Sensibilisierung für typische Aspekte von transgenerationaler Kriegstraumatisierung im Rahmen von Traumatherapie bei Flüchtlingen


Wissenschaftliche Studie, 2020

56 Seiten, Note: 250 von 250 Punkten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Grundlagen
2.1 Ziel der Arbeit, Leitfragen, Themeneingrenzung
2.2 Methodik, Forschungsdesign, Durchführung
2.3 Probandenauswahl
2.4 Definitionen

3 Grundlagen transgenerationaler Kriegstraumatisierung
3.1 Transgenerationales Kriegstrauma als Entwicklungs- und Bindungstrauma
3.2 Kulturelle Vorüberlegungen

4 Fallanalyse
4.1 Fallbeschreibung
4.2 Transgenerationales Kriegstrauma und Bindungsdynamik
4.3 Verdachtsdiagnose

5 Typische Merkmale transgenerationaler Kriegstraumatisierung
5.1 Kinder als Container für Traumaerleben der Eltern, indirekt-stellvertretendes Erleben
5.2 Anwesenheit von Unfassbar-Fremdem durch Schweigen der Eltern
5.3 Selbstopferung: Schutz der Eltern, Parentifizierung, Überholverbot
5.4 Konfluenz, unklare Grenzen
5.5 Vermeidungsverhalten, Selbstsabotage

6 Reflexion und Schlussbemerkungen

7 Literaturverzeichnis

8 Anhang
8.1 Abbildungsverzeichnis
8.2 Leitinterview
8.3 Elternfragebogen

1 Einleitung

Du kannst es nicht beschreiben, wenn Du es nicht gesehen hast Du kannst es nicht erklären, wenn Du es nicht getan hast Du kannst es Dir nicht vorstellen, wenn Du nicht dort gewesen bist Und dann verlässt es Dich nicht mehr Bill Blessington, Reporter im Ruhestand, Chugiak, Alaska Quelle: Korritko 2011, S. 1 Nach dem zweiten Weltkrieg zeigte sich in der Traumaforschung, dass Trau­matisierung, unab­hängig von der Gesellschaftsschicht, jeden treffen kann (Dietl 2015, Radebold 2010, S. 132 ff.).

Kriege können, über Traumatisierung bis hin zur vollständigen Vernichtung, so viel Leid verursa­chen, dass sie mit zu dem Schlimmsten gehören, das Menschen überhaupt treffen kann. Des­halb ist es un­sere Pflicht, uns mit allen Mit­teln für Frieden in der Welt einzusetzen (Ganser 2016).

Jedoch können nicht nur extreme Katastrophen wie z.B. Kriegserlebnisse, Missbrauch, Folter, schwere Unfälle, Naturkatastrophen usw. traumatisieren. Auch ein freundlicher Welpe, der im Spiel an ei­nem Kleinkind hochspringt, kann bei einem Kind subjektiv Todesangst, psychische Überforderung und infol­gedessen ein Psychotrauma mit Folgen für die Hirnphysiologie und für das autonome Nervensystem verursachen (vgl. Kap. 3.1).

Wer ein Kriegstrauma direkt (primär) erworben hat, war unmittelbar Beteiligter oder Zeuge eines mit den Sin­nen erfassbaren überfordernden Ereignisses. Bei indirekter (sekundärer) transgene­rationaler Kriegstraumatisie­rung traumatisieren demgegenüber Kriegstraumatisierte (z.B. Eltern, Bezugsperso­nen) aufgrund ihrer Kriegstraumatisierung durch schädigende Interaktio­nen Vertre­ter der Nachfolgege­nerationen, z.B. ihre Kinder. In diesem Fall haben die Nachfolgegeneratio­nen das ursprünglich trau­maauslösende Ereignis nicht selbst - als direkt Be­troffene oder Zeu­gen - erlebt (s. Kap. 2.4).

Folgen von Kriegstraumata können über mindestens vier Generatio­nen hin­weg an Nachfolgege­nerationen über­tragen werden (Rüchel 2018, Hasselmann 2016, Radebold 2016; Girrulat 2012, Chavez 2015). Hier­bei sind die Symptome vielfach von einer Generati­on zur nächsten ge­ringer ausge­prägt, bis sie irgendwann verschwinden. Bei den Nachfahren kriegstraumatisierter Vorfahren können alle er­denklichen vegetativ-stressbedingten psychischen und körperlichen Symptome auftreten (s. Kap. 3.1).

Sabine Bode hat in mehreren Büchern dargelegt, wie Deutschlands Kriegsenkel und deren Nachfah­ren noch immer an den Folgen der Kriegstraumati­sierungen leiden, die ihre Vorfahren in den beiden großen Weltkriegen erfahren hatten, obwohl die Kriegsenkel in politisch si­cheren Verhältnis­sen in Deutsch­land geboren wurden. Wer körperlich und/oder psychisch erkrankt ist und kriegsbelastete Eltern und/oder Vorfahren hat, soll­te deshalb immer auch transgenerationa­le Kriegstrau­matisierung als Ursa­che für die gesundheitlichen Belastungen in Be­tracht ziehen.

Im Jahr 2017 war jeder hundertzehnte Mensch weltweit von Flucht und Vertreibung betroffen (BPB VIDEO). Ge­mäß einer AOK-Studie sind drei von vier Kriegsflüchtlingen traumatisiert (Woratschka 2018). Ohne Traumatherapie werden viele dieser Betroffenen mit hoher Wahr­scheinlichkeit später ihre Kinder transgenerational trau­matisieren, auch wenn diese erst nach der Flucht im siche­ren Zielland geboren werden.

In der vorliegenden Arbeit untersuche ich den Fall meiner heutzutage volljährigen Probandin Frau A. (Name geändert), die im Kindesalter mit ihrer kriegstraumatisierten Mut­ter und mit Ge­schwistern aus einem östlichen Land nach Deutschland geflohen war. Frau A. hatte die Bedro­hungen des Krieges im Hei­matland tagtäglich direkt, aber im Schutz der Mutter und der Familie - bei oft abwesendem Vater - miterlebt. In der vorlie­genden Arbeit wird zu ermit­teln versucht, ob die zahlreichen Symptome meiner Pro­bandin durch die Annahme von indirekt-transgenerationa­ler Kriegstraumatisierung bei Frau A. er­klärbar sind.

Kapitel 2 dieser Arbeit enthält allgemeine Grundlagen (u.a. Themeneingren­zung, Ziele, Metho­den, Defini­tionen). In Kapitel 3 gehe ich auf theoretische Grund­lagen transgenerationaler Kriegstrau­matisierung ein. In Kapitel 5 ist anhand von einigen ausgewählten typi­schen Aspek­ten transge­nerationaler Kriegs­traumatisierung aus der Literatur dargestellt, ob und inwiefern meine Proban­din (s. die Fallanalyse in Kapitel 4) in­direkt-transgenerational kriegstraumatisiert sein könnte. Kapitel 6 ent­hält die Reflexion auf die Ergeb­nisse dieser Arbeit sowie Handlungs­empfehlungen für transgenerational Traumati­sierte, Be­rater, The­rapeuten und Ange­hörige.

Transgenerationale Denkweisen sind nicht neu. Indigene Völker, insbesondere auch Schama­nen, ar­beiten ohne Verwendung moderner Terminologie seit Jahrhun­derten beraterisch und the­rapeutisch mit Ahnen und mit gene­rationsübergreifenden Themen. Durch die moderne transge­nerationale Traumafor­schung und die Wissen­schaft der Epigenetik (s. Kap. 2.4) er­hielt das alte Wissen neue Aktualität.

Viele Kriegsenkel und deren Nachfahren leiden darunter, dass sie selbst nicht wissen, dass sie trans­generational kriegstrau­matisiert sind, und dass sogar Therapeuten dies oft nicht (an)erken­nen. Wenn Kriegsenkel und deren Nachfahren Unwohlsein äußern oder krank­heitsbedingt, z.B. aufgrund von Bur­nout, berufli­che Karriereknicke erleiden und/oder sogar arbeits­unfähig werden (Bode), glaubt ihnen kaum jemand, dass die Sym­ptomatik mit früheren Kriegen in Zusammen­hang stehen könnte (Huber 2012, S. 8). Ohne therapeutische Bear­beitung der Kriegstraumati­sierungen kann jedoch oft kei­ne nachhaltige Besse­rung er­zielt werden.

Es kann Jahre dauern, bis Betroffene entsprechende Bezüge selbst hergestellt ha­ben, denn es gibt nicht viele Ärzte, Psychotherapeuten, Heilpraktiker und psychosoziale Berater, die sich im Bereich der transgene­rationalen Kriegstraumatisierung auskennen und in der Lage sind, fachge­recht bei der Auf­arbeitung transgenerationaler Psychotraumata zu beraten und zu therapieren.

Gerade bei Flüchtlingen können Traumabe­rater und -thera­peuten mit hochkomplexen Situatio­nen kon­frontiert sein, für die sie oft nicht ausreichend sensibilisiert und ausgebildet sind.

Um das Leid der Betroffenen zu lindern, tut vor allem Aufklärung durch Psy­choedukation Not. Deshalb soll die vorlie­gende Arbeit in diesem Sinne für das komplexe The­ma der „transgenera­tionalen Kriegs­traumatisierung“ sensibilisieren.

2 Grundlagen

2.1 Ziel der Arbeit, Leitfragen, Themeneingrenzung

In dieser Arbeit soll im Rahmen einer Einzelfallanalyse untersucht werden, ob und mit welchen Folgen die schwer kriegstraumatisierten El­tern meiner Probandin Frau A. ihre traumatischen Be­lastungen in­direkt-transgenerational an meine Probandin weitergege­ben haben könnten.

Insgesamt möchte ich mit der vorliegenden Arbeit auf der Grundlage von Forschungsliteratur und ei­nes eigenen Praxis- bzw. Fallbei­spiels (s. Kap. 4) allge­mein für typische Aspekte transge­nerationaler Kriegstraumatisierung sensibili­sieren. Hierbei geht es nicht um Vollständigkeit des Dargestellten.

Nachrangig sind zudem die beiden folgenden Fragestellungen leitend: Anhand welcher typischer Merk­male lässt sich möglicherweise transgenerationale Kriegstraumatisierung bei meiner Pro­bandin erken­nen? Welche Implikationen für Traumatherapie ergeben sich dar­aus?

Formen sekundärer Traumatisie­rung, die nicht transgenerational sind, z.B. Traumatisierung von Hilfs­personal wie Therapeuten und Entwicklungshelfer (Daniels, Rixe 2017, Rießinger, Wolf 2018, Sänger 2013. S. 145 f., Rössel-Čunovič), sind in dieser Ar­beit nicht berücksichtigt.

Da die vorliegende Arbeit maximal 25 Seiten lang sein darf, kann ich den aktuellen Forschungs­stand nicht ausführlich darstellen, sondern nenne maßgebliche Autoren im Text.

2.2 Methodik, Forschungsdesign, Durchführung

Die vorliegende Facharbeit ist eine qualitative literaturanalytische Arbeit mit empirisch-investiga­tiver dedukti­ver Komponente. Die typischen Aspekte transgenerationaler Kriegstraumatisie­rung werden exemplarisch auf der Grund­lage von Forschungsliteratur erarbeitet. Dann wird geprüft, ob sich Symptome und auffälli­ge Verhal­tensmerkmale meiner Probandin, die möglicherweise durch Kriegstraumati­sierung (mit)verursacht sein könnten, diesen typischen Aspekten zuordnen lassen (Deduktion).

Die empirischen Daten beziehe ich aus einem ausführlichen initialen Interview mit meiner Pro­bandin, aus weiteren Gesprächen, aus Beobachtungen im Rahmen meines 178,5-stündigen be­ruflichen Coa­chings mit der Probandin so­wie aus einer Be­fragung der Eltern von Frau A. Auf dieser Grundlage stelle ich Hypothesen darüber auf, ob und in wel­cher Hinsicht bei meiner Pro­bandin transgenerationale Kriegstrauma­tisierung vorliegen könnte.

Für die vorliegende Arbeit wurde vom Ausbildungsinstitut le­diglich eine einzige Befragung der Proban­din, z.B. an­hand eines Leitinterviews, empfohlen. Alle weiteren Leistungen, auch das 178,5-stündige Berufs­coaching, wurden von mir unabhängig von dieser Abschlussarbeit er­bracht. Für diese Studie wird aufgrund der geringen Anzahl der Probanden keine wissenschaftli­che Rele­vanz be­ansprucht. Dennoch verstehe ich die vorliegende Einzelfallana­lyse als einen grundlegenden Bei­trag zur Befors­chung von transgenerationaler Kriegstrau­matisierung.

Sowohl meine Probandin als auch eines ihrer Geschwister (Kontrollpro­band, s. Kap. 2.3) füllten zunächst mei­nen 48-seitigen Anamnese-Frage­bogen aus. Anschließend befragte ich beide mündlich mit­tels meines Leitinterviews zur transgenerationalen Kriegstraumatisierung (s. Kap. 8.2). Zu ei­nem späteren Zeit­punkt befragte ich beide Eltern der Probandin mündlich anhand des Elternfra­gebogens (s. Kap. 8.3 ).

Coachingbegleitend führte ich auf Wunsch von Frau A. mehrere Hypnosesitzungen mit dem „Ressourcenaktivierung“ durch. Diese Hypnosen sollten dazu dienen, die zeitnah anstehenden Prüfungen sicherer und ent­spannter zu bestehen. In diesen Hypnosen wurden aufgrund der lau­fenden Prüfungsvorbe­reitungen mit nahen Deadlines keinerlei kriegsbezogene Themen bearbei­tet.

Zur Absicherung meiner Hypothesen zu einer möglichen transgenerationalen Kriegstraumatisie­rung meiner Probandin führte ich im Ein­vernehmen mit der Probandin mit professionellen Kolle­gen systemi­sche Aufstellungen durch (Supervision). Diese Auf­stellungen bestärkten mich in der Annahme, dass bei meiner Probandin direkte Kriegstraumatisie­rung und indirekt-transgeneratio­nale Kriegstraumatisie­rung eine Rolle spielten und dass beides die Probandin erheblich schwächte: als Folge von direk­ter Kriegstraumatisierung zeigten sich in den Aufstellungen ver­stärkt psychosomatische Symptome, wäh­rend der Klientin bei räumlicher Annäherung an ihre kriegstraumatisierten Eltern „der Boden unter den Füßen weggezogen“ wurde.

Zudem stellte meine Probandin eine Skulptur auf. Hier erhielt sie die Gelegenheit, an der Bezie­hung zu ihren Eltern zu arbeiten und Belastungen zurückzugeben.

2.3 Probandenauswahl

Frau A. wuchs im Krieg in einer schwer kriegstraumatisierten Fa­milie auf und flüch­tete im Kin­desalter unter lebensgefährlichen Bedingungen mit ihrer Mutter und mit Geschwistern nach Deutschland.

Dass meine Probandin während der ersten Lebensjahre tagtäglich direkt den Krieg mit­erlebte, stellt in der vorlie­genden Ar­beit einen Störfaktor dar, da nur indirekt-transgene­rationale Kriegs­traumatisierung untersucht werden soll. Idealer Proband für meine Studie wäre eine Per­son ge­wesen, die selbst gar keine direkte Kriegstraumatisierung miterlebt hat, sondern nur durch ihre kriegstraumati­sierten Eltern möglicherweise indirekt-transgenerational traumatisiert wurde.

Eines der Geschwister von Frau A. ist in dieser Studie KontrolIproband. Dieses Geschwister er­lebte den Krieg im Heimatland einige Jahre länger mit. Es weist nach Angaben meiner Proban­din in zahlreichen Punk­ten vergleichbare, aber deut­lich stärkere Sympto­me als meine Probandin auf. Da ich jedoch einen Probanden suchte, der möglichst wenig direkt kriegs­traumatisiert war und zuver­lässig an der Studie teilnahm, war Frau A. als Probandin für meine Studie besser ge­eignet als mein Kontrollproband.

Alle Mitglieder der Familie meiner Probandin, die ich persönlich kennenlernen durfte und die in etwa gleich alt oder älter als meine Pro­bandin sind, gaben an, direkt vom Krieg traumatisiert zu sein und vie­le Tote gesehen zu ha­ben.

2.4 Definitionen

Direkte Kriegstraumatisierung“ ist das Auftreten von Psychotraumata durch direktes Erleben von kriegsbezogenen Ereignissen bei einer Person, die als direkt Betroffener oder als anwesen­der, direkter Zeuge (z.B. Augenzeuge) ei­gene sinnliche Wahr­nehmungen vom ursprünglich trau­matisierenden Geschehen hat und die, falls Erinnerung an das Geschehen besteht, diese Wahr­nehmung als selbst (mit)erlebtes Geschehen bekunden kann (vgl. juraschema.de 2020; educalingo.com 2020; Siegismund 2009, S. 4; Wikipedia: Zeuge; Baer 2000).

Transgenerationale Kriegstraumatisierung“ ist demgegenüber, als eine Unterform der transge­nerationalen Traumatisierung, immer indirekt (vgl. Wolf 2018-2, Feuervogel). Bei der transge­nerationalen Kriegstraumatisie­rung sind die traumatisierten Nachkommen weder direkt be­troffen noch direk­te Zeugen. Sie haben keine eigenen Wahrnehmungen vom ur­sprünglichen traumati­sierenden Ereignis - das ja nicht ihnen, sondern ihren Vorfahren widerfah­ren war – und können die Vorfälle deshalb weder er­innern noch als selbst (mit)erlebtes Geschehen be­kunden.

Transgenerationale Kriegstraumatisierung kann, wie jede Form der transgenerationalen Trau­matisierung (Richter 1963, Richter 1972), im Rahmen von Erziehung und Sozialisation in kon­kreter Interakti­on1 und epigene­tisch von den Vorfahren erworben werden. Hier­bei können die Vorfahren di­rekt und/oder in­direkt traumatisiert sein.

Aufgrund des limitierten Umfangs dieser Arbeit kann ich, bis auf das nachfolgende kurze Bei­spiel, auf den Themenbereich „Epigenetik“ nicht näher eingehen. Epigenetische Forschungsar­beiten (Bauer 2013, Lingrön 2015, Lipton 2016, Huber 2017, Döll, 2017, Spork 2017, Henn 2017, Kegel 2018, Lehnert 2018, Schickedanz 2012, S. 71-76, Wikipedia: Epigenetik) zeigen, dass traumati­sche Verletzungen auch über die Gene an Folgegeneration­en weitergegeben wer­den können. Hierbei bleibt das Genom als sol­ches un­verändert. Die epigenetischen Kontrollme­chanismen bestimmen nicht die DNA-Sequenzen und somit nicht die grundlegende Program­mierung durch die Gene, sondern die Lesbarkeit der vorhandenen Gene. Die Vererbung erfolgt auf molekularer Ebene in Form von DNA-Methylierung, einer Modifik­ation von Histonen und/oder im beschleunigten Abbau von Telo­meren. Epigenetische Veränderungen beeinfluss­en nur den Phänotypen, nicht den Genotypen eines Menschen (ebenda).

Kriegsbedingte Stress- und Hungererlebnisse der Vorfahren können sich – eigentlich zum Schutz der Nachfahren – epigenetisch z.B. so in den Genen der Nachfahren niederschlagen, dass die Nachfah­ren klei­ner und somit bei Nah­rungsmangel überlebensfähiger sind, eine besse­re Fett- und Zuckerver­wertung haben und durch einen dauerhaft hö­heren Cortisolspie­gel zumin­dest mittelfristig stressresistenter und aufmerksamer für Gefahren sind (s. Lauff 2017). In Frie­denszeiten kann dies jedoch für die Nachfah­ren von Nachteil sein: bei den Nachfahren können bereits bei normaler Ernährung durch die bessere Fett- und Zucker­verwertung Übergewichtspro­bleme entste­hen, und ein ererbter höherer Cortisolspiegel kann durch chro­nische vegetative Übererregung zahlreiche psychoso­matische Krankheitsfolgen haben.

3 Grundlagen transgenerationaler Kriegstraumatisie­rung

3.1 Transgenerationales Kriegstrauma als Entwicklungs- und Bin­dungstrauma

Ein „Trauma“ ist ein „vitales Diskrepanzerlebnis zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und individu­ellen Bewältigungsmöglichkeiten, das mit Gefühlen von Hilflosigkeit und schutzloser Preisgabe einher­geht und so eine dauerhafte Erschütterung von Selbst- und Weltbild“ verur­sacht (Fischer 2009, S. 84).

Üblicherweise denkt man bei „Kriegstrauma“ zuerst an im Krieg erlebte Schocktraumen (vgl. Sautter, S. 133 ff.). Meine Probandin war je­doch nach Angaben ihrer Eltern weder direkt mit ei­nem einzelnen drastischen Kriegsereignis konfrontiert (s. Kap. 4.3) noch traten bei ihr bisher di­rekte Traumafolgestö­rungen (vgl. Abb. 3 in Kap. 8.1) auf. Deshalb hält sich Frau A. für „nicht kriegs­traumatisiert“. PTBS bricht jedoch nicht selten erst im Alter aus (vgl. Schrader 2013), wenn mehr Ruhe ins Leben ein­getreten ist und Unterdrückungsme­chanismen des Verstandes schlechter funktio­nieren. Da PTBS zudem chronifizieren kann, sollte im Fall einer PTBS-Diagno­se schnellstmöglich mit Trau­matherapie begonnen werden. Kindheitstraumata wir­ken lebens­länglich, und Zeit allein heilt die entstandenen Wunden nicht (Schickedanz 2012, S. 71).

Auch objektiv harmlose Ereignisse können von Kindern subjektiv als le­bensgefährlich erlebt werden und schwere Traumata auslösen (s. Seite 1; vgl. Charf 2019). Ob und wie ein Ereignis traumatisiert, entscheidet sich in der Person (Vulnerabilitäten, Resilienzen, Res­sourcen) und nur se­kundär durch die Ereignisfaktoren. Sicher ist jedoch, dass Frau A. zahlrei­chen objektiv gefähr­lichen di­rekten täglichen Kriegsbedrohungen ausgesetzt war (Sirenengeheul, Detonationen, Flucht). Je­doch war die Mutter von Frau A., was bindungstechnisch ent­scheidend ist, bei Gefah­ren angeblich immer ver­fügbar (vgl. Kap. 4). Kriegstraumata können die Vulne­rabilität erhöhen.

Zudem können Kriegstraumatisierungen der El­tern indirekt-transgenerational von Eltern an Kin­der weitergegeben werden. Hierbei hat man es mit Entwick­lungs-, Bindungs­- bzw. Beziehungs­traumata zu tun (Bowlby, Ainsworth, Barwinski; Sänger 2013, S. 145), bei denen bei den Nachfahren auf­grund der Kriegstraumatisie­rung der Vor­fahren zahlreiche Mikrotraumen über lange Zeiträume hinweg akkumulieren (sequenziell-kumu­lative Traumatisierung; Charf 2019).

Wiederholte frühe traumatische Stresserfahrungen können die Stress-Reaktionssysteme von Grund auf, wahrscheinlich auch epigenetisch durch Ausschalten des Glucocorticoid-Rezeptor-Gens, verän­dern (Huber 2012, S. 10; Sautter 2016, S. 65 f.; Schubbe 2006, S. 47-51). Durch Dauerproduktion von Stresshor­monen, vor allem von Corti­sol, und durch eine dadurch dauerhaft gesteigerte elektri­sche Reizbar­keit von Schaltkreisen im limbischen System (Huber 2015, S. 13, Hüther 2002, Sautter 2016, S. 22 ff., 113 ff., 133 ff.) kann es zu einer „ständigen Alarmschal­tung“ bzw. zu dauer­hafter Übererre­gung (Hyperarousal) kommen. Daraus können direkte Trau­mafolgestörungen wie PTBS, komple­xe PTBS, Depression und Anpassungsstörungen sowie komorbide Traumafol­gestörungen und Komplika­tionen wie Ängste, Dissoziation, psychosoma­tisch-vegetative Symptome aller Arten, Immunabwehr­schwäche, instabile Blutzucker-Stoffwech­sellagen, Übergewicht, Gedächtnisstörungen und Süchte re­sultieren (s. Abb. 3 in Kap. 8.1; vgl. Schickedanz 2012, S. 74f.; s. Boon 2013, Hüther 1997, Hanswille 2014, S. 33-40). Die Bildung neuer Nervenzellen und Synapsen (Neurogenese, Synaptogenese) sowie die Integration beider Groß­hirnhälften können vermindert sein. Hält der traumatische Stress zu lange an, können ver­minderte Stressresistenzen lebenslänglich erhalten bleiben und weitervererbt werden.

Kinder, die kriegstraumatisierten, psy­chisch kranken, ängstlichen, gest­ressten, ambi­valenten, überforderten, sich schuldig fühlenden, aus Angst überfür­sorglichen, emotional über­forderten, hilflos-verunsicherten, verzweifelten, suizida­len und/oder aber auch harten, nar­zisstischen, ab­lehnenden, distanzierten, lieblosen, unempathischen, abweisenden, egozentri­schen, we­nig Kör­perkontakt gebenden, vernach­lässigenden und/oder misshan­delnden Personen aus­gesetzt sind, können dauer­haft u.a. in grundlegenden Regulierungs­prozessen, im Urver­trauen (Sautter 2016, S. 19) sowie in Bin­dung und Identität (Ruppert, Wiegand-Grefe 2013, S. 160) be­schädigt wer­den (s. Abb. 4 in Kap. 8.1). Wird im ersten Lebensjahr durch fehlen­de oder unsichere Liebe und Zuwen­dung der Eltern zu wenig Oxyto­cin (Bindungshor­mon) produziert, kann die Bindungsfähig­keit der Kin­der irreversibel be­einträchtigt sein. Durch die Notwendigkeit, ständig aufpas­sen und sich auch vor Bezugspersonen schützen zu müssen, können Fremd- und Ob­jektwahrnehmung opti­miert und die Selbstwahrnehmung vermindert sein (Sautter 2016, S. 140).

Babys und kleine Kinder passen sich den Eltern grundsätzlich an (Überlebensstrategie) und können Belas­tungen der Eltern stellvertretend übernehmen (s. Kap. 5.1; Sänger 2013). Im Mut­terleib sind Ba­bys hormo­nell an die Mutter ge­koppelt: Ihr Stoffwechsel funktioniert in vollständi­ger Resonanz mit dem der Mutter (Broughton 2016, S. 41f.). Bei Angst, Panik und Stress der Mutter werden in der Amygdala des Ba­bys vergleichbare Prozesse wie bei der Mutter ausgelöst (ebenda). Des­halb erleben Babys in der Schwan­gerschaft alle Emotionen der Mut­ter, wie z.B. Ängste, aber auch Ambivalenzen, Verwirrungen, Verlet­zungen und Traumatisierungen, unmittel­bar mit. Erst Monate nach der Geburt lernen Babys, zwischen sich selbst und der Mutter zu un­terscheiden. Ist die Bezugsperson traumabedingt in der eigenen Regu­lationsfähigkeit einge­schränkt, kann sie sich selbst nicht beruhigen – und somit auch nicht das Nervensystem des Kindes. Sehr kleine Kinder können Kriegstraumaprozesse nicht kognitiv verarbeiten, sondern weh­ren sie z.B. durch Spal­tung ab (Barwinski 2013, S. 110). Sie erinnern sich später an nichts und fühlen nichts (Bode, Weichs 2019). Viele denken deshalb später, ihnen sei „nichts passiert“. Ba­bys und sehr kleine Kinder sind mit am gefährdetsten und am leichtesten traumatisierbar. Bei einem Bindungstrauma werden das Bindungssystem und das Verteidigungs- bzw. Abwehr­system gleich­zeitig aktiviert (s. Huber 2017-2, S. 6). So kann es dazu kommen, dass Liebe und Ab­lehnung gleichzeitig anwesend sind (Ambivalenz). Kinder, die wenig feinfühlig und/oder ambi­valent behandelt, abgewertet, abgelehnt werden und/oder Elternteile bedroht und hilflos er­leben, passen sich oft an, suchen die Schuld bei sich selbst, geben eigen­ständige Ex­ploration auf, sind misserfolgsängstlich und werten sich selbst ab. Sie fordern ihr Leben lang die Zunei­gung und Beachtung ein, die sie in der Kindheit nicht erhalten haben.

Abgewiesene Bindungswünsche können bindungssuchendes Verhalten verstärken (Wi­kipedia: Bindungstheorie), so dass bei regelmäßiger Abweisung, z.B. durch Feindseligkeit, Unsicher­heit und/oder Stress der Eltern, ein de­struktiver Kreislauf entstehen kann (Brisch 2012, S. 113-119). Star­ke Abweisung der Eltern kann beim Kind um so stärkeres Klammern und emotional-psychi­schen Stress bewirken. Starkes Klammern und Idealisieren der Mutter („ich war absolutes Mut­terkind, habe meine Mutter abgöttisch geliebt“; s. Kap. 4) sollte deshalb immer auch hinsichtlich einer mögli­chen am­bivalenten oder sonstwie verstrickten Bindungsproblematik näher untersucht werden (Radebold 2010, S. 134 f.; Barwinski 2013, S. 110 f.). Zu einer gesun­den Eltern-Kind-Beziehung gehört auch, Fehler der Eltern sachlich zu sehen und anzuerkennen. Ideali­sierung kann demgegenüber u.a. auf Abwehr unbewusster Vorwürfe hinweisen (ebenda).

Bei transgenerationaler Kriegstraumatisierung können sich traumatische innere Haltungen, Ein­stellungen, Glaubenssätze und Emotionen der Eltern und Bezugspersonen in sichtba­rem Ver­halten, in verba­ler Kommunikation, in Körpersprache, aber auch in Schweigen (vgl. Kap. 5.2) nie­derschlagen und die Kinder traumatisieren. Emotionen und somit auch Traumatisierungen und Stress der Eltern können von empathi­schen Kindern unmittelbar über Spiegelneuronen ge­fühlt werden (Bauer 2006).

Bei transgenerationaler Kriegstraumatisierung wird das vom primären Traumaopfer (hier: z.B. den Eltern) ursprünglich erleb­te Trauma nicht vom transgenerational traumatisierten Nachfahren durch eigenes Erleben über die Sinnesorgane wahrgenommen und nicht über die übli­che Infor­mationsverarbeitung im Gedächtnis, auch nicht im Traumagedächtnis (s. Schubbe, S. 47 ff.), niedergelegt: „Anders als bei den primären Traumaopfern gibt es ja keinen direkten Input von den Sin­nesorganen, der vom Ge­hirn im Gedächtnis abgelegt werden könnte“, es gibt „nur die Vorstellun­gen davon“ (Daniels 2006). Innere Repräsentationen von traumatischen Kriegserleb­nissen der Vorfahren ent­stehen in den Köpfen der Nachfahren auf der neurologi­schen Ebene durch kreatives Bilden aller Arten von sinnlichen, bildlichen und abstrakten Vor­stellungen z.B. zu Sachverhalten, die gesagt und/oder durch Medien vermittelt werden, oder wenn die Eltern in Be­zug auf kriegsbezoge­ne Familien­geheimnissen schweigen (s. Kap. 5.2). Nur auf diese Weise können Traumata „anste­ckend“ sein (Wolf 2018, Krans 2010). Auch über vererbungsbiolo­gisch-epigenetische Mechanismen (s. Kap. 2.4) werden keine konkreten Erinne­rungen von Kriegser­lebnissen der Vorfahren an die Nachfahren vererbt (Lauff 2017).

Offenbar können Traumaerzählungen ebenso wie Vorstellungen von traumatischen Inhalten, die ohne jeden visuellen und/oder verbalen äuße­ren In­put kreativ selbst produziert werden, auf ähn­liche Wei­se wie reales Traumaerleben im Gedächtnis, auch im Traumagedächtnis, abgespei­chert wer­den, weil sich die Hirn­regionen für reale und für nur vorgestellte visuelle Eindrücke stark über­lappen (Daniels). Für das Ge­hirn ist es deshalb auf bestimmten Verar­beitungsebenen gleichgül­tig, ob die Bil­der über das Auge und über visuelle Nerven oder aber nur durch die Vor­stellungskraft ent­standen sind. Beide Arten von Vor­stellungen können „als vi­suelle Intrusionen zu Belas­tungen führen“ (ebenda).

Wenn kriegstraumatisierte Eltern über ihre Vergangenheit schweigen, können Kinder zu dem nicht Greifbaren eigene Vor­stellungen produzieren, die dann im Gehirn wie reale Ereignisse ab­gespeichert werden und als El­tern-Introjekte ihr Eigenleben führen. Ein „Eltern-Introjekt“ ist eine - oft als trauma­tisch erlebte - psychische Repräsentanz eines realen Eltern­teils im psychischen System des Kindes. Diese virtuelle Eltern-Instanz in der kindlichen Psyche spie­gelt das Erleben der Eltern durch das Kind wider und stellt nicht die realen Eltern dar (vgl. Langlotz 2018). Kinder in traumatisierenden Eltern-Be­ziehungen können eine pathologische Bindung an Täter und Op­fer und entsprechend ganz unter­schiedliche pathologisch-traumati­sche Eltern-Introjekte entwi­ckeln (vgl. Huber 2017, S. 12).

Um Identifizierungen mit Traumatisierungen aufzudecken, ist oft professionelle Hilfe erforderlich, da in Familien mit kriegstraumatisierten Eltern und Vorfahren vielfach mehrere oder alle Perso­nen belas­tet und Teil des Pro­blems sind. Beratung und Therapie können häufig wirkungsvoll zur Bewusstmachung der zumeist unterbewussten Prozesse beitragen (Quindeau 2013). Bei trans­generationaler Traumatisierung könnte u.a. über syste­misch-bindungsorientierte Traumathera­pie (z.B. Hanswille 2014, Schlippe 2016, Boon 2013, Schwing 2018, Reddemann 2015, 2005, 2007-2; Drexler 2017, Butollo, Massing 2006, Alexander 2017) in Kombination mit tiefenpsy­chologischen – auch hypnotherapeutischen (z.B. Kossak 2004, Yager 2018) - Ansätzen, Arbeit mit inneren Selbstanteilen und inneren Kindern (s. Kap. 3.2; Sautter 2016, 141 ff.) und Körper­arbeit (Levine, Grüber 2018, Moore 2009, Rosenberg 2018) nachgedacht werden.

3.2 Kulturelle Vorüberlegungen

Bei der systemischen Ar­beit mit Flücht­lingen und Migranten lassen sich neben psychologi­schen, mi­grationsspezifischen und störungsspezifischen Hypothesen auch kulturspezi­fische Hypothe­sen auf­stellen (vgl. Schlippe 2016, Schwing 2018, S. 142 ff.).

In der Familie von Frau A. ist die Bindung zwischen den Familienmitgliedern traditionell sehr eng, die Familie steht über allem. Gleichzeitig tritt Frau A., zumin­dest auf den ersten Blick, in ih­rem Reden und Handeln in westlichem Sinne selbstbewusst, selb­ständig und gleichberechtigt auf. Frau A. vertritt westliche und traditionell-muslimische Werte (Verwurzelung in beiden Kultu­ren, Selbstverständnis als Kulturmittlerin).

Der Vater von Frau A. war in den ersten Lebensjahren meiner Probandin überwiegend beruflich abwesend und in Zeiten kurzer Anwesenheit für meine Probandin emo­tional nicht erreichbar (PTBS, Depression, schwere körperliche Verletzung durch Militärs). In Deutschland zwang er die Kinder zu hohen Leistun­gen. Daraus resultierte eine vermeidende Bindung meiner Proban­din an den Va­ter (Verdacht auf traumatisches Vater-Introjekt; zur Bindungstheorie s. Kap. 3.1).

Die Mutter von Frau A. er­zog meine Probandin kulturell (weniger religiös) zu einem eher ange­passten, schüchternen, stillen, eher ängstlichen Mädchen, das Re­spekt vor Älteren zu haben hatte, kaum etwas von sich zeigen durfte und mit auf den Ruf der Familie achten musste. Nach Ansicht meiner Probandin könnte auch daraus die extreme Versagens­angst resultieren, durch die heutzutage berufliche Prüfungen für meine Probandin extrem angstbehaftet sind.

Enger familiärer Zusammenhalt in traditionellen, tendenziell autoritären Familiensyste­men, die zudem sehr auf ihren Ruf achten, kann in un­terschiedlichem Maße erzwungen und nar­zisstisch sein. Er kann dadurch zustandek­ommen, dass sich die Kin­der den Erwachsenen fügen und da­bei eigene Bedürfnisse negieren. Eltern, die aus eigener Kriegstraumatisierung heraus oder kul­turell bedingt narzisstisch handeln, können sich oft von ihren – ggf. ebenfalls bereits transgene­rational trau­matisierten - Eltern be­reits nicht richtig abgrenzen. Sie er­leben des­halb „ihr Kind als einen Teil von sich selbst. Sie können nicht zwischen den eigenen Bedürfnissen und den Be­dürfnissen und den Wünschen des Kindes unterscheiden. Für sie ist das Kind nur ein Ab­leger ihrer eige­nen Persönlichkeit und muss daher dieselbe Grandiosität widerspiegeln. Die El­tern erwarten von ih­rem Kind, dass es die unerwünschten Persönlichkeitsanteile von sich abspal­tet und sich ganz an dem Idealbild der Eltern orientiert. Das Kind wird zu einem Objekt gemacht, mit dem sich narzisstische Eltern in der Öf­fentlichkeit schmücken möchten. Sie legen sehr viel Wert darauf, dass das Kind gut erzogen ist, anständi­ge Manieren hat, gute schulische Leistun­gen bringt und auch auf anderen Gebieten heraus­ragende Talen­te entwickelt. Dazu wird es zu Höchstleistungen getrieben. Dem Kind wird dafür im Ge­genzug versichert, dass es seinen Eltern einmal dankbar für ihre Fürsorglichkeit sein wird. Widerworte werden nicht akzep­tiert, Ungehor­sam wird bestraft“ (Grüttefien 2016; vgl. auch Rauwald-4 2013, S. 100 f.).

Die Mutter meiner Probandin war in der entwicklungs­psychologisch entscheidenden frühen Kindheit meiner Probandin und auch auf der Flucht nach Deutschland die existenziell für das Überleben von Frau A. entscheiden­de Bindungsper­son (vgl. Kap. 3.1). Meine Probandin liebte ihre Mutter nach ihren eigenen Angaben „abgöttisch“, sie war ein „totales Mutterkind, mehr als alle anderen Kinder“. Die Mut­ter gab an, ein „be­sonderes Verhältnis zu dieser Tochter“ zu haben („da war etwas Spezielles“).

In diesem liebevollen und eher überfürsorglichen, aber zugleich kulturell und kriegs­bedingt – vor allem auch gegenüber der außer­familiären Außenwelt – begrenzenden, sehr am Ruf der Familie orientierten Ver­hältnis könnten Wün­sche, Ängste, Unsicherheiten, Hilflosigkeit, Schmerz- und Schuldgefühle, Traumatisie­rungen und mögli­che starre kultu­relle Vorgaben der Mutter leicht Ein­gang in die Psyche meine Proband­in ge­funden ha­ben (Ver­dacht auf trauma­tische Mutter-Intro­jekte bei meiner Probandin; vgl. Kap. 3.1 und Kap. 5.4; s. Abb. 6 in Kap. 8.1).

Meine Probandin gab an, sich „vermutlich wohl aufgrund dieser kulturellen Erziehung und Sozia­lisation“ mit einigen Re­geln und Verboten ihrer Kultur und Familie iden­tifiziert und sich „dann später damit auseinandergesetzt“ zu haben (besondere Themen: persönliche Weiterentwick­lung, vor allem bei Frauen, als Gefahr für die Ehe; berufliches Funktionieren als Erwachsener ohne persönlichen Spielraum; Eltern sowie ältere Verwandte und Geschwister als Autoritäten).

Meine Probandin hatte im Coaching große Probleme, allein zu sein, selbständig zu ler­nen und produktiv etwas Eigenständiges hervorzubringen. Sie traute sich wenig zu und konnte nur durch äußeren Druck und Hilfen Arbeiten zu Ende bringen.

Frau A. ließ aus meiner Sicht in Belastungs- und Stresssituationen auch während des berufli­chen Coachings nichts aus, um an ihrem eigenen Ast zu sägen und – auch bereits greifbare - Erfolge zu sabotieren (vgl. Kap. 5.5).

Ein zweiter kulturell mitbedingter Problembereich bei dem von mir durchgeführten beruflichen Coa­ching war, dass Frau A. regel­mäßig, auch kurzfristig, Termine verschob, absagte oder we­gen Überlas­tung im Alltag einfach vergaß. Eine von mir hierzu im Rahmen von Supervision durchgeführte systemi­sche Aufstellung ergab, dass Frau A. mir dies durchaus zum Teil mutwillig zumutete. Ich inter­pretierte dies deshalb als teilweise kulturbedingt (viele nicht-westliche Kultu­ren gehen mit Pünktlichkeit entspannter um), aber dennoch in dieser extremen Form auch als Bestandteil des von mir als autodestruktiv wahrge­nommenen extremen Vermeidungsverhalt­ens meiner Pro­bandin (vgl. Kap. 5.5). Frau A. wollte die angestrebten Bildungsab­schlüsse zwei­fellos unbedingt erreichen. Zugleich schienen mir jedoch unterbewusste Programme des Min­derwerts, der Ver­sagensangst und der Selbst­zerstörung dies mit aller Macht verhin­dern zu wol­len.

Drittens fiel mir auf, dass es meiner Probandin sehr wichtig war, in ihrer Familie als Wohltäterin, Leis­tungs- und Kompetenz­trägerin zu erscheinen. Frau A. wies mich darauf hin, dass es in ih­rer Ursprungskultur sehr bedeutsam ist, Ansehen und Ruf zu wahren. Frau A. machte zahlreiche Versprechungen, von denen ich sofort wusste, dass sie nichts davon einhalten wür­de, und über­schätzte andauernd ihre Leis­tungsfähigkeit („solche Skripte lerne ich in einer Stunde auswen­dig“, „kein Problem, das mache ich noch alles bis heute Abend selbst“). Hinter narziss­tischer Ab­wertung anderer und Überschätzung der eigenen Fähigkeiten stand jedoch möglicherweise trau­mabedingt auch die innere verzweifelte Sicher­heit, letztendlich bei den entscheidenden Prüfun­gen so­wieso zu versagen („ich fal­le sowieso durch, es gibt für mich keine Chance zu bestehen“).

Meine Hypothese ist, dass Frau A. in der Kindheit gelernt haben könnte, dass sie nicht als Indivi­duum aus eige­ner Kraft, sondern nur über Loyalität zur Familie, in Abhängigkeit von der Familie und überhaupt nur in engen Gren­zen zu eigenem, persönlichem Er­folg kommen kann (vgl. Simon 2018, S. 111-142). So teil­te mir meine Probandin auch noch nach dem Beste­hen der kompletten Ausbil­dung mit, es sei für sie ei­gentlich vollkommen unmöglich gewesen, diesen Ab­schluss jemals zu erreichen“.

Dies zeigt, wie kulturelle Faktoren in die von mir vermutete transgenerationale Kriegstraumati­sierung hereingewirkt und eine pathologische Bindung mei­ner Pro­bandin an die Eltern, auch an die Mutter, mitverursacht ha­ben könnten. Frau A. lernte womöglich nicht hinrei­chend, zwischen ihrem eigenen Selbst und fremden Selbst- und Objektbildern (Wiegand-Grefe) zu un­terscheiden (mögliches Identitätsproblem). Ein wichti­ges Ziel zukünftiger Therapien von Frau A. könnte so­mit sein zu lernen, sich, auch kulturell, von der Fa­milie besser abzugrenzen, ei­gene Ressourcen zu aktivieren, eigene Fähigkeiten zu entwi­ckeln und diesen dann auch zu vertrauen.

Ein Schritt auf diesem Weg könnte sein, mögliche Spaltungsprozesse aufzulösen und sämtliche Selbstsaboteure des eigenen inneren psy­chischen Systems kennenzulernen und so zu integrie­ren, dass sie keinen Schaden mehr anrich­ten oder sogar zu Unterstützern werden (Watkins 2003, Peichl 2012, Peichl 2014, Peichl 2019, Shapiro 2019, Butollo 2016, Barwinski 2013).

4 Fallanalyse

4.1 Fallbeschreibung

Meine Probandin ist volljährig und stammt aus einem Kriegsland. Sie war im Heimat­land täglich direkt le­bensgefährlichen potentiellen Bedrohungen (fast täglichen Geräuschen von Alarmsire­nen und Bombendeto­nationen, Aufenthalten im schützenden Keller, Flucht) ausge­setzt. Die Fa­milie floh nach Deutschland und lebt seit vielen Jahren hier. Beide El­tern meiner Proban­din sind kriegstraumatisiert2 (PTBS, Depression). Als oft einzige Auslän­derin in ihren Schulklas­sen erlebt­e Frau A. als Schulkind zahlreiche Folgetraumatisierun­gen, z.B. durch Mob­bing und Gewalt. Ein­mal wur­de sie von 16 Mitschü­lerInnen zusammenge­schlagen. Zahlreiche Umzüge und Schulwechsel innerhalb derselben Stadt allein während der Grundschulzeit ließen Frau A. auch in Deutschland weder ein fes­tes, si­cheres Zu­hause noch einen fes­ten Freundes­kreis noch kon­stante Schulverhältnis­se erle­ben3 (vgl. Kaminer-Zamberk 2013, S. 83 ff.). Frau A. zog sich des­halb teilweise zu­rück, wurde traurig und tendenziell depressiv (ohne ärztliche Dia­gnose). Plötzli­che schlechte Schul­noten einer neuen, rassistischen Klassen­lehrerin be­wirkten kurz vor dem Schul­wechsel, dass Frau A. nur die Hauptschule statt des Gymnasiums besuchen durfte, ob­wohl sie bereits am Gymnasium angemeldet ge­wesen war. Die Kinder der Familie übernah­men mannig­faltige Verant­wortlichkeiten für ihre beruflich oft abwe­senden Eltern, vor al­lem auch in den Bereichen Haushalt, Hausputz und Sauberkeit (s. Kap. 5.5).

Frau A. leidet nach ihrer eigenen Aussage „vielleicht auch etwas durch den Krieg, aber vermut­lich vor allem durch die Interaktionen mit meinen kriegstraumatisierten Eltern“ insbesondere an Selbstbe­wusstseinsproblemen, an Prüfungs- und allgemein an Versagensangst und an einer dia­gnostizierten Ar­beitsstörung. Diesbezüglich wollte sie sich mir coachingbe­gleitend hypnothe­rapeutisch unterstützen lassen. Weiterhin berichte­te meine Probandin von zahlreichen (ärztlich ab­geklärten) größtenteils psycho­somatischen Sympto­men, wie z.B. Schulterstechen, Schulter- und Rückenschmerzen, PMS, Ekzemen, Kopfschmerzen, Schwindel, geschwollenen Augen, häufigen In­fekten sowie alters- und kulturunty­pischem leichtem stressbe­dingtem Haaraus­fall. Ei­nige dieser Sym­ptome verstärkten sich regelmäßig vor unseren Coa­ching-Arbeitstagen und vor allem vor den Prü­fungen bis hin zur Arbeitsunfähig­keit.

Meine Probandin gab an, seit ihrer Kindheit vermutlich an ADS4 zu leiden (Eigendiagnose). Beim Le­sen und Vortragen verwechselte Frau A. oft Worte und Inhalte. Dies führte dazu, dass Prä­sentationen trotz häufigen Übens und trotz des allgemein guten Gedächtnisses meiner Proban­din im­mer unsicher waren, solange das Sprechskript noch nicht fertiggestellt und auswendigge­lernt war. Durch Einnahme von Ritalin ver­besserten sich Konzentration und Durchhaltevermö­gen erheblich.

Frau A. berichtete darüber hinaus von Schuldgefühlen sowie von „zwangsähnlichem“ Verhal­ten in Be­zug auf Putzen: Unordnung in der Wohnung störe sie sehr, und Körperpflege sei ihr extrem wichtig (starkes Achten auf Körperreinheit, vor allem auf sorgfältiges Trocknen und Pflegen der Hände; die „Hände dürfen auf keinen Fall feucht bleiben“). Bücher und sonstige Lernmate­rialien wurden aus Ord­nungsliebe vor dem Beschreiben geschont (äußerliche Ordnung und Sauber­keitsdrang gingen vor Be­achtung wesentlicher Lerntechniken und somit vor Ler­neffizienz).

Ich lernte Frau A. als sehr motiviert, offen und lernbegeistert ken­nen. Frau A. war privat durch Familie und be­ruflich sehr einge­spannt. Ich beobachtete starke Ablenkbarkeit, Sprunghaf­tigkeit, häufiges Abgelenkt-Sein durch Alltagsaktionen, vor allem auch am Mobiltelefon, und insgesamt Unzuverlässigkeit, vor al­lem bei der Vereinbarung und beim Einhalten von Terminen.

Meine Probandin versuchte, als ich sie kennenlernte, zeitgleich mehrere berufliche Abschlüsse zu erreichen. Bei zwei Prüfungen drohte sie - bei beste­henden Deadli­nes und zum Teil letzten Wiederholungsversuchen - auf der Zielgeraden zu scheitern. Prü­fungen und kom­plexeren An­forderungssituationen, die langfristige, aktive Planung und gründliche Vor­bereitung erforder­ten, z.B. dem Erstellen von Präsenta­tionen und von schriftlichen Abschlussarbeiten, ging Frau A. derzeit ganz aus dem Weg (Vermei­dungsverhalten, s. Kap. 5.5). Frau A. gab an, dass sie vor so gut wie allem, was schwierig sei, weglau­fe.

Durch sofortige Krankschreibung, einen längeren Kuraufenthalt, Entzerrung von Prüfungstermi­nen und strukturierte Prüfungsvorbereitung konnte Frau A. im Rahmen von engma­schigem Coa­ching trotz wei­terhin bestehen­der gesundheitlicher Schwierigkeiten - und trotz ihres bis zu­letzt tiefverwurzelten Glau­benssatzes, dass es für sie „vollkommen unmöglich“ sei, „den Ge­samtabschluss jemals zu schaffen“.

4.2 Transgenerationales Kriegstrauma und Bindungsdynamik

Bei der nachfolgenden Beschreibung von Zusammenhängen zwischen einer möglichen transge­nerationalen Kriegstrauma­tisierung und einer von mir hypothetisch vermuteten Bindungsdyna­mik zwischen Frau A. und ihren El­tern berufe ich mich auf auf Aussagen meiner Pro­bandin und ihrer Eltern.

Frau A. beschreibt ihre Bindung zur Mutter als „sehr stark“, „positiv“ und „eher überfürsorglich“. Frau A. habe ihre Mutter „ab­göttisch geliebt“, sei ein „totales Mutterkind“ gewesen. Die Mutter von Frau A. hat­te ihren Vater früh verloren und war ebenfalls bereits „Mutterkind“ gewesen.

Kriegstrau­matisierte Eltern können jedoch, wenn sie überfor­dert sind, trotz Liebe und Fürsor­ge zugleich auch ambivalent und nar­zisstisch handeln und ihre Kinder, z.B. durch unbe­wusste Ab­lehnung und durch Übertragung von bei sich selbst abge­lehnten Selbstanteilen auf die Kinder, patholo­gisch an sich binden. Wer seine Eltern idealisiert, zeigt, dass er problematische Aspekte bei sei­nen Eltern möglicherweise übersieht (vgl. Kap. 3.2).

Die Mutter meiner Probandin war im Krieg und auf der Flucht nach Deutschland weitestgehend auf sich selbst gestellt. Sie schaff­te es nach Aussagen von Frau A. jedoch „trotzdem, den Kin­dern trotz Beruf und schweren Zeiten viel Liebe zu schenken“. Die Fürsorge, Liebe und Nähe der Mut­ter ersparten meiner Probandin vermutlich erheblich schlimmere Kriegstraumata.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Mutter von Frau A. sowie Frau A. selbst überfordern sich „noch heute eher unfreiwillig und zwang­smäßig zu ihrer emotionalen Entlastung mit ständi­gem Putzen und Aufräumen“ (vgl. Kap. 5.5). Mögli­cherweise wird hier im Äußeren zwanghaft Ord­nung geschaffen, weil Innerpsychi­sches kriegsbedingt verletzt ist. Hier könnte überprüft werden, ob dieses Stressverarbeitungs­muster von der Mutter, z.B. durch Modelllernen, speziell an diese beiden Kinder, die besonders eng an die Mutter gebunden sind, weitergegeben wurde.

Die Bindung zum Vater bezeichnete Frau A. als „damals in meiner Kindheit und Jugend sehr schlecht“. Im Heimatland habe es für meine Probandin so gut wie keine Bindung an den Vater gegeben, da der oft abwesend war. Als der Vater in Deutschland erschien, hielten ihn die Kinder für einen fremden Besucher. Frau A. berich­tete von ausgeprägter Leistungsbezogenheit des Va­ters. Der Vater habe die leseschwache Frau A. durch tägliches stun­denlanges Vorlesen anstatt Spielen vermutlich „pädagogisch abhärten“ wollen (vgl. die Ge­schichte des Herrn Kilian in Radebold 2010, S. 104 ff.; Radebold 2015, S. 70). Frau A. sei ihrem Vater in der Kindheit „aus dem Weg ge­gangen“ (vgl. Abb. 7 in Kap. 8.1). Sie habe den „Vater we­gen der schlechten Lau­ne, die er überall verbreitete, gehasst“. Später als Ju­gendliche habe meine Pro­bandin, „wie mein Vater häu­figer, auch bei Kleinigkeiten, emotionale Wutausbrüche gehabt, bei denen ich nicht mehr merkte, was um mich herum passierte“. Zeit­weise habe Frau A. „gar nicht mehr mit dem Vater ge­sprochen“, und die Kinder seien „froh ge­wesen, wenn der Vater nicht zu Hause war“.

Aber Kin­der lieben ihre Eltern auch, wenn diese schimpfen und abwerten – selbst noch, wenn die Kinder die Eltern zugleich hassen. Die Kinder vollbringen dann bei der Anpassung Höchst­leistungen, in­dem sie sich z.B. selbst verleugnen, sich für schuldig, schlecht und unfähig halten, sich dem übergriffig­en Elternteil nicht gewachsen und unzurei­chend fühlen und/oder den Täter idealisieren (vgl. das Bei­spiel von Frau Anna in Radebold 2010, S. 84f.). Abwer­tungen und nicht gezeigte Liebe durch einen Elternteil bleiben so gut wie nie ohne psychische Folgen für den Selbstwert der Kinder. Traumatisierte physisch und/oder emotional abwesende Väter ziehen sich nach Ansicht von Frau A. durch die Familie.

Aus den genannten Gründen vermute ich Bindungsstörungen zwischen meiner Probandin und ihren bei­den El­tern sowie ein Vorhandensein traumati­scher Mut­ter- und Vaterintrojekte bei Frau A. (s. Kap. 4.2; s. Abb. 6 und Abb. 7 in Kap. 8.1).

Aus psychodynamisch-systemischer Sicht ist meine Probandin möglicherweise unzureichend ge­gen ihre traumatisierten Eltern und gegen andere traumatisierte Familienmitglieder abge­grenzt. Durch liebevol­le, eher überfür­sorgliche, aber kulturell und kriegsbedingt einschränkende Erziehung, durch die Angepasstheit der Mutter und durch den unzureichenden Schutz der Kin­der vor dem emotional über­griffigen Vater durch die Mutter könnte es bei meiner Probandin zur Abspaltung eigener Gefühle und insbesonde­re auch von aggressiven Teilen des eigenen Selbst gekommen sein. Nach eigenen Angaben war Frau A. als Kind in der Bezie­hungsgestaltung zur Mutter oft „anklammern­d“. Eine aggres­sive Auseinander­setzung und Abgren­zung meiner Pro­bandin von der Mutter erfolgte nach An­gaben meiner Probandin ver­mutlich des­halb nie, weil die Mutter „al­les für die Kinder tat“, sich „im Beruf und zu Hause voll­ständig aufopferte“ und vor al­lem die ent­scheidende Person war, die Schutz, Versorgung, Ge­borgenheit und insgesamt das Überleben sicher­stellte (vgl. Radebold, S. 217). Statt Konfrontati­ons- und kon­struktiven Bewältigungsstrate­gien lernte meine Probandin ihrer eigenen Einschät­zung nach von der Mutter als Überlebensme­chanismen „möglicherweise das Flucht- und Ver­meidungsverhalten, Ängste und depressive Rück­zugstendenzen“, die sie heutzutage als Er­wachsene, vor allem beim Erlangen beruflicher Abschlüs­se, „sehr behindern“ (s. Kap. 5.5).

Gegen den verbal und emotional übergriffigen Vater grenzte sich Frau A. eher vermeidend ab (s. Abb. 7 in Kap. 8.1). Frau A. wollte als Kind freiwillig die Eltern, die ihre eigenen Kriegstrauma­tisierungen bis heute nicht aufgearbeitet haben, „schonen und als braves, angepasste Kind im Haushalt unter­stützen“ (vgl. Kap. 5). Wie für viele transgenerational Kriegstraumatisierte typisch, wurden von Frau A. möglicherweise in der frühen Kindheit traumabe­dingte Aggressio­nen gegen­über der Umwelt zum Preis von innerer (tendenziell ggf. depressiver) Erstar­rung unter­drückt (vgl. Radebold, S. 217). So war einer meiner systemischen Aufsteller überrascht, dass sich das Inne­re meiner Probandin so starr anfühlte „wie bei manchen 45-Jährigen“.

Aus psychoanalytischer Sicht könnte bei Frau A. einem unterdrückten Es und Ich (eigene Be­dürfnisse und Wün­sche) ein einschränkendes, ausgeprägtes Über-Ich (Regeln der traumatisier­ten Eltern, der traumati­sierten Familie und traumatisierter Gesell­schaften) gegenüberstehen.

4.3 Verdachtsdiagnose

Eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS, ICD-10 F43.1) als direkte Traumafolge­störung ist bei Frau A. im Augenblick nicht diagnostizierbar. Insbesondere bestehen momentan weder Flash­backs noch Albträu­me. Eine PTBS kann jedoch noch Jahrzehnte nach der Trauma­tisierung ausbre­chen (s. Kap. 3.1). Anpassungsstörungen gemäß ICD-10, F43.2, können ebenfalls nicht diagnosti­ziert werden, weil hierzu alle Fristen (6 Monate, 12 Monate) überschrit­ten sind. Zu einer Diagnose ei­ner an­dauernden Persönlichkeitsver­änderung nach Extrem­belastung gemäß der ICD-10, F62.2, bzw. ei­ner komplexen PTBS gemäß DSM-5 reichen die bestehenden Symptome ebenfalls nicht aus.

In Anlehnung an Radebold (2010, S. 159-163) schlage ich aus den folgenden Grün­den als Ver­dachtsdiagnose für meine Probandin (in eigener Formulierung) schwere stressbedingte chro­nifizierte An­passungsstörungen nach sequenziell-kumu­lativen Traumatisierungen (in der ICD-10 zu diagnos­tizieren unter F43.8: „sonstige Reaktio­nen auf schwere Belastung“) vor:

Indem meine Probandin in den Krieg hineingeboren wurde, war die „damals erlebte scheinbare Nor­malität in Wirklichkeit eine von vornherein pathologische Normalität “ (Radebold 2010, S. 160; s. mögliche Ursachen für direkte und für indirekt-transgenerationale Kriegstraumatisierung in Abb. 1 und Abb. 2 in Kap. 8.1).

Frau A. erlebte nach Aussagen ihrer Eltern kein einzelnes extre­mes Kriegsereignis wie z.B. Flä­chenbombardement, Folter, Vergewaltigung oder Ähnli­ches, mit. Bei Frau A. fehlen somit ein­malige, klare, direkte und in diesem Sinne „klassische“ Kriegs-Schocktraumati­sierungen (eben­da; vgl. Kap. 3.1). Jedoch wurde meine Probandin ver­mutlich sequenziell-kumulativ traumatisiert (vgl. Brisch 2012, S. 101): zunächst im Mutterbauch, dann als Baby und Kleinkind aufgrund der Interaktion mit den Eltern und sonstigen kriegstrau­matisierten Bezugspersonen (s. Kap. 3.1 und Kap. 5.2), zudem durch die ständige direkte reale Kriegsbedro­hung bis zur Flucht nach Deutschland und zuletzt auch als Kind und Jugendliche in Deutschland, insbesondere im Zu­sammenleben mit der traumatisierten Familie und in der Schule.

Van der Kolk bezeichnet kumulative frühe Traumatisierungen auch als „Entwicklungstrauma“ und spricht von „developmental trauma disorder“ (Entwicklungstrauma-Störung), wenn die Ent­wicklung des Kindes durch kumulierte Traumatisierungen massiv und krankheitswertig beein­trächtigt ist (van der Kolk 2005).

Die vermuteten schädigenden Einflüsse betrafen auch die ersten Lebensjahre und somit unter­schiedliche psychosoziale und psychosexuelle Stadien meiner Probandin. Sie erstreckten sich über lange Zeiträume, nämlich auf mehrere Jahre unter Kriegsbedingungen im Heimatland und auf die anschlie­ßende Kindheit und Jugend in Deutschland. Die Traumatisierungen tra­ten in wechselnder Intensität, welchselnder Kombination und wechselnd­en Auswirkungen auf.

Ob und in welcher Intensität welches frühere Erlebnis zu welchen Traumatisierungen führte, hing vom jeweiligen Ereignis und von der Vulnerabilität, der Resilienz und den Ressourcen mei­ner Pro­bandin ab und ist im nach­hinein nicht mehr für jeden Einzelfall ermittelbar.

5 Typische Merkmale transgenerationaler Kriegstrau­matisierung

In diesem Kapitel gehe ich exemplarisch auf einige typische Merkmale transgenerationaler Kriegstrau­matisierung ein, bei denen ich Übereinstimmungen zwischen der Kriegstrauma-Litera­tur und von mir vermuteten transgenerationalen Kriegstrauma-Sympto­men meiner Probandin gefunden habe. Alle von mir nachfolgend dargestellten Zusammenhänge sind lediglich Hypothe­sen oder Vermutungen.

5.1 Kinder als Container für Traumaerleben der Eltern, indi­rekt-stellvertretendes Erleben

Kriegstraumatisierte Eltern können, wie in Kap. 3.1 dargestellt, über Interaktionen, empathische Prozesse und Epigene­tik ihre Traumatisierung „vererben“, indem sie ihre unerträglichen Gefühle und überwältigen­den, nicht integrierbaren traumatisch-fragmentierten Erinnerungen und Erfah­rungen, die sie selbst ver­drängen, ablehnen und nicht wahrhaben wollen, in ihre Kinder wie in Con­tainer deponieren (Rauwald 2013-2, S. 63; Rauwald 2013-3, S. 69). Das Kind spürt die el­terliche Bedürftigkeit (im Falle meiner Probandin: die Bedürftigkeit der Mutter). Es tröstet und un­terstützt die Eltern (bei meiner Proban­din: die Mutter), um zur Sicherung der eigenen Existenz gute und sichere, beschützende Eltern­objekte wiederherzustellen. Wenn nun die Eltern gleich­zeitig trauma­bedingt für das Kind nicht oder nicht ausreichend emotional verfügbar sind und das Kind deshalb „auf sein eigenes exis­tenzielles Bedürfnis nach Trost und Schutz verzichten“ muss, kann sich die Traumati­sierung der Eltern in der kindlichen Psyche wiederholen (ebenda).

Die Eltern sind dadurch entlastet, leiden nicht, fühlen nicht. Die Kinder fühlen, (er)leben und (er)tragen stattdessen stellvertre­tend für ihre Eltern die traumatisierten Selbstanteile der Eltern, anstatt ihr eige­nes Selbst zu entwickeln und zu fühlen. Da die betroffenen Kinder nur selten ein bewuss­tes Wissen um die Traumatisierungen der Eltern haben (vgl. Kap. 3.1) und die Eltern auch Ge­fühle von Schuld, z.B. mit den Kindern et­was nicht richtig zu machen, verdrängen und auf die Kin­der übertragen können, erkennen traumatisierte Eltern ihre Fehler ohne Therapie nur selten. Die Kinder wiederum glauben oft, an den in sie introjizierten schlechten Gefühlen und Gedan­ken, an der mangelnden Liebe und Zuwendung der Eltern und an familiären Missständen selbst schuld zu sein. Auf dieser Grundlage können Kinder, wie mögli­cherweise auch meine Proban­din, vor allem in traumatischen Stresssituationen, eine Selbstwert- und Versagensproble­matik entwickeln („ich helfe meinen Eltern bis zur Selbstaufga­be, bin es aber selbst nicht wert, geliebt zu werden und mich selbst zu lieben, mich weiterzuentwi­ckeln und erfolgreich zu sein“).

Bei solchen unbewussten Übertragungsprozessen auf die Kinder können Grenzen verschwim­men, ignoriert und/oder bewusst durchbrochen werden (emotionale Übergriffigkeit, emotionaler Miss­brauch). Die Kinder können sich nicht selbst schützen (s. Kap. 3.1). So berichtete meine Probandin von zwischen­zeitlich depressiven Ten­denzen als Jugendliche (mit Traurigkeit, An­triebslosigkeit, Müdigkeit, Rückzug, Al­leinsein-Wollen, Unwohl­sein und Angst), die aber „leichter gewesen“ seien „als die Depression der Eltern“. Lebt meine Probandin auch transgenerational über­tragene Traumafolgen von PTBS, Depression, Ängsten und Selbstvorwürfe der Eltern?

Gerade Kinder, die in der oben dargestellten Weise stellvertretend für ihre Eltern erleben, wer­den oft von den El­tern unbewusst be­sonders stark abgelehnt, zumal wenn sie bei den Eltern Ge­fühle eigener traumatischer angstvol­ler Hilflosigkeit und Ohnmacht und/oder Schuldgefühle (z.B. als Eltern zu versagen und diesbezüglich ggf. später von den dann erwach­sen Kindern auch noch entlarvt und beschuldigt zu werden) triggern. Die Ablehnung und Ausgrenzung sol­cher Kin­der kann bis hin zu Mord gehen. Vielleicht könnte dies mit erklären, weshalb der Vater meiner Probandin gegen Frau A. früher abweisend und emotional übergriffig war (s. Kap. 4.1).

In meiner hochsensiblen Probandin leben möglicherweise innerpsychisch in der Kindheit erwor­bene, kriegstraumabedingte Verlust- und Versagensängste der gesamten Familie und der von Krieg betroffe­nen Gesellschaft, extreme Leistungsanforderun­gen, Drill und Erniedrigung durch den Vater, der die Kinder nach An­sicht von Frau A. „vermutlich angesichts des Krieges überle­bensfähiger ma­chen“ wollte, als Intro­jekte und somit als innerpsychische Fremdkörper ebenso weiter wie mögliche narzisstische Tendenzen beider El­tern, Schuldgefühle, kompensato­rische Sauber­keitsanforderungen der Mutter sowie depres­sive Ten­denzen sonstiger Familienmitglie­der. Ei­gene und frem­de, traumatisierte und nichttrau­matisierte See­lenanteile sprechen mögli­cherweise in meiner Pro­bandin mit verschiedensten Stimmen, rich­ten in bislang noch ungeregel­tem Zusammenspiel große Verwirrung an und tragen dadurch zur in­neren Zerrissenheit und Un­sicherheit von Frau A. bei („was ist nur los mit mir?“).

Viele Betroffene, vor allem auch Kinder, suchen in ihrem Leben wiederholt traumanahe, angst­besetzte Situatio­nen (z.B., wie meine Probandin, auch Versagenssituationen) auf, weil sie nicht hinreichend aus der Erfah­rung lernen (Huber 2017-2, S. 2). Dieses Wiedererleben stellt Versu­che des Organismus und zu­gleich Chancen für den Traumatisierten dar, die eigenen Traumata zu heilen. Falls meine Probandin transgenerational kriegstraumatisiert ist, aber frei sein, auto­nom han­deln, in Zukunft ohne extreme Versagensängste Prüfungen be­stehen und beruflich er­folgreich sein möchte, sollte sie diesen Mechanismus zunächst einmal erkennen, um dann mög­liche trans­generational „ererbte“ Traumatisierungen, z.B. mit Hilfe von systemisch-transgenera­tionaler Traumathe­rapie, in sich selbst aufzulösen, „Auswege aus der Starre ihrer Abwehrmoda­lität zu finden“ (Erhardt 2013, S. 119) und mögliche destruktive Kreis­läufe zu durchbrechen.

[...]


1 „Interaktion“ als Verknüpfung von psychischen Systemen und Interaktionssystemen

2 Frau A. ist der Ansicht, dass ihre „gesamte Familie schwer kriegstraumatisiert“ ist.

3 Diese „Heimatlosigkeit“ hat Frau A. möglicherweise unreflektiert an ihre eigenen Kinder weitergege­ben, indem sie ihre Kinder im Kleinkindalter ohne Not nacheinander an mehreren fremdsprachigen Ki­tas mit insgesamt drei nichtdeut­schen Spra­chen anmeldete (viersprachige Erziehung).

4 „Es gibt keine Kinder mit einem ADHS-Syndrom, deren Eltern nicht selbst traumatisiert sind“ (Broughton 2016, S. 117).

Ende der Leseprobe aus 56 Seiten

Details

Titel
Sensibilisierung für typische Aspekte von transgenerationaler Kriegstraumatisierung im Rahmen von Traumatherapie bei Flüchtlingen
Veranstaltung
Integrale Traumatherapie
Note
250 von 250 Punkten
Autor
Jahr
2020
Seiten
56
Katalognummer
V905594
ISBN (eBook)
9783346214744
ISBN (Buch)
9783346214751
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Dr. phil. Ilona Hündgen ist Heilpraktikerin für Psychotherapie, Hypnotherapeutin und Traumatherapeutin.
Schlagworte
trauma, traumatherapie, kriegstrauma, transgenerational, kriegstraumatisierung, ererbtes trauma, ilona hündgen, hündgen, hypnosis center, münchen, coaching, studie, wissenschaftliche studie, wissenschaft, hypnose, hypnotherapie, hypnosetherapie, therapie, flucht, flüchtlinge, migration, psychotrauma, transgenerationales kriegstrauma, geerbtes trauma, vererbtes trauma, trauma geerbt, trauma vererbt, psychotherapie, systemisch, systemische therapie, hypnosis center münchen, heilpraktiker, heilpraxis, sabine bode, marianne rauwald, luise reddemann, bode, rauwald, reddemann, transgeneratinale kriegstraumatisierung, kriegskinder, kriegsenkel, transgenerationales trauma, vererbtes kriegstrauma, ererbtes kriegstrauma, geerbtes kriegstrauma, generationsübergreifend, transgenerationale therapie, therapie transgenerational, therapieverfahren, trauma ererbt, integrale traumatherapie
Arbeit zitieren
Dr. Ilona Hündgen (Autor), 2020, Sensibilisierung für typische Aspekte von transgenerationaler Kriegstraumatisierung im Rahmen von Traumatherapie bei Flüchtlingen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/905594

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Titel: Sensibilisierung für typische Aspekte von transgenerationaler Kriegstraumatisierung im Rahmen von Traumatherapie bei Flüchtlingen



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