Windenergie, grüne Ideologie und ideologische Macht

Warum Ideologie entsteht und was sie bewirkt


Magisterarbeit, 2008

150 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1 Einleitung

2 Michael Manns Theorie der Macht
2.1 Die zentralen Thesen
2.2 Die menschliche Natur
2.3 Formen der Macht
2.4 Interstitielle Emergenzen oder das Aufkommen neuer Institutionen
2.5 Die vier Quellen der Macht und ihre Funktionen und Organisationen
2.5.1 Ideologische Macht
2.5.2 Ökonomische Macht
2.5.3 Militärische Macht
2.5.4 Politische Macht
2.6 Das Verhältnis der Machtquellen zueinander und die Geschichte der Macht

3 Vertiefung zu Michael Manns Theorie ideologischer Macht
3.1 Vorbedingungen ideologischer Macht
3.2 Warum werden Ideologien mächtig?
3.3 Wissenschaft und ideologische Macht
3.4 In welcher Form ist Ideologie heutzutage bedeutsam?
3.5 Fazit und Fragestellung

4 Kritiken, Alternativen und Strategien grüner Ideologien
4.1 Was ist „grüne Ideologie“?
4.2 Individuum und Natur
4.2.1 Die Beziehung des Menschen zur Natur: Naturethik
4.2.2 Die Beziehung des Menschen zur Natur: Der holistisch-spirituelle Ansatz
4.2.3 Gemäßigter Anthropozentrismus als mittlere Position
4.2.4 Individueller Verzicht
4.3 Grüne politische Ideale
4.3.1 Partizipative Demokratie
4.3.2 Dezentralisierung
4.3.3 Soziale Gerechtigkeit
4.3.4 Versuch der Einordnung grüner politischer Ideologie
4.4 Technische Strategien zur Lösung der Umweltkrise
4.4.1 Effizienzstrategie
4.4.2 Konsistenzstrategie
4.4.3 Ist der technische Ansatz pragmatisch oder utopisch?

5 Die Beziehung zwischen Sein und Sollen in grüner Ideologie
5.1 Die Bedeutung von Wissenschaft für grüne Ideologie
5.2 Der logische Fehlschluss vom Sein aufs Sollen
5.3 Der Einfluss von Werturteilen auf die Realitätsdeutung
5.4 Ökologischer Diskurs und Umweltbewegung
5.4.1 Wandel des ökologischen Diskurses und der Umweltbewegung in Deutschland

6 Zwischenfazit: Grüne Ideologie und Manns ideologische Macht
6.1 Funktionen der grünen Ideologie
6.1.1 Sinnstiftung
6.1.2 Normgebung
6.1.3 Ästhetische bzw. rituelle Praktiken
6.2 Zur sozialräumlichen Organisationsform grüner Ideologie
6.3 Warum ist grüne Ideologie mächtig geworden?
6.4 Die Bedeutung der Mikroebene grüner Ideologie

7 Ideologische Macht und die Entwicklung der Windenergie
7.1 Einleitung
7.1.1 Das Untersuchungsmaterial
7.1.2 Zahlen zur Windenergie in Deutschland
7.2 Die Phase vor Beginn des Handelns (Mitte der 70er bis Mitte der 80er Jahre)
7.2.1 Gesellschaftlicher Kontext und grüne Ideale
7.2.2 Die nicht vorhandene Organisation bzw. die fehlende Relevanz idealistischer Motive
7.3 Der Beginn des Handelns (ab Mitte der 80er Jahre)
7.3.1 Gesellschaftlicher Kontext und Windenergie als pragmatischer Idealismus
7.3.2 Die Organisationsform: Normen und Handeln
7.3.3 Idealistische Motive als Antrieb
7.4 Die Entwicklung gewinnt an Fahrt (ab Anfang der 90er Jahre)
7.4.1 Der Wandel des gesellschaftlichen Kontextes
7.4.2 Veränderungen in der Organisationsform
7.4.3 Die sinkende Relevanz idealistischer Motive
7.5 Die endgültige Kommerzialisierung (ab Mitte der 90er Jahre)
7.5.1 Der gesellschaftliche Kontext
7.5.2 Die kommerzielle Organisationsform
7.5.3 Die Bedeutung idealistischer Motive
7.6 Fazit zu Windenergie und ideologischer Macht

Abbildungsverzeichnis

- Abbildung 1: Mikro-Makro-Modell in Anlehnung an Coleman und Burt

- Abbildung 2: Gebbaute Windkraftanlagen pro Jahr und kumuliert

- Abbildung 3: Installierte Leistung pro Jahr und kumuliert

1 Einleitung

Wer sich in den letzten zehn Jahren durch die norddeutsche Landschaft bewegt hat, dem wird dabei früher oder später die zugenommene Anzahl von Windkraftanlagen aufgefallen sein. Auf diesem Gebiet hat sich offensichtlich eine rasante Entwicklung vollzogen. Wie ist es jedoch dazu gekommen? Am Anfang dieser Arbeit stand die Erkenntnis, dass bei den Menschen, die an der Entwicklung der Windenergie beteiligt waren, idealistische Motive scheinbar eine wichtige Rolle spielten. Die Weltanschauungen dieser Akteure speisten sich aus dem grünen Milieu und der Umweltbewegung. Daraus lassen sich zwei Fragen ableiten: Warum kam es zur Verbreitung dieser Weltanschauung und wie wirkte sie sich auf das Handeln aus?

Grundlage grüner Ideologie ist die Interpretation des Seins als krisenhaft. In dieser Feststellung verbirgt sich die Frage, ob grüne Ideologie eher aufgrund einer realen Krise oder eher aufgrund einer „Flucht ins Geistige“ mächtig geworden ist. Es geht bei diesem Thema aufgrund der Komplexität eher darum, die wichtigen Fragen darzustellen, als eine eindeutige Antwort zu liefern. Diese beziehen sich auf das Verhältnis zwischen Realität und Konstruktion in grüner Ideologie. Dabei treten Wissenschaft, Umweltbewegung und ökologischer Diskurs als Interpreten der Fakten auf.

Während es in der ersten Frage darum geht, wie das grüne Bewusstsein zustande gekommen ist, geht es in der zweiten Frage darum, wie dieses Bewusstsein sich im Handeln auswirkt. Um dies beantworten zu können, werden die unterschiedlichen Kritiken, Alternativen und Lösungsstrategien grüner Ideologie dargestellt. Neben der zentralen Frage nach der Bedeutung individueller Werte und Normen - hier des grünen Bewusstseins - für das Handeln und gesellschaftlichen Wandel wird auch nach der Relevanz individueller Handlungen für gesellschaftlichen Wandel gefragt. Für das konkretere Beispiel der Bürgerwindinitiativen als ideologischen Organisationen wird die Frage nach der Bedeutung von Werten und Normen für individuelles und kollektives Handeln wiederholt und ihr Wandel im Wechselspiel mit sich ändernden Rahmenbedingungen untersucht. Anhand dieses Fallbeispiels kann untersucht werden, wie sich Überzeugungen in der praktischen Umsetzung ihrer Ideen auswirken. Es wird das Wechselverhältnis von Mikro- und Makroebene erforscht.

Michael Manns Theorie der ideologischen Macht stellt das Instrument dar, mit dem diese Fragen behandelt werden. Manns Machttheorie setzt sich neben der ideologischen noch aus politischer, militärischer und ökonomischer Macht zusammen. Mann hat seine Theorie auf die verschiedensten geschichtlichen Zivilisationen angewandt und danach gefragt, welche Quelle der Macht zur jeweiligen Zeit und zum jeweiligen Ort dominierte. Ihm geht es darum, von der historischen Empirie auszugehend zu Schlüssen zu kommen und nicht umgekehrt von vorneherein eine Machtquelle schwerer als die andere zu gewichten. Diese Arbeit weicht von diesem multikausalen Ansatz ab, indem sie sich von vorneherein auf den Aspekt der ideologischen Macht konzentriert. Diese Vorgehensweise wird dadurch legitimiert, dass die Frage nach dem Primat der Machtquellen hier nicht im Vordergrund steht. Dort, wo die Empirie es erforderlich macht, werden die anderen Machtquellen allerdings berücksichtigt. Manns Theorie ideologischer Macht ermöglicht es mit seinen Definitionen, Kategorien für die Analyse zu schaffen und den Begriff „Ideologie“ abzugrenzen. Zudem liefert die Theorie einige Thesen, die anhand der Forschungsergebnisse auf ihre Richtigkeit hin überprüft werden können. Die Theorie dient als Hilfsmittel für die eigenen Erkenntniszwecke, ihre Anwendung kann daher von Manns eigener Art der Anwendung abweichen.

Der Aufbau der Arbeit wandelt sich vom Abstrakten zum Konkreten. Grüne Ideologie stellt das umfassendere Thema dar, für das sich schwieriger Aussagen machen lassen, die auf das gesamte Gebiet zutreffen, während Windenergie ein eingegrenztes Teilgebiet grüner Ideologie darstellt, für das sich konkretere Ergebnisse finden lassen, die sich aber nicht immer auf andere Bereiche übertragen lassen. Welche Aussagen verallgemeinerbar sind und welche nur einen einmalig stattgefundenen historischen Prozess beschreiben, ließe sich nur in einem konkreten Vergleich mit anderen Forschungsgegenständen beantworten. Eine gewisse Verallgemeinerbarkeit der Ergebnisse wird erzeugt, indem die Befunde über die Untersuchungsgegenstände grüne Ideologie und Windenergie mit den Thesen, die in der Theorie aufgestellt werden, auf Übereinstimmungen hin verglichen werden. Daraus ergeben sich wiederum Rückschlüsse über den Erkenntniswert der Theorie und gegebenenfalls über den Wahrheitsgehalt der Thesen, welche die Theorie formuliert. Diese können durch den Untersuchungsgegenstand zwar nicht bewiesen, aber gegebenenfalls falsifiziert werden.

Im folgenden Kapitel wird ein Überblick über Manns Theorie der Macht gegeben. Hauptquelle ist dabei das erste Kapitel seines Werkes über die Geschichte der Macht, die im Abschnitt über ideologische Macht noch etwas stärker ergänzt wird. Im dritten Kapitel werden aus Manns Konzept ideologischer Macht Fragen generiert, die für die folgende Untersuchung berücksichtigt werden sollen. Dies geschieht mit Hilfe der Berücksichtigung der Beiträge weiterer Autoren zu diesem Thema, wobei das Thema zugleich eine tiefere Durchdringung erfährt. Besonders bedeutsam ist dabei die Frage danach, wann und warum Ideologien mächtig werden. Daneben wird auf die Vorbedingungen ideologischer Macht, ihr Verhältnis zur Wissenschaft und die Organisationsform moderner Ideologien eingegangen. Zum Schluss dieses Kapitels werden die Fragen, die im weiteren Verlauf bedeutsam sind, auf den Punkt gebracht und es wird ein Hilfsschema eingefügt, das der besseren Einordnung der gewählten und nicht gewählten Forschungsperspektiven dienen soll.

Nach diesen theoretischen Abschnitten wird im vierten Kapitel auf den Inhalt grüner Ideologie, d.h. ihre Kritik, Alternativen und Strategien, eingegangen. Zunächst erfolgt eine Auseinandersetzung mit dem Begriff „grüne Ideologie“. Anschließend werden verschiedene Ansätze grüner Ideologie dargestellt: Im zweiten Teil geht es mit der Beziehung zwischen Mensch und Natur sowie dem individuellen Verzicht um die Mikroebene, im dritten Teil wird der Teil grüner Ideologie behandelt, der sich auf die politische Ebene bezieht, während im vierten Abschnitt der technische Ansatz geschildert wird. Im fünften Kapitel geht es um das Verhältnis zwischen der Realität und den Normen grüner Ideologie. Dabei wird zunächst auf die Bedeutung von Wissenschaft für grüne Ideologie im Allgemeinen eingegangen, während die nächsten beiden Abschnitte sich um die gegenseitige Beeinflussung von Werten und der Deutung des Seins drehen. Anschließend wird auf die Rolle des ökologischen Diskurses, die Umweltbewegung und den Versuch beider, die Realität zu definieren, eingegangen sowie ihr historischer Verlauf dargestellt. Im sechsten Kapitel erfolgt ein Zwischenfazit, bei welchem die im theoretischen Abschnitt formulierten Fragen auf grüne Ideologie angewandt werden. Im letzten Kapitel geht es schließlich um das Fallbeispiel der Windenergie in Deutschland und um die Frage, welche Rolle ideologische Macht bei ihrer Entwicklung gespielt hat. Dafür wird in chronologischer Reihenfolge jeweils auf den Wandel der Kontextbedingungen, der Organisationsform und der Bedeutung nichtinstrumenteller Motive eingegangen.

2 Michael Manns Theorie der Macht

Im ersten Kapitel seines Hauptwerkes Geschichte der Macht[1] beschreibt Michael Mann seinen theoretischen Ansatz. In den folgenden Kapiteln untersucht er mit Hilfe dieses theoretischen Instruments verschiedene Gesellschaften bzw. Machtgeflechte anhand historischer Fakten danach, welche Machtquelle zum gegebenen Ort und zur gegebenen Zeit dominierte. Seine Theorie wird dabei an einigen Stellen noch ergänzt.

2.1 Die zentralen Thesen

Manns erste zentrale These lautet, dass Gesellschaften aus „vielfältigen, sich überlagernden und überschneidenden sozialräumlichen Machtgeflechten[2] “ (Mann 1990, 14) bestehen. Gesellschaften sind keine einheitlichen sozialen Systeme und keine Gesamtheiten. Soziale Beziehungen können somit nicht auf ein Merkmal reduziert werden, wie etwa die „materielle Produktionsweise“, „Kultur“ oder das „Normensystem“. Gesellschaft stellt keine unproblematische, einheitliche Totalität dar, wovon die soziologischen Orthodoxien wie Marxismus, Funktionalismus oder Theorie des Handelns ausgehen. Staat, Kultur und Wirtschaft sind nicht deckungsgleich. In dieser Hinsicht widerspricht Mann dem Strukturfunktionalismus Parsons: „Societies are less ‚systems’ than places where different sources of social power interact“ (Hall, 468). Seine Definition von Gesellschaft lehnt Mann jedoch an Parsons an: „Eine Gesellschaft ist ein soziales Interaktionsnetz, das an seinen Rändern oder Grenzen einen gewissen Interaktionsgraben zwischen sich und seiner Umwelt aufweist. Eine Gesellschaft ist eine Einheit mit Grenzen, innerhalb deren eine relativ dichte und stabile Interaktion stattfindet“ (Mann 1990, S.33). Er verwendet den Begriff für jede stabile menschliche Gruppierung, als Gemeinschaft im Sinne eines lockeren Zusammenschlusses Verbündeter. Dem Marxismus widerspricht Mann, indem er den Klassen ihr einheitliches Bewusstsein abstreitet. Die gesellschaftliche Wirklichkeit entzieht sich für Mann „aufgrund ihrer Widersprüchlichkeit und Komplexität häufig der Eindeutigkeit und Klarheit sozialwissenschaftlicher Theorien“ (Haferkamp/Knöbl, 309).

Manns zweite Hauptthese ergibt sich aus dieser Annahme, dass Gesellschaften komplex sind und es keine Grundeinheit (wie etwa den Nationalstaat) gibt, die alle Aspekte umfasst. Mann definiert vier Hauptquellen von sozialer Macht: ideologische, ökonomische, militärische und politische Macht (IEMP: ideology, economy, military, politics). Im Gegensatz zu Weber und Marx (und anderen Theoretikern) führt Mann das Militär als eigenständige Machtquelle an. Er analysiert die Wechselbeziehungen zwischen diesen Quellen, um Gesellschaften, ihre Struktur und ihre Geschichte zu beschreiben. Aus IEMP ergeben sich „sich überlagernde Netze sozialer Interaktion“ und „Organisationen als den institutionellen Mitteln zur Erreichung menschlicher Ziele“ (Mann 1990, 15). Manns zentrale Fragen betreffen „Organisation, Kontrolle, Logistik und Kommunikation, d.h. die Fähigkeit und Möglichkeit, Menschen, Materialien und Territorien zu organisieren und zu kontrollieren bzw. zu beherrschen, sowie die Entstehung und Entwicklung dieser Fähigkeit im Laufe der Geschichte“ (ebd.). Die Geschichte der Macht ergibt sich aus der Messung und Erklärung sozialräumlicher Organisationskapazitäten. In der Geschichte hat es immer wieder Diskontinuitäten und Sprünge durch Erfindungen und Entdeckungen gegeben, aus welchen sozialer Wandel entsprungen ist. Theorien dienen für Mann dazu, die Realität zu vereinfachen, da nicht alle Fakten erfasst werden könnten. Mit Theorien kann der Frage nachgegangen werden, ob es Elemente in der Gesellschaft gibt, die bestimmender als andere sind, also der Frage nach dem „obersten Primat“ (ebd., 17).

2.2 Die menschliche Natur

Die menschliche Natur beschreibt Mann als „rastlos, zielorientiert und rational“, ferner sind die Menschen „bestrebt, ihren Genuss an den schönen Dingen des Lebens zu mehren“ (ebd., 19). Mit der Frage der Motivation und der Ziele des Menschen beschäftigt er sich hier nicht, da sie für die Suche nach dem obersten Primat nicht wichtig ist. Entscheidend ist die aus der menschlichen Natur entspringende Dynamik als ursprüngliche Quelle von Macht. Um seine Ziele zu erreichen, muss der Mensch zum einen in die Natur eingreifen, zum anderen mit anderen Menschen kooperieren, also soziale Beziehungen eingehen. Für die Befriedigung unterschiedlicher Bedürfnisse gibt es unterschiedliche soziale Beziehungen. Macht ist ein allgemeines Mittel zum Zweck der Erreichung von Zielen. Mann interessiert sich für dieses Mittel, für die Quellen der Macht.

2.3 Formen der Macht

Mann unterscheidet zwischen verschiedenen Formen organisatorischer Macht. Bei distributiver Macht handelt es sich um ein Nullsummenspiel, A kann nur zu mehr Macht kommen, wenn B an Macht verliert. Macht bedeutet hier die „Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen“ (Weber ebd., 22). Bei kollektiver Macht kooperieren Menschen, um Macht über Dritte oder die Natur zu erlangen oder auszuweiten. Wie bei den folgenden Kategorien handelt es sich hierbei um Idealtypen, d.h. in der Realität liegen meistens Mischtypen vor. Die kooperative Verfolgung von Zielen in sozialen Organisationen trägt eine Tendenz zu distributiver Macht in sich, die aus Arbeitsteilung und der Herausbildung einer Spitze herrührt, die kontrolliert und steuert und somit über mehr Macht verfügt. Arbeitsteilung ist das beständigste Merkmal der Institutionalisierung. Die Herrschenden streben danach, politische Macht zu monopolisieren und zu vererben, während neue Kräfte die Machtverhältnisse verändern wollen. Ohne kollektive Organisierung bzw. dem Aufbau eines Apparates kann keine Macht ausgeübt werden, etwa wenn viele Individuen zwar das gleiche Ziel haben, aber nicht miteinander kooperieren, um dieses Ziel zu erreichen.

Extensive Macht „impliziert das Vermögen, eine große Zahl von Menschen über weite Räume hinweg so zu organisieren, dass ein Minimum an stabiler Kooperation zwischen ihnen möglich ist“ (ebd., 24). Als Beispiele hierfür nennt Mann militaristische Großreiche oder den Markt. Er kritisiert an der soziologischen Forschung, dass sie den geographischen und sozialräumlichen Aspekten von Machtgeflechten zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet habe. Intensive Macht dagegen „impliziert das Vermögen, eine Anzahl von Personen straff zu organisieren und ein hohes Maß an Aktivität oder Bindung von ihnen zu verlangen, und zwar unabhängig davon, ob das Gebiet und die Zahl der Betroffenen groß oder klein sind“ (ebd.). „Macht ist dann intensiv, wenn das Leben der ihr Unterworfenen zu großen Teilen von ihr bestimmt wird oder wenn ihnen sehr viel (…) abverlangt werden kann, ohne dass sie sich widersetzen“ (ebd., 25).

Autoritative Macht beinhaltet, dass sie von Gruppen und Institutionen gewollt und bejaht wird. Sie impliziert klare Anweisungen und bewussten Gehorsam. Mit Hilfe der Logistik kann die Reichweite autoritativer Macht gemessen werden. Dabei wird untersucht, wie viele Tage Befehle, Hilfsgüter oder Menschen brauchen, um von A nach B zu gelangen. Diffuse Macht beinhaltet spontane, unwillkürliche, dezentrale und nicht explizit von oben verfügte Machtbeziehungen. Sie beruht typischerweise nicht auf Anweisung und Gehorsam, sondern auf einem Einverständnis, dass Praktiken natürlich, moralisch oder im Gemeininteresse liegen. Während autoritative Macht auf logistische Infrastruktur angewiesen sei, setzt diffuse Macht universelle Infrastruktur wie Alphabetisierung, Märkte oder Münzsysteme voraus.

2.4 Interstitielle Emergenzen oder das Aufkommen neuer Institutionen

Aufgrund von (verschiedenen) Bedürfnissen gehen Menschen (verschiedene Arten von) Kooperationen ein, um ihre Ziele zu erreichen. Menschen hätten jedoch nicht per se ein Bedürfnis nach identischen sozialräumlichen Interaktionsnetzen: „Human beings are social, not societal“ (Mann 1986, 14). Es gibt jedoch ein Bedürfnis danach, soziale Beziehungen zu institutionalisieren. Dadurch wird die Gesellschaft einheitlicher. Sozialer Wandel wird durch rastlose Triebe ausgelöst, welche zum Knüpfen von Netzen und Machtbeziehungen zur Zielerreichung führen, mit welchen die bestehenden Institutionen angegriffen werden. Neue Institutionen entstehen in den Zwischenräumen der bestehenden Institutionen, interstitiell in den Worten Manns. Das bedeutet, dass sich neue Netze neben den alten und nicht innerhalb von ihnen herausbilden, so wie im Falle der Bourgeoisie. Das Aufkommen dieser neuen Netze oder Machtgeflechte aus Zwischen- oder Nebenräumen bestehender Institutionen bezeichnet Mann als interstitielle Emergenzen. Dabei werden keine einheitlichen Gesellschaften, sondern eine „Vielfalt sich überschneidende Netzwerke“ (Mann 1990, 36) geschaffen, wie beispielsweise Nationalstaat, Sprachgemeinschaft, Kirche, Kapitalismus oder „der Westen“.

2.5 Die vier Quellen der Macht und ihre Funktionen und Organisationen

Organisationen sind „funktional promiskuitiv“ (ebd., 39), beispielsweise übt der Staat nicht nur politische, sondern auch ökonomische Funktionen aus. Organisation und Funktion lassen sich somit nicht gleichsetzen. Dennoch gibt es eine weitgehende Funktionsteilung zwischen ideologischen, ökonomischen, militärischen und politischen Organisationen. Ideologische, ökonomische, politische und militärische Macht stellen die vier Quellen der Macht dar, wobei jeweils zwischen Funktionen und ihrer Organisationsweise unterschieden werden kann:

2.5.1 Ideologische Macht

Bei den Funktionen ideologischer Macht lässt sich Mann von Weber und Durkheim inspirieren. Erstens dient ideologische Macht der Sinnstiftung. Hierbei bezieht Mann sich auf Weber. Die Welt kann nicht ausschließlich mit sinnlicher Wahrnehmung erfasst werden: „Wir brauchen sinngebende Begriffe und Kategorien, die dem, was wir sinnlich wahrnehmen, zugeordnet sind“ (ebd., S.47). Bedeutung und Sinn, die für das Leben notwendig sind, werden von sozialen Organisationen gestiftet, welche Antworten auf die fundamentalen Fragen des Lebens geben (z.B. Bezug zur Natur, Legitimation der Autorität, Herkunft der Gesellschaft). Wer die Kontrolle über die sozialen Bedeutungen hat, hat die Macht, kollektive Aktivitäten zu mobilisieren und deren Gewinne zu verteilen. Zweitens dient ideologische Macht der Normgebung bzw. der Schaffung von Normen und Regeln über Verhaltensweisen, welche für eine stabile und effiziente soziale Kooperation Voraussetzung sind. Dieses Element ist von Durkheim abgeleitet. Normen sind gemeinsame Ansichten darüber, wie Menschen moralisch in ihren Beziehungen miteinander interagieren sollen. Die Stärkung von wechselseitigem Vertrauen und kollektiver Moral einer Gruppe durch eine ideologische Bewegung bedeutet einen Zuwachs von kollektiver Macht für diese. Drittens spielen ästhetische bzw. rituelle Praktiken wie Lieder, Tänze, visuelle Kunstformen und Rituale eine wichtige Rolle. Dieses Element ist ebenfalls von Durkheim inspiriert. Ästhetische und rituelle Praktiken können einen starken Einfluss auf kollektive Aktionen und distributive Ergebnisse haben; ihnen kann nicht mit rationalen Argumenten entgegnet werden und es „lässt sich nicht gegen sich anargumentieren“ (Bloch ebd.). Durch die Monopolisierung dieser drei Machtquellen von einer Gruppe kann diese beträchtliche extensive und intensive Macht ausüben.

Organisiert ist ideologische Macht in transzendenter und immanenter Form. Wenn eine Ideologie sozialräumlich transzendent organisiert ist, dann heißt das, dass sie bestehende ideologische, ökonomische, militärische und politische Machtinstitutionen zum einen aufgrund realer soziale Erfordernisse durchbricht und zum anderen durch eine göttliche, „heilige“ Form von Autorität außerhalb und über den weltlichen Autoritätsstrukturen, die sie schafft, überlagert. Diese Form der ideologischen Organisation kann stark von diffusen Machttechniken bzw. „universellen Infrastrukturen“ wie etwa Alphabetisierung, Münzsystemen und Märkten abhängig sein und durch ihre Ausbreitung gestärkt werden. So sorgt die Fähigkeit, die Bibel lesen zu können, für ihre Verbreitung. Ein Beispiel für sinnliche und sozialräumliche Grenzüberschreitung ist das Christentum, das sich wie Buddhismus, Hinduismus und Islam auch, „vordringlich für das Seelenheil des je einzelnen Menschen - für die Erlösung von irdischem Leiden durch eine Art von systematischem moralischem Lebenskonzept, das […] für alle gleichermaßen zu haben ist“ (Mann 1991, 90) – interessiert. Durch dieses egalitäre Prinzip war das Christentum während seiner Entstehungsphase in der Lage, alle bedeutsamen Klassengrenzen innerhalb des großen Römischen Reiches zu überschreiten. Dadurch, dass transzendente Ideologien einen universellen Anspruch besitzen und in der Lage sind, die Grenzen etablierter Machtgeflechte wie Klassen, Geschlecht, Region oder Staat zu überwinden, indem sie an gemeinsame Identitäten, Interessen und Emotionen appellieren, sind sie mächtig. Neben den Weltreligionen beanspruchen Sozialismus, Faschismus, Nationalismus und religiöser Fanatismus transzendente Visionen und die Überwindung von Grenzen institutionalisierter Machtgeflechte (Mann 1990, 46; Mann 1991, 89). Nationalismus beispielsweise ist insofern transzendent, als er die Grenzen zwischen den ökonomischen Klassen überschreitet; in manchen Fällen überschreitet er auch staatliche Grenzen.

Immanente Ideologien dagegen verstärken Moral, emotionale Solidarität, Selbstvertrauen und Gewicht bereits bestehender Machtgeflechte wie Klassen oder Staaten und sind daher weniger autonom als transzendente Ideologien. Es handelt sich bei der Immanenz oder Moral um „jenen Zement, der in Gestalt der Infrastrukturen ideologischer Macht - Kommunikation, Erziehung und Lebensstil - eine Festigung oder auch Erstarrung von Staaten und herrschenden Klassen bewirkt“ (Mann 1991, 89). Dies sind Idealtypen, reale Ideologien können irgendwo zwischen diesen beiden Punkten, zwischen visionär und pragmatisch liegen und sie können sich über die Zeit zwischen diesen beiden Punkten bewegen.

In einer neueren Veröffentlichung fügt Mann einen dritten Typus ideologischer Macht hinzu: institutionalisierte Ideologien. Diese besitzen nur minimale ideologische Macht, sind konservativ und pragmatisch und unterstützen Ideen, Werte, Normen und Rituale, welche die bestehende Sozialordnung erhalten. Nach ihnen können aufkommende Konflikte am erfolgreichsten mit Kompromissen in bestehende Institutionen eingebettet werden. Institutionalisierte Ideologien wie etwa Thatcherismus oder Sozialdemokratie haben zwar Visionen einer besseren Gesellschaft, versuchen diese aber mit den bestehenden Institutionen zu erreichen. Fortschritt geschieht hierbei durch Kompromiss und Pragmatismus. Die Massen gehorchen der sozialen Ordnung weniger, weil sie sie für moralisch rechtens halten, sondern weil sie in ihr leben und sie habituell durch ihre Handlungen reproduzieren. Sie haben nach Bourdieu ihre kulturellen Veranlagungen, in bestimmter Art zu handeln, zu denken und zu fühlen, in ihrem Habitus internalisiert, so dass dies für sie unbewusst geschieht (Mann 2006, 348)[3].

Beispiele für ideologische Macht bieten vor allem religiöse Bewegungen, es gibt aber auch säkulare Ideologien wie die Kultur des klassischen Griechenlandes oder den Marxismus. Wissen aus Ideologien übersteigt die Erfahrung zwangsläufig, es kann nicht überprüft und bestätigt werden. Ideologien dienen nie nur der Legitimation privater Interessen, sonst würden sie sich nicht durchsetzen. Mächtige Ideologien sind in ihrer Zeit plausibel und ihre Anhänger hängen ihr aus ehrlicher Überzeugung an. Mann sieht ideologische Macht nicht nur als „Weichensteller“, sondern auch als „Weichenleger“ der Geschichte, welche ein neues Muster sozialer Aktion schaffen kann. Ideologie kann auch gesellschaftsähnliche Netzwerke schaffen, sie reflektiert nicht nur eine schon etablierte „Gesellschaft“ (Snyder, 308).

Allgemein tendiert ideologische Macht dazu, eher diffus als autoritativ zu sein, „flowing informally and interstitially through networks of communication, relatively unimpeded by authoritative power centres like states, armies or class boundaries“ (Mann 2006, 385). Ihre Logistik wie geschriebene und elektronische Nachrichten ist weniger monumental als bei den anderen Machtquellen. Transzendente Ideologie spielt in der Geschichte eine besonders diskontinuierliche Rolle und erscheint immer wieder in plötzlichen Eruptionen. Entwicklungssprünge passieren in Manns Werk oft, wenn interstitielle und grenzübergreifende Netzwerke sich um mächtige Ideologien formen und so eine breitere und besser organisierte Mobilisierung bzw. soziale Kooperation bewirken, so bei der Entstehung der großen Religionen oder der Französischen Revolution (Snyder, 306).

2.5.2 Ökonomische Macht

Die ökonomische Macht ist am tiefsten in den Alltag integriert, ihre Funktion ist die Erfüllung von Subsistenzerfordernissen zur Selbsterhaltung. Organisiert ist ökonomische Macht in Kreisläufen von Produktion, Distribution, Austausch und Konsumption. Sie kombiniert diffuse, extensive Märkte oder Tauschkreisläufe mit autoritativen, intensiven Produktionseinheiten. Die Gruppen, die sich in den hier entstehenden Beziehungen bilden, nennen sich Klasse. Während Marxisten sich eher auf die Produktionsweise als Quelle ökonomischer Macht konzentrieren, schauen Neu-Weberianer eher auf die Organisation des ökonomischen Tausches. Der Rhythmus der ökonomischen Macht ist eher langsam, was auch auf die so genannte industrielle Revolution in Großbritannien zutrifft. Über längere Zeiträume betrachtet haben ökonomische Netzwerke den größten Einfluss auf die kollektive Macht. Die industrielle Revolution hat das Leben der gesamten Bevölkerung umfassender verändert als irgendeine andere Machtquelle in der menschlichen Geschichte. Die anderen Machtquellen haben jedoch oft ohne große Diskontinuitäten in der distributiven Macht darauf reagieren können (Mann 1990, 49/ Mann 2006, 386).

2.5.3 Militärische Macht

Militärische Macht leitet sich aus dem Bedürfnis nach organisierter physischer Verteidigung sowie aus ihrer Zweckdienlichkeit bei aggressiven Absichten ab. Sie beinhaltet extensive Elemente (Angriff und Verteidigung über weite Räume) und intensive Elemente (es geht um Leben und Tod). Organisiert ist militärische Macht sozialräumlich zweidimensional. Im Kern oder Zentrum gibt es eine konzentrierte Zwangsgewalt. Gewalt dient hier als Mittel zur Durchsetzung von Zielen. Diese kann jedoch nicht nur auf dem Schlachtfeld, sondern auch in Friedenszeiten angewandt werden, etwa bei Zwangsarbeit. In ihrer zweiten Dimension zeichnet sich militärische Macht durch eine große Reichweite aus, die über die Grenzen von staatlicher Kontrolle oder der ökonomischen Produktionsverhältnisse reicht. Diese militärische Kontrolle kann aus logistischen Gründen jedoch begrenzt sein, so hat die weiteste Entfernung, die eine Armee im Altertum ohne Stützpunkte zurücklegen konnte, nur 90 km betragen (Mann 1990, 51).

2.5.4 Politische Macht

Die Funktion der politischen Macht „leitet sich her aus der Zweckdienlichkeit einer zentralisierten, institutionalisierten, territorialisierten Reglementierung vieler Aspekte der sozialen Verhältnisse und Beziehungen“ (Mann 1990, 53). Besonders ist dabei die zentrale Handhabung und territoriale Bindung, d.h. dass es sich um staatliche Macht handelt. Die Organisierung der politischen Macht erfolgt sozialräumlich zweidimensional: Innenpolitisch innerhalb der territorialen Grenzen, wo autoritative Machttechniken vorherrschen, außenpolitisch als geopolitische Diplomatie. Weiterhin unterscheidet Mann zwischen despotischer Macht, Macht über, und infrastruktureller Macht, Macht durch Gesellschaft, als Formen politischer Macht. „Despotische Macht ist die distributive Macht staatlicher Eliten über die Zivilgesellschaft“ (Mann 1998, 77), die darauf beruht, dass der Staat territorial zentralisiert ist und nützliche Funktionen erfüllen kann, die die anderen Machtquellen nicht erfüllen können. „Infrastrukturelle Macht ist das institutionelle Vermögen eines Zentralstaates, ob despotisch oder nicht, sein Hoheitsgebiet zu durchdringen und politische Entscheidungen logistisch zu implementieren“ (ebd., 78), was kollektive Macht verstärkt. Von infrastruktureller Macht profitiert nicht nur der Staat, sondern auch die Zivilgesellschaft. Politische Macht ist in erster Linie autoritativ und konservativ in dem Sinne, dass sie die Sozialstrukturen gegebener Territorien reguliert, institutionalisiert und stabilisiert. Sie ändert sich meist eher langsam und pragmatisch (vor allem das Gesetz). Politische Krisen durch Kriege, ökonomische Krisen, Klassenkämpfe oder aufkommende Ideologien können jedoch zu radikaleren Brüchen führen (Mann 2006, 387).

2.6 Das Verhältnis der Machtquellen zueinander und die Geschichte der Macht

Die vier Machtquellen stellen Idealtypen dar und vermischen sich in der Realität mal mehr, mal weniger. Meist liegt die Ursache der Entwicklung einer Machtquelle jedoch in ihr selbst, da ihre Organisation eine gewisse Selbstständigkeit besitzt. Das heißt, dass Kapitalismus, Staaten, Ideologien und Militär nicht von denselben Leuten besetzt sind, nicht den gleichen Interessen dienen und nicht die gleichen Emotionen mobilisieren. Weiterhin spielen meist nur periphere Aspekte einer Machtquelle eine Rolle, wenn es um ihren Einfluss auf eine andere Machtquelle geht, die man erklären will. So hat das Aufkommen des modernen Staates auch ökonomische Facetten, wie das Steuersystem.

Aus eigener normativer Sicht begrüßt Mann eine geringe Vermischung der Machtquellen, da diese in Verbindung mit einer transzendenten Ideologie, die Perfektion verspricht, zu mehr despotischer Macht und dann Desaster oder Verknöcherung führe, wie im Falle von Faschismus und Sozialismus geschehen. Aber auch die neoliberale, kapitalistisch-zentrierte Modellierung des gesamten sozialen Lebens durch die Macht ökonomischer Märkte, stelle einen Despotismus dar. Besser sei es, wenn Macht dekonzentriert würde und die einzelnen Machtquellen voneinander abgegrenzt und relativ autonom seien. Freiheit und Demokratie beruhten auf dieser Trennung. Es sei auch besser, die kollektive Macht auf Kosten der distributiven Macht zu stärken, wenn Macht also gleichmäßiger zwischen verschiedenen Akteuren verteilt sei.

Manchmal kommt es vor, dass eine der Machtquellen beim Einfluss auf den sozialen Wandel dominiert. Es gibt jedoch kein oberstes Primat sozialer Macht und keine allgemeingültigen Erklärungsmuster, lediglich periodenspezifische Generalisierungen, einige davon streitbar. Über die Frage, welche Machtquelle dominiert, muss empirisch über die Geschichte entschieden werden. Die vier Machtquellen bestimmen die Weichenstellung und Spurbreite der sozialen Entwicklung. Dabei sind „die ‚Momente’ der Schienenlegung und des Wechsels auf eine andere Spurweite (…) die Augenblicke, in denen wir der Primatfrage am nächsten kommen können“ (Mann 1990, 55). Menschliche Gesellschaften können in ihrer Komplexität jedoch nie gänzlich von Theorien erfasst werden. Die institutionellen Netze der vier Großquellen stellen lediglich den sichtbaren Teil der sozialen Beziehungen dar. Die Machtgeflechte sind nie total, zwischen ihnen gibt es immer Interaktionsnetze, die nicht von den Institutionen erfasst werden und aus denen neue, mächtigere Netzwerke entstehen können. Die Geschichte der Macht verläuft nicht stetig, sondern in Sprüngen. Die Probleme unserer Zeit sind interstitiell, d.h. die bestehenden Institutionen können nicht mit ihnen umgehen, da sie für andere Probleme geschaffen worden sind. Die Geschichte zeigt jedoch, dass es immer „interstitielle Krisen“ gegeben hat und dass die Menschheit in einigen Fällen durchaus gestärkt aus diesen Krisen herausgegangen ist (Mann 1990, 55/ Mann 2006, 388).

3 Vertiefung zu Michael Manns Theorie ideologischer Macht

Um die Einsichten in Manns Modell ideologischer Macht zu vertiefen, wird auf Kritik an ihr und Ergänzungen zu ihr eingegangen. Insgesamt betrachtet wird Mann auf dem Feld der ideologischen Macht am stärksten kritisiert. Es wird ihm vorgeworfen, ideologische Macht zu sehr zu vernachlässigen (Schroeder, 6). Wiederholt taucht dabei der Vorwurf auf, dass Mann das vorhandene analytische und deskriptive Potential seiner Theorie in seiner historischen Analyse nicht nutzt. Das beinhaltet den Vorwurf, zu instrumentell und materialistisch zu argumentieren, zu viel Wert auf die Organisation zu legen und bestimmte Organisationsformen ideologischer Macht zu vernachlässigen. Ob diese auf die Geschichte bezogenen Vorwürfe zutreffen, spielt hier keine Rolle und könnte auch gar nicht beantwortet werden; anhand der Diskussion kann jedoch genauer festgestellt werden, was ideologische Macht ist und was in Bezug auf sie die interessanten Fragen sind.

Im Folgenden werden zunächst kurz die infrastrukturellen Vorbedingungen ideologischer Macht analysiert, anschließend wird auf die Frage eingegangen, warum Ideologien aufkommen und mächtig werden - was hier eine der zentralen Fragen darstellt -, dann wird auf die Bedeutung der Wissenschaft für ideologische Macht eingegangen und etwas zu den Organisationsformen neuerer Ideologien gesagt. Zum Schluss werden in einem Fazit die Fragen herausgearbeitet, die in dieser Arbeit Beantwortung finden sollen.

3.1 Vorbedingungen ideologischer Macht

Die vorhandene Infrastruktur beeinflusst die Expansionsmöglichkeiten einer Ideologie. Ideen brauchen ein Medium, welches ihre Ausbreitung erleichtert, so verbreitete sich z.B. das Christentum mit Hilfe einer urbanen, gebildeten Elite sowie durch bereits bestehende Verbindungen mittels Händlern, die die einzelnen städtischen Zentren und darin die verschiedenen sozialen Schichten verknüpften. Das römische Imperium begünstigte das Entstehen von ideologischen Netzwerken, indem es einen politischen Rahmen und städtische Zentren bot und Alphabetisierung und kulturellen Kontakt förderte. Wenn Geographie und Netzwerke eines politischen Systems nicht übereinstimmen, werden neue ideologische Netzwerke gestärkt (Snyder, 310). Auch die Frage, wer die Mittel der Überredung - also etwa über Zeitungen und Fernsehen - kontrolliert, spielt für die Macht von Ideologien eine Rolle. Liegt die Kontrolle dieser Medien in den Händen einer etablierten Elite, sind immanente Ideologien im Vorteil, wird Kontrolle aus Zwischenräumen der Gesellschaft ausgeübt, haben transzendente Ideologien eine Chance. Weiterhin können sich ideologische Überzeugungen besser verbreiten, wenn sie zu bereits vorhandenen kulturellen Traditionen passen; so baute Milosevics Ethno-Nationalismus in Jugoslawien auf den Erfahrungen von Rivalität aus dem Zweiten Weltkrieg und den Kriegen gegen die Türken auf (ebd., 316).

3.2 Warum werden Ideologien mächtig?

Mann zufolge wird eine Ideologie dann machtvoll, wenn sie in einer Erklärung und einer Organisation eine Anzahl Aspekte unserer Existenz zusammenführen kann, die bis dahin marginal bzw. interstitiell für die dominierenden Institutionen der Macht gewesen sind:

An ideology will emerge as a powerful, autonomous movement when it can put together in a single explanation and organization a number of aspects of existence that have hitherto been marginal, interstitial to the dominant institutions of power (Mann nach Snyder, 309).

Der Inhalt der ideologischen Erklärung muss die wahrgenommenen sozialen Probleme oder Widersprüche ansprechen, den Anliegen der Akteure gerecht werden und dabei glaubwürdig genug sein, um aufrichtige Gefolgschaft zu finden. Die Organisation des Netzwerkes, der intellektuelle Inhalt und die sozialen Möglichkeiten müssen alle stimmen, um einen Sprung an sozialer Macht zu erzeugen.

Bei der Frage, warum eine Ideologie zu einem bestimmten Zeitpunkt aufkommt und bedeutsam wird, geht es darum, unter welchen Bedingungen nichtinstrumentelle Motive relevant werden. Diese kommen bei Mann hauptsächlich im Bereich der ideologischen Macht vor. Auch für Weber, der einen wichtigen Einfluss auf Mann ausübt, ist die Frage, unter welchen Bedingungen welche Handlungsmotivationen dominant sind, zentral. Er unterscheidet zwischen instrumenteller Handlung (bei der Mittel zur Zielerreichung eingesetzt werden), werteorientierter Handlung (aufgrund von Pflichten, Rechten oder um der Sache selber willen), emotionaler Handlung (durch Affekte determiniert) und habitueller Handlung (durch Reflexe determiniert). Weber hat zwar nicht geglaubt, dass alle Handlungen instrumentell erklärt werden können, in seinen Analysen dominiert jedoch die instrumentelle Rationalität, da sich so Verallgemeinerungen erzeugen lassen. Irrationale und affektive Verhaltensweisen werden als Abweichungen rationalen Handelns betrachtet und es fehlen klare Angaben darüber, unter welchen Bedingungen nichtinstrumentelle Handlungen auf Mikrobasis relevant sind. Die Möglichkeit, realistische Annahmen über Handlungsmotive zu finden, wird jedoch insbesondere in der historischen Soziologie durch die begrenzte Verfügbarkeit von Beweisen eingeschränkt. Kulturelle Neo-Weberianer halten sich an den Ansatz des „Verstehens“ und suchen nach multikausalen Erklärungen für Motive auf Kosten geringer Überprüfbarkeit, während strukturelle Weberianer sich auf rational-instrumentelle Argumente einschränken und dafür die Überprüfbarkeit auf Kosten möglicher Simplifizierungen erhöhen. Analytischer Weberianismus geht von instrumenteller Rationalität aus, nimmt dabei aber auch an, dass unter bestimmten Bedingungen auch andere Arten von Motivation wie Werte und Emotionen wichtig sind. Er versucht, die Bedingungen, unter welchen nichtinstrumentelle Motivationen wichtig sind, herauszuarbeiten. Das Ziel ist es, zugleich allgemeingültige Aussagen und konkrete Analysen spezifischer historischer Ereignisse zu liefern. Die Schwierigkeit liegt dabei darin, die Reichweite der verschiedenen kausalen Mikro-Mechanismen zu spezifizieren (Kiser, 56).

Mann verfolgt einen eigenen Ansatz bei der Frage nach dem Entstehungsgrund von Ideologien. Instrumentelle Annahmen über die menschliche Natur spielen für ihn eine große Rolle: “Human beings are restless, purposive, and rational, striving to increase their enjoyment of the good things in life and capable of choosing and pursuing appropriate means for doing so“ (Mann nach Kiser, 62). Für Mann sind Ziele und wie es zu ihnen gekommen ist nicht von Bedeutung für seine Analyse. Implizit geht er von allgemeinen Zielen wie Wohlstand und Macht aus, konstruktivistische und interpretative Kulturtheorie werden vernachlässigt, instrumentelle Annahmen über Akteure nicht nur auf analytischer Ebene wie bei Weber, sondern auch auf empirischer Ebene akzeptiert und Fehlern und nicht intendierten Konsequenzen eine große Bedeutung zugeschrieben, so etwa bei den Ursachen des Ersten Weltkrieges.

Mann konzentriert sich bei allen vier Machtquellen auf den Organisationsaspekt von Macht, weshalb man ihn auch als „organisatorischen Materialist“ bezeichnet. Ideologie wird von ihm als Machtorganisation behandelt, die von Personen aus Interessen betrieben wird. Den materiellen Grundlagen, der Infrastruktur ideologischer Macht - Technologie, Organisationen und Netzwerke, die Ideen und Werte erzeugen und verbreiten - wird besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Diese utilitaristisch-verkürzte Herangehensweise ist insbesondere im Hinblick auf den Bereich der ideologischen Macht problematisch, da so viele Kulturen aus dem Blickwinkel geraten. In seiner Theorie leitet Mann ideologische Macht zwar aus der Suche nach Sinn der menschlichen Existenz ab, tatsächlich kümmert er sich jedoch wenig um Gehalt, Inhalt und Aussagen von Religionen und Ideensystemen. Manns Vorbild ist dabei die britische Sozialanthropologie, welche überwiegend die Konsequenzen von Literalität für die Organisation von Gesellschaften untersucht. Statt für den Inhalt von Ideen interessiert Mann sich für ihre Organisationsfähigkeit. Die Antworten, die Religionen geben, ähneln sich. Religiöse Dispute werden so mit Machtkämpfen gleichgesetzt. Die Art, wie Transzendenz interpretiert wird, spielt für Mann für die Organisation ideologischer Bewegungen keine Rolle. Wissenschaftsentwicklung, Herausbildung bürgerlicher Kultur und Öffentlichkeit und die Unterschiedlichkeit verschiedener sozialistischer Strömungen geraten so aus dem Sichtfeld Manns, da sie sich schwer unter Organisationsgesichtspunkten fassen lassen. Religion und intellektuelle Strömungen werden von ihm als parzellierte Teile der Wirklichkeit unter Organisationsaspekten behandelt, weshalb er auch den Begriff „Ideologie“ gewählt hat, da sich „Kultur“ schwerer derartig isolieren lässt. Kultur gesteht auch die Existenz anderer Kulturen ein, bei Mann sind dagegen alle Ideologien zweckrational. Insgesamt spielen Ideologie und nichtinstrumentelle Motive für Mann oft eine geringere Rolle als andere Machtquellen und instrumentelle Motive (Knöbl, 325; Kiser, 64).

Ansetze des „Verstehens“ werden erst in Manns neueren Werken Fascists (2004) und The Dark Side of Democracy (2005) angewandt, wo er die Handlungen und Motive der Individuen nachzuvollziehen versucht. Mann bestätigt diese Tendenz: „ Edgar Kiser is (…) right to see me moving towards greater recognition of value- and emotion-driven behaviour“ (Mann 2006, 345). Hier versucht Mann wie die analytischen Weberianer, die Bedingungen, unter denen Ideologie, Werte und Emotionen wichtig sind, zu spezifizieren. Sein grundlegendstes Argument in Fascists ist, dass Krisenzeiten zu einem Niedergang bestehender Routinen führen, was die Menschen dazu verleitet, neue Ideen und Routinen zu suchen. Hier endet rationelle Instrumentalität: „When multiple crisis generate multiple goals among collective actors who overlap and intersect in complex ways, ensuing actions rarely follow narrow interest group rationality“ (Mann nach Kiser, 65). Aufkommende interstitielle Netzwerke erzeugen eine Suche nach Bedeutung. Dies geschieht, wenn Krisen die Alltagsroutinen institutionalisierter Netzwerke und Ideologien bedrohen. Daraufhin teilt sich die institutionalisierte Elite. Verschärft sich die Krise, kommen radikale Ideologien auf, die behaupten, sie lösen zu können. Wenn die Elite gespalten bleibt, können die Vertreter radikaler Ideologien eine stärkere intensive und extensive Mobilisierung erzeugen. Während anfänglicher Widerstand gegen die bestehende institutionalisierte Ordnung noch mit instrumentellen Interessen interpretiert werden kann, geht die Erzeugung einer alternativen übergreifenden ideologischen Vision darüber hinaus (Mann 2006, 348). Verstehen ist jedoch auch in zeitgenössischen Gesellschaften schwierig: „…we cannot penetrate far into the characters of most perpetrators, since we lack reliable psychological data“ (Mann nach Kiser, 66). Je näher man zeitlich zur Gegenwart rückt, desto einfacher kann der Ansatz des Verstehens angewandt werden, wie Mann es in seinen Studien über Faschismus, Kommunismus und Ethno-Nationalismus getan hat (Mann 2006, 350).

Die Auffassung, dass Mann zu materialistisch und zu sehr in Organisationen denke, wird nicht von allen geteilt.

Zum ersten wird Manns Beitrag zur ideologischen Macht gerade deshalb gewürdigt, da hier eine anti-idealistische Sicht angeboten wird, die sich auf die Mittel der Kommunikation konzentriert (Hall, 469). Mann wird darin beigepflichtet, dass die Macht von Ideologie oder Kultur in einem Netzwerk oder einer Organisation bestehen muss, da sie sonst nichts bewirkt. Dies beruht auf seiner zentralen Aussage, dass Gesellschaften aus sich überlappenden und überschneidenden Netzwerken sozialer Macht bestehen. Netzwerke sind wie Container der vier Machtquellen. Macht muss in einer organisierten Form erscheinen, um einen Einfluss auszuüben, was Mann als organisationellen Materialismus bezeichnet. Dies gilt ebenso für ideologische Macht:

I would point out here that this organizational materialism, the idea that ideology, like the other sources of power, is always contained within the reach of networks, is also an excellent tool for eliminating excessive claims for the power of ideology or culture: briefly put, if it is not in a network or in an organization, it can’t do anything (Schroeder, 6)

Mann selber antwortet auf den Vorwurf, den Inhalt von Ideologien zu vernachlässigen und die Kontrolle über Bedeutungssysteme auf Kosten der Erzeugung von Bedeutung zu betonen, dass er sehr wohl Ideen, Werte, Normen und Rituale untersuche, allerdings nur die, die organisiert sind: „This is why the label ‚organizational materialism’ still seem apposite, for ideas are not free-floating“ (Mann 2006, 347). Religionen und Ideologien sind zwar bedeutsame historische Erscheinungen, da sie die Grenzen anderer Machtsysteme weit überschritten haben, doch:

die Ideologie ‚schwebt’ nicht über dem sozialen Leben. (…) Aber, und darin liegt ihre Autonomie, sie erklärt und reflektiert Aspekte des sozialen Lebens, die die vorhandenen Machtinstitutionen (Produktionsweise, Staat, Militär) weder erklären noch effektiv organisieren (Mann 1990, 44).

Zum zweiten wird bestritten, dass Mann zu instrumentell und materialistisch argumentiere. So weist Snyder darauf hin, dass im Gegensatz zu Marx - der die Macht der Ideologie in der Erzeugung eines falschen Bewusstseins sah - bei Mann das Machtpotential der Ideologie zu überzeugen und zu dominieren darin liegt, dass sie nicht völlig durch Erfahrung überprüft werden kann. Der Sinn existiert über dem empirischen „Sein“ und dem ethischen „Sollen“, Moral und Normen beschäftigen sich mit dem „Sollen“, während Rituale die ersten beiden Dimensionen konkretisieren. Fakten und kausale Aspekte wie empirische Beweise und Widerlegungen spielen für Mann bei den Ideologien kaum eine Rolle, auch nicht bei den säkularen Ideologien wie Marxismus, Liberalismus oder während der französischen Revolution. Erfolgreiche Ideologien beschreiben nicht einfach die Welt, sondern sie verändern die Welt, um sie ihren Beschreibungen anzupassen (Snyder, 308). Es geht um die Fragen, was die Beziehung zwischen den sozialen Fakten des jeweiligen sozialen Arrangements und den ideologischen Konzepten ist, die darin mächtig werden, und wie empirische und normative Argumente aufeinander bezogen werden, um überzeugende ideologische Macht herzustellen. „Sein“ und „Sollen“ sind eng miteinander verknüpft, zum ersten im Inhalt der ideologischen Doktrinen, zum zweiten in ihren sozialen Ergebnissen. Vom „Sein“ kann nicht eindeutig auf das „Sollen“ geschlossen werden, was aber in der Geschichte immer wieder geschehen ist. Weder „Sein“ noch „Sollen“ determinieren bei Mann, sie beeinflussen sich eher wechselseitig (ebd., 306).

Die Anwerbung für eine Ideologie benötigt eine effektive Überzeugung, die „Sein“ und „Sollen“ verbindet, Mann zeigt jedoch nicht, warum dies so ist. Snyder selber erklärt es so, dass Ideologien Individuen motivieren, mehr zum Ziel des Netzwerkes beizutragen, etwa, indem das Paradies durch Tod im Kampf für die Sache glaubhaft gemacht wird. Kollektive Handlungsdilemmata können leichter mittels durchtränken von Kooperationsnormen mit Heiligkeit und Transzendenz - welche nicht verifizierbar sind - gelöst werden, da Drückebergerei und Opportunismus, welche die Dilemmata erzeugen, so reduziert werden. Macht kann so durch Ideologien effektiver mobilisiert werden, was zu einem Wettbewerbsvorteil gegenüber denjenigen führt, die dem ideologischen Netzwerk nicht angehören. Dieser Vorteil in der Organisation ist der einzige „Beweis“, den die transzendente Ideologie erbringen kann. Effektive Ideologien weiten ihren Machtbereich durch eine Mischung von Wettbewerb und Demonstration aus: Eine bessere Bewältigung von Seuchen mit dem Christentum war ein Wettbewerbsvorteil und hatte zugleich einen Werbeeffekt für Außenstehende. Auf diese Weise braucht das Heilige wiederum das Effektive und so sind „Sein“ und „Sollen“ im Handeln und in der Überzeugung miteinander verknüpft (ebd., 322).

Nicht alle kollektiven Handlungsdilemmata benötigen eine heilige Ideologie, insbesondere, wenn Kooperationsarrangements bereits eine längere Zeit existieren und Erwartungen über Handlungen bestehen. Diese Erwartungen sind im Anfangsstadium einer Netzwerkmacht, die kollektives Handeln erzeugen will, allerdings per definitionem schwach ausgebaut und benötigen dann Antrieb von einer charismatischen Ideologie. Diese Motivierung von Individuen, zum Allgemeingut beizutragen, funktioniert nicht nur dann, wenn es darum geht, persönliche Kosten zu übernehmen, sondern auch dann, wenn Sanktionen gegen Normverstöße unterstützt werden sollen, wie bei der Verbannung im Kastensystem. Es reicht dabei nicht aus, dass die Normen internalisiert werden: Fallen die Sanktionen weg, sinkt auch die Folgsamkeit gegenüber den Normen. Die Fähigkeit ideologischer Netzwerke, zu motivieren, wird gesteigert, wenn sie an lokale und familiäre und damit emotionalere und intensivere Verbindungen anknüpfen kann. Der Trick liegt darin, praktische Ziele mit hochemotionalen Motiven zu verknüpfen (Snyder, 318).

Das Aufkommen des Christentums im römischen Reich ist ein Beispiel für den Fall, dass nichtinstrumentelle Motive bedeutsam werden. Mann erklärt dieses Aufkommen mit sozialen Widersprüchen, die durch die soziale Ordnung Roms erzeugt wurden. Das Christentum bot eine universalistische, egalitäre, dezentralisierte und zivilisierende Lösung dieser Widersprüche an, die eine integrierende Wirkung auf die Gemeinschaft hatte. Die Widersprüche waren organisatorischer Natur und führten nicht zu einer materiellen Krise. Weder materielle Krise, noch Flucht aus materiellem Überfluss ins geistig-spirituelle liefern die Erklärung für das Aufkommen des Christentums, sondern eine neuartige Verschmelzung der materiellen und der spirituellen Sphäre in Form der Ökumene, bei der sich das „Leiden“ auf die Frage beschränkte, welcher Gemeinschaft man angehörte (Mann 1991, 101). Das Christentum konnte Probleme des kollektiven Handelns lösen, wie die Versorgung kranker Mitglieder der Gemeinschaft. Es war überzeugend, weil es greifbare Resultate erzeugte: Die empirische Demonstration, das „Sein“, etablierte die Glaubwürdigkeit der kosmologischen und ethischen Doktrin, das “Sollen“. Die islamische Kosmologie in Kairo und Istanbul gewinnt heute dadurch Glaubwürdigkeit, dass die islamischen Netzwerke die Lücken der Bildungs-, Gesundheits- und Verwaltungsinfrastruktur gut ausfüllen. Erlösungsreligionen lösen nicht alle Widersprüche, sie erzeugen jedoch einen Zuwachs an sozialer Macht, indem sie ein doktrinär durchdrungenes Netzwerk aufbauen, welches soziale Widersprüche auflöst und kollektives Handeln auslöst (Snyder, 310).

Die Expansion einer Ideologie kann auch auf einer Illusion beruhen. In dem Fall werden durch Ideologien vollendete Tatsachen geschaffen, welche eine durch die Ideologie vorausgesagte Reaktion der Gegner provozieren; somit wird eine sich selbst erfüllende Prophezeiung oder ein Kreislauf von Provokation und Reaktion geschaffen[4]. Ideologien können für die Zielgruppe auch einen Nutzen haben, so wie etwa das Christentum für die Händler eine Legitimation von Aktivität außerhalb autoritärer Hierarchien und eine ethische Grundlage für stabile reziproke Markttransaktionen dargestellt haben (Snyder, 316).

Ideologien beinhalten bei Mann zwar auch immer die Legitimation von privaten Interessen und materieller Dominanz, die Einbindung von Menschen in Netzwerke kann der Sicherung von sozialen Positionen, Investitionen und Einkommen dienen. Als reine Legitimation von Privatinteressen hält er Ideologien jedoch für wenig überzeugend für andere Menschen. So kann die französische Revolution nicht aus rein materiellen Interessen der Bourgeoisie verstanden werden. Selbstinteresse verband sich mit moralischer Überzeugung. Die Französische Revolution war ein typisches Beispiel für schwache politische Institutionen bei gleichzeitig hohen Ansprüchen nach politischer Partizipation der Massen. Genau bei solchen institutionellen Schwächen benutzen Politiker Ideologien und kulturelle Symbole, um institutionelle Macht zu schaffen und zu festigen. Die nationalistische Behauptung, für die Menschen bzw. das Volk zu herrschen, ohne für sie verantwortlich zu sein, ohne, dass ihre Herrschaft legitimiert ist, dient seit der Französischen Revolution als Lösungsweg aus diesem Dilemma. Die fehlende Verbindung zwischen „Sollen“ und „Sein“ ist das typische Ergebnis einer Lücke zwischen Institutionen und Partizipation (Snyder, 314).

Dem Vorwurf, zu materialistisch zu argumentieren, entgegnet Mann, dass „Ideologie“ ein Bedeutungssystem meint, das Erfahrung übersteigt, nicht jedoch ein Verdecken von Interessen, wie Materialisten es sehen würden. „Kultur“ oder „Diskurse“ sind ihm als Begriffe zu allumfassend und bei ihrer Benutzung werde meist nur zwischen zwei Sphären unterschieden, der ideellen und der materiellen. Nachdem eine Periode lang materielle Theorien zur Erklärung von Allem dominiert haben, gibt es heute kulturelle Theorien zu Allem. Mann bestreitet jedoch, den Konstruktivismus abzulehnen; Ideen, Werte und Normen üben für ihn einen wichtigen Einfluss auf menschliches Verhalten aus. Er versucht, die Dualität von Ideen und Materialismus durch eine Kombination von Ideen und Praktiken in jedem der vier Machtgeflechte zu überwinden. Es gibt Konstrukte, „but some human constructs then become reified as institutions and social structure, socializing and constraining later actors” (Mann 2006, 346). Klar ist jedoch, dass im Bereich der ideologischen Macht Ideen eine größere Rolle spielen als in den anderen Bereichen. Diejenigen, die eine plausible Ideologie anbieten können, können soziale Bewegungen mobilisieren und verfügen damit über Machtressourcen (ebd., 344).

3.3 Wissenschaft und ideologische Macht

Wissen oder säkulare rationale Wissenschaft wird von Mann nicht als eigenständige Machtquelle behandelt, sondern nur als weitere Art von ideologischer Macht, die der Aufklärung entsprungen ist und nur als Zufall auftaucht, als Machtgeflechte transformierend ohne selbst Teil von ihnen zu sein. Die Gegenposition dazu sieht in der Wissenschaft eine eigenständige Machtquelle neben ideologischer Macht und begründet dies damit, dass es die Innovationen wie die Dampfmaschine waren, die die Besonderheit des europäischen Weges seit 1800 ausmachten und nicht Wachstum an sich[5]. Ab dem 19. Jahrhundert stellt Wissen demzufolge eine neue Quelle der Macht dar, die ein Kennzeichen moderner Gesellschaften ist und die anderen Machtquellen in Richtung Moderne transformiert: „Modern scientific knowledge and its ongoing production and expansion seems to be a unique power in its own right, which played a critical role in the emergence and development of modernity“ (Goldstone, 280). Mann erwidert darauf, dass Wissenschaft alleine nicht die Macht wie Ideologien hat, eine Verknüpfung zwischen Vernunft, Moral und Emotion herzustellen. Ideologien müssen einen gewissen Wahrheitsgehalt bergen und zugleich eine moralische und emotionale Bindung erzeugen, um Macht zu entfalten, was Wissenschaft alleine nicht kann. Gruppen, die mit ideologischem Eifer ausgestattet sind, sind mächtiger als die, die es nicht sind (Mann 2006, 347).

Klar ist, dass Wissen und Wissenschaft bei Industrialisierung und wirtschaftlichem Wachstum eine bedeutsame Rolle spielten; im Zusammenhang mit dem Thema grüne Ideologie tun sie das in Bezug auf die Erforschung der (nicht intendierten) Folgen der Industrialisierung. Wie noch genauer zu erläutern sein wird, geht es dabei um die Glaubwürdigkeit der Existenz und des Ausmaßes einer (Umwelt)Krise bzw. eines kollektiven Dilemmas, da dieses sich nicht immer sinnlich erfassen lässt und somit oft auf wissenschaftliche Expertise angewiesen ist. Bevor die Ideologie ihre Glaubwürdigkeit über empirische Demonstration im Sein beweist, indem kollektive Dilemmata gelöst werden (vgl. 3.2), muss erst das Sein und die Krise definiert werden, wobei Wissen und Wissenschaft hier eine wichtige Rolle zukommen. Hier geht es nicht um die Frage, ob Wissen eher eine eigenständige Machtquelle darstellt oder eher selber durch eine Art Fortschrittsglaube angetrieben wird, sondern darum, inwiefern Ideologie auf die Definition bzw. Konstruktion von Wahrheit angewiesen ist.

3.4 In welcher Form ist Ideologie heutzutage bedeutsam?

Ein weiterer Punkt beschäftigt sich mit der Frage, wie Ideologien heutzutage auftreten und wie bedeutsam sie im Vergleich zu früher sind. Dabei wird Mann wiederum dafür kritisiert, dass er das vorhandene analytische und deskriptive Potential seiner Theorie in seiner historischen Analyse nicht nutze. Der Vorwurf lautet, dass Mann sich auf transzendente, autoritative ideologische Macht wie die der christlichen Kirche konzentriere und dabei immanente und diffuse Formen ideologischer Macht vernachlässige. Es sei zwar richtig, dass die extensive Macht des Christentums sich mit der Reformation verringert und die intensive und autoritative Macht sich (unter anderem durch neu aufgekommene säkulare Ideologien wie Nationalismus und Sozialismus) - wenn auch später, als von Mann behauptet - ebenfalls verringert habe, insgesamt habe ideologische Macht jedoch nicht abgenommen, da diffuse Formen ideologischer Macht bedeutsamer geworden seien. Diffuse und autoritative ideologische Macht können nach folgenden Merkmalen voneinander unterschieden werden:

- Organisational und räumlich: autoritative Netzwerke wie Kirchen oder politische Parteien sind tendenziell einheitlich und hierarchisch organisiert und geographisch zentralisiert, während diffuse Netzwerke dazu neigen, fragmentiert, dezentralisiert und flach zu sein.
- Mittel und Methoden: autoritative Netzwerke neigen eher dazu, physischen oder psychischen Zwang anzuwenden, während diffuse Netzwerke eher auf friedlichen Mitteln der Überzeugung beruhen.
- Ontologisch: Erklärungen, Handlungsanleitungen und Werte autoritativer Ideologien sind relativ umfassend, wohingegen diffuse Ideologien nur partielle Weltanschauungen bieten.
- Ideologie und Handlung: autoritative Ideologien können bewusst und intentional gelehrt und angewandt werden, was bei diffusen Ideologien nicht immer der Fall ist, welche oft unbewusst aufgenommen und angewandt werden (Gorski, 122).

Wie immer gilt auch hier, dass es sich bei diffuser und autoritativer ideologischer Macht um Idealtypen handelt, um zwei Enden eines Kontinuums, auf welchem man ein Netzwerk jeweils verorten kann.

Beispiele für diffuse ideologische Netzwerke gibt es in der soziologischen Theorie mehrere. Bei Weber etwa sind es Propheten, Heiler, Reisegurus oder Selbsthilfeautoren, die das menschliche Bedürfnis nach Sinn und Bedeutung, nach moralischen Verhaltensregeln und nach ästhetischen und rituellen Praktiken bedienen. Es stellt sich hier die Frage, inwiefern die „Entzauberung“ des Westens zu einer „Re-Verzauberung“ beigetragen hat. Der Niedergang großer heiliger wie säkularer Traditionen hat zu einer Bedeutungszunahme kleiner Traditionen geführt, die die gleichen menschlichen Bedürfnisse ansprechen, dafür diffuser organisiert sind und andere ontologische Strukturen besitzen. Auch geht es darum, wie man Religion und Magie definiert (Gorski, 123).

Luckmann unterscheidet dagegen nach großen und kleinen Transzendenzen, also nach unterschiedlichen individuellen Erfahrungen, die nicht Eigentum sozialer Netzwerke sind. Tagträume und Erinnerungen sind dabei kleine Transzendenzen; intermediäre Transzendenzen geben ein Gefühl der Gleichheit mit jemand oder etwas außerhalb von uns selbst wie z.B. mit „Natur“ oder einem anderen Menschen; große Transzendenzen - dazu gehören etwa die großen Religionen - können nicht direkt erfahren werden. Die Struktur von Transzendenz in modernen Gesellschaften ist flacher, d.h. es dominieren kleine, intermediäre und stärker fragmentierte Transzendenzen, was bedeutet, dass sie einen sehr unterschiedlichen Charakter haben können (z.B. sexuelle Vereinigung, ästhetische Kontemplation) und sie ist freier, d.h. sie monopolisiert und kontrolliert transzendentale Erfahrungen nicht mehr wie es in traditionellen Gesellschaften geschehen ist. Individuen können sich ihre Weltanschauungen gewissermaßen à la carte zusammenstellen. Luckmann konzentriert sich nicht wie Mann auf die wandelnde Struktur ideologischer Netzwerke, sondern auf die wandelnde Natur der Ideologien selber (Gorski, 124).

Neben strukturellen und ontologischen Fragen kann man Gorski weiter folgend auch die Mittel und Methoden von Ideologien untersuchen, was Durkheim getan hat. Ästhetik und rituelle Praktiken werden von Mann zwar auch als Elemente ideologischer Macht angegeben, praktisch aber kaum angewandt. Rituale reproduzieren Glauben und Werte und lassen sie plausibel erscheinen. In seinen Grundformen religiösen Lebens beschreibt Durkheim Religionen als etwas, was zwischen Heiligem und Profanem trennt. Die Frage ist, wie diese Unterscheidung zustande kommt und warum sie plausibel erscheint. Nach Durkheim liegt die Antwort in der Erfahrung kollektiven Überschäumens, in den Gefühlen von Energie und Einheit, welche in Massenritualen erzeugt werden und welche einen Kontrast zu Alltagsroutinen und dem Profanen darstellen. Diese gesellschaftlich erzeugten Erfahrungen werden in traditionellen Gesellschaften nicht als solche wahrgenommen, sondern als übernatürliche Mächte. Religionen interpretieren die Erfahrungen und ihre Quellen fehl. Rituale sind ein diffuses, zwangloses und gewaltloses Mittel für die Erzeugung und Verbreitung von ideologischer Macht (Gorski, 125).

Ideologien stellen nicht nur wie bei Weber und Mann ein handlungsleitendes und wertegebendes System dar, man kann sie auch wie Durkheim und Bourdieu als Legitimation von Ungleichheit und Dominierung sehen. Bei Bourdieu dienen Ideologien dazu, Unterschiede und Distinktionen als etwas Naturgegebenes fehl zu interpretieren. Diese Differenzen sind auf einer unbewussten Ebene in die Körper eingeschrieben, so dass die Ideologie unbewusst von Akteur aufgenommen und angewandt wird (Gorski, 126).

Es gibt somit Formen ideologischer Macht, die in Manns theoretischem Konzept, nicht jedoch in seiner historischen Analyse vorkommen. Gorskis Hypothese ist, dass Netzwerke diffuser ideologischer Macht in Anzahl und Größe zugenommen haben und dass sie wichtiger als vor etwa 200 Jahren sind. Das Wachsen diffuser ideologischer Macht, was bei Weber als Differenzierung autonomer und konkurrierender Wertesphären und bei Durkheim als ein Aspekt der Arbeitsteilung beschrieben wird, sei ein Kennzeichen der Moderne. Das Wachstum diffuser ideologischer Macht ist zugleich Ursache und Konsequenz der Säkularisierung, also der sinkenden Bedeutung kirchlicher Netzwerke. Die interstitiellen Räume der alten Kirchennetzwerke werden von nichtkirchlichen Netzwerken gefüllt, die sich unbewusster und fragmentierter artikulieren. Autoritative Ideologien sind deshalb nicht aus der Welt und können auch zukünftig wieder entstehen (ebd., 127).

3.5 Fazit und Fragestellung

Grundlegend lässt sich festhalten, dass sämtliche Kritik an Mann sich auf die Anwendung seines theoretischen Modells in der historischen Empirie, nicht jedoch auf das Modell selbst bezieht; auszunehmen ist von dieser Feststellung lediglich die Kritik daran, Wissenschaft nicht als eigenständige Machtquelle anzuerkennen. Die Standpunkte in der Diskussion lassen sich wie folgt zusammenfassen: Kritisiert wird Mann zum einen dafür, in seiner historisch-empirischen Anwendung seines theoretischen Ideologie-Modells - nicht in seiner Theorie - zu instrumentell und materialistisch zu argumentieren und seinen Fokus zu sehr auf organisatorische Aspekte ideologischer Macht zu richten. Ideologien dienen demnach nur der Bewältigung materieller Krisen[6]. Die Erwiderungen dazu lauten einerseits, dass es nicht stimme, dass Mann zu materialistisch argumentiere, und andererseits, dass Mann zwar materialistisch argumentiere, dies aber angemessen sei. Die erste Position wird von Snyder vertreten, der im Aufstieg des Christentums und in der Französischen Revolution Beispiele dafür sieht, wie Fakten und Heiliges von Mann verknüpft werden, während die zweite Position vor allem die Bedeutung der Organisierung von Ideologien betont. Zum anderen wird Mann vorgeworfen, dass er nicht alle Formen ideologischer Macht ausreichend in seiner historischen Analyse berücksichtige.

Ob Mann in seinen historischen Analysen sein eigenes theoretisches Modell nicht ausreichend anwendet und deshalb zu falschen oder zu zu materialistischen Schlüssen kommt, kann hier nicht beantwortet werden. Hier soll Manns Modell jedoch so umfassend wie möglich angewandt werden, daher (im Anschluss an 2.5.1) wird zunächst gefragt:

- Wie sieht der Inhalt grüner Ideologie aus? Inwiefern werden die Funktionen Sinnstiftung, Normgebung sowie ästhetische und rituelle Praktiken erfüllt?
- Ist die Ideologie eher transzendent oder immanent in ihrer sozialräumlichen Organisationsweise?

Bevor auf die weiteren Fragen eingegangen wird, soll an dieser Stelle ein Hilfsschema eingefügt werden, das von Coleman und Burt inspiriert ist und die Modelle beider vermischt (Coleman, 10; Coleman nach Diekmann und Preisendörfer, 163; Burt nach Jansen, 19). Es handelt sich um ein Mikro-Makro-Modell, mit dem sich mögliche Erklärungsansätze für sozialen Wandel besser einordnen lassen. Knapp zusammengefasst wird die gesellschaftliche Ebene dabei von Individuen interpretiert (aàb), gleichzeitig bestimmt sie deren Handlungsressourcen (aàc), die Individuen handeln daraufhin individuell (bàc) und aus der Summe aller individuellen Handlungen ergeben sich Konsequenzen auf Makroebene (càd) (die im nächsten Zeitabschnitt wieder auf die Individuen wirkt). Im Verlauf der Anwendung wird das Modell verständlicher, es soll hier allerdings vor allem dazu dienen, das behandelte Thema verständlicher zu machen, indem sich mit ihm die folgenden Fragen und Antworten Ebenen zuordnen lassen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Mikro-Makro-Modell in Anlehnung an Coleman und Burt[7]

Die folgenden Fragen, die in diesem Kapitel angesprochen wurden, lassen sich nun besser zuordnen:

- Warum bzw. unter welchen Bedingungen wird eine Ideologie mächtig? Gibt es soziale Widersprüche des Seins bzw. interstitielle Krisen, für welche die Ideologie Probleme kollektiven Handelns lösen hilft und so über ihre Effizienz glaubwürdiger wird? Welcher Art sind diese sozialen Widersprüche, auf welche die Ideologie reagiert? Handelt es sich um real existierende Probleme des Seins oder um eine konstruierte Krise? Welche Rolle spielt die Wissenschaft bei der Definition dieses Seins? Wie entstehen individuelle Bewertungen (vgl. 3.2 und 3.3)?

Diese Fragen beschäftigen sich mit den Kontextbedingungen (a in Abb. 1) der Ideologie. Diese werden dargestellt und es wird auf die Frage eingegangen, wie ihre Wirkungsweise auf die individuellen Einstellungen und Motive (aàb) ist. Die nächsten Fragen beschäftigen sich mit der Bedeutung der Mikroebene bei ideologischer Macht:

- Welche Bedeutung haben nichtinstrumentelle Motive in Bezug auf Handeln (bàc) und im Vergleich zu durch Kosten- und Anreizstrukturen beeinflusste instrumentelle Motive und Handlungen (a/bàc)?
- Was kann individuelles, nichtinstrumentelles Handeln gegenüber organisiertem, nichtinstrumentellem Handeln bewirken (c↔d)?
- Aus den beiden vorherigen Fragen ergibt sich auch die Antwort zur Frage: Muss Ideologie organisiert sein, um etwas zu bewirken (vgl. 3.2)?

Nicht behandelt wird die reine Makroebene (aàd). Dort würde auf die Möglichkeiten, die sich aus den institutionellen Charakteristika eines politischen Systems ergeben, geschaut werden. Das können z.B. dessen Offenheit, Zentralisierungsgrad, Unabhängigkeit der Rechtssprechung oder Anzahl der Parteien sein. Dies eignet sich etwa für Ländervergleiche (Diekmann und Preisendörfer, 163). So ließen sich auf dieser Ebene beispielsweise Erklärungen dafür finden, warum die Anti-Atomkraft-Bewegungen in Deutschland und Frankreich bei ähnlich großen Widerständen zu Beginn zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen geführt haben. Auch die Vorbedingungen für die Verbreitung der Ideologie, wie Alphabetisierung oder das Bestehen einer gebildeten Elite (vgl. 3.1), werden hier nicht weiter behandelt[8].

[...]


[1] “The Sources of Social Power” im Original

[2] „Machtgeflecht“ wird im Original „networks of power“ bezeichnet.

[3] Da Manns Unterscheidungskriterien zwischen „immanent“ und „institutionalisiert“ vage bleiben, wird im weiteren Verlauf auf die Verwendung der Kategorie „institutionalisierte Ideologie“ verzichtet; entscheidend ist, das es ein Kontinuum zwischen zwei Polen gibt, die hier als „transzendent“ und „immanent“ bezeichnet werden.

[4] Beispielsweise könnte einer anderen Partei Aggressivität unterstellt werden und sie präventiv angegriffen werden; schlägt diese daraufhin zurück, wird die Unterstellung bestätigt.

[5] Die Dampfmaschine steigerte die Produktivität von Produktion und Transport in jedem Aspekt, konnte Verbrennungsenergie in Bewegungsenergie umwandeln - was Großbritannien einen mechanischen Vorteil in intensiver Macht gab, der weit über das hinausging, was Wasserräder oder tierische Kraft auf einem begrenzten Raum erzeugen konnten - und war zugleich nicht ohne moderne Wissenschaft vorstellbar gewesen (Goldstone, 276).

[6] Die Kritik unterscheidet nicht klar zwischen instrumentell und materiell: die Lösung materieller Krisen durch Ideologien stellt wie gesehen meist einen Gemeinnutz dar, was sich dann nicht mit dem Verdecken eigennütziger bzw. instrumenteller Interessen gleichsetzen lässt. In erster Linie dreht sich die Diskussion demnach um die Frage nach der Bedeutung materialistischer, nicht instrumenteller Aspekte.

[7] Der direkte Pfad von den Strukturen zu den Handlungen (aàc) ist von Burt übernommen, denn damit wird deutlicher, dass die „Sozialstruktur […] nicht nur die Interessen und Werte eines Akteurs [prägt], sondern […] auch ihre Handlungsressourcen [beeinflusst]“ (Jansen, 19) (Coleman sieht dies nicht anders: „Die Handlungen eines Individuums sind nicht nur abhängig von Präferenzen und Werten, sondern auch von Möglichkeiten und Anreizen, die das soziale Umfeld bietet“ (ebd., 16). Es kommt in seinem Modell aber weniger explizit zur Geltung). Der restliche Aufbau entspricht Colemans Modell; die direkte Verbindung auf der Makro-Ebene (aàd) ist nur gestrichelt dargestellt, da sie für die Fragestellung von geringem Interesse ist. Die einzelnen Bezeichnungen sind leicht abgewandelt, ohne inhaltlich stark abzuweichen.

[8] Zumal davon ausgegangen werden kann, dass diese Faktoren zumindest im heutigen Deutschland nicht in relevanter Weise hinderlich in Erscheinung treten.

Ende der Leseprobe aus 150 Seiten

Details

Titel
Windenergie, grüne Ideologie und ideologische Macht
Untertitel
Warum Ideologie entsteht und was sie bewirkt
Hochschule
Universität Bremen
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
150
Katalognummer
V90545
ISBN (eBook)
9783638047951
ISBN (Buch)
9783638943444
Dateigröße
1040 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Aus dem Gutachten des Prüfers: "Dies ist eine sehr gut gemachte Magisterarbeit mit einem klar bezeichneten Gegenstand, genauen Fragestellungen, gut strukturiertem Aufbau, theoretischer Kompetenz und wissenssoziologischer Rekonstruktion des empirischen Materials. Die Arbeit ist sehr lesbar und interessant geschrieben. Die Ergebnisse beantworten die gestellten Fragen in theoretisch-methodisch systematischer Weise."
Schlagworte
Windenergie, Ideologie, Macht, Michael Mann, Mikro- und Makroebene, Umweltsoziologie, Umweltbewusstsein und Handeln, Geschichte Windenergienutzung, Wissenssoziologie
Arbeit zitieren
Oskar Marg (Autor), 2008, Windenergie, grüne Ideologie und ideologische Macht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/90545

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Titel: Windenergie, grüne Ideologie und ideologische Macht



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