Das autoritäre Charaktersyndrom bei Erich Fromm und Theodor W. Adorno


Hausarbeit, 2020

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Methode

Studien zu Autorität und Familie

Authoritarian Personality

Zusammenfassung

Der autoritär-masochistische Charakter

Untersuchung

Fazit und Diskussion

Literatur

Eidesstattliche Erklärung

Einleitung

Die Autoritarismusforschung gilt als der erste empirische Beitrag dessen, was heutzutage unter dem kontrovers diskutieren Begriff der Rechtsextremismusforschung verstanden wird. Die durch Le Bon und Willhelm Reich, besonders aber Karl Marx und Sigmund Freud beeinflussten systematischen Forschungen des Frankfurter Instituts für Sozial- forschung (IfS), gelten hierbei als die wegweisendsten Untersuchungen. Als bahnbrechende Innovation gilt der Versuch den historischen Materialismus und die Psychoanalyse Freuds zu verknüpfen1.

Die in dieser Hausarbeit betrachteten Werke des IfS, die Studien zu „Autorität und Familie“ (1936), sowie die „Studien zum autoritären Charakter“ (1950) gelten aus unterschiedlichen Gründen als Meilensteine der Sozialforschung, gleichwohl sie den hohen Anspruch des Institutsleiters Horkheimer, die „Durchdringung konstruktiver und empirischer Verfahrensweisen“ mit Hilfe interdisziplinärer Fachvertreter, zu Gunsten einer sich annähernden Kombination aus Theorie und Empirie, nie wirklich erreichten.

Einer der theoretisch prägendsten Mitarbeiter der Anfangszeit des IfS war Erich Fromm, dessen Ausführungen im Gemeinschaftswerk „Autorität und Familie“ ein besonderer Stellenwert zugesprochen wird, da sie den theoretischen Kern des Konzeptes des autoritären Charakters dargelegt. Nach der Trennung vom IfS nahm Theodor W. Adorno, der Fromm schon früh wegen seines Freud-Revisionismus´ kritisierte, eine zentrale Rolle der sozialpsychologischen Forschungsprojekte des Instituts an. Durch die gleichnamige, als „einflußreichste [sic] Arbeit zum Autoritarismusthema“ (Oesterreich 1996: 46) bewertete Studie zum ‚autoritären Charakter‘ 1950 und der Verdrängung Fromms durch das IfS, sowie der ergiebigen und in der Öffentlichkeit breit rezipierten Studie, wird das Konzept nun vielmehr mit Adorno und seinen Mitarbeitern in Verbindung gebracht (vgl. Peglau 2018 92ff.; Wiggerhaus 1993: 172; Oesterreich 1996: 17; 25ff.).

Diese Ausarbeitung widmet sich nun der Herausarbeitung des autoritären, sado- masochistischen Charaktersyndroms, ferner soll untersucht werden welche Aspekte, welche Charakterzüge des autoritären Charakters sich in den späteren Studien 1950 wiederfinden, die zuvor von Fromm beschrieben wurden und weitergehend, welche „neuen“ Persönlichkeitsmerkmale bzw. Charakterzüge von der Forschungsgruppe rund um Adorno ergänzt wurden. Zuvor sollen jedoch die zwei Werke vorgestellt werden, um einen Einblick in die unterschiedlichen Forschungskonzepte zu gewinnen. Daran anschließend wird eine kleine Einleitung dessen gegeben, was den autoritären Charakter ausmacht bzw. wie er nach Fromm zu charakterisieren ist, um anschließend sich den Ausführungen beider Autoren – Fromm/Adorno - zu den theoretischen Charakter- orientierungen zu widmen. Am Schluss werden die Ergebnisse zusammengefasst und, in komprimierter Form, versucht grundlegende Unterschiede beider Autoren in ihren spezifischen Zugängen herauszuarbeiten.

Methode

Die Position, dass die von Fromm in seinen früheren Schriften vertretenen Grundlagen in die spätere empirische Sozialforschung „The Authoriarian Personality“ (1950) zur Geltung kamen, ist erst einmal erklärungsbedürftig. Dass das psychoanalytisch-sozial psychologische Konzept des „autoritären Charakters“, wie es im Gemeinschaftsprojekt „Autorität und Familie“ (1936) beschrieben wird „The Authoriarian Personality“ beeinflusste, gilt es hier im speziellen zu untersuchen. So ist nach Oesterreich „Fromms Beitrag zur Entwicklung des Konzepts einer autoritären Persönlichkeit der theoretisch wichtigste“ (Oesterreich 1996: 38) und auch Vertreter der Forschungsgruppe um Adorno bescheinigen, dass „der Einfluß [sic] von Fromms Werk auf die kürzlich erschienene Gemeinschaftsarbeit […] deutlich sichtbar“ (Frenkel-Bruswik 1952: 233 zit. n. Fahrenberg; Steiner 2004: 8) ist2.

Zuvor soll jedoch auf Unterschiede hingewiesen werden, die sich aus den spezifischen Forschungskonzepten ergeben, und ferner andere methodische Vorgehensweisen erschließen, denn auch Fromm revidierte später seine Position, dass seine Untersuchungs- methode ohne Quellenangaben in der Sammelarbeit „The Authoritarian Personality“ genutzt wurde. Richtig ist, dass Adorno et. al. die Untersuchungen zum autoritären Charakter fortgeführt haben, - nach Angaben eines Briefwechsels zwischen Jay und Fromm - sich jedoch zwischen den Untersuchungen von 1929/31 und „Authoritarian Personality“ keine direkten Beeinflussungsverhältnisse ergeben, da sie sich methodologisch unterscheiden (vgl. Bierhoff 1991: 7).

Studien zu Autorität und Familie

Bereits 1929 am BIP (Berliner Institut für Psychoanalyse), als Fromm noch keine feste Stelle am Institut für Sozialforschung innehatte3, begann er mit zwei Mitarbeitern die `Untersuchung über Arbeiter und Angestellte`. Mit Hilfe von umfangreichen Fragebögen wurde nach soziodemographischen Daten, Gewohnheiten, Lebensformen, sowie nach sozialen und politischen Einstellungen gefragt, deren Antworten unbewusste Tendenzen und Triebstrukturen erfassen sollten. Mit psychoanalytischen Kategorien wurde die Differenz zwischen den reaktionären Ansichten und den `offiziellen` politischen Ausrichtungen bestimmt, die zeitliche Veröffentlichung scheiterte jedoch aus unterschiedlich angegebenen Gründen4. Gleichwohl flossen theoretische Annahmen, sowie erste Ergebnisse der Studie in neue Untersuchungskonzepte, wie in die „Studien zur Autorität und Familie“ (1936) mit ein. Festhalten und Schlussfolgern ließ sich Anfang der 1930er, trotz schon damals aufkommender Differenzen zwischen dem `inneren` Kreis des Instituts, dass die Diskrepanz der politischen Bekundungen der deutschen Arbeiterklasse und ihren inneren autoritären Einstellungen so deutlich erkennbar waren, dass sich kein substanzieller Widerstand gegen den Nazismus formieren würde und dies gleichwohl Konsequenzen für die Mitarbeiter des Instituts haben würde. Folgerichtig für das Weiterbestehen des Instituts wurden Zweigstellen eröffnet und persönliche Konsequenzen gezogen, in der Hinsicht, dass im Laufe der Jahre Mitarbeiter immigrieren mussten (vgl. Bock 2018: 67; Jay 1976: 147).

Das Gemeinschaftswerk ist in drei Abteilungen gegliedert, ferner wird die erste Abteilung in weitere drei Bereiche unterteilt, welche spezifisch theoretische Themen der Autoritäts- studie durchdringen5. Es blieb das einzige Kollektiv-Projekt der empirischen Forschung am IfS und auch ihr einziges empirisches Forschungsresultat der 30er Jahre. Fromms ‚Sozialpsychologischer Teil‘ kommt das Verdienst zu, den Topos des ‚autoritären Charakters‘ erstmals formuliert zu haben und kann somit, mit Verweis auf W. Reich, als Ausgangspunkt der entstandenen ‚Autoritarismusforschung‘ gesehen werden. Zwar zeichneten sich die Einschätzungen und Gedanken schon in früheren Arbeiten Fromms ab6, sodass nicht von weiteren wissenschaftlichen Durchbrüchen die Rede sein kann, die Qualität des Textes liegt eher in der Prägnanz der Formulierungen. So postuliert Wiggers- haus, dieser Aufsatz sei das Beste „was er [Fromm] je schrieb“ (Wiggerhaus 1993: 173). Als wichtigste Leistung wird der - in Abgrenzung zu einer Reihe von weiteren Charakter- typologien - Begriff der `autoritären Gesellschaftsformen` und der `autoritäre Charakter` bzw. der `sado-masochistische Charakter` und dessen (positives) Korrelat, der `revolutio- näre Typ`, begründet (vgl. Wiggerhaus 1993: 173f.; Fromm 1936: 117; Bierhoff 1991: 6; Bierhoff 1993: 404).

„Ideengeschichtlichen“ Teil.

Fromm, E. (1932): Die psychoanalytische Charakterologie und ihre Bedeutung für die Sozialpsychologie Die konzeptuelle Ausrichtung der Studie war daran angelegt eine allgemeine Bestandsaufnahme der sozialpsychologischen Verfasstheit der Arbeiter und Angestellten darzulegen bzw. „einen Einblick in die psychische Struktur [..] zu gewinnen.“ (Horkheimer 1936: 239). Insbesondere ging es um die Erforschung des revolutionsverhindernden bzw. autoritären Potentials. Ein weiteres Ziel sah Fromm in der Ausarbeitung und Unterscheidung sozial-psychologischer Charaktertypen, speziell in der Differenzierung kleinbürgerlich-rebellischer und revolutionärer Charaktertypen.

Ziel und Methode konzentrierte sich dabei auf als zusammengehörig zu betrachtende Fragebögen, die die Beziehungen zwischen politischen Meinungen und individuellen emotionalen Antrieben herauszuarbeiten trachteten, sodass sich zwar kein Gesamtbild der jeweiligen Persönlichkeiten ergab, jedoch ein allgemeines Bild von Persönlichkeitszügen. Die Antworten auf die Fragebögen wurden von den Interviewern wörtlich nieder- geschrieben und auf Basis psychoanalytischer Analysen bewertet, so dass bestimmte Schlüsselwörter, oder sich wiederholende Darstellungsmuster als Ausdruck psycho- logischer Realitäten interpretiert wurden. Die idealtypischen Persönlichkeitszüge und deren einhergehende Haltungen resultieren also ausdrücklich nicht aus der seelischen Struktur, - einer psychoanalytischen Analyse wie bzw. der psychosexuellen Entwicklung -, der Menschen, sondern aus der politischen Gesamtanschauung. In diesem Zusammen- hang sind dann auch die drei Haupt-Charaktertypen und deren „radikale“, „kompromiss- orientierte-reformistische“ und „autoritäre“ Haltung zu sehen. Die Konzeptuelle Ausrich- tung wird als psychoanalytische Sozialpsychologie bezeichnet. (vgl. Jay 1976: 147; Wig- gerhaus 1993: 195f.). Grundprinzip

Authoritarian Personality

Als Teilprojekt der `Studies in Prejudice` wurde `The Authoritarian Personality`, von Adorno, E. Frenkel-Brunswik, D. J. Levinson und R. N. Sanford, als Kooperationsprojekt mit der Berkeley Public Opinion Study Group, in dem auch der Geldgeber (AjC) einge- bunden war, 1950 publiziert. Adorno war, durch Bemühungen Horkheimers, unter den Studienleitern, wenngleich der einzige Vertreter des IfS bzw. der Kritischen Theorie, sodass nicht davon ausgegangen werden kann, dass diese Studie den methodischen Vor- stellungen des IfS genüge getan wurde7. Nichtsdestotrotz war die Berkley-Studie diejenige Studie, in die am meisten von Adornos und Horkheimers Theorie einging, ferner erhoffte sich Horkheimer eine fruchtbare Kombination von europäischen Ideen und US- amerikanische Methoden. Auch setzte sich Adorno dafür ein, dass Sanford und Levinson „[..] nachträglich soviel von unseren Ideen in ihre quantitativen Kapitel gepackt haben, wie sie nur konnen [sic]“ (Adorno-Horkeimer, 10.6.49 zit. n. Wiggershaus 1993: 457), obwohl Adornos Priorität eher auf der Verwirklichung des Gemeinschaftswerks `Dialektik der Aufklärung lag´8 (vgl. Wiggershaus 1993: 454f.; Adorno 2019: 9ff.).

Die Studie setzte methodisch bei den psychologischen Aspekten potenziell faschistischer Individuen an und musste sich, wie alle psychologischen Faschismustheorien, das Konzept ‚The Authoritarian Personality‘ jedoch in besonderem Maß, den Vorwurf der psycho- logischen Reduktion unterziehen. Die Notwendigkeit eines sozioökonomischen Ansatzes wird zwar bekundet, weiter wird darauf hingewiesen, dass der Faschismus keinesfalls das Produkt einer „number of immature individuals in a given country or society“ (Frenkel- Brunswik 1954: 228) ist und auch Adorno und Horkheimer bekunden, dass die Gewalt von politischen und wirtschaftlichen Interessen bedingt sei, die Studie ferner die unbewussten seelischen Bedingungen aufzeigen „unter denen Massen für eine Politik gewonnen werden können, die ihren […] Interessen entgegengesetzt ist.“ (Horkheimer und Adorno 1952: 284f.). Dementsprechend ist der Vorwurf der psychologischen Reduktion zu revidieren, so betont auch Adorno, dass das Vorurteil ein zutiefst gesellschaftlich geprägtes Problem darstellt, dies jedoch nicht primär Gegenstand der Untersuchung sei, da sich zentral der Erziehung, also nicht der Beschreibung des Vorurteils, sondern des pädagogischen Ziels der „Auflösung“, im Sinne eines wissenschaftlichen Verständnisses, gewidmet wird und diese sei dem Wesen nach höchst persönlich und psychologisch (vgl. Oesterreich 1996: 51f.; Jay 1976: 269f.).

Als das Forschungsprogramm begann und besonders als die Studie erschien, galt der Fa- schismus als besiegt. Erhebungen und Rückschlüsse ließen sich dementsprechend nur aus Dispositionen verdeckter bzw. indirekter Fragenstellungen erheben, da die politische Kultur, die öffentliche Meinung im Kampf gegen den Faschismus stand und sich wohl kaum direkte offen antisemitische Positionen erheben ließen bzw. eine solche Erhebung mit erheblichen Verzerrungen einhergehen würde. Als Grundthese gilt die Annahme von latenten und manifesten Charakterebenen deren psychologische Dynamiken es herauszu- arbeiten und sichtbar zu machen gilt und denen vorurteilsvolle Ideologien zu Grunde lie- gen. Ferner sollten auch solche Ideologien sichtbar gemacht werden, die potenzielle Vor- urteile fruchtbar werden lassen (vgl. Wiggershaus 1993: 456; Jay 1976: 285).

Unterschiedliche Bedeutung wird den Messungen autoritärer Dispositionen zugerechnet. Die Skalen, so postuliert Werz, bieten die Möglichkeiten, die mit dem ´American Dream` einhergehende, aber unausgesprochene, Drohung von Abstieg und Marginalisierung, ver- steckte Bewusstseinsformen auszudrücken, mit deren Hilfe Zusammenhänge autoritärer Charaktereigenschaften und ethnozentristischer Einstellungen begründet werden. Im Zentrum stehen bei dieser Betrachtung also Überlegungen, wie sich unter dem Zwangs- verhältnis abstrakter Arbeit Subjektivität herstellen lässt. Die Skalen bezeichnet Werz hierbei nur als ein „praktisches Nebenprodukt“ (Werz 2001: 53). Hingegen kann man konstatieren, dass Adorno in der von Sanford dargestellten F-Skala das wirksamste Instrument und das „Kernstück des Ganzen“ sah.

Die historischen Ereignisse der letzten Jahre waren in der konzeptuellen Ausrichtung des Forschungsprojekts deutlich sichtbar. Ausgenommen von Horkheimers Vorwort wird von der (potenziell) faschistischen oder vorurteilsvollen Persönlichkeit gesprochen und auch im Prozess der Titelfindung war von `The Fascist Charakter` oder `The Potential Fascist` die Rede9. Die primäre Aufgabe, die dem Berkeley-Projekt zugetragen wurde, lag einerseits in der Aufdeckung individueller Charakterstrukturen und deren Anfälligkeit für Antisemitismus, anderseits in der Entwicklung eines Instruments, mit dem man diese Anfälligkeit feststellen können sollte (vgl. Wiggerhaus 1993: 457f.).

Zusammenfassung

Der theoretische Wandel, den das Institut zwischen den Jahren der vorgestellten Studien vollzog und die sich noch stärker formulierte Vorsicht gegenüber empirischer Sozial- forschung, sowie die äußeren Umstände unter denen die Studien durchgeführt wurden, er- schwert die Bedingungen einer vergleichenden Analyse. Dennoch lassen sich schon rein bei der Bezeichnung der Charakterzuschreibungen Veränderungen feststellen. So wurde anstelle des revolutionären, als Gegenpol zum autoritären, der demokratische Charakter gewählt, was sicherlich auch mit dem bekundeten Ziel einer Untersuchung zur toleranten Erziehung in Einklang zu bringen ist, zum anderen dem Institut Anschluss an die breite Wissenschaftsforschung ermöglichte. Aus der Perspektive des pädagogischen Ziels lässt sich auch die Akzentverschiebung verstehen, dass man, anstelle eine soziologische Erklä- rung des Vorurteils, wie es bei den Studien zu Autorität und Familie präferiert wird, eine psychologische Erklärungsperspektive vornimmt. Bekräftigt wird dies durch die Annahme, dass, wenn psychologische Analysen zum Vorurteil die Bezugnahme sozio- ökonomischer Faktoren ausklammern, man zum Kern des gesellschaftlich-psycho- logischen stößt, bzw. das „gesellschaftliche Element […] auf dem Grund psychologischer Kategorien wiederentdecken“ (Adorno zum Labor Project 1944 zit. n. Jay 1976: 273) kann. Diese vorsichtige Einschätzung zum Verhältnis und zur Integration beider Disziplinen - Soziologie und Psychologie - eröffnet eines der zentralen Konfliktfelder der beiden Kontrahenten Adorno und Fromm. Aus Sicht Adornos bedeutet dies für die Methodologie, dass das Individuum nicht zu soziologisieren sei, ferner dass, solange die gesellschaftlichen Wiedersprüche nicht aufgelöst sind, „sie auch nicht methodologisch aufgehoben werden“ (Jay 1976: 132).

Weitere grundlegende Unterschiede lassen sich im Kontext des historischen Momentums und der geografischen Lage begreifen, die spezifische politische Veränderungen auf verschiedenen Ebenen bestimmen vermag. So zeigt sich schon bei einer oberflächlichen Betrachtung, dass sich die bestimmenden ideologischen Maxime - einerseits die politische Psychologie des Nationalsozialismus und dessen verbreitete NS-Ideologeme, andererseits die Ideologien des ‚american dreams‘ in Verbindung mit dem ‚new deals‘- unterscheiden. Auch wenn man Fromm im weiteren Sinne interpretiert, wenn er von „autoritären Gesellschaftsformen“ (Fromm 1936: 117) spricht, in denen autoritäre Charakterzüge ihre Befriedigungen finden, lässt sich, so insinuiert Jay, die Studie um Adorno eher auf die Untersuchung eines totalitären und nicht eines autoritären Gesellschaftscharaktertypus begreifen (vgl. Jay 1976: 269ff.; 291).10

Grundthesen, die die Methodik beeinflussten, wie die Existenz verschiedener Charakterebenen, die sich in manifesten und latenten Strukturen äußern, gehen jedoch auf die Überlegungen Fromms zurück, deren theoretischer Hypothesen sie sich bedienten (vgl. Wiggershaus 1993: 201; Jay 1976: 264).

Auch sich der die Psychoanalyse, bzw. der analytischen Sozialpsychologie, in kombinierter Form - Theorie und Methode - zu bedienen, um Ideologien und Charakterstrukturen aufzudecken, wird bei Adorno bekundet, wenn für spezielle klinische Techniken in Einzelinterviewsituation plädiert wird (vgl. Adorno 1973: 16).

Gleichwohl sich die Ausgestaltung unterscheidet, bspw. wurden die Interviews bei den Studien zum Autoritären Charakter 1950 systematischer angegangen, wohingegen bei Fromm bewusst auf vorgegebene Kategorisierung verzichtet wurde, bleibt die Intention die gleiche (vgl. Bock 2018).

Des Weiteren zeigen sich, trotz abweichender Interpretation, Berührungspunkte mit der Freud´schen Argumentation, wenngleich man grundsätzlich festhalten sollte, dass Adorno die Psychoanalyse weitaus enger interpretiert als Fromm (vgl. Kessler & Funk 1991: 35). So wird hier die, im nachfolgenden Text untersuchte, These vertreten, dass die Be- schreibung des „autoritären Syndroms“ von Adorno, auf die Charakterzüge des von Fromm dargelegten sado-masochistischen Charakter fußen. Zu erwarten wäre bei Adorno eine strengere Interpretation Freuds, hinsichtlich Schlüsselkonzepten wie die des Ödipus- komplexes. Die antagonistischen Ausgangslagen, die sich aus Implikationen der ver- schiedenen gegebenen Gesellschaftsformen ergeben, also Unterschiede zwischen autoritären und totalitären Gesellschaften, wird durch den von Fromm beschriebenen Charaktertypus des „Rebellen“ teilweise aufgelöst, da er ja in Wahrheit auf der Suche nach einem neuen Autoritätsträger sei.

Zuvor wird kurz beschrieben, wie sich der Begriff der Autorität nach Fromm erschließt, daran anknüpfend, was unter dem autoritären Charakter nach Fromm zu verstehen ist. Die libidinöse Struktur einer Gesellschaft, in Anlehnung an freudscher Terminologie, wird hier im Begriff des Charakters aufgelöst (vgl. Mackenthun 1991: S: 73).

Der autoritär-masochistische Charakter

Die Differenzierung zwischen „sadistisch-aktive“ und „masochistisch-passive“ wird besonders aus der, wie Autorität nach Fromm nur definiert werden kann, da sie in zu ambivalenten Formen auftritt, negativen Bestimmung von Autorität ersichtlich. So ist „Das Autoritätsverhältnis […] nicht ein bloss [sic] erzwungenes Verhalten.“ (Fromm 1936: 79). Es weist – wenn auch nur in Nuancen – ein Verlangen nach freiwilliger Fügung und Unterwürfigkeit auf und kann somit nicht als reines Zwangsverhältnis verstanden werden. Diese Zuschreibung des Autoritätsverhältnisses wurde zwar u. a. schon von Kanitz, mit dem Verweis des `Untertanengeist` (nach oben buckeln, nach unten treten) beschrieben, Fromm machte jedoch deutlich, dass die Lust zu herrschen und die Lust beherrscht zu werden von Charakterzügen, präziser von Charakter-Orientierungen bestimmt wird, die ihrerseits eine bestimmte psychische „Haltung zur Welt“ (ebd.: 118) offenbaren, „die man als masochistisch bezeichnen kann.“ (ebd.: 118).

Ferner wird postuliert, dass das Verlangen zu herrschen und beherrscht zu werden, also Erscheinungsformen des Sadismus und die des Masochismus, Ausdruck der gleichen leidenschaftlichen Grundstrebung ist, jedoch mit unterschiedlichen charakterlogischen Reaktionen. Man könnte dies als Streben nach Autorität bzw. Autoritätsverhältnissen an sich interpretieren. Dieses Autoritätsstreben ist jedoch nicht intrinsisch motiviert, sondern wird gesellschaftlich erzeugt, bzw. wird es im Sinne einer Anpassung der Triebstruktur an gesellschaftlicher Bedingungen - durch internalisierte Triebimpulse - zu Charakterzügen transformiert und verankert sich (im Strukturmodell der Psyche) im Ich bzw. kommt dort in zwei Erscheinungsformen zur Geltung (vgl. Fromm 1936: 79; Parge 1997: 33ff.; Winkler 1988: 154).

Reaktionen auf gesellschaftliche Ohnmacht und Hilflosigkeit kann sich demnach einerseits im Modell des „aktiv“ Sadistischen äußern, sodass der Zustand des Marginalisiert-Seins, der Machtlosigkeit, durch die Beherrschung Schwächerer kompensiert wird, andererseits Erscheinungsformen der „passiv“ masochistischen Reaktion hervorrufen, deren Überwin- dung der Hilflosigkeit etc. durch das Streben nach Schutz und Fürsorge kompensiert wird. Gleichwohl lassen sich nicht nur beherrschende Aspekte der „passiven“ masochistischen Reaktion zuschreiben, da die psychische Unterwerfung unter den Stärkeren, dem Beschützer, auch partizipatorische und identifikatorische Affekte ermöglicht, also die Identifizierung mit Macht oder mit dem, der Macht verkörpert.

Beide Strebungen finden in einer autoritären Gesellschaftsform ihre Befriedigungen,11 da „Jeder […] in ein System von Abhängigkeiten nach oben oder unten eingegliedert“ (Fromm 1936: 117) ist. Ferner legt die bürgerliche Gesellschafft, mit ihrer Anpassung der Triebstruktur an gesellschaftliche Bedingungen, die Ausbildung von sado-masochistischen Charakterstrukturen nahe. (vgl. Parge 1997: 49; Fromm 1936: 116ff.).

Untersuchung

Im Folgenden werden nun spezifische Zuschreibungen beiden Strebungen voneinander getrennt beleuchtet und untersucht, ob und an welcher Stelle die von Fromm beschriebenen Charakterzüge von der Forschungsgruppe rund um Adorno aufgenommen wurden, ferner wo sich Unterschiede und Erweiterungen bzw. Ergänzungen des Konzepts finden lassen. In Erinnerung sei jedoch noch einmal gerufen, dass die Unterscheidung von masochistischen und sadistischen Strebungen nur methodischen, darstellerischen Charak- ter hat, faktisch ein „ständiger Schwingungszustand […] des symbiotischen Komplexes“ (Fromm 2000: 156) als Reaktion auf die gleichen Grundbedürfnisse besteht12.

[...]


1 Also einerseits die Maxime, dass „die Gedanken der herrschenden Klasse [..] in jeder Epoche die herrschenden Gedanken“ (Marx 1973: 183) sind, zum anderen, dass „Restriktion und Unterdrückung im Sozialisationsprozeß [sic] zur Orientierung an Autoritäten“ (Oesterreich 1996: 28) führt.

2 Gemeint sei hiermit jedoch wohl die „Furcht vor der Freiheit“ (1941) von Erich Fromm

3 1931 wurde er offizieller Direktor der sozialpsychologischen Abteilung am IfS

4 Sie wurde später von W. Bonß rekonstruiert und 1983 veröffentlicht.

5 Horkheimer schrieb einen „Allgemeinen“, Fromm einen „Sozialpsychologischen“ und Marcuse einen

6 Fromm, E. (1932): Über Methode und Aufgaben einer analytischen Sozialpsychologie

7 Sanford und Levinson orientierten sich, wie in der US-amerikanischen Soziologie vorherrschend, an positivistischen, zum Teil behavioristisch Methoden, welche Adorno stehts kritisierte.

8 So schrieb Adorno an Horkheimer „[…] daß [sic] ich [..] das Gefühl behalte, daß [sic], was wir schreiben [DdA], unendlich viel wichtiger ist als die unmittelbare Wirklichkeit [..] und bis an daß [sic], worum es uns eigentlich geht, kaum heranführt“ (Adorno-Horkheimer, 27.12.49 zit. n. Wiggershaus 1993: S. 454).

9 Auch Adorno schrieb nach Beendigung des Korrekturlesens an Horkheimer: „wenn man das Buch gelesen hat weiß man, was ein Antisemit ist.“ (Adorno-Horkheimer 2.7.49 zit. n. Wiggershaus 1993: S. 458). Der Anschluss an die Terminologie (Studien über Autorität und Familie), so Wiggershaus, war bei der Titel- findung wohl der entscheidende Grund.

10 Wohl erwähnt sei noch, dass sich die Untersuchung zur ‚Authoritarian Personality‘ auf „die ökonomisch fortschrittlichste Gesellschaft westlicher Prägung“ (Werz 2001: 44) bezieht.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Das autoritäre Charaktersyndrom bei Erich Fromm und Theodor W. Adorno
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
20
Katalognummer
V906952
ISBN (eBook)
9783346224231
ISBN (Buch)
9783346224248
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erich Fromm, Autoritarismus, autoritärer Charakter, Studien zum autoritären Charakter, Theodor W. Adorno, Rechtsextremismusforschung, Frankfurter Schule, Kritische Theorie
Arbeit zitieren
Leander Fricke (Autor), 2020, Das autoritäre Charaktersyndrom bei Erich Fromm und Theodor W. Adorno, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/906952

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