethnische und sprachliche Zugehörigkeit'', sowie die des real existierenden Sozialismus.8 Dadurch, dass die Erzählfiguren ihr Anderssein spüren, erleben sie die Herkunftsumgebung als fremd.

Die Entfremdung von dem, was als das Vertraute bzw. 'Eigene' gelten sollte, fasst Terry Albrecht in Bezug auf Moras Werke folgendermaßen zusammen: ''Fremdheit ist überall, oftmals gerade dort, wo der Mensch sein Zuhause wähnt.''9 Genauso verhält es sich in Seltsame Materie wo das Eigene zum Fremden wird. Die vorliegende Hausarbeit setzt sich mit dieser Entfremdung auseinander. Untersucht wird die Frage:

Wie wird Heimat durch die unterschiedliche Perspektivierung der einzelnen Protagonisten verfremdet?

Um diese Frage beantworten zu können, sollen im Folgenden zunächst die Gegensätze 'Fremd' und 'Eigen' definiert werden auf Basis der Ausführungen von dem Soziologen Ortfried Schäffter.10 Anschließend wird der Text mittels close-reading analysiert und wird untersucht welche erzähltheoretische Mittel zur Erzielung des Verfremdungseffekts eingesetzt wurden. Zum Schluss wird darauf eingegangen, welche Beziehungsmodi aus derselben Theorie der Heimat gegenüber sich in den Perspektiven der Erzählfiguren befinden.

2. Begriffsklärung 'Eigen' und 'Fremd'

''Fremdsein'' und ''Nichtfremdsein'' sind per se ambivalente Konstrukte, abhängig vom jeweiligen Kontext und Frage der Perspektive''11

Nachdem die Fragestellung und die Vorgehensweise formuliert wurden, ist dieses Kapitel der Klärung der vielseitigen Begrifflichkeit von 'Eigen' und 'Fremd' gewidmet. Dabei wird außerdem auf die in dieser Hausarbeit verwendete Definition des Heimatbegriffs eingegangen. Diese Begriffsklärung ist relevant, weil es den Leitfaden für die Analyse der Erzählungen bildet.

Wie schon in der Einleitung angesprochen, spiegeln sich ''interkulturelle Erfahrungen'' in den Werken Terezia Moras.12 Ein Merkmal der interkulturellen Literatur besteht darin, dass die ''Illusion einer homogenen kulturellen Identität'' aufgehoben und eine Begegnung mit der Fremde erfahrbar gemacht wird.13 Es geht um die ''Festschreibung von Fremdheit''.14 In diesen, für diese literarische Gattung verwendete Definitionen erkennen wir das Gegensatzpaar 'Eigen' und 'Fremd' als das ''Einheimische'' versus das ''kulturelle andere.''15 In Seltsame Materie kommt diesen Begriffen allerdings eine andere Bedeutung zu, indem Mora anstatt eines Zuwanderungsprozesses die ''Provinzialität'' der eigenen Herkunftsregion reflektiert.16 Diese Reflexion manifestiert sich, wie auch in der Einleitung kurz erwähnt wurde, vor allem in der ''Unemanzipiertheit'' der Protagonisten.17

Die ''erlebte Andersartigkeit'' wird in diesem Fall also nicht, wie üblicherweise, aus der Perspektive eines Einwanderers18 beschrieben. Trotz dieser Diskrepanz wurde in der Fragestellung dieser Hausarbeit der Begriff Heimat verwendet. Der Heimatbegriff ist ein Begriff, der ebenfalls sehr unterschiedliche individuelle Bedeutungen haben kann.19 Es kann sich beispielsweise auf eine emotionelle Beziehung zu einem Ort oder einer Gegend beziehen.20 Obwohl diese durch Familienbeziehungen als auch Freundschaften gekennzeichnet und dementsprechend positiv gewertet werden können,21 sind in Moras Buch andere Tendenzen zu verzeichnen.

Die Konstruktion von Heimat in Seltsame Materie wurde bereits von Carme Bescansa erforscht. Im Folgenden gehe ich kurz auf ihre Ausführungen ein.

Da die Autorin selbst in dem ''Grenzgebiet'' aufgewachsen ist,22 enthält Seltsame Materie autobiographische Elemente, doch der Erzählband ist nicht als Erinnerungserzählung gedacht, oder wie sich Mora selbst ausdrückt:

''Erinnern oder vergessen ist nichts, was Kunst tut. In Kunst ist die Weltanschauung des Künstlers ausgestellt, seine Tendenz gegenüber einer bestimmten Sache […]''23

Mora deutet den Entstehungsprozess des Buches als ''Deterritorialisierung'', was sie dadurch beschreibt, dass sie die Welt ''in ihre Elementarteilchen'' zerlegt und daraus eine neue ''Konsistenz'' kreiert.24 Eine literarische Welt, die nicht zum Ziel hat, die Heimat realitätstreu darzustellen, sondern mit der sie über universelle Themen schreiben kann.25

Diese Welt wird, so schreibt die Autorin, von der ''Tyrannei'' bestimmt, die auf einem Geflecht ''mehrerer durchweg autoritärer Systeme'' beruht.26 Dazu gehören etwa: ''die bäuerliche Lebensweise, katholische Religionsübung, sowie […] die Zugehörigkeit zu einer ethnischen (genauer: sprachlichen) Minderheit''.27 Die hier verwendete Heimatdefinition fasst Bescansa folgendermaßen zusammen:

''Der Heimatraum ist in diesen Erzählungen als kunstvolles Konstrukt mit symbolischem Charakter konzipiert und steht metonymisch für das erstarrte und aussichtslose Leben inmitten des dargestellten Geflechtes von autoritären Diskursen.''28

Betrachten wir diesen Heimatraum nun aus den Augen der Protagonisten, so könnte man global feststellen, dass das 'Eigene' diesem Geflecht ausgesetzt ist, das mehr oder weniger als das 'Fremde' wirkt. Die individuelle Identität bekommt erst Gestalt ''mit dem Ziehen einer Grenze zwischen dem, was ''das ich'' als zu sich zugehörig akzeptiert, und dem, was er als ''fremd'' […] einstuft''.29

Dieser Prozess der Differenzierung gilt als Grundlage für Schäffters Theorie, die in dieser Hausarbeit zur Hand genommen wird. In seinem Werk wird Fremdheit nicht als ''objektiver Tatbestand'' betrachtet, sondern als ein ''Beziehungsmodus, in dem wir externen Phänomenen begegnen.''30 Das 'Eigene' ist hier also synonym für die eigene Identität aufzufassen, wodurch theoretisch alles andere als 'Fremd' interpretiert werden könnte, abhängig davon, in welchem Beziehung man dazu steht. Wie der Untertitel des Werkes schon verrät, sind mehrere ''Beziehungsmodi'' zu verzeichnen.

Die folgenden Teilkapitel enthalten eine Analyse der zehn Erzählungen in Seltsame Materie, wobei erzähltheoretische Mittel beschrieben werden, die Verfremdung bewirken. Anschließend wird der Versuch unternommen, die erkannten Arten von Fremdbeziehungen mit entsprechender Theorie zu deuten.

3. Analyse der Erzählungen

3.1. Seltsame Materie

Die erste Erzählung handelt von einer Familie, die auf Schwester und Bruder reduziert wird, nachdem die Mutter ins Krankenhaus aufgenommen worden ist und der Vater die Haare seiner Tochter anzündet, worauf er von Männern festgenommen wurde, was die Idee erweckt, dass er verhaftet wurde. Die Erzählerin, die Schwester des Kindespaares ist, wird nicht explizit vorgestellt. Frühestens dadurch, dass ihre Tante ihr sagt, dass sie Schauspielerin werden sollte, weiß der Leser, dass die Erzählerin weiblich ist. Genauso verhält es sich im Übrigen auch bei den anderen Protagonisten. Die Familienmitglieder werden von der Erzählerin alle ohne Eigenname, sondern als Vater, Mutter, Bruder benannt, sodass man als Leser die Idee bekommt, dass aus der Perspektive eines Kindes erzählt wird.

In der Erzählung liegt eine interne Fokalisierung vor. Das heißt, dass die Erzählerin der Erzählung genauso viel weiß wie die Figur des Mädchens.31 Überdies ist die Erzählung autodiegetisch: die Erzählerin ist Hauptfigur ihrer eigenen Geschichte.32 Die Wiedergabe ihrer Gedanken und Gefühlen erfolgt über einen erzählten inneren Monolog, d.h., dass das Figurenbewusstsein ohne Distanz, in dem Präsens und in der ersten Person vermittelt wird.33 Trotz dieser Nähe zum Bewusstsein, werden die Grausamkeiten innerhalb der Familie, als auch die wenig erfreuende Umgebung beschreibend-neutral dargestellt, wie in dem folgenden Textbeispiel:

''Mein Bruder schaufelt den Dung in die Schubkarre, dann schiebe ich die in den Garten, dann grabe ich die Furche um, dann schaufelt mein Bruder en Dung hinein, dann decke ich sie wieder zu. Da ich ihm nicht antworte, arbeiten wir stumm. Meine Haare sind an manchen Stellen noch fast fünf Zentimeter lang. Sie wippen im Wind, als wäre es schon Frühling […].''34

Weiterhin fällt auf, dass die Erzählung fragmentarisch ist, als ob die Erzählerin alles nur in Brocken mitkriegt. Außerdem ist die Erzählung nicht komplett chronologisch. Der erste Satz '' Erzähl ja niemandem, wie es passiert ist. Und erzähl auch sonst nichts von hier.''35 wird erst 6 Absätze weiter wieder aufgenommen: ''Es wird dir niemand glauben. Darum, sagt mein Bruder.''36 Weil sich danach die Erzählung weiter entwickelt, sind die Fragmente die sich dazwischen befinden als eine Analepse aufzufassen, da sie einen Exkurs zu der Vergangenheit darstellen.37 Der Tempus verändert sich allerdings nicht: es wird, wie bei allen anderen Handlungen, in der Präsens erzählt. In der Erzählung ist auch eine Prolepse eingebaut worden: ''[…] wie später in den Träumen, die ich über zu Hause träumen werde.''38

Was die Beschreibung der eigenen Heimat angeht, so ist das Anfangszitat dieser Hausarbeit wiederaufzunehmen:

''Wenn man aus der Stadt kommt und aus dem Bus auf die hinausblickt, scheint meine Heimat wie aus einer einzigen zusammengegorenen Materie zu sein. Aus Fasern, so braun und so unauftrennbar wie die Wolle unserer Kleidung. […] wo mich kaum eine Minute zuvor der Bus in die braune Dämmerung entlassen hat, sind sowohl Bus als auch Straße verschwunden. Da weiß ich plötzlich, daß mein Bruder recht hat: Es kann tatsächlich sein, daß es hier Zeiten gibt, in denen wir unsichtbar werden.''39

Diesem Zitat entnehmen wir, wie die Einförmigkeit der Umgebung auf poetischer Weise dargestellt wird. Eine Umgebung in der für die Protagonistin als auch für ihren Bruder kein Platz zu sein scheint. Andererseits wird sie mit der eigenen Herkunft von einem Lehrer konfrontiert, von dem sie erfährt, dass sie mit einem Akzent spricht. Die Zugehörigkeit zu der Gegend taucht als Akzent, genauer noch durch eine bestimmte Aussprache des 'A' immer wieder auf. Weil es als Symbol der Herkunft wird, geht es um ein metaphorisch verwendetes Motiv40, das stets wiederholt wird.

Die Protagonistin will den Akzent loswerden, weil sie davon träumt, eine Schauspielerin zu werden. Bei einer Prüfung in der Stadt, vermutlich zu einer Schauspielakademie, wird sie aufgrund des Akzentes geweigert, worauf sie den Traum jedoch nicht aufgibt und sich wiederum einprägt, auf ihr 'A' zu achten. Darin steckt die Verleugnung der eigenen Herkunft, wie sie auch daraus zu entnehmen ist, wie sie den Rat des Bruders aufnimmt:

''Wenn sie mich fragen, werde ich sagen, daß ich nirgends herkomme und niemanden kenne. Es gibt mich einfach nur so.''41

3.2. STILLE. mich. NACHT

''Irgendwann nimmt jeder den Weg. Ich stehe am Weg.''42

In der zweiten Erzählung ist die Erzählfigur männlich, ein Grenzwächter, der seine Ausbildung abgebrochen hat und Soldat geworden ist. Die Regeln der Armee werden für ihn zu einer Normalität: ''Da hat alles seine Ordnung […] Es ist etwas, was ich verstehe.''43 Darunter aber auch die Korruption des Grenzwächters, oder wie ironischerweise die Losung unter den Grenzsoldaten lautet: ''Der Fisch stinkt von den Füßen her.''44

Trotz der Regelgebundenheit des Soldaten, ist seine Einstellung zu dem eigenen Land auf keiner Weise positiv. Gerade durch das Grenzsetting erfährt der Leser eine Zweiteilung in der erzählten Welt, eine die allerdings sujetlos bleibt, weil ein Grenzübergang ausbleibt.45 Die Erzählfigur, sowie seinen Vater haben allerdings schon mal im Ausland gelebt. Es bleibt undeutlich, weshalb sie zurückgekehrt sind.

Der Erzähler berichtet davon, dass er nach der Rückkehr seine Vatersprache nicht mehr versteht, als auch die fünf anderen Sprachen, die er spricht, was nicht nur seine Fremdheit gegenüber der eigenen, als auch gegenüber der fremden Kultur zeigt. ''Ich hab's aufgegeben.''46

Das, was jenseits der Grenze liegt, bleibt abstrakt (''die da drüben'').47 Obwohl in der Erzählung konkrete Angaben dazu fehlen, könnte die Welt als 'das Westen' interpretiert werden, weil es für manche eine Utopie enthält, wie für die Freundin des Protagonisten, Hanna. Sie will Fotografin werden und Gebäude fotografieren, wozu der namenlose Protagonist meint, dass sie das nur wolle ''weil es diese Dinge hier nicht gibt. Damit sie weggehen könne, um sie zu fotografieren.''48 Dass auch der Protagonist den Wunsch hat, endgültig wegzuziehen, wird aus dem Silvesternachtfragment klar, wo österreichische Feiernde mit Sektflaschen und Feuerwerk zu der Grenze kommen und er das Rufen seines Kamerades Fisch ''nicht lockerlassen'' als ''nicht locken lassen'' missversteht.

Die Beschreibung der Heimat selbst beschränkt sich in dieser Erzählung vor allem auf die des Grenzgebietes. Die Wertung des Grenzgebietes kommt von Fisch: ''Wahrscheinlich ist diese Gegend von Gott gemacht als eine Art Prüfung, man muß hier noch mal durch das Schlimmste, bevor man endlich drüben ist.''49 Darauf reagiert der Erzähler folgendermaßen: ''Und wir bleiben hier, sage ich, mittendrin. Wir überwinden das Schlimmste wohl nie.''50 In seiner Antwort ist seine Einstellung zum Leben herauszulesen: eine der Stagnation. Doch eine verzweifelte: er befindet sich in einem Dilemma, ob er gehen muss oder nicht, was vor allem in der Silvesternacht sichtbar wird. Dieses zögern ist in der ganzen Erzählung auch bei Fisch zu erkennen: die Hauptfigur achtet stets darauf, wie Fisch Speichel hörbar in seinem Mund hat, am Anfang diese nicht ausspuckt, am Ende schon. Darin ist ein metaphorisches Motiv zu erkennen, weil es eine Vergleichung für eine Fluchtentscheidung darstellt.51

3.3. Der See

Die Überschreitung der Landesgrenze ist auch in dieser Erzählung eine Normalität. Ein intertextueller Hinweis aus der vorigen Erzählung, nämlich, dass die Erzählfigur ''Bäkkerkinder'' mit einem gestohlenen Tannenbaum Tannenbaum herumschleppen gesehen hat,52 deutet daraufhin, dass die Erzählwelt der beiden Erzählungen überlappt. Der See könnte der Neusiedlersee sein. Die Familie in dieser Erzählung wohnt am ''letzten Ende''53 des Landes, nahe zu diesem See, nahe zu der Grenze. Der Vater war Bäcker aber vernachlässigt seine Arbeit, vielmehr ist es der Großvater, der die Familie versorgt, indem er Flüchtlinge durch den See in den Westen führt. ''Der See ist unser Auskommen.''54 Die Familie nimmt durch ihre Lebensweise eine ausgegrenzte Position ein. So wird ihnen zum Beispiel vorgeworfen, zu viele Kinder zu haben. Doch laut dem Vater ist der Unterschied vor allem auf die soziale Verhältnisse zurückzuführen: ''Sie sind neidisch. Sie sind Bauern, während wir, sagt er stolz, Handwerker sind.''55 Dieses Beispiel enthält im Form einer mimetischen Satz Informationen über die Heimat, die dadurch, dass die Figurenrede nicht privilegiert ist, anzuzweifeln sind56: ist das wirklich der einzige Grund für ihre Ausgrenzung im Dorf? Später wird der Familienname nämlich auch mit Diebstahl in Verbindung gebracht.

In der Perspektivierung der Erzählfigur, die in einer autodiegetischen Erzählart vermittelt wird, gibt es wiederum eine gewisse Distanz zum ''tatsächlichen Fühlen und Denken'' der Erzählerin: die Umgebung wird sachlich-neutral beschrieben. Weil es verschiedene Indizien dafür gibt, anzunehmen, dass die Erzählerin das jüngste Kind der Familie ist, können wir die Erzählweise als die einer Kinderperspektive deuten.

Obwohl emotional nicht sehr aufschlussreich, ist lediglich in dem, was sie in ihr Landschaftsbild aufnimmt manchmal ihre Verwunderung zu entdecken. Sie beschreibt wie die Veränderung der Wetterlage und damit die verändernde schlammige Landschaft das Gebiet beherrscht und die Menschenarbeit vertreibt auf einer Weise, die das Ausgesetztsein deutlich macht. ''Das ist hier so, sagt Vater, auf nichts kann man sich verlassen''57

Eine Gelassenheit ist in ihrer Bewertung des illegalen Fremdenverkehrs in der Gegend zu verspüren: ''Alles geht durch uns hindurch, als gäbe es uns gar nicht.''58 Ferner verwundert sich die Erzählerin darüber, dass die Grenzhüter jedes Mal die Ausweise kontrollierten, obwohl sie die Familie alle kannte. Dies trägt auch zu der Ausgrenzung bei und geht symbolisch gegen jedes Gefühl von Zugehörigkeit zu der eigenen Heimat ein. Die neutrale Beschreibungsweise verstärkt diesen Effekt.

Auch in dieser Erzählung ist eine zweigliedrige, sujetlose Erzählwelt vorhanden, die durch den See als Grenze getrennt wird. Das Land jenseits der Grenze wird aus der Kinderperspektive auf dem ersten Blick mit einer Gleichgültigkeit beschrieben: ''Wo der Schilfgürtel endet, beginnt das Drüben mit offenem Wasser und Segelschiffen. Die Fremden die zu uns kommen, wolle alle dahin.''59 Andererseits wirkt durch den Gegensatz Schlamm-Offenes Wasser das Auslandbild ziemlich verlockend. Das Lied mit dem Text ''Deine Heimat ist das Meer, deine Freunde sind die Sterne,''60 das sowohl dem Seemann als der Mutter der Figurin vertraut ist, ist als ein metaphorisches Motiv für die Verherrlichung der Flucht über das Wasser zu verstehen, wie am Anfang der Erzählung beschrieben wird, wie der Großvater nach seinem Begleiten durch den Schlamm die Fremden einen Stern zeigt, ''dem sie folgen sollen.''61

[...]


1 Mora, T.: Seltsame Materie. 5. Auflage. Reinbek: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2019, S. 19.

2 Vgl. Pabis, E.: Um mich herum war alles Gewalt. Körperliche Transgressionen in Terézia Moras Seltsame Materie. In: Werkstatt, 12 (2017), 60-83. Debrecen: Institute of German Studies, Department of Germanic Literatures 2017. S. 61.

3 Vgl. Kasaty, O. O., Ein Gespräch mit Terézia Mora. In: Dies.: Entgrenzungen: Vierzehn Autorengespräche. München: Edition 2007, S. 230.

4 ''Büchner-Preisträgerin Terézia Mora kritisiert ''hetzerisches Reden'''' https://www.zeit.de/kultur/literatur/2018-10/schriftstellerin-terezia-mora-buechner-preis-literatur#comments (8.10.2019).

5 Strigl, D.: Von der Unendlichkeit des Satzes. Ein Alphabet des Lobes für Terézia Mora. https://www.deutscheakademie.de/de/auszeichnungen/georg-buechner-preis/terezia-mora/laudatio (17.10.2019).

6 Ebd.

7 Kegelmann, R.: Alles ist hier Grenze. Anmerkungen zu einem Themenkomplex im Erzählband ''Seltsame Materie'' von Terézia Mora. In: Germanistische Studien VII. Hg. V. Mihály Harsányi & René Kegelmann. Eger: Líceum Kiadó 2009. S.101.

8 Mora, T.: Das Kreter Spiel, 2007, S.3f.

9 Albrecht, T.: Erzählerische und sprachliche Nähe. Bilder interkulturellerer Erfahrungen in den Texten von Terézia Mora und Yoko Tawada. In: In: Schmitz, Helmut (Hrsg.): Von der nationalen zur internationalen Literatur: Transkulturelle deutschsprachige Literatur und Kultur im Zeitalter globaler Migration. Amsterdamer Beitrage Zur Neuen Germanistik. Amsterdam/New York. Rodopi 2009. S. 265.

10 Schäffter, O. (Hg.): Das Fremde. Erfahrungsmöglichkeiten zwischen Faszination und Bedrohung. Opladen: Westdeutscher Verlag 1991.

11 Heilingsetzer, G.C.: Verortung und Identität: Wer bin ich ohne Heimat? Hamburg: disserta Verlag, Imprint der Diplomica Verlag GmbH 2015, S.143

12 Albrecht, T.: Erzählerische und sprachliche Nähe. Bilder interkulturellerer Erfahrungen in den Texten von Terézia Mora und Yoko Tawada. In: In: Schmitz, Helmut (Hrsg.): Von der nationalen zur internationalen Literatur: Transkulturelle deutschsprachige Literatur und Kultur im Zeitalter globaler Migration.Amsterdamer Beitrage Zur Neuen Germanistik. Amsterdam/New York. Rodopi 2009. S.263.

13 Schmitz, H. (Hg.) Einleitung: Von der nationalen zur internationalen Literatur. In: Von der nationalen zur internationalen Literatur: Transkulturelle deutschsprachige Literatur und Kultur im Zeitalter globaler Migration. Amsterdamer Beitrage Zur Neuen Germanistik. Amsterdam/New York. Rodopi 2009, S. 8.

14 Ebd., S.8.

15 Laudenberg, B.: Inter-, Trans- und Synkulturalität deutschsprachiger Migrationsliteratur und ihre Didaktik. Müchen: IUDICIUM Verlag GmbH 2016, S. 57.

16 Albrecht, 2009, S. 265.

17 Ebd., S. 265.

18 Chiellino, C. (Hg.): Interkulturelle Literatur in deutscher Sprache. Das große ABC für interkulturelle Literatur. Bern: Peter Lang AG, Internationaler Verlag der Wissenschaften, 2016, S.63.

19 Vgl. Blickle, P.: Heimat. A critical Theory of the German Idea of Homeland. Rochester, NY: Camden House 2002 und Heilingsetzer, G.C.: Verortung und Identität: Wer bin ich ohne Heimat? Hamburg: disserta Verlag, Imprint der Diplomica Verlag GmbH 2015.

20 Vgl. Blickle, 2002, S.61.

21 Ebd., S.61.

22 Vgl. Kasaty, O. O.: Ein Gespräch mit Terézia Mora. In: Dies.: Entgrenzungen: Vierzehn Autorengespräche. München: Edition 2007, S. 229.

23 Mora, T.: Das Kreter-Spiel. Oder: Was fängt die Dichterin mit ihrer Zeit an. In: Sprache im technischen Zeitalter 183. 45. Jg. September 2007. S. 6.

24 Ebd., S. 10.

25 Bescansa, C.: ‚‘Dieses Land kann mich kreuzweise‘‘. Emotionen und Raum bei der Gestaltung von Heimat als ‚‘Seltsame Materie‘‘ in Erzählungen Terézia Moras. https://literaturkritik.de/id/21215 (26.10.2019).

26 Mora, T.: Das Kreter-Spiel. Oder: Was fängt die Dichterin mit ihrer Zeit an. In: Sprache im technischen Zeitalter 183. 45. Jg. September 2007. S. 3.

27 Ebd., S.4.

28 Bescansa, C.: ‚‘Dieses Land kann mich kreuzweise‘‘. Emotionen und Raum bei der Gestaltung von Heimat als ‚‘Seltsame Materie‘‘ in Erzählungen Terézia Moras. https://literaturkritik.de/id/21215 (26.10.2019).

29 Grömmer, G.A. ''Heimatliteratur des Fremden'' Perspektiven kultureller Differenzerfahrungen in den Texten Rafik Schamis und Dimitré Dinevs. http://othes.univie.ac.at/1030/1/2008-09-02_9804436.pdf (26.10.2019), S.33.

30 Schäffter, O.(Hg.): Das Fremde. Erfahrungsmöglichkeiten zwischen Faszination und Bedrohung. Opladen: Westdeutscher Verlag 1991, S. 12.

31 Vgl. Martínez, M. & Scheffel, M.: Einführung in die Erzähltheorie. 10., überarbeitete und aktualisierte Auflage. München: Verlag C.H. Beck 2016, S. 68.

32 Ebd., S.86.

33 Ebd., S.63f.

34 Mora, 2009, S.9

35 Mora, 2009, S.9.

36 Ebd., S.11.

37 Martinez & Scheffel, 2016, S.86.

38 Mora, 2009, S.14.

39 Ebd., S.19.

40 Martinez & Scheffel, 2016, S.120.

41 Mora, 2009, S.16

42 Ebd.,S.22

43 Ebd., S.41

44 Ebd.,S.22

45 Martinez & Scheffel, 2016, S.159.

46 Mora, 2009, S.24

47 Mora, 2009, S.23

48 Ebd., S.48.

49 Ebd., S.43

50 Ebd., S. 44

51 Martinez & Scheffel, 2016, S.120.

52 Mora, 2009, S.34.

53 Ebd., S.58.

54 Ebd., S. 57.

55 Ebd., S. 54.

56 Martinez & Scheffel, 2016, S.104f

57 Ebd., S.60.

58 Mora, 2009, S.66.

59 Ebd., S.56.

60 Ebd., S.62.

61 Ebd., S.57.

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
''Alle Orte sind gleich und fremd''. Entfremdung von Heimat in Terézia Moras "Seltsame Materie"
Untertitel
Eine erzähltheoretische Analyse
Hochschule
Universiteit Utrecht
Note
1,3
Jahr
2020
Seiten
30
Katalognummer
V903640
ISBN (eBook)
9783346205506
ISBN (Buch)
9783346205513
Sprache
Deutsch
Schlagworte
alle, seltsame, orte, moras, materie, heimat, entfremdung, eine, analyse, terézia
Arbeit zitieren
Anonym, 2020, ''Alle Orte sind gleich und fremd''. Entfremdung von Heimat in Terézia Moras "Seltsame Materie", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/903640

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: ''Alle Orte sind gleich und fremd''. Entfremdung von Heimat in Terézia Moras "Seltsame Materie"



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden