Nach Geers (1999) wird durch die computervermittelte Kommunikation1 „die gesamte Natur der menschlichen Kommunikation verändert [...]“ (Geers 1999: 84) und Androutsopulos/Ziegler (2003) meinen, dass sie „neue Kommunikationspraktiken und Muster des Sprachgebrauchs ermöglicht, die einen entscheidenden Einfluss auf Sprachwandel haben können.“ (Androutsopoulos/Ziegler 2003: 1) Insgesamt kann demnach angenommen werden, dass die CvK der gegenwärtigen Tendenz entsprechend weiter an Bedeutung gewinnen wird.
Eine der beliebtesten Formen CvK ist der Chat. (Vgl. Runkehl et al. 1998: 73) Aus dieser Formulierung sollte aber nicht geschlossen werden, dass es „den Chat“ als solchen gibt.
Runkehl et al. (1998) meint hierzu:
„Es zeigt sich […], daß es sehr unterschiedliche Chats gibt und das Pauschalaussagen über das Chatten, wie man sie allzu häufig findet, problematisch sind.“ (Runkehl et al. 1998: 81)
Technisch gesehen bestehen drei Chat-Möglichkeiten, die in Kapitel 2 dargestellt werden sollen.
In der linguistischen Forschung, besonders in der Konversationsanalyse, sind mittlerweile einige Arbeiten zu finden, die sich aber zumeist nur mit sprachlichen Phänomenen im Chat beschäftigen. Nach Beißwenger/Storrer (2005) wird dabei jedoch vernachlässigt, dass der Chat eine Kommunikationstechnologie darstellt, die in zahlreichen verschiedenen Bereichen Anwendung findet. (Siehe 2.1) Die untersuchten Chats liegen zumeist ausschließlich im informellen Bereich und können als „Plauderchats“ bezeichnet werden. (Vgl. Beißwenger/Storrer 2005: 12)
In Rahmen dieser Arbeit wird untersucht, wie Kommunikationsteilnehmer unter den medialen bzw. technischen Bedingungen unmoderierter Chats die kommunikative Handlung Dissens bewältigen.
Aufgrund des begrenzten Rahmens dieser Arbeit beschränke ich mich auf die Untersuchung unmoderierter Chats, wobei die Ergebnisse zum Teil auch auf moderierte Chats übertragbar sind.
Die Frage ist gesprächsanalytisch interessant, da essenzielle Merkmale von nichtkonsensuellen Gesprächsformen, wie sie z.B. durch Gruber (1996) erläutert werden, im Chat nicht realisierbar sind. Dazu zählen vor allem Phänomene des Sprecherwechsels, wie Unterbrechungen und Überlappungen, aber auch bestimmte Ausdrucksweisen auf para- und nonverbaler Ebene, durch die emotionale Elemente der Kommunikation, denen in nichtkonsensuellen Gesprächsformen eine besondere Bedeutung zukommt, vermittelt werden können.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Chat-Kommunikation
2.1 Technisches und kommunikatives Setting
2.2 Charakteristika der Chat-Kommunikation
2.2.1 Moderierte vs unmoderierte Chats
2.2.2 Sprachliche Besonderheiten der Chat-Kommunikation
3. Schriftlichkeit vs. Mündlichkeit
3.1 Schriftlichkeit vs. Mündlichkeit in der Chat-Kommunikation
4. Konfliktkommunikation
4.1 Dissente Sequenzen und andere nichtkonsensuelle Gesprächsformen
4.2 Inhaltliche Merkmale
4.3 Formale Merkmale
4.4 Zur Rolle von Emotionen in nichtkonsensuellen Gesprächsformen
5. Übertragbarkeit der Organisationsstruktur nicht-konsensueller Gesprächsformen auf die Chat-Kommunikation
5.1 Exemplarische Untersuchung
5.2 Inhaltliche Ebene
5.3 Formale Ebene
5.4 Kompensations- und Substitutionsmöglichkeiten
6. Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Bachelorarbeit untersucht, wie Kommunikationsteilnehmer in unmoderierten Chat-Umgebungen die kommunikative Handlung "Dissens" bewältigen. Im Fokus steht dabei die Frage, inwieweit essenzielle Merkmale nichtkonsensueller Gesprächsformen, wie sie aus der Face-to-Face-Kommunikation bekannt sind, unter den spezifischen medialen und technischen Bedingungen des Chats realisierbar sind oder wie diese durch verbale und semiotische Mittel kompensiert werden.
- Analyse der technischen und kommunikativen Rahmenbedingungen von Chat-Systemen.
- Einordnung der Chat-Kommunikation im Nähe-Distanz-Kontinuum nach Koch/Oesterreicher.
- Untersuchung von Konfliktkommunikation und dissenten Sequenzen (DS).
- Übertragung und Anwendung von Organisationsstrukturen mündlicher Gesprächsformen auf Chat-Protokolle.
- Kompensationsstrategien für fehlende nonverbale Wahrnehmungskanäle bei Konflikten.
Auszug aus dem Buch
4.3 Formale Merkmale
Charakteristische formale Merkmale nichtkonsensueller Gesprächsformen lassen sich vor allem auf der Ebene der Gesprächsorganisation benennen. Hierzu zählen verbale Kämpfe um das Wort, simultane Sprechphasen, Unterbrechungen und Forderungen jemanden Aussprechen zu lassen, aber auch auffällig lange Gesprächspausen. (Vgl. Fiehler 1993:161f; Schwitalla 2001:1379).
Das wichtigste Merkmal zur Kennzeichnung von DS ist der Wechsel in der Präferenzorganisation. Das Verfahren der Präferenzorganisation wird von Interaktanten aktiv dazu benutzt die Kooperation zu maximieren und das Konfliktpotential zu minimieren. (Vgl. Heritage/Atkinson 1984: 55) Dabei wird als Antwort auf den ersten Teil einer Paarsequenz vom Rezipienten diejenige mögliche Antwort bevorzugt, die die geringste Imagebedrohung für den Produzenten bedeutet.20 Diese ist also die präferierte Äußerung. Es treten zwar auch in konsensuellen Gesprächsformen nichtpräferierte Äußerungsteile auf, jedoch werden diese speziell markiert.
Die Kommunikation in DS ist hingegen nicht mehr durch die Ausrichtung auf Kooperation, sondern bewusste Nichtübereinstimmung gekennzeichnet. Daneben scheinen noch weitere Merkmale ausschlaggebend für die Bewertung einer unkooperativen Gesprächsphase als DS zu sein.
Folgende Merkmale kennzeichnen nach Gruber (1996: 60) eine dissente Sequenz:
a) strukturelle Markierungen von Übereinstimmungsäußerungen, Nichtübereinstimmung wird zum präferierten zweiten Teil in Gesprächssequenzen
b) Sprecherwechsel/Turn-taking finden nicht an transition relevant places (TRP's statt, sondern an disagreement relevant places (DRPs)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Relevanz der computervermittelten Kommunikation ein und skizziert das Forschungsziel der Untersuchung von Dissens-Prozessen in unmoderierten Chats.
2. Chat-Kommunikation: Dieses Kapitel definiert den Untersuchungsgegenstand, differenziert zwischen technischen Chat-Formen und beleuchtet sprachliche sowie nichtsprachliche Besonderheiten.
3. Schriftlichkeit vs. Mündlichkeit: Hier wird der Chat anhand des Modells von Koch/Oesterreicher in das Nähe-Distanz-Kontinuum eingeordnet und als konzeptionell mündliche Form charakterisiert.
4. Konfliktkommunikation: Das Kapitel widmet sich theoretischen Grundlagen von Konflikten, insbesondere der "dissenten Sequenz" (DS), deren inhaltlicher und formaler Organisation sowie der Rolle von Emotionen.
5. Übertragbarkeit der Organisationsstruktur nicht-konsensueller Gesprächsformen auf die Chat-Kommunikation: Dieses Hauptkapitel prüft anhand von Chat-Logfiles, wie sich theoretische Konzepte der Konfliktaustragung auf die Chat-Praxis übertragen lassen und welche Kompensationsmechanismen auftreten.
6. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen, wonach zwar eine Übertragbarkeit der DS-Struktur gegeben ist, jedoch die fehlende Nonverbalität und Anonymität die Konfliktbewältigung im Chat maßgeblich beeinflussen.
Schlüsselwörter
Chat-Kommunikation, Computervermittelte Kommunikation, Dissens, Dissente Sequenz, Konfliktkommunikation, Gesprächsorganisation, Präferenzorganisation, Nähe-Distanz-Kontinuum, Emoticons, Sprachwandel, Konversationsanalyse, Chat-Protokolle, Kommunikative Handlung, Interaktion, Responsivität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit analysiert, wie Nutzer in unmoderierten Chats auf Konflikte (Dissens) reagieren und welche sprachlichen oder formalen Muster sie dabei verwenden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Charakteristika der Chat-Kommunikation, die Abgrenzung von Mündlichkeit und Schriftlichkeit sowie die Analyse von Konfliktaustragungsformen (Streit, Argumentation, DS).
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, die Übertragbarkeit gesprächsanalytischer Modelle für nichtkonsensuelle Interaktionen auf das Medium Chat zu untersuchen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer konversationsanalytischen Untersuchung von Chat-Protokollen (Logfiles) aus verschiedenen Chat-Formen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die theoretischen Grundlagen der Konfliktkommunikation erarbeitet und anschließend auf konkrete Chat-Beispiele angewandt, um die Besonderheiten der Konfliktbewältigung im Chat aufzuzeigen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Schlagworte sind Chat-Kommunikation, Dissens, Dissente Sequenz, Konfliktkommunikation und Konversationsanalyse.
Welche Rolle spielen Emotionen in der Konfliktkommunikation im Chat?
Emotionen, wie insbesondere Wut, fungieren als Kontrollsignale und werden im Chat aufgrund fehlender physischer Kanäle oft durch formale Strukturen, Wortwahl oder Sonderzeichen wie Emoticons vermittelt.
Warum lassen sich Konflikte im Chat oft schwerer lösen als im direkten Gespräch?
Konflikte im Chat sind häufig durch eine fehlende "Aushandlungsphase" oder eine niedrige Hemmschwelle zum Kommunikationsabbruch (Ausloggen) geprägt, da nonverbale Rückversicherungssignale schwerer zu deuten oder zu vermitteln sind.
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- Hüseyiin Demir (Author), 2007, Organisation von nichtkonsensuellen Gesprächsformen in unmoderierten Chats, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/90459