Die Darstellungsweise von Selbstgerechtigkeit in Friedrich Dürrenmatts Roman „Das Versprechen“. Ein Ausdruck der Irrationalität des Menschen?


Hausarbeit, 2020

23 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Friedrich Dürrenmatts Anschauungen zum Menschen

3 Selbstgerechtigkeit als Ausdruck emotional menschlichen Handelns in Das Versprechen
3.1 Ein Dorf rächt sich
3.2 Polizeigewalt im Umgang mit Unschuldigen
3.3 Die Liebe zum Mörder als getarnte Selbstliebe bei Frau Schrott
3.4 Der Kampf um die Vernunft im Fall Matthäi

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Der Mensch ist ein Wesen, das von einem dreijährigen Knirps gesteuert wird. Er ist ein von Emotionen dirigiertes Wesen, das gar nicht so rational reagiert, wie wir immer wieder behaupten. Die Gefahren, die der Mensch heraufbeschwört, will er gar nicht wahrhaben; er verdrängt sie lieber, als daß er sein von Emotionen gesteuertes Verhalten ändert.1

Friedrich Dürrenmatt fällt auf: Er sei „unbequem“2 und seinen „Ansichten und Absichten“3 sei nicht zu trauen. Oftmals werde „[der] Ernst, das Schöne und Wahre und Tiefe“4 vermisst. Werner Oberle stellt sich unter anderem die Frage: „Warum kann Dürrenmatt die Welt nicht als heil darstellen?“5 Diese Thematik ist häufiger in Dürrenmatts Anschauungen über die Welt als „unberechenbare“6 Instanz vorzufinden. Viele Texte des Autors lassen den Rezipierenden in „Verwirrung“7 und „Ratlosigkeit“8 zurück. Möglicherweise ist es diesem Phänomen geschuldet, dass sich Friedrich Dürrenmatt weiterhin im Interesse der Beobachtung und Analyse befindet.

Beliebt ist sein Roman Das Versprechen, da er unter verschiedenen Perspektiven im wissenschaftlichen Diskurs schon mehrfach Berücksichtigung gefunden hat. Zunehmend ist dabei der Untertitel Requiem auf den Kriminalroman im Hinblick auf Dürrenmatts Bruch mit den üblichen Genrekonventionen des Kriminalromans hervorgehoben worden. Peter Gasser führt beispielsweise das Scheitern des Protagonisten Matthäi auf die Instanz des Zufalls zurück und leitet daran eine Kritik Dürrenmatts an der Rationalität kriminalistischer Vorgehensweisen und weiter dem Glauben der Menschheit an eine rationale Welt ab.9 Dieser Behauptung ist nicht zu widersprechen, wenn auch ein anderer Blickwinkel für die folgende Ausarbeitung eingenommen werden soll: Fokussiert wird die Auseinandersetzung des Menschen mit sich selbst und seinem Verhalten anderen Menschen gegenüber.

Das einleitende Zitat bildet einen Ausschnitt der Anschauung Friedrich Dürrenmatts zum Menschen ab. Das Vernünftige sieht er demnach dem emotionalen Teil des Menschen unterlegen. Es fällt auf, dass dieser Aspekt in Das Versprechen auf unterschiedlichen sozialen Ebenen durch verschiedene Instanzen verhandelt wird, ebenso wie die Thematik der Selbstgerechtigkeit. Die Arbeit folgt der These, dass in Formen der Selbstgerechtigkeit die Irrationalität des Menschen zum Ausdruck kommt. Sie offenbart die Schuld jedes Einzelnen, weswegen das Scheitern des Menschen auf sein irrationales Verhalten zurückzuführen ist. Die folgende Analyse prüft in vier Unterkapiteln, ob diese Behauptung anhand der Kantonspolizei, der Dorfgemeinschaft, Frau Schrott und Matthäi realisiert werden kann. Das vorherige Theoriekapitel führt dafür in das Welt- und Menschenbild Dürrenmatts ein.

2 Friedrich Dürrenmatts Anschauungen zum Menschen

In den nachfolgenden Kapiteln werden verschiedene Handlungsweisen unterschiedlicher Instanzen in Das Versprechen aufgezeigt. Im Vordergrund steht dabei das selbstgerechte Handeln von Personen. Um die Bedeutung der wiederkehrenden Darstellungsweise von Selbstgerechtigkeit in Dürrenmatts Roman nachvollziehen zu können, setzt sich dieses Kapitel mit der Sichtweise von Friedrich Dürrenmatt zu der Existenz des Menschen auseinander.

Dürrenmatt sieht für den einzelnen Menschen bereits eine Problematik in der Welt, in der er existiert: „Wir leben in einer Welt des Nichtvorhersehbaren.“10 Er erachtet diese als „Labyrinth“11, in welcher der Mensch sucht und irrt.12 Gassers Schilderungen sprechen dem Menschen noch weitestgehend mehr Handlungsfreiheiten ab: Ihm zufolge bezeichne Dürrenmatt die Welt als „Chaos“13 und den Menschen als einen „Gefangenen“14 darin. In Anlehnung an Gasser erklärt auch Hildegard Emmel Dürrenmatts Weltbild als etwas Unvorstellbares, „,als ein Ungeheures [...], als ein Rätsel an Unheil, das hingenommen werden muß‘“15 und welches sich der gegebenen Möglichkeiten des Verstandes entzieht.16 Die Welt stellt somit für den Menschen etwas Unergründliches dar17 und offenbart seine Begrenztheit.18

Das Chaos, in dem sich der Mensch bewegt und in dem er sucht, erfasst Dürrenmatt jedoch auch als dem Menschen inhärent: „Der Mensch ist ein Durcheinander von Rationalem und Irrationalem.“19 Den emotionalen Teil erachte er dabei als vordergründig und zweifle an der Vernunft des Menschen: „Wir schauen den Menschen immer als ein Vernunftswesen an, dabei ist er dem unvernünftigen Tier wahrscheinlich viel näher als dem vernünftigen Menschen.“20 Für die Stellung des Menschen kann der Begriff des „doppelte[n] Gefängnis[ses]“21 von Peter Rüedi aufgegriffen werden. Die Suche und Verirrung des Menschen beziehen sich einerseits auf die Umgebung, in der er lebt, und andererseits auf sein Innerstes, welches er einzuordnen und zu begreifen versucht. Die Hoffnungslosigkeit besteht laut Dürrenmatt darin, dass der Mensch dieses emotional gesteuerte Dasein und die Begrenztheit seines Wissens über die Welt und sich selbst nicht begreift: „Ein Biologe hat einmal gesagt, daß die Tragödie des Menschen darin besteht, daß er im Grunde von einem dreijährigen Kind gesteuert wird. Der Mensch ist nicht imstande, gemäß seines Wissens zu handeln, der Intellekt greift nicht.“22

Die bis hierhin veranschaulichten Ansichten können eine Antwort auf die anfangs gestellte Frage suggerieren, wieso Dürrenmatt die Welt nicht als heil darstellen kann. Andererseits werden damit neue Fragen aufgeworfen: Wie soll der Mensch sich zurechtfinden? Wie soll Leben in einer solchen Welt gelingen und gestaltet werden? Obwohl der Mensch in Dürrenmatts Schilderungen ein „korruptes Wesen“23 darstellt, welches sich in einer „biologische[n] Krise“24 befindet, da es „mit dem gleichen fatalen Resultat“25 immer gleich ist, sieht er gerade in der pessimistischen Darstellungsweise der Welt einen möglichen Umgang mit dem Chaos:

Durch den Pessimismus wird der Mensch herausgefordert, er muß ihn durchmachen: Er muß die Wirklichkeit wahrnehmen. Und wahrscheinlich handelt er erst dann richtig, wenn er trotzdem handelt, nachdem er den Pessimismus durchgemacht, die Wirklichkeit zur Kenntnis genommen hat.26

Robert E. Helbling versteht Dürrenmatts Sichtweise in diesem Kontext als einen Versuch „die Lügengewebe menschlicher Vernünftelei“27 aufzudecken und auf „die psychische Verblendung des Menschen sich selbst gegenüber“28 aufmerksam zu machen. Ein fundamentaler Schritt bestünde darin, die „menschliche Begrenztheit“29 anzuerkennen.

Die Welt, wie Dürrenmatt sie beschreibt, als solche wahrzunehmen, bedeutet ebenfalls die Abkehr von der Hoffnung auf eine heile Welt.30 Den Menschen als „ein von Emotionen dirigiertes Wesen“31 leitet die Auseinandersetzung mit dem Unbekannten, den Gefahren und dem Tod jedoch zur Verdrängung. Die Kritik Dürrenmatts trifft damit nicht die im Kern angesiedelte Irrationalität des Menschen. Problematisch sei das Verhalten der Menschen, die diese Irrationalität nicht wahrnehmen und anerkennen. Die Welt, ungeordnet und chaotisch, gelte es anzunehmen und damit zu leben. Keinesfalls dürfe es verdrängt werden: „Die Gefahren, die der Mensch heraufbeschwört, will er gar nicht wahrhaben; er verdrängt sie lieber, als daß er sein von Emotionen gesteuertes Verhalten ändert. Genauso verdrängt er den Tod.“32 Richtig handeln kann somit nur, wer „die Wirklichkeit zur Kenntnis genommen hat.“33 Damit gehe auch die Einsicht der „menschliche[n] Problematik“34 einher, dass die Welt „unmoralisch“35 und „nicht richtig“36 sei. In Anlehnung daran stellt Emmel nach Dürrenmatts Anschauungen den „mutige[n] Menschen“37 vor, der an der Welt nicht verzweifelt, sondern „trotzdem handelt“.38

Handeln ist dabei für Dürrenmatt mit dem grundlegenden Gedanken der Menschlichkeit verknüpft: „[...] daß die Erde als solche und daß das menschliche Leben etwas Kostbares ist, das ist, glaube ich, der wichtigste Gedanke, den es überhaupt gibt.“39

3 Selbstgerechtigkeit als Ausdruck emotional menschlichen Handelns in Das Versprechen

Friedrich Dürrenmatts Anschauungen weisen intensive Beschäftigungen mit der Welt und dem Menschen auf, die ein bestimmtes Bild nachhaltig geprägt haben. Diese Auseinandersetzung findet sich auch in seinem Roman Das Versprechen wieder: Der Mensch im Vordergrund, konfrontiert mit einer Welt, die er zu begreifen versucht und an welcher er letztendlich scheitert. Das Scheitern des Menschen wird in dem wissenschaftlichen Diskurs häufig als Scheitern des Glaubens an eine rationale Welt betrachtet.40 Diesem ist zuzustimmen, allerdings weist Dürrenmatt eine weitreichendere Ebene auf, die sich mit dem Menschen und dem Wahrhaben seiner selbst beschäftigt.

Das selbstgerechte Handeln von Menschen taucht an vielen unterschiedlichen Stellen des Romans auf und zeigt eine immer gleichbleibende Irrationalität des Menschen. Die nachfolgenden Unterkapitel beschäftigen sich mit verschiedenen Instanzen, die auf unterschiedliche Weise Selbstgerechtigkeit verüben und damit dem Kern ihres Wesens Ausdruck verleihen.

3.1 Ein Dorf rächt sich

Für die folgende Analyse wird Mägendorf als große, dunkle Masse betrachtet. Damit wird der Darstellungsweise Dürrenmatts gefolgt, welche zugleich als erstes Charakteristikum des Dorfes aufgeführt werden kann. Bei der Auseinandersetzung zwischen Polizei und Dorfgemeinschaft wird wenig Bezug auf einzelne Persönlichkeiten genommen. Zeugen, die zu dem Mord an Gritli Moser von Matthäi befragt werden, erscheinen nur kurz, um anschließend direkt wieder in der Ansammlung von Menschen zu verschwinden.41 Das beweist zum einen das solidarische Zusammenstehen der Mägendorfer zum anderen verdeutlicht es Dürrenmatts Aussage zum „gleichen fatalen Resultat“42 des Menschen, dem dadurch jegliche Individualität abgesprochen wird. Als Teil des Gemeinschaftsgefüges passt sich der Mensch an und fügt sich dem emotional geleiteten Handeln und Denken der Menge: „Wir wissen, was wir zu denken haben“ (V 29).

Dem relevanten Konflikt um den Mord an Gritli Moser liegt bereits ein Konflikt zwischen Dorf und Stadt zugrunde, der im späteren Verlauf eine Positionierung des Dorfes zur Selbstgerechtigkeit begünstigt. Ein „traditioneller Trotz gegen den Staatsanwalt“ (V 18) hat sich unter den Mägendorfern eingeschlichen, der sie dazu veranlasst ihren Dorfpolizisten mit Alkoholabusus zu dulden, jedoch jeglicher Vertretung mit Feindseligkeit gegenüberzutreten (vgl. V 18). „Aus Furcht vor der Bevölkerung“ (V 18 f.) ist der neue Polizist des Dorfes „unsichtbar“ (V 19), sodass von einer übergeordneten Justiz in Mägendorf nicht zu sprechen ist. Dieses Verhalten zeigt, dass sich die Dorfbewohnenden bereits als Kollektiv in Abgrenzung zu allem Außenstehendem verstehen und ihre Gemeinschaft selbst verwalten. Diese Ausprägung verstärkt sich zunehmend, als Gritli Moser ermordet wird. Unter der Betrachtungsweise, dass individuelle Interessen des Einzelnen im Dorf in der Masse verschwinden, kann der Übergriff auf ein Dorfmitglied als Angriff auf die Zusammengehörigkeit gesehen werden. Diese Überlegung wird von der Gefühlsdarstellung der Dorfbewohnenden getragen: „Eine dumpfe Wut, die keinen Plan hatte, rottete die Bauern zusammen. Sie wollten Rache, Gerechtigkeit“ (V 28). Außerdem zeigt sich hierbei der zugrunde liegende Konflikt und das damit einhergehende fehlende Vertrauen in eine übergeordnete staatliche Ordnung: „Sie haben das Gefühl, die Polizei genüge nicht. Sie müßten selbst für die Gerechtigkeit sorgen“ (V 28).

Mit der Darstellung der Dorfgemeinschaft präsentiert Dürrenmatt den Menschen als ein „von Emotionen dirigiertes Wesen“.43 Deutlich sticht dabei die Unfähigkeit der Menschen hervor, mit einer unbekannten und ungeordneten Situation umzugehen: Die Menge wird „immer unruhiger“ (V 30) und steht „hilflos [...] etwas Unbekanntem gegenüber“ (V 30). Unüberschaubare Situationen wie diese führen dem Menschen das Chaotische und Irreführende der Welt vor Augen, welches sie in „schwere[r] Ratlosigkeit“ (V 31) zurücklässt. Martin Burkard zufolge existiert das „menschliche Bedürfnis nach Ordnung, nach der Möglichkeit, sich auf die Zukunft einstellen zu können“44, welches hier nicht erfüllt werden kann. Die Mägendorfer sind Ausdruck des irrenden und verzweifelten Menschen, der etwas „Unbekanntem gegenüber[steht]“ (V 30), aber nicht wissend darüber ist, dass die Welt selbst dem Menschen unbekannt ist. Die Überforderung der Dorfgemeinschaft im Umgang mit einer solchen Lage karikiert Dürrenmatt in heiteren Äußerungen der Mägendorfer untereinander. Während der Debatte um die Auslieferung des Hausierers, was als Debatte um Leben und Tod bezeichnet werden kann, erfüllt „Gelächter“ (V 34) die Reihen und Witze werden geäußert, bei denen „[a]lle lachten“ (V 35).

Sowohl die Ratlosigkeit im Umgang mit dem Unbekannten als auch bestehende Verdrängungsmechanismen bewirken die Intensität des Ausbruchs im Dorf. Die Sichtweise Dürrenmatts, dass der Mensch sein emotionales Verhalten nur ändern kann, indem er die Gefahren, den Tod und alles Unbekannte wahrnimmt und akzeptiert, ist auf die Dorfgemeinschaft zu übertragen. Das emotionale und selbstgerechte Handeln erzeugt den Konflikt um den Hausierer, da er, trotz nicht vorhandener Beweislage, als Schuldiger angesehen wird. Der Tod des Mädchens Gritli Moser wird in diesem Fall von den Mägendorfern nicht akzeptiert, sodass sie sich selbst „das Recht genommen [haben]“ (V 32), zu handeln. Trotz emotionaler Spannungen, bestimmt Schweigen die Situation: „Die Männer standen drohend da, doch schweigend; die Frauen klebten an den Häusern. Auch sie schwiegen. [...] Niemand gab Antwort“ (V 28). Empfundene Gefühle zu dem Mordgeschehen, die sich beispielsweise auf Wut und Trauer belaufen könnten, werden nicht offengelegt, sondern verdrängt. Dies ändert sich auch im weiteren Verlauf bei der Beerdigung nicht, wo der Großteil des Dorfes versammelt ist: „Alles war stumm“ (V 62). Der Tod erscheint als etwas Unüberwindbares und Abstoßendes, das „die Welt vergiftet“ (V 31). Dürrenmatt schafft eine paradoxe Begebenheit, die sich darin äußert, dass nicht der Tod die Welt vergiftet, sondern die Mägendorfer, indem sie, unwissend durch fehlende Überwindung und maßgebliche Verdrängung des Todes, mit ihrem selbstgerechten Verhalten eine für den Hausierer gefährliche Situation erzeugen.

Auch der Polizeiapparat wird stark gefühlsbestimmt und „ebenso hilflos wie die Mägendorfer“ (V 30) dargestellt. Der verzweifelte Staatsanwalt weiß sich in dieser hektischen Situation nicht ohne Verstärkung zu helfen (vgl. V 31). Es sticht heraus, dass Matthäi der Einzige mit sachlichem Verstand zu sein scheint, was ihm bei der Lösung von diesem Konflikt hilft. Anstatt die Dorfgemeinschaft mit Gewalt „zur Vernunft [zu] bringen“ (V 30), bewahrt er einen klaren Kopf und schlägt „reden“ (V 30) vor. Dabei richtet er sich nicht „unsicher und leise“ (V 31) an die Menge, sondern „klar und deutlich“ (V 32). Der Umgang mit den Mägendorfern wird an dieser Stelle der Arbeit hervorgehoben, da es den wichtigsten Gedanken Dürrenmatts illustriert: „[...] daß das menschliche Leben etwas Kostbares ist“.45 Mit der Hetzerei gegen den Hausierer haben die Dorfbewohnenden etwas von ihrer Menschlichkeit einbüßen müssen und ebenso die Polizei scheint Gewalt als Mittel an dieser Stelle in Betracht zu ziehen. Matthäi stellt sich dem Unbekannten, nimmt es wahr und kann in dieser Situation richtig handeln. Er kann den Konflikt lösen, da er den Menschen als wichtig erachtet: „Weil Matthäi sie ernst nahm, nahmen sie ihn auch ernst“ (V 32).

Der Verlust der Vernunft wird unter anderem in der Allegorie zur Tierwelt veranschaulicht, wie sie an vielen anderen Stellen in Das Versprechen auftritt. In dem Gespräch mit Matthäi wird von Dr. Locher die enge Verbindung von Mensch und Tier bereits erläutert: „[...] es braucht verdammt wenig, etwas geänderter Stoffwechsel, einige degenerierte Zellen, und der Mensch ist ein Tier“ (V 88). „Keine Kontrolle“ (V 88) und wenig „Widerstandsfähigkeit“ (V 88), um den Konflikt zu bewältigen, zeigt sich bei verschiedenen Instanzen: Der Gemeindepräsident geht „zornig [...] auf und ab“ (V 29), was an ein wildes Tier in einem Käfig, aber nicht an einen Vorsitzenden erinnert. Auch die fehlende Kontrolle offenbart sich in einem dem Tier ähnlichen Verhalten: „Er trank ihn [d. i. den Wein; Anm. d. V.] so hastig, daß große dunkle Streifen über sein Hemd liefen“ (V 29). Die Polizeiwagen werden als „große dunkle Tiere inmitten der Menschenbrandung“ (V 31) beschrieben. Ihr Handeln in diesem Fall: „Sinnlos“ (V 31). Zuletzt wird der menschliche Verstand der Mitglieder der Dorfgemeinschaft in Frage gestellt, die aufgrund von Unachtsamkeit nur unzureichende Zeugenaussagen machen können (vgl. V 35). Den Tieren wird an dieser Stelle mehr Intellekt eingeräumt: „Die Pferde passen schon auf“ (V 35). Die allegorischen Deutungen schaffen in diesem Zusammenhang einen Ausdruck des Innersten des Menschen und statuieren Dürrenmatts Sichtweise, dass der Mensch „dem unvernünftigen Tier wahrscheinlich viel näher [ist]“.46

[...]


1 Friedrich Dürrenmatt: Dramaturgie des Denkens. Gespräche 1988­–1990. In: Ders.: Gespräche 1961­­–1990 in vier Bänden. 4 Bde. Hrsg. v. Heinz L. Arnold. In Zusammenarbeit mit Anna von Planta u. Jan Stümpel. Bd. 4: Hrsg. v. Dens. Zürich: Diogenes 1996, S. 181.

2 Werner Oberle: Grundsätzliches zum Werk Friedrich Dürrenmatts. In: Reinhold Grimm, Willy Jäggi u. Hans Oesch (Hrsg.): Der unbequeme Dürrenmatt. Mit Beiträgen von Gottfried Benn u.a. Basel: Basilius Presse Basel 1962 (= Theater unserer Zeit 4), S. 10.

3 Ebd.

4 Ebd.

5 Ebd., S. 13.

6 Friedrich Dürrenmatt: Es geschah am hellichten Tag. Der Filmproduzent Lazar Wechsler. In: Luis Bolliger u. Ernst Buchmüller (Hrsg.): play Dürrenmatt. Ein Lese- und Bilderbuch. Mit Texten von Friedrich Dürrenmatt u.a. sowie Handschriften, Zeichnungen und Fotos. Zürich: Diogenes 1996, S. 139.

7 Oberle: Grundsätzliches zum Werk Friedrich Dürrenmatts, S.10.

8 Ebd.

9 Vgl. Peter Gasser: „... unsere Kunst setzt sich aus etwas Mathematik zusammen und aus sehr viel Phantasie.“ Zu Friedrich Dürrenmatts Kriminalromanen. In: Ders., Elio Pellin u. Ulrich Weber (Hrsg.): „Es gibt kein größeres Verbrechen als die Unschuld“ Zu den Kriminalromanen von Glauser, Dürrenmatt, Highsmith und Schneider. Göttingen u. Zürich: Wallstein u. Chronos 2009 (= Sommerakademie Centre Dürrenmatt Neuchâtel 1), S. 63.

10 Dürrenmatt: Dramaturgie des Denkens, S. 174.

11 Gasser: Zu Friedrich Dürrenmatts Kriminalromanen, S. 67.

12 Vgl. Peter Rüedi: Dürrenmatt oder Die Ahnung vom Ganzen. Biographie. Zürich: Diogenes 2011, S. 237 f.

13 Gasser: Zu Friedrich Dürrenmatts Kriminalromanen, S. 67.

14 Ebd.

15 Friedrich Dürrenmatt: Theaterprobleme. Zürich: Verlag der Arche 1955, S. 49. zit. nach Hildegard Emmel: Das Gericht in der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts. Bern: Francke Verlag 1963, S. 151.

16 Vgl. ebd.

17 Vgl. Martin Burkard: Dürrenmatt und das Absurde. Gestalt und Wandlung des Labyrinthischen in seinem Werk. Bern u.a.: Peter Lang 1991 (= Zürcher Germanistische Studien 28), S. 45.

18 Vgl. Robert E. Helbling: Groteskes und Absurdes – Paradoxie und Ideologie. Versuch einer Bilanz. In: Gerhard P. Knapp (Hrsg.): Friedrich Dürrenmatt. Studien zu seinem Werk. Heidelberg: Lothar Stiehm 1976, S. 245.

19 Dürrenmatt: Dramaturgie des Denkens, S. 66.

20 Friedrich Dürrenmatt: Die Entdeckung des Erzählens. Gespräche 1971­–1980. In: Ders.: Gespräche 1961­­–1990 in vier Bänden. 4 Bde. Hrsg. v. Heinz L. Arnold. In Zusammenarbeit mit Anna von Planta u. Jan Stümpel. Bd. 2: Hrsg. v. Dens. Zürich: Diogenes 1996, S. 68.

21 Rüedi: Dürrenmatt oder Die Ahnung vom Ganzen, S. 236.

22 Dürrenmatt: Dramaturgie des Denkens, S. 191.

23 Dürrenmatt: Die Entdeckung des Erzählens, S. 167.

24 Ebd., S. 357.

25 Ebd., S. 213.

26 Ebd., S. 38 f.

27 Helbling: Groteskes und Absurdes, S. 248.

28 Ebd.

29 Ebd., S. 249.

30 Vgl. Gasser: Zu Friedrich Dürrenmatts Kriminalromanen, S. 68.

31 Dürrenmatt: Dramaturgie des Denkens, S. 181.

32 Ebd.

33 Dürrenmatt: Die Entdeckung des Erzählens, S. 39.

34 Ebd., S. 66.

35 Ebd.

36 Ebd.

37 Emmel: Das Gericht in der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts, S. 158.

38 Dürrenmatt: Die Entdeckung des Erzählens, S. 38.

39 Ebd., S. 66.

40 Stefan Riedlinger: Tradition und Verfremdung. Friedrich Dürrenmatt und der klassische Detektivroman. Marburg: Tectum 2000, S. 218.

41 Vgl. Friedrich Dürrenmatt: Das Versprechen. Requiem auf den Kriminalroman. 36. Aufl. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 2011, S. 36. Im Folgenden zitiert mit der vorangestellten Sigle ,V‘ und Seitenzahl in Klammern direkt im Fließtext.

42 Dürrenmatt: Die Entdeckung des Erzählens, S. 213.

43 Dürrenmatt: Dramaturgie des Denkens, S. 181.

44 Burkard: Dürrenmatt und das Absurde, S. 231.

45 Dürrenmatt: Die Entdeckung des Erzählens, S. 66.

46 Ebd., S. 68.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Die Darstellungsweise von Selbstgerechtigkeit in Friedrich Dürrenmatts Roman „Das Versprechen“. Ein Ausdruck der Irrationalität des Menschen?
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Deutsches Seminar)
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
23
Katalognummer
V904769
ISBN (eBook)
9783346224965
ISBN (Buch)
9783346224972
Sprache
Deutsch
Schlagworte
darstellungsweise, selbstgerechtigkeit, friedrich, dürrenmatts, roman, versprechen, ausdruck, irrationalität, menschen
Arbeit zitieren
Sara Tillmann (Autor:in), 2020, Die Darstellungsweise von Selbstgerechtigkeit in Friedrich Dürrenmatts Roman „Das Versprechen“. Ein Ausdruck der Irrationalität des Menschen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/904769

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Blick ins Buch
Titel: Die Darstellungsweise von Selbstgerechtigkeit in Friedrich Dürrenmatts Roman „Das Versprechen“. Ein Ausdruck der Irrationalität des Menschen?



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden