Karl der Große - Kaum eine historische Gestalt des Mittelalters bewegt so die Gemüter und das nicht nur in der Geschichtswissenschaft. Karl prägte nicht nur seine Epoche, sondern auch das ganze spätere Europa, speziell natürlich Frankreich und Deutschland. Deshalb ist auch die Beschäftigung mit der Person und Bedeutung Karls in der Forschung sehr umfangreich, aber eben auch sehr kontrovers. Für das Schlüsselereignis, die Kaiserkrönung, lassen sich grob zwei Strömungen in der Geschichtsforschung beobachten. Zum einen diejenige, die davon ausgeht, dass Karl von der Zeremonie am Weihnachtstag in Rom durch den Papst überrascht worden sei und er nicht das Ziel gehabt habe, die Kaiserwürde anzustreben (Wilhelm Ohr). Die Historiker, die dieser Strömung zuzurechnen sind, schenken einer Stelle bei Einhard (Kap. 28) besondere Glaubwürdigkeit. Auf den Streit zwischen den Historikern um diese angebliche Unmutsäußerung Karls, werde ich im dritten Kapitel noch genauer eingehen. Dagegen gibt es eine Gruppe (Friedrich Schneider), die meint, dass Karl keineswegs von den Ereignissen überrascht worden sei und er mehr oder weniger selber auf die Erhebung zum Kaiser hingearbeitet habe.
Doch nicht nur die Historiker sind sich über Ziele, Motive und genaue Hintergründe nicht einig, schon die Quellen selbst zeichnen ein diffuses Bild. Für die Ereignisse, die zur Kaiserkrönung am 25. Dezember 800 in Rom führten, gibt es drei Hauptquellen, die als einigermaßen zeitgenössisch eingestuft werden können, aber keine Tatsachenberichte darstellen: Die Vita Leonis III., also das offizielle Papstbuch und somit die römische Sicht der Dinge, die fränkischen Reichsannalen, sowie die Lorscher Annalen, die auch der fränkischen Seite zuzurechnen sind und wohl vom Erzbischof Richbod von Trier verfasst wurden. Die Reichsannalen sind sehr detailliert verfasst und entwerfen ein sehr positives Bild von Karl. Dagegen ist die Papstvita natürlich darauf bedacht, Leo III. in das beste Licht zu rücken. Aufschluss geben auch die Briefe Alkuins, dem Vertreter der fränkischen Hofschule und Abt von St. Martin, welche über die Geschehnisse wirklich zeitnah und eher ungeschminkt Auskunft geben, da diese nicht als historiographische Dokumente erstellt wurden. Eine weitere wichtige, jedoch nicht ganz zeitgenössische Quelle stellt die Vita Karolini von Einhard dar.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung und Forschungsstand
1. Karl der patricius Romanorum
2. Karl und Papst Leo III.
3.1) Das Attentat auf Papst Leo III.
3.2) Das Treffen in Paderborn im Sommer 799
3.3) Karls Romzug und die Synode
3.4) Der Reinigungseid und die Kaiserkrönung
4. Die Reaktionen aus Byzanz
5. Bewertung
6. Quellen- und Literaturangaben
6.1) Quellen
6.2) Sekundärliteratur
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das historische Ereignis der Kaiserkrönung Karls des Großen am Weihnachtstag des Jahres 800 und stellt dabei die zentrale Forschungsfrage, ob Karl von diesem Akt überrascht wurde oder ob es sich um ein zielgerichtet angestrebtes Ereignis handelte. Der Fokus liegt auf der Analyse der zeitgenössischen Quellen sowie der wissenschaftlichen Debatte hinsichtlich der Motive und der Rolle von Papst Leo III.
- Die Rolle Karls als patricius Romanorum und Schutzherr Roms.
- Die Krise des Pontifikats von Leo III. und das Attentat von 799.
- Die diplomatischen Verflechtungen und der Bruch mit Byzanz.
- Die Deutung der Krönungszeremonie in den verschiedenen Quellen.
- Die historische Einordnung der Kaiserwürde als Teil eines komplexen Interessengeflechts.
Auszug aus dem Buch
3.4) Der Reinigungseid und die Kaiserkrönung
Dieser Reinigungseid war für Leo Sieg und Niederlage zugleich. Zum einen wurde er dadurch rehabilitiert und wieder eingesetzt, zum anderen aber hatte er die bestehenden Zweifel gegen sich nicht ausräumen und somit einen Freispruch erreichen können. In seiner Lage blieb ihm allerdings nichts anderes übrig, als am 23. Dezember 800 in St. Peter jenen Eid abzulegen (Auszug): „...von niemandem abgeurteilt oder gezwungen, sondern völlig freiwillig (...)[schwöre ich], dass ich die verbrecherischen Dinge, die mir jene vorwerfen, weder selbst vollbracht noch durch andere vollbringen ließ“54. Bei diesem Ereignis sind sich die drei Hauptquellen einig. Jedoch weißt der häufige Hinweis auf die Freiwilligkeit des Eides darauf hin, dass er doch nicht völlig aus freien Stücken geschworen wurde.
Das Weihnachtsfest zwei Tage später konnte Leo nun unbelastet zelebrieren. Auf der dritten und letzten Station dieses Tages war man in St. Peter angekommen, um den Schlussgottesdienst abzuhalten. Und dann geschah, was jeder in der Schule lernt: Karl wurde vom Papst zum Kaiser gekrönt. Soweit ist die Sache nicht umstritten, doch wenn man sich die Details zur Krönung genauer ansieht, stößt man wieder auf Widersprüche in den Quellen und daher auch auf Auseinandersetzungen zwischen den Historikern: Hatte Karl auf die Kaiserwürde gezielt hingearbeitet?, Von wem ging die Initiative aus?, Wurde Karl von Papst Leo mit der Krönung überrascht?, War Karl als Kaiser Nachfolger der oströmischen Kaiser? und viele Fragen mehr.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung und Forschungsstand: Einführung in die historische Bedeutung Karls des Großen und Vorstellung der kontroversen Forschungsströmungen bezüglich der Kaiserkrönung.
1. Karl der patricius Romanorum: Untersuchung der Entwicklung der fränkisch-römischen Beziehungen und der Etablierung Karls als Schutzherrn Roms.
2. Karl und Papst Leo III.: Analyse der schwierigen Ausgangslage des neuen Papstes Leo III. und dessen Abhängigkeit von fränkischem Schutz gegenüber der römischen Opposition.
3.1) Das Attentat auf Papst Leo III.: Betrachtung der gewaltsamen Eskalation im Frühjahr 799 und der widersprüchlichen Quellendarstellungen zum Ablauf des Überfalls.
3.2) Das Treffen in Paderborn im Sommer 799: Diskussion des Aufeinandertreffens von Karl und Leo in Paderborn und der Rolle Karls als Schiedsrichter.
3.3) Karls Romzug und die Synode: Darstellung von Karls Reise nach Rom im Herbst 800 und der Durchführung der kirchenrechtlichen Untersuchung.
3.4) Der Reinigungseid und die Kaiserkrönung: Analyse des Reinigungseides und der anschließenden Krönungszeremonie unter besonderer Berücksichtigung der Quellenwidersprüche.
4. Die Reaktionen aus Byzanz: Erörterung der byzantinischen Sichtweise auf die Kaiserkrönung als Provokation und Usurpation bis zur Anerkennung 812.
5. Bewertung: Synthese der Ergebnisse zur Bedeutung des Kaisertitels als Geflecht heterogener Vorstellungen und Zielsetzungen.
6. Quellen- und Literaturangaben: Auflistung der verwendeten Primärquellen und der relevanten geschichtswissenschaftlichen Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Karl der Große, Kaiserkrönung, Papst Leo III., Frankenreich, Byzanz, Paderborn, Reinigungseid, Mittelalter, Geschichtsforschung, Einhard, Reichsannalen, Kaiserwürde, Imperium Romanum, Kirchengeschichte, Historische Quellenanalyse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der historischen Einordnung der Kaiserkrönung Karls des Großen am 25. Dezember 800 in Rom.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf den politischen Beziehungen zwischen dem Frankenreich und dem Papsttum, dem Attentat auf Leo III. sowie der byzantinischen Reaktion auf die neue Kaiserwürde.
Was ist die primäre Forschungsfrage des Autors?
Es wird untersucht, inwieweit Karl der Große aktiv auf die Kaiserwürde hingearbeitet hat oder ob er von der Krönungszeremonie durch Papst Leo III. tatsächlich überrascht wurde.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Erkenntnisgewinnung verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer vergleichenden Analyse zeitgenössischer Quellen wie der Reichsannalen, der Lorscher Annalen und des Papstbuchs (Vita Leonis III.) im Abgleich mit moderner geschichtswissenschaftlicher Literatur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit detailliert behandelt?
Der Hauptteil analysiert chronologisch die Ereignisse ab der Wahl Leos III., das Treffen in Paderborn 799, die Synode in Rom 800 und den Reinigungseid vor der eigentlichen Krönung.
Welche Schlagworte charakterisieren den Inhalt?
Kaiserkrönung, Karl der Große, Papst Leo III., Byzanz, Paderborner Treffen und historische Quellenkritik.
Wie bewertet die Autorin die Rolle des Reinigungseides für Papst Leo III.?
Der Eid wird als zwiespältiges Ereignis interpretiert: Einerseits ermöglichte er die Rehabilitation Leos, andererseits konnte er die Zweifel an dessen Unschuld nicht vollständig ausräumen.
Warum wird die Vita Karoli von Einhard trotz fehlender Zeitgenossenschaft genutzt?
Sie wird trotz ihrer Entstehung unter Ludwig dem Frommen herangezogen, da Einhard ein enger Vertrauter und Freund Karls war und sein „kryptischer Seufzer“ über die Krönung als wichtige, wenn auch kontroverse Quelle dient.
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- Petra Dutt (Author), 2005, Die Kaiserkrönung Karl des Großen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/90502