Formen und Funktionen des illusionsstörenden Erzählens in John Barths "Life-Story"


Hausarbeit, 2005
13 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. “Life-Story“ – experimentelle, postmoderne Kurzgeschichte
2.1 John Barth und “Life-Story”
2.2 Realismus und Experiment im 20. Jahrhundert

3. Formen des illusionsstörenden Erzählens in “Life-Story“

4. Funktionen des illusionsstörenden Erzählens in “Life-Story“

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Rahmen dieser Hausarbeit soll veranschaulicht werden, worauf die Störung der ästhetischen Illusion in John Barths “Life-Story“ beruht und welche Funktionen anti-illusionistisches Erzählen hat. Die anti-illusionistischen Techniken werden anhand der von Anke Bauer und Cornelia Sander gebündelten erzähltheoretischen Kriterien (Sander und Bauer 2004:187-222) erörtert. Bei der Analyse der Funktionen des illusionsstörenden Erzählens wird Barths zeitnah verfasster Essay “The Literature of Exhaustion“ berücksichtigt und darauf hin untersucht, inwiefern dessen ästhetische Prinzipien eingelöst werden. Des Weiteren soll hinterfragt werden, welche Rolle die, von Erkenntnisungewissheit geprägte, Welthaltung des 20. Jahrhunderts in “Life-Story“ spielt, welche Beziehungen zwischen Realität und Fiktion vorherrschen und was über die Autorität des Autors ausgesagt wird.

2. “Life-Story“ – experimentelle, postmoderne Kurzgeschichte

2.1 John Barth und “Life-Story”

Die Kurzgeschichte “Life-Story” von John Barth erschien 1968 in der Sammlung Lost in the Funhouse. Fiction for Print, Tape, Live Voice (wird in dieser Arbeit mit “LF“ abgekürzt). Barth, Professor der Anglistik, wird als Stellvertreter der Postmoderne gehandelt, obgleich er zuvor auch realistische Romane geschrieben hat. Lost in the Funhouse [...] zählt zu seinen experimentellen Werken, in dem die Abwendung von Traditionen thematisiert und vollzogen wird. Dies geschieht nach Prinzipien seiner 1967 erschienenen “Literature of Exhaustion“. In diesem Essay stellt Barth fest, dass nur Illusionsstörung und Bewusstmachen des Konstruktcharakters der Literatur aus der kreativen Sackgasse helfen können (vgl. Kindler 2003).

The result was Lost in the Funhouse (I was in fact, at age thirteen or so, once briefly mislaid in a boardwalk funhouse, in Asbury Park, New Jersey; end of autobiographical reference). Incorrigibly the novelist, I decided […] to write not simply some short stories but a book of short stories: a sequence or series rather than a mere assortment. (LF: Foreword)

Lost in the Funhouse besteht aus 14 Kurzgeschichten und versteht sich als “Serie“, die um die titelgebende Geschichte herum organisiert ist. Die Serie wird kohärent durch rekurrente Motive, wie z.B. Unendlichkeit, Realität, Fiktion, Identitätskrise. Als Einheit kann sie folglich wie ein Roman gelesen werden. “Life-Story“ ist die drittletzte Geschichte und führt die vorhergenannten Motive zusammen. Der Autorprotagonist, von seiner eigenen Fiktionalität überzeugt, scheitert am Vorabend seines 36. Geburtstags daran eine “Lebens-“ Geschichte zu schreiben. Autobiographische Tendenzen sind gewollt, Barth und sein Held bevorzugen z. B. eigentlich den Roman. Barth zeigt anhand seiner Autorfigur den Ausweg aus der “Exhaustion“.

Ferner unterrichtet John Barth auch die Erzähltheorie, seine wissenschaftliche Expertise ist in den literaturwissenschaftlichen Metadiskursen seiner Fiktionen spürbar. Die Vorteile der Kurzgeschichte lagen für ihn auf der Hand:

I find the story most useful for seminar purposes […] You can hold a short story in your hand like a lyric poem; see it whole; examine the function of individual sentences, even individual words (LF: Foreword)

Diese Vorzüge waren aber nicht sein einziger Grund, sich für dieses Genre zu entscheiden: Schon im Vorwort seiner Sammlung lässt er seine Freude am Spiel mit Konventionen durchblicken, als er zugibt, auch in den “classroom anthologies“, die er unterrichtet, vorkommen zu wollen: “-but I wanted to be in those anthologies. Not all of a writer’s motives are pure.“ (ebd.).

2.2 Realismus und Experiment im 20. Jahrhundert

Obwohl Barth aus dem Wissenschaftsmilieu kommt, kritisiert er dessen Wissenschaftsgläubigkeit, die Verstandesfiktionen zu Wahrheiten erhebt. Für Barth ist die Erkenntnissuche “Grundbestimmung der menschlichen Existenz und ihr Fluch“ (Arlart 1984: 11). Dies entspricht der Welthaltung des 20. Jahrhunderts, die vom wissenschaftlichen Fortschritt, u. a. in der modernen Physik, geprägt worden war. Vor dem Hintergrund der Erkenntnisungewißheit dieser Epoche war die tatsächliche Welt nur ein Scheinbild des Verstandes, menschliche Modelle zum Erfassen von Wirklichkeit, wie Sprache, demnach unzulänglich. Sprache hatte ihre mimetischen Fähigkeiten, die für den Roman in der Tradition des Realismus von größter Bedeutung waren, verloren. “Die Unmöglichkeit bzw. die Weigerung, weiterhin ein traditionelles, sinngewisses Erzählen zu gewährleisten, war zu einem zentralen Thema des Romans der Moderne geworden, was zur Folge hatte, dass der Roman von sich selbst sprach, sich selbst beobachtete, auf sich selbst reflektierte.“ (vgl. Arlart 1984: 11-19).

Man kann also im 20. Jahrhundert zwei narrative Entwicklungstendenzen unterscheiden: Realismus und Experiment, die realistische Tradition und ihr mimetisches Literaturverständnis und als ihr Gegenpol die experimentellen, anti-illusionistischen Erzählungen des Post- bzw. Modernismus, wo Illusionsdurchbrechung besonders auftritt (vgl. Wenzel 2004: 197/8).

3. Formen des illusionsstörenden Erzählens in “Life-Story“

In „Life-Story“ dominieren anti-illusionistische Techniken, diese sollen anhand der Leitfragen von Anke Bauer und Cornelia Sander (Sander u. Bauer 2004:197-222) analysiert werden.

Die Illusionsstörung beruht nach Bauer und Sander auf der Missachtung der fünf Prinzipien der lebensweltlichen Wahrnehmung (Welthaftigkeit, Mediumsadäquatheit, Sinnzentriertheit, Perspektive, Interessantheit) und verweigert dem Leser das Erleben einer scheinbaren Wirklichkeit, so dass seine ästhetische Distanz aktualisiert wird (ebd.).

Da in “Life-Story“ der Modus der Introspektion vorherrscht, mangelt es der fiktiven Welt an einem anschaulichen Setting und an mehrdimensionalen, realistischen Charakteren, folglich wird das Prinzip der anschaulichen Welthaftigkeit bzw. Detailfülle nicht eingelöst. Der fiktive Autor thematisiert wiederholt seine bewusste Ablehnung der lebensnahen Charakterisierung: “he did not draw his characters and situations directly from life nor permit his author-protagonist to do so“ (LF: 124). Stattdessen überwiegen fragmentarische und unlogische Beschreibungen: “a lovely woman she was, whom he did not after all describe for his readers’ et cetera inasmuch as her appearance and character were inconstant” (LF: 124). Mangels Details wird keine Illusion anschaulicher Realität erzeugt, lebensweltliche Wahrnehmung würde bedeuten, angesichts einer Fülle von Details Selektion betreiben zu müssen (vgl. Sander und Bauer 2004: 201).

In pro-illusionistischen Texten werden normalerweise die Grenzen von Sprache respektiert, so dass nicht durch auffällige Sprachverwendung die Distanz des Rezipienten verstärkt wird. Dieses Prinzip der Mediumsadäquatheit wird in „Life-Story“ nicht respektiert, da die Sprache überstrapaziert wird und den Artefaktcharakter der Fiktion betont. Dies geschieht durch Rekurrenzen, wie “Concluding these reflections he concluded these reflections“ (LF: 126) oder “I would advise in addition the eschewal of overt and self-conscious discussion of the narrative process. I would advise in addition the eschewal of overt and self-conscious discussion of the narrative process” (LF: 119). Der Gebrauch von Wörtern, wie “et cetera”, “ditto“ oder “aforementioned“ verstärkt den Eindruck von Wiederholung. Besonders “et cetera“ wird inflationär gebraucht und korreliert mit teilweise befremdlicher, elliptischer Syntax: “He knew beyond any doubt that the body which he inhabited - the only one et cetera - was et cetera. The idea et cetera.” (LF: 121). Des weiteren ist der Sprachgebrauch neben seinem repetitiven, elliptischen Charakter auch oft unkonventionell, wie Wortschöpfungen beispielsweise “the man-who-once-cleaned-his-chimney[’s]“, Kürzel als Namen oder die zur literarischen Vermittlung von Zeit unübliche Verwendung von Fußnoten zeigen. So ist der Leser sich des Konstruktcharakters jederzeit bewusst, ein automatisiertes Erfassen der Geschichte unmöglich.

[...]

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Formen und Funktionen des illusionsstörenden Erzählens in John Barths "Life-Story"
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Veranstaltung
Einführung in die Erzähltextanalyse: Die amerikanische Kurzgeschichte
Note
1
Autor
Jahr
2005
Seiten
13
Katalognummer
V90409
ISBN (eBook)
9783638045100
ISBN (Buch)
9783638941235
Dateigröße
397 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
"[Es] handelt es sich um eine hervorragende, differenzierte und klar strukturierte Arbeit, die die in der (wenn auch etwas knappen) Einleitung formulierten Ziele voll einlöst. Sowohl was die argumentative Kohärenz als auch das sprachliche Niveau angeht, ragt die Arbeit weit aus der Masse der Proseminarsarbeiten heraus."
Schlagworte
Formen, Funktionen, Erzählens, John, Barths, Life-Story, Einführung, Erzähltextanalyse, Kurzgeschichte
Arbeit zitieren
Yann Martin (Autor), 2005, Formen und Funktionen des illusionsstörenden Erzählens in John Barths "Life-Story", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/90409

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