Organisation von nichtkonsensuellen Gesprächsformen in unmoderierten Chats


Bachelorarbeit, 2007

259 Seiten, Note: 1.0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Chat-Kommunikation
2.1 Technisches und kommunikatives Setting
2.2 Charakteristika der Chat-Kommunikation
2.2.1 Moderierte vs unmoderierte Chats
2.2.2 Sprachliche Besonderheiten der Chat-Kommunikation

3. Schriftlichkeit vs. Mündlichkeit
3.1 Schriftlichkeit vs. Mündlichkeit in der Chat-Kommunikation

4. Konfliktkommunikation
4.1 Dissente Sequenzen und andere nichtkonsensuelle Gesprächsformen
4.2 Inhaltliche Merkmale
4.3 Formale Merkmale
4.4 Zur Rolle von Emotionen in nichtkonsensuellen Gesprächsformen

5. Übertragbarkeit der Organisationsstruktur nicht-konsensueller Gesprächsformen auf die Chat-Kommunikation
5.1 Exemplarische Untersuchung
5.2 Inhaltliche Ebene
5.3 Formale Ebene
5.4 Kompensations- und Substitutionsmöglichkeiten

6. Fazit
Literatuverzeichnis
Textkorpus

1. Einleitung

Nach Geers (1999) wird durch die computervermittelte Kommunikation1 „die gesamte Natur der mensch-lichen Kommunikation verändert [...]“ (Geers 1999: 84) und Androutsopulos/Ziegler (2003) meinen, dass sie „neue Kommunikationspraktiken und Muster des Sprachgebrauchs ermöglicht, die einen entscheidenden Ein-fluss auf Sprachwandel haben können.“ (Androutsopoulos/Ziegler 2003: 1) Insgesamt kann demnach an-genommen werden, dass die CvK der gegenwärtigen Tendenz entsprechend weiter an Bedeutung ge-winnen wird.

Eine der beliebtesten Formen CvK ist der Chat. (Vgl. Runkehl et al. 1998: 73) Aus dieser Formulie-rung sollte aber nicht geschlossen werden, dass es „den Chat“ als solchen gibt.

Runkehl et al. (1998) meint hierzu:

„Es zeigt sich […], daß es sehr unterschiedliche Chats gibt und das Pauschalaussagen über das Chatten, wie man sie allzu häufig findet, problematisch sind.“ (Runkehl et al. 1998: 81)

Technisch gesehen bestehen drei Chat-Möglichkeiten, die in Kapitel 2 dargestellt werden sollen.

In der linguistischen Forschung, besonders in der Konversationsanalyse, sind mittlerweile einige Ar-beiten zu finden, die sich aber zumeist nur mit sprachlichen Phänomenen im Chat beschäftigen. Nach Beißwenger/Storrer (2005) wird dabei jedoch vernachlässigt, dass der Chat eine Kommunikations-technologie darstellt, die in zahlreichen verschiedenen Bereichen Anwendung findet. (Siehe 2.1) Die untersuchten Chats liegen zumeist ausschließlich im informellen Bereich und können als „Plauder-chats“ bezeichnet werden. (Vgl. Beißwenger/Storrer 2005: 12)

In Rahmen dieser Arbeit wird untersucht, wie Kommunikationsteilnehmer unter den medialen bzw. technischen Bedingungen unmoderierter Chats die kommunikative Handlung Dissens bewältigen.

Aufgrund des begrenzten Rahmens dieser Arbeit beschränke ich mich auf die Untersuchung unmode-rierter Chats, wobei die Ergebnisse zum Teil auch auf moderierte Chats übertragbar sind.

Die Frage ist gesprächsanalytisch interessant, da essenzielle Merkmale von nichtkonsensuellen Ge-sprächsformen, wie sie z.B. durch Gruber (1996) erläutert werden, im Chat nicht realisierbar sind. Dazu zählen vor allem Phänomene des Sprecherwechsels, wie Unterbrechungen und Überlappungen, aber auch bestimmte Ausdrucksweisen auf para- und nonverbaler Ebene, durch die emotionale Ele-mente der Kommunikation, denen in nichtkonsensuellen Gesprächsformen eine besondere Bedeutung zukommt, vermittelt werden können. (Siehe 4.3) Außerdem soll herausgestellt werden, welche Kon-sequenzen das Fehlen von sprachlichen Mustern aus der Face-to-face Kommunikation auf die Chat-Sprache in nichtkonsensuellen Gesprächsformen hat und wie diese Probleme gelöst bzw. kompensiert werden. Daneben werden Aussagen darüber getroffen, in welchen Chats, wie häufig und und über welche inhaltlichen oder formalen Aspekte Dissens auftritt.

Es soll aber darauf hingewiesen, dass in dieser Arbeit keine repräsentativen Aussagen zu diesen Fra-gen gemacht werden können, was vor allem auf der Vielseitigkeit der Chat-Kommunikaton beruht. Sie kann aber durchaus interessante und an Chat-Protokollen von unmoderierten Chats (IRC vs. Proprietäre Chats) belegte Ergebnisse und Annahmen liefern. Einige dieser Chat-Protokolle wurden vom Dortmunder Chat Korpus, das von dem Institut für Deutsche Sprache und Literatur an der Uni-versität Dortmund angelegt wurde, zur Verfügung gestellt, während die restlichen Chat-Protokolle (Logfiles) selbst aufgezeichnet wurden.2

In Kapitel 2. erfolgt die Beschreibung und Definition des Untersuchungsgegenstands Chat-Kommu-nikation, Hinweise zu ihren technischen Grundlagen und wie diese sich auf die Kommunikation aus-wirken. (2.1). Daneben wird eine für die Untersuchung wichtige Unterscheidung zwischen moderier-ten und unmoderierten Chats getroffen (2.2.1) und die sprachlichen Besonderheiten der Chat-Kom-munikation dargestellt (2.2.2), wobei sich die Chat-Formen, je nach ihrer technischen Grundlage auch in ihren sprachlichen und nichtsprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten unterscheiden.

Im folgenden Kapitel wird in Anlehnung an das Modell von Koch/Oesterreicher (1990) versucht, den Chat zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit einzuordnen (3.1) und zu diskutieren, ob diese Form der CvK als Gesprächsform eingestuft werden kann, damit eine Vergleichbarkeit mit der Face-to-face Kommunikation gewährleistet ist.

In Kapitel 4 folgt die Darstellung von nichtkonsensuellen Gesprächsformen, wobei der Fokus auf der dissenten Sequenz (DS) liegt. (Siehe 4.1). In den Unterkapiteln 4.2 und 4.3 werden typische inhaltli-che und formale Merkmale nichtkonsensueller Gesprächsformen dargestellt. Hier geht es vor allem um das System des Sprecherwechsels.

Im 5. Kapitel wird versucht, die herausgearbeiteten charakteristischen Merkmale nichtkonsensueller Gesprächsformen auf die entsprechenden Sequenzen in der Chat-Kommunikation anzuwenden und zwischen verschiedenen Chat-Formen zu differenzieren. Im Anschluss an die exemplarische Unter-suchung des Protokolls eines proprietären Chats und Aussagen darüber, wie Chat-Teilnehmer die kommunikative Aufgabe Dissens bewältigen, wird dargestellt, wie Kommunikationsteilnehmer die mangelnden Wahrnehmungskanäle in der Chat-Kommunikation durch verbale und semiotische Mit-tel kompensieren bzw. substituieren (5.3).

Zwecks besserer Lesbarkeit wird bei der Bezeichnung von Personengruppen ausschließlich die männ-liche Form gewählt. Selbstverständlich sind aber sowohl männliche als auch weibliche Mitglieder in diesen Gruppen enthalten.

2. Chat-Kommunikation

Der Begriff Chat hat seinen Ursprung in dem englischen Verb to chat und lässt sich mit plaudern oder sich unterhalten übersetzen. Damit wird die elektronische Kommunikation zwischen mindes-tens zwei Personen in Echtzeit bezeichnet, die über das Internet geführt wird. (Vgl. Mediensprache)

Da die Interaktionspartner weder Sichtkontakt, noch einen geteilten Anschauungsraum haben, auf den sie sich beziehen oder auf den sie verweisen können, ist der Chat als Diskurstechnologie (Beiß-wenger 2003: 202) bzw. Kommunikationstechnologie3 durchaus mit Telefon und CB-Funk ver-gleichbar.

Viele Internetnutzer setzen das Internet mit dem Word Wide Web (WWW) gleich. Dabei bildet die-ses nur einen kleinen Teil des Internet-Komplexes. Zu diesem gehören neben vernetzten multimedi-alen Hypertext Dokumenten (WWW), auch ein weltweit zugängliches elektronisches Postsystem (eMail), der Austausch von Nachrichten und Artikeln in öffentlich zugänglichen und privaten Benut-zergruppen bzw. Newsgroups (Usenet) und die Möglichkeit mit anderen Nutzern über ein beliebiges Thema in virtuellen Räumen (IRC- Channels) zu diskutieren.

2.1 Technisches und kommunikatives Setting

Wie aus dieser kurzen Einführung hervorgeht, dient ein Teil der Internetdienste der Kommunikation. Im Internet können Menschen, trotz zeitlicher und räumlicher Trennung, ohne Informationsverlust miteinander kommunizieren. Hierbei wird zwischen synchronen und asynchronen Formen der com-putervermittelten Kommunikation (CvK) unterschieden. (Vgl. Goldmann et al. 1995: 253)

Die synchrone Kommunikation überbrückt räumliche Distanzen. Dabei kommt es kaum zu zeitlichen Verzögerungen, abgesehen von Interferenzen, welche eine fehlerfreie Dekodierung4 seitens des Emp-fängers verhindern. Vorteilhaft an der synchronen Kommunikation ist gegenüber asynchronen For-men die zeitgleiche Anwesenheit von Sender und Empfänger, wodurch die Partner sich der beider-seitigen Aufmerksamkeit sicher sein können. (Vgl. NetWiki)

Bei der asynchronen Kommunikation wird Raum und Zeit überwunden. Somit ist keine zeitgleiche Anwesenheit von Sender und Empfänger notwendig, wobei dies den Nachteil mit sich bringt, dass Teilnehmer sich der gegenseitigen Aufmerksamkeit nicht sicher sein können. (Vgl. ebd.)

Es gibt unzählbar viele Chats, die sich nach Runkehl et al. (1998: 84) aber technisch in drei verschie-dene schriftbasierte Chat-Formen einordnen lassen: 1. Internet Relay Chat (IRC), der als eigenständi-ger Internet-Dienst mit einer Client-Software betrieben wird und damit auf dem Client-Server-Prinzip basiert. 2. Web-Chats, die mit Hilfe gängiger Browser (wie Microsoft Internet Explorer oder Mozilla Firefox) genutzt werden können und 3. Instant Messenger (Proprietäre Chats), die von Providern mit einer speziellen Software betrieben werden.

Aufgrund der Vielseitigkeit der Chat-Zugangsarten, muss vor einer konversationsanalytischen Unter-suchung von Chat-Protokollen zunächst bestimmt werden, ob es sich um das Protokoll eines Internet Relay Chats (IRC), eines Webchats oder eines proprietären Chats (ICQ, MSN Messenger) handelt. Diese Notwendigkeit ergibt sich daraus, dass jede Chat-Form spezifische technische Rahmenbedin-gungen bietet, die einen entscheidenden Einfluss auf die verbale, para- und nonverbale Performanz der Nutzer ausüben. (Vgl. Bittner 2003: 41ff.) Dies gilt gleichermaßen für inhaltliche und formale Komponenten, wie aus der Tendenz hervorgeht, dass Nutzer aus ökonomischen Gründen eher vorde-finierte Smileys bzw. Emoticons benutzen, als ein Gefühl durch Inflektiv-Konstruktionen (wie *grins*) auszudrücken. (Vgl. Chi 2005: 5)

Der IRC ist bspw. eine rein textbasierte Chat-Form, bei dem nur (ASCII-) Zeichen5 ausgetauscht werden können, während den Nutzern in den proprietären Chats eine große Auswahl an Bildern und Emoticons zur Verfügung steht, durch die sich weitaus mehr para- und nonverbale Ausdrucksmög-lichkeiten ergeben, sowie Möglichkeiten zur Ausbildung einer virtuellen Identität.

Darauf aufbauend wird die Chat-Kommunikation durch einzelne Chat-Elemente (Chat-Werkzeuge oder -Tools), die die Basis zur Etablierung einer Chat-Umgebung bilden, bereichert. (Vgl. Beißwen-ger 2003: 202) Diese stellen den potentiellen Kommunikationspartnern diejenigen technischen Hilfs-mittel zur Verfügung, die sie zur erfolgreichen Überbrückung der räumlichen Distanz benötigen. (Vgl. Beißwenger 2005a: 65-68) Der IRC ist durch eine starke Anonymität der Nutzer geprägt, wäh-rend sich die Nutzer von proprietären Chats zumeist persönlich kennen. Hier verlaufen die Gespräche auch ausschließlich im privaten Rahmen einer 1zu1 Kommunikationssituation, während der IRC öf-fentlich ist. Im IRC kann prinzipiell eine uneingeschränkte Menge an Teilnehmern zu jeder Zeit si-multan Beiträge produzieren, die vom jeweiligen Server nach dem Mühlenprinzip – was zuerst an-kommt, wird zuerst angezeigt – untereinander aufgelistet werden.

Für die Teilnehmer ist dabei zunächst nicht feststellbar, wer soeben dabei ist, einen Beitrag zu produ-zieren und welchem die Rezipientenrolle zukommt. (Vgl. Beißwenger 2003: 198-231) Die Textpro-duktion ist unsichtbar. Da die Zeit, die vom Computer dafür benötigt wird, bis die abgeschickten Bei-träge auf dem Bildschirm erscheinen, verschwindend gering ist, kann man im Chat von einer syn-chronen Kommunikation sprechen. (Vgl. Wilkens 2005: 9; Zanner 04/05: 6f.)

Abgesehen von technischen Restriktionen ist die Chat-Kommunikation in unmoderierten Chats also nicht reglementiert.6

Hinzu kommen Gründe konzeptioneller Natur, die gegen die Annahme von „dem Chat“ als einheitli-chem Untersuchungsobjekt sprechen, wie dass die sprachliche Gestaltung von Chat-Beiträgen je nach Anwendungsbereich und sozialem Handlungskontext (1:1, n:1 Beratungsgespräch oder n:m Seminar-diskussion) stark variiert. (Vgl. Beißwenger/Storrer 2005: 9; Chi 2005: 5)

2.2 Charakteristika der Chat-Kommunikation

2.2.1 Moderierte vs. unmoderierte Chats

Es können zwei Hauptarten von Chats unterschieden werden: moderierte und unmoderierte Chats. (Vgl. Storrer 2001: 439-465) Die Kommunikation in unmoderierten Chats ist allein durch die techni-schen Rahmenbedingungen beschränkt. Dagegen gibt es in moderierten Chats einen Moderator, der den Gesprächsverlauf bestimmt. Moderierte Chats sind zumeist themenzentriert, wobei bekannte Per-sönlichkeiten aus Politik, Sport oder Kultur eingeladen werden, mit denen diskutiert werden kann. Die Diskussion verläuft dabei auf einer sachlichen Ebene und einer one-to-many-(1-n) Kommunika-tionssituation. Die Gesprächsorganisation in moderierten Chats kann als eher konventionell beschrie- ben werden, d.h. sie basiert auf dem Interviewschema von Frage-Antwort. Trotz der Synchronität tre-ten Frage-Antwort-Sequenzen geordnet untereinander auf, was darauf zurückgeführt werden kann, dass Fragen der Teilnehmer zunächst vom Moderator gesammelt und weitergeleitet werden. Die Sprache lässt sich als schriftsprachlich bezeichnen, wobei dies bedeutet, dass grammatische und or-thographische Regeln befolgt und Sätze zumeist ausgeführt werden. Dem entsprechend sind die Bei-träge in den untersuchten moderierten Chats durchschnittlich 13,41 Wortformen lang, während der Wert in den unmoderierten Chats bei 3,88 liegt. Rechtschreibfehler treten in beiden Chat-Formen da-gegen etwa gleich häufig auf, wobei dies mit der Schnelligkeit der Sprachproduktion (bzw. dem zeit-lichen Druck) und dem Bedürfnis der Nutzer zusammenhängt, die Schriftproduktion weitgehend der Äußerungsproduktion anzugleichen, weshalb Äußerungen nicht korrekturgelesen werden.

Charakteristische sprachliche Besonderheiten von unmoderierten Chats sind nach Glenewinkel (2003: 11) Kurzsprache, Ellipsen, umgangssprachliche Merkmale, Kleinschreibung und der Wegfall von Interpunktionszeichen.

Im Gegensatz zu der geordneten Abfolge von Paarsequenzen in moderierten Chats, verläuft diese in unmoderierten Chats chaotischer, wodurch die Zuordnung erschwert wird. (Vgl. Storrer 2001a: 3-24)

Für Außenstehende ist im IRC deshalb kaum zu erkennen, welche Personen miteinander Chatten, wie viele Teilnehmer sich an einem Gesprächsstrang beteiligen oder wer worauf antwortet. Durch die Pa-rallelität mehrerer Gesprächsstränge, ist ein zusammenhängender Kommunikationsverlauf sehr er-schwert, wobei Glenewinkel (2003: 11) daraus schließt dass die „Kommunikation in unmoderierten Chats (ist) stark situations- und kontextabhängig [ist].“

2.2.2 Sprachliche Besonderheiten in der Chat-Kommunikation

Sprachliche Besonderheiten in der Chat-Kommunikation lassen sich auf vier Ebenen beobachten.

Dazu zählen Kurzformen (Akronyme und Abkürzungen), Emoticons (Smileys, Graphische Elemen-te), Vereinfachungen bzw. Tilgungen und syntaktische Merkmale (vereinfachter Satzbau, Ellipsen). Hieraus geht hervor, dass das der Face-to-face-Kommunikation zugrundeliegende Ökonomieprinzip (Vgl. Grice 1975; Linke et al. 2004: 172), auch auf die Chat-Kommunikation anwendbar ist. Dabei versuchen die Chatter, unter Gewährleistung der Verständlichkeit, innerhalb eines Gesprächsbeitrags (in möglichst kurzer Zeit) möglichst viel mitzuteilen. (Vgl. Bader 2002: 02)

Akronyme entstehen, durch die Bildung einer Abkürzung aus den Anfangsbuchstaben oder -silben ei-nes Kompositums oder einer Wortgruppe (Vgl. Glück 2000: 23) und werden in Chats häufig in As-teriske gesetzt. (Vgl. Runkehl et al. 1998: 105) Das häufigste Akronym ist nach einer Erhebung von Pettersson (2001: 33f) das *g*, wobei dies für „grin“ (dt. grinsen) steht. Zudem sind Steigerungsfor-men davon, wie *bg* (für *biggrin*), *sfg* (*sehr freches Grinsen*) oder *gggg* (*gringrin*) zu beobachten. Nach Runkehl et al. (1998: 106) können sie durch Reduplikation oder angehängte Smi-leys „:-)“ intensiviert werden. Diese Kurzformen, werden dazu verwendet, das Lachen als Reaktion auf eine witzige Bemerkung des Chat-Partners zu vermitteln, da dieses nonverbale Verhalten, im Chat nicht übermittelt werden kann.

Dagegen dienen Emoticons 7 bzw. Smileys, die Beißwenger als „ikonographische Rekonstruktionen typi-sierter Gesichtsausdrücke“ bezeichnet, durch ihre Funktion der Vermittlung parasprachlicher Informa-tion und Anzeigen der Stimmung des Senders, dem Zweck, das Gespräch in eine ironisierende Ge-sprächsmodalität zu verlagern bzw. den informellen Charakter der Kommunikation zu charakterisie-ren.8 (Vgl. Döring: 1999: 42) Daneben können Emoticons ganzen Sätzen einen zusätzlichen Informa-tionsgehalt geben. Ein zwinkerndes Emoticon ;-) wird dazu genutzt Ironie anzuzeigen, wogegen ei-nes, bei dem die Mundwinkel nach unten gerichtet sind, eine Drohung oder Trauer impliziert. (Vgl. Glenewinkel 2003: 12f) Trotz der Tatsache, dass der Begriff Smiley dies impliziert, vermitteln also nicht alle Emoticons positive Gefühlsregungen. (Vgl. Döring 1999: 42)

Vereinfachungen und Tilgungen weisen auf die enge Orientierung an der mündlichen Kommunika-tion und deren phonetischen Merkmalen hin. Die Schriftsprache wird durch Tilgungen, Wortver-schmelzungen (meinste? ICQ 3: 10) und Assimilationen stark vereinfacht. So werden Schwa-Laute am Ende oft getilgt, wie z.B. komme wird zu komm oder ich überlege mal wird zu ich überleg m a (ICQ 4: 32).

Auf syntaktischer Ebene ist ein wichtiges chatsprachliches Merkmal der isolierte Gebrauch ellipti-scher bzw. unvollständiger Nebensätze, wobei Reparatursequenzen eingesetzt werden, sobald die Verständlichkeit unter der Ökonomisierung leidet. (Vgl. Glenewinkel 2003: 13)

Obwohl syntaktisch vollständige Konstruktionen aufgrund der kommunikativen Distanz sinnvoll wä-ren, kann beobachtet werden, dass die häufig stark elliptischen Sätze und Worte durch para- und non-verbale Zeichen kompensiert werden können. (Vgl. Kap. 5.3 und Glenewinkel 2003:13) Wie ange-deutet, werden in Situationen in denen weniger Emoticons verwendet werden9, also in moderierten Chats, die Sätze syntaktisch komplexer formuliert, wobei sich dies auch in hypotaktischen Konstruk-tionen äußert. (Vgl. Dittman 2006: 15)

3. Mündlichkeit vs. Schriftlichkeit

Grundsätzlich kann eine Äußerung auf zwei Arten realisiert werden: Mündlich oder schriftlich. Ihre Konzeption ist dagegen nicht derart beschränkt, sondern kann innerhalb eines Kontinuums variieren, in dem zahlreiche Zwischenformen möglich sind.10 (Vgl. Koch/Oesterreicher 1990: 10)

Nach Koch/Oesterreicher (1990: 8f.) kann jede sprachliche Äußerungsform zwischen den Extrempo-len von konzeptioneller Mündlichkeit und Schriftlichkeit eingeordnet werden. Dies geschieht durch Parameter, die sich auf bestimmte Kommunikationssituationen anwenden lassen. Dazu gehört der Öf-fentlichkeitscharakter der Kommunikationssituation, der Vertrautheitsgrad der Kommunikationspart-ner, die Emotionalität, Dialog/Monolog, Spontaneität und Form des Sprecherwechsels. (Vgl. Koch/ Oesterreicher 1990: 12; Bader 2003: 26f)

Dabei entsprechen diesen Kommunikationsbedingungen gewisse Versprachlichungsstrategien, die nach Koch/Oesterreicher (1990) auf die kommunikative Distanz bzw. Nähe zwischen den Beteiligten zurückgeführt werden können, wobei sich die Begriffe auf räumliche, zeitliche und emotionale Nähe bzw. Distanz beziehen. Es gilt die Regel, dass die Kommunikation umso mehr von Distanz geprägt ist, je mehr die kommunikativen Bedingungen zu Öffentlichkeit und Formalität tendieren. Dem ent-gegengesetzt könnnen von Spontaneität und Emotionalität dominierte Gesprächsformen als Nähe-Kommunikation bezeichnet werden. Koch/Oesterreicher (1990: 9ff) weisen die Schriftsprache dem Pol maximaler kommunikativer Distanz zu, während sie die gesprochene Sprache dem Pol maximaler kommunikativer Nähe zuordnen. Wie angedeutet treten aber häufig Mischformen auf.11

3.1 Chat zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit

Die Notwendigkeit der Einordnung von Chat-Kommunikation innerhalb dieses Kontinuums ergibt sich daraus, dass Face-to-face- und Chat-Kommunikation auf formaler Ebene nur dann verglichen werden können, wenn sich sprechsprachliche Strukturen auch auf diese spezielle Form von CvK anwenden lassen.

Bei einer Orientierung an den Kriterien der Nähe und Distanz von Koch/Oesterreicher (1990) fällt auf, dass der Chat zunächst eher zum Pol der Distanz tendiert, da die Teilnehmer keinen Sichtkontakt haben, räumlich getrennt sind und sich nicht kennen (im IRC). Dem entspricht auch die mediale Schriftlichkeit der Chat-Kommunikation, da zur Realisierung eines Beitrags, wobei die Schrift ja ge-nuin als die Sprache der Distanz gilt, die Tastatur genutzt werden muss. Sie ist medial also eindeutig dem schriftlichen Pol zuzuordnen. (Vgl. Glenewinkel 2003: 6f)

Dagegen weisen die Beiträge selbst eine große Nähe zur Mündlichkeit auf. Bemerkenswert ist, dass diese Auffassung auch den Chat-Teilnehmern bewusst zu sein scheint, die selbstreflexiv Begriffe wie „sagen“, „hören“ und „stumm“ benutzen, (Vgl. Glenewinkel 2003: 6f.) wie in „kann mir jemand sagen wie man in einen anderen raum kommt“ (Unicum I: 840) oder „spreche ich zu schnell? Bitte melden..“ (Politik-Land: 47). Auch das Vorhandensein von Hauptsatzwortstellung in Nebensätzen („weil ich muss noch inne stadt“, ICQ 9: 13), Diskurspartikeln als sprecherbezogene Gliederungs- und Fortsetzungssignale (wie also, weil, ich mein/glaub), hörerbezogene Gliederungs- und Fortsetzungssignale (weißte, verstehste, ne?), Rückmeldeverhalten und Überbrückungsphänomene, wie vokalische Äußerungen (wie hmm, jaa) und Unsicherheitsmarker (irgendwie, glaub ich, würd ich sagen) ist ein wichtiger Hinweis auf die konzeptionell mündliche Ausrichtung und damit zusammenhängend auch die nähesprachliche Orien-tierung. Im Zusammenhang damit erscheint die Feststellung Schwitallas (1997: 169ff) relevant, nach der derartige Hörer- und Rückversicherungssignale in konzeptionell schriftlich realisierten Äußerun-gen nicht zu finden sind.

Die räumliche Distanz – ein wichtiges Merkmal schriftlicher Äußerungsformen – wird in der Chat-Kommunikation durch die Bildung virtueller Räume, sowie sprachliche und graphische Innovationen überbrückt, wobei dies wiederum Nähe produziert. (Vgl. Bader 2003: 110f) Zudem ist zu beobach- ten, dass sich in der Chat-Kommunikation Konventionen (Ignorieren von Orthographie und Zeichen-setzung) und sprachliche Phänomene (Akronyme, ugspr. Lexik, sprechsprachliche Syntax, Partikeln) etablieren, die nach Androutsopoulos/Ziegler (2003: 252) typische Merkmale konzeptioneller Münd-lichkeit darstellen. Allerdings sollte bei der Anwendung dieser Merkmale zur Einordnung der Chat-Kommunikation in das Nähe-Distanz Kontinuum zwischen unmoderierten und moderierten Chats unterschieden werden.12

Zusammenfassend lässt sich die Chat-Kommunikation in Anlehnung an Baders (2003) umfangreiche Untersuchung, als konzeptionell mündliche Kommunikationsform, die medial schriftlich realisiert wird, charakterisieren. (Vgl. Bader 2003: 113f)

Aufgrund der benannten Merkmale konzeptioneller Mündlichkeit und nähesprachlicher Elemente kann die Kommunikation im Chat als Gespräch bezeichnet werden. Nach Brinker/Sager (1996/11) ist ein Gespräch eine „begrenzte Folge von sprachlichen Äußerungen, die dialogisch ausgerichtet ist und eine the-matische Orientierung aufweist [...]“, wobei dem auch Weinrich (1993) zustimmt, wenn er meint, dass Dialogizität ein typisches Merkmal konzeptioneller Mündlichkeit darstellt. (Vgl. Weinrich 1993: 819)

In der Chat-Kommunikation sind Gliederungs- und Rückmeldepartikel wichtige Merkmale ihrer Dia-logizität. In dem Satz „naja dann werd ich mal fragen. achne war ja gestern schon *hm* also“ (Unicum V: 1047) treten gleich mehrere Partikel (naja, achne, ja, hm und also) auf, die auf eine dialogische Aus-richtung hinweisen.

Ein weiteres Charakteristikum von Gesprächen ist die in ihnen zu beobachtende Dreiteilung von An-fang-Mitte-Ende, die bei der Produktion und Rezeption als Orientierungshilfe dient. Allerdings sind die Übergänge zwischen den Phasen oft fließend und es ist allgemeinein feststellbar, dass sich die Phasen umso schlechter gegeneinander abgrenzen lassen, je weniger ein Gespräch themenzentriert ist. (Vgl. Wilde 2002 19f) Die Differenzierung fällt in unmoderierten Chats demnach schwerieriger.13

Auch in Chat-Gesprächen werden in der Anfangsphase Vorstellungen hinsichtlicht der Gesprächssi-tuation koordiniert und die Gesprächsbereitschaft hergestellt. An dem folgenden Beispiel wird die Übertragbarkeit dieser sprechsprachlichen Organisation auf die Chat-Kommunikation deutlich.

Beispiel ICQ 8: 1 J1: hey... wir war paris. <3 ????

2 J2: hi

3 J2: super-bon

5 J2: war richtig cool die stadt mal wieder zu sehen

7 J1: oh cool.. ich hab in germany gegammelt..=( xD

10 J2: was haste denn gemacht am we?

Die wichtigste Funktion der Anfangsphase besteht, sofern sich Gesprächspartner bereits kennen, in der Konstitution bzw. Rückversicherung sozialer Beziehungen (Vgl. Wilde 2002: 28f), wozu die The-matisierung geteilten Wissens, des letzten Treffens oder Gesprächs, wie in der Frage „wie war paris“ (Z. 1) oder „eyal: hey babak, how’s it going.. still waiting on u know what ;)“ (Maoxian) dienen, wobei das Emoticon am Ende des Beitrags auf geteiltes Wissen hinweist, das über den Inhalt der Äußerung hinausgeht.

Der Übergang von der Anfangs- in die Haupthase erfolgt zumeist unbemerkt, wobei Merkmale auf struktureller und inhaltlicher Ebene, wie Themenwechsel, Partikelhäufungen und Zäsursignale, da-rauf hinweisen können, obwohl er auch metakommunikativ explizit erfolgen kann, wie „gut, dann kann es ja losgehen...“ (Beißwenger V: 24)

In der Endphase wird die aufgebaute Gesprächsbereitschaft von den Beteiligten gemeinsam aufge-löst. An dieser Stelle im Gespräch ist wichtig, dass die Interaktionspartner verstehen, dass das Ende eines Gesprächsbeitrags nicht als Turn-Übergabe Signal gemeint ist. (Vgl. Linke et al. 2004: 322f) Die Parteien können das Gespräch auch einseitig beenden, indem sie den Gesprächsrahmen verlassen bzw. (in der CvK) sich ausloggen. Dieser Kommunikationsbruch kann aber negative Auswirkungen auf der Beziehungsebene nach sich ziehen. Die Verabschiedung ist durch obligatorische Sprechhand-lungen charakterisiert, die als Beendigungsmechanismus bezeichnet werden und in der Face-to-face-Kommunikation von nonverbalem Verhalten angekündigt, begleitet oder ganz ersetzt werden können. (Vgl. Linke et al. 2004: 322f) Zu den die Verabschiedung begleitenden nonverbalen Elementen ist in Chats zwar keine Entsprechung vorhanden, die obligatorischen Sprechhandlungen (Dankesbekun-dungen, Austausch von guten Wünschen) sind dennoch übertragbar, wie in folgendem Beispiel zu sehen ist. (Vgl. Schönfeldt 2001 25-53 und Linke et al. 2004: 323)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Chat-Kommunikation bewegt sich, wie aus den Darstellungen hervorgeht, in einem für die Sprachwissenschaft sehr interessanten Spannungsfeld zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit. (Vgl. Bader 2003: 9)

4. Konfliktkommunikation

Da Konflikte sehr vielschichtig sind, sind in der Forschung auch zahlreiche verschiedene Definitio-nen zu finden. Generell lassen sich in jedem Konflikt drei Komponenten unterscheiden. 1. Der Wi-derspruch, also eine Unvereinbarkeit von Zielen, Interessen oder Bedürfnissen. 2. Verhalten, das den Konflikt offenbart und häufig auch verschärft (wie Aggressivität, Wut, Hass) 3. Eine auf den Kon-flikt bezogene und diesen bewusst oder unbewusst rechtfertigende Einstellung bzw. Haltung. (Vgl. Galtung 1998: 136)

Der Friedens- und Konfliktforscher Johan Galtung (1998) veranschaulicht diese Komponenten im so

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

genannten Konfliktdreieck - einem wichtigen Werkzeug der Konfliktanalyse.

Das Dreieck verbildlicht den kaum auflösbaren Zusammenhang zwischen den drei Komponenten je-des Konflikts. Deutlich wird ebenfalls, dass ein objektiver Widerspruch allein nicht ausreicht, einen Konflikt zu begründen. Die Grundlage eines manifestierten Konflikts ist, dass sich zumindest eine Partei der konkreten Unvereinbarkeit der Bedürfnisse – des Widerspruchs – subjektiv bewusst ist und durch ihr Verhalten auf eine Veränderung der für sie nicht hinnehmbaren Situation besteht. (Vgl. Ba-ros 2004: 1f) Daneben wird durch die Unterscheidung zwischen manifester und latenter Ebene ver-deutlicht, dass Außenstehende, aber auch die jeweiligen Konfliktparteien, von Konflikten nur ent-sprechendes Verhalten – verbale oder körperliche Gewalt – wahrnehmen, während der zu Grunde lie-gende Widerspruch, sowie Einstellungen und Annahmen zunächst verborgen bleiben. (Vgl. Baros 2004: 1-3) Zur Bearbeitung eines Konflikts stehen zwei Lösungswege offen, nämlich Kooperation oder Konfrontation. (Vgl. Baros 2004: 8-18)

Trotz der negativen Konnotierung des Konfliktbegriffs im alltagssprachlichen Gebrauch sind sie eine essenzielle Komponente menschlichen Miteinanders und begegnen in jedem sozialen Raum (Vgl. Lee 1964: 3) – dies schließt virtuelle Räume, die einer immer verzweigteren Differenzierung unterworfen sind, mit ein.

Für die konversationsanalytische Arbeit ist im Sinne von Spiegel (1995) wichtig, dass es zum Kon-flikt durch die Entstehung von Diskrepanzen kommt. Diese gehen daraus hervor, dass mindestens zwei „Ideen [...], Personen oder Gruppen in Bezug auf Sachverhalte, Verhaltens- oder Wertvorstellungen aufeinan-der prallen,[...]“ (Spiegel 1995: 16) Damit liegt jeder oppositionellen Austragungsform ( ebd.) ein Konflikt zugrunde.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt Gruber (1996: 53), der die „Nichtübereinstimmung“ von Ge-sprächsparteien als konstitutiv für die Konfliktkommunikation erachtet, wobei der Annahme, dass konfliktäre Gesprächsformen Diskrepanzen voraussetzen, die wiederum als Erklärung für den verba-len Verlauf des Gesprächs dienen können, auch Schwitalla (2001: 1374) zustimmt. Dem widerspricht jedoch Nothdurft (1997: 6f.), der darauf besteht, dass Konflikte nicht sprachunabhängig existieren, sondern interaktiv konstruiert werden und somit als Produkt gelten. Daraus ergibt sich die Frage, durch welche sprachlichen Mittel und welche kommunikativen Prozesse ein Konflikt erzeugt wird, die im Verlauf dieser Arbeit wieder aufgegriffen werden soll.

4.1 Dissente Sequenzen und andere nichtkonsensuelle Gesprächsformen

Nach Gruber (1996: 56) stellt die kommunikative Austragung eines Konfliktes nur eine seiner mög-lichen Bearbeitungsformen dar. Doch auch bei dieser Form stehen verschiedene Möglichkeiten zu seiner Bearbeitung zur Verfügung, die an dieser Stelle erläutert werden sollen.

Die kommunikative Konfliktaustragung lässt sich in Anlehnung an Gruber (1996) unter dem Begriff der dissenten Sequenz (im Folgenden abgekürzt als DS)15 zusammenfassen.

Damit entgeht Gruber (1996) dem Problem, dass sich nichtkonsensuelle Gesprächsformen schwer voneinander abgrenzen lassen. Er meint, dass DS sowohl die Gestalt einer Argumentation, als auch die eines Streits annehmen können, wobei er Streit und Argumentation als entgegengesetzte Pole der DS bezeichnet. (Vgl. Gruber 1996: 56) Hieraus geht hervor, dass die Einordnung der beiden Ge-sprächsformen nicht dichotomisch ausgerichtet ist, sondern die DS als ein Kontinuum begriffen wer-den soll, in welches sich nichtkonsensuelle Gesprächssequenzen einordnen lassen. Zwischen den beiden Extremen sind aber vielfältige Mischformen möglich. (Vgl. ebd.)

Formal sind DS leicht mit Reparatursequenzen zu verwechseln, von denen sie aber deutlich unter-schieden werden müssen.16 Der wichtigste Unterschied zwischen beiden ist, dass man DS nicht nur auf der inhaltlichen, sondern auch auf der strukturellen Ebene nachweisen kann, wobei Gruber (1996) die spezifische inhaltliche und strukturelle Organisation von DS als Dissensorganisation von Gesprä-chen (siehe 4.3) bezeichnet. (Vgl. Gruber 1996: 59f)

Zudem stehen DS auch mit Widerspruchs- und Vorwurfssequenzen in Zusammenhang. Charakteris-tisch für Widerspruchssequenzen ist ebenfalls die Nichtübereinstimmung mit der Äußerung des Ge-genübers, wobei der Widersprechende seinen eigenen Standpunkt aber nicht weiter ausführt. (Vgl. Gruber 1996: 65; Grommes 2005: 25) Solche Gesprächsbestandteile können in DS eingebettet sein, leiten sie aber zumeist ein. Strukturell lassen sich Widerspruchssequenzen von DS durch das Vorherr-schen der Präferenzorganisation abgrenzen, die für ihre Einordnung als konsensuelle Ge-sprächsform spricht. (Vgl. Gruber 1996: 65)

Neben der Funktion DS einzuleiten, können Vorwurfssequenzen dagegen sowohl innerhalb einer DS, als auch alleinstehend auftreten. (Vgl. Gruber 1996: 66) Diese sind strukturell komplexer aufgebaut als Widerspruchssequenzen, da demjenigen dem etwas vorgeworfen wird prinzipiell zwei Möglich-keiten offenstehen – Rechtfertigung oder Einlenken – die wiederum vom Vorwurfs-Produzenten eine Reaktion erfordern. (Vgl. Gruber 1996: 66f).

Vordergründig können inhaltliche und strukturelle DS unterschieden werden: Inhaltliche DS entste-hen durch den Verstoß eines Teilnehmers gegen den Gesprächskonsens, während strukturelle DS durch eine Meinungsverschiedenheit über die Turnvergaberegeln bzw. -reihenfolge (wie „Entschuldi-gung, darf ich auch mal reden oder wollen sie mich ständig unterbrechen.“ Elefantenrunde: 9-11) eingeleitet werden können.

Als typische Verlaufsform inhaltlicher DS gilt nach Gruber (1996: 120) die Trias von Anlass, Formu-lierung der gegnerischen Standpunkte und die Aushandlungsphase. Dabei ist jede dieser Phasen durch spezifische Sprechhandlungen charakterisiert. Den Anlass bildet eine Konsensverletzung durch A, worauf entweder die Thematisierung des Konsensverstoßes durch B oder ein Vorwurf folgt, auf den A wiederum mit einer Zurückweisung reagiert, durch den er den Widerspruch manifestiert. In der zweiten Phase werden die divergierenden Standpunkte dargestellt, wobei dies durch (rekursive) Sequenzen von Vorwürfen und Gegenvorwürfen erfolgt, die mehr oder weniger emotional geprägt sein können. Hier ist zu beachten, dass durch neue Anlässe, die in den Vorwürfen gegeben sind re-kursiv neue Vorwurfs-Gegenvorwurfs-Sequenzen entstehen können. In die Aushandlungsphase und damit zur Rückkehr zur Präferenzorganisation gelangen die Parteien zumeist durch einen Themen-wechsel. (Vgl. Gruber 1996: 120f; Frankenberg 1979) ) Zum Ende des Dissens sei gesagt, dass sprachlich ausgetragene Konflikte inhaltlich nicht gelöst werden müssen, um von einer Konfliktbeen-digung sprechen zu könnnen. (Vgl. Gruber 1996: 64) Häufig verhindern Kontrahenten dies selbt, da sie vor dem Ziel die eigene Position durchzusetzen, widersprechende Argumente ignorieren oder um-deuten – ein Phänomen, das Keim (1996: 230ff) als Perspektivenabschottung bezeichnet. Für die Lö-sung des Dissens reicht es aus aus, wenn die Dissensorganisation nicht mehr die kommunikativen Handlungen der Interaktionspartner bestimmt. (Vgl. Gruber 1996: 64f)

Nach Carmen Spiegel (1995: 17) ist Streit eine verbale, kontroverse und unkooperative Austragungs-form von Konflikt, die durch Verletzung bzw. Missachtung des Partnerimages17 und Unkooperativität gekennzeichnet ist.18 Ohne diese Merkmale ließe sich von eher von einer DS im Sinne von Gruber (1996) sprechen.

Beim Streit steht der Beziehungsaspekt im Vordergrund, wobei er nicht nur negative Folgen auf der Beziehungsebene nach sich zieht, sondern gravierende Folgen für den Verlierer bedeutet, weil im Streit auch Identitäten ausgehandelt werden. Da bei einer Identitätsbedrohung im Streit die Emotio-nen sehr intensive Ausmaße annehmen können, ist die Eskalation solcher Kommunikationsereignis-se wahrscheinlicher als bei anderen Formen. Der jeweilige Standpunkt wird dann oft explizit und per-sonenbezogen formuliert (z.B. Vorwurf, Kritik, Beleidigung), wobei weder die eigene Position, noch die der anderen Partei weiter entfaltet werden kann. Daraus geht hervor, dass es, um eine DS als Streit bezeichnen zu können, nicht ausreicht, dass die Teilnehmer unterschiedliche Meinungen vertre-ten. Charakteristisch für den Streit ist die unkooperative, das Image des Gegners verletzende Art und Weise in der dies geschieht. (Vgl. Rehbock 1987:177; Schwitalla 1987: 107f; Spiegel 1995:19; Schwitalla 2001:1374) Darin liegt auch der Unterschied zur Argumentation, wobei bei dieser Kon-fliktaustragunsform, aufgestellte Behauptungen begründet werden und die Kontrahenten ihre Positio-nen ausführen. Zwischen den Teilnehmern herrscht auf formaler Ebene Kooperativität, weshalb die Dissensorganisation in Argumentationen nicht zu beobachten ist. (Vgl. Gruber 1996: 56f)

Abgesehen von derartigen inhaltlichen Aspekten, kommt es beim Streit, wie bei der DS, zu einer spe-zifischen Sequenzierung bzw. Organisation des Gesprächs – der Dissensorganisation. (Siehe 4.3)

4.2 Inhaltliche Merkmale von DS

Inhalich sind DS durch die kommunikative Austragung interpersoneller Konflikte, also die Darstel-lung von unterschiedlichen Standpunkten, in deren Folge mindestens zwei Positionen zu einem The-ma explizit präsentiert werden, geprägt. (Vgl. Gruber 1996: 56)

Kommunikativ ausgetragene Konflikte, können an drei globalen Bereichen eskalieren. Dies sind das Weltwissen, die Rollenbeziehungen19 zwischen den Beteiligten und drittens die Regeln der Ge-sprächsorganisation. (Vgl. Gruber 1996: 81) Dazu merkt Gruber (1996: 83ff) an, dass DS, die ihren Ausgangspunkt auf verschiedenen Ebenen haben, auch verschiedene Strukturen aufweisen.

4.3 Formale Merkmale

Charakteristische formale Merkmale nichtkonsensueller Gesprächsformen lassen sich vor allem auf der Ebene der Gesprächsorganisation benennen. Hierzu zählen verbale Kämpfe um das Wort, simul-tane Sprechphasen, Unterbrechungen und Forderungen jemanden Aussprechen zu lassen, aber auch auffällig lange Gesprächspausen. (Vgl. Fiehler 1993:161f; Schwitalla 2001:1379).

Das wichtigste Merkmal zur Kennzeichnung von DS ist der Wechsel in der Präferenzorganisation. Das Verfahren der Präferenzorganisation wird von Interaktanten aktiv dazu benutzt die Kooperation zu maximieren und das Konfliktpotential zu minimieren. (Vgl. Heritage/Atkinson 1984: 55) Dabei wird als Antwort auf den ersten Teil einer Paarsequenz vom Rezipienten diejenige mögliche Antwort bevorzugt, die die geringste Imagebedrohung für den Produzenten bedeutet.20 Diese ist also die präfe-rierte Äußerung. Es treten zwar auch in konsensuellen Gesprächsformen nichtpräferierte Äußerungs-teile auf, jedoch werden diese speziell markiert.

Die Kommunikation in DS ist hingegen nicht mehr durch die Ausrichtung auf Kooperation, sondern bewusste Nichtübereinstimmung gekennzeichnet. Daneben scheinen noch weitere Merkmale aus-schlaggebend für die Bewertung einer unkooperativen Gesprächsphase als DS zu sein.

Folgende Merkmale kennzeichnen nach Gruber (1996: 60) eine dissente Sequenz:

a) strukturelle Markierungen von Übereinstimmungsäußerungen, Nichtübereinstimmung wird

zum präferierten zweiten Teil in Gesprächssequenzen

b) Sprecherwechsel/Turn-taking finden nicht an transition relevant places (TRP's statt, sondern

an disagreement relevant places (DRPs)

c) Zwischen aufeinanderfolgenden Äußerungen ist ein erhöhtes Maß an formaler Kohäsion211 zu

beobachten (inhaltliche Anschlüsse an die eigenen sowie an die Beiträge der anderen Partei

werden speziell markiert)

Durch die Kombination dieser drei Kriterien lassen sich DS nicht nur inhaltlich sondern auch struktu-rell bestimmen. Gruber (1996) spicht von von Dissensorganisation, wenn mindestens zwei dieser Merkmale in einem Gespräch auftreten. (Gruber 1996: 60)

Die Dissensorganisation betrifft vor allem Phänomene des Sprecherwechsels. Dieser auch als Ge-sprächsschrittwechsel bezeichnete Vorgang ist regelgleitet und gelingt in konsensuellen Gesprächs-formen zumeist, da die Gesprächspartner einem impliziten Kooperationsprinzip folgen. (Vgl. Zanner 2005: 5f) Der Sprecherwechsel kann grundsätzlich auf zwei Arten erfolgen: Ein Interaktionsteilneh-mer kann durch Selbstwahl zum Rederecht kommen, die immer dann erfolgen kann, wenn ein Spre-cher seinen Turn beendet hat, ohne dass ein anderer Sprecher bereits zum nächsten Sprecher fremd-gewählt worden ist. (Vgl. Sacks et al. 1974: 703)

Es wird zwischen expliziter und impliziter Fremdwahl unterschieden, wobei explizite Fremdwahl durch die direkte Anrede eines Anwesenden vollzogen wird.22 (Vgl. ebd)

Die Selbstwahl kann mit oder ohne Unterbrechung des Gegenübers erfolgen. (Vgl. Brinker/Sager 1996: 60) Unterbrechungen sind kurzzeitige Simultan-Sprech-Phasen, die für den Unterbrecher er-folgreich sein können oder nicht. Die entstehende simultane Sprechphase wird als Überlappung (overlap) bezeichnet. (Vgl. Henne/Rehbock 1982: 201)

Harris (1989: 148) stellte fest, dass „interruptions tend to cluster in portions of the data where hostility is evi-dent“. In DS treten Unterbrechungen also weitaus häufiger auf, als in konsensuellen Gesprächsformen und werden nicht als Panne aufgefasst, sondern als Markierung eines Widerspruchs an einer DRP. (Vgl. Gruber 1996: 60) Nach Gruber (ebd.) sind Unterbrechungen Redebeiträge, die keine Hörersig-nale sind und durch einen Sprecher der gegenwärtig nicht das Rederecht besitzt an einer Stelle pla-ziert werden, die keine transition relevant place (TRP) ist. Sie werden also nicht an Stellen im Ge-spräch plaziert, wo eine „Beitragskonstruktionseinheit“23 abgeschlossen oder ein baldiger Abschluss abzusehen ist. (Vgl. Gruber 1996: 60f)

Offensichtlich kommt Unterbrechungen bzw. den Versuchen dazu in DS eine doppelte Funktion zu: Sie stellen einerseits das Rederecht des Sprechers in Frage, wobei Macht- bzw. Dominanzverhältnis-se eine Rolle spielen; andererseits markieren sie inhaltliche Bezugspunkte (DRPs ) in der Argumen-tation des Gegners, an denen der eigene Turn ansetzen soll.24 (Vgl. Gruber 1996: 61)

Desweiteren erscheint die Differenzierung zwischen thematischer und struktureller Kohäsion auf der Ebene der Gesprächsorganisation sinnvoll, obwohl die Annahme berechtigt ist, dass die strukturelle Kohäsion immer auch die thematische Kohäsion voraussetzt, wie auch Sacks et al. (1974) erläutern:

„Turns display gross organizational features that reflect their occurrence in a series. They regularly have a three

part structure: one which addresses the relation of a turn to a prior, one involved with what is occupying the

turn, and one which addresses the relation of the turn to a succeeding one.“ (Sacks et al. 1974: 722)

Eben diese formale Charakteristik wird in nichtkonsensuellen Gesprächsformen oft verletzt. Hieraus folgen zwei für diese Gesprächsform typische thematische Formen der Kohäsion. Dies ist zum einen die selbstbezogene und zum anderen die partnerbezogene Kohäsion (vgl. Gruber 1996: 75). Als selbstbezogene Turns werden nach Gruber (1996: 60) solche bezeichnet, in denen der Produzent auf seinem vorherigen Beitrag insistiert bzw. die thematisch an den letzten selbstproduzierten Gesprächs-beitrag anschließen. Gruber (1996: 64) spricht von thematischer Opponentenkohärenz, wenn ein In-teraktant wesentliche Teile des Beitrags des Kontrahenten wiederholt, wobei er durch minimale Ver-änderungen im Wortlaut einen Widerspruch hervorruft.

Jeder thematische Dissens zieht Folgen auf allen anderen Gesprächsebenen nach sich. Inhaltlich be-trachtet weist ein Dissens darauf hin, dass mindestens ein Teilnehmer den thematischen Bezugsrah-men nicht teilt. Die Beeinträchtigung der anderen Ebenen kann aus dem weiteren Verlauf der Interak-tion abgeleitet werden, wobei die Charakteristika der Dissensorganisation es ermöglichen das Aus-maß der DS einzuschätzen. Abhängig davon, wie stark die Ebene der sozialen Beziehung oder der formalen Gesprächsorganisation behindert ist, kann diese Beeinträchtigung von den Gesprächspart-nern thematisiert werden. Folglich ist dann von der kommunikativen Austragung eines Konflikts zu sprechen, wenn die Anfangsphase durchlaufen und an die Stelle der Präferenzorganisation die Dis-sensorganisation getreten ist.

Allerdings ist auch vorstellbar, dass eine objektive Konsensverletzung vom Rezipienten ignoriert wird. Dagegen können nach objektiven Kriterien nicht-konsensverletzende, harmlose Äußerungen vom Gesprächspartner thematisiert werden und zu einer DS führen,25 was zu dem Schluss führt, dass DS zwischen den Kontrahenten kooperativ-interaktiv hergestellt werden.

Von einem Kooperationsbruch ist die Rede, wenn ein Interatktionspartner gegen den Interaktionsmo-dus verstößt bzw. den kommunikativen Modus nicht akzeptiert, wobei sich das im Verlassen des In-teraktionsraumes äußern kann.

Häufig äußert sich mangelnde Kooperativität auch in einer gestörten Responsivität. (Vgl. Schank/ Schwitalla 1987: 35) Dies bedeutet, dass ein Interaktant auf einen Beitrag seines Partners nicht auf angemessene bzw. erwartbare Art reagiert. In diesem Fall spricht Spiegel (1995: 186ff.) von einer so-genannten Interaktionsblockade. Dabei können drei Formen unterschieden werden: Verweigerung (Ablehnung einer erwartbaren Handlung), Angriff und Ausweichen (auf eine Ersatzaktivität, die im Rahmen des Gesprächssituation noch als angemessen gelten kann). Typische Auswirkungen einer ge-störten Responsivität sind auch auffällig lange Pausen.

Zusammenfassend lässt sich für die DS also ein Wechsel in der Präferenzorganisation nachweisen, der dazu führt, dass Nichtübereinstimmung unmarkiert ist. Die Dissensorganisation ist auf der Bezie-hungsebene darauf ausgerichtet, das eigene Image zu bewahren und zu pflegen, wogegen das des Gegners bedroht wird. Dabei unterscheiden sich präferierte und nichtpräferierte Reaktionen nicht bloß auf der inhaltlichen, sondern auch auf der strukturellen Ebene; Undzwar darin, dass nicht prä-ferierte zweite Teile „exhibit the following features: (1) the inclusion of delay devices prior to stated disagree-ments like silences, hesitating prefaces, request for clarification, and/or (2) the inclusion of weakly stated disagree-ment components, that is, partial agreements/partial disagreements.“ (Pomerantz 1984: 75)

4.4 Zur Rolle von Emotionen in nichtkonsensuellen Gesprächsformen

Einige Wissenschaftler, die sich auf dem Gebiet der Konflikt- bzw. Streitgespräche betätigen, weisen auf die wichtige Rolle der Emotionen bei diesem Gesprächstyp hin.26 (z.B. Apeltauer 1977)

Dabei ist für die Konfliktkommunikation vor allem die Emotion Wut relevant. (Vgl. Gruber 1996: 78) Fiehler führt (1992: 160) den Begriff der „emotionalen Positionskonfrontationen“ ein, worunter For-men des Emotionsausdrucks gefasst sind, die vielerseits als einzige mögliche Form des Ausdrucks von Emotionen in Gesprächen gelten, die aus der Außenperspektive erkennbar sind.27

Nach Thimm/Kruse (1993) sind hesitation markers, wozu Pausen, Räuspern und Strukturierungssig-nale (wie „hmm“ und „ah“) gezählt werden, sowie Lachen, Selbstkorrektur und Reformulierung, ebenfalls Phänomene, durch die im Gespräch Emotionen ausgedrückt werden können.

Der Psychologe Oatley (1992:66) begreift Emotionen als „Kontrollsignale“ und tendiert zur Auffas-sung, dass sie primär nicht verbal kommuniziert werden, sondern durch mimische, gestische und pa-raverbale Mittel (vor allem Intonation). Da sich Emotionen also auf der para- und nonverbalen Ebene manifestieren, scheint die Beobachtung von Mimik, Gestik und Intonation unumgänglich, um Annah-men über die Intensität und Ausdrucksmodalität der auftretenden Emotionen, sowie insgesamt über die emotionale Involviertheit der Teilnehmer tätigen zu können. (Vgl. Gruber 1996: 80f)

Die Relevanz der Ergebnisse Oatleys (1992) ergibt sich daraus, dass sie eine plausible Erklärung da-für bereitstellen, weshalb im Verlauf von Konflikten bzw. nichtkonsensuellen Gesprächsformen Emotionen auftreten müssen. Undzwar deshalb, weil die Gesprächspartner bei nichtkonsensuellen Gesprächsformen (z.B. DS) auf der kognitiven Ebene konkurrierende bzw. sich widersprechende Meinungen ausdrücken und damit oppositionelle Sprechhandlungen vollziehen, während auf der dis-kursiven Ebene die Präferenz zur Nichtübereinstimmung (Dissensorganisation) überwiegt. Gruber (1996: 80) postuliert deswegen, dass „das Auftreten von Wut aufgrund der spezifischen Interaktionsbedingun-gen, die in DS herrschen, vorhergesagt werden kann.“ (Gruber 1996: 80)

5. Übertragbarkeit von Organisationsstrukturen mündlicher nichtkonsensueller Gespräche auf Chat-Gespräche

Da DS durch eine spezifische Diskursorganisation gekennzeichnet sind, die vor allem die Bereiche Sprecherwechsel und Präferenzorganisation betrifft, soll nun die Übertragbarkeit dieser formalen Merkmale der Diskursorganisation auf die Chat-Kommunikation ausgeführt werden.

5.1 Exemplarische Untersuchung einer ICQ-Chat-Logfile (ICQ 7; unmoderiert, proprietär)

Die im Rahmen eines ICQ-Chats geführte Gesprächssequenz lässt sich aufgrund gewisser inhaltli-cher und struktureller Merkmale als DS einordnen, die in ihrem Verlauf Merkmale einer Streitse-quenz aufweist. Auf der Makroebene ist die Orientierung an den drei Gesprächsphasen Eröffnung (Zeilen 1-16), Hauptphase (17-85) und Beendigung (86-146) zu erkennen.

In den Zeilen 1-16 werden Begrüßungsformeln (1-2) und Fragen nach dem Wohlbefinden (3-7) aus-getauscht und es herrscht die Präferenzorganisation vor. Dies bedeutet, dass die konventionellen Muster von Paarsequenzen befolgt werden und die Interaktanten in ihren Äußerungen kooperieren.

Beispiel ICQ 7 1 T1: hey ya

T2: hey

T1: wie geht’s dir?

T2: gut gut

5 T2: und selbst?

Den Anlass für die DS stellt in diesem Gesprächsabschnitt die heftige emotionale Reaktion durch T2 (15), auf die insistierende Frage von T1 (12, 14) dar.

8 T1: und sonst?

T2: hm

10 T1: sonst nichts neues?

T2: ne nix besonderes

T1: wie geht’s der runden schwester?

T2: gut denk ich

T1: aber du weißt es nicht?

15 T2: frag sie doch selbst

Generell bildet den Anlass28 für eine DS ein Verstoß gegen den Konsens über Ansichten der Welt, der situational oder extrasituational erfolgen kann. (Vgl. Gruber 1996: 83). An dieser Stelle liegt der Verstoß außerhalb der aktuellen Situation.29 Dies wird daran ersichtlich, dass T1 die weder als Widerspruch, noch als Vorwurf bestimmbare Äußerung (15) als Anlass nimmt, diesen als Konsensverstoß zu thematisieren (17), was T2 unverständlich erscheint, der zunächst mit Ignorieren (18) und dann mit Zurückweisung der Thematisierung (19) reagiert, womit eine DS eingeleitet wird. Das Vorliegen eines extrasituationalen Anlasses weist auf einen zugrundeliegenden latenten Konflikt hin. (Vgl. ebd.) Obwohl vor der nicht erwartbaren, emotionalen Reaktion von T2 (15) scheinbar die Präferenzorganisation vorherrscht, sind bereits in den Zeilen 7-11 Merkmale gestörter Responsivität zu finden, die ebenfalls auf die Gegenwart eines latenten Konflikts zwischen den Parteien hindeuten.

Ein Turn kann im Allgemeinen als Teil einer Paarsequenz von Rede und Gegenrede betrachtet wer-den. Bei dieser bedingt der erste Gesprächsbeitrag den zweiten, wobei Abweichungen vom erwarte-ten Muster bemerkt und durch Wiederholung oder eingebettete Frage-Antwort-Sequenzen angezeigt werden.

Im Beispiel reagiert T2 auf die sehr ambige Frage von T1 (8) zunächst mit der Verweigerung der Antwort (9), während nach der Wiederholung der Frage durch T1, zwar eine Antwort erfolgt, die aber als ausweichend bezeichnet werden kann (11). Die Wiederholung der Frage durch T1 lässt sich als Hinweis für das Vorherrschen der Präferenzorganisation benennen, da T1 das durch T2 geäußerte Partikel „hm“ (9) nicht als Verweigerung, sondern als Zeichen dafür interpretiert, dass T2 die Frage nicht verstanden hat. Er wählt also zunächst die am wenigsten imageverletzende Interpretation.30

Wird das Ausbleiben bemerkt aber nicht angezeigt, stehen je nach Fall mehrere Interpretationswege offen (ausbleibender Gegengruß > Abneigung), wodurch es zur Entstehung eines Konflikts bzw. zu einer nichtkonsensuellen Gesprächssequenz kommen kann. (Vgl. Bußmann 2002: 491)

Auf die nächste Frage von T1 (12) reagiert T2 erneut mit einem ausweichenden Äußerungsturn (13), worauf nach einem Nachhaken durch T1 (14) der beschriebene verbale Angriff (15) folgt.

Die Reaktion von T2 in Zeile 15 wurde als emotionale Zurückweisung bezeichnet, wobei sich die Frage stellt, wie sich Emotionen im Chat manifestieren, da in dem Beispiel die Mittel zur Kompensa-tion der fehlenden Wahrnehmungskanäle in der CvK durch graphische und semiotische Innovationen nicht genutzt werden. Emotionen können aber nicht nur durch para- und nonverbale Mittel, sondern auch durch die formale Struktur von Äußerungen ausgedrückt werden. Dies geschieht an dieser Stel-le durch den Imperativ „frag sie doch selbst“ (15), mit dem die direkte Ablehnung des Gesprächsver-haltens der anderen Partei kommuniziert wird.31 (Vgl. Gruber 1996: 232f). Auch durch andere forma-le bzw. syntaktische Besonderheiten können Emotionen vermittelt werden. Dies kann, wie in den Zei-len 34-35, 50 und 69, durch Übertreibungen („übelst oft“, „immer“, „nie“) oder eine stark umgangssprachliche Wortwahl mit negativ konnotierten Ausdrücken (Z. 52: „wieso verdammt noch mal egal?“, Z. 27: „[...], dass es dich nen scheiß interessiert“, Z. 30: „hast du ja anscheinend drauf geschissen“) geschehen.

Nach dieser Anlass- bzw. Eröffnungsphase entsteht eine längere Pause (32 sec.), die ebenfalls auf die gestörte Responsivität auf Seiten von T2 hinweist, da an dieser Stelle rein strukturell ihm das Rede-recht zukommt.

Daran schließt die Hauptphase an, die durch eine Frage von T1 eingeleitet wird, in der sie den Kon-sensverstoß von T2 thematisiert (17). Darauf werden die divergierenden Ansichten dargestellt, wobei durch den Vorwurf von T1 (21) eine DS eingeleitet wird, worauf mehrere verschachtelte Vorwurfs-sequenzen auftreten. Daraus geht hervor, dass Vorwürfe DS sowohl einleiten als auch in ihrem Ver-lauf auftreten können, wobei dies mit Themensprüngen zusammenhängt; deshalb sind sie nach Gru-ber (1996: 196) initiierende Sprechhandlungen.

Innerhalb dieser DS ist ein Wechsel von der Präferenz- zur Dissensorganisation bzw. von der Koope-ration zur bewussten Nichtübereinstimmung zu beobachten, der durch strukturelle Markierung von Übereinstimmungsäußerungen (36, 66, 79), Präferierung von Nichtübereinstimmung als zweitem Teil von Paarsequenzen (23, 33-34, 57, 59, 63-64) und ein erhöhtes Maß an formaler Kohäsion (42-43, 46-49, 57-59) gekennzeichnet ist. Damit sind zwei der nach Gruber (1996) erforderlichen Charakte-ristika der Dissensorganisation erfüllt.

Im weiteren Verlauf sind Paarsequenzen von Vorwurf-Gegenvorwurf (21-23/24 und 35-37, 50-51) zu beobachten, wobei aber auch Vorwurf-Rechtfertigungenssequenzen (43-44/49, 56-62, 73-75) auftre-ten. Dies entspricht auch Grubers Ergebnissen zu Streitgesprächen, wonach Gegenvorwürfe die häu-figste Reaktion auf Vorwürfe darstellen. (Vgl. Gruber 1996: 205)

Generell bestehen Vorwürfe aus einem darstellenden und einem wertenden Teil (Vgl. Gruber 1996: 196). In dieser Sequenz fehlt bei den Vorwürfen jedoch der wertende Teil, was darauf zurückzufüh-ren ist, dass das Gespräch im Rahmen eines privaten 1 zu 1 Chats stattfindet und sich die Teilnehmer persönlich kennen, weshalb ihnen die Vorwürfe auch ohne Vollständigkeit bzw. Realisierung des wertenden Teils als solche erkennbar sind.

Auffällig ist, dass nur extrasituationale Vorwürfe auftreten. Dies beruht auf den technischen Bedin-

gungen der Chat-Kommunikation, wodurch DS bezüglich der Gesprächsorganisation (Sprecherwech-sel) nahezu ausgeschlossen sind.32 (Vgl. Gruber 1996: 197)

Nach Scott/Lyman (1968/1976) stehen dem Hörer nach einem Vorwurf zwei Reaktionsmöglichkei-ten offen, nämlich Rechtfertigungen (aber auch Schuldabweisung, Ausreden), die den Streit verschär-fen, oder Entschuldigungen (auch Erklärungen und Selbstkritik), die deeskalierend wirken. (Vgl. Rehbein 1972: 295). In dem Beispiel führt jedoch eine Erklärung von T1 (41-42) zu einer zweiten DS, was der Annahme Rehbeins widerspricht. In die Aushandlungsphase gelangen die Interaktions-partner aber im Einklang mit Rehbeins (1972) Ausführungen nach Rechtfertigungen (56-83) und ei-ner anschließenden Entschuldigung (84-85).

Daneben wird ein Konsens bezüglich der Beziehungskonstellation der von T1 vorgebracht wird (28 und 31) von T2 durch einen Vorwurf (30) und einen Widerspruch (33-34) verletzt bzw. in Frage ge-stellt, während T1 dieser Reaktion wiederum widerspricht (32 und 36). T2 besteht jedoch auf der Ab-lehnung des Konsens' (31-33). Hier ist auch die für DS charakteristische erhöhte formale Kohäsion zu erkennen. In den Zeilen 42-43 lässt sich die partnerbezogene Kohäsion nachweisen, da T2 die Äußerung (42: „es sind einfach schon 6 jahre“ ) aufgreift und daraus durch geringfügige Umformulierung einen Vorwurf herstellt (43). Ebenfalls partnerbezogen ist die formale Kohäsion zwischen den Äußerungen „da gabs echt nichts mehr zu erklären“ (57) und „doch, gab es[...]“ Diese Form kann in Anlehnung an Gruber (1996: 64) als thematische Opponentenkohärenz bezeichnet werden. Merkmale selbstbezogener Kohäsion sind ebenfalls zu finden, wobei diese sich auf situative (86) oder extrasituative Äußerungen (53) beziehen kann.

In Zeile 37 geht T2 auf den Vorschlag eines Face-to-face-Treffens (25-27) von T1 ein, indem er durch die Äußerung „so per chat versteht man sich ja gerne mal falsch“ (39), die Chat-Kommunikation als für den verfolgten Gesprächszweck inadäquat charakterisiert. Diese Äußerung kann als Deeskala-tionsversuch bezeichnet werden, durch den ein Übergang zur Aushandlungsphase geschaffen werden soll, wobei danach eine kurzzeitige Rückkehr zur Präferenzorganisation erfolgt (39-42). Allerdings hält diese nur kurz an, da die DS in Zeile 43 erneut eskaliert.

Ab dieser erneuten Eskalation und dem Beginn einer zweiten Vorwurfssequenz stellen beide Seiten ihre Positionen auf eine emotionale, imageverletzende Art dar (43-49), woran eine weitere mit meh-reren Themensprüngen verbundene Vorwurfssequenz anschließt, (50-83), in der beide Interaktanten auf die Vorwürfe mit Gegenvorwürfen und Rechtfertigungen (53, 56, 66, 73-75, 83) reagieren. Zu be-obachten ist außerdem, dass direkt nach Rechtfertigungen Gegenvorwürfe angebracht werden (53-54, 56, 58-60).

Der misslingende Versuch durch einlenkende Gesprächsbeiträge und Angebote in die Aushandlungs-phase überzugehen (36-42) ist ein charakteristisches Merkmal von Streitsequenzen. Während T1 ein-lenkt (40-43) beharrt T2 auf Themensprüngen, indem er einen emotional gefärbten Vorwurf realisiert (43), auf den T1 wiederum reagieren muss. Darauf folgen gegenseitige Vorwürfe, Gegenvorwürfe, Rechtfertigungen und Erklärungen bis sich T1 entschuldigt (84-85) und T2 darauf eingeht, indem er seinen Vorschlag sich zu treffen erneuert (86) und nochmals auf sein Missfallen an der Chat-Kom-munikation zur Lösung interpersoneller Konflikte hinweist (87).

Aus dieser DS geht hervor, dass beide Teilnehmer ihre Positionen nicht weiter entfalten, wobei es zu einer Reihe emotionaler Reaktionen und Gegenreaktionen kommt. An dieser Stelle droht die Kom-munikation abzubrechen, was an den kohäsiven Gesprächsbeiträgen (Perspektivenabschottung), dem Übergang zur Dissensorganisation auf inhaltlicher Ebene und den langen Pausen zu erkennen ist. Ein wichtiger Grund, weshalb die Kommunikation dennoch nicht abbricht, liegt vermutlich darin, dass die Dissensorganisation nicht auch auf die strukturelle Ebene übergreift, da kein Dissens über die Ge-sprächsorganisation auftaucht. Also kann angenommen werden, dass die DS in diesem Beispiel auf-gelöst werden kann, weil die Dissensorganisation nur auf der inhaltlichen Ebene zu finden ist und die Tatsache, dass Emotionen im Chat nicht adäquat vermittelt werden können, könnte begünstigende Auswirkungen für einen erfolgreichen Übergang zur Aushandlungsphase haben, da die Dissensorga-nisation laut Gruber (1996) einen schwächeren Einfluss auf den Gesprächsverlauf ausübt, wenn Emo-tionen schwächer sind. Die Aushandlungsphase wird also durch weniger emotionale vorherige Pha-sen gefördert. (Vgl. Gruber 1996: 98f.)

Die Darstellung der eigenen Position innerhalb einer DS kann mehr oder weniger emotional verlau-fen. (Vgl. Gruber 1996: 90) Dabei gilt die Faustregel, dass der Verlauf sich umso emotionaler gestal-tet, je weniger sich die Kontrahenten als Sprecher akzeptieren. (Vgl. ebd.) Diese Regel trifft auf das Beispiel jedoch nicht zu, da die wechselseitige Akzeptanz der Sprecherrollen nicht erkennbar gefähr-det ist, die Darstellungsphase aber dennoch von einer emotionalen Ausdrucksweise geprägt wird. Da-mit hängen die für Streitsequenzen typischen formalen Kooperationsverletzungen (gestörte Responsi-vität, Dissensorganisation) zusammen. Bemerkenswert ist auch, dass die chattypischen Überkreuz-Strukturen, die Teil des Systems des Sprecherwels sind, in Sequenzen erhöhter Emotionalität bzw. Vorwurfs-Gegenvorwurfssequenzen gehäuft auftreten, während die Paarsequenzen im restlichen Ge-sprächsverlauf paarig geordnet sind. Diese Beiträge, die jeweils zu den Überkreuzstrukturen (24-27, 66-71) führen, können als Unterbrechungen bezeichnet werden.

Die gestörte Responsivität von T2 ist nicht nur auf die Anfangsphase des Gesprächs beschränkt, son-dern lässt sich im gesamten Gesprächsverlauf nachweisen und kann als Hinweis für die mangelnde Kooperativität von T2 interpretiert werden. (Vgl. Schank/Schwitalla 1987: 35) T1 realisiert nicht nur eine höhere Anzahl an Beiträgen (77 gegenüber 69), auch die Durchschnittsäußerungslänge unter-scheidet sich signifikant.33 Diese Beobachtung liegt auch im Einklang damit, dass T2 den latenten Konflikt manifestiert (15) und das T1 derjenige ist, der einlenkende, rechtfertigende und zuletzt ent-schuldigende Gesprächsbeiträge äußert. Es scheint also, als liege der kommunikative Handlungs-druck auf der Seite von T1.

Durch das Einlenken, die Entschuldigung von T1 (84-85) und das darauf folgende Angebot zu einem erneuten Treffen erfolgt die schrittweise Rückkehr zur Präferenzorganisation, womit der Rest des Ge-sprächs als Aushandlungsphase bezeichnet werden kann, in dem ein Termin vereinbart wird (89-128), Handlungsabsprachen getroffen werden (129-140) und die Verabschiedung (141-146) erfolgt. Der Konflikt wird also nicht beigelegt, sondern verschoben.

5.2 Inhaltliche Ebene

In dem Beispiel treten inhaltliche DS auf, die einen die durch einen extrasituationalen Anlass einge-leitet werden, wobei dies auf das Vorliegen eines latenten Konflikts hinweist. Das Auftreten von extrasituationalen Anlässen in proprietären Chats kann darauf zurückgeführt werden, dass die Chat-Partner in dieser Chat-Form sich zumeist persönlich kennen. Konflikte hinsichtlich der Rollenbezie-hungen konnten nicht beobeachtet werden. Auch DS bezüglich der Regeln zur Gesprächsorganisation sind aufgrund der technischen Bedingungen der Chat-Kommunikation in den untersuchten Protokol-len nicht zu finden. Dies beruht darauf, dass DS, die sich am Sprecherwechsel, Nicht-Zuhören oder Verlassen des Gesprächsrahmens entzünden, aufgrund der chronologischen Sequenzierung der Bei-träge und der Unsichtbarkeit der Textproduktion ausgeschlossen sind. Das Verlassen des Chat-Rau-mes, was die virtuelle Entsprechung zum Verlassen des Gesprächsrahmens wäre, führte in den unter-suchen Chat-Protokollen zu keiner DS bzw. zu Vorwürfen. Dies beruht vermutlich darauf, dass den Nutzern die technische Bedingtheit der Chat-Kommunikation bewusst ist und sie daher zunächst eine nicht-imageverletzende Interpretation des Kommunikationsabbruchs präferieren, wie z.B., dass ihr Interaktionspartner den Raum nicht intentionell verlassen hat.

5.3 Formale Ebene

Zum Verlauf der DS im Untersuchungsbeispiel sei gesagt, dass er dem von Gruber für DS in der mündlichen Kommunikation aufgestellten Modell entspricht. Im Beispiel bildet den Anlass eine Kon-sensverletzung durch T2, den T1 thematisiert, woraufhin T2 der Thematisierung wiederspricht bzw. sie zurückweist. Im Anschluss formulieren beide Parteien ihre Standpunkte in Form von Vorwürfen und Gegenvorwürfen, wobei der Grad der Emotionalität der Äußerungen variiert. Auffällig ist auch, dass die Vorwurf-Gegenvorwurfssequenzen rekursiv auftreten, d.h. dass durch neue Anlässe neue DS entstehen, die dann wiederum bearbeitet werden müssen, um in die Aushandlungsphase übergehen zu können. In diese gelangen die Kontrahenten wie angedeutet durch den Vorschlag von T2 das Ge-spräch auf eine Face-to-face Situation zu verschieben, auf den T1 eingeht.

Besonders in DS, aber auch in nichtkonsensuellen Gesprächsformen im allgemeinen, kommt Phäno-menen des Sprecherwechsels, wie Überlappungen, Unterbrechungen, gestörter Responsivität und un-kooperativen Themenwechseln, eine maßgebliche Rolle zu. (Vgl. Luginbühl 2003: 70)

Das System des Sprecherwechsels basiert auf der simplen Regel, „dass – von Überschneidungen an den Übergangspunkten abgesehen– nur ein Gesprächsteilnehmer redet, während die anderen schweigen und einen ge-eigneten Moment für die Ergreifung des Rederechts34 abwarten“ (Storrer 2001: 12).

Aufgrund des Durcheinandersprechens, ist der Sprecherwechsel im Chat schwieriger zu organisieren als in Face-to-face-Gesprächen, bei denen das Turn-Taking durch Möglichkeiten zur Selbst- und Fremdwahl erleichtert bzw. organisiert wird.

Ein wichtiger Unterschied zu mündlichen Gesprächssituationen besteht in der Struktur des Rede-rechts, da in diesen der Produktions- und Äußerungsakt zeitlich zusammenfallen. Dagegen lassen sich im Chat drei Akte gegeneinander abgrenzen: 1. Produktionsakt, in dem der Produzent seinen Beitrag tippt, wobei andere keinen Einblick haben, wann und was er tippt. 2. Sendeakt, in dem durch das Drücken der Eingabe-Taste der Beitrag an den Server geschickt wird. Und 3. den Realisierungs-akt, in dem der Beitrag für alle Teilnehmer in einen Chat-Raum sichtbar wird. Der Beitrag kann also erst nach der dritten Phase von anderen rezipiert werden. Aufgrund dieser strikt sequenziellen Anord-nung der Beiträge treten im Chat nach Werry (1996: 51) weder Überlappungen, noch Unterbrechun-gen auf. (Siehe auch Beißwenger 2003: 206)

Fremdwahl tritt in der Chat-Kommunikation häufig auf. In unmoderierten IRCs stellt das Durchei-nander mehrerer Gesprächsstränge im selben Raum hohe Anforderungen an die Gesprächspartner, die nicht nur schnell produzieren und rezipieren, sondern auch beachten bzw. erkennen müssen, an welche/-n Teilnehmer ein Beitrag gerichtet ist und welche kommunikativen Erwartungen in diesen, an sie gestellt werden. (Vgl. Beißwenger 2003: 198-23) Diesem Problem wird durch die direkte Adressierung des gewünschten Gesprächspartners mit einem @-Zeichen und dem jeweiligen Nicknamen der Person oder einer Kurzform davon entgegenzuwirken versucht. Runkehl et al. (1998: 90) unterscheidet in Chats initiale (Unicum I: 428: @rebell, ja das denke ich auch *g*) und nichtinitiale Adressierungen (Unicum I: 105: durchaus verwertbar@wölfin).38 Wie auch Werry (1996: 52) betont, erleichtern Adressierungen die Zuordnung von Gesprächssequenzen und verhindern Missverständnisse. Sie werden auch von Wilkens (2005: 40-43) als Mittel zur Fremdwahl und Kompensationsmöglichkeit der fehlenden nonverbalen Elemente benannt und erweisen sich im Chat als äußerst sinnvoll, um der referenziellen Ambiguität von Äußerungen entgegenzuwirken. (Vgl. Bader 2003: 53)

Die Selbstwahl ist im Chat einfacher, da prinzipiell allen Teilnehmern eines Chats aufgrund der Un-sichtbarkeit der Textproduktion und der technisch unbeschränkten Möglichkeit Äußerungen zu pro-duzieren simultan das Rederecht zukommt.

Obwohl ich es für zutreffend halte, dass vor allem Überlappungen in Chats kaum zu realisieren sind, können chatsprachliche Entsprechungen für Unterbrechungen benannt werden, womit ich mich Schönfeldts (2001) Annahmen anschließe.

In Chats ergeben sich aufgrund der angesprochenen zeitlichen Verzögerung bei der Übertragung, oder wie in dem Untersuchungsbeispiel aufgrund der erhöhten emotionalen Involviertheit, häufig Überkreuz-Strukturen bzw. nach Storrer (2001a: 453) eine „Verschränkung von Gesprächssträngen“, wo-bei zwei aufeinander bezogene Turns durch Beiträge anderer Produzenten unterbrochen werden. Al-lerdings ist es wichtig zu betonen, dass derartige Unterbrechungen, im Unterschied zu den Entspre-chungen in der Face-to-face-Kommunikation, nicht bewusst in der Absicht realisiert werden, einen Interaktionspartner zu unterbrechen, sondern sind die logische Folge parallel laufender Einzelgesprä-che im selben Raum oder können eine Form von Überlappungen darstellen, da die Gesprächspartner aufgrund der Unsichtbarkeit der Textproduktion gleichzeitig Äußerungen produzieren, um im Ge-sprächsverlauf keine lange Pause entstehen zu lassen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: Focus-Chat)

In dem Beispiel ist ein Experte der Firma Microsoft, Christoph Hochstädter, zu einem Expertenchat eingeladen worden, wo er ca. eine Stunde lange von zahlreichen Teilnehmern intensiv zu technischen Einzelheiten befragt wird. Aus dieser kurzen Sequenz geht hervor, dass dieser (Chochstaedter) durch die vier Beiträge in den Zeilen 6, 8, 11 und 13 versucht, einen kommunikativen Zug35 zu realisieren. Dabei zeigt er durch die drei turnfinalen Punkte, die an seine ersten drei Beiträge angehängt sind und als Pausenzeichen bezeichnet werden können, dass er zum einen seinen Turn noch nicht beendet hat und zum anderen auch, dass er weiterhin das Rederecht beansprucht. (Vgl. Storrer 2001: 3-24) Er teilt also seinen kommunikativen Zug in mehrere Beiträge auf, damit die Teilnehmer wissen, dass er einen Beitrag produziert, da sie dies ja weder hören noch sehen können. Dies lässt sich als Anpassung des Rederechts an die technischen Bedingungen der Chat-Kommunikation interpretieren. Das Ende seines kommunikativen Zugs signalisiert er schließlich dadurch, dass der Satz syntaktisch beendet ist und an den letzten Beitrag keine Punkte angehängt werden. Allerdings wird er bei diesem Versuch durch die anderen Nutzer mehrfach unterbrochen. Da nach Gruber (1996: 60) Äußerungen als Unterbrechungen eingeordnet werden, „[...] wenn ein Sprecher, der nicht am Wort ist, an einer Stelle, die keine Transition Relevance Place ist, versucht einen Redebeitrag zu plazieren, der kein Hörersignal ist“, können die Beiträge der Laien als Unterbrechungen bzw. Unterbrechungsversuche gedeutet werden.

Die Tatsache, dass er nach den Einzelbeiträgen unterbrochen wird, verweist darauf, dass diese in An-lehnung an Gruber (1996) als disagreement relevant places (DRP) bezeichnet werden können, also

als Punkte an denen Teilnehmer mit widersprechender Meinung mit ihrer Kritik ansetzen können. Dies könnte zwar als versuchter Sprecherwechsel bewertet werden, allerdings können diese im Chat schwer als erfolgreich oder nicht erfolgreich eingestuft werden. Neben dem ungefährdeten Rederecht ist auch der theoretisch unbegrenzte Zeitraum, der den Interaktanten in unmoderierten Chats zur Ver-fügung steht, ein wichtiger Grund, weshalb in diesen kaum verbal ausgetragene Konflikte um das Rederecht auftreten.36

5.4 Kompensations- und Substitutionsmöglichkeiten

In der Face-to-face-Kommunikation stehen den Interaktionspartnern mehrere Wahrnehmungskanäle zur Verfügung, über die sie bewusst oder unbewusst kommunizieren können. In der Chat-Kommuni-kation kann dagegen nur ein Wahrnehmungskanal genutzt werden, durch den Nutzer versuchen, die fehlenden Kanäle zu kompensieren. Jedoch tun sie dies nicht, indem sie die nicht vermittelbaren non- und paraverbalen Elemente verbalisieren (Vgl. Beißwenger 2000: 95), da dies der geforderten ökono-mischen Verschriftlichung im Chat widersprechen und die Kommunikation erschweren würde. (Vgl. Beißwenger 2000: 96) Vielmehr führt die Aufgabe der Kompensation und Substitution sprechsprach-licher Kommunikationselemente zu semiotischen, lexikalischen und morphologischen Innovationen. (Siehe Kap. 2.2.2) Diese sind kurz und bieten eine „weitestmögliche Angleichung der Geschwindigkeit der Schriftproduktion an die aus der Vis-á-Vis-Kommunikation gewohnte Geschwindigkeit der Lautproduktion zu er-reichen“ (Beißwenger 2000, 95). Diese sich zunehmend verbreitende kommunikative Handlungsweise kann als kreative Reaktion auf die technische Beschränktheit der Kommunikationssituation bewertet werden. (Vgl. Glenewinkel 2003: 6f)

Storrer (2000: 170) weist jedoch auf eine wichtige Unterscheidung hin: „Während Mimik und Gestik im Face-to-face-Gespräch nicht ausgeblendet werden können, ist der Einsatz von Emotikons optional. Es handelt sich also um intentional gesetzte Zeichen.“ Bei den untersuchten Chat-Protokollen fällt auf, dass Emoticons, aber auch andere Kurzformen, in nichtkonsensuellen Gesprächsformen im Vergleich zu restlichen Chat-Gesprächen unterrepräsentiert sind.39 In nichtkonsensuellen Chat-Gesprächen sind sie nur im Rahmen einer gemischten oder humoristischen Interaktionsmodalität zu finden. Auch im Untersu-chungsbeispiel tritt ein einziges Emoticon auf (Z. 78), das der Verdeutlichung einer sarkastischen Äußerung dient.40 Dies scheint ein Hinweis darauf zu sein, dass die Nutzer, die Tatsache Emotionen bei DS im Chat ausblenden zu können als vorteilhaft betrachten, da diese im Zusammenhang mit ei-ner Identitätsbedrohung zur Eskalation eines Gesprächs führen können. (Vgl. Rehbock 1987: 177) Da sich das Auftreten von Emotionen in DS nach Gruber (1996: 81) „zwangsläufig daraus (ergibt), daß in ihnen gegensätzlichen Handlungen und Ziele verfolgt werden“, kann das Ausbleiben von emotionsanzeigen-den Elementen in nichtkonsensuellen Chat-Gesprächen der ernsten Interaktionsmodalität dem Zweck dienen, die eigene emotionale Involviertheit zu verbergen (z.B. um keine entsprechende emotionale Reaktion zu erhalten). In Anlehnung an Wilkens (2005), die annimmt, dass durch die Verwendung von Emoticons fehlende Nähe kompensiert wird, kann also angenommen werden, dass durch ihre Vermeidung (emotionale) Distanz hergestellt wird, die für die Lösung eines Konflikts vorteilhaft sein kann.

6. Fazit

In den im Rahmen dieser Arbeit untersuchten Chats und Chat-Protokollen fällt auf, dass DS allge-mein sehr selten auftreten. Allerdings lassen sich hinsichtlich ihres Auftretenskontexts Unterschiede feststellen. In moderierten Chats treten DS auf, die als Argumentation bezeichnet werden können, wobei kaum emotionale Äußerungen auftreten, Behauptungen begründet werden und die Kontrahen-ten auf der formalen Ebene kooperieren.41

In den untersuchten 16 moderierten Chats und unmoderierten IRCs traten keine Streitsequenzen auf, wobei aber darauf hingewiesen werden muss, dass beide Formen der öffentlichen Chat-Kommunika-tion sind. Streitsequenzen sind dagegen eher in Privatchats zu erwarten, wie auch Luginbühl (2003: 72) annimmt. Dies bedeutet jedoch nicht, dass in IRC keine Äußerungen vorhanden sind, die einen Streitanlass darstellen können. Vielmehr wird auf diese, entweder weil sie indirekte Angriffe darstel-len und sich die Teilnehmer aufgrund der Anonymität nicht angesprochen fühlen oder weil die Pro-duzenten durch angehängte Emoticons die Ernsthaftigkeit eines möglichen Streitanlasses selbst relativieren, nicht eingegangen.

Einen Grund für das Fehlen von nichtkonsensuellen Sequenzen im IRC liefert Gebhardt (2001), der meint, dass für die meisten Nutzer von unmoderierten Chats die zwanglose, unverbindliche Small Talk-Kommunikation mit Unbekannten und die Pflege von „Chat-Bekanntschaften“ im Vordergrund steht. (Vgl. Gebhardt 2001: 5) In einer derartig anonymen und unverbindlichen Kommunikationsform sind DS und Streitsequenzen kaum erwartbar.

Dementsprechend sind Streitsequenzen eher in proprietären Chats (ICQ oder MSN-Messenger) zu beobachten, wobei dies zu der Annahme führt, dass dies auf den zahlreichen Möglichkeiten beruht, die diese zur Darstellung para- und nonverbaler Elemente der Sprache bieten, wodurch die Herstel-lung emotionaler Nähe gefördert wird. Auffällig ist, dass in nichtkonsensuellen Gesprächssequenzen keine Emoticons genutzt werden, obwohl durchaus vorgefertigte Formen bereitstehen, durch die z.B. Verärgerung und Wut ausgedrückt werden können.42 Emotionale Merkmale können in DS allenfalls der formalen Struktur von Äußerungen entnommen werden. Sie werden nicht nur, wie aus dem Un-tersuchungsbeispiel hervorgeht durch Übertreibungen oder Imperative ausgedrückt, sondern auch die Reduplikation von Satzzeichen („fahr zum summerjam !!!!!!!!!!!!!!!;)“ ICQ 8: 36) oder Buchstaben („hätte nicht sooooooooooo lust mit der den abend zu verbringen“ ICQ 6: 43). Ein anderer Grund für das verstärkte Auftreten emotionaler Ausdrucksweisen in proprietären Chats könnte darin liegen, dass in diesen nur mit einem Interaktionspartner gechattet wird, wodurch die Konzentration auf den Partner und damit die beziehungsmäßige Involviertheit stärker ausgesprägt ist, als in anonymen Plauderchats. Daraus geht hervor, dass die Wahrscheinlichkeit eines kommunikativ ausgetragenen Konflikts bzw. eines Dissens' umso mehr steigt, je spontaner und emotional-affektiver eine Gesprächssituation geprägt ist. Dabei führt die emotionale und beziehungsmäßige Involviertheit zu nichtkonsensuellen Gesprächs-formen, die sich aufgrund sprachlicher, para- und nonverbaler und struktureller Merkmale als Streit charakterisieren lassen.43

Zum Verlauf von DS sei gesagt, dass sie auch in Chats durch persönliche Angriffe, Beleidigungen, Widerspruchs- oder Vorwurfssequenzen eingeleitet werden. Dabei ist zu beobachten, das schnell die Beziehungsebene in den Vordergrund rückt und Beiträge realisiert werden, die den Partner negativ bewerten. Die dreigliedrige Struktur von Anlass – Formulierung der gegnerischen Standpunkte – Aushandlungsphase konnte auch auf das Untersuchungsbeispiel übertragen werden. Daraus geht her-vor, dass kontextuelle Faktoren, wie die technische Beschränktheit der Chat-Kommunikation, zwar einen hemmenden oder fördernden Einfluss auf die kommunikative Austragung von DS ausüben können, die grundsätzliche Struktur von DS bleibt jedoch gleich, wie auch Gruber (1996: 320f) für verschiedene mediale Kontexte belegen konnte. Allerdings unterscheiden sich die Kontexte je nach ihrem Einfluss auf die Konfliktlösung. (Vgl. ebd.)

Da Streitsequenzen im Chat nicht gelöst werden, scheint in ihnen nicht die Lösung eines Konflikts im Vordergrund zu stehen, sondern seine Bearbeitung. Die Hemmschwelle sich aus dem Raum zu ent-fernen ist im IRC aufgrund der Anonymität sehr niedrig. In proprietären Chats, wo sich die Nutzer häufig persönlich kennen, war das Verlassen des Raums ohne eine Aushandlung der DS in den unter-suchten Protokollen nicht zu beobachten.44 Der Unterschied zwischen IRC und proprietären Chats kann darauf zurückgeführt werden, dass Nutzer in proprietären Chats bei einem Dissens bzw. Kom-munikationsabbruch weitreichendere Folgen auf der Beziehungsebene zu befürchten haben und auch ihr Image stärker bedroht sehen. Die Nähe auf der Beziehungsebene bringt auch eine stärkere emotio-nale Involviertheit mit sich, die durch die virtuelle Privatheit der 1zu1 Kommunikationssituation in proprietären Chats noch intensiviert wird.

Generell konnte beobachtet werden, dass der IRC verglichen mit der Face-to-face-Kommunikation große Unterschiede im Hinblick auf die Organisation von Gesprächen aufweist. In unmoderierten Chats eskalieren nichtkonsensuelle Gesprächssequenzen sehr schnell, wobei Emoticons nur selten und gezielt eingesetzt werden. Dagegen bestehen zwischen Face-to-face-Situationen und proprietären Chats auf formaler Ebene mehr Ähnlichkeiten. (Siehe Kap. 4.1) Während im Beispiel (ICQ 7) eine Aushandlungsphase herbeigeführt werden konnte, fehlt diese im IRC völlig.

Daneben konnte festgestellt werden, dass sich Streitsequenzen im Chat nicht nur hinsichtlich der for-malen Merkmale (schnelle Eskalation, fehlende Beendigungs-/Aushandlungspahse) von den entspre-chenden Face-to-face-Kommunikationsformen unterscheiden, sondern auch hinsichtlich der Funk-tion. Obwohl Streitsequenzen in proprietären Chats eine diesen sehr ähnliche formale Organisation aufweisen, scheint ihre Funktion nicht in der Lösung, sondern in der Aushandlung von Konflikten zu bestehen, wobei im unmoderierten Chat generell die phatische Funktion der Kommunikation im Vor- dergrund steht. Durch die Austragung von Streitsequenzen im Chat können die Grundpositionen zu einem Konflikt ausgehandelt werden, ohne dass die Emotionen der Beteiligten zur Eskalation bzw. zum Abbruch der Kommunikation führen können. Zur Minderung des Eskalationspotentials einer DS im Chat trägt vermutlich auch bei, dass die Teilnehmer reflektierter handeln können, da sie sich für eine Reaktion auf einen Vorwurf, einen Angriff oder eine Entschuldigung mehr Zeit nehmen können, als in der mündlichen Kommunikation, ohne dass dies negative Folgen auf der Beziehungsebene nach sich zieht. Daneben kann die schriftliche Fixiertheit der Beiträge und damit die Möglichkeit diese wiederholt zu rezipieren, inhaltliche Missverständnisse reduzieren.

Im IRC liegt die Funktion von nichtkonsensuellen Gesprächsformen hauptsächlich nicht in der Lö-sung von Konflikten, sondern in der Provokation anderer Nutzer und der Profilierung der eigenen Rolle.45 (Vgl. Luginbühl 2003: 85f) Provokationen funktionieren im Chat-Medium auch deshalb, weil durch die technischen und kommunikativen Rahmenbedingungen und die starke Orientierung an der Mündlichkeit (Spontaneität der Äußerungen/ Emotionalität) Nähe vermittelt wird. (Kap. 3; Vgl. Storrer 2001a) Das besondere Merkmal der Chat-Kommunikation ist eben diese Kombination anonymer Kommunikation bei simultaner Suggerierung von Nähe. (Vgl. Thimm 2001: 260)

Der unterschiedliche Verlauf DS im Chat kann als Indiz für die Vielfältigkeit des Mediums bewertet werden, welches den Nutzern, neben den verschiedenen technischen Bedingungen, nahezu keine Be-schränkungen in Bezug auf die Gesprächsorganisation auferlegt. Da diese Arbeit sich aber nur auf DS in unmoderierten Chats konzentrierte, muss offen bleiben wie die kommunikative Aufgabe der DS in anderen Chat-Umgebungen gelöst wird. Zu erwarten ist jedoch, dass sich chatsprachliche Konventionen entwickeln, die die Gesprächsorganisation erleichtern bzw.verändern. Die Regeln der Chat-Kommunikation müssen also immer wieder den Umständen und den Bedürfnissen der Nutzer angeglichen werden.

Literaturverzeichnis

Androutsopoulos, Jannis K./ Ziegler, Evelyn (2003): Sprachvariation und Internet: Regionalismen

in einer Chat-Gemeinschaft. Mannheim/ Freiburg i. Brsg.

Apeltauer, Ernst (1987): Element und Verlaufsformen von Streitgesprächen. Universität Münster:

phil. Diss.

Bader, Jennifer (2002): Schriftlichkeit und Mündlichkeit in der Chat-Kommunikation. In: Networx

29.

URL (10.10.2007): http://www.mediensprache.net/networx/networx-29.pdf

Baros, Wassilios (2004): Konfliktbegriff, Konfliktkomponenten und Konfliktstrategien In: Fuchs,

A./Sommer, G. (Hg.). Frieden und Krieg. Lehrbuch Friedenspsychologie Beltz Verlag

URL (08.10.2007): http://www.empirische-migrationsforschung.de/Baros-

Konflikt.pdf

Beißwenger, Michael (2000): Kommunikation in virtuellen Welten: Sprache Text und Wirklichkeit.

Eine Untersuchung zur Konzeptionalität von Kommunikationsvollzügen und zur textuellen Konstruktion von Welt in synchroner Internet-Kommunikation, exemplifiziert am Beispiel eines Webchats. Stuttgart: ibidem.

Beißwenger, Michael (2003): Sprachhandlungskoordination im Chat. In: Zeitschrift für

germanistische Linguistik 31, S. 198-231.

Beißwenger, Michael / Storrer, Angelika (2005): Chat-Szenarien für Beruf, Bildung und Medien.

In: Beißwenger, Michael / Storrer, Angelika (Hrsg.) (2005): Chat-Kommunikation in Beruf, Bildung und Medien: Konzepte –Werkzeuge – Anwendungsfelder. Stuttgart: ibidem, S. 10-25

Beißwenger, Michael (2005a): Interaktionsmanagement in Chat und Diskurs. Technologiebedingte

Besonderheiten bei der Aushandlung und Realisierung kommunikativer Züge in Chat-Umgebungen. In: Beißwenger, Michael / Storrer, Angelika (Hrsg.) (2005): Chat-Kommunikation in Beruf, Bildung und Medien: Konzepte –Werkzeuge – Anwendungsfelder. Stuttgart: ibidem, S. 63-87

Beißwenger, Michal (in press): Getippte „Gespräche“ und ihre trägermediale Bedingtheit. Zum

Einfluss technischer und prozeduraler Faktoren auf die kommunikative Grundhaltung beim Chatten. In: MODERNE ORALITÄT. Hrsg. v. Ingo W. Schröder und Stéphane Voell. Marburg, Curupira.

Bittner, Johannes (2003): Digitalität, Sprache, Kommunikation. Eine Untersuchung zur Medialität

von digitalen Kommunikationsformen und Textsorten und deren varietätenlinguisti-scher Modellierung. Berlin: Schmidt

Brinker, Klaus/ Sager, Sven F. (1996): Linguistische Gesprächsanalyse. Eine Einführung. 2.,

durchgesehene und ergänzte Auflage. Berlin: Erich Schmidt 1996 (= Grundlagen der Germanistik 30)

Bußmann, Hadumod (Hrsg.) (2002): Lexikon der Sprachwissenschaft. Dritte, aktualisierte und

erweiterte Auflage.Stuttgart: Alfred Kröner Verlag

Chi, Tobias (2005): Der Chat – Diskurs, Text, kommunikative Gattung?. Hausarbeit Deutsche

Sprachwissenschaft. Zürich: Universität Zürich

Davitz, Joel R. (Hrsg) (1976): The Communication of Emotional Meaning. Westport, Connecticut:

Greenwood Press

Dittmann, Jürgen (2006): Konzeptionelle Mündlichkeit in E-Mail und SMS. In: Interkultureller

Fremdsprachenunterricht: Grundlagen und Perspektiven. Hg. Ulrike Reeg. Bari: Pagina, 79-97.

Döring, Nicola (1999): Sozialpsychologie des Internet. Die Bedeutung des Internet für

Kommunikationsprozesse, Identitäten, soziale Beziehungen und Gruppen. Göttingen, Bern, Toronto, Seattle, Hogrefe: Verlag für Psychologie

Döring, Nicola (2001): Belohnungen und Bestrafungen im Netz: Verhaltenskontrolle in Chat-

Foren. In: Gruppendynamik und Organisationsberatung 32/2. S. 109-143.

Fiehler, Reinhard (1992): Grenzfälle des Argumentierens. „Emotionalität statt Argumentation“ oder

„emotionales Argumentieren“?. In: Sandig, B./ Püschel, U. (Hrsg.) (1992): Stilistik III: Argumentationsstile. (=Germanistische Linguistik 112-113), S. 149-175.

French, Peter/ Local, John (1983): Turn competitive incomings. Journal of Pragmatics, 1990/14,

383-395.

Galtung, Johan (1998): Frieden mit friedlichen Mitteln, Friede und Konflikt, Entwicklung und

Kultur. Opladen

Gebhardt, Julian (2001): Inszenierung und Verortung von Identität in der computervermittelten

Kommunikation. Rahmenanalytische Überlegungen am Beispiel des „Online-Chat“. Erfurt: Universität Erfurt.

URL (08.10.2007): http://www.soz.uni-frankfurt.de/K.G/B7_2001_Gebhardt.pdf

Geers, Rainer (1999): Der Faktor Sprache im unendlichen Daten(t)raum. Eine linguistische

Betrachtung von Dialogen im Internet Relay Chat. In: Naumann, Bernd (Hrsg.): Dialouge analysis and the mass media. Tübingen: Niemeyer, S. 83-100

Glenewinkel, Johanna (2003): Charakteristika der Chat-Kommunikation. Am Beispiel der

unmoderierten und moderierten Chats. Hauptseminararbeit an der Pädagogischen Hochschule Freiburg im Hauptseminar Sprachwissenschaft zum Thema „Text- und Gesprächsstile“. Freiburg

Glück, Helmut (Hg.) (2000): Metzler Lexikon Sprache. Zweite, überarbeitete und erweiterte

Auflage. Stuttgart/Weimar: Verlag J.B. Metzler

Goffman, Erving (1996): Interaktionsrituale. Ueber Verhalten in direkter Kommunikation.

Frankfurt a. M. 1996, S. 10.

Goldmann, Martin/ Herwig, Claus/ Hooffacker, Gabriele (1995): Internet: Per Anhalter durch das

globale Datennetz. München: Systhema Verlag

Grommes, Patrick (2005): Prinzipien kohärenter Kommunikation. Dissertation zur Erlangung des

akademischen Grades doctor philosophiae. Eingereicht an der Philophischen Fakultät II. Berlin, Humboldt Universität

Gruber, Helmut (1996): Streitgespräche. Zur Pragmatik einer Diskursform. Opladen: Westdeutscher

Verlag

Günthner, Susanne (1993): Diskursstrategien in der interkulturellen Kommunikation. Analysen

deutsch-chinesischer Gespräche. Tübingen.

Harris, Sandra (1989): Defendant resistance to power and control in court. In: Coleman, Hywel

(Hrsg.): Working with language. A multidisciplinary consideration of language use in work contexts. Berlin: de Gruyter, S. 131-165

Henne, Helmut/ Rehbock, Helmut (1982): Einführung in die Gesprächsanalyse. Zweite, verbesserte

und erweiterte Auflage. Berlin, New York: de Gruyter (= Sammlung Göschen 2212)

Keim, Inken (1996): »Verfahren der Perspektivenabschottung und ihre Auswirkung auf die

Dynamik des Argumentierens.« In: Kallmeyer, Werner (Hg.): Gesprächsrhetorik. Rhetorische Verfahren im Gesprächsprozess. Tübingen (= Studien zur deutschen Sprache, Bd. 4), S. 191–277.

Koch, Peter/ Oesterreicher, Wulf (1985): Sprache der Nähe – Sprache der Distanz. Mündlichkeit

und Schriftlichkeit im Spannungsfeld von Sprachtheorie und Sprachgeschichte. In: Romanistisches Jahrbuch 36, S. 15-43.

Koch, Peter/ Oesterreicher, Wulf (1990): Gesprochene Sprache in der Romania: Französisch,

Italienisch, Spanisch. Tübingen: Max Niemeyer Verlag (= Romanistische Arbeitshef-te 31)

Koch, Peter/ Oesterreicher, Wulf (1994): Schriftlichkeit und Sprache. In: Günter, Hartmut / Otto,

Ludwig (Hrsg.): Schrift und Schriftlichkeit. Writing and ist use. Ein interdisziplinäres Handbuch internationaler Forschung. 1. Halbband. Berlin / New York: de Gruyter. (=Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft 12.1), S. 587-604

Lee Robert (1964): Religion and Social Conflict: An Introduction, in: Lee, Robert/Marty, Martin E.

(Hrsg.): Religion and Social Conflict. New York

Lemnitzer, Lothar / Naumann, Karin (2001): „Auf Wiederlesen!“ – das schriftlich verfaßte

Unterrichtsgespräch in der computervermittelten Kommunikation. Bericht von einem

virtuellen Seminar. In: ? Beißwenger, Michael (Hrsg.) (2001), S. 470-491.

Lenke, Nils/ Schmitz, Peter (1995): Geschwätz im ‚Globalen Dorf’ – Kommunikation im Internet.

In: Neue Medien. OBST 50 (Osnabrücker Beiträge zur Sprachtheorie). Hrsg. von Schmitz, Ulrich, S. 117-141.

Linke, Angelika/ Nussbaumer, Markus/ Portmann, Paul R. (2004): Studienbuch Linguistik. Ergänzt

um ein Kapitel „Phonetik/Phonologie“ von Urs Willi. 5., erweiterte Auflage. Tübingen: Max Niemeyer Verlag (= Reihe Germanistische Linguistik)

Luginbühl, Martin (2003): Streiten im Chat. In: Chat-Forschung. Chat Analysis. Hrsg. Von Elke

Hentschel (= Reihe Linguistik Online 15, 3/03), S. 69-81

Oatley, Keith (1992): Best laid schemes. The psychology of emotions. Cambridge: Cambridge

University Press

Pettersson, Helena (2001): Zur Darstellung des nonverbalen Sprachverhaltens im Chat am

Beispiel eines IRC-Korpus. Göteborg. (= D-uppsats. Institutionen för tyska och nederländska. Göteborgs universitet).

Pomerantz, Anita (1984): Agreeing and disagreeing with assessments: some features of

preferred/dispreferred turn shapes. In: Atkinson, M.J./ Heritage, J. (Hrsg), S. 57-102

Rehbock, Helmut. 1987. Konfliktaustragung in Wort und Spiel: Analyse eines Streitgesprächs von

Grundschulkindern. Konflikte in Gesprächen, ed. by G. Schank; and J. Schwitalla, 176-239. Tübingen: Narr.

Ropers, Norbert (2002): Friedensentwicklung, Krisenprävention und Konfliktbearbeitung

Technische Zusammenarbeit im Kontext von Krisen, Konflikten und Katastrophen, Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ), Eschborn 2002,

URL (10.10.2007): http://www2.gtz.de/dokumente/bib/02-5163.pdf

Runkehl, Jens/Schlobinski, Peter/Siever, Torsten (1998): Sprache und Kommunikation im Internet.

Überblick und Analysen. Opladen/Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.

Sacks, Harvey/ Schegloff, Emanuel/ Jefferson, Gail (1974): A simpliest systematics for the

organization of Turn-Taking in conversation. In: Language, 1974/50, 697-735

Schank, Gerd/ Schwitalla, Johannes (Hrsg.) (1987): Konflikte in Gesprächen. Tübingen (= Tübinger

Beiträge zur Linguistik 296) : Narr.

Scherer, Klaus (1985): Vocal Affect Signalling: A Comparative Approach. In J. Rosenblatt, C.

Beer, M.-C. Busnel, & P.J.B. Slater (Hg), Advances in the study of behavior, Vol. 15. (pp. 189-244). New York: Academic Press, S. 189-238

Schmidt, Gurly (2000): Chat-Kommunikation im Internet – eine kommunikative Gattung? In:

Thimm, Caja (Hrsg.): Soziales im Netz. Sprache, Beziehungen und Kommunikationskulturen im Internet. Opladen / Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, S. 109-130.

Schönfeldt, Juliane (2001): Die Gesprächsorganisation in der Chat- Kommunikation. In:

Beißwenger, Michael (Hrsg.) (2001): Chat-Kommunikation. Sprache, Interaktion, Sozialität & Identität in synchroner computervermittelter Kommunikation. Perspektiven auf ein interdisziplinäres Forschungsfeld. Stuttgart: ibidem. S. 25-53

Schwitalla, Johannes (1997): Gesprochenes Deutsch. Eine Einführung. Berlin: Erich Schmidt

Verlag (= Grundlagen der Germanistik 33)

Spiegel, Carmen (1995): Streit. Eine linguistische Untersuchung verbaler Interaktionen in

alltäglichen Zusammenhängen. Tübingen. (= Forschungsberichte des Instituts für deutsche Sprache 75) verfügen

Storrer, Angelika (2000): Schriftverkehr auf der Datenautobahn: Besonderheiten der schriftlichen

Kommunikation im Internet. In: Boehnke, Klaus / Holly, Werner / Voß, G. Günter (Hrsg.): Neue Medien im Alltag. Begriffsbestimmungen eines interdisziplinären Forschungsfeldes. Opladen: Leske + Buderich, S.151-175.

Storrer, Angelika (2001): Getippte Gespräche oder dialogische Texte? Zur kommunikationstheore-

tischen Einordnung der Chat-Kommunikation. In: Lehr, Andrea/Kammerer, Matthias

et al. (Hrsg.): Sprache im Alltag. Beiträge zu neuen Perspektiven der Linguistik.

Herbert Ernst Wiegand zum 65. Geburtstag gewidmet. Berlin/New York: de Gruyter,

S. 439-465.

Storrer, Angelika (2001a): Sprachliche Besonderheiten getippter Gespräche:

Sprecherwechsel und sprachliches zeigen in der Chat-Kommunikation. In: Beißwenger, Michael (Hrsg.): Chat-Kommunikation. Sprache, Interaktion, Sozialität & Identität in synchroner computervermittelter Kommunikation. Perspektiven auf ein interdisziplinäres Forschungsfeld. Stuttgart: ibidem 2001, Seite 3-24

Talbot, Mary (1992): „I wish you'd stop interrupting me!“: Interruptions and asymmetries of

speaker-rights in equal encounters. Journal of Pragmatics, 1992/18, 451-466

Thimm, Caja/ Kruse, Lenelis (1993): The Power-Emotion Relationship in Discourse. Spontaneous

Expression of Emotions in Asymmetric Dialogue. Journal of Language and Social Psychology (Special Issue on „Emotional Communication, Culture and Power, ed. By Cynthia Gallois), 1993/12, 1/2, S. 81-103

Thimm, Caja (2001) Funktionale Stilistik in elektronischer Schriftlichkeit: Der Chat als

Beratungsforum. In: Beißwenger, Michael (Hg.) Chat-Kommunikation Sprache, Interaktion, Sozialität & Identität in synchroner computervermittelter Kommunikation. Perspektiven auf ein interdisziplinäres Forschungsfeld. Stuttgart: ibidem S. 255-278

Watts, Richard J. (1991): Power in Family Discourse. Berlin (=Contributions to the Sociology of

Language [CSL] 63): Mouton de Gruyter

Werry, Christopher C. (1996): Linguistic and Interactional Features of Internet Relay Chat. In:

Computer-Mediated Communication. Linguistic, Social and Cross-Cultural Perspectives. Hg. Von Susan C. Herring. Amsterdam, Philadelphia: John Benjamins Publishing Company (= Pragmatics and beyond 39), S. 47-63

Wilkens, Nicole (2005): Sprachliche Besonderheiten der Chat-Kommunikation in verschiedenen

Zweckbereichen. Dortmund: Universität Dortmund

Wirth, Uwe (2002): Schwatzhafter Schriftverkehr. Chatten in den Zeiten des Modemfiebers. In:

Münker, Stefan / Roesler, Alexander (Hrsg.): Praxis Internet. Kulturtechniken der vernetzten Welt. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 208-231.

Zanner, Wibke (2004/2005): Gesprächsorganisation im Chat. Dortmund: Universität Dortmund

Zifonun, Gisela / Hoffmann, Ludger et al. (1997): Grammatik der deutschen Sprache. Berlin / New

York: de Gruyter.

Internet-Quellen:

Bluewin: URL (08.10.2007): http://de.bluewin.ch/services/index.php/chat/

BPB: URL (10.10.2007): http://www.bpb.de/themen/V24LGM,0,0,Was_ist_ein_Konflikt.html

Heise: URL (08.10.2007): http://heise.forenwiki.de/index.php?title=Troll

Maoxian: URL (10.10.2007): http://maoxian.com/archive/category/chat-transcripts/

Mediensprache: URL (12.10.2007): http://www.mediensprache.net/de/websprache/chat/index.asp

NetWiki:

URL (10.10.2007): http://www.net-wiki.de/index.php?title=Computervermittelte_Kommunikation

Abbildungsnachweis:

Abbildung I – Konfliktdreieck nach Johan Galtung:

URL (08.10.2007) http://www.bpb.de/themen/V24LGM,0,Was_ist_ein_Konflikt.htm

Textkorpus

Elefantenrunde, Aufgezeichnet am 18.09.2005

Bsp. 1:

A: meine meine/ mei/ meine fra/ meine FRAge an sie ist sie wollten stärkste Partei werden? +das

S: ja . Bitte . Bitte + ja?

A: werden sie/ die frage werden sie beantworten / +jawoll? sie haben das nicht

S: sehr knapp? * wahrscheinlich nicht

A: erreicht? * sie haben das drittschlechteste ergebnis einer sozialdemokratischen Partei/ in dieser

S: NE?

A: republik erreicht? * DESwegen frage ich sie? * ist es nicht erlaubt zu fragen ob sie auch

S: aber herr brender das is/ Das ist doch das, was sie fortsetzen

A: verloren haben? +ja also bitte

S: +Natürlich ist das erlaubt +verglichen mit dem letzten Wahlergebnis haben wir

S: verlo:ren? . ist doch gar keine FRAge? * aber verglichen mit DEM? * was in dieser

S: republik? * geschRIEben und gesendet worden ist? * gibt es einen EINdeutigen verlierer und DASS

S: ist nun wirklich? frau MERkel * und das sollten sie: auch mal zur kenntnis nehmen? * ?das

B: herr schrö:der vielleicht haben sie nicht/ vielleicht haben sie

S: ist ja doch so:? * und deswegen sage ich entschuldigung

B: nicht zugehört? * der kollege hat SIE hat frau merkel gerade darauf hinge/ hingewie:sen?

S: entschuldigung darf ich auch mal red/

A: * dass sie verloren hat?

S: +?darf ich auch mal reden oder wolln sie mich ständich unterbrechen?

A: +(seufzt)

S: * wir haben verlo:rn ist doch gar keine Fra:ge? und das schmerzt mich? aber

S: verglichen mit DEM? von wo wir ka: men? ?herr brender? ähm von 24 prozent nämlich

S: * verglichen mit dem? was wir erleben mussten? * in den letzten wochen und monaten

S: bin ich wirklich stolz'' * auf meine partei . auf die menschen . die mich unterstützt

S: ha:ben? die uns gewählt ha:ben und die ähm/ uns ein Ergebis beschert haben? . Das

S: EINdeutig ist? * jedenfalls eindeutig? * dass ''niemand außer mir'' in der la:ge ist . eine

S: stabile regierung zu stellen?

Unmoderierte Chats

ICQ 1, Aufgezeichnet am 19.10.2007

1 V1: yo bro was geht was machst du

2 V1: meld dich ma bidde das wär cool

3 V1: mir gehts bissl scheisse

4 V2: yo bro

5 V2: was geht ab war grad im keller

6 V2: noch da

7 V1: jau digga

8 V1: wieder

9 V2: was geht bro

10 V1: alter ich hab mich grad mit hanna getroffen

11 V1: das war das letzte was ich noch gebraucht habe

12 V2: shit man

13 V2: digga kann ich dich callen?

14 V1: ja klar mann digga

ICQ 2, Aufgezeichnet am 23.07.2007

1 S1: bonjour

2 S1: was gehtn?

3 S1: wie war arbeit?

4 S2: bonjour

5 S2: krass geil und konret fett

6 S2: und üüüüüüüüüüüübelst anstrengend

7 S1: aha aha

8 S2: ne ging eigentlich klar

9 S1: so anstrengend, dass du sofort eingepennt bist, als du zu hause warst?;-)

10 S2: hä?

11 S2: bin grad nach hause gekommen

12 S1: asodachte, du wärst eben online gewesen

13 S2: ne hatte ja erst um zwei schluss

14 S2: war eben üBELST müde

15 S2: aber jetzt gehts

16 S1: hat mich auch gewundert, du warst bei mir mit „unsichtbar“ zu sehen

17 S1: mein vater hat sich gemeldet

18 S2: oh mein gott

19 S2: vielleicht war meine seele wandern

20 S2: musste auf arbeit ja auch nicht denken

21 S2: :-D:-D

22 S1: hihi

23 S1: war voll fertig vorhin

24 S2: wieso dn

25 S1: krasse mail

26 S2: von deinem mac daddy

27 S2: ??

28 S1: jupp

29 S2: was hat er denn geschrieben?

30 S1: ich kann sie dir weiterleiten, wenn du nen roman lesen willst

31 S2: weiß nicht

32 S2: wenn du möchtest

33 S1: ist ziemlich krass

34 S1: war so krass wie ich mich dabei gefühlt habe

35 S1: ich war entsetzt, war am heulen und so aggressiv gleichzeitig

36 S2: krass

37 S2: dann hat er sich wohl nicht entschuldigt

38 S1: nein, eher im gegenteil

39 S1: so noch mal richtig einen draufhauen...

40 S2: kraaaaaaaaaaaaaaaaas

41 S2: der dreht ja voll am rad

42 S2: wie nen hamster auf crack

43 S1: :-)

44 S2: dann schick mal

45 S1: hab ich gerade schon

46 S2: hätte voll bock heute fußball zu zocken

47 S1: dann mach das doch

48 S2: ups die war nicht an dich

49 S2: :-D

50 S1: tsts

51 S1: an wen denn dann????

52 S2: an meine top-model-fußball-spielende-freunding

53 S2: :-D

54 S1: so nen ding, ey

55 S2: und was machste heute noch

56 S1: arbeiten

57 S1: und du?

58 S2: weiß nicht

59 S2: auf jeden fall mal pennen

60 S1: hihi

61 S1: das werd ich auch noch

62 S2: und duschen

63 S1: da komm ich gerad her;-)

64 S2: oh öhchen

65 S2: und lohnts sich da reinzugehen

66 S2: oder kannst dus nicht empfehlen?

67 S1: doch, ist schon der hammer

68 S2: boah die mail ist echt krass

69 S2: ich dachte schon krasser als die erste geht’s nicht mehr

70 S2: also falls du mit jemandem drüber reden möchtest

71 S2: es gibt da jemanden der hätte morgen nachmittag zeit

72 S2: ;-)

73 S1: wuerd michfreuen

74 S2: cool

75 S2: dann geh ich mal duschen

76 S1: dann bis morgen

77 S2: jausen

ICQ 3, Aufgezeichnet am 20.10.2007

1 R1: schubi

2 R1: geh jetzt schlafen...

3 R1: dacht nur, ich wünsch dir noch ne schöne nacht

4 R2: oh das ja nett

5 R2: danke

6 R1: also... baideldibai und süße träume

7 R2: wünsch ich dir auch

8 R1: dankeschööööööööööööööööööööööööööön

9 R1: und wir müssen morgen unbedingt dancen

10 R2: meinste?

11 R2: *THUMBS UP *

12 R1: aber jetzt muss ich schlafen... bin todmüde

13 R1: schlabbaschmatz

ICQ 4 Aufgezeichnet am 20.10.2007

1 V1: selam cano

2 V1: was machste schönes

3 V2: selam caney...hab gegessen,chille jetzt und gehe gleich duschen...

4 V2: und duuuuuuuuu????

5 V2: :-)

6 V1: cooooool

7 V1: ich bin auch am chillen und aufräumen

8 V1: überlege wann ich nach bi fahre

9 V1: was gabs denn zu essen?

10 V2: gute frage

11 V2: essen: nudel-spinat -sahne

12 V2: grinssss

13 V1: hihi

14 V1: lecker

15 V2: was hältst du von um 11uhr hiersein?

16 V1: oh

17 V2: oder früher?

18 V1: wieso denn:-)

19 V2: also bis halb elf sind wir startklar

20 V2: komm dann zu uns

21 V1: ach ja

22 V2: damit wir dich knuddeln können

23 V1: wollt ihr denn auch zu jörg

24 V1: oder nur auf die schlosshofparty

25 V2: schlosshof und dann kamp

26 V2: dann geh doch vorher zu dem

27 V2: und komm dann um 11zu uns

28 V2: hihihihihihihihihi

29 V1: isn bisschen früh um zu ihm zu gehen;-)

30 V2: mach doch was du willst:-D

31 V1: da bin ich bestimmt der erste

32 V1: ich überleg ma

33 V2: *THUMBS UP **JOKINGLY *

34 V2: hihihihi

35 V2: @}->--

36 V1: =-O

37 V1: @}->--

38 V2: kknnuuddddddddddddddeeeeelllllnnn

39

ICQ 5 Aufgezeichnet am 05.06.2007

1 L1: SELAAAM...

2 L2: selam canim

3 L2: was geht aaaaaaaaaaaab?

4 L1: alles easyyyyyyyyy

5 L1: und by dir?

6 L2: joa auch eeezy

7 L2: gehst du morgen um eins arbeiten?

8 L1: ja auf jeden...danach um 7 Limmerick...

9 L2: krass

10 L1: dafür mache ich don.frei

11 L2: du bist ja seeeehr fleißig im moment

12 L1: geht so...würde eher sagen pleite wegen strafe zahlen

13 L1: *JOKINGLY*

14 L2: welche strafe

15 L1: alte knöllchen vom Auto damals nischt gezahlt

16 L2: aso

17 L2: krass

18 L2: wie war denn deit tag?

19 L1: ja geschlafenbis spät...und dann arbeiten

20 L1: nix spannendes

21 L1: war gestern lustig mit euch

22 L2: also ziemlich entspannt

23 L2: ja fand ich auch

24 L2: schöner abend auf jedi

25 L1: hihihi

26 L1: hat mir gut getan

27 L1: saw...uiuiuiuiuiui

28 L2: krasser film ne?

29 L1: auf jeden will die anderen teile auch sehen

30 L2: musst dir unbedingt teil 2 & 3 anschauen

31 L2: wär ich auch dabei

32 L2: alle drei hintereinander

33 L1: krassssss

34 L2: =-O

35 L1: machen wir...

36 L2: wie siehts bei dir aus mit den männern?

37 L2: hat sich die situation entspannt?

38 L1: du meinst alex???

39 L1: hihihi

40 L2: ja hauptsächlich

41 L2: ;-)

42 L1: ja bevor du gestern gekommen bist habe ich ihm die meinung gesagt... das ich finde

43 das wir beide einerseits liebe und nähwe wollen und andererseits dagegentreten und

44 das wir wenn dann beide uns ändern müssen oder das wir so psycho weitermachen

45 L2: und habt ihr euch geeinigt?

46 L1: außerdem habe ich ihm gesagt das ich die Zeit die ihr noch hierseit geniessen möchte

47 und das alles andere gott entsceidet und nicht er oder ichh

48 L1: nö...gweeinigt haben wir uns nicht...

49 L2: geht auch kaum ne... aber geniessen ist auf jeden fall erstmall das beste

50 L1: sind dann essen und haben voll rumgealbert den ganzen abend

51 L2: hab ich gemerkt

52 L1: schizoalex und schizopinar

53 L2: hehe

54 L2: voll freaky

55 L1: hat er dir denn was gesagt... ne ne?

56 L2: also wir haben uns ja heute gar nicht gesehen

57 L1: ne ich dachte gestern

58 L1: bym ablösen ...du kamst und ich ging

59 L1: hihihihi

60 L2: ne nicht wirklich

61 L2: er macht sich aber auch gedanken drüber

62 L2: haben schon bisschen drüber geredet

63 L1: ich weiss wir können irgendwie nicht ohneeinander

64 L2: ja schon krass

65 L2: und miteinander geht auch nicht immer

66 L1: ne...nicht immer

67 L1: eigentlich schon aber ...naja

68 L2: ja zwischendurch braucht man mal ne pause

69 L2: aber wir können ja morgen drüber reden

70 L1: ja...das habe ich auch gemerktauf jeden

71 L2: ich geh mal langsam pennen cankiz

72 L2: endlich mal auspennen

73 L1: tamam canikom...iyi geceler tatli rüyalar dilerim

74 L2: wünsche dir auch noch ne superschöne nacht und süße träume

75 L2: bis morgen

76 L1: :-**KISSED* [:-}

77 L2: :-{}*KISSED*

78 L1: bis moin

ICQ 6 Aufgezeichnet am 05.07.2007

1 R1: selam caney

2 R2: du unsichtbarer engel du

3 R1: ist das tshirt schon da?

4 R2: ne leider nicht

5 R1: O:-)

6 R1: schade

7 R1: gehe jetzt mal den wecker holen...wann kommst du vorby?

8 R2: weiß nicht

9 R2: soll ich vorbeikommen?

10 R2: hab eben gülli und so inna zitty getroffen

11 R1: und?

12 R2: die habe gesagt dave ist in hamm

13 R2: bei seinen eltern

14 R1: das stimmt aber er kommt heute so gegen 11/12 uhr wieder und ich dachte wir

15 gehen ins movie

16 R2: ja klar können wir gerne machen

17 R2: wenn er bock hat

18 R1: dann geben wir ihm sein geschenk einen teil davon...

19 R1: ja ich dachte schon allerdings weiß ich es nicht

20 R2: ich druck ihm einfach erstmal nen bild vom tshirt aus

21 R2: :-D

22 R1: ja so wien gutschein *JOKINGLY *

23 R2: gülli und so wollten ihm auch schon nen tshirt schenken

24 R2: aber wir waren schneller

25 R2: ja genau

26 R1: ja das machen wohl alle

27 R2: hehe

28 R1: hihihihihi

29 R2: die suchen sich jetzt was anderes

30 R1: *THUMBS UP*

31 R2: weißt du schon welchen wecker du holen willst?

32 R1: oki ich muss los...lass uns nachher quatschen caney

33 R1: den für 10 euro denk ich

34 R2: eine frage

35 R1: bringst du mir bitte das album mit

36 R2: schon eingepackt

37 R2: kommt lea zu dir

38 R2: ?

39 R2: :-[

40 R1: nein noch nicht...wollte warten

41 R2: guuuut

42 R1: wieso?

43 R2: nur so

44 R2: hätte nicht sooooooooooooooo lust mit der den abend zu verbringen

45 R2: ;-)

46 R1: *JOKINGLY *

47 R1: mit wem?

48 R2: hehehe

49 R2: gut dann komm ich mal gleich vorbei. bis später

50 R1: oki bis gleisch

51

ICQ 7 Aufgezeichnet am 01.06.2007

1 T1: hey ya

2 T2: hey

3 T1: wie geht’s dir?

4 T2: gut gut

5 T2: und selbst?

6 T1: jaubin gerad wieder gekommen... waren bei klaus und haben nen bomberman-

7 marathon gestartet

8 T2: aha

9 T1: und sonst?

10 T2: hm

11 T1: sonst nichts neues?

12 T2: ne nix besonderes

13 T1: wie geht’s der runden schwester?

14 T2: gut denk ich

15 T1: aber du weißt es nicht?

16 T2: frag sie doch selbst

17 T1: oki

18 T1: du bist immer noch nicht gut auf mich zu sprechen oder?

19 T2: wieso?

20 T2: hab ich nen grund das es anders sein sollte

21 T1: ich versteh es halt einfach nicht wirklich

22 T1: du hast ja auch noch nicht mir mit darueber geredet

23 T1: ich finds halt schade

24 T2: du mit mir auch nicht

25 T2: hast es auch nicht probiert

26 T1: ich wollte mich gern mit dir treffen

27 T2: und frag mich obs noch sinn machen würde

28 T1: und ich wollte dir vor ein paar wochen alles erklären...und da war deine antwort,

29 dass es dich nen scheiß interessiert

30 T1: wieso das?ich dachte wir waeren beste freunde

31 T2: wo war denn das?

32 T2: hast du ja anscheinend drauf geschissen

33 T1: genau vor zwei 2jahren standen wir vor der gleichen sache, ich war mir nicht

34 sicher, ob wir uns nach der trennung nochmal treffen sollten, aber wir haben es

35 getan, und es hat sinn gemacht

36 T1: das ist nicht wahr und das weißt du

37 T2: naja

38 T2: die letzten zwei jahre waren auch mehr schatten als licht

39 T2: hast mich echt übelst oft enttäuscht

40 T1: okay...wenn das deine meinung ist...aber ich dachte, es waere anders gewesen

41 T1: ich denke, das beruht auf gegenseitigkeit

42 T2: vielleicht sollte man sich wirklich noch mal treffen

43 T2: so per chat versteht man sich ja gerne mal falsch

44 T1: das auf jeden

45 T1: ich fänds schoen, weil ich denke, dass unsere freundschaft doch wichtiger ist,

46 und auch bedeutend schoener, als du vielleicht gerade denkst

47 T1: es sind einfach schon 6 jahre

48 T2: ja sechs jahre wo du drauf geschissen hast

49 T1: ja klar...und deshalb tu ich mir das auch alles gerade an!

50 T2: was meinst du?

51 T1: weil es mir egal ist oder was?

52 T2: weiß ich ja nicht

53 T2: schien so vor nen paar wochen

54 T1: weil ich mich mit jemanden verstanden habe?

55 T2: ja da war ich dir plötzlich egal... so wie es immer war

56 T1: du hast vor ein paar wochen auch noch mit marie rumgeknutscht, und schläfst

57 dann in meinem bett...was soll ich davon halten?

58 T1: wieso verdammt noch mal egal?

59 T2: da war mir auch nicht klar dass du mehr gefühle hast als vorher, aber hab ich

60 dir auch schon erzählt

61 T2: außerdem warst du kurz vorher mit diesem anderen zusammen

62 T2: da wars dir auch egal

63 T1: ich denke trotzdem nicht, dass die sache mit henning falsch war...du hast es an

64 dem morgen falsch aufgefasst...und das wollte ich dir erklären, aber du hast mir

65 nicht zugehört

66 T2: da gabs echt nichts mehr zu erklären

67 T1: da hast du aber auch nicht in meinem bett unter meiner decke geschlafen

68 T1: doch, gab eszwischen uns ist nichts gelaufen. nicht mal ein kleiner

69 kuss...nichts

70 T1: aber du wolltest mir nicht zuhören, fand ich sehr schade, du wolltest nur das

71 glauben, was du glauben wolltest...

72 T1: meine ansicht der geschichte war ohne bedeutung

73 T1: wie dem auch sei, an dem sonntag ist nichts zwischen markus und mir

74 vorgefallen...

75 T2: sah anders aus

76 T2: ist einfach so

77 T2: außerdem gings ja nicht um den abend/morgen allein

78 T1: ja, das tat es... ich weiß, aber der plan, dass du morgens um acht bei mir vor der

79 tuer stehst, war nicht meine absicht

80 T2: war aber klar.

81 T1: und das henning bei mir bleibt auch nicht

82 T2: fahre nie ohne rucksack irgendwohin

83 T2: hätte er auch nicht

84 T1: dann geh nicht ohne auf party und klingel mich um acht ausm bett

85 T2: ich lasse keine leute bei mir pennen die ich gerade mal drei tage kenne

86 T1: ich habe auch nicht gesagt, komm, penn bei mir...wir sind aufm sofa

87 eingeschlafen

88 T1: und dann schick ich ihn nicht nach hause

89 T1: ich mochte ihn ja...

90 T2: ihr habt immer noch ein gästesofa wenns darum geht

91 T2: hab ich auch schobn drauf gepennt;-)

92 T1: und das berechtigt

93 T1: aber wie gesagt, ich mag ihn, und von daher hab ich mir nichts vorzuwerfen

94 T2: dann ist doch gut

95 T1: ich hab mal gesagt, ich nehm rücksicht auf dich...auch wenn es keine absicht

96 war, dass er bei mir war, ich wollte nicht, dass du es so rauskriegst

97 T2: ja hast du.. das war auf jeden fall nicht rücksicht nehmen. Und das am

98 donnerstag vorher auch nicht.

99 T1: du warst auch nicht eingeplant um die uhrzeit

100 T1: ich will mich auch nicht rechtfertigen, ich weiß, dass es scheiße gelaufen ist

101 T1: und das tut mir leid

102 T2: wie gesagt, wenn wir darüber reden wollen sollten wir uns treffen.

103 T2: per chat ist echt kacke

104 T1: okay...

105 T1: dann sag mir wann und wir treffen uns

106 T2: morgen abend hätte ich zeit

107 T2: ab sieben/acht

108 T2: bis 10

109 T1: könntest du auch morgens?

110 T2: wie früh

111 T1: das wuerde mir besser passen

112 T1: egal

113 T1: aber ich bin abends mit freundinnen zum essen verabredet

114 T1: und die killen mich, wenn ich absage

115 T2: nee

116 T1: auch wenn mir das wichtiger ist

117 T2: dann erst wieder montag evtl

118 T1: morgen frueh geht nicht?musst doch freitags erst später inne uni

119 T2: ja aber sitze vorher an der hausarbeit

120 T1: samstag?

121 T2: bin in heiligendamm

122 T2: ab freitag abends

123 T2: wahrscheinlich

124 T1: wo ist das?

125 T2: bei rostock anna ostsee

126 T1: okay

127 T1: mit hamit?

128 T2: nee eigentlich nicht. wie kommst du darauf?

129 T1: der wollte dahin, zumindest hat er es eben vorgeshclagen

130 T1: warum fährst du dahoch?

131 T2: da ist die größte internationale demo gegen g8

132 T1: jaja, ich weiß, aber warum fährst du da hoch?

133 T2: weil ich bei amnesty bin...und nen paar freunde mich gefragt haben. Wenn wir

134 karten kriegen fahren wir hin

135 T2: sonst halt nicht

136 T1: aha

137 T1: okay, also morgen früh wird dann auchnichtsdann montag?

138 T2: montag könnte ich bis halb vier ab 11

139 T1: okay...ich fänd morgen schoen, ist so nen schönes und bedeutendes datum,

140 aber montag geht klar

141 T1: dann meld dich einfach

142 T2: morgen...

143 T2: sehe grad in meinem kalender ich hab morgen gar kein uni.

144 T2: also hätt ich zwischen zwei und viertel vor vier zeit

145 T1: dann lass uns das doch machen

146 T2: okay

147 T1: kommst du mit dem bus um 1 oder um 2

148 T2: um eins

149 T1: dann hol ich dich ab um kurz nach halb?

150 T2: treffen wir uns inner stadt oder inner uni

151 T1: stadt wär besser fuer mich...ich ticket-lose

152 T2: okay

153 T1: kaffee trinken oder einfach latschen

154 T2: egal. spontan

155 T2: je nach wetter

156 T1: jupp

157 T1: dann bin ich morgen am bus...oder an der uhr, je nachdem

158 T2: okay

159 T1: gut...ich geh mal schlafen

160 T1: bis morgen

161 T1: ich freu mich

162 T2: gute naht

163 T1: dir auch

164 T1: bis dann

ICQ 8, Aufzeichnung vom 27.06.2007

1 J1: hey... wir war paris. <3 ????

2 J2: hi

3 J2: super-bon

4 J1: geil^^

5 J2: war richtig cool die stadt mal wieder zu sehen

6 J2: und son paar tage urlaub tun immer wieder gut

7 J1: oh cool.. ich hab in germany gegammelt..=( xD

8 J1: ja glaub cih dir gern^^

9 J2: :-D

10 J2: was haste denn gemacht am we?

11 J1: nichts.. aso ja ich war im forum.. und mehr auch ned 0(

12 J2: da war tinnitus oder?

13 J1: jap.. aber war zioemlich leer..! o.

14 J2: ja ich war ja auch nicht da

15 J1: war auch nich so dolle

16 J2: sind in paris am ersten abend wieder durch die stadt gezogen: was trinken an der

17 bastille, dann zur champs-elysee und dann zum eiffelturm

18 J2: und nen bisschen party natürlich auch

19 J2: 8-)

20 J2: haben aber nicht lange gemacht weil wir am nächsten tag alle fit sein mussten

21 J1: wie.. geil ! Hast du photos gemacht?

22 J2: ja klar

23 J2: und auf der meile vorm arc du triumph waren nur deutsche

24 J2: mein cousin hat einer irgendwas auf deutsch zugerufen weil er dachte sie wär

25 französin

26 J1: ooh wie geil ! Ja ok die deutschen können von mir aus auch wegbleibn xD .. bääh

27 ! Aber sonst geilomatiko

28 J2: und dann hat sie ihn voll zur schnecke gestutzt

29 J2: ja aber absolutely

30 J1: wie geilD:D:D

31 J2: voll die kartoffeln

32 J2: :-D

33 J2: was hast du denn noch so vor in den ferien?

34 J1: öhm vainstream und summerjam ! Mehr ned.. =(

35 J2: vainstream kenn ich gar nicht, aber die broilers sind da

36 J1: ja kann sein xD und wa smachst du denn so noch in den ferien?

37 J2: weiß nicht genau

38 J2: bin am überlegen ob ich zum splash, hip hop open oder summerjam fahre

39 J1: fahr zum summerjam

40 !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!;)

41 J2: hmmmm

42 J2: aber ich würd gern freundeskreis sehen

43 J2: sonst treten da eigentlich keine besonders anderen auf

44 J1: hm..! egal:D

45 J2: du bist auf jeden fall da?

46 J1: doch genleman. Stephen marley, sean paul, the slackers ;)

47 J2: und the roots und iam

48 J2: ;-)*THUMBS UP *

49 J1: ja komm dich wird richtig geil ;)

50 J1: doch*

51 J2: vielleicht komm ich hin

52 J2: hast mich fast überzeugt

53 J1: ja.. hehe hab ne große überzeugungskraft ;)

54 J2: ja aber übel

55 J1: hehe ;)

56 J2: was ist eigentlich dein sternzeichen?

57 J2: kann nur löwe oder stiersei

58 J1: stier ]:->

59 J2: n

60 J1: hehe woher weißt du das ? :-O

61 J2: hab doch gesagt hab ne gute menschenkenntnis

62 J2: :-[

63 J1: hm..?!...o.O

64 J2: naja dein bild sagt schon mal du stehst auf rosa

65 J2: und hab den eindruck du bist ziemlich ruhig und gelasse

66 J2: und hast nen sinn für das schöne

67 J2: aber das nur so nebenbei

68 J2: ;-)

69 J1: hm joa geht ! Ich mag das nur weil das retro marilyn monroe is und ich bin

70 stimmt schon gechillt und gelassen aber auch sehr sehr wild ^^

71 J1: hmcih hab ein sinn für das schöner ? Wien das ? :P

72 J2: ja klar hat natürlich auch ne wilde seite

[...]


1 Als computervermittelte Kommunikation gelten „Äußerungen über Werkzeuge und durch Rechner, die in einem Netz verbunden sind.“ (Lemnitzer/Naumann 2001: 470)

2 Der Untersuchungskorpus besteht aus 16 Logfiles zu moderierten Chats und ebenfalls 16 Logfiles zu unmoderierten Logfiles, wobei 8 der Protokolle unmoderierter Chats aus dem proprietären Chat ICQ stammen. Dabei bestand das Problem, dass es schwierig ist, an Transkripte privater Chat-Kommunikation zu gelangen, die wichtig für die Unter-suchung der proprietären Chats sind. Hier wurden Dritte darum gebeten, ihre Transkripte zur Verfügung zu stellen.

3 Nach Beißwenger (2003: 200) ist der Begriff Kommunikationstechnologie definiert „[...] als ein geregeltes Zusam-menspiel von Prozeduren, welche die Produktion, den Austausch und die Rezeption von Zeichen zwischen Kommuni-kanten ermöglichen soll und die zugleich die Medien (d.h.: die technischen Mittel) festlegen, die für die Produktion, Kodierung, Enkodierung und Rezeption der ausgetauschten Zeichen jeweils benötigt werden“.

4 Dekodierung bezeichnet die Entschlüsselung sprachlicher Zeichen durch den Rezipienten und verhält sich damit kom-plementär zur Kodierung. (Vgl. Bußmann 2002: 151)

5 Zu den 128 ASCII-Zeichen, zählen neben den Buchstaben des lateinischen Alphabets die Zahlen 0 bis 9, Satzzeichen, Währungs- und diakritische Symbole und mathematische Operatoren.

6 In moderierten Chats können Nutzer zwar darauf hingewiesen werden, gewisse Äußerungen zu unterlassen, doch sie können daran nicht gehindert werden. (Vgl. Beißwenger 2005: 65-68)

7 Der Begriff Emoticon gilt als Zusammensetzung aus den Wörtern Emotion und Icon (Zeichen).

8 So tauchen Emoticons, die aus höchstens vier Zeichen bestehen, in moderierten Chats sehr selten auf und lassen sich als typisch nähesprachliches Phänomen in der Chat-Kommunikation charakterisieren. (Siehe Kap. 3)

9 In den untersuchten moderierten Chats ergeben sich 0,02 Emoticons pro Beitrag, während der Wert in den untersuch-ten unmoderierten Chats bei 0,998 liegt.

10 In der konversationsanalytischen Forschung herrscht Konsens darüber, dass das Mündlichkeits- bzw. Schriftlichkeits-modell von Koch/Oesterreicher (1985, 1994) einen hilfreichen Ansatz zur Klassifizierung von Äußerungsformen dar-stellt. (Vgl. Bader 2003: 110f; Wilde 2002: 9) Da dieses Modell aber im Jahr 1990 entstanden ist und die CvK zu die-ser Zeit noch nicht verbreitet war, fehlen Email- und Chat-Kommunikation in dem Modell. Deshalb scheinen neue Abstufungen für computerspezifische Aspekte sinnvoll.

11 So kann der Nachrichtenvortrag obwohl er gesprochen wird, eher dem konzeptionell schriftlichen Pol zugerechnet werden, da er vorformuliert wird.

12 Während die meisten Merkmale auf beide Formen zutreffen, sind Emotionalität, Spontaneität, Privatheit, Vertrautheit, Informalität und Themenvarianz eher den unmoderierten Chats zu eigen, die sie als nähesprachliche Kommunika-tionsform charakterisieren. In moderierten Chats tendieren die Teilnehmer dagegen zur Sprache der Distanz, die sich u.a. durch die Merkmale der Anonymität, Themenfixiertheit, Öffentlichkeit und Objektivität auszeichnet. Daneben treten bestimmte Strategien der Versprachlichung auf (Hypotaxe, Elaboriertheit, Planung). (Vgl. Wilde 2002: 9-12)

13 Dies ist darauf zurückzuführen, dass bei nichtthemenfixierten Gespräch der Beziehungsaspekt im Vordergrund steht und nicht die Themen, die situativen Zufällen entspringen. (Vgl. Henne/Rehbock 1995: 21)

15 Vgl. dazu den Begriff disagreement sequence bzw. dissent-turn-sequence bei Kotthoff 1993a; Goodwin 1983 und der adversative episode bei Eisenberg/Garvey 1981)

16 Auch in diesen kommt es zu einer Nichtübereinstimmung in Bezug auf inhaltliche Aspekte, die aber nicht auf der prinzipiellen Unvereinbarkeit der Standpunkte, sondern auf einem kognitiven Irrtum oder einer missverständlichen bzw. fehlerhaften Äußerung eines Beteiligten beruht.

17 „Der Terminus Image kann als der positive soziale Wert definiert werden, den man fuer sich durch die Verhaltens-strategie erwirbt, von der die anderen annehmen, man verfolge sie in einer bestimmten Interaktion. Image ist ein in Termini sozial anerkannter Eigenschaften umschriebenes Selbstbild - ein Bild, das die anderen uebernehmen können.“ (Goffman 1996: 10)

18 Das Kooperationsprinzip und damit zusammenhängend die Kommunikationsmaximen nach Grice gelten als Grund-lage jeder Kommunikation. (vgl. Schank 1987) Bei der Untersuchung von Konfliktgesprächen können sie helfen, den Grad der Rationalität der Konfliktaustragung zu bewerten, sagen aber nichts über die situative Angemessenheit von Gesprächsbeiträgen aus. Daneben kann die Auffassung von Gesprächspartnern, was genau als Kooperativität gilt durchaus unterschiedlich ausfallen, je nach kulturellem oder subkulturellem Hintergrund. (Vgl. Linke et al.: 219ff)

19 Nach Balog (1989) sind Rollen dabei als „intentional realisierte, mehrstufige Handlungen“ sowie „als eine Verbin-dung einer sozialen Identität und Einzelhandlungen charakterisierbar.“ (Balog 1989: 111) Die Rollenpositionen von Interaktionspartners erzeugen in dem jeweiligen Gegenüber Rollenerwartungen, die jemandem aufgrund seinem sozialen oder beruflichen Status, aber auch wegen seiner Position zu einem Thema zukommen kann .

20 Mögliche zweite Teile einer Paarsequenz sind also nicht gleichrangig. Als Antwort auf eine Bitte ist ihre Annahme präferiert, während ihre Ablehnung nicht präferiert ist, und markiert wird. Formen der Markierung sind eine verzöger-te Antwort, eine Einleitung, durch die der nicht-bevorzugte Status markiert wird oder eine Erklärung, weshalb nicht der präferierte Teil ausgeführt werden kann.

21 Mit dem Kohäsionsbegriff werden die sprachlichen Elemente bezeichnet, die Textteile mit anderen verbinden (z.B. Wiederholungen, gramm. Referenzbeziehungen, Konjunktionen). (Vgl. Günthner 1993:125; Bußmann 1990:389f

22 Die implizite Form wird durch nonverbale Mittel, wie leichte Körperzuwendung oder auch nur einen (auffordernden) Blick eingeleitet.

23 Sacks/Schegloff/Jefferson (1974:704) bezeichen dies als „turn-constructional unit“. Definition nach Deppermann (2001:58): „Dies sind die kleinsten Einheiten, nach denen ein Sprecherwechsel möglich wäre [...]. Jede Beitrags-konstruktionseinheit trägt zum Sinn des Gesamtbeitrags bei, bildet aber auch schon selbst eine Teilhandlung.“

24 Dies kann bspw. Durch einen einfachen Einwurf wie „ach, hör doch auf“ oder einen Zisch-Laut („ts“) geschehen, wodurch noch während der Gegenspieler das Rederecht besitzt, Kritik angebracht werden kann.

25 Dies scheint sogar noch wahrscheinlicher, da demjenigen der den monierten Gesprächsbeitrag tätigt, die Thematisierung willkürlich und unverständlich erscheinen muss. (Vgl. Baumeister/Stilwell/Wotman 1990)

26 Eine Untersuchung über Charakteristika der Gesprächsorganisation und non- und paraverbaler Elemente, die Emotio-nen ausdrücken können wäre für diese Arbeit sehr interessant, da sie wichtige Erkenntnisse zum Verlauf von konfliktären Gesprächssequenenzen liefern könnten.

27 Fiehler (1992) versteht darunter das inhaltliche Bestreiten einer Position, Gegenbehauptungen, bestreitende Formeln, Verneinungen, den Gebrauch von adversativen Partikeln und Interjektionen, den Vorwurf des Lügens, Übertreibungs- und Wiederholungserscheinungen und die Turn-Organisation (Vgl. Fiehler 1992: 160)

28 Es sollte darauf hingewiesen werden, dass der Anlass einer DS nur im Anschluss an die Reaktion von B auf eine Kon-sensverletzung als solcher bestimmt werden kann, da unmöglich Merkmale angegeben werden können, die einen An-lass a priori als solchen erkennen ließen. (Vgl. Gruber 1996: 83)

29 Er kann jedoch auch innerhalb der Situation liegen, wie in dem Widerspruch (33-34) durch T2 zu erkennen ist.

30 Derartig ambige Äußerungen sind ein Merkmal phatischer Kommunikation und besonders charakteristisch für nähe-sprachliche Kommunikation und konsensuelle Gesprächsphasen.

31 In konfliktären Gesprächsformen können Emotionen bereits durch die Art der Thematisierung des Positionsgegen-satzes ausgedrückt werden. (Vgl. Gruber 1996: 91)

32 In der Face-to-face Kommunikation beziehen sich situationale Vorwürfe auf Normverstöße, die innerhalb der aktuel-len Kommunikationssituation getätigt werden.

33 T1 realisiert pro Beitrag durchschnittlich 8,6 Wörter, während dieser Wert bei T2 bei 5,5 liegt, die Äußerungen sind im Schnitt also 3 Wortformen kürzer.

34 Der Begriff Rederecht bezeichnet „das Recht eines Sprechers [verstanden], eine Äußerung den aktuellen kommunika-tiven Bedingungen entsprechend bis zum geplanten Abschluß zu realisieren“ (Zifonun et al. 1997: 469)

38 Sofern eine Gesprächssequenz zwischen Personen über einen längeren Zeitraum läuft oder die Auswahl des Ge- sprächspartners gefallen ist, kann Fremdwahl auch ohne Adressierung auftreten, ohne dass dies zu Missverständnissen führt.

35 Nach Beißwenger (2003: 212) bezeichne ich mit dem Begriff Beitrag eine „formale Einheit“, also eine Äußerungen eines Interaktionspartners, „die im Display aufgrund eines vorangehenden und eines nachfolgenden Absatzreturns als Einheit isolierbar“ ist. Dagegen sind kommunikative Züge, sprachliche Einheiten, die „von ihrem Produzenten als pragmatische Einheit konzipiert wurden“. (ebd.)

36 In moderierten Chats ist dieser Zeitraum häufig beschränkt, da Experten eingeladen werden, die nur für eine begrenzte Zeit zur Verfügung stehen. Die Zeit ist in diesem Fall das knappe Gut, um das Konflikte entstehen können. Deshalb übernehmen Moderatoren die Aufgabe der Gesprächsorganisation.

39 Im Bsp. ICQ 7 tritt nur ein Emoticon auf, während der Durchschnitt bei den untersuchten konsensuellen Gesprächen im Chat bei 24,83 Smileys pro Einzelgespräch liegt.

40 Nach Gruber (1996) ist Sarkasmus (neben Ironie) eine wichtige Möglichkeit des Emotionsausdrucks in DS.

41 Die Tatsache, dass in den untersuchten moderierten Chats keine Streitsequenzen auftreten kann darauf zurückgeführt werden, dass die emotionale Involviertheit der Teilnehmer durch die rein textbasierte Kommunikation und die formel-le Kommunikationsmodalität geringer ist, wobei die Anonymität in moderierten Chats ebenfalls eine Rolle spielt, da Streitsequenzen eher zwischen Personen entstehen, die sich persönlich kennen. (Vgl. Luginbühl 2008: 78)

42 Dies kann daran liegen, dass Emoticons, egal welche Emotion sie ausdrücken sollen, von vielen Nutzern mit einer hu-morisierenden Interaktionsmodalität assoziiert werden, weshalb sie in Streitsequenzen unangemessen sind.

43 In anonymen, distanzsprachlich geprägten Chats sind eher DS zu erwarten, die sich als Argumentationen charakteri-sieren lassen, in denen die Mittel Gefühlsregungen bzw. Emotionalität zu vermitteln – und damit die Möglichkeit Nähe herzustellen – stärker beschränkt sind als in unmoderierten oder proprietären Chats.

44 Im Untersuchungsbeispiel, wird der Dissens nicht beendet, sondern die Beteiligten einigen sich, dass dieser nicht auf dem Weg der Chat-Kommunikation gelöst werden kann und vereinbaren ein Face-to-face-Treffen. Interessant ist die Begründung „so per chat versteht man sich ja gerne mal falsch“ (39) für die Vertagung des Dissens, da sie zeigt, dass sich die Interaktanten der Mängel chatsprachlicher Kommunikation im Hinblick auf die Vermittlung para- und non-verbaler Ausdrucksformen bewusst sind und daher den Wechsel des Gesprächsrahmens bevorzugen.

45 Die Konzentration auf die eigenen Bedürfnisse und Vernachlässi-gung des Partnerimages kann auf die Anonymität zurückgeführt werden, die ein verbal ungehemmte-res Verhalten fördert, durch das Nutzer ihren Aggressionen und ihrer Neugier auf die Reaktion des Gegenübers Ausdruck verleihen. (Vgl. Döring 2001: 112)

Ende der Leseprobe aus 259 Seiten

Details

Titel
Organisation von nichtkonsensuellen Gesprächsformen in unmoderierten Chats
Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1.0
Autor
Jahr
2007
Seiten
259
Katalognummer
V90459
ISBN (eBook)
9783638045377
ISBN (Buch)
9783638942089
Dateigröße
1235 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit beinhaltet 240 Seiten dokumentierte Chats als Anhang
Schlagworte
Organisation, Gesprächsformen, Chats, Computervermittelte Kommunikation, Techniksoziologie, Gesprächsanalyse, Internetkommunikation, Onlinekommunikation, Online-Kommunikation
Arbeit zitieren
Hüseyiin Demir (Autor), 2007, Organisation von nichtkonsensuellen Gesprächsformen in unmoderierten Chats, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/90459

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Organisation von nichtkonsensuellen Gesprächsformen in unmoderierten Chats



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden