Väter und Söhne

Kommunikation mit Adoleszenten in der Frühphase


Seminararbeit, 2004

70 Seiten, Note: sehr gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Fragestellung

3. Methode
3.1. Auswahlverfahren
3.1.1. Kriterium Alter
3.1.2. Kriterium Schulbildung
3.1.3. Kriterium soziale Struktur
3.2. Konstruktion des Fragebogens
3.3. Datenerhebung
3.4. Probleme

4. Theoretische Überlegungen
4.1. Die „Adoleszenz“ als Lebensphase
4.2. Die Zeiten der Veränderungen
4.2.1. Physiologisch-biologische Veränderungen
4.2.2. Psychologische Veränderungen
4.2.3. Kritik an der Theorie von William Stern
4.2.4. Neuere Theorien über die psychologischen Veränderungen
4.2.5. Körperliche Veränderungen als direktes Problem
4.2.6. Soziale Veränderungen
4.2.7. Kognitive Veränderungen
4.3. Identitätsentwicklung
4.3.1. Entwicklungsaufgaben in der Adoleszenz
4.3.2. Entwicklungsaufgaben aus der Perspektive Jugendlicher
4.3.3. Entwicklungsaufgaben nach Fend
4.4. Individuation
4.4.1. Beziehung zu Gleichaltrigen
4.4.2. Eltern-Kind-Beziehung
4.4.3. Definition der Familie
4.5. Aufgaben der Familie in Bezug auf die Umsetzung der Entwicklungsaufgaben
4.5.1. Emotionale Verbundenheit
4.5.2. Autonomie
4.5.3. Kontrolle
4.5.4. Umbau der sozialen Beziehungen
4.5.5. Zusammenfassung
4.6. Veränderungen in der Interaktion / Kommunikation
4.6.1. Das Gespräch als Instrument
4.6.2. Die Veränderung im Gespräch
4.7. Aspekte in der Eltern-Kind-Kommunikation
4.7.1. Gesprächsthemen
4.7.2. Kommunikationsformen
4.7.3. Autorität
4.7.4. Disziplin

5. Resultate und Diskussion
5.1. Das Sample
5.2. Wichtigste Ansprechperson
5.3. Beziehungseinschätzung / Emotionale Verbundenheit
5.4. Streithäufigkeit
5.5. Gesprächsdauer
5.6. Thematischer Aspekt
5.6.1. Allgemeine Themen
5.6.2. Schule und Zukunftspläne
5.6.3. Drogen
5.6.4. Regeln
5.6.5. Freundschaft / Liebesbeziehung / Sexualität
5.6.6. Freizeit
5.7. Wertschätzung Respekt
5.8. Strafintensität und Missachtung

6. Schlussfolgerungen
6.1. Quantitativer Aspekt
6.2. Thematischer Aspekt
6.3. Formaler Aspekt

7. Literatur

8. Verzeichnis der Abbildungen

9. Verzeichnis der Tabellen

10. Fragebogen / Datensatz

1. Einleitung

Die Autoren dieser Arbeit sind ausgebildete Primarlehrer und weisen mehrjährige Berufserfahrung auf. Die Kontakte mit den Eltern oder auch nur einem Elternteil sind für den Lehrerberuf unerlässlich. Die Autoren machten die Erfahrung, dass praktisch alle Eltern für ihre Kinder nur das Beste wollen, nämlich eine positiv verlaufende Entwicklung bis ins Erwachsenenalter. Man könnte also annehmen, dass Familien in Bezug auf die Entwicklungsaufgaben ihrer Kinder – es wollen ja alle nur das Beste – in ihrem Erziehungsverhalten ähnliche Muster aufweisen. Wie wir aber alle wissen, ist dies nicht der Fall. Die unterschiedlichen Erziehungsansätze und das Erziehungsverhalten reichen von Überbehütung bis hin zu Verwahrlosung. Nach dem traditionellen Rollenverständnis geht in der Regel der Vater einer Erwerbstätigkeit nach, während dem sich die Mutter um den Haushalt und um die Kinder kümmert. Die Autoren stellten sich, besonders bei sozial schwierigen Familienverhältnissen, immer wieder die Frage nach der emotionalen Verbundenheit, respektive, wie die Eltern zu ihren Kindern stehen und umgekehrt.

Die vorliegende empirische Seminararbeit entstand aus dem Proseminar bei Fred Berger: „Soziale Integration und die Entwicklung von Beziehungskompetenzen im Jugend- und frühen Erwachsenenalter“. Ungefähr mit dem 12. Lebensjahr beginnend, erleben die Jungen und Mädchen den allmählichen, manchmal auch abrupten Einstieg in die Pubertät, eine Zeit, die ihnen einen vielseitigen Umbruch verspricht. „Sie müssen die schnelle Veränderung von Körpermerkmalen, Gefühlslagen, Denkweisen und Reaktionsmustern und den Neuaufbau ihrer personalen Identität in einer Zeitspanne ihres Lebens bewerkstelligen, in der von ihnen zugleich soziokulturelle Anpassungs- und sozioökonomische Qualifizierungsleistungen verlangt werden“ (Hurrelmann, 1997, S. 193). In diesen Veränderungsprozessen werden den beiden Entwicklungskontexten Elternhaus und Gleichaltrigengruppe besonders wichtige Bedeutungen und Aufgaben zugemessen. Das Proseminar befasste sich vor allem mit der Entwicklung von Bindungssicherheit, der Vorhersage von Beziehungsfähigkeit, sowie dem prosozialen Verhalten und ging weiter der Frage nach, wie bindungs- und beziehungsförderndes Elternverhalten aussieht und inwiefern die Gruppe von Gleichaltrigen am Aufbau der persönlichen Kompetenzen beteiligt ist.

Durch den gemeinsamen beruflichen Kontext und das besuchte Proseminar gelangten die Autoren schlussendlich zum Thema der Seminararbeit. Betrachtet wird der Entwicklungskontext Elternhaus in Bezug auf die wahrzunehmenden Aufgaben. Aus pädagogischer Sicht muss ein Individuum im Verlauf seines Lebens verschiedene Entwicklungsaufgaben bewältigen. Der Familie fallen daher besonders wichtige Funktionen zu, bewusst oder auch unbewusst, sie werden ganz unterschiedlich wahrgenommen. Dabei interessiert in diesem Fall besonders das Kommunikationsverhalten in der Familie, insbesondere die Kommunikation zwischen den männlichen Familienmitgliedern.

Im Theorieteil dieser Arbeit wird die Adoleszenz als Lebensphase betrachtet und es werden die vielseitigen Veränderungen differenziert. Die psychologischen Veränderungen werden als besonders relevant betrachtet. Zur Identitätsentwicklung gehören die zu bewältigenden Entwicklungsaufgaben, die Individuation mit dem Ziel der Selbstwerdung und die Beziehung zu Gleichaltrigen die, im Gegensatz zu den Eltern, eine andere wichtige Funktion wahrnehmen. Aber nicht nur die Jugendlichen stehen vor einer Veränderung, auch die Eltern-Kind-Beziehung entwickelt sich dementsprechend. Die gewohnte asymmetrische Eltern-Kind-Beziehung gleicht sich immer mehr einem symmetrischen, gleichwertigen Verhältnis an. Die Interaktion zwischen Eltern und Kind sind ein Indikator für die Beschaffenheit der Eltern-Kind-Beziehung. So lässt sich die Symmetrie in der Beziehung auch im Kommunikationsverhalten erkennen. Das Gespräch wird zu einem wichtigen Instrument zur Umsetzung der Entwicklungsaufgaben. Betrachtet werden verschiedene Aspekte in der Eltern-Kind-Kommunikation, vorwiegend die Kommunikation zwischen Vater und Sohn.

2. Fragestellung

Das Kommunikationsverhalten von Jugendlichen in der Frühphase der Adoleszenz ist Thema dieser Arbeit. Diese weit gefasste Thematik erfährt eine Einschränkung, in dem vorwiegend die familieninterne Kommunikation betrachtet wird. Fokussiert wird dabei die Kommunikation der männlichen Familienmitglieder. Es werden Aussagen zur Kommunikation von Vater und Sohn erarbeitet. Als Vergleichsgrösse dient einerseits die Kommunikation zwischen Mutter und Sohn, andererseits die Kommunikation zwischen Vater und Tochter. Die Untersuchungen lassen sich folglich auf zwei Ebenen ansiedeln. Im Zentrum der Untersuchungen 1. Ordnung stehen die Söhne. Hier wird die Kommunikation zu den Elternteilen analysiert, also die Kommunikation der Dyade Sohn-Vater mit der Dyade Sohn-Mutter verglichen. Die Untersuchung 2. Ordnung konzentriert sich auf die Väter. Die Dyaden Vater-Sohn und Vater-Tochter werden verglichen. Die übergeordnete Fragestellung lautet demnach:

Welche Merkmale weist die Kommunikation zwischen Vater und Sohn in der Frühphase der Adoleszenz auf?

Diese Fragestellung ist rein deskriptiver Natur. Aus der analytischen Verknüpfung einiger herausgearbeiteter Merkmale erhoffen sich die Autoren jedoch Rückschlüsse auf die Beschaffenheit der Beziehung, respektive auf Teilsaspekte derselben machen zu können. Aufgrund der theoretischen Betrachtungen zur Thematik lassen sich verschiedene Aspekte ausmachen, welche die Kommunikation zwischen Eltern und Kindern prägen. Im Folgenden orientieren wir uns an Youniss (vgl. 1994, S. 109-136), der die Befunde seiner Forschungen wie folgt unterteilt: Gesprächsthemen, Kommunikationsformen, Autorität, Disziplin, Respekt und gegenseitiges Verständnis.

Auf diese Untersuchung bezogen, lassen sich folgende Unterfragen formulieren:

- Quantitativer Aspekt: Wie oft und wann kommunizieren Vater und Sohn?
- Thematischer Aspekt: Welche Themen sind wie oft Gegenstand ihrer Kommunikation?
- Formaler Aspekt: In welcher Form verlaufen die Gespräche? Welche Rollen nehmen die Beteiligten darin ein?

Abschliessend wird versucht, diese Ergebnisse deskriptiver Art als Indikatoren für die Beschaffenheit der Beziehung zwischen Vätern und Söhnen heranzuziehen. Die Arbeit weist in diesem Abschnitt jedoch eher explorativen Charakter auf.

3. Methode

3.1. Auswahlverfahren

Aus forschungsökonomischen Gründen wurde der Objektbereich dieser Arbeit sehr stark eingeschränkt. Die Menge von Objekten, für die Aussagen der Untersuchung gelten (vgl. Schnell, Hill und Esser, 1999, S. 247) wird folgendermassen definiert:

Alle Schülerinnen und Schüler, die zum Zeitpunkt der Befragung im Oberstufenschulhaus Halde in Opfikon-Glattbrugg, Kanton Zürich, die erste Klasse der Sekundarstufe A oder B besuchten.

Der Objektbereich wurde vollständig erhoben, wobei zwischen der angestrebten Grundgesamtheit und der Auswahlgesamtheit, den zum Zeitpunkt der jeweiligen Befragung tatsächlich vor Ort anwesenden Schülerinnen und Schüler, unterschieden werden muss. Es erschien den Verfassern logisch, den Objektbereich innerhalb einer Gemeinde anzusiedeln. Eine für die Schweiz repräsentative Stichprobe zu ziehen, hätte den Rahmen gesprengt. Die Aussagekraft dieser Arbeit endet denn auch an der definierten Grenze des Objektbereichs. Entsprechend gelten die Ergebnisse nicht als repräsentativ. Die Verfasser trachteten danach, den Objektbereich, der mit dem Sample identisch ist, möglichst homogen zu halten, um die Zulässigkeit von Vergleichen innerhalb des Samples zu gewährleisten. Anhand von drei Kriterien wurde die Auswahl des Objektbereichs getroffen und damit das Sample bestimmt.

3.1.1. Kriterium Alter

Die befragten Jugendlichen befinden sich in der Frühphase der Adoleszenz, also im Übergang zwischen dem Primarschulalter und dem Eintritt in die Oberstufe. Mehr als die Hälfte der Jugendlichen (n=76) hat den Jahrgang 1990, wird also in diesem Jahr 14 Jahre alt. Immerhin noch rund 30 Prozent wurden 1991 geboren. Der älteste Schüler hat Jahrgang 1988. Gemäss einer Definition von James Youniss (vgl. 1994, 111) können die Jugendlichen als Früh- bis Mitteladoleszente beschrieben werden. Der Amerikaner positioniert diese Phase in der Zeitachse zwischen dem 13. und 16. Lebensjahr.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1. Altersstruktur der Befragten: Verteilung Jugendliche pro Jahrgang (n=76).

3.1.2. Kriterium Schulbildung

Sämtliche befragten Jugendlichen besuchen derzeit eine 1. Klasse im Oberstufenschulhaus Halden in Opfikon-Glattbrugg. Adoleszente aus dem Einzugsgebiet dieser Schulanlage, die derzeit eine Kantonsschule oder eine Oberstufenklasse des Typus C besuchen, fanden keine Berücksichtigung. Es wäre sehr aufwändig gewesen, die Kantonsschulen in der Agglomeration Zürich nach Jugendlichen aus Opfikon-Glattbrugg zu durchleuchten. Die Beschränkung auf das Sekundarschulniveau kann zudem mit den Bemühungen, ein möglichst homogenes Sample zu erreichen, begründet werden.

3.1.3. Kriterium soziale Struktur

Die Jugendlichen wurden zum einen gebeten, Angaben zu den beruflichen Tätigkeiten ihrer Eltern zu machen, zum anderen den gelernten Beruf von Vater und Mutter anzugeben. Die Beantwortung dieser Fragen bereitete einige Schwierigkeiten. Die Verfasser hatten gehofft, den gelernten Beruf der Eltern als Indikator für den sozialen Status benutzen zu können. Tatsächlich konnten viele Befragten jedoch keine Angaben über die Berufsausbildung ihrer Eltern machen. Auch auf die Frage, ob die Eltern in ihrer beruflichen Tätigkeit eine Führungsstellung einnehmen, konnte ein grosser Teil der Jugendlichen keine Antwort geben. Ob das Sample also auch punkto sozialer Struktur homogen beschaffen ist, kann aufgrund dieser Untersuchung nicht beurteilt werden. Tendenziell kann jedoch die Arbeitszeit der Eltern als Indikator herbeigezogen werden. Zahlreiche Jugendliche fügten hierzu an, dass die Arbeitszeiten der Eltern stark variieren. Zudem fiel es ihnen tendenziell eher schwer, die Arbeitszeit der Eltern überhaupt beziffern zu können. Im Durchschnitt arbeiten die Väter der Befragten 5.06 Tage in der Woche. 88% der Väter (n=71) arbeiten gemäss ihren Söhnen und Töchtern an fünf oder sechs Tagen in der Woche. Stattliche 8.5% der Väter sind zum Zeitpunkt der Untersuchung ohne Arbeit. Jedoch kann aus diesen Angaben nicht unmittelbar auf Arbeitslosigkeit des Vaters geschlossen werden. Einige Jugendliche gaben an, der Vater habe bereits das Pensionsalter erreicht, die Väter von anderen Jugendlichen sind bereits tot, ein Jugendlicher gab an, dass der Vater im Gefängnis sitze. Was die Arbeitszeiten der Mütter (n=74) betrifft, weisen diese eine hohe Varianz auf. Während rund 28% der Mütter nicht ausserhalb des Hauses erwerbstätig ist, arbeitet etwa ein Viertel während 5 Tagen in der Woche.

Neben diesen objektiven Kriterien spielten die persönlichen Umfelder der Verfasser eine gewichtige Rolle. Piero Raselli unterrichtet an der Sekundarstufe in Opfikon-Glattbrugg und verfügt deswegen über gute Beziehungen zu dieser Schule.

3.2. Konstruktion des Fragebogens

Der verwendete Fragebogen basiert zu grossen Teilen auf verschiedenen, in der Anwendung erprobten Instrumenten. Dieser Rückgriff auf bewährte Fragebogen erleichterte die Arbeit in beträchtlichem Masse, konnten sich die Autoren doch die Erarbeitung des theoretischen Hintergrundes sowie des Forschungskontextes ersparen. Nachstehend werden die Quellen der einzelnen Fragen kurz erläutert.

1. Haushalt & Wohnen

Die Frage erfasst das familiale Umfeld. Die Frage nach den im Haushalt der Befragten lebenden Personen stammt aus dem Querschnittsfragebogen „Junge Erwachsene 1996“ des EMND-Institut Bielefeld (vgl. Silbereisen, Zinnecker, Vascovics, 1986). Die Autoren dieser Arbeit beschränkten im Gegensatz zum EMND-Institut die möglichen Personen auf Eltern und Geschwister.

2. Arbeitstätigkeit der Eltern

Fragen nach der zeitlichen Quantifizierung von Gesprächen mit den Eltern machen vor allem dann Sinn, wenn der Lebenskontext berücksichtigt wird. Die Berufstätigkeit der Eltern beeinflusst die Möglichkeit, miteinander ins Gespräch zu kommen in starker Weise. Es erscheint logisch, dass ein nicht erwerbstätig arbeitender Elternteil mehr Zeit für Gespräche mit dem Kind aufbringen kann, als ein Elternteil, der aus beruflichen Gründen selten zu Hause ist. In der Qualifikation der Beziehung, wo die Gesprächsdauer einen Faktor darstellt, gilt es, diese Voraussetzungen zu berücksichtigen. In dieser Frage wurde die Arbeitstätigkeit beider Elternteile getrennt erfasst. Hier zeigte sich eine Schwierigkeit. Viele Befragte gaben an, dass die Eltern unregelmässige Arbeitszeiten aufweisen, etwa weil sie als Taxifahrer tätig sind. Diese Jugendlichen bekundeten Mühe, die Arbeitszeit ihrer Eltern auf Tage/Nächte pro Woche zu summieren.

3. Gesprächsthemen

Der gesamte Fragenkomplex wurde von Fend und Prester (1986) übernommen. Die Skala weist neben dem thematischen Aspekt (Schule, Religion etc.) auch einen quantitativen Aspekt auf, in dem die Häufigkeit der Gespräche erhoben wird. Allerdings wurden die Themen Liebe (Liebesbeziehung, Freundin, Freund), Sexualität und Verhütung sowie die Drogenthematik hinzugefügt.

4. Zeit für Gespräche

Neben der Quantifizierung der Gesprächszeit anhand der Gespräche einzelner Themen, wurde die Gesprächszeit insgesamt erhoben, anhand eines ‚normalen’, also durchschnittlichen Werktages sowie anhand eines ‚normalen’ Sonntages.

5. Wichtigste Ansprechperson

Die Studie Lebensverläufe (Fend, Georg, Berger, Grob, Lauterbach, 2002) lieferte die Idee, wie die erste oder wichtigste Ansprechperson eruiert werden könnte. Im Gegensatz zur vorliegenden Studie fragt das Team um Fend und Georg jedoch nach den zwei ersten Ansprechpersonen im Problemfall.

6. Gute Freundinnen / gute Freunde

In diesem Fragenkomplex ging es darum, das Umfeld der Peers der Befragten näher einzuschätzen, eine grobe Ahnung vom Netzwerk der Gleichaltrigen der Befragten zu erhalten. Sowohl Fend, Georg, Berger, Grob, Lauterbach (2002) wie auch Fend und Prester (1986) verwenden dieses Fragenkonstrukt. Es wurde für diese Untersuchung leicht modifiziert.

7. Häufigkeit von Streit

Streitigkeiten sind den Kommunikationsprozessen zuzuordnen. Wie in den theoretischen Ausführungen beschrieben wird, haben Streitigkeiten in der Phase der Adoleszenz einen besonderen Stellenwert. Die Frage nach der Häufigkeit von Streit wurde mit derselben Skala wie die Fragen nach den Gesprächsthemen erhoben.

8. Regeln und Rechte

Das gesamt Konstrukt basiert auf Fend und Prester (1986). Mit der Skala wird das Autoritätsgefälle zwischen Eltern und Kindern gemessen. Drei Aspekte der Beziehungsform werden gemessen: der Zwang zur Begründung von Ge- und Verboten, Konsequenzen aus dem Ernstnehmen von Gegenpositionen sowie das Akzeptieren der Möglichkeit, dass das Kind bestimmten Fragen eine höhere Kompetenz zur Beurteilung adäquater Verhaltensalternativen ausweist als die Eltern. Dieses Konstrukt versucht also verschiedene Indikatoren einer egalitären Beziehungsform zu messen.

9. Reaktionen auf Streit

Auch dieses Konstrukt ist von Fend und Prester (1986) übernommen. Es misst den elterlichen Machtanspruch über das Kind, in dem es unterschiedliche psychologische und verhaltensmässige Kontroll- und Sanktionsformen misst.

10. Emotionale Verbundenheit (Wertschätzung und Intimität)

Das Konstrukt stammt von Fend, Georg, Berger, Grob, Lauterbach (2002). Es wurde für diese Arbeit leicht modifiziert, das heisst, gewisse Aspekte wurden weggelassen. Das Konstrukt erlaubt die im Zusammenhang mit dieser Arbeit wichtige Differenzierung zwischen den beiden Elternteilen.

11. Beziehung

Anlehnend an den Fragenkomplex 10 wurde diese bilanzierende Frage eingefügt.

12. Du / 13. Beruf der Eltern

Die Fragen erfassen Grunddaten zu den Befragten Personen sowie dem sozialen Umfeld.

3.3. Datenerhebung

Ein zentrales Anliegen der Durchführung dieser empirischen Seminararbeit ist die Handhabung eines Daten-Erhebungsnistrumentes. Aufgrund der Fragestellung ergab sich die Wahl der schriftlichen Befragung. Die Fragebogen wurden unter Aufsicht der Verfasser schriftlich ausgefüllt, die Befragten hatten also immer die Möglichkeit, Unklarheiten von den Befragern beseitigen zu lassen. Die Interviewsituation kann als stark strukturiert bezeichnet werden. Es wurden vorwiegend geschlossene Fragen gestellt. Dabei fanden gemäss der Typologie von Schnell, Hill und Esser (vgl. 1999, S. 308) vorwiegend Fragen mit Alternativenvorgabe und solche mit Mehrfachangabe und Rangordnung Berücksichtigung. Die wenigen, offen gehaltenen Fragen betrafen Angaben zum familiären Umfeld der Befragten, namentlich die Berufsbildung von Vater und Mutter sowie die Nennung der im Familienkreis verwendeten Sprachen. In der Befragung waren hauptsächlich Informationen zum Verhalten der Befragten (z.B.: „Wenn Du mit Deinem Vater (Stiefvater/Pflegevater) zusammen bist, wie oft sprecht ihr untereinander über Sport?“) von Interesse. Bei den Antwortmöglichkeiten wurden Skalen verwendet, die sich einerseits auf die Angabe von Häufigkeiten (z.B. „fast täglich, mehrmals in der Woche, mehrmals im Monat, so gut wie nie“) und andererseits auf Bewertungen (z.B. stimmt völlig, stimmt ziemlich, teils, teils, stimmt wenig, stimmt gar nicht) bezogen.

In die Vorbereitungsarbeiten mit einbezogen wurde die Leitung der Schule Opfikon-Glattbrugg. Sie wurde über die Untersuchungsziele sowie das geplante Vorgehen informiert und zeigte sich in jeder Phase sehr kooperativ. Nachdem der Fragebogen von der Schulleitung genehmigt worden war, wurde die Information an die Lehrpersonen und schliesslich an die Schülerinnen und Schüler weitergeleitet. In der Periode von Ende November bis zum Beginn der Weihnachtsferien 2003 fand die eigentliche Befragung statt. Sie wurde von den Verfassern durchgeführt. Die Durchführung fand während des regulären Unterrichts im Klassenzimmer statt. Jede Befragung wurde nach demselben Schema durchgeführt. Zuerst wurden die Jugendlichen über die Ziele der Untersuchung informiert, danach erhielten sie den Fragebogen. Anschliessend wurden zwei Fragen mit den Schülerinnen und Schülern gemeinsam beantwortet. Schliesslich machten sich die Jugendlichen alleine an die Beantwortung der Fragen. Die beiden Verfasser standen für die Beantwortung von Fragen zur Verfügung. Nach einer Kontrolle, ob sämtliche Fragen beantwortet worden waren, wurde der Fragebogen individuell eingezogen. Die Durchführung der Befragung dauerte jeweils zwischen 25 und 50 Minuten. Die Datenauswertung wurde mithilfe des Statistikprogramms SPSS vorgenommen.

3.4. Probleme

Schülerinnen und Schüler des Leistungsniveaus B bekundeten grössere Probleme bei der Beantwortung der Fragen als Schülerinnen und Schüler des Leistungsniveaus A. Schwierigkeiten bereitete der Fragenkomplex vier, in dem es um eine zeitliche Einschätzung der Gesprächsdauer mit Vater und Mutter pro Tag geht. Hier war häufig nicht klar, aufgrund welcher Kriterien eine Unterhaltung als Gespräch zu werten und damit in die Berechnung der Gesprächsdauer einzubeziehen war. Probleme stellten sich auch in der Fragenbatterie „Regeln und Rechte“. Besonders die erste Frage dieses Blocks rief einige Verständnisschwierigkeiten hervor: „Meine Mutter (Stiefmutter/Pflegemutter) respektive mein Vater (Stiefvater/Pflegevater) geben meistens nach, wenn sie einsehen, dass ich Recht habe.“ Es war für die Jugendlichen nicht ersichtlich, ob nach dem Grad der Zustimmung der Eltern oder nach der Häufigkeit des Vorkommens der beschriebenen Situation gefragt war. Unklarheiten gab es schliesslich auch in der Deutung der Umschreibung „nehmen Rücksicht auf mich und erwarten das Gleiche von mir.“

Grundsätzlich alle Befragten bekundeten Mühe, die Angaben zur Kommunikation mit dem Vater, der Mutter und schliesslich mit beiden Elternteilen gemeinsam voneinander zu unterscheiden. Die Verfasser vermuten daher, dass einzelne Fragen für alle drei Gruppen gemeinsam ausgefüllt wurden, dass also die Angabe zum Vater eingeschätzt und danach derselbe Wert auf die Felder „Mutter“ sowie „beide Eltern“ übertragen wurde. Diese Vermutungen sind allerdings rein spekulativer Art.

Insgesamt arbeiteten die Jugendlichen konzentriert und motiviert. Die Umgebung der Befragung, die relativ engen Klassenzimmer, begünstigte eine gewisse Verzerrung der Antworten, in Richtung Abgabe sozial erwünschter Antworten (Schnell, Hill und Esser, 1999, S. 332). Die Probanden besprachen ihnen unklar erscheinende Fragen oft mit dem Pultnachbarn, zudem lieferten die Fragen naturgemäss Stoff für persönliche Gespräche. Folgt man der Argumentation von Schnell, Hill und Esser, kann davon ausgegangen werden, dass vor allem Testpersonen mit einem geringen Selbstvertrauen ihre Antworten denjenigen ihrer Nachbarn angepasst haben, da auf Grund der räumlichen Nähe jeder Fragebogen permanent einsehbar war. Auf eine Messung dieser verzerrenden Effekte wurde jedoch verzichtet.

Die Anzahl ungültiger Antworten, die Ausfälle blieben insgesamt sehr gering. Dennoch erschwerte die schmale Basis der quantitativen Daten dieser Untersuchungseinheit eine qualitativ ausreichende Auswertung. Es gilt hier vor Augen zu halten, dass bloss 37 junge Frauen und 40 junge Männer befragt wurden. Es ging in dieser Arbeit jedoch auch darum, Verfahren der quantitativen Datenauswertung zu üben, so wurden die Ergebnisse der Befragung interpretiert, auch wenn diese auf einer schmalen Datenbasis beruhten. Im Vergleich der verschiedenen Stichproben hinsichtlich ihrer Mittelwerte wurden keine statistischen Tests angewandt, da die Effektgrössen, die Mittelwertunterschiede derart gering ausfielen. Praktisch jeder in dieser Arbeit gemachten Aussage kann demnach fehlende Signifikanz vorgeworfen werden.

Bilanzierend können zwei Aspekte festgehalten werden. Der Schwierigkeitsgrad der zu beantwortenden Fragen lag an der oberen Leistungsgrenze der Jugendlichen. Dies trifft vor allem auf die Fragenbatterien „8. Regeln und Rechte“ sowie „9. Reaktionen auf Streit“ zu. Der zweite Aspekt betrifft den Fragenkomplex „Gesprächsthemen“. In einer Replikation würden die Verfasser darauf tendieren, die Kategorie „mit beiden Eltern“ wegzulassen. Nur schon die Einschätzung der Kommunikation mit dem Vater von derjenigen mit der Mutter zu unterscheiden, fordert die Abstraktionsfähigkeit der Probanden in beträchtlichem Masse heraus.

4. Theoretische Überlegungen

4.1. Die „Adoleszenz“ als Lebensphase

Die Lebensphase Adoleszenz ist für den Menschen eine bedeutungsvolle Zeitspanne wichtiger Veränderungen und erstreckt sich insgesamt über einen Zeitraum von ca. 10 Jahren (vgl. Oerter und Montada, 1998, S. 312). In diesem Lebensabschnitt durchläuft der Adoleszente verschiedenste Entwicklungsprozesse und bewältigt diverse Entwicklungsaufgaben. Besonders einschneidend sind die physiologisch-biologischen Veränderungen mit dem Ziel der Geschlechtsreife (vgl. Baacke, 1993, S. 36). Mit diesen Erfahrungen im Hintergrund löst sich der Adoleszente langsam von seinem Elternhaus und entwickelt sich allmählich zum Erwachsenen. Wobei gerade diese Erfahrungen sehr individuell ausgestaltet sind und höchstens als Richtwert dienen. In dieser Übergangsperiode betrachten wir das Individuum nicht mehr als Kind mit seinen spezifischen kindlichen Verhaltensweisen, aber auch noch nicht ganz als erwachsene Person (vgl. Oerter und Montada, 1998, S. 310).

Adoleszenz wird je nach fachlicher Disziplin und Perspektive unterschiedlich definiert. Als ungefährer Rahmen sieht Dieter Baacke (1993) das Zeitfenster von 13-18 Jahren. Er setzt den Beginn auf das Alter von 13 Jahren, weil dann der „puberale Wachstumsschub“ einsetzt und sieht den Prozess mit 18 Jahren beendet, weil dann „die physiologisch-geschlechtliche Entwicklung“ (vgl. Baacke, 1993, S. 36) abgeschlossen ist.

Im folgenden Abschnitt betrachten wir die „terminologische und zeitliche Strukturierung der Lebensphase ‚Jugend’“ nach Oerter und Montada (1998, S. 312) und vergleichen sie mit jener von Helmut Fend (2000), welcher sich bei der Feinstrukturierung an dem psychoanalytisch basierten Modell von Peter Blos (1985; zitiert nach Fend, 2000, S. 90) orientiert.

Oerter und Montada (1998) periodisieren diese „Übergangszone“ Adoleszenz in drei Phasen: die „Transeszenz“, die „Frühe Adoleszenz“ und die „Späte Adoleszenz“ (S. 312). Die „Frühe Adoleszenz“ erstreckt sich vom 14. bis zum 18. Lebensjahr, die „Späte Adoleszenz“ vom 18. – 21. Lebensjahr. In der „Transeszenz“ (zwischen dem 11. und 14. Lebensjahr) beginnt die Reifung der Geschlechtsmerkmale. Sie ist die eigentliche Pubertät. Gesamthaft erstreckt sich die Adoleszenz vom 11. bis zum 21. Lebensjahr, im Gegensatz zum Wortgebrauch „Jugendalter“, welches vom 11. bis zum 18. Lebensjahr reicht und die „Späte Adoleszenz“ ausschliesst (vgl. Oerter und Montada, 1998, S. 312).

Fend (vgl. 2000) betont bei der Differenzierung der „Adoleszenz“ die stufenweise Abfolge der Entwicklung, wobei sich die Stufen der Entwicklung ihrerseits wieder gesetzmässig aufeinander beziehen, wobei die eine systematisch aus der anderen hervor geht (S. 90ff.).

Die „Präadoleszenz“ setzt Fend beim 10. bis 12. Lebensalter an. Sie löst die späte Kindheit oder auch „Latenzzeit“ ab. Im Gegensatz zu Oerter und Montada setzt Fend die „Frühadoleszenz“ ein Jahr früher an. Die „Mittlere Adoleszenz“ – die „eigentliche Adoleszenz“ – entspricht der „Frühen Adoleszenz“ von Oerter und Montada (1998, S. 312) und dauert nach Fend vom 15. bis zum 17. Lebensjahr. Die „Spätadoleszenz“ (zwischen 18 und 20) wird von der „Postadoleszenz“ (von 21 – 25) abgelöst.

Warum fasst man die Jugendlichen dieser Altersspanne zusammen? Auch wenn die einzelnen Entwicklungsabläufe vom zeitlichen Rahmen her sehr individuell sind, durchleben alle Kinder die damit verbundenen Veränderungen (vgl. Kap. 4.2 dieser Arbeit).

Auf Grund der unterschiedlichen Definitionsmöglichkeiten der Lebensphase Adoleszenz, erlauben sich die Autoren in der vorliegenden Arbeit die Begriffe Adoleszente, Jugendliche oder Heranwachsende zu verwenden.

4.2. Die Zeiten der Veränderungen

Welche Einteilung des Jugendalters man auch wählt, die physiologisch-biologischen Veränderungen erstrecken sich ungefähr über die Altersspanne von 13 bis 18 Jahren und können optisch wahrgenommen werden (vgl. Baacke 1993, S. 36). Weitere Veränderungen intellektueller und psychischer Natur begleiten die körperlichen Veränderungen und beeinflussen das Individuum auch in sozialer Hinsicht.

Obwohl die Autoren im Folgenden die komplexen Veränderungsprozesse der Veranschaulichung halber getrennt beschreiben, sollte man diese nicht isoliert betrachten, sondern im Zusammenhang einer komplexen und individuellen Gesamtentwicklung sehen (vgl. Oerter und Montada 1998, S. 330).

4.2.1. Physiologisch-biologische Veränderungen

Wir beschreiben die wichtigsten körperlichen Veränderungen im Zeitraum zwischen dem 13. und dem 18. Lebensjahr oder anders gesagt, zwischen den Anfängen der biologischen Veränderungen[1] und der „vollen biologischen Reproduktionsreife“ (Fend 2000, S. 102) mit der Beendung des eigentlichen Körperwachstums. Biologen nennen diese Phase „Pubertät“[2].

Die wichtigsten Veränderungen: In der Pubertät findet eine hormonale Umstimmung statt, welche die Ausbildung der sekundären Geschlechtsmerkmale und einen körperlichen Wachstumsschub auslöst: Dem Jungen wachsen Schamhaare, Achselhaare und Barthaare. Der Kehlkopf wird grösser, die Stimmbänder werden länger und die Stimme wird während des Stimmbruchs tiefer. Die Jungen haben normalerweise eine kräftigere Muskulatur als die Mädchen. Ähnlich wie bei den Jungen wachsen den Mädchen – bei ihnen beginnt der „Pubertätswachstumsschub“[3] im Durchschnitt zwei Jahre früher als beim Jungen (vgl. Fend, 2000, S. 103) – ebenfalls Schamhaare und Achselhaare (vgl. Bauer, 1993, S. 28-29). Ein Wachstum erfahren auch die Brüste. Die primären Geschlechtsmerkmale Penis und Hoden bzw. Gebärmutter erfahren eine „sexuelle Reifung im Sinne der Menarche[4] und Spermarche[5] “ (Fend, 2000, S. 102).

Was bedeuten nun diese körperlichen Veränderungen für die Heranwachsenden? „In der Summe bedeuten sie, dass der Mensch in dieser Lebensphase quasi in einen neuen Körper hineinwächst. Ihn ‚bewohnen’ zu lernen wird zu einer zentralen Entwicklungsaufgabe“ (Fend, 2000, S. 102).

Nebst den körperlichen Veränderungen interessieren uns auch die psychologischen Veränderungen. Die Adoleszenz sei eine Phase, bei der „die Grenze der Kindheit“ überschritten werde und beim Adoleszenten „eine Wendung von aussen nach innen“ stattfinde (vgl. Stern, 1925, S. 29). William Stern (1871-1896) gehört zu den Klassikern der Jugendpsychologie und war Vertreter einer „personalistischen Psychologie“. Wichtig war für ihn, dass man die Psychologie von den Naturwissenschaften klar abgrenzt (vgl. Fend 2000, 75). In „Grundlinien des jugendlichen Seelenbildes“ – 1925 erschienen – beschreibt er „die Pubertät als Zeit der Entdeckung“ und stützt sich dabei auf Tagebuchanalysen (vgl. Stern, 1925, S.29). Er skizziert die wesentlichen psychologischen Veränderungen dieser Phase und sieht die Pubertät, wie die meisten Klassiker der Jugendpsychologie des 20. Jahrhunderts, als eine tendenziell krisenhafte Zeit, in der sich Jugendliche mit einer Minderung des Selbstwerts konfrontiert sehen. Zu dieser Erkenntnis kam auch die Psychoanalyse unter dem Gründungsvater Sigmund Freud (vgl. Fend, 2000, S. 74).

Beide Theorien gehen von „... psychologischen Modellen und hoch systematisierten Konzeptionen der psychischen Funktionsweise und der Struktur der Persönlichkeit …“ aus (Fend, 2000, S. 74).

Wir gehen nicht detailliert auf die psychoanalytische Theorie ein, konfrontieren sie jedoch mit neuen Ergebnissen empirischer Untersuchungen. Sie relativieren die These, die Adoleszenz als eine Zeit zu betrachten, in der der Selbstwert eines Jugendlichen Einbrüche erleidet.

4.2.2. Psychologische Veränderungen

Nach Fend (2000) hat Stern „… die grösste theoretische Kraft entwickelt, und die Kernprozesse der Jugendphase so klar dargestellt, dass sie wie eine Zusammenfassung der reichen Illustrationen von Bühler und Spranger anmuten“ (S. 74). Im Folgenden fassen wir Sterns (vgl. 1925) wichtigste Gedanken über die Pubertät als Zeit der Entdeckung“ zusammen (S. 28):

Mit dem Beginn der körperlichen Entwicklung „… entfalte sich vor dem jungen Menschen eine zweite Welt neben jener ihm so vertrauten Aussenwelt“ (a.a.O., S. 29). Die Gründe für psychische Veränderungen, beispielsweise Stimmungsschwankungen, sind nicht immer erklärbar. Der Jugendliche orientiert sich vermehrt am Subjektiven. Freundschaftliche Gespräche, sowie das Bedürfnis seine Gefühle zu äussern (z.B. in einem Tagebuch) nehmen zu. In einer „Selbstanalyse“, Stern (1925) nennt sie „Ich-Findung“ (S. 30), wird sich der Jugendliche klar, was er will. Alles Subjektive, von Innen kommende ist bedeutend und gibt Antworten auf die Lebenssinnfrage.

Nach Stern (vgl. 1925) wird der „Subjektivismus“ vom „Individualismus“ (S. 33-34) abgelöst. In dieser Phase versucht sich der Jugendliche durch „Ich-Betonung“ von anderen Persönlichkeiten abzugrenzen, um sich als eigenständig zu erfahren. Vor diesem Hintergrund beginnt sich der Jugendliche gegen „Gleichmacherei“ und Traditionen zu wehren und geht in die Opposition. In der Phase des „Intellektualismus“ sucht der Jugendliche durch ein allgemein kritisches Verhalten, selber Antworten auf Fragen zu finden. Wenn es aber um die eigenen „Triebkräfte“ geht, „…ist der Jugendliche Intellektualist blind“ (a.a.O., S. 33). Stern (vgl. 1925) geht ähnlich wie Sigmund Freud davon aus, dass unsere Gedanken nur einen Bruchteil unseres wirklichen „Ichs“ sind (S. 34). „Denn der Wesenskern einer Persönlichkeit projiziert sich nur immer bruchstückweise in das eigene Bewusstsein; zu einem anderen Teil sind die Inhalte des Ich-Bewusstseins weniger Spiegelungen als Vorspiegelungen des wirklichen Ich“ (ebd.). Solche „Ich-Täuschungen“ zeigen sich gerade in der Reifezeit und sind Zeichen „innere[r] Unfertigkeit und Unsicherheit“ (ebd.). Sie treten in den beiden Hauptformen der „…unechten Selbstminderung und in der Kraftprobe“ (ebd.) auf.

Die Pubertät als eine Zeit der Selbstvorwürfe mindert den Jugendlichen in seinem Selbstwert. Mit Hilfe der erwähnten Ich-Betonung wirkt der Jugendliche diesen negativen Gefühlen, die auch als persönliche Abgrenzung dienen, entgegen und vergrössert somit den Abstand zur Kindheit. Der Jugendliche will von den Erwachsenen ernst genommen werden und seine persönlichen Erfahrungen („Ich-Entdeckung“) überprüfen, indem er sich mit anderen Jugendlichen vergleicht (vgl. a.a.O., S. 36). Das löst oft eine seelische Zwiespältigkeit aus. Der „weltanschauliche Trieb“ zeigt das Bedürfnis der Sinnsuche und entwickelt sich gegen Ende der Kindheit. Gefundene Ideale werden entweder abgelehnt oder verabsolutisiert. Der intolerante Jugendliche neigt zum „Radikalismus“ (vgl. a.a.O., S.38).

Mit der „Introzeption“ überwindet der Jugendliche die Unvereintheit zwischen der „Ver-Ichung“ und der „Ent-Ichung“ (vgl. a.a.O., S. 39). „Die Entwicklung dieser Epoche unterliegt dem grossen Strukturprinzip des Hervortretens, Auseinandertretens, und Zueinanderstrebens der Ich-Wertspähre und der objektiven Wertspähren“ (ebd.). In der „Phasenerstarrung“ oder dem „Puberialismus“, auch Durchgangszeit genannt, versucht der Jugendliche eine Identität aufzubauen, obwohl er nur über geringe Kenntnisse und Fertigkeiten verfügt (vgl. a.a.O., S.40). In einer Phase des Probierens decken sich Wunschvorstellung und Realität selten. Dies führt zu Misserfolgen, die auf den Jugendlichen zurückwirken und sich als Verdrängungen[6] zeigen können. Ein „bequemer Realismus“ verbunden mit negativen Emotionen wie „Pessimismus“ und „Weltschmerz“ ist die Folge daraus (vgl. a.a.O., S.41). Nach Stern (vgl. ebd.) bleibt in der Pubertät kaum ein Jugendlicher von negativen Gefühlszuständen verschont. Es gibt jedoch grosse individuelle Unterschiede in deren Intensität.

[...]


[1] Allg. Körperwachstum, „Gestaltwandel und die Vorboten der Entstehung der Sexualreife“ (vgl. Fend 2000, S. 102).

[2] Pubertät ist die Bezeichnung für die biologischen Merkmale (vgl. Fend 2000, 102).

[3] „Die Reihenfolge des Pubertätswachstumsschubes ist festgelegt“ (Fend 2000, 104).

[4] Ab der ersten Menstruation ist eine Frau fähig Kinder zu bekommen.

[5] Der Heranwachsende ist zeugungsfähig.

[6] Peter Schneider (1999, S. 154) beschreibt diesen Begriff in einer Biographie über Sigmund Freud als „ein dem Subjekt selbst unbewusster Prozess, durch den Vorstellungen vom Bewusstsein ausgeschlossen werden.“

Ende der Leseprobe aus 70 Seiten

Details

Titel
Väter und Söhne
Untertitel
Kommunikation mit Adoleszenten in der Frühphase
Hochschule
Universität Zürich  (Pädagogisches)
Note
sehr gut
Autoren
Jahr
2004
Seiten
70
Katalognummer
V90454
ISBN (eBook)
9783638051293
ISBN (Buch)
9783640099139
Dateigröße
785 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Väter, Söhne
Arbeit zitieren
lic. phil. Piero Raselli (Autor)Mathias Küchler (Autor), 2004, Väter und Söhne, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/90454

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