Gibt es eine optimale, das heißt den Unternehmenswert steigernde, Kapitalstruktur und von welchen firmenspezifischen Determinanten ist diese abhängig?
In Bezug auf diese Fragen haben sich verschiedene Kapitalstrukturtheorien etabliert. Eine erste Antwort gab das Irrelevanztheorem von Modigliani und Miller, demzufolge die Kapitalstruktur unter den Annahmen eines vollkommenen Kapitalmarktes irrelevant für den Unternehmenswert ist. Löst man sich von den restriktiven Annahmen des vollkommenen Kapitalmarkts, ergeben sich andere Schlussfolgerungen: Werden Steuern und wahrscheinlichkeitsgewichtete Kosten für eine Insolvenz einbezogen, ergibt sich in der Trade-off Theorie eine optimale Kapitalstruktur in Abhängigkeit von sektor- und firmenspezifischen Determinanten. Unter Berücksichtigung von asymmetrischen Informationen, kommt die Pecking-Order Theorie zu dem Ergebnis, dass die Kapitalstruktur ein Nebenprodukt von einzelnen Finanzierungsentscheidungen ist und von unternehmensspezifischen Faktoren abhängt.
Aus jeder dieser Theorien lassen sich empirisch überprüfbare Hypothesen ableiten. Entsprechend hat diese Arbeit das Ziel, empirisch zu untersuchen, wie Unternehmen sich tatsächlich verhalten und ob die aufgezählten Kapitalstrukturtheorien anhand des beobachteten Finanzierungsmix verifiziert werden können.
Es gibt bereits eine Vielzahl an Studien die sich der Prüfung der Hypothesen widmen, jedoch wurden die meisten Untersuchungen vor oder nicht lange nach der 2007 beginnenden Finanz- und Wirtschaftskrise durchgeführt. Das aus der Krise resultierende und bis heute anhaltende Niedrigzinsumfeld sowie die individuelle Krisenerfahrung könnten die Finanzierungsentscheidung von Unternehmensführern beeinflussen und die Bedeutung von firmenspezifischen Einflussfaktoren ändern. Zudem konnte sich bisher kein abschließendes, universelles Erklärungsmodell zur Erklärung unterschiedlicher Kapitalstrukturen etablieren. Diese Arbeit leistet einen Beitrag zur Forschung, da ein neuer breiter Datensatz für die größten börsennotierten Unternehmen Europas nach Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise analysiert und der Forschungsstand somit aktualisiert wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Kapitalstrukturtheorien
2.1 Modigliani-Miller Irrelevanztheorem
2.2 Trade-off Theorie
2.3 Pecking-Order Theorie
2.4 Ableitung von Hypothesen für die empirische Analyse
2.5 Operationalisierung der Variablen
3. Empirische Analyse der Kapitalstrukturdeterminanten
3.1 Stichprobenbeschreibung und Datenquelle
3.2 Datenaufbereitung und deskriptive Statistiken
3.3 Auswahl des Regressionsmodells
3.4 Regressionsdiagnostik
3.4.1 Heteroskedastizität
3.4.2 Autokorrelation
3.4.3 Querschnittskorrelation
3.4.4 Multikollinearität
3.5 Ergebnisse der empirischen Analyse
3.6 Kritische Würdigung
4. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den Einfluss und die Bedeutung von sektor- und firmenspezifischen Faktoren auf die Kapitalstruktur europäischer Unternehmen im Niedrigzinsumfeld, welches durch die Finanz- und Wirtschaftskrise ab 2007 geprägt wurde.
- Analyse von Kapitalstrukturtheorien (Modigliani-Miller, Trade-off, Pecking-Order)
- Empirische Untersuchung börsennotierter Unternehmen im MSCI Europe Index
- Anwendung multivariater Panelregressionen (Fixed Effects Modell)
- Prüfung von Einflussfaktoren wie Unternehmensgröße, Profitabilität und Wachstum
- Vergleich der Ergebnisse zwischen Vor-Krisen- und Nach-Krisen-Perioden
Auszug aus dem Buch
2.3 Pecking-Order Theorie
Die Pecking-Order Theorie nimmt an, dass die Annahme vollständiger Information der Marktteilnehmer nicht erfüllt ist und stattdessen eine asymmetrische Informationsverteilung zwischen Unternehmen und Kapitalgebern vorliegt. Das heißt, dass die Unternehmensführung besser als externe Parteien über Unternehmensrisiken, -werte und Geschäftsaussichten informiert ist. Entsprechend senden Finanzierungsentscheidungen Signale an externe Parteien bezüglich der von außen nicht gänzlich transparenten Unternehmenssituation. Die Theorie geht weiter davon aus, dass die Unternehmensführung solche Finanzierungsformen bevorzugt, die am wenigsten über das Unternehmen offenlegen und die niedrigsten Kapitalkosten aufweisen. Als Konsequenz ergibt sich, dass die Innenfinanzierung aus thesaurierten Gewinnen grundsätzlich bevorzugt wird, da keine Informationen gegenüber externen Kapitalgebern offengelegt werden müssen und kein erhöhter Risikoaufschlag aufgrund asymmetrischer Informationsverteilung zu zahlen ist. Sollte die Eigenfinanzierung nicht möglich sein, wird als nächstes Fremdkapital zur Finanzierung von Investitionsprojekten genutzt. Erst in letzter Instanz wird auf eine externe Eigenkapitalfinanzierung durch Ausgabe neuer Aktien zurückgegriffen. Diese könnte das adverse Signal senden, dass die Unternehmensführung den aktuellen Aktienpreis für überbewertet hält.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die finanzwirtschaftliche Thematik der Kapitalstruktur ein und stellt die Relevanz der Untersuchung im Kontext des Niedrigzinsumfeldes nach der Finanzkrise 2007 dar.
2. Kapitalstrukturtheorien: Das Kapitel erläutert die theoretischen Grundlagen (Modigliani-Miller, Trade-off, Pecking-Order), leitet daraus Hypothesen ab und definiert die Operationalisierung der zu untersuchenden Variablen.
3. Empirische Analyse der Kapitalstrukturdeterminanten: Hier erfolgt die methodische Datenaufbereitung, die Regressionsdiagnostik sowie die empirische Überprüfung der Hypothesen mittels Fixed Effects Modellen basierend auf MSCI-Europe-Daten.
4. Zusammenfassung: Das abschließende Kapitel fasst die zentralen Erkenntnisse zusammen, bewertet die empirischen Ergebnisse im Kontext der untersuchten Theorien und gibt Ausblicke für zukünftige Forschungsarbeiten.
Schlüsselwörter
Kapitalstruktur, Niedrigzinsumfeld, Trade-off Theorie, Pecking-Order Theorie, Unternehmensfinanzierung, Panelregression, Finanzkrise, Unternehmenswert, Verschuldungsgrad, Firmenspezifische Determinanten, MSCI Europe, Fixed Effects Modell, Kapitalkosten, Asymmetrische Informationen, Empirische Analyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit den Faktoren, die das Verhältnis von Eigen- zu Fremdkapital (Kapitalstruktur) bei börsennotierten europäischen Unternehmen beeinflussen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Der Schwerpunkt liegt auf dem Vergleich zwischen den theoretischen Vorhersagen etablierter Kapitalstrukturtheorien und dem tatsächlichen Finanzierungsverhalten der Unternehmen im europäischen Niedrigzinsumfeld.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die empirische Überprüfung, ob firmenspezifische Einflussfaktoren wie Größe oder Profitabilität das Verschuldungsverhalten in der Nach-Krisen-Zeit statistisch signifikant erklären können.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Autorin verwendet eine quantitative Analyse durch multivariate Panelregressionen (Fixed Effects Modelle), um den Einfluss verschiedener Variablen auf den Verschuldungsgrad zu isolieren.
Was steht im Mittelpunkt des Hauptteils?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Herleitung der Hypothesen, die Beschreibung der Datenbasis und die Durchführung der Regressionsanalyse inklusive einer intensiven diagnostischen Prüfung.
Welche Keywords charakterisieren die Studie?
Wichtige Begriffe sind Kapitalstruktur, Trade-off Theorie, Pecking-Order Theorie, Niedrigzinsumfeld und empirische Unternehmensfinanzierung.
Warum wurde die Untersuchung auf die Zeit nach 2010 eingegrenzt?
Die Eingrenzung dient dazu, die akuten krisenspezifischen Effekte der Jahre 2007-2009 zu isolieren und das gezielte Umfeld der Niedrigzinspolitik zu analysieren.
Welche Rolle spielt der Industrie-Median in der Analyse?
Der Industrie-Median dient als Kontrollvariable für sektorspezifische Trends und wirtschaftliche Rahmenbedingungen, die sich auf den Ziel-Verschuldungsgrad auswirken.
Welche theoretische Erkenntnis wird durch die Ergebnisse in Frage gestellt?
Die Ergebnisse zeigen, dass einige in der Theorie postulierte Zusammenhänge, wie etwa beim Sicherungsvermögen, in der beobachteten Nach-Krisen-Periode ihre statistische Signifikanz verloren haben.
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- Anonym (Author), 2020, Sektor- und unternehmensspezifische Determinanten der Kapitalstruktur europäischer Unternehmen im Niedrigzinsumfeld, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/906762