Die vorliegende Arbeit stellt Thesen sowie Beobachtungen vor, wie sich Kostüm und Raum als Zeichenkategorien inszenierter Vorgänge zueinander verhalten. Im ersten Teil wird das Kostüm als räumliches Hilfsmittel des Darstellers betrachtet und damit einhergehende Aspekte erläutert, die die Körperlichkeit des Materials, die Raumbildung um den Körper des Tragenden und die Qualitäten eines sogenannten „Kostümraums“ betreffen. Anschließend richtet sich der Fokus auf die Wechselbeziehung beider Kategorien, die sich konkret in Designelementen und Kompositionprinzipien ausdrückt. Ein zweiter Teil ist der Analyse des filmischen Beispiels Titanic (1997) von James Cameron gewidmet. Das Kostümdesign ist dabei mit der Herausforderung konfrontiert, jenseits historischer Korrektheit eine fiktive Geschichte, die Heldenreise der Protagonistin zu erzählen und illustrieren. Diese in eine räumliche begrenzte Lokalität – das Schiff – zu übertragen sorgt für einen hinreichend interessanten Kontext und eine faszinierende Interdependenz der zwei Inszenierungskategorien, die anhand der beiden Hauptfiguren aufgezeigt werden.
Der Raum oder das Kostüm kann aus sehr verschiedenen Blickwinkeln betrachtet und bewertet werden. In einer Inszenierung – und damit sind sämtliche theatrale Momente, die ein Kostüm produzieren, eingeschlossen – interagieren jedoch zwangsläufig mindestens zwei, meist mehrere Zeichenkategorien miteinander. Daher ist es von größter Wichtigkeit, diese Kategorien in Beziehung zueinander zu setzen und nicht ausschließlich getrennt voneinander zu analysieren. Durch ihre ihnen zugrunde liegende Funktion, Bedeutung zu generieren einerseits, und die Tatsache, dass innerhalb einer Inszenierung mehrere Kategorien zusammenwirken, rekurrieren Zeichen nicht nur auf sich selbst, sondern strahlen gewissermaßen in andere Zeichenkonglomerate hinein und erzeugen eine Bedeutungsebene, die weder von der einen, noch der anderen Zeichenkategorie allein hervorgebracht werden kann.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Kostüm als raumkonstituierendes Hilfsmittel des Darstellers
2.1. Definition Kostüm
2.2. Textile Komposition
2.2.1. Materialfunktion
2.2.2. Schnittkonstruktion
2.2.3. Formgebung
2.3. Qualität des physischen Kostümraums
2.3.1. Kontrahierend – expandierend
2.3.2. Statisch – dynamisch
2.4. Kostümraum und Kinesphäre
3. Raum und Kostüm als interagierende Inszenierungskategorien
3.1. Funktionen von Kostüm und Raum im theatralischen Code
3.2. Visuelle Designelemente
3.2.1. Prinzipien der Komposition
3.2.2. Licht und Farbe
3.3. Beziehungsprinzipien zwischen Kostüm und Raum
4. Untersuchungsgegenstand Titanic
4.1. Das Schiff: Zeitkapsel edwardianischer Opulenz
4.1.1. Menschengemachte Hybris
4.1.2. Multiperspektivische Räumlichkeit
4.1.3. Titanic als Heterotopie
5. Figurenpersonal
6. Jack Dawson
6.1. Assimilation als Lebens- und Kleidungsstrategie
6.2. Symbolische Markierung der Räume: Freiheit
6.3. Enthüllung als Rettungstaktik
6.4. Werdegang eines Fracks
6.4.1. Mimikry der Oberschicht
6.4.2. Dekonstruktion des Kostümraums
6.5. Raumnutzung durch Verkleidung
7. Rose Dewitt Bukater
7.1. Das butterfly-Motiv
7.2. Markierung der Räume: Gefangenschaft und Niedergang
7.3. Reiseensemble: Verbildlichung emotionaler Befindlichkeit
7.4. Gegensätzliche Abendkleider
7.4.1. Überlebenskampf zwischen zwei Farbräumen
7.4.2. Entdeckung textilen Freiraums
7.5. Die blaue Phase der Selbstfindung
7.5.1. Metamorphose
7.5.2. Entfaltung des neuen Selbst
8. Resumée
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Zusammenspiel von Kostüm und Raum als zentrale Inszenierungskategorien am Beispiel von James Camerons Film Titanic. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie diese Elemente gemeinsam Bedeutung generieren und die Heldenreise der Protagonisten unterstützen.
- Kostüm als raumkonstituierendes Hilfsmittel
- Wechselwirkung zwischen Designelementen und Räumlichkeit
- Soziale Markierung durch Kleidung und Raum auf der Titanic
- Entwicklungsprozesse der Hauptfiguren Rose und Jack
- Theoretische Fundierung durch semiotische Theaterwissenschaft
Auszug aus dem Buch
6.4.2. Dekonstruktion des Kostümraums
Zunächst auffällig ist, dass der Zuschauer den Raum nicht als solchen vorgestellt bekommt. Statt eines ausgiebig schweifenden Blicks über das Interieur wie zuvor im Treppenhaus, fängt die Kamera die Hände der Musiker ein, das Gesicht des Dudelsackspielers und öffnet sich erst dann in den Raum, der Fokus liegt jedoch auf zwei ausgelassen tanzenden Männern.76 Diese Tatsache gibt die Prämisse für die nachfolgende Szene vor: sämtliches Geschehen entspringt dem Impuls der Bewegung. Der Aufenthaltsraum der dritten Klasse auf der Heckseite des C-Decks wird durch die vielen verschiedenen Bewegungsmuster charakterisiert, die dort Umsetzung finden. Der erhebliche Unterschied, der sich dadurch zur ersten Klasse ergibt, dient nicht nur einer klaren Unterscheidung, sondern demonstriert über die qualitative wie quantitative Nutzung der Räumlichkeiten die gegensätzliche Wesensart von Passagieren der ersten und der dritten Klasse. Der Aufenthaltsraum mutet relativ karg an; er ist durchwachsen von notwendigen Säulen, die die Decke tragen, Holzbänke ohne Polster sind vorhanden, sowie ein paar Tische und Stühle. In dieser Anordnung wird alles über die Motorik bestimmt: unterschiedliche Tanzstile, klatschende Hände, ein stetes Mitwippen, es wird gedreht, gehüpft und mancher fällt
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der Inszenierungskategorien und die Bedeutung von Kostüm und Raum im theatralen Code.
2. Kostüm als raumkonstituierendes Hilfsmittel des Darstellers: Untersuchung der materiellen und funktionalen Aspekte des Kostüms und dessen Einfluss auf den Körper.
3. Raum und Kostüm als interagierende Inszenierungskategorien: Analyse der Wechselbeziehungen zwischen Designelementen wie Farbe, Linie und Raumgestaltung.
4. Untersuchungsgegenstand Titanic: Einordnung des Films Titanic als historischen und soziokulturellen Mikrokosmos.
5. Figurenpersonal: Begründung der Fokussetzung auf die beiden Protagonisten Rose und Jack im Kontext ihrer Entwicklung.
6. Jack Dawson: Untersuchung von Jacks Rolle als Werkzeugfigur und seiner flexiblen, strategischen Kleidungswahl.
7. Rose Dewitt Bukater: Analyse von Roses Emanzipationsprozess, dargestellt durch ihr Kostüm und die Nutzung verschiedener Räume.
8. Resumée: Zusammenführende Betrachtung der Analyseergebnisse im Hinblick auf eine ganzheitliche Inszenierungsanalyse.
Schlüsselwörter
Kostümdesign, Raumwirkung, Theatralischer Code, Titanic, James Cameron, Inszenierung, Semiotik, Figurenidentität, Kinesphäre, Materialität, Transformation, Kleidungsstrategie, Raumkonstitution, Designelemente, Dramaturgie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Wechselwirkung von Kostüm und Raum als zwei zentrale Kategorien der theatralen Inszenierung am Beispiel des Spielfilms Titanic.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen die Konzepte des Kostümraums, die Bedeutung textiler Kompositionen sowie die Art und Weise, wie soziale Strukturen durch die Interaktion von Figur, Kleidung und Raum in einer Inszenierung visualisiert werden.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu zeigen, wie durch Kostüm und Raum übergeordnete dramaturgische Motive wie Freiheit, Gefangenschaft und gesellschaftliche Stellung verhandelt werden.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt semiotische Ansätze der Theaterwissenschaft, um die Zeichenhaftigkeit von Kostümen und Räumen zu dekonstruieren und in ihren Funktionen zu analysieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in einen theoretischen Teil zur Definition von Kostüm und Raum sowie einen Analyseteil, der die Entwicklung der Protagonisten Jack Dawson und Rose Dewitt Bukater anhand ihrer Kleidung auf der Titanic detailliert untersucht.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Kostümraum, Kinesphäre, Heterotopie, Farbraum, textile Komposition und Werkzeugfigur.
Welche Rolle spielt der Frack für die Figur Jack Dawson?
Der Frack dient Jack als temporäre Tarnung und Eintrittskarte in die Oberschicht, wird aber durch seine spezifische Nutzung und anschließende Dekonstruktion als Mittel zur Wahrung seiner persönlichen Freiheit umgedeutet.
Inwiefern visualisiert das Kleid von Rose ihren Emanzipationsprozess?
Roses Kleidung entwickelt sich vom "schützenden Panzer" der ersten Klasse bis hin zum leichten, bewegungsfreudigen Seidenchiffonkleid, welches ihre gewonnene individuelle Freiheit und ihr neues Selbst widerspiegelt.
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- Lisa Haselbauer (Author), 2020, Kostüm und Raum als interagierende Inszenierungskategorien in James Camerons "Titanic", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/906374