Im Zuge dieser Arbeit sollen zunächst der Übergangsbegriff und Übergangsformen beschrieben und in Zusammenhang zur Ambivalenz von Lebenslauf & Biografie gesetzt werden. Darauf aufbauend sollen die Rolle als auch der Aufgabenbereich einer Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit im Hinblick einer Gestaltung biographischer Übergange herausgearbeitet werden, um im Anschluss die resultierenden Herausforderungen für die Lebensweltorientierte Soziale Arbeit auszumachen. Abschließend soll ein (fiktives) Fallbeispiel einen Einblick in ein mögliches, praktisches Szenario bieten.
Im Zuge der postmodernen „Multioptionsgesellschaft“ (Grunwald & Thiersch, 2016) und resultierender Differenzierungs-, Pluralisierungs- also Individualisierungsformen (bzw. -optionen) ergeben sich ausgehend von der Flexibilisierung des Arbeitsmarktes unter neoliberaler Flagge der ‚freien‘ Marktwirtschaft und einer reflexiven, vermeintlichen Trendwende des standardisierten Lebenslaufs ab der zweiten Hälfte des 20. Jhdt. neue gesellschaftliche Phänomene bzw. Probleme. Die Zustandswechsel respektive Zustandsänderungen zwischen den Lebensaltern bzw. -abschnitten treten vermehrt problematischer als auch unvorhersehbarer – d.h. potentiell riskanter und fragiler - in Erscheinung und münden in einer Ambivalenz aus ehemals bevormundendem Versorgungsstaat und nun aktivierendem Wohlfahrtsstaat, welcher im Zuge der Individualisierung die einst hegemoniale Verantwortung zur sozialen Rationalität auf das Individuum abgewälzt hat (Walther, 2013). Bisherige Betrachtungsweisen von problematischen Zustandswechseln (im Folgenden als Übergänge bezeichnet) bis etwa zur Jahrtausendwende hin, fokussierten hauptsächlich Übergangsthematiken Jugendlicher mit Problemen im Übergang von Schule zu Beruf, wohingegen sich das gegenwärtige Spektrum von Übergängen aufgrund bereits angedeuteter postmoderner Vielfalt von Möglichkeiten und resultierender (postmoderner) Vielfalt von Problemen erheblich erweitert hat (Walther, 2013).
Inhaltsverzeichnis
Einleitung / Problemstellung
Übergänge – Versuch einer Begriffsbestimmung
Übergangsbegriff & Übergangsformen
Ambivalenz von Lebenslauf und Biographie
Entstandardisierung
Individualisierung
Entstandardisierung und Individualisierung im Bildungssystem
Lebensweltorientierte Soziale Arbeit im Kontext biographischer Übergänge
Rolle der Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit
Aufgabe der Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit
Herausforderungen
Praxisbeispiel
Ausblick
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die Arbeit untersucht die Rolle und Aufgabenbereiche der lebensweltorientierten Sozialen Arbeit bei der Gestaltung biographischer Übergänge in einer durch Individualisierung und Entstandardisierung geprägten Postmoderne. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie Soziale Arbeit im Spannungsfeld zwischen wohlfahrtsstaatlichen Anforderungen und den subjektiven Bedürfnissen der Adressaten agieren kann, um soziale Teilhabe und Bewältigungskompetenzen zu fördern.
- Wandel von Lebensläufen in der Multioptionsgesellschaft
- Die Rolle der Sozialen Arbeit als „Gatekeeper“ und Ko-Produzentin
- Herausforderungen in der Unterstützung biographischer Übergänge
- Partizipation als zentrale Handlungsmaxime
- Verzahnung von Bildung und biographischer Bewältigung
Auszug aus dem Buch
Rolle der Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit
Resultierend aus dem Wandel der industrialisierten Gesellschaft in Entgrenzung zu vormals standardisierten Lebensläufen oder auch Lebensbildern der Moderne, entsteht eine Prozess der Individualisierung der postmodernen Gesellschaft und ein daraus resultierender Verlust von Sicherheit als auch Verlust von Orientierungsmöglichkeiten bei einhergehender erhöhter Freiheit (Dschungel der Möglichkeiten und Gefahren des Lebens) – die „Multioptionsgesellschaft“ (Grunwald & Thiersch, 2016, S. 36) samt all ihrer Handlungsmöglichkeiten und Handlungszwänge entsteht. Diese wiederrum erhöht für die Akteur_Innen der Gesellschaft die Handlungsunsicherheit und stellt demzufolge Handlung als möglichen Zustandswechsel, d.h. Übergang, in nunmehr individueller Unvorhersehbarkeit – aufgrund der ‚unendlichen‘, multioptionalen Anzahl an Möglichkeiten und folglich Verläufen – dar. Übergänge (siehe Übergangsbegriff & Übergangsformen), welche von Akteur_Innen nicht vollzogen werden können, werden zur Bearbeitung sozialer Dienste, d.h. unter anderem zur Sache einer (Lebensweltorientierten) Sozialen Arbeit. Dieser kommt dabei eine ‚dipolare‘ Rolle zu: einerseits versteht sie sich als Anwältin der Adressat_Innen - mit ihren jeweiligen Eigenheiten, spezifischen Biographien, Bedürfnissen und Ressourcen und stellt diese Attribute in den Mittelpunkt ihrer Betrachtung - andererseits ist sie im Sinne eines wohlfahrtsstaatlichen Auftragsempfängers auch zur Orientierung an normativen (d.h. hier konkret lebenslauf bezogenen) Werten bzw. Bedürfnissen verpflichtet.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung / Problemstellung: Die Einleitung thematisiert den Wandel zur Multioptionsgesellschaft und die daraus resultierende Komplexität und Prekarität biographischer Übergänge im Lebenslauf.
Übergänge – Versuch einer Begriffsbestimmung: Dieses Kapitel definiert Übergänge als prozessuale Zustandswechsel und beleuchtet die Ambivalenz zwischen individueller Biographie und institutionellen Lebenslaufvorgaben sowie die Trends der Entstandardisierung und Individualisierung.
Lebensweltorientierte Soziale Arbeit im Kontext biographischer Übergänge: Hier wird die Vermittlungsfunktion der Sozialen Arbeit zwischen gesellschaftlichen Anforderungen und den Bedürfnissen der Klienten sowie deren spezifische Rolle und Aufgaben in diesem Spannungsfeld analysiert.
Praxisbeispiel: Anhand des fiktiven Falls eines 16-jährigen Jugendlichen namens Dalip wird illustriert, wie lebensweltorientierte Konzepte konkret zur Unterstützung in schwierigen Übergangsphasen eingesetzt werden können.
Ausblick: Der Ausblick reflektiert die Möglichkeiten und Grenzen Sozialer Arbeit, biographische Handlungsfähigkeit zu stärken, und fordert eine stärkere politische Positionierung gegen neoliberale Tendenzen.
Schlüsselwörter
Lebensweltorientierte Soziale Arbeit, biographische Übergänge, Individualisierung, Entstandardisierung, Multioptionsgesellschaft, Lebenslauf, Biographie, Gatekeeper, Partizipation, Bewältigungskompetenz, Sozialpädagogik, Wohlfahrtsstaat, Handlungsfähigkeit, Soziale Gerechtigkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie die Soziale Arbeit Menschen in biographischen Übergangsphasen unterstützen kann, wenn durch gesellschaftliche Individualisierung die klassischen Pfade des Lebenslaufs wegfallen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Schwerpunkten gehören der Wandel zum Lebenslauf, das Verständnis von Übergängen, die Rolle der Fachkräfte als Vermittler zwischen Individuum und Institution sowie die Partizipation der Adressaten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Rolle der lebensweltorientierten Sozialen Arbeit im Kontext biographischer Übergänge zu bestimmen und die daraus resultierenden professionellen Herausforderungen zu identifizieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine erziehungswissenschaftliche Heuristik, um Konzepte der Übergangsforschung und die lebensweltorientierte Soziale Arbeit in einen theoretischen Zusammenhang zu bringen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der theoretischen Herleitung von Übergängen, der Problematik von Individualisierung und Standardisierung im Bildungssystem sowie der konkreten Handlungslogik der Sozialen Arbeit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlagworte sind Lebensweltorientierung, Übergänge, Partizipation, Gatekeeping und biographische Handlungsfähigkeit.
Wie lässt sich die „Gatekeeper“-Funktion der Sozialen Arbeit definieren?
Die Rolle als Gatekeeper bedeutet, dass Fachkräfte an der Schnittstelle zwischen Individuum und System stehen und den Zugang zu Ressourcen regulieren, wobei sie zwischen Hilfe und Kontrolle abwägen müssen.
Welche Herausforderung stellt sich im Fall von Dalip besonders dar?
Dalip ist von totalitärer Fremdbestimmung und Straffälligkeit geprägt; die Herausforderung besteht darin, seine eigenen Ressourcen zu finden und ihm durch Mitbestimmung eine positive Zukunftsperspektive jenseits von Sanktionen zu eröffnen.
- Arbeit zitieren
- Dominik Velasco (Autor:in), 2020, Rolle der Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit im Kontext biographischer Übergänge und resultierende Herausforderungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/904060