Sektor- und unternehmensspezifische Determinanten der Kapitalstruktur europäischer Unternehmen im Niedrigzinsumfeld


Seminararbeit, 2020

30 Seiten, Note: 1

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kapitalstrukturtheorien
2.1 Modigliani-Miller Irrelevanztheorem
2.2 Trade-off Theorie
2.3 Pecking-Order Theorie
2.4 Ableitung von Hypothesen für die empirische Analyse
2.5 Operationalisierung der Variablen

3. Empirische Analyse der Kapitalstrukturdeterminanten
3.1 Stichprobenbeschreibung und Datenquelle
3.2 Datenaufbereitung und deskriptive Statistiken
3.3 Auswahl des Regressionsmodells
3.4 Regressionsdiagnostik
3.4.1 Heteroskedastizität
3.4.2 Autokorrelation
3.4.3 Querschnittskorrelation
3.4.4 Multikollinearität
3.5 Ergebnisse der empirischen Analyse
3.6 Kritische Würdigung

4. Zusammenfassung

Anhang

Literaturverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Zahlungsströme und Unternehmenswert von zwei Firmen mit unterschiedlicher Kapitalstruktur

Tabelle 2: Übersicht über die abgeleiteten Hypothesen

Tabelle 3: Deskriptive Statistiken der Variablen

Tabelle 4: Deskriptive Statistiken der transformierten Variablen

Tabelle 5: Variance Inflations Factors der erklärenden Variablen

Tabelle 6: Fixed Effects Regressionsergebnisse für die Nach-Krisen-Periode

Tabelle 7: Überprüfung der abgeleiteten Hypothesen

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Entwicklung des Verschuldungsgrades im Median

Abbildung 2: Median vom Verschuldungsgrad pro ausgewähltem Land

1. Einleitung

Zur Produktion von Waren und Dienstleistungen müssen Unternehmen Investitionen tätigen.1 Diese können durch einen Mix aus Eigenkapital, Fremdkapital oder mezzanine Formen finanziert werden. Hieraus entsteht eine firmenindividuelle Kapitalstruktur. Entsprechend stellt sich die finanzwirtschaftliche Frage: Gibt es eine optimale, das heißt den Unternehmenswert steigernde, Kapitalstruktur und von welchen firmenspezifischen Determinanten ist diese abhängig?

In Bezug auf diese Fragen haben sich verschiedene Kapitalstrukturtheorien etabliert. Eine erste Antwort gab das Irrelevanztheorem von Modigliani und Miller, demzufolge die Kapitalstruktur unter den Annahmen eines vollkommenen Kapitalmarktes irrelevant für den Unternehmenswert ist.2 Löst man sich von den restriktiven Annahmen des vollkommenen Kapitalmarkts, ergeben sich andere Schlussfolgerungen: Werden Steuern und wahrscheinlichkeitsgewichtete Kosten für eine Insolvenz einbezogen, ergibt sich in der Trade-off Theorie eine optimale Kapitalstruktur in Abhängigkeit von sektor- und firmenspezifischen Determinanten. Unter Berücksichtigung von asymmetrischen Informationen, kommt die Pecking-Order Theorie zu dem Ergebnis, dass die Kapitalstruktur ein Nebenprodukt von einzelnen Finanzierungsentscheidungen ist und von unternehmensspezifischen Faktoren abhängt.

Aus jeder dieser Theorien lassen sich empirisch überprüfbare Hypothesen ableiten. Entsprechend hat diese Arbeit das Ziel, empirisch zu untersuchen, wie Unternehmen sich tatsächlich verhalten und ob die aufgezählten Kapitalstrukturtheorien anhand des beobachteten Finanzierungsmix verifiziert werden können.

Es gibt bereits eine Vielzahl an Studien die sich der Prüfung der Hypothesen widmen, jedoch wurden die meisten Untersuchungen vor oder nicht lange nach der 2007 beginnenden Finanz- und Wirtschaftskrise durchgeführt.3 Das aus der Krise resultierende und bis heute anhaltende Niedrigzinsumfeld sowie die individuelle Krisenerfahrung könnten die Finanzierungsentscheidung von Unternehmensführern beeinflussen und die Bedeutung von firmenspezifischen Einflussfaktoren ändern. Zudem konnte sich bisher kein abschließendes, universelles Erklärungsmodell zur Erklärung unterschiedlicher Kapitalstrukturen etablieren.4 Diese Arbeit leistet einen Beitrag zur Forschung, da ein neuer breiter Datensatz für die größten börsennotierten Unternehmen Europas nach Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise analysiert und der Forschungsstand somit aktualisiert wird.

Die Arbeit beginnt mit einer Kurzdarstellung der genannten Kapitalstrukturtheorien sowie der Ableitung von Hypothesen. Weitere Theorien, wie zum Beispiel die Market-Timing Theorie, sind von dieser Untersuchung ausgeschlossen.5 Anschließend werden die Datenbasis sowie die betrachteten Variablen erläutert. Darauf aufbauend folgt die Aufbereitung und deskriptive Beschreibung der Daten. Im Anschluss wird die empirische Methodik vorgestellt, es werden die Voraussetzungen für die Anwendung des Modells geprüft und die Ergebnisse diskutiert. Die Arbeit schließt mit einer Zusammenfassung und dem Ausblick auf Fragestellungen, die sich aus der Arbeit ergeben oder über diese hinausgehen.

2. Kapitalstrukturtheorien

Im Folgenden werden die wichtigsten Kapitalstrukturtheorien erläutert und die sich aus ihnen ergebende Hypothesen in Bezug auf die firmenspezifischen Determinanten der Kapitalstruktur abgeleitet.

2.1 Modigliani-Miller Irrelevanztheorem

Modigliani und Miller stellen unter der Annahme des vollkommenen Kapitalmarktes verschiedene Theoreme über die Interdependenzen von Unternehmenswert, Kapitalstruktur und Kapitalkosten auf.6 Zu den Annahmen zählen beispielsweise die Abwesenheit von Arbitragemöglichkeiten, die Nicht-Existenz von Steuern, Insolvenz- und Transaktionskosten sowie Informationsasymmetrien.7 Relevant für diese Arbeit ist insbesondere das erste Theorem von Modigliani und Miller, demzufolge der Unternehmenswert unabhängig von der Kapitalstruktur ist, da der Finanzierungsmix keinen Einfluss auf die Höhe des aggregierten Zahlungsstroms an Eigen- und Fremdkapitalgeber hat.8 Das Theorem wird durch eine Arbitrageüberlegung bewiesen.9 Um dies zu illustrieren wird angenommen, dass Unternehmen A und B für eine Periode existieren, das gleiche Risiko aufweisen, am Ende der Periode die gleichen Zahlungsströme vor Steuern erwirtschaften (CF) und letztlich liquidiert werden.10 Die Unternehmen unterscheiden sich lediglich durch ihren Finanzierungsmix: Unternehmen A ist eigenkapitalfinanziert, während Unternehmen B mischfinanziert ist. Tabelle 1 zeigt die korrespondierenden Zahlungsströme und ihre Aufteilung an Fremd- und Eigenkapitalgeber und den Barwert (BW) des Unternehmens. Im Falle von Unternehmen A ergibt sich der heutige Unternehmenswert (BW­A) als der diskontierte zukünftige Zahlungsstrom (CF), der den Eigenkapitalgebern zur Verfügung steht. Hingegen muss Unternehmen B am Ende der Periode das Fremdkapital (FK) inklusive Zinsen (rFK x FK) an die Fremdkapitalgeber zurückzahlen womit den Eigenkapitalgebern lediglich das Residuum (CF - (1+rFK) FK) verbleibt. Der Unternehmenswert ergibt sich als Summe des Barwertes des Fremdkapitals (BWFK) und Barwert des Eigenkapitals (BWE) zu BWB.

Tabelle 1: Zahlungsströme und Unternehmenswert von zwei Firmen mit unterschiedlicher Kapitalstruktur

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: In Anlehnung an Hillier, D. et al., Financial Markets, 2012, S. 472

Modigliani und Miller zufolge gilt, dass BWA = BWFK + BWE = BWB, da ansonsten Arbitragemöglichkeiten bestehen. Im Falle, dass Unternehmen A höher als Unternehmen B bewertet ist, könnte ein Investor Anteile am Eigen- und Fremdkapital von Unternehmen B erwerben, und prozentual die gleichen Anteile an Unternehmen A leerverkaufen. Aufgrund der höheren Bewertung von Unternehmen A würde der Investor für den gleichen prozentualen Anteil einen höheren Betrag erhalten als er für Unternehmen B ausgibt. Am Periodenende aber ist der Zahlungsstrom in beiden Fällen gleich: Er zahlt den Zahlungsstrom für den leerverkauften Anteil an Unternehmen A aus, erhält aber von Unternehmen B die gleiche Summe aus den Anteilen der Zahlungsströme für das Fremd- und Eigenkapital. Somit würde der Investor einen risikolosen Gewinn in Höhe des Bewertungsunterschiedes und seinem investierten Anteil machen. Dies ist unter den Annahmen des vollkommenen Kapitalmarkts ausgeschlossen. In einem arbitragefreien Kapitalmarkt muss der Wert der Unternehmen A und B identisch sein. Aus diesen Überlegungen folgt, dass es keine optimale Kapitalstruktur gibt, sondern diese sich aus idiosynkratischen Beweggründen ergibt, die sich nicht systematisch aus firmenspezifischen Determinanten ableiten lassen.

2.2 Trade-off Theorie

Das Irrelevanztheorem basiert auf strikten und in der Realität nichtzutreffenden Annahmen. Unter Einbezug von Steuern verändert sich Situation grundlegend: Im Gegensatz zu den aus dem versteuerten Gewinn stammenden Dividendenzahlungen an Eigenkapitalgeber sind Fremdkapitalzinsen in der Steuergesetzgebung der meisten Länder steuerlich absetzungsfähig.11 Hieraus ergibt sich ein Tax Shield in Höhe des Produkts aus Grenzsteuersatz und Höhe des Fremdkapitals, welcher den Unternehmenswert des fremdfinanzierten Unternehmens über den des rein eigenkapitalfinanzierten Unternehmens steigert. Der Wert von Unternehmen B aus dem vorherigen Beispiel ergibt sich demnach als BWB = BWA + (BW von Grenzsteuersatz x FK). Die optimale Kapitalstruktur bestünde aufgrund des Tax Shield Effekts bei einem maximalen Fremdkapitalanteil.12

Neben der steuerlichen Absetzungsfähigkeit von Fremdkapitalzinsen wird in der von Kraus und Litzenberger entwickelten Trade-Off Theorie auch berücksichtigt, dass eine Unternehmensinsolvenz mit Kosten einhergeht.13 Je höher der Anteil des Fremdkapitals ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, die Fremdkapitalkosten bei ausbleibendem Erfolg nicht bedienen zu können und insolvent zu werden. Entsprechend postuliert die Trade-Off Theorie, dass es eine optimale Kapitalstruktur an dem Punkt gibt, an welchem der marginale Wertzuwachs durch den Tax Shield von den marginalen – mit der Eintrittswahrscheinlichkeit gewichteten – Insolvenzkosten überstiegen werden. Das heißt, die optimale Kapitalstruktur ergibt sich am Punkt, an dem Grenznutzen (Tax Shield) und Grenzkosten (Insolvenzkosten) gleich sind.14 Der Gesamtwert des Unternehmens ergibt sich in der bereits verwendeten Terminologie als: BWB = BWA + (BW von Grenzsteuersatz x FK) – (BW der Insolvenzkosten).

2.3 Pecking-Order Theorie

Die Pecking-Order Theorie nimmt an, dass die Annahme vollständiger Information der Marktteilnehmer nicht erfüllt ist und stattdessen eine asymmetrische Informationsverteilung zwischen Unternehmen und Kapitalgebern vorliegt. Das heißt, dass die Unternehmensführung besser als externe Parteien über Unternehmensrisiken, -werte und Geschäftsaussichten informiert ist. Entsprechend senden Finanzierungsentscheidungen Signale an externe Parteien bezüglich der von außen nicht gänzlich transparenten Unternehmenssituation. Die Theorie geht weiter davon aus, dass die Unternehmensführung solche Finanzierungsformen bevorzugt, die am wenigsten über das Unternehmen offenlegen und die niedrigsten Kapitalkosten aufweisen. Als Konsequenz ergibt sich, dass die Innenfinanzierung aus thesaurierten Gewinnen grundsätzlich bevorzugt wird, da keine Informationen gegenüber externen Kapitalgebern offengelegt werden müssen und kein erhöhter Risikoaufschlag aufgrund asymmetrischer Informationsverteilung zu zahlen ist.15 Sollte die Eigenfinanzierung nicht möglich sein, wird als nächstes Fremdkapital zur Finanzierung von Investitionsprojekten genutzt. Erst in letzter Instanz wird auf eine externe Eigenkapitalfinanzierung durch Ausgabe neuer Aktien zurückgegriffen. Diese könnte das adverse Signal senden, dass die Unternehmensführung den aktuellen Aktienpreis für überbewertet hält.

2.4 Ableitung von Hypothesen für die empirische Analyse

Aus der Trade-Off Theorie und der Pecking-Order Theorie lassen sich folgende Zusammenhänge zwischen firmenspezifischen Faktoren und Kapitalstruktur ableiten:

Große Unternehmen weisen aufgrund ihres Status als etablierte Marktteilnehmer und der höheren Diversifikation ihrer Aktivitäten eine geringere Insolvenzwahrscheinlichkeit auf. Damit sinken ceteris paribus die wahrscheinlichkeitsgewichteten Insolvenzkosten. In der Argumentation der Trade-Off Theorie resultiert eine größere Schuldentragfähigkeit und die Hypothese einer höheren Verschuldung.16

Zudem wird aus der Trade-Off Theorie die Hypothese abgeleitet, dass Unternehmen mit einem höheren effektiven Steuersatz eine höhere Verschuldung aufweisen, da sie ceteris paribus Vorteile durch den Tax Shield haben.17

Im Vergleich zu etablierten großen Unternehmen mit stabilen Zahlungsflüssen sind Wachstumsunternehmen, deren Wert sich zu einem Großteil aus zukünftigen Zahlungsströmen zusammensetzt, höheren wahrscheinlichkeitsgewichteten Insolvenzkosten ausgesetzt. Dasselbe gilt für Unternehmen die unter sonst gleichen Bedingungen einem höheren operativen Risiko ausgesetzt sind.18 Aus der Trade-Off Theorie kann die Hypothese abgeleitet werden, dass die Verschuldung bei stark wachsenden Unternehmen und Unternehmen mit hohem Risiko niedriger ist. Der Picking-Order Theorie zufolge ist hingegen zu erwarten, dass stark wachsende Unternehmen stärker auf Fremdkapital setzen, da die Mittel zur Eigenfinanzierung nicht für das Wachstum ausreichen.

Die Insolvenzwahrscheinlichkeit sinkt auch mit einem größeren Anlagevermögen im Verhältnis zur Bilanzsumme, das als Sicherungsvermögen für die Fremdkapitalgeber dienen kann. Zudem sinkt der Risikoaufschlag der Fremdkapitalgeber. Entsprechend ergibt sich aus der Trade-Off Theorie die Hypothese, dass ein höherer Anteil des Anlagevermögens mit einer höheren Verschuldung einhergeht. Auch die Pecking-Order Theorie sieht einen positiven Zusammenhang, da der Zugang zu Fremdkapital vereinfacht wird und die Offenlegungsansprüche tendenziell niedriger sind.

Der Pecking-Order Theorie folgend sollten auch eine bessere Liquiditätssituation des Unternehmens sowie eine höhere Profitabilität mit einem niedrigerem Verschuldungsgrad einhergehen, da mehr Mittel zur Eigenfinanzierung zur Verfügung stehen.19 Im Gegensatz dazu lässt sich aus der Trade-Off Theorie ein positiver Zusammenhang deduzieren, da ein höherer Gewinn die wahrscheinlichkeitsgewichteten Insolvenzkosten senkt und mehr Kapital zu versteuern ist. Tabelle 2 gibt einen Überblick über die deduzierten Hypothesen.

Tabelle 2: Übersicht über die abgeleiteten Hypothesen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung

2.5 Operationalisierung der Variablen

Die Kapitalstruktur wird über das Verhältnis der Gesamtverschuldung zur Bilanzsumme zum Buchwert operationalisiert.20 Die umfasst kurz- und langfristige zinstragenden Verbindlichkeiten sowie aktivierte Leasingverpflichtungen.

Ebenso werden erklärende Variablen ins Verhältnis zur Bilanzsumme gesetzt: Zur Operationalisierung der Profitabilität wird das Ergebnis vor Steuern und Zinsen genutzt. Für das Liquiditätsmaß werden die liquiden Mittel verwandt und für das Sicherungsvermögen das Anlagevermögen.

Die Unternehmensgröße wird durch die im jeweiligen Jahr erzielten Nettoumsatzerlöse approximiert.21 Dies wäre zwar auch über die Bilanzsumme möglich, jedoch soll eine mögliche Multikollinearität mit den anderen erklärenden Variablen, die im Verhältnis zur Bilanzsumme stehen, vermieden werden.

Für das Unternehmenswachstum wird der prozentuale Anstieg der Nettoumsatzerlöse operationalisiert. Um Sondereffekte zu glätten wird der prozentuale Anstieg über drei Jahre berechnet.

Zur Abbildung des operativen Risikos wird auf die rollierende Standardabweichung des Ergebnisses vor Steuern und Zinsen über ein Fenster der 3 vorausgehenden Jahren zurückgegriffen und ins Verhältnis zum aktuellen Ergebnis vor Steuern und Zinsen gesetzt.22

Der Tax Shield wird durch den Effektivsteuersatz abgebildet. Dieser ergibt sich aus dem Verhältnis von Ertragssteueraufwand zum Ergebnis vor Steuern.23

Darüber hinaus wird auch der zum jeweiligen Zeitpunkt ermittelte Median des Verschuldungsgrades pro Wirtschaftssektor (Aufteilung nach Global Industry Classification Standard) ins Modell aufgenommen. Diese Variable deckt sektorspezifische Trends ab und dient indirekt als Kontrollvariable für die sektorspezifische wirtschaftliche Gesamtlage.24

3. Empirische Analyse der Kapitalstrukturdeterminanten

Die aus den Kapitalstrukturtheorien abgeleiteten Hypothesen werden im Folgenden einer empirischen Überprüfung unterzogen. Dazu erfolgt zunächst die Beschreibung des verwendeten Datensatzes und der ausgewählten Variablen. Die nachfolgende empirische Analyse wurde mit R in der Version 3.6.2 durchgeführt.25 Die benutzten Pakete werden im Laufe der Arbeit an den entsprechenden Stellen aufgeführt.

3.1 Stichprobenbeschreibung und Datenquelle

Grundlage der Analyse sind alle börsennotierten Unternehmen, die zu einem beliebigen Zeitpunkt im Zeitraum von 1992 bis 2018 Mitglied im MSCI Europe Index waren. Für den Test der Hypothesen schränken wir die Daten auf einen Zeitraum nach der im Jahr 2007 beginnenden Finanz- und Wirtschaftskrise ein. Der Beginn wird auf das Jahr 2010 festgelegt, um die Sondersituation und mögliche dominierende Effekte in den akuten Krisenjahren zu isolieren. Die interessierenden Variablen werden jährlich erhoben. Die Quelle der Daten ist die Worldscope Datenbank von Thomson Reuters, aus der die Daten im Februar 2020 abgefragt wurden. Unternehmen, für die in keinem Jahr alle betrachteten Variablen vorhanden sind, werden aus der Analyse ausgeschlossen. Es handelt sich um ein unbalanciertes Panel, da erstens nicht alle Unternehmen Daten für den gesamten Zeitraum aufweisen (zum Beispiel aufgrund von Akquisitionen und Übernahmen oder Insolvenzen) und zweitens Beobachtungen entfernt wurden, in denen einzelne der betrachteten Variablen nicht verfügbar waren. Zudem wurden nur Unternehmen erfasst, die entsprechend der Industry Classification Benchmark nicht in der Banken-, Finanz- und Versicherungsbranche tätig sind. Unternehmen aus den ausgeschlossenen Branchen unterliegen besonderen gesetzlichen Bestimmungen und zeichnen sich entsprechend durch nicht vergleichbare Kapitalstrukturen aus, eine Einbeziehung würde in Verzerrungen resultieren.26 Insgesamt werden 479 verschiedene Unternehmen im Datensatz erfasst, für die zu mindestens einem Zeitpunkt vollständige Daten vorliegen. Knapp 70% der Unternehmen weisen vollständige Daten für 6 bis 9 Jahre des Zeitraums ab 2010 auf, für 4% bzw. 7% der Beobachtungen liegen nur Daten für 1 oder 2 Jahre vor.

3.2 Datenaufbereitung und deskriptive Statistiken

Zur Datenbearbeitung und zur Berechnung von interessierenden Größen wurde insbesondere auf die R Pakete „dplyr“ , „zoo“ und „moments“ in den Versionen 0.8.4, 1.8.7 und 0.14 zurückgegriffen.27 Um die folgende Analyse ohne Verzerrung durch Ausreißer durchzuführen, werden alle Variablen, außer der Sektor-Median des Verschuldungsgrades und die Größe, zunächst winsorisiert.28 Das heißt, dass alle Werte, die das 95% Perzentil über- oder das 5%-Perzentil unterschreiten, auf die genannten Perzentile limitiert werden. Abbildung 1 gibt einen Überblick über die Entwicklung des Verschuldungsgrad-Median. Für die Darstellung wurden die Pakete „ggplot2“ und „scales“ in den Versionen 3.2.1 und 1.1.0 verwendet.29 Der Durchschnitt des Medians im Gesamtzeitraum liegt bei 24,9%. Über die Zeit steigt dieser leicht an und scheint sich bei 26% stabilisiert zu haben.

Abbildung 1: Entwicklung des Verschuldungsgrades im Median

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung

[...]


1 Vgl. Franke, G., Hax, H., Finanzwirtschaft, 2009, S. 1.

2 Vgl. Modigliani, F., Miller, H., Cost of capital, 1958, S. 261ff.

3 Für einen Überblick über den Forschungsstand siehe die Metastudie von Schachtner, M., Accounting, 2009.

4 Vgl. Schachtner, M., Accounting, 2009, S.1.

5 Die Trade-Off Theorie und Pecking-Order Theorie gelten als die zwei einflussreichsten Ansätze, vgl. Schachtner, M., Accounting, 2009, S.60.

6 Vgl. Modigliani, F., Miller, H., Cost of capital, 1958, S. 261ff.

7 Perridon, L. et al., Finanzwirtschaft, 2009, S. 81f.

8 Vgl. Hillier, D. et al., Financial Markets, 2012, S. 470.

9 Vgl. ebd.

10 Das nachfolgende Beispiel ist adaptiert von Hillier, D. et al., Financial Markets, 2012, S. 472f,

11 Vgl. Hillier, D. et al., Financial Markets, 2012, S. 478.

12 Vgl. Baxter, N. D., Leverage, 1967, S. 395.

13 Vgl. Schneider, H., Determinanten, 2010, S. 12.

14 Vgl. Kraus, A., Litzenberger, R. H., State-Preference, 1973, S. 911.

15 Vgl. Kühnhausen, Fabian, Stieber, Harald W., Determinants, 2014, S. 3.

16 Vgl. Frank, M. Z., Goyal, V. K., Capital Structure Decisions, 2009, S. 7.

17 Vgl. Baxter, N. D., Leverage, 1967, S. 395.

18 Vgl. Leland, H. E., Corporate Debt Value, 1994, S. 1229f.

19 Vgl. Wenzel, A., Kapitalstrukturpolitik, 2006, S. 187 sowie De Jong, A. et al, Capital structure, 2008, S. 1960f.

20 Es wäre auch die Operationalisierung über den Marktwert möglich, dies führt jedoch zu ähnlichen Ergebnissen, vgl. Jäger, S., Kapitalstrukturpolitik, 2012, S. 83.

21 Vgl. Schneider, H., Determinanten, 2010, S. 176.

22 Vgl. Titman, S., Wessels, R., Determinants, 1988, S. 6.

23 Vgl. Fischer, E. O. et al., Dynamic Capital Structure, 1989, S. 38.

24 Vgl. Frank, M. Z., Goyal, V. K., Capital Structure Decisions, 2009, S. 1ff.

25 Vgl. R Core Team, Computing, 2019.

26 Vgl. Hermanns, H., Optimale Kapitalstruktur, 2006, S. 221.

27 Vgl. Wickham, H., et al., dplyr,, 2020; Zeileis, A., Grothendieck, G., zoo, 2005; sowie Komsta, L., Novomestky, F., moments, 2015.

28 Die Variable Größe, wird nicht winsorisiert, da die Nettoumsatzerlöse in unterschiedlichen Währungen vorliegen und nicht ins Verhältnis zu einer anderen Größe gesetzt werden. Der Sektor-Median des Verschuldungsgrades wird basierend auf dem bereits winsorisierten Verschuldungsgrad ermittelt.

29 Vgl. Wickham, H., ggplot2, 2016 sowie Wickham, H., Seidel, D., scales, 2019.

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Sektor- und unternehmensspezifische Determinanten der Kapitalstruktur europäischer Unternehmen im Niedrigzinsumfeld
Hochschule
FOM Hochschule für Oekonomie & Management gemeinnützige GmbH, Frankfurt früher Fachhochschule
Note
1
Jahr
2020
Seiten
30
Katalognummer
V906762
ISBN (eBook)
9783346213945
ISBN (Buch)
9783346213952
Sprache
Deutsch
Schlagworte
determinanten, kapitalstruktur, niedrigzinsumfeld, sektor-, unternehmen
Arbeit zitieren
Anonym, 2020, Sektor- und unternehmensspezifische Determinanten der Kapitalstruktur europäischer Unternehmen im Niedrigzinsumfeld, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/906762

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