Das Thema "Tod und Sterben" im Religionsunterricht der Grundschule. Ein kulturanthropologischer Zugang


Masterarbeit, 2016

127 Seiten, Note: 1,4

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

I Theoretische Grundlagen

2 Ars moriendi
2.1 Bedeutung
2.2 Geschichtlicher Abriss
2.2.1 Der Tod im Spätmittelalter
2.2.2 Sterbebüchlein
2.3 Ars moriendi im engeren Sinn
2.3.1 Anselmische Fragen
2.3.2 Anleitungen nach Gerson und Geiler
2.4 Ars moriendi im weiteren Sinn
2.4.1 Bilder-Ars
2.4.2 Totentänze
2.5 Gegenwartsbezug

II Praktische Grundlagen

3 Moderne Ars moriendi- Bilderbuch „Ente, Tod und Tulpe“
3.1 Funktionen und Kriterien von Bilderbüchern in Bezug zum Medium
3.2 Sach-und Sinnpotentialanalyse
3.2.1 Handlungsverlauf
3.2.2 Sachstruktur
3.2.3 Figurencharakteristik
3.2.4 Bildbetrachtungen
3.2.5 Sinnpotential
3.3 Parallelen des Buches zur Ars moriendi

4 Thema ‚Tod‘ im Grundschulalter
4.1 Todesvorstellungen
4.2 Bezug zum Evangelischen Religionsunterricht
4.2.1 Religiosität
4.2.2 Thüringer Lehrplan und Kompetenzmodell des Comenius-Instituts

III Schulpraktische Durchf ührung im Religionsunterricht35

5 Einsatz des Kinderbuches
5.1 Didaktische Vorüberlegungen
5.1.1 Theologisieren mit Kindern
5.1.2 Unterrichtsgespräch
5.2 Bedingungsfeldanalyse
5.3 Lernvoraussetzungen der Grundschüler
5.4 Ziele
5.5 Didaktisch-methodische Entscheidungen
5.5.1 Unterrichtstunde vom 15.05.2016
5.5.2 Unterrichtsstunde vom 27.05.2016
5.5.3 Unterrichtsstunde vom 03.06.2016
5.5.4 Unterrichtsstunde vom 10.06.2016
5.6 Verlaufspläne
5.6.1 Unterrichtsstunde vom 15.05.2016
5.6.2 Unterrichtsstunde vom 27.05.2016
5.6.3 Unterrichtsstunde vom 03.06.2016
5.6.4 Unterrichtsstunde vom 10.06.2016
5.7 Reflexion und Ergebnisauswertung der Erprobung
5.7.1 Gesamteindruck
5.7.2 Lernziele, Schülerergebnisse und Leistungskontrolle
5.7.3 Rolle und Sprache der Lehramtsanwärterin
5.7.4 Ertrag der Praxisstunden

6 Fazit und Ausblick

7 Literaturverzeichnis

8 Anhang

Vorwort

Schon als Kind machte ich mir viele Gedanken über den Tod. Filme, Märchen und biblische Kindergeschichten, die den Tod thematisieren, wie „Hänsel und Gretel“ oder „David und Goliath“, faszinierten mich besonders. Was passiert mit denen, die sterben? Haben sie Schmerzen? Erleben sie ein Gefühl von Einsamkeit oder fühlen sie sich beschützt und behütet? Der Tod stellte für mich etwas Geheimnisvolles und Ungreifbares dar, was mich des Öfteren auch ängstigte. Dies rührt sicherlich auch daher, dass mit mir als Kind seitens der Familie nur wenig über den Tod gesprochen wurde. Zudem wurde ich von Beerdigungen sowie Trauerfeiern größtenteils ferngehalten. Heute sehe ich den Tod aufgrund meines christlichen Glaubens als Erlösung und Seelenheil, aber durchaus auch als schmerzhaft für die Hinterbliebenen an.

An dieser Stelle möchte ich meinen Professoren für Ihre Ideen, Geduld, Unterstützung und auch für die bereitgestellten Materialien meinen herzlichsten Dank aussprechen. Zu danken habe ich auch meiner Religionslehrerin, Frau S., für die Stunden, die ich in der vierten Klasse unterrichten durfte. Des Weiteren gilt mein Dank auch all denen, welche die vorliegende Masterarbeit gegengelesen haben.

1 Einleitung

„Meine Zeit steht in deinen Händen.“1 (Psalm 31,16a)

Sobald ein Lebewesen, ob menschlichen, tierischen oder pflanzlichen Ursprungs stirbt, spätestens dann, setzt sich ein Mensch mit dem Thema „Tod und Sterben“ intensiv auseinander. Der zu frühe oder altersbedingte Tod, tödliche Krankheiten und Unfälle, Selbst-und Fremdmorde, Beerdigungen und die mit dem Tod verbundene Trauer begleiten einen jeden Menschen, damals wie heute.

Nach dem christlichen Verständnis ist das „Sterben“ ein Prozess, welcher durch Gott zur Auferstehung führt. Die wahrhaftig an Gott glaubenden Christen sehen aufgrund der Auferstehung Jesu Christi, Gottes einzigem Sohn, ihren eigenen Tod seither als versöhnlich an. Christus wurde von Gott auf die Erde gesandt, ist nach seiner Kreuzigung von den Toten auferstanden und sodann in den Himmel aufgefahren. Er nahm die Sünden der Menschheit auf sich und wir Christen glauben fest an ein Leben nach dem Tod, mithin die menschliche Auferstehung und das ewige Leben.

Das Thema des Sterbens ist seit jeher faszinierend. Trotz vieler Veränderungen, auch und gerade auf dem Gebiet des medizinischen Fortschritts, ist jedes Lebewesen zweifelslos dem Sterben ausgesetzt. Dem Tod kann man nicht entkommen. Krankheit, Tod und Vergänglichkeit begleiten das Leben. So wird uns Menschen bewusst, dass wir sterblich und endlich sind. Wir merken, dass wir trotz der lebensverlängernden Medizin keinen Einfluss darauf haben, wann wir sterben. Die Medizin kann den Tod unter Umständen nur hinauszögern. Viele leiden aufgrund der Ungewissheit unter großen Ängsten vor dem Sterben. Dem Mensch, als emotionales Wesen, fällt es schwer, über den Tod zu reden. Sterben und Tod sind als große Tabuthemen unserer heutigen Gesellschaft anzusehen.

Vor über 500 Jahren gab es im Abendland kurze Bücher mit dem Titel: „Ars moriendi-Die Kunst des Sterbens“. Sie sollten den Menschen damals helfen, sich auf das Sterben, vor allem während der Seuchenzeit, vorzubereiten. Die Sterbekunst zielt darauf ab, dass wir Menschen den Tod als Lebensbestandteil ansehen und so die Ängste vor dem Tod reduziert werden. Doch was bedeutet und umfasst Ars moriendi explizit? Wie haben sich die Menschen speziell auf das Sterben vorbereitet? Was beinhalten die Sterbebüchlein und welche Rolle spielen dabei die Illustrationen in Form von Holzschnitten? Finden wir Elemente der damaligen Sterbekunst heutzutage wieder? Mithilfe der vorliegenden Masterarbeit, die den Titel „Ars moriendi- ein kulturanthropologischer Zugang zum Thema Tod und Sterben im Religionsunterricht der Grundschule“ trägt, soll auf diese Fragen eingegangen werden.

Zunächst sollen theoretische Grundlagen geschaffen werden. Die geschichtliche Entwicklung sowie Verbreitung der Sterbekunst werden zuerst betrachtet. Eine sinnvolle Einteilung der Ars moriendi von Heinz Rüegger2 soll im Folgenden als Grundlage dienen. Demnach wird sie im engeren und weiteren Sinn unterschieden. Die Sterbekunst bezieht sich im engeren Sinn auf den Prozess des Sterbens selbst und die optimale Begleitung bei diesem. Im Zuge dessen werden Fragen, Ermahnungen, Gebete und Ratschläge erfolgen, die mit Anselm von Canterbury sowie Gerson und Geiler in Beziehung zu setzen sind. Ars moriendi im weiteren Sinn meint hingegen das Vorbereiten des Sterbens. An dieser Stelle werden die spätmittelalterlichen Holzschnitte, die damit einhergehenden Anfechtungen und die Totentänze Gegenstand meiner schriftlichen Ausführungen sein. Daran anschließend gilt es, einen Ausblick zu geben, inwieweit Ars moriendi auch heute noch Anwendung findet.

Im zweiten Teil werden sogleich die praktischen Grundlagen dargestellt. Da eine ausführliche Sterbethematik meines Erachtens ein fester Bestandteil an Schulen sein sollte, möchte ich diese im Religionsunterricht des vierten Jahrgangs einer Grundschule integrieren. Demgemäß und weil es auch einen optimalen Zugang darstellt, wird das Buchmedium „Ente, Tod und Tulpe“ von Wolf Erlbruch mit den Grundschülern3 thematisiert werden. Zuerst wird das Bilderbuch hinsichtlich verschiedener Qualitätskriterien geprüft. Anschließend ist eine ausführliche Sachanalyse des Buchmediums von Nöten, um, von dieser ausgehend, auf mögliche Parallelen zur Ars moriendi schließen zu können. Folglich werden auch die Todesvorstellungen von Kindern im Grundschulalter betrachtet. Zudem wird die Todesthematik in Bezug zum Religionsunterricht gesetzt. Hierbei wird auch der thüringische Lehrplan der Evangelischen Religionslehre herangezogen, um aufzuzeigen, welche Inhalte dieser hinsichtlich der Todesthematik bereithält.

In einem dritten Abschnitt wird sodann auf die praktische Umsetzung mittels des Bilderbuches eingegangen. Dafür gilt es, Planungsüberlegungen für die gesamte Unterrichtseinheit schriftlich zu fixieren. Didaktische Vorüberlegungen, vorherrschende Bedingungen und Lernvoraussetzungen seitens der Schüler müssen abgeklärt werden, um Ziele und Methoden für die vier geplanten Unterrichtsstunden gezielt anpassen zu können. Abschließend wird die durchgeführte Einheit hinsichtlich Ablauf, Methoden, Lernziele sowie meinem persönlichem Auftreten kritisch reflektiert.

Basierend auf einer umfangreichen Sachanalyse der ursprünglichen Sterbekunst sowie des Bilderbuches soll herausgefunden werden, ob und inwieweit das gewählte Medium für den Religionsunterricht der Grundschule in Bezug auf eine Ars moriendi geeignet ist. Zudem zielt die vorliegende Masterarbeit darauf ab, eine Einheit auf der Grundlage des gewählten Buchmediums zu entwickeln, die den Religionsschülern einen gelungenen Zugang zur Sterbe-und Todesthematik bietet.

I Theoretische Grundlagen

2 Ars moriendi

2.1 Bedeutung

Woher komme ich und wohin werde ich gehen? Ein heutiger, christlicher Mensch vertraut bei diesen Fragen auf Gott und somit auch darauf, dass dieser ein gutes Leben nach dem Tod für ihn vorgesehen hat. Ein tiefes Gottvertrauen, wie es Jesus bei seiner Kreuzigung vorlebte, ist jedem Menschen zu wünschen. Diesseitigen Erachtens hat man dieses nicht von Anfang an, sondern entwickelt es erst im Laufe des Lebens. Gott zeigt sich dem Menschen in vielen Facetten, zu verschiedenen Zeiten und in unterschiedlichen Situationen. Gottvertrauen wurde in der spätmittelalterlichen Ars moriendi hingegen nicht vermittelt. Durch das Befolgen der Ars moriendi sicherte man sich sozusagen gegen den gefürchteten Gott ab4. Das Spätmittelalter erstreckte sich etwa von 1250 bis 1500 nach Christus. „Der lateinische Begriff ‚Ars moriendi‘ wird meist mit ‚Kunst des Sterbens‘ übersetzt.“5 Diese Kunst stammt ursprünglich aus dem Mittelalter und wurde auch zur Vorbereitung auf einen guten und heilsamen Tod betrieben.

Es herrschte eine tiefe Frömmigkeit. Gott und Teufel galten als die ewigen Gegenspieler in jeder einzelnen Seele. So ging man gemäß der christlichen Weltanschauung davon aus, dass „[…] das Seelenheil erst in der Sterbestunde entschieden wurde“6. In diesen stellte man sich bildlich einen Todeskampf zwischen Engeln und Teufeln bzw. zwischen guten und bösen Mächten vor. Die Menschen hatten Angst um ihr Seelenheil und hofften, dass durch das Befolgen von Ars moriendi, die Seele im Tod nicht verdammt, sondern befreit wird und so ewiges Heil erlangen kann. Nach Heinz Rüegger ist, wie bereits erwähnt, eine Betrachtung der Lebenskunst im engeren und weiteren Sinn möglich. Im engeren Sinn ist das unmittelbare Sterben und im weiteren Sinn das Üben für das Sterben schon zu Lebzeiten gemeint7. In den nachfolgenden Ausführungen wird darauf näher eingegangen.

Neben der Kunst des Sterbens war den Menschen aus dem Spätmittelalter auch die Lebenskunst „Ars vivendi“ ein zentrales Anliegen8. Diese Lebenskunst betont, dass die Menschen ihr Leben selbst gestalten können; darin liegt ihre Freiheit. Zur Lebenskunst gehört, nach Schmid, dass man seine Möglichkeiten im Leben wahrnimmt, eine Auswahl aus diesen trifft und man bewusst realisiert, wofür man sich entschlossen hat9. So kann jeder Mensch sein Leben systematisch und individuell gestalten.

2.2 Geschichtlicher Abriss

2.2.1 Der Tod im Spätmittelalter

„Memento mori!“– Gedenke, dass du Staub bist und wieder zu welchem wirst!10 Diese frühmittelalterliche Mahnung seitens der Kirche war im späten Mittelalter nicht mehr von Nöten, denn die Pest verursachte ein Massensterben. Diese tödlich ausgehende Krankheit wütete in der Mitte des 14. Jahrhunderts in weiten Teilen Europas. Man sprach vom „Schwarzen Tod“: „Da sieht jeder, wie heute dieser, morgen jener Nachbar von der furchtbaren Krankheit ergriffen wird.“11 Das Spätmittelalter war auch geprägt von Naturkatastrophen und lang andauernden Hungersnöten. Es gab öffentliche Hinrichtungen und Frauen starben oft bei bzw. unmittelbar nach der Geburt ihrer Kinder. Jedes Leben war geprägt von Unsicherheit. Der Tod gehörte zum alltäglichen Leben. Man war mit ihm, schon von Kindertagen an, vertraut. Des Weiteren veränderte sich die Gesellschaft: Menschen zogen zunehmend in die Städte, das Bürgertum blühte auf, Geld und vor allem der Besitz wurden essentiell und Standesgrenzen durchlässiger12. Ohler betont, dass die Menschen jener Zeit, aufgrund ihres nun weltlichen und mithin güterbezogenen Lebens, verängstigt über ihren Ausgang im Jenseits waren13.

„Abbildungen vom Leben in mittelalterlichen Spitälern zeigen das unbefangene Miteinander von Lebenden und Toten.“14 Eine beispielhafte Zeichnung15 hierfür ist dem Anhang zu entnehmen. Ohler beschreibt auch, wie die Hinterbliebenen die Sterbenden umsorgten. Des Weiteren stellt er ausführlich dar, welche Rituale die Angehörigen mit dem Verstorbenen hegten, die den heutigen ähneln: von Leichenwache, dem morgendlichen Leichenzug mit Lichtträgern und Chorsängern, über das Tragen der Toten in die Kirche zur Totenmesse, bis hin zur Beisetzung und dem anschließenden Leichenschmaus16.

Die Überzeugungen bezüglich Tod und Vergänglichkeit wurden nach Aussagen von Rolfes erst über Predigten der Bettelorden, dann durch Einblattdrucke der Holzschnitte und später durch den Buchdruck verbreitet17. Zu Beginn des 15. Jahrhunderts entwickelte sich zur Ars moriendi eine eigene religiöse Literaturgattung.

„Waren die ursprünglich zumeist lateinisch verfassten Ars-moriendi-Texte als pastorale Hilfestellung für den noch unerfahrenen Priester am Sterbebett gedacht, so wenden sich die Übersetzungen und Bearbeitungen dieser Texte sehr bald nicht mehr nur an den Priester, sondern auch an all diejenigen, die einen Sterbenden begleiten.“18

Diese Texte sagen aus, dass es allgemeine Christenpflicht ist, den Sterbenden die letzte Pflicht zu erweisen. Hilfestellungen, die nun von jedem genutzt werden sollten, der einen Sterbenden begleitet, waren von festen Regeln und Anweisungen sowie Ratschlägen gekennzeichnet. Das Wort „ars“ weist darauf hin, denn es steht für das wissentliche Handeln nach einem vorgegebenen Regelsystem19.

2.2.2 Sterbebüchlein

Die in Rede stehende Kunst verbreitete sich immer mehr. Damit man sich diese schon zu Lebenszeiten aneignen konnte, wurde ein Sterbelehrbuch entwickelt. Nach Aussagen von Franz Falk wurde das Büchlein nach seinem ersten Erscheinen in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts immer wieder aufgelegt und blieb hundert Jahre unverändert20. Allerdings ist man sich darüber uneinig, wann genau die Hauptzeit der Verbreitung dieses Büchleins begann. Sowohl Falk als auch Luise Klein sehen diese im 15. Jahrhundert eingeordnet; Peter Neher hingegen im 15. und 17. Jahrhundert21. „In der am weitesten verbreiteten Form umfasste das ‚Ars moriendi Lehrbüchlein‘ nicht mehr als vierundzwanzig Seiten, nämlich zwei Seiten Vorrede sowie anschließend je elf ganzseitige Illustrationen und elf dazugehörige erläuternde Texte.“22 Die Vorrede betont, dass die Sterbestunde wichtig ist und es ein „[…] großer Liebesdienst […] [ist], Sterbenden beizustehen, da[ss] sie christlich sterben.“23 Die meisten Menschen im Spätmittelalter waren der Schrift nicht mächtig. Aufgrund der bildlichen Illustrationen, in Form von Holzschnitten, konnten auch sie die Sterbebücher verstehen. Mittelpunkt all dieser Holzschnitte stellt ein sterbender Mann dar, der unbekleidet, jedoch bedeckt, auf seinem Schmerzenslager liegt; verschiedene Versuchungen in Form von Teufelsgestalten treten an den Sterbenden heran, jedoch bringen Engel gute Gedanken entgegen24. Die kurzen Textausgaben wurden sowohl handschriftlich als auch in gedruckter Form vervielfältigt. „Begleittext, Spruchbänder und bildliche Darstellung haben mehrere Entwicklungsstufen durchlaufen[…].“25 Ausführlichere Informationen über die einzelnen Entwicklungsphasen sind dem Buch „Die deutschen Sterbebüchlein“26 zu entnehmen. Welche Anweisungen und Regeln die Sterbebücher für den Sterbeprozess enthalten, wird nachfolgend in 2.3 Ars moriendi im engeren Sinn erläutert. Das erste deutschsprachige Sterbebüchlein wurde um 1481 nach Christus veröffentlicht. Hierauf wird in Punkt 2.3.2 Anleitungen nach Gerson und Geiler näher Bezug genommen. Die bildhaften Holzschnitte werden unter 2.4.1 Bilder-Ars vertiefend betrachtet.

An dieser Stelle sei angemerkt, dass zahlreiche weitere Werke zur Ars moriendi verfasst wurden und es somit auch mehrere Sterbebücher gab. Arthur Imhof fasst diesseitigen Erachtens die damalige Bedeutung der Lebenskunst präzise zusammen. Er führt aus, dass die Menschen glaubten, es würden in der Sterbestunde teuflische Mächte jede bald frei werdende Seele aufsuchen. Man könne aber widerstehen, wenn man erfolgreich nach dem Lehrbuch handle27. So fanden das gängigste Sterbebüchlein und mithin auch andere Sterbebücher, die als erbaulich anzusehen sind, bis zum beginnenden 16. Jahrhundert einen großen Anklang. Die Seuchen und die anderen Probleme dieser Zeit waren sicherlich ein Indikator für die weite Verbreitung des Sterbebuches. Das Sterben galt von dieser Zeit an als eine erstrebenswerte Kunst für jedermann, für die man extra spezielle Fertigkeiten erwarb, um wie oben aufgeführt einen guten Tod zu haben. Diese Fertigkeiten wurden an die nächste Generation weitergegeben.

Zu Zeiten der Reformation entfaltete sich die Ars moriendi-Literatur zu einer Literatur des Trostes. Die ersten reformatorischen Drucke stammen aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts und trugen den Titel: Kranken- und Sterbetrostbüchlein28. „Für die reformatorische Tradition wird dabei Luthers „Sterbesermon“ maßgeblich. Hier wird vor allem der Gedanke der Anfechtung und des Trostes im Horizont der Rechtfertigungslehre herausgestellt.“29 Die vorreformatorischen Schriften zur Sterbekunst waren, wie bereits erwähnt, durch ihre Bilder und kurzen Texte weit verbreitet. Martin Luther führte diese Gattung 1519 in seinem „Sermon von der Befreiung zum Sterben“ fort. Luise Schottroff schreibt, dass Luther in seiner Schrift die teuflischen Anfechtungen mit Tod, Hölle, Gottes Zorn und Sünde in den Mittelpunkt stellt30.

Da sich jedoch die Haupt- bzw. Blütezeit der Ars moriendi-Literatur sowie eine daran orientierte Lebensweise auf das Spätmittelalter erstreckt, soll im Weiteren die Ars moriendi zu Zeiten der Reformation außer Acht gelassen werden, um den Rahmen der Masterarbeit nicht zu überschreiten.

2.3 Ars moriendi im engeren Sinn

2.3.1 Anselmische Fragen

Ars moriendi im engeren Sinne meint die „[…] ‚Kunst des heilsamen Sterbens‘ [,] [die] für die Situation unmittelbar Sterbender entfaltet wurde“31.

Eine große Bedeutung für den Inhalt dieses Ars moriendi-Bausteins kommt den Anweisungen zur Sterbepastoral durch den Theologen und Philosophen Anselm von Canterbury zu, welcher von 1034 bis 1109 nach Christus lebte32. Die Anweisungen beginnen nach Aussagen von Helmuth Rolfes mit zwei Fragereihen: einer größeren für Mönche sowie Priester und einer kleineren für Laien, die beide mit einer großen bzw. kleinen Mahnung abgeschlossen werden33. Bei den sechs Fragen handelt es sich um einen Dialog zwischen dem Priester und dem Sterbenden. Placidus Berger erläutert, dass es verschiedene Formulierungen der Fragen gab, die Richtung aber immer dieselbe blieb: Im Sterben ging es, als letzte Möglichkeit für den Betroffenen, um „[…] das Eins-werden mit dem Willen Gottes und die Freude über das Eingehen in die Gemeinschaft der Heiligen […]“34. Der Sterbende soll zur Einsicht gebracht werden. So soll beispielsweise der Priester bzw. Laie den Sterbenden bei seinem Krankenbesuch fragen, ob „[…] dieser sich freue, im christlichen Glauben zu sterben; ob er bekenne, da[ss] er nicht so gelebt habe, wie er es hätte sollen; ob er seine Sünden bereue; ob er sich bessern wolle, falls er noch Gelegenheit dazu habe“35 ; ob er daran glaube, dass Jesus Christus für ihn gestorben ist und ob er Jesus dafür danke. Der Sterbende soll alle Fragen jeweils bejahen. Die soeben aufgeführten Fragen sind in gekürzter und sinngemäßer Form durch Rolfes wiedergegeben worden. Berger hingegen zeigt, dass jede der eben aufgeführten Fragen aus mehreren Teilfragen besteht. Am Beispiel der sechsten Frage, welche nun in ausführlicher Form folgt, wird dies deutlich:

„Willst du alles wiedergutmachen und zurückgeben, was du auf unrechte Weise ersessen, gewonnen oder in deinen Besitz gebracht hast? Willst du diese Wiedergutmachung auch dann leisten, wenn du dich damit um all deine Güter bringen würdest, so dass du nackt und bloß dastehen würdest?“36

Die Fragen enden mit dem Hinweis:

„Jeder Kranke, aber auch jeder Gesunde, der sie wahrheitsgemäß und ohne Falschheit im Herzen und ohne Widerrede beantworten kann, der kann versichert sein, dass er im Stande der Gnade und des Heiles ist, und wer so stirbt, der wird das ewige Leben haben, und hätte er auch alle menschenmöglichen Sünden begangen.“37

An die Fragen schließt sich noch eine Ermahnung an:

„[…] [S]etz all dein[e] Zuversicht allein in diesen Tod, mit diesem Tod bedeck dich ganz und weil dich Gott richten oder urteilen will, so sprich: Herr, den Tod unseres Herrn Jesu Christi deines Sohns setz ich zwischen mich und deinen Zorn; Herr in deine Hand empfehl ich meinen Geist.“38

Diese Ermahnung ist sehr bedeutend und bekannt für die Sterbebücher. Nach Rolfes stellt sie „[…] ein theologisches Herzstück der Ars moriendi und der damit verbundenen kirchlichen Sterbepastoral […]39 dar.

2.3.2 Anleitungen nach Gerson und Geiler Johannes Charlier zu Gerson entwickelte um 1408 die französische Urform dieser Textgattung, er verfasste ein „Opus(culum) tripartitum […]“, welches insgesamt oder in einzelnen Teilen in die meisten späteren Sterbebücher übernommen wurde40. Der Prediger Johannes Geiler von Kaysersberg übersetzte dieses Werk um 1481 ins Deutsche unter dem Titel: „Wie man sich halten sol[l] b[ei] e[ine]m sterbenden [M]enschen“41. Es ist eine in deutscher Sprache verfasste Ars moriendi, mit dem Zweck, dass Laien als Sterbebegleiter richtig handeln, damit die Betroffenen einen „heilsamen Tod“ erlangen können.

„In der Sekundärliteratur verschmilzt dieser Typus der Sterbeanweisung ihres Verfassers und Bearbeiters wegen zur ‚Gerson-Geiler´schen Schrift‘, das sich daraus ergebende Verfahren mit Kranken umzugehen, wird daher sogar als ‚die Gerson-Geiler´sche Praxis‘ bezeichnet.“42

Aus den Übersetzungen von J. Geiler wurde somit das erste deutsche Sterbebüchlein. Die Holzschnitte in der deutschen Ausgabe stammen von einem Künstler namens Ludwig von Ulm43. Doch welche Anleitungen werden in den Schriften beschrieben? Sie geben vor, dem Kranken nicht nur in seinen körperlichen, sondern auch in seinen seelischen Nöten beizustehen. Gerson und Geiler machen dies jedem wahren Freund zur Pflicht, denn schon in der Anleitung wird angewiesen, den Sterbenden stets als „lieber Freund“ oder „liebe Freundin“ anzureden44. Die Anleitungen beginnen mit Ermahnungen, „[…] die daran erinnern, dass alle Menschen Gottes Hand unterworfen sind […]“45 und der Sterbende aufgrund seiner Sünden nun Buße tun muss. Im Anschluss daran soll der Sterbebegleiter den Kranken zum Gebet anhalten, in dem der Betroffene um Gottes Gnade und das Umgehen des Höllenfeuers bitten soll. Anschließend soll der Sterbebegleiter direkte Fragen stellen, die den Anselmischen ähneln. Nur die letzte Frage unterscheidet sich, denn bei Gerson, so Resch, thematisiert diese nicht Christus, sondern ist nur auf Buße und Reue des Sterbenden ausgerichtet46.

„Den Sterbenden soll man, falls seine Antworten auf die Fragen dürftig ausfallen, auf das Abendmahl und die letzte Ölung hinweisen.“47 Daraufhin folgen Gebete. Auch bei diesen geht es analog den anselmischen Fragen darum, im Todeskampf den Anfechtungen zu widerstehen und somit vor Gott bestehen zu können. Es werden insgesamt vier Gebete genannt, die der Sterbende aufsagen soll. Sie richten sich an Gott, Maria, die Jesus zur Welt brachte, die himmlischen Geister und seligen Engel sowie an die heiligen Apostel. Am Schluss folgt der Hinweis, dass, falls der Kranke die Gebete nicht mehr selber sprechen kann, ihm eine andere Person diese vorzusprechen hat, „[…] sodass er sie mithören und in seinem Herzen betrachten kann“48. Zudem sind Ratschläge aufgeführt, der erste lautet:

„Wenn der Sterbende auf die vorhergehenden Fragen nicht in zufriedenstellender Weise antwortet, dann soll ein besonders guter Seelenarzt, ein weiser Priester, geholt werden, der ihn über seinen Zustand aufklärt. Er soll ihm keine falschen Hoffnungen auf etwaige Genesung machen.“49

Der dritte Ratschlag besagt: „Sollte der Sterbende nicht mehr sprechen können, so soll er angehalten werden, entweder mit einem anderen äußeren Zeichen zu antworten oder jedenfalls rein innerlich die Fragen zu beantworten.“50 Die praktischen sieben Ratschläge waren, so Berger, Vorschläge, „[…] mit denen man die Wirksamkeit der vorangehenden Kapitel garantieren kann“51. Auslassungen sollen streng vermieden werden, es sei denn, dem Sterbenden bleibt nur wenig Zeit, so ist das Gebet ausreichend. Falls es jedoch scheint, dass dem Sterbenden noch ausreichend Lebenszeit bleibt, so soll man mit ihm den Dekalog durchgehen. Alles in allem bietet diese Praxis viele Anhaltspunkte für den Laien.

Zum genaueren Nachlesen der einzelnen Ermahnung, Fragen sowie Gebete und Ratschläge sind die detaillierten Ausführungen in der heutigen Schriftsprache von Placidus Berger52 zu empfehlen.

2.4 Ars moriendi im weiteren Sinn

2.4.1 Bilder-Ars Ars moriendi im weiteren

Sinne meint das Üben für den eigenen Tod zur Lebenszeit im Hinblick auf die letzten Lebensstunden, um den Versuchungen im Todeskampf widerstehen zu können53. Das Üben geschah im Spätmittelalter mittels verschiedener Praktiken, wie Totentänzen und Totengedenken. Die Tradition der klassischen Ars moriendi inspirierte damals die Menschen nicht nur mit Worten, sondern auch mit Bildern. Eine weitere Praktik war somit auch das Betrachten von Bildern.

„Autor, Künstler und genaue Datierung der ‚Bilder-Ars‘ sind der Forschung unbekannt. […] Eine grobe chronologische Einordnung […] lässt sich auf die Jahre [während] der Abfassung des Opus(culum) tripartitum […]“54 einschränken. Den elf Holzschnitten kam eine entscheidende Bedeutung zu, da vor über 500 Jahren nur wenige Menschen lesen konnten. So konnte das Sterbebuch mithilfe der bildhaften Holzschnitte vielen nicht lesekundigen Menschen zur „Kunst des Sterbens“ verhelfen. Allein durch die Holzschnitte wurde das ursprüngliche Sterbebüchlein immer populärer und zügig verbreitet. Die „Bilder-Ars“ oder auch „Holzschnitt-Ars“ zeigen die sogenannte. „Ars moriendi der fünf Anfechtungen“55. Immer zwei Holzschnitte gehören thematisch zusammen. Fünf Holzschnitte visualisieren Versuchungen: Versuchung im Glauben, Versuchung durch Verzweiflung, Versuchung durch Ungeduld, Versuchung durch Hochmut, Versuchung durch zeitliche Güter56. Dem gegenüber veranschaulichen fünf Antwortbilder, wie Kräfte des Himmels dem Sterbenden nicht nur beistehen, sondern diesen auch zum Widerstand und Ausharren ermutigen. Auf dem elften und letzten Holzschnitt ist der Verstorbene abgebildet.

Die kurzen Sätze der Spruchbänder sind durch handelnde Personen szenenartig veranschaulicht, sodass diejenigen, die nicht lesen konnten, dennoch die Illustrationen interpretieren konnten. Nachfolgend werden lediglich die ersten beiden sowie der elfte Holzschnitt beispielhaft betrachtet.

Abb. 2:„Versuchung im Glauben“ Abb. 3: „Ermutigung im Glauben“

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: siehe Anhang, Abbildungen, S.III)

Der erste Holzschnitt „Versuchung im Glauben“ zeigt einen männlichen Sterbenden, welcher halb zugedeckt in seinem Bett liegt. Um ihn herum sind verschiedene Szenen mit unterschiedlichen Charakteren wahrnehmbar, die im Folgenden einzeln betrachtet werden. Rolfes sagt dazu, dass die einzelnen Szenen das Sterbebett quasi umrahmen57. Neben dem Sterbenden steht jeweils rechts und links ein Teufel. Eine weitere Teufelsgestalt steht am Kopfe des Bettes und zieht am Laken und eine vierte fliegt oben an der linken Bildseite. Drei von ihnen haben Schriftbänder neben sich. Eine Aufschrift lautet: „Fac sicut pagani“, was übersetzt bedeutet: „Die Heiden glauben recht“58. Auf den beiden anderen Spruchbändern steht übersetzt: „Mach es den Heiden nach!“ und „Töte dich selbst!“59. So ist festzuhalten, dass die Bänder die Versuchungen in aussagekräftige Worte fassen. Die Teufelsfiguren verfolgen die Intention, dass der Sterbende in seinen letzten Lebenszügen doch noch von seinem Glauben abkommt und seine Seele infolgedessen für alle Zeiten verdammt ist. Ein Mann im rechten Vordergrund, der vor einem der vier Teufelsgestalten steht, setzt den Imperativ des Spruchbandes: „Töte dich selbst!“ um, indem er sich die Kehle mit einem Messer durchschneidet und somit Selbstmord begeht. Auf der linken Bildseite hingegen sieht man, wie ein gekröntes Königspaar eine ebenso gekrönte Figur auf der Säule anbetet. Die beiden machen es den Heiden nach und beten nicht zu Gott, sondern zu einer anderen Gottheit bzw. einem Götzen. Drei Bürger, Appel spricht von Zweiflern und Spöttern60, die links neben dem Bett stehen, stellen das Schriftband: „Es gibt keine Hölle“ bildlich dar. Sie stellen meines Erachtens infrage, ob es eine Hölle gibt. In diesem Holzschnitt fehlen Gott, Jesus und Maria nicht etwa, sondern sind bewusst abgebildet. Sie stehen hinter dem Bett und gleichzeitig über dem Sterbenden. Meiner Meinung nach ist schon der erste Holzschnitt der Bilder-Ars-Reihe äußerst ausdrucksstark und fesselnd. Gott, Jesus und Maria sind, trotz aller Versuchungen, bei dem Sterbenden, auch wenn sie, bezogen auf den nächsten Holzschnitt, vergleichsweise eher im Hintergrund stehen.

Im zweiten Schnitt, dem Gegen- bzw. Antwortbild, geht es um die Ermutigung. Zu sehen sind Gott, Jesus und Maria im linken Vordergrund. Hinter ihnen sieht man unzählige Personen mit Heiligenscheinen. Lediglich von drei „Heiligen“ sind die Gesichter erkennbar. Eine Figur soll Mose darstellen, der direkt neben Gott steht. Mittelalterliche Abbildungen zeigen ihn oftmals mit zwei „Hörnern“, welche die „Strahlen der Erleuchtung“ symbolisieren sollen61. Die Heiligen, welche auch auf den weiteren Antwortbildern zu sehen sind, stellen stets bedeutende, bekannte Personen aus der Bibel dar, „[…] die den Anfechtungen ebenfalls widerstanden haben“62. Sie zeigen dem Sterbenden, dass auch sie es geschafft haben und dass sich das Kämpfen gegen die Versuchungen bzw. die Teufel lohnt. Ein Engel unterstreicht dies mit einem Schriftband: „Sis firmus in fide“, das übersetzt heißt: „Sei stark im Glauben!“. Die Teufel flüchten; auf ihren Bändern heißt es: „Wir sind besiegt!“, „Es ist vergeblich!“ und „Lasst uns fliehen!“63. Sie fliehen aber nur, da der Sterbende bis hierhin fest im Glauben steht. Zudem folgen, wie bereits erwähnt, vier weitere Versuchungen mit ihren jeweiligen Trost- bzw. Antwortbildern. Zur Veranschaulichung sind diese Holzschnitte dem Anhang64 beigefügt. Insgesamt werden fünf Versuchungen dargestellt, bei denen die bösen Mächte versuchen, die Seele des Sterbenden zu erlangen, die guten Mächte in den dazugehörigen Trostbildern hingegen dem Sterbenden in den Sterbestunden beistehen und zum Glauben ermutigen. Die Bilder-Ars setzt „[…] den Akzent auf die rettende Kraft des Glaubens an die Barmherzigkeit Gottes“65.

Abb. 12: „Erlösung der Seele“

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: siehe Anhang, Abbildungen, S.III.) Auf dem letzten Holzschnitt ist zu sehen, wie Engel und Heilige herantreten und der Tote selbst die Sterbekerze hält66. Viele Heilige stehen am Bettrand des Verstorbenen, denn er hat den Kampf um seine Seele trotz teuflischer Mächte gewonnen. Die ausgehauchte Seele, die als kleiner Menschenkörper abgebildet ist, nimmt ein Engel zu sich. Weiterhin fliehen die Teufel tobend: „Warum haben wir uns diese Seele bloß entgehen lassen?“; „Mich verzehrt die Wut!“; „Ich rase vor Zorn!“ usw.67. Rechts neben dem Bett ist Christus am Kreuz dargestellt. So wird bildhaft zum Ausdruck gebracht, dass die Gedanken des Sterbenden im Augenblick des Todes ganz bei ihm weilen68. Die Holzschnitte zeigen, dass „[…] der Mensch nicht einem blinden Schicksal unterworfen [ist]. Jeder darf im Vertrauen auf die Barmherzigkeit Gottes und auf den Erlösungstod Christi bis in die Todesstunde hinein seine ewige Zukunft in Freiheit bestimmen.“69

2.4.2 Totentänze Das neue

Todesbewusstsein drückte sich auch in Totentänzen aus. „Der Begriff selber wird sowohl für den Tanz mehrerer Skelette verwendet, […] als auch für [die Darstellung] von Toten oder Skeletten im Wechsel mit Lebenden“70. Tanzende Skelette gab es aber schon vor dem Mittelalter. Dies beweisen gefundene Trinkbecher aus der Antike, welche nach Meinung von Experten damals zum Genuss des Lebens auffordern sollten71. Meistens sind auf den spätmittelalterlichen Bildern mehrere Skelette zu sehen, die ketten- oder kreisförmig zueinander stehen. Hingegen gibt es auch vereinzelte Darstellungen, auf denen nur ein Paar zu sehen ist, das tanzt, bestehend aus einem Lebenden und einem Toten. Oftmals sind Verse unter bzw. auf den Totentanzbildern verewigt. Einige wenige Zeilen über den oberdeutschen Totentanz, der sich an alle Menschen richtet, sind dem Anhang zu entnehmen72.

Unter dem Einfluss der Franziskaner- und Dominikanerorden konnten sich die Bilder verbreiten. Anfangs waren sie lediglich an Friedhöfen angebracht, im Spätmittelalter fanden sie dann über Holzschnittdrucke eine rasche Verbreitung in ganz Europa73. Die Pest war ein auslösender Faktor für die Beliebtheit dieser Darstellungsart, denn „[d]er Tod und die Pest hatten das Überfallartige gemeinsam“74. Üblich waren auch Totentanzlieder75 sowie symbolische Totentänze bei Leichenwache und Beerdigungsfeiern, vor allem in Dänemark. Bis ins 19. Jahrhundert hinein gehörte der Tanz in weiten Teilen Europas zum Tod76. Der Totentanz wurde also auch gelebt und ausgeführt:

„Die Teilnehmer fassten sich bei den Händen, bildeten einen Kreis oder tanzten paarweise um einen durch das Los zur Leiche bestimmten Lebenden. Auf ein Zeichen fiel die oder der Erwählte ‚tot‘ um.

Die Tänzer verstummten und mussten die oder den ‚Verstorbene(n)‘ durch Auferstehungslieder und Küsse- symbolisch Leben einhauchend- wieder wecken.“77

Es gab viele Darstellungen des Todes, der die Menschen, egal welchen Alters und Standes, zum Tanz bittet78. Totentänze wurden deshalb oft auf dem Friedhof bildlich dargestellt, da Friedhof und Totentanz die Gleichheit vor dem Tod betonen79. Somit bot der Totentanz auch eine „[…] Gelegenheit zur Gesellschaftskritik: Bischöfe und Äbte sahen sich an ihre Pflichten erinnert, die Mächtigen daran, da[ss] sie keinen Grund zu Hochmut, Überheblichkeit und Machtsmi[ss]brauch hätten.“80 Der Tod verschont niemanden, alle sind im Tod gleich. Den Gedanken, den auch die Stifter des Erfurter Totentanzes, zu denen Geistliche und wohlhabende Bürger gehörten, hatten, als sie sich in Gegenwart des Todes malen ließen81, drücken die Totentanzbilder auch heute noch aus. Der Erfurter Totentanz, der erst 1735 begonnen und 1795 vollendet wurde, zeigt häufig den Tod und den Sterbenden unterschiedlichen Standes als Tanzpaar82. Der Tod als Spielmann83, welcher als Gerippe mit Musikinstrumenten dargestellt ist, eröffnet den Erfurter Tanz. Die Rangfolge der gemalten Sterbenden entspricht der Hierarchie; beginnend beim Papst84 und dem Kaiser, über den König und den Kurfürst bis hin zum Bergmann, dem Kinde85, der Schauspielerin, dem Totengräber und dem Bettelmann. Sie sollten dem Betrachter einerseits auf die Nähe des Todes und andererseits auf zu Unrecht empfundene Verhältnisse aufmerksam machen86. Durch einen wiedergefundenen Gipsabdruck konnte ein verloren geglaubtes Totentanzbild von 1947 neu per Bronzeguss hergestellt werden, welches seit 2012 an der Barfüßerkirche in Erfurt angebracht ist87. Es ist die fünfte Tafel aus dem Zyklus „Totentanz“ und entstand zur Erinnerung an die Zerstörung der Barfüßerkirche 1944 im Zuge des Zweiten Weltkrieges88. Auf dieser ist die Zerstörung in Regie des Todes zu sehen. Die anderen vier Tafeln sind im Angermuseum ausgehängt. So sollten die Menschen durch derartige Darstellungen bewusst an ihren Tod erinnert werden und damit an das Heil ihrer Seele denken.

Abb. 19: „Totentanz“-Holzschnitt von Michael Wolgemut von 1493

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Kraft (2007), S. 9.

Der abgebildete Holzschnitt stammt aus der in Nürnberg 1493 veröffentlichten Weltchronik des „Hartmann Schedel“. Zu sehen ist, wie Verstorbene aus ihren Gräbern steigen und ausgelassen tanzen. Ein Skelett musiziert; dies ist typisch für derartige Darstellungen. „Tote spielen Tote zu einem Tanz auf, den die Lebenden nur […] als gegen die göttliche Ordnung gerichtet verstehen konnten“89. Der Tod wurde damals oft als Tänzer gezeichnet. Man glaubte ihn zu beherrschen, wenn man ihn in Bilder und Texte fasste. Im buddhistischen Kulturkreis sowie Mittelamerika trug man damals wie heute bei Ritualtänzen speziell angefertigte Totentanzmasken90, durch die der Tanz aufgrund der schädelartigen Masken lebendig wird91. Bilder von tanzenden Toten gibt es auch aus dem 18., 20. und 21. Jahrhundert in Form von Druckgraphiken, Gemälden, Graffitis, Radierungen oder sogar getanzten Totentänzen, wie z.B. von John Neumeier 2003 in Hamburg organisiert92. So wurden sie nicht nur zur Beruhigung genutzt, sondern auch zum Aufrütteln bei politischer Verführung, wie beispielsweise im Zusammenhang mit der Märzrevolution 1848 oder hinsichtlich des Schreckens des zweiten Weltkrieges. Diese Darstellungsart, mit unterschiedlich beabsichtigten Intentionen, ist bis heute nicht verschwunden, sie ist zeitlos. Meines Erachtens rührt dies daher, dass man durch sie eine persönliche Vorstellung vom Tod entwickeln kann. Bei mir rufen die spätmittelalterlichen Totentanzbilder wohlwollende Assoziationen hervor. Hiernach sollen diese aussagen, dass man als ‚Toter‘ Spaß haben kann bzw. wird, weshalb man zu Lebzeiten keine Angst vor dem Sterben haben sollte. Christen glauben an ein Leben nach dem Tod und dieses wird nach meinen Erwartungen ein Leben in Frieden und frei von Leid, Krankheit, Neid, Missgunst sein. Ein Christenmensch wird einen guten Tod haben. Wir können uns beim Anblick solcher Bilder verstanden oder missverstanden fühlen. Jedenfalls setzt man sich beim genaueren Anblick derartiger Darstellungen tiefer mit der Todesthematik auseinander und manche Betrachter sicherlich auch mit ihren damit aufkommenden Gefühlen. Mithilfe von Bildern tauschen wir uns aus und können gemeinsam Bewältigungsstrategien entwickeln, wie z.B. von dem Tod als Übergang zum ewigen Leben93.

2.5 Gegenwartsbezug

Die Ausgangslage des heutigen Lebens ist eine ganz andere als im Mittelalter. Die durchschnittliche Lebenserwartung ist enorm gestiegen. Seit dem Ende des zweiten Weltkrieges ist das Leben der Menschen zumindest in Europa nicht permanent gefährdet.

Viele Krankheiten wurden ausgerottet, sodass Epidemien nicht oder kaum mehr ausbrechen können. Die Menschen bangen nicht mehr in so hohem Maße um ihr Leben und leiden weder Hunger noch Durst. Erst bei Unfällen oder wenn jemandem, egal welchen Alters, eine negative Diagnose eröffnet wird und auch die Medizin für seinen Lebenserhalt nichts mehr beitragen kann, wird die Sterblichkeit wieder bewusst. Panik bricht aus. Imhof schreibt, dass nach dem weitgehenden Wegfall der Infektionskrankheiten nunmehr chronische Leiden im fortgeschrittenen Alter häufige Todesursache sind94. Seitdem lässt uns der Tod monate- oder sogar jahrelang warten. Selbst die Zahl krebskranker Menschen, mit einer langen Zeitspanne zwischen Diagnose und dem Tod, ist gestiegen. Außerdem wird die Gesellschaft und mithin auch Kinder und Jugendliche immer mehr von psychischen Erkrankungen, wie z.B. Depressionen geplagt. Viele hoffen, ein Lebensalter von 70, 80 oder gar 90 Jahren erreichen zu können. Dabei vergessen wir meiner Meinung nach, dass die Quantität unserer Lebensjahre nicht immer auch mit der entsprechenden Qualität einhergeht. Hierbei denke ich vor allem an pflegebedürftige und bettlägerige ältere Menschen, welche unter Umständen den Tod herbeisehnen. Eine aktive Sterbehilfe, wie sie beispielsweise in den Niederlanden unter anderem mithilfe von Narkosemitteln durchgeführt wird, ist moralisch sehr umstritten. Menschen können so festlegen, wann sie sterben. Es stellt sich an dieser Stelle die Frage: „Spielen sie Gott?“. All diese Entwicklungen erfordern eine intensivere Beschäftigung mit der Todesthematik. Der „Tod“ darf nicht weiter tabuisiert werden. Zudem vollzieht sich der Sterbeprozess immer seltener zu Hause, vielmehr zunehmend in Krankenhäusern oder Alten-und Pflegeheimen. „Daraus resultiert eine enorme Sprach- und Hilflosigkeit im Umgang mit sterbenden und trauernden Menschen.“95 Schon im Mittelalter haben die Sterbenden erkannt, dass es hilft, ein Gegenüber zu haben, mit dem man sich über den Tod austauschen kann. In Europa gibt es heutzutage eine Sterbebegleitung. Die Hospizarbeit ist ein Beitrag einer modernen Ars moriendi. Diese Bewegung ist ein positives Beispiel, wie „gutes Sterben“ in der modernen Gesellschaft gestaltet werden kann. Cicley Saunders, die das St. Christopher Hospiz in London ins Leben gerufen hat, gilt als Begründerin der Bewegung in den 1970er Jahren96. Kirchliche Mitarbeiter, Sozialpädagogen, aber auch viele ehrenamtliche Bürger und ambulante Hospizdienste begleiten die Sterbenden seither in ihrer letzten Lebensphase. So hat der Sterbende die Möglichkeit, über seinen Tod und damit verbundene Ängste zu reden. Im Hospiz wird man versorgt und bekommt unter Umständen eine Schmerztherapie. In vielen Krankenhäusern gibt es auch einen zeitweilig eingesetzten Seelsorger oder Pfarrer, welcher für die Kranken da ist und ihnen den letzten Segen erteilt. Hospize gibt es für Jung und Alt. Ein Kinder- und Jugendhospiz in Thüringen ist in Tambach-Dietharz angesiedelt. 1999 wurden zwölf Prinzipien des guten Sterbens in einem britischen Bericht „The future and care of older people“ festgehalten, die Zimmermann-Acklin ins Deutsche übersetzte97. Dazu zählen beispielsweise, die „[…] Kontrolle über das Geschehen bewahren zu können […] [,] Würde und Privatsphäre zugestanden zu bekommen […] [,] […] spirituelle und emotionale Unterstützung zu erhalten [und] […] Zeit für Abschied zu haben […]“98. Diese aufgestellten Prinzipien, die im Anhang99 noch einmal aufgelistet sind, stellen Rahmenbedingungen dar, die meiner Meinung nach nur sehr entfernt zu einer modernen Ars moriendi zählen können, denn hier fehlt gänzlich die intensive Begleitung während des Sterbens. Sicherlich könnte ein langfristig begleitender Arzt diese Rolle ein stückweit einnehmen, dennoch ist dieser kein „Freund“ im Sinne der spätmittelalterlichen Ars moriendi. Weiterhin fehlt bei diesen Prinzipien, so wie auch bei den anderen Formen moderner Ars moriendi, die intensive Auseinandersetzung und Reflexion zur eigenen Beziehung mit Gott. Lediglich unter dem Wort „spirituell“ wird der Glaube angerissen, spiegelbildlich für die heutige überwiegend atheistische Gesellschaft. So ist festzuhalten, dass die heutige, moderne Ars moriendi nur einige Parallelen zur ursprünglichen Sterbekunst aufweist.

II Praktische Grundlagen

3 Moderne Ars moriendi- Bilderbuch „Ente, Tod und Tulpe“

3.1 Funktionen und Kriterien von

Bilderbüchern in Bezug zum Medium Bilderbücher waren, wie bereits unter 2.4.1 Bilder-Ars erwähnt, eine Art Hilfestellung zum Verstehen für die nichtlesende Gesellschaft. Hingegen werden sie heute hauptsächlich für Kinder entwickelt und das in den verschiedensten Formen und Stilrichtungen. Sie sind einfach, kurz und verständlich. Als früheste Vorläufer der Kinderbilderbücher gelten die seit dem 15. Jahrhundert verbreiteten Bilderfibeln, die zum Erlernen des Lesens genutzt wurden bzw. werden100. Bilderbücher vermitteln Werte und Welterfahrungen und das nicht nur über den Text, sondern eben auch über Bilder. Ein Bilderbuch ist „[…] ein komplexes Ganzes, eine Einheit, innerhalb derer Bilder und Texte ihre je spezifischen und doch verbindenden textlichen und nicht-textlichen Codes und Zeichen besitzen“101. Zudem sind Bilderbücher dem Film ähnlich, da sie gleichermaßen Bilder in einer bestimmten Reihenfolge, passend zur Handlung, zeigen.

Durch die Erfurter Studie ist bekannt, dass die Lesemotivation von Jungen hinsichtlich Büchern und Geschichten deutlich geringer ist, als die der Mädchen102. Bei den beliebtesten Freizeitbeschäftigungen liegt das Lesen bei den Jungen auf Platz vier, bei den Mädchen dagegen auf Platz zwei103. Das zeigt, dass die Lektüreauswahl als Lehrer sehr sorgfältig getroffen werden muss, um auch Lesefreude bei den Jungen zu wecken. Bilderbücher eignen sich gut in der Primarstufe, da der Lesestoff aufgrund der Bilder einen Anreiz zum Lesen bietet104. Da das Medium „Ente, Tod und Tulpe“ zur fantastischen Literatur gehört und Tiere reden lässt, spricht es vermutlich Mädchen und Jungen gleichermaßen an. Außerdem begeistern sich Jungen durch das ungewöhnliche Auftreten des Todes vielleicht eher für die Handlung. In unserer heutigen, von Medien geprägten Gesellschaft, ist es oftmals von Nöten, einen Anreiz zum Lesen zu geben.

Weitere Schlussfolgerungen hinsichtlich der Frage, ob es sich um ein gutes Kinderbuch handelt, können auf Grundlage der Bilder, der inhaltlichen Qualität, der Kindgemäßheit und der Religionspädagogik gezogen werden105. In Anlehnung an den Kriterienkatalog zur Beurteilung der bildlichen Qualität von Hollstein und Sonnenmoser106 lässt sich aussagen, dass die Illustrationen logisch dem Text angeordnet, einfach sowie verständlich sind. Zudem sind sie ästhetisch, vom Text abhängig, regen zum Nachdenken an und weisen einen stimmigen Bilderrhythmus auf, d.h. der Wechsel zwischen doppelseitigen und ganzseitigen Illustrationen ist gegeben. Komplexe Sachverhalte werden außerdem durch Symbole unterstützt. So steht z.B. das Bild des Flusses107 am Ende der Lektüre für einen offenen Ausgang nach dem Tod. Die Bilderqualität ist im vorliegenden Medium durchaus als positiv hervorzuheben.

Gundel Mattenklott hat einen Fragenkatalog108 entwickelt, mit dessen Hilfe Lehrer abwägen können, ob das jeweilige Bilderbuch eine angemessene pädagogische Qualität für den Einsatz im Unterricht aufweist. Basierend auf diese Fragen kann festgehalten werden, dass das Buchvon Erlbruch zum kritischen Denken anregt. Überdies motiviert es zu Anerkennung von Fremden in ihrer Eigenart. Hierbei ist der Fremde die Figur des Todes und man erkennt bzw.

nimmt ihn durch seine menschliche Gestalt und seine ehrlichen Aussagen an. Weiterhin ist die Handlung logisch aufgebaut.

Als kindgemäß gilt ein Bilderbuch, wenn Bilder und Text in Sprache und Inhalt der jeweiligen Kindergruppe angepasst sind109. Das betrachtete Medium fällt aus dem Rahmen der sonstigen großen Spanne an Bilderbüchern, die sich an Vorschulkinder richten. Infolge des komplexen Themas ist es an Grundschulkinder, Jugendliche sowie Erwachsene adressiert. Es ist auch insoweit als kindgemäß anzusehen, als dass die Sprache und Kommunikation des Werkes verständlich sind.

Um mit Kindern bzw. Schülern zum Thema Tod und Sterben ins Gespräch zu kommen, bieten Bilderbücher vielfältige Erschließungsmöglichkeiten. Zugänge zur Thematik sind auch über Medien möglich, indem man mit Schülern beispielsweise anhand von Schlagzeilen überprüft, wie diese den Tod thematisieren und darstellen, aber auch über persönliche Erfahrungen. Dies sowie die Tatsache, dass, von dem Buch ausgehend, „[…] sinnvoll über den Zusammenhang von Glauben, Werten, Normen und Handeln gesprochen werden“110 kann, zeigt, dass das Bilderbuch religionspädagogische Kriterien erfüllt.

Nach meinem Dafürhalten ist das gewählte Medium ein „gutes“ Bilderbuch und hervorragend geeignet für die Anwendung im Religionsunterricht, da es alle Kriterien abdeckt, kindgemäß, spannend und trotz der fantastischen Erzählweise, in die Realität der kindlichen Lebenswelt übertragbar ist. Ferner macht das Medium auf eine sanfte Art deutlich, dass der Tod unumgänglich sowie endgültig ist. Aus all diesen Gründen soll und wird das Bilderbuch als Grundlage, der in dieser Arbeit dargestellten Praxisstunden, dienen.

3.2 Sach- und Sinnpotentialanalyse

3.2.1 Handlungsverlauf

Das Bilderbuch „Ente, Tod und Tulpe“ handelt von einer Ente, die auf den Tod trifft, sodann ihren Lebensalltag mit diesem verbringt, viele Gespräche führt und sich mit ihm anfreundet. Am Ende stirbt die Ente und der Tod legt sie behutsam auf den großen Fluss.

Bereits auf dem Buchcover111 wird dem Betrachter die Ente als eine der beiden Hauptfiguren vorgestellt. Nach drei weiteren Illustrationen, auf denen die Ente laufend oder sich umschauend abgebildet ist, beginnt die Texthandlung. Die Handlung verläuft chronologisch und geradlinig und lässt sich, meines Ermessens nach, sinnvoll in vier Abschnitte einteilen. Das Bilderbuch wird mit den Worten: „Schon länger hatte die Ente so ein Gefühl […]“112 eingeleitet. Sie fragt, wer und warum ihr jemand hinterher schleicht. Im Zuge dessen wird die Figur des Todes eingeleitet: „Schön, dass du mich endlich bemerkst […]. Ich bin der Tod.“113. Vor dem Tod erschrickt sich die Ente, eine Reaktion, die für den Leser wohl absolut nachvollziehbar ist. Diese Situation stellt bereits zu Beginn den Höhepunkt der Bilderbuchgeschichte dar. Folglich fragt sie ihn, ob er komme, um sie zu holen, worauf der Tod antwortet, dass er seit ihrem Lebensbeginn in ihrer Nähe sei, falls ihr etwas zustößt und nicht er dafür sorge, sondern das Leben. Bereits an dieser Stelle wird dem Leser verdeutlicht, dass er nicht den Tod der Ente verursachen wird, sondern das Leben. Demnach muss man vor dieser Todesgestalt keine Angst haben. Dieses Aufeinandertreffen und erste Kennenlernen der beiden Figuren stellt den ersten inhaltlichen Teil der Handlung dar.

Im zweiten Abschnitt wird beschrieben, dass der Tod eine nette Wirkung auf die Ente hat, sodass sie ihn zum gemeinsamen Baden im Teich einlädt. Jedoch ist das Baden dem Tod unangenehm, woraufhin sie es beenden und die Ente ihn anschließend sogar wärmt114. Eine Geste, die man eigentlich nur nahestehenden Personen entgegenbringt, Personen, die man mag und denen man vertraut. Zudem zeigt dies, dass die Ente keine Angst mehr vor der Todesfigur hat und ihn so annimmt, wie er ist. So nähern sich beide Figuren immer weiter an. Am nächsten Morgen ist die Ente glücklich darüber, dass sie noch lebt und teilt dies freudestrahlend dem Tod mit. Nachfolgend trägt sie mehrere Aussagen vor, welche indirekt als Fragen an den Tod gerichtet sind. Sie beabsichtigt, Antworten darauf zu erhalten, wie es nach dem Ableben für eine Ente, wie sie eine ist, weitergeht. Ihre Jenseitsvorstellungen sind nach dem Prinzip Himmel und Hölle ausgerichtet: „Manche Enten sagen, dass man zum Engel wird und auf einer Wolke sitzt und runter auf die Erde gucken kann […] Manche Enten sagen auch, dass es tief unter der Erde eine Hölle gibt, wo man gebraten wird, wenn man keine gute Ente war“115. Sie möchte wissen, wie es genau mit ihr weitergeht. Der Tod müsste es vermutlich wissen. Allerdings gibt dieser nur humorvolle Antworten, wie beispielsweise: „Flügel habt ihr ja immerhin schon.“116. Er lässt die Fragen entweder bewusst unbeantwortet oder weiß tatsächlich nicht, wie es nach dem Tode weitergeht. Dies stellt meines Erachtens eine gelungene Leerstelle des Bilderbuches dar.

Im Weiteren klettern die beiden auf einen Baum. Die Ente denkt darüber nach, wie es für den Teich wohl sein wird, wenn sie nicht mehr da ist, worauf der Tod reagiert: „Wenn du tot bist, ist auch der Teich weg- zumindest für dich.“117. Im Gegensatz zur Ente, fällt es ihm nicht schwer, über das Sterben zu reden. Alles in allem beinhaltet der dritte Inhaltsabschnitt tiefere Gespräche zwischen Tod und Ente, aufgrund derer die Ente ihren eigenen Tod für sich selbst zunehmend mehr akzeptieren lernt.

Der vierte Abschnitt handelt von dem Tod der Ente. Hierbei erfolgt anfangs eine deutliche Zeitraffung, denn es wird ausgesagt, dass sie in den nächsten Wochen immer seltener an den Teich gehen. Die Ente friert zum ersten Mal und bittet den Tod, sie zu wärmen. Folglich wird ausgesagt, dass sie im Beisein des Todes nicht mehr atmet und ganz still daliegt. Warum die Ente stirbt, ob sie krank ist oder einen Kältetod erleidet, da auch Schnee fällt, wird nicht beschrieben und ist demnach als eine weitere Leerstelle des Textes anzusehen.

„Er strich ihr ein paar Federn glatt […] und nahm sie mit zu dem großen Fluss. Dort legte er sie behutsam aufs Wasser und gab ihr einen vorsichtigen Schubs. Lange schaute er ihr nach. Als er sie aus den Augen verlor, war der Tod fast ein wenig betrübt. Aber so war das Leben.“118

Es scheint, dass die Ente friedlich aus dem Leben geschieden ist und es dem Tod schwer fällt, die Ente zu verabschieden. Hierbei ist eine Leerstelle anzumerken, da der Leser nicht weiß, was nun mit der Ente geschieht und wo der große Fluss sie hinbringt. Gemessen am vorherigen Verlauf steht der Handlungsort Teich für etwas Bestehendes, was zum Leben der Ente, aber nicht im Tod, zu ihr gehören wird. Demgegenüber könnte der große Fluss119 den Übergang in das neue Leben repräsentieren. Er symbolisiert das, was die Ente nach dem Tod erwartet. Der Ausgang der weiblichen Protagonistin bleibt offen für die Fantasie des Betrachters, sicherlich auch damit das Bilderbuch für eine breite Masse an Lesern ansprechend ist.

Man folgt in diesem Abschnitt des Bilderbuchs nicht mehr der Ente, sondern man bleibt als Leser sowie Betrachter beim Tod zurück, vermutlich auch deshalb, da der Leser zu den Lebenden gehört. Durch diese Multiperspektive werden nun die Gedanken vom Tod geäußert. Was der Tod in anderen Situationen bisher gedacht hat, bleibt textlich unberührt und ist somit auch als Leerstelle zu verzeichnen. Die Texthandlung endet mit dem oben aufgeführten Satz, jedoch endet die Handlung noch nicht, wenn man das letzte Bild des Buches mit einbezieht, welches im Punkt 3.3 „Parallelen des Buches zur Ars moriendi“ näher erläutert wird.

3.2.2 Sachstruktur

„Ich meine, dass jedes Kind Bücher verdient, die es ernst nehmen, weil jemand ihm von seiner Weltsicht erzählt. Kein Kind ist so infantil wie oft die Dinge daherkommen, die Erwachsene ihm als kindgerecht andrehen wollen.“120

Dieses Zitat stammt vom Autor des zu analysierenden Bilderbuches: Wolf Erlbuch. Er wurde 1948 geboren und hat bereits in vielen Bilderbüchern, oftmals mit Tieren als Protagonisten, ein breites Themenspektrum, wie beispielsweise Schöpfung, Tod und den Sinn des Lebens, aufgegriffen121. Hinsichtlich der Typologie ist festzuhalten, dass es sich um ein fantastisches Erzählbilderbuch handelt und der Prosa zugeordnet werden kann. Im Folgenden gilt es auf die Erzählstruktur des Mediums einzugehen.

Am auffälligsten ist, dass keine Seitenzahlen vorhanden sind. Aufgrund dessen sind die vorherigen bzw. folgenden angegeben Seitenzahlen als Ergebnis einer eigens vorgenommenen Nummerierung zu verstehen, die erst mit der Texthandlung beginnt. Der Ort der Handlung ist, betrachtet man ausschließlich den im Präteritum gehaltenen Text, im Allgemeinen unbestimmt. Lediglich der Teich und der große Fluss am Ende des Werkes werden als Handlungsorte aufgeführt. Hingegen zeigen die Illustrationen, dass die Handlung in der Natur spielt, da Blumen und Sträucher abgebildet sind.

Aufgrund dessen, dass die Erzählzeit im Verhältnis zur erzählten Zeit kleiner ist, wird die Geschichte zeitraffend in der dritten Person wiedergegeben. Wörtliche Rede überwiegt in dem Buch. Der Erzähler kommt lediglich dann zu Wort, wenn er die Gedanken einer Figur sprachlich festhält, wie z.B. auf Seite acht: „Das hatte der Tod befürchtet.“ Die Gedankenwelt gibt der Erzähler dem Leser als eine Art innerer Monolog preis, jedoch ohne das Nutzen von Anführungszeichen und ohne seine eigene persönliche Meinung einzubauen. An dieser Stelle ist zu erwähnen, dass der Erzähler dies sehr oft tut, sodass der Leser sich in die Figuren hineindenken kann. Demnach berichtet der Erzähler aus der Innenperspektive und stellt deshalb einen Teil der Figurenwelt dar. Weil der Erzähler das Handlungsgeschehen weder hinsichtlich seiner eigenen Meinung kommentiert, noch bewertet, kann das Erzählverhalten als neutral eingestuft werden. Hingegen weist er aufgrund der Wiedergabe der Gedanken eine Nähe zu den zwei Figuren auf. Der Erzähler weiß, noch bevor sich eine der zwei Figuren vorstellt, den jeweiligen Namen bzw. deren Bezeichnung: „Ente“ und „Tod“. Diese und die bisher aufgeführten Tatsachen zeigen, dass es sich in dem Buch um einen personalen Erzähler handelt, der aus der Sicht beider Figuren berichtet. Demgemäß nimmt er eine Multiperspektive ein, da er zwischen den beiden Hauptakteuren wechselt. Viele Bilderbücher nutzen heutzutage mehrere Perspektiven. „Dabei wird – und das ist das Innovative – die Koordination der Vielstimmigkeit tendenziell dem Leser überlassen.“122

Das Bilderbuch ist in einer einfachen Sprache sowie in kurzen Sätzen, sogenannten Parataxen, gehalten. Dies könnte vom Autor so beabsichtigt sein, damit das Buch für Kinder gut verständlich ist. Wegen des häufigen Gebrauchs von direkter Rede sowie Dialoggesprächen zwischen den Figuren, fühlt sich der Leser nahe am Geschehen und kann sich so besser in die Geschichte einfinden. Die im Text aufgeführten Verben, wie „lächelte“ und „gähnte“, machen die Figuren bildhafter und lebendiger. Außerdem verdeutlichen sie, dass beide Figuren menschliche Verhaltensweisen aufzeigen. Diese Personifizierungen machen die Erzählung auch kindgerecht, sodass man sich besser mit ihnen identifizieren kann. Gleichermaßen erhalten die Figuren auch durch die vorhandenen Zeichnungen menschliche Eigenschaften. Hierauf wird im nachfolgenden Punkt noch einmal gesondert eingegangen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es sich bei dem vorliegenden 29-seitigen Werk um ein erzählendes Bilderbuch handelt, das dazu einlädt, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen, um so eine eigene Ansicht zu diesem aufbauen bzw. entwickeln zu können.

3.2.3 Figurencharakteristik

Tiergestalten gelten oftmals als Symbol für menschliches Verhalten und Denken. Im vorliegenden Bilderbuch werden die Figuren einerseits durch den Text und andererseits durch die Illustrationen mit menschlichen Attributen versehen. In den weiteren Ausführungen gilt es, die zwei Hauptfiguren zu analysieren. Eine beispielhafte Abbildung zur Visualisierung des Aussehens beider, ist dem Anhang zu entnehmen123.

Der Erzähler des Bilderbuchs spricht von einer weiblichen Ente, weil von „ihr“ und „sie“ die Rede ist. Sie steht und läuft aufrecht, kann denken, reden und sogar, wie ein Mensch, eine Gänsehaut bekommen. Die Ente ist in hautfarbenem Gefieder abgebildet, mit orangefarbenem Schnabel und Füßen. Sie bemerkt den Tod zu Beginn der Handlung. Dies könnte aussagen, dass sie sich in ihren vorherigen Lebenstagen keine großen Gedanken über den Tod gemacht oder sie den Tod bisher nicht auf sich selbst bezogen hat, da es ihr eventuell bisher immer gut ging. Der eigene Tod fühlte sich für sie vermutlich bisher immer „weit weg“ an, eben ihrer Lebenswelt nicht zugehörig oder sie hat ihn absichtlich stets verdrängt, so wie es für Kinder im Alter von sechs bis sieben Jahren124 typisch ist. Aufgrund dessen erschreckt sich die in Rede stehende Ente bei dem ersten Aufeinandertreffen vor dem Tod. Folglich kann der Leser interpretieren, dass der Tod überfallartig erscheinen kann, egal welchen Alters, auch dann, wenn man überhaupt nicht mit ihm rechnet. Die Ente hat jedoch im Laufe des Handlungsgeschehens noch Zeit, sich mit dem personifizierten Tod und den Gedanken an ihren eigenen Tod anzufreunden.

Der Tod wird im Laufe der Handlung von der Ente als „nett“ beschrieben. Ihre Angst ihm gegenüber nimmt sukzessive ab. Sie ergreift die Initiative und lädt den Tod zum Schwimmen ein und wärmt ihn danach auch. Demnach verkörpert sie eine liebevolle Ente, die andere umsorgt und hilfsbereit ist; wünschenswerte Eigenschaften für jeden Menschen. Ihre Gedankengänge und Bewertungen sind für den Leser nachvollziehbar, da sie sprachlich einfach gehalten sind. In dem Werk sind nur der Tod und die Ente aufgeführt, sodass nur diese eine Beziehung eingehen und man nichts von dem Vorleben beider erfährt, was wiederum als Leerstelle des Mediums zu verstehen ist. Sie ist neugierig und fragt den Tod hinsichtlich ihrer Zukunft nach ihrem Ableben aus. Die Gespräche beginnen aufgrund ihrer Initiative, was aussagt, dass sie sich mit ihrem eigenen Tod auseinandersetzt. Dabei fällt es ihr nicht leicht, das Wort „tot“ auszusprechen, welches als Spiegel unser Gesellschaft verstehen werden kann. Als die Ente stirbt, schwebt zarter Schnee in der Luft125. Anhand dieser bildhaften Beschreibung kann der Leser den Tod der Ente als sanft und friedlich interpretieren.

Der männliche Tod ist als ein bekleidetes, menschliches Skelett dargestellt, mit breitgezogenem Schädel, tiefroten Augenhöhlen sowie einer roten Nasenhöhle, einem schmalen und zugleich breitgezogenen Mund und dünnem Hals. Er trägt einen langen schwarzbraunkarierten Mantel und offensichtlich einen rotbraunkarierten Unterrock, der unter dem schwarzen hervor scheint. Außerdem trägt der Tod schwarze Schuhe sowie Handschuhe. Selbst beim Baden behält er seine Kutte an. Von der Statur her ist nur ein geringfügiger Größenunterschied zur Ente zu verzeichnen. Auffallend ist, dass der Tod oftmals lächelnd wirkt und er oft die Arme hinter seinen Oberkörper hält. So wirkt er locker und zufrieden auf den Betrachter. Manchmal kann der Tod Gedanken lesen, deshalb kann er auf die der Ente eingehen, wodurch überhaupt erst tiefere Gespräche resultieren können. Zudem ist festzuhalten, dass der Tod auf einigen Bildern eine dunkelrote Tulpe in seiner Hand hält und dies hauptsächlich auf den ersten Illustrationen. Jedoch hält er diese Tulpe meist so, dass die Ente sie wahrscheinlich gar nicht sehen kann, denn er hält sie in ihrer Gegenwart stets hinter sich. Hierbei sei angemerkt, dass die Tulpe im Text nicht erwähnt wird. Allein die mehrfache bildliche Darstellung der Tulpe reicht aus, um dem Betrachter aufzufallen. Als die Ente stirbt126, geht er ganz behutsam mit ihr um und legt ihr die Tulpe, als eine Art Abschieds- und Bestattungsritual, auf den Körper. Er schaut ihr lange nach. Im Laufe der Handlung haben die Figuren eine freundschaftliche Beziehung zueinander aufgebaut, weshalb selbst dem Tod der Abschied schwer fällt.

3.2.4 Bildbetrachtungen

Bilderbücher sind vielfältig und komplex. Die Illustrationen, welche ebenso wie der Text von Erlbruch stammen, geben den beiden Figuren ein Gesicht. Ohne die Illustrationen würde der Leser nichts über das Aussehen der beiden Figuren erfahren. Der Text lässt derartige Informationen gänzlich aus, was vermutlich von Erlbruch beabsichtigt ist, um diesen bewusst kurzhalten zu können. Die Bilder sind meist unter oder neben dem Text abgebildet, folgen parallel der chronologisch aufbereiteten Handlung und haben dabei eine unterstützende, ergänzende und manchmal sogar aufklärende Wirkung. Die Verbindung von Text und Bild offenbart dem Leser bzw. Betrachter tiefgreifende Informationen. Hierbei gibt der Text des Öfteren auch die Gedanken- sowie Gefühlswelt der Figuren wieder, währenddessen die Bilder beispielsweise versteckte Botschaften aufzeigen, die geschriebene Handlung vertiefen oder gar ergänzen. Aussagen bezüglich der Bildqualität sind dem bereits aufgeführten Punkt, 3.1 „Funktionen und Kriterien von Bilderbüchern […]“, zu entnehmen.

Betrachtet man den bildnerischen Stil des zugrunde liegenden Mediums, ist dieser im grafischen angesiedelt, da die einfach gehaltenen Zeichnungen dominieren. Die Umgebung und deren Farbgestaltung sind äußerst zurückhaltend dargestellt, damit der Fokus auf die Figuren gelenkt und die Vorstellungskraft angeregt wird. So kann der Betrachter tiefer in das Geschehen „eintauchen“. Auffallend ist, dass der Hintergrund, solange die Ente lebt sowie nach ihrem Ableben, in Weiß, während sie stirbt hingegen in Dunkelblau gehalten ist. So wird die Abgrenzung vom Leben symbolisiert.

In den anstehenden Ausführungen werden zur Analyse hauptsächlich nur drei Bilder exemplarisch herangezogen. Das erste ausgewählte Bild127 stellt auch gleichzeitig die erste Illustration mit beginnender Texthandlung dar: das Aufeinandertreffen der beiden Hauptfiguren. Die Ente steht aufrecht dar und dreht sich in Richtung des Todes. Sie betrachtet ihn, aus weiterer Entfernung und fragt, wer er sei. Erst nach der Vorstellung des Todes, reist sie auf der nächsten Illustration128 ihre Augen auf, ihr Körper zieht sich stark zusammen und sie steht ganz gerade vor ihm. Dies alles zeigt, dass sie starr vor Schreck ist. Der locker wirkende Tod hingegen steht ihr mit geneigtem Kopf und ausfallendem Schritt gegenüber. Hinter seinem Rücken hält er eine Tulpe. Bis zu dieser Stelle des Buches sind die Bilder sehr aussagekräftig und bedürfen der textlichen Erklärung nur ergänzend.

Die Ente friert, der Tod soll sie wärmen. Neben der textlichen Beschreibung ist eine aussagekräftige Illustration129 aufgeführt, auf der sie sich Hand in Hand gegenüberstehen und sich anblicken, was verdeutlicht, dass der Tod ihr beisteht und sie auch in schweren Stunden nicht alleine lässt. Weitere Bildbetrachtungen sind in den vorherigen bzw. weiterführenden Ausführungen an passender Stelle mit eingeflochten und sollen an dieser Stelle nicht noch einmal gesondert aufgeführt werden, um Dopplungen zu vermeiden.

3.2.5 Sinnpotential

„Bei den erzählenden Bilderbüchern lassen sich Problembilderbücher, die Tabuthemen wie z.B. Sterben und Tod […] aufnehmen, von anderen Themenbüchern unterscheiden, die kindliche Erfahrungen kreativ bearbeiten oder kindliche Fragen anregend zum Thema machen.“130

Heranwachsende lernen durch den im Buch kindgemäß aufbereiteten Konflikt des Sterbens, ein reales „Problem“ der Erwachsenenwelt genauer kennen und setzen sich so mit diesem intensiv auseinander. Im vorliegenden Bilderbuch wird die reale Welt angesprochen. So erschrickt sich die Ente bereits zu Beginn vor dem Tod. Ein derartiges Handlungsgeschehen verdeutlicht, dass der Tod plötzlich kommt und jedermann überraschen kann; eine Aussage, die mit der realen Welt einhergeht. Sie stellt zugleich einen Appell an den Leser dar, die eigene Lebenszeit bestmöglich zu genießen, da man nie wissen kann, wie lang man noch zu leben hat.

Die Illustrationen des Bilderbuches haben dabei eine nicht zu unterschätzende Funktion: sie wirken der Tabuisierung der Todesthematik entgegen. „In der Fülle der Bilder, die Kindern täglich begegnen, kommt dem Bilderbuch-Bild eine besondere Rolle zu. […] Es vermittelt etwas über die Welt und ist geeignet, innere Vorstellungsbilder zu aktivieren.“131 Das Werk zielt darauf ab, dass die Leser bzw. Betrachter aktiv die Wirklichkeit wahrnehmen, die Endgültigkeit des Todes akzeptieren und auch mehr über sich selbst hinsichtlich ihrer Gedanken und Gefühle zum Sterben und Tod erfahren können.

[...]


1 Deutsche Bibelgesellschaft (2006), S. 554.

2 vgl. Rüegger (2006), S. 16 f.

3 Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichwohl für beide Geschlechter.

4 vgl. Arntz (2008), S. 36.

5 Resch (2006), S. 15.

6 Imhof (1991), S. 162.

7 vgl. Rüegger (2006), S. 16 f.

8 vgl. Plotzek (2002), S. 7.

9 vgl. Schmid (2004), S. 52 f.

10 vgl. Ohler (1990), S. 31.

11 Rudolf (1957), S. 62.

12 vgl. Rolfes (1989), S. 23 f.

13 vgl. Ohler (1990), S. 28 ff.

14 ebd., S.81 f.

15 siehe Anhang, Abb.1, S. I.

16 weiterführende Literatur: Ohler (1990): Sterben und Tod im Mittelalter., S. 80- 105.

17 vgl. Rolfes (1989), S. 23.

18 ebd., S. 17.

19 vgl. Rolfes (1989), S.17.

20 vgl. Falk (1890), S. 3 ff.

21 vgl. Resch (2006), S. 19.

22 Imhof (1991), S. 20.

23 Falk (1890), S. 3.

24 vgl. Franz (1890), S. 3.

25 Resch (2006), S.36 f.

26 weiterführende Literatur: Falk (1890), S. 4 ff.

27 vgl. Imhof (1991), S. 19.

28 vgl. Resch (2006), S. 11.

29 Rolfes (1989), S. 25.

30 vgl. Schottroff (2012), S. 32- 68.

31 Rüegger (2006), S. 16 f.

32 vgl. Rolfes (1989), S. 26.

33 vgl. ebd.

34 Berger (2010), S. 65 f.

35 Rolfes (1989), S. 26 f.

36 Berger (2010), S. 45.

37 ebd.

38 Rolfes (1989), S. 27.

39 ebd.

40 vgl. ebd.

41 Resch (2006), S. 33.

42 ebd.

43 vgl. Jezler (1994), S. 262.

44 vgl. Rolfes (1989), S. 29.

45 Resch (2006,) S. 34.

46 vgl. ebd.

47 ebd.

48 Berger (2010), S. 48.

49 ebd.

50 Berger (2010), S. 49.

51 Berger (2010), S. 48.

52 weiterführende Literatur: Berger (2010): Ars moriendi., S. 39- 50.

53 vgl. Rüegger (2006), S. 17 f.

54 Resch (2006), S. 36.

55 vgl. ebd.

56 vgl. Falk (1890), S. 3 f.

57 vgl. Rolfes (1989), S. 33.

58 vgl. Falk (1890), S. 3.

59 vgl. Appel (1938), S. 78.

60 vgl. Appel (1938), S. 78.

61 vgl. Imhof (2001), [online].

62 Rolfes (1989), S. 33.

63 vgl. Imhof (2001), [online]

64 siehe Anhang, Abb. 4 - Abb. 11, S. I ff.

65 Rolfes (1989), S. 35.

66 Falk (1890), S. 9.

67 vgl. Imhof (2001), [online].

68 ebd.

69 Rolfes (1989), S.36.

70 Kraft (2007), S. 9.

71 vgl. Kraft (2007), S. 11 ff.

72 siehe Anhang, Text 1, S. X.

73 vgl. Rolfes (1989), S. 22 f.

74 Ohler (1990), S. 268.

75 siehe Anhang, Abb. 13, S. III.

76 vgl. Wunderlich (2001), S. 10 f.

77 ebd., S. 11.

78 siehe Anhang, Abb. 14, S. IV.

79 vgl. Ohler (1990), S. 265.

80 ebd.

81 vgl. Schwarz (1995), S. 1.

82 vgl. ebd. (1995), S. 3/ S. 9.

83 siehe Anhang, Abb. 15, S. IV.

84 siehe Anhang, Abb. 16, S. V.

85 siehe Anhang, Abb. 17, S. V.

86 vgl. Schwarz (1995), S. 3.

87 siehe Anhang, Abb. 18, S. VI.

88 Stadtverwaltung Erfurt (2012), [online].

89 Ohler (1990), S. 267.

90 siehe Anhang, Abb. 20, S. VI.

91 vgl. Kraft (2007), S. 11 f.

92 vgl. ebd., S. 11.

93 vgl. ebd., S. 110.

94 vgl. Imhof (1991), S. 165 f.

95 Begemann (2001), S. 108.

96 vgl. Zielinski (1989), S. 122.

97 vgl. Rüegger (2006), S. 110.

98 Zimmermann-Acklin (2005), S. 376 f.

99 siehe Anhang, Text 2, S. XI.

100 vgl. Egli (2014), S. 13.

101 Thiele (2000), S. 37.

102 vgl. Richter/ Plath (2005), S. 43.

103 vgl. ebd., S. 51.

104 vgl. Kretschmer (2003), S. 7.

105 vgl. Zimmermann/ Butt (2016), S. 26 ff.

106 siehe Anhang, Text 3, S. XII.

107 siehe Anhang, Abb. 27, S. IX .

108 siehe Anhang, Text 4, S. XIII.

109 vgl. Zimmermann/ Butt (2016), S. 26.

110 ebd., S. 28 f.

111 siehe Anhang, Abb. 21, S. VII.

112 Erlbruch (2007), S. 1.

113 ebd., S. 2.

114 ebd., S. 9 f.

115 ebd., S. 13 f.

116 ebd., S. 13.

117 Erlbruch (2007), S. 19.

118 ebd., S. 25 ff.

119 siehe Anhang, Abb. 27, S. IX.

120 Schnettler (2006), [online].

121 Zimmermann/ Butt (2016), S. 251.

122 Wiprächtiger-Geppert/ Lüscher (2014), S. 60.

123 siehe Abb. 22, S. VII.

124 siehe 4.1 Todesvorstellungen, S. 30 ff.

125 vgl. Erlbruch (2007), S. 23.

126 siehe Anhang, Abb. 26, S. VIII.

127 siehe Anhang, Abb. 22, S. VII.

128 siehe Anhang, Abb. 23, S. VIII.

129 siehe Anhang, Abb. 24, S. VIII.

130 Zimmermann/ Butt (2016), S. 22.

131 Kretschmer (2003), S. 14.

Ende der Leseprobe aus 127 Seiten

Details

Titel
Das Thema "Tod und Sterben" im Religionsunterricht der Grundschule. Ein kulturanthropologischer Zugang
Hochschule
Universität Erfurt
Note
1,4
Jahr
2016
Seiten
127
Katalognummer
V904804
ISBN (eBook)
9783346214836
ISBN (Buch)
9783346214843
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ars moriendi, Mittelalter, Tod, Sterben, Grundschule
Arbeit zitieren
Anonym, 2016, Das Thema "Tod und Sterben" im Religionsunterricht der Grundschule. Ein kulturanthropologischer Zugang, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/904804

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