Die Geschichtswissenschaft ringt seit ihrem Bestehen um Begriffe, die es ihr ermöglichen, die Vergangenheit (be)greifbarer zu machen. Die Forschung entwickelt(e) in einer peniblen Akribie Begriffe oder nutzt(e) bereits vorhandene, um einen Sachverhalt, um eine neue Erkenntnis oder auch um bereits Erforschtes zu kategorisieren. Dabei instrumentalisiert sie allzu oft moderne Begriffe und projiziert sie auf das jeweils zu erforschende Thema. Dies führt bisweilen zu problematischen Aussagen oder einem verklärten Geschichtsverständnis.
Das geschieht auch im Bezug auf die Frühe Neuzeit, die selbst ein Teil eines Periodisierungsversuches der Vergangenheit darstellt. So erstreckt sie sich etwa über einen Zeitraum von 1500 bis 1800 und wird von der Moderne abgelöst; doch wie werden die Menschen in 500 Jahren unsere jetzige Zeit kategorisieren, die wir als Moderne bezeichnen: Post-Moderne? Aber folgt auf die Post-Moderne, die Post-Post-Moderne? Oder kann ein Mensch behaupten, er würde in der Post-Moderne leben?
Gleichwohl tragen diese Probleme dazu bei, dass auch der Geschichtsunterricht, beginnend mit der ersten Stunde, oftmals ein verzerrtes Bild eines Sachverhaltes in die Köpfe der Schüler überträgt. Leider fanden und finden die neueren Forschungen, die sich kritisch mit teleologischen Begriffsbildungen auseinandersetzen, bisher in keiner Weise Einzug in den Rahmenlehrplan des Landes Brandenburg. Das ist eine Herausforderung, welche durch die Lehrerschaft gemeistert werden könnte - vielleicht angeregt durch diesen Artikel. Denn den Schülerinnen und Schülern kann somit die Möglichkeit geboten werden, einen neuen oder auch weiteren Ansatz kennenzulernen im kritischen Umgang mit den modernen Begrifflichkeiten zur Beschreibung der Vergangenheit.
Inhaltsverzeichnis
1 Didaktisch-methodische Überlegungen
1.1 Die Bedeutung des Themas – die Erkenntnisstruktur
1.2 Lernziele
1.3 Das Potenzial zur Entwicklung historischen Denkens
2 Sachinformationen
2.1 „Absolutismus“
2.2 „Aufgeklärter Absolutismus“
2.3 „Aufklärung“
2.4 Periodisierungen
2.5 Namenszusätze
2.6 Länderbezeichnungen
2.7 Weitere Unschärfen
3 Material
4 Aufgaben
Zielsetzung & Themen
Das Hauptziel dieser Arbeit ist es, Lehrende im Geschichtsunterricht dafür zu sensibilisieren, moderne, zweckbestimmte Begrifflichkeiten kritisch zu hinterfragen, anstatt sie unreflektiert auf die Vergangenheit zu projizieren. Die Forschungsfrage fokussiert darauf, wie eine Sensibilisierung für den historischen Kontext und eine kritische Auseinandersetzung mit Epochenbezeichnungen den Schülern ein differenzierteres Geschichtsverständnis vermitteln kann.
- Kritische Analyse von Epochenbegriffen wie "Absolutismus" und "Aufklärung"
- Problematisierung von Projektionen moderner Konzepte auf die Frühe Neuzeit
- Entwicklung von Methoden zur Förderung historischen Denkens im Unterricht
- Untersuchung von Herrschaft als soziale Praxis statt als starre Herrschaftsform
- Reflexion über die Konstruiertheit von Geschichte und Periodisierungen
Auszug aus dem Buch
2.1 „Absolutismus“
Der Diskussion zum Absolutismusbegriff soll ein Zitat von Ernst Hinrichs zuvorgestellt werden, welches die Situation im Kern trifft:
„Was aber machen wir in Hand- oder Schulbüchern mit Ludwig XIV., wenn es kein Absolutismus gegeben hat? Tun wir das, was vor allem angelsächsische Historiker in ihrem wunderbaren Pragmatismus schon seit langem tun: Schauen wir genau hin, suchen wir nach Quellen, lesen wir aber auch die alten neu und lassen wir diesen König und alle anderen die neue Freiheit genießen, die das Ende dieses -ismus mit sich bringt! In diesem Sinne denn - ruhe sanft, Absolutismus!“
Es muss aber angemerkt werden, dass der Absolutismus als Bezeichnung einer ganzen Epoche weder in Frankreich und noch weniger in England eine so zentrale Bedeutung gewann wie es in Deutschland geschah. Der Begriff „Absolutismus“, wie er von Historikern verwendet wird, ist recht unscharf. Er suggeriert den Schülerinnen und Schülern, dass es einen Monarchen gab, der ungeachtet aller Gesetzlichkeiten willkürlich seines Amtes waltete und dass alle Untertanen nach seinem Willen handelten. In zahlreichen Handbuch- und Überblicksdarstellungen ist der Absolutismus ein gängiger Epochenbegriff, der Geschichte vom Westfälischen Frieden bis zur Französischen Revolution beschreibt.
Der Absolutismus ist, wie übrigens viele andere -ismen auch, kein quellennaher Begriff, der etwa in der Zeit entstand, die er versucht zu beschreiben, sondern er wurde erst im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts ins Leben gerufen, um die bisherigen Formen der „absoluten Monarchie“ negativ darzustellen. Zeitgenossen wie Jean Bodin kannten ihn nicht, prägten aber die Begriffe „potestas legibus solutas“ (die nicht durch Gesetze eingeschränkte Macht) oder „princeps legibus solutus“ (der von den Gesetzen entbundene Fürst). Die Bezeichnung Absolutismus wurde dann, in erster Linie durch preußische Historiker, positiv gedeutet. Sie erkannten in ihm eine Vorstufe zur modernen Staatlichkeit unter der Führung des Hauses Hohenzollern. Eine Bestätigung dieser Ansichten fanden diese Historiker, als im Jahr 1871 das Deutsche Reich unter der Führung der Hohenzollern gegründet wurde.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Didaktisch-methodische Überlegungen: Dieses Kapitel erläutert die Notwendigkeit, Schüler für die Problematik moderner Begriffsbildungen in der Geschichtswissenschaft zu sensibilisieren, und definiert die angestrebten Lernziele. Es betont, dass ein kritischer Umgang mit historischen Bezeichnungen die Kompetenz zur multiperspektivischen Analyse fördern kann.
2 Sachinformationen: Hier werden zentrale Begriffe wie "Absolutismus", "Aufklärung" und verschiedene Periodisierungskonzepte fachwissenschaftlich reflektiert. Das Kapitel zeigt die Unschärfe und die Konstruiertheit dieser Begrifflichkeiten auf und verweist auf alternative Forschungsansätze, wie Herrschaft als soziale Praxis.
3 Material: Dieser Teil umfasst eine Quellensammlung, darunter Interviews und historische Schriftstücke, die die Herrschaftspraxis Ludwigs XIV. und die zeitgenössische Kritik sowie die Grenzen des absolutistischen Anspruchs dokumentieren. Die Quellen dienen als Grundlage für die im didaktischen Teil vorgeschlagenen Unterrichtssequenzen.
4 Aufgaben: Das Kapitel bietet konkrete methodische Anregungen und Arbeitsvorschläge für den Geschichtsunterricht, um die Quellen zu analysieren und die theoretischen Erkenntnisse zur Problematik des Absolutismus-Begriffs anzuwenden.
Schlüsselwörter
Absolutismus, Frühe Neuzeit, Geschichtsunterricht, Begriffsbildung, Herrschaft, Ludwig XIV., Aufklärung, Quellenanalyse, Geschichtsdidaktik, Periodisierung, Sozialdisziplinierung, Staatsbildung, Epochenbegriff, Forschungskritik, Herrschaftspraxis
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Problematik, moderne Begrifflichkeiten wie „Absolutismus“ unreflektiert auf die Vergangenheit zu projizieren, und plädiert für einen sensibleren Umgang mit historischen Epochenbezeichnungen im Unterricht.
Welches sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen die kritische Historiographie der Frühen Neuzeit, didaktische Ansätze zur Vermittlung historischen Denkens und die Dekonstruktion überkommener Herrschaftsbegriffe.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, Lehrkräfte dazu anzuregen, das Bewusstsein ihrer Schüler für die Konstruiertheit historischer Epochenbegriffe zu schärfen und eine kritische Auseinandersetzung mit der Begriffsverwendung zu fördern.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine fachwissenschaftliche Analyse der aktuellen Forschungsdebatten zu Herrschaftsstrukturen der Frühen Neuzeit und deren didaktische Aufbereitung für den Schulalltag.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Reflexion über problematische Fachbegriffe und einen umfangreichen Materialteil mit historischen Quellen, die das Spannungsfeld zwischen absolutistischem Machtanspruch und realer Herrschaftspraxis illustrieren.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Absolutismus, Herrschaftspraxis, Frühe Neuzeit, Geschichtsdidaktik und kritische Quellenanalyse.
Welche Bedeutung kommt der „sozialen Praxis“ in der Arbeit zu?
Das Konzept der Herrschaft als „soziale Praxis“ dient als Gegenmodell zum starren Absolutismus-Paradigma und verdeutlicht, dass Herrschaft stets auf Aushandlungsprozessen und Zugeständnissen zwischen Herrschenden und Beherrschten basierte.
Warum wird die Bezeichnung „Absolutismus“ in den Quellen kritisch betrachtet?
Die Arbeit zeigt auf, dass „Absolutismus“ kein zeitgenössischer Quellenbegriff ist, sondern eine spätere historische Konstruktion, die die komplexe Realität der Ständegesellschaft und die tatsächliche Machtbeschränkung der Monarchen verschleiert.
- Quote paper
- Mario Kaun (Author), 2007, Der Mythos des Absolutismus oder das Problem moderner zweckbestimmter Begriffsbildungen und deren Projektion auf die Vergangenheit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/90605