Eingangsdiagnostik im Coaching

Entwicklung eines standardisierten Leitfadens für das lösungsorientierte Kurzzeit-Coaching


Projektarbeit, 2018

72 Seiten, Note: 2

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Verzeichnis der Abbildungen

Verzeichnis der Tabellen

Verzeichnis der Abkürzungen

1 Einleitungmp
1.1 Stress, Burnout, Coaching - Phänomene des 21. Jahrhundertsmp
1.2 Tragweite der Eingangsdiagnostik im lösungsfokussierten Kurzzeit-Coachingmp

2 Diagnostik allgemein - Eingangsdiagnostik speziellks
2.1 Was versteht man unter Diagnostik – Begriffsklärungks
2.2 Bedeutung und Relevanz von Diagnostik im Coachingks
2.3 Was ist die Psychologische Diagnostik? ks
2.4 Eingangsdiagnostik im Kurzzeit-Coachingks

3 Solution-focused Brief Therapy (SFBT)mp
3.1 Kurzzeit-Coaching nach der Philosophie der SFBT von Steve de Shazer mp
3.2 SFBT: Leitideen, Erfolgsparameter, Empfehlungen mp
3.3 Die Bedeutung der standardisierten, strukturierten Informationserfassung mp

4 Empirischer Teil: Methodisches Vorgehen mp
4.1 Methodik der Gruppenarbeitmp
4.2 Literaturrecherche und -sichtungmp
4.3 Analyse der Literatur und Bewertungmp
4.4 Itemauswahl aus unterschiedlichen Disziplinen mp
4.4.1 Psychologischen Diagnostikmp
4.4.2 Das Kasseler -Coaching-Inventarks
4.4.3 Verhaltensstichprobenks
4.4.4 Persönlichkeitspsychologieks
4.5 Bewertungskriterien für die Fragenauswahl des Leitfadensmp
4.6 Punkteschema für die Bewertung der Itemsmp
4.7 Clusterung der Itemsmp
4.8 Beschreibung der Nutzwertanalyse als Bewertungsverfahrenmp

5 Bewertungsergebnisse: Beschreibung und Interpretation, Leitfadenks
5.1 Ergebnisse der NWAks
5.1.1 Items vom Kasseler Coaching Inventar (Möller, Kotte, 2013) ks
5.1.2 Ergebnisanalyse der Items aus der Nutzwertanalyse nach SFBT Fragen von Steve de Shazerks
5.1.3 Ergebnisanalyse der Items der Psychologischen Diagnostik nach Wittchen und Hoyer 2011, Schmidt- Atzert Amelang 2012, Kubinger 2006ks
5.2 Konstruktion des Leitfadens für die Eingangsdiagnostik im Coaching: ks
5.3 Anwendungsbeispielks
5.4 Testgütekriterienks
5.5 Rechtliche und ethische Grundsätze für die Eingangsdiagnostik im Coachingks

6 Diskussion & kritische Betrachtungmp

7 Fazitks

Literaturverzeichnis

Anhang
A Meilensteinemp
B Strukturplanmp
C Big Five Modellks
D Nutzwertanalysemp

Abstractmp

Das 21. Jahrhundert ist geprägt von Digitalisierung, Schnelligkeit und Entgrenzung. Themen wie Stress und Burnout sind Alltagserscheinungen und nicht länger Modediagnosen. Menschen suchen respektive nach raschen Lösungen im sich rasant ändernden Umfeld. Der gesunde Kranke sucht Unterstützung, welche in Form von Beratung nachgefragt wird. Der Coaching-Markt boomt folglich. Die lösungsorientierte Kurzzeit-Beratung, nach der Philosophie der Solution-focused Brief Therapy (SFBT) von Steve de Shazer, ist eine Antwortmöglichkeit auf dieses erstarkte Bedürfnis nach rascher Lösung. Die Leitideen der SFBT besagen, dass Zukunft – egal welche Vergangenheit vorliegt - formbar ist und dass jeder Mensch, die notwendigen Ressourcen und Fähigkeiten besitzt, sein Veränderungsziel aus eigenen Kräften zu erreichen. Das praxisorientierte Kurzzeit-Coaching greift diese Philosophie aus der psychotherapeutischen Disziplin auf. Um rasch, erfolgreich und effizient zu handeln, bedarf es einer Systematik im Coaching. Eine zielgerichtete und standardisierte Eingangsdiagnostik würde den Coaching-Prozess entsprechend positiv beeinflussen. Aktuell gibt es weder einschlägige Literatur zu diesem Thema noch respektive eingangsdiagnostische Werkzeuge, die diese Anforderung unterstützen würden. Das vorliegende Gruppenprojekt nimmt sich diesem Mangel an und hat zum Ziel, einen standardisierten Leitfaden für die Eingangsdiagnostik im Kurzzeit-Coaching zu entwickeln. Die Arbeit geht der Frage nach: „Was braucht der Coach zu Beginn der Kurzzeit-Intervention, um den Prozess zielgerichtet erfolgreich zu gestalten?“. Basis für den Leitfadenentwurf stellen die wissenschaftlich fundierte psychologische Diagnostik einerseits und die kaum existierenden Coaching-Inventare andererseits dar. Um die Ansprüche der lösungsorientierten Kurzzeit-Beratung zu sichern, werden in die Leitfadenentwicklung die Leitideen, die Erfolgsfaktoren und Empfehlung der SFBT aufgenommen. Aus diesen Basiskonzepten werden mögliche Leitfadenfragen entnommen und entsprechend der Philosophie der SFBT bewertet. Da die Fragen nur subjektiv bewertet werden können, findet die Bewertung der Fragen zur Aufnahme in den Leitfaden mittels qualitativer Nutzwertanalyse statt. Dies ermöglicht die Objektivität zu erhöhen und der Subjektivität in der Bewertung Einhalt zu gewähren. Ergebnis der vorliegenden Gruppenarbeit ist ein standardisierter Leitfaden für die Eingangsdiagnostik in der Kurzzeit-Beratung.

Verzeichnis der Abbildungen

Abb. 4.1.: Systematik der Nutzwertanalyse (eigene Darstellung)

Abb. 4.2.: Stufenprozess der qualitativen Itembewertung (eigene Darstellung)

Verzeichnis der Tabellen

Tab. 4.1.: Deutsches Notensystem laut KMK (Quelle: KMK Beschluss 1968)

Tab. 5.1.: Ausgewählte Items für die Eingangsdiagnostik

Verzeichnis der Abkürzungen

Abb Abbildung

Abs. Absatz

Art. Artikel

B5T Big-Five-Persönlichkeitstest

BAuA Bundesschutz für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin

BCO Büro für Coaching und Organisationsberatung

BFTC Brief Family Therapy Centre

BGB Bürgerliches Gesetzbuch

Dr. P.H. Doktor Public Health

EBSCO Elton B. Stephens Company

ECTS European Credit Transfer System

et al. et aliae (und andere)

f. Folgeseite

ff. Folgeseiten

GG Grundgesetz

ggf. gegebenenfalls

Hrsg Herausgeber

ICD International Classification of Diseases

ks Anonym

KMK Kultusministerkonferenz

mp Anonym

Nr Nummer

NWA Nutzwertanalyse

o.J. ohne Jahr

PA Projektantrag

Prof. Professor

PubPsych Publishing Psychology

S Seite

SFBT Solution-focused Brief Therapy

SGB Sozialgesetzbuch

SJWOP Scandinavian Journal of Work and Organizational Psychology

STGB Strafgesetzbuch

Tab Tabelle

USA United States of America

vgl vergleiche

Vol Volume

WHO World Health Organization

1 Einleitungmp

1.1 Stress, Burnout, Coaching - Phänomene des 21. Jahrhundertsmp

Das 21. Jahrhundert ist geprägt von Schnelligkeit, Globalisierung, Digitalisierung, Entgrenzung und Überengagement. Konsequenzen sind Erschöpfung, innere Leere und Orientierungslosigkeit. Tägliche Diskussionen über Stress oder Burnout als Modediagnose und eine mediale Flut zu diesen Themen zeigen eindrucksvoll die Auswirkungen eines sich rasch ändernden Umfeldes (vgl. Psota, Horowitz, 2016, S. 37 ff.). Burnout im Sinne von Ausbrennen ist keine anerkannte Krankheit gemäß der internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD-10) aber ein geflügeltes Wort, welches Teil der Alltagssprache geworden ist, und in einem gewissen Maße das heutige gesellschaftliche und berufliche Leben so treffend widerspiegelt. Eine aktuelle Studie der deutschen Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin untermauert dies. Allen voran steht der Stressfaktor Arbeitsverdichtung, welcher zu diesem Ausbrennen führt (vgl. BAuA, 2017, S. 9). Stress hat vielfältige Auswirkungen: sowohl auf die humane Gesundheit, welches sich in psychischen und physischen Krankheiten widerspiegelt, als auch auf die wirtschaftliche Gesundheit, welches in steigende betriebs- und volkswirtschaftliche Kosten aufgrund steigender Fehlzeiten und Ausfalltage resultiert. Obwohl das Thema Stress weit verbreitet und gut untersucht ist, gilt der Bereich heute immer noch als unzureichend thematisiert (vgl. BAuA, 2017, S. 93). Im Vordergrund stehen die Implementierung „kleiner Lösungen“, die zu spürbaren Verbesserungen führen. Eine umfassende Systematik ist nicht etabliert und ist eher vom Scheitern geprägt (vgl. BAuA, 2017, S. 97). Es stellt sich die Frage, ob es im 21. Jahrhundert rascher Lösungen mittels einer Psychotherapie für Gesunde bedarf. Coaching ist Beratung Gesunder und entspringt der Psychotherapie Kranker. Beratung Kranker orientiert sich am Problem, blickt zurück und versucht, die Ursachen zu erkunden. Die Schnelllebigkeit des 21. Jahrhunderts fordert jedoch rasche Lösungen und den Blick nach vorne in die Zukunft. Das Konzept der lösungsorientierten Kurzzeit-Therapie (Solution-focused Brief Therapy – SFBT) nach Steve de Shazer, entspricht diesen Anforderungen. Die Wirksamkeit des Ansatzes ist empirisch bestätigt. Die Philosophie der lösungs- und ressourcenfokussierten Therapie von Steve de Shazer führte zu einem Paradigmenwechsel in den psychotherapeutischen Ansätzen, da sie den Blick nach vorne wendet, weg vom psychotherapeutischen rückschauenden Problemfokus hin zum Lösungsfokus. Dieses Konzept der Therapie mit seinem ausgeprägten Ziel- und Lösungsfokus fand mittlerweile auch im Coaching Eingang (vgl. Middendorf, 2018, S. 3). Vor allem Manager, unabhängig ihrer Management-Ebene, sind vordergründig an Coaching interessiert. Laut Coaching Umfragen (vgl. BCO, 2015) sind 53% der Personen, die an Coaching interessiert sind, Manager des Top-, Mittel- und Unteren Managements. Mitarbeiter repräsentieren lediglich 8% der Personen, die an Coaching interessiert sind. Zwei Drittel der coaching-affinen Menschen entstammen somit der Berufs- und Arbeitswelt. Der nationale und internationale Coaching-Markt boomt. Grundsätzlich ist der steigende Bedarf an Coaching bereits empirisch bestätigt (vgl. Böning, Kegel, 2015, S. V ff.; Bresser, 2016, S. 183). Dies lässt die Schlussfolgerung zu, dass es an Unterstützung durch Beratung bedarf, um mit dem geänderten Umfeld entsprechend umgehen zu können.

1.2 Tragweite der Eingangsdiagnostik im lösungsfokussierten Kurzzeit-Coachingmp

Coaching selbst ist ein systematischer, lösungs- und ergebnisorientierter Unterstützungs-prozess. In diesem Prozess unterstützt der Coach den Klienten, welcher aus persönlichem Wachstums- und Entwicklungswunsch ein selbstbestimmtes Ziel aus eigenen Kräften erreichen möchte (vgl. Grant, 2001, S. IX). Coaching ist folglich eine prozesshafte Intervention und fußt auf einer Methodik, also eines systematischen Prozesses mit passenden Werkzeugen und Interventionstechniken. Jeder Prozess umfasst eine Start-, Verlaufs- und Endphase. Die vorliegende Arbeit fokussiert respektive auf die Startphase im Coaching-Prozess. Jede Art von Therapie oder Intervention, egal ob für Gesunde oder Kranke, bedarf auch der Diagnostik (vgl. Erhart, 2016, S. 6). Eine „saubere“ Diagnostik im Coaching-Prozess, welche das Ziel festlegt, das Problem eingrenzt und die individuellen Ausgangsbedingungen analysiert, wurde als Wirkfaktor im Coaching bereits empirisch belegt (vgl. Möller, Kotte, 2016, S. 2). Eine systematische Eingangsdiagnostik kann diese diagnostische Anforderung unterstützen.

Zur Durchführung des Coaching-Prozesses gibt es zahlreiche Interventionstechniken und Beratungsinstrumente, welche unterschiedliche Prozessbereiche abdecken (vgl. Möller, Kotte, 2007, S. VII). Im Bereich der Eingangsdiagnostik ist das Bild jedoch gänzlich konträr. Es mangelt sowohl an einschlägiger Literatur als auch an konkreten teil- oder standardisierten Eingangsdiagnostik-Leitfäden. Dieses Thema ist kaum aufgegriffen (vgl. Möller, Kotte, 2016, S. VII). Eine explorative Interviewstudie über die Praxis deutscher Coaches zeigt, dass es nach wie vor kaum wissenschaftlich fundierten Einblick in die Bedeutung der Eingangsdiagnostik gibt und diese nicht durchgehend systematisch verfolgt wird. Erste empirische Einblicke in Bezug auf die Bedeutung der Eingangsdiagnostik im Coaching gibt eine Studie aus Großbritannien (vgl. Mc Dowall, Smewing, 2009, S. 98ff.), wo der Coaching Markt stark von der Coaching-Psychology geprägt ist. Diese zeigt auf, dass eingangsdiagnostische Verfahren die Wahrnehmung und Selbstexploration der Klienten fördern und als Grundlage für den Coaching-Prozess von Nutzen sind. Genaues Erkunden der Ausgangssituation und des konkreten Anliegens des Klienten sind wichtig und werden vom Klienten selbst als gewisser Qualitätsanspruch erwartet. Ferner sind Prä-Post-Messungen ohne systematische Coaching-Eingangsdiagnostik nicht möglich. Sowohl Psychologen als auch Nicht-Psychologen erkennen die Bedeutung und Wirksamkeit eines systematischen diagnostischen Vorgehens. Diagnostik ist bereits Teil der Intervention und Bewusstseinsförderung und ermöglicht schon im Vorfeld zielgerichtet im Sinne der Philosophie des lösungsorientierten Kurzzeit-Coachings zu agieren. Diagnostik im Coaching wird durch den Begriff Exploration ersetzt, aufgrund der negativ behafteten Bedeutung des Begriffes Diagnostik im Zusammenhang mit Psychotherapie oder Krankheit (vgl. Triebel et al., 2016, S. 133ff.). Um Kurzzeit-Coaching erfolgreich zu gestalten und umsetzen zu können, bedarf es eines im Vorfeld genauen Kennenlernens, um rasch Entscheidungen anzustoßen und zu beschließen, wie das auch das griechischen Verb „diagignóskein“ impliziert (vgl. Kaegi, 1904, S. 184). Diagnostisches Vorgehen ermöglicht die Erhebung von Persönlichkeitseigenschaften einerseits und Situationsspezifika andererseits. Die erhobenen Daten sollen Unterstützung im effizienten Coaching-Prozess bieten und Interventionen sowie die Auswahl von Coaching-Werkzeugen anstoßen.

Das diagnostische Sammeln und Bündeln von Informationen auf mehreren Ebenen ermög-licht, relevante Charakteristika zu identifizieren. So können die explorierten Daten zu einem interpretationsoffenen Urteil im Sinne einer vorläufigen Diagnose, Situationseinschätzung oder Prognose integriert werden (Jäger, 2006, S. 11). Dies kann folglich als Grundlage für die weitere Prozessplanung und -gestaltung im Coaching genutzt werden (vgl. Möller, Kotte, 2016, S. 3).

Es stellt sich die Frage, welche Vorabinformationen eingehend relevant sind, um den Anforderungen einer erfolgsversprechenden lösungsorientierten Kurzzeit-Beratung gerecht zu werden. Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist die Entwicklung eines standardisierten Leitfadens für die Eingangsdiagnostik der Kurzzeitberatung zur Beantwortung dieser Frage: „Was braucht der Coach zu Beginn der Intervention, um die lösungs- und ressourcenorientierte Kurzzeit-Beratung erfolgreich zu gestalten? Als Basis des Leitfadenentwurfes dienen die wissenschaftlich fundierten Diagnoseverfahren der Psychotherapie einerseits und die heute angewandten standardisierten Coaching-Instrumente der Eingangsdiagnostik andererseits. Um den Hauptaspekt, also die lösungsorientierte Kurzzeit-Beratung entsprechend zu adressieren, werden zur Leitfadenentwicklung die Erfolgsfaktoren und die Leitideen der Solution-focused Brief Therapy (SFBT) nach Steve de Shazer aufgenommen. Um der subjektiven Perspektive und der Gefahr der Interpretation in der Diagnostik Einhalt zu gewähren, wird der Leitfaden standardisiert. Nachfolgend wird ein theoretischer Einblick in die Diagnostik und die Philosophie der Solution-focused Brief Therapy zum besseren Verständnis gegeben und anschließend das methodische Vorgehen zur Entwicklung des Leitfadens dargelegt. Abschließend folgt eine kritische Betrachtung der Ergebnisse und ein Fazit.

2 Diagnostik allgemein - Eingangsdiagnostik speziellks

2.1 Was versteht man unter Diagnostik – Begriffsklärungks

Diagnostik wird von dem griechischen Verb diagigno’skein abgeleitet. Dabei werden Wahrnehmung und Informationsprozesse vom Erkennen bis zum Beschließen betrachtet (vgl. Möller, Kotte, 2013, S. 35). Die Bedeutung des Verbes ist: genau kennen lernen, sich entscheiden und beschließen (vgl. Möller, Kotte, 2013, S. 35). In der Medizin bedeutet die Diagnostik das Kategorisieren und Erkennen von Krankheiten und das Ergründen von Krankheitsursachen. Diese Betrachtungsweise über die Diagnostik wird für den Einsatz des Coachings häufig kritisiert, da hier defizitorientiert diagnostiziert wird. Im Coaching stehen beim Diagnostizieren die Ressourcen und deren Mobilisierung im Fokus (vgl. Möller, Kotte, 2013, S. 35).

2.2 Bedeutung und Relevanz von Diagnostik im Coachingks

Die Diagnostik im Coaching ist ein wichtiger Bestandteil, um die Professionalität eines Coaching-Prozesses einzuhalten (vgl. Möller, Kotte, 2013, S. 35). Dabei muss die Diagnostik im Coaching die Dimensionen Organisation und Team berücksichtigen. Das Coaching ist eine berufsbezogene Beratung, deren Schnittstelle die Person und die Organisation ist (vgl. Möller, Kotte, 2013, S. 38). Die Relevanz für einen standardisierten Leitfaden in der Eingangsdiagnostik für das Coaching ist, dass keine systematische Darstellung von der Eingangsdiagnostik existiert (vgl. Möller, Kotte, 2013, S. 39). In Büchern und Artikeln finden sich einzelne Berichte über die systematische Diagnostik im Coaching, diese basieren auf der Grundlage der Psychotherapie. Da die Zielgruppe des Coachings gesunde Personen sind, sind diese Diagnostikinstrumente wenig hilfreich. Wie oben beschrieben, wird bei der Psychotherapie defizitorientiert diagnostiziert und nicht ressourcenorientiert, wie das beim Coaching der Fall ist. Die Grundlagen der Psycho-therapie-Modelle der Diagnostik können genutzt werden, müssen aber auf den Coaching-Prozess und dessen Grundsätze übertragen werden (vgl. Möller, Kotte, 2013, S. 39).

2.3 Was ist die Psychologische Diagnostik? ks

Die Psychologische Diagnostik ist ein Teilbereich der Psychologie. In der Psychologischen Diagnostik werden Diagnostikverfahren konstruiert und analysiert (vgl. Kubinger, 2006, S. 2). „Psychologisches Diagnostizieren ist ein Prozess, der unter Zuhilfenahme verschiedener Verfahren zielgerichtete Informationen über psychische Eigenschaften des in Betracht stehenden Menschen gewinnen will“ (Kubinger, 2006, S. 3). Ziel einer Psychologischen Diagnostik ist es, präzise Aussagen über zukünftige Verhaltensweisen eines Menschen zu treffen. Das ist nötig, um ein Potenzial einer Person zu erfassen, auch wenn das Potenzial zur Zeit der Messung noch nicht vollständig vorhanden ist, aber in der Zukunft für die Person bedeutsam ist (vgl. Conzelmann, Spohn, Zinn, S. 4). Der Prozess der Psychologischen Diagnostik bezieht sich auf fünf Bereiche. Der erste Bereich ist die Klärung der Fragestellung/Problemanalyse, hier wird eine Hypothese über eine Eigenschaft erstellt und durch eingesetzte Diagnostikverfahren erklärt. Der zweite Schritt ist die Auswahl des diagnostischen Verfahrens. Der dritte Schritt ist die Anwendung und Auswertung des diagnostischen Verfahrens. Als vierter Schritt ist die Interpretation und Gutachtenerstellung zu nennen. Der letzte Schritt der Psychologischen Diagnostik ist das Festsetzen der Interventionsmaßnahme (vgl. Kubinger, 2006, S. 3). Das bedeutet, ohne bewiesene Hypothese kann kein Festsetzen einer Intervention erfolgen (vgl. Kubinger, 2006, S. 3). Umgangssprachlich werden psychologisch diagnostische Verfahren als Test bezeichnet. Ein Test ist ein Weg zur Ermittlung einer oder mehrerer individueller menschlicher Eigenschaften und Merkmale (vgl. Conzelmann, Spohn, Zinn, S. 21). Durch einen Test ist es möglich, genaue quantitative Aussagen über eine Merkmalsausprägung zu tätigen (vgl. Conzelmann, Spohn, Zinn, S. 21). Der Testinhalt richtet sich nach der Fragestellung und nach den Rahmenbedingungen. Die Rahmenbedingungen sind Personengruppen und der Anwendungskontext. Ein Beispiel für die Anpassung des Testinhalts ist die Testung für die Piloten-Ausbildung. Hier ist ein Kreativitätstest nicht geeignet, um die Tauglichkeit für die Ausbildung festzustellen. Dazu ist ein Konzentrationstest besser geeignet. An dem Beispiel ist deutlich zu erkennen, dass der Testinhalt auf das zu testende Merkmal und die Rahmenbedingungen abzustimmen ist, um zuverlässige Ergebnisse zu erhalten (vgl. Conzelmann, Spohn, Zinn, S. 21). Bei der Auswertung eines Testes ist es wichtig, dass die Merkmalsausprägungen mit einem genauen Zahlenwert angeben sind. Dieser Rohwert kann so mit einer Referenzgruppe ins Verhältnis gesetzt werden (vgl. Conzelmann, Spohn, Zinn, S. 21). Eine Testung kann einzeln oder als Gruppentestung durchgeführt werden (vgl. Conzelmann, Spohn, Zinn, S. 28). Ein weiteres diagnostisches Verfahren in der Psychologie ist ein Fragebogen. Durch einen Fragebogen ist es möglich, schriftlich die Interessen, Persönlichkeitseigenschaften und Einstellungen einer Person zu ermitteln (vgl. Conzelmann, Spohn, Zinn, S. 21). Bei einem Fragebogen sind dieselben Qualitätsstandards einzuhalten, die auch beim Test einzuhalten sind. Der Unterschied zu einem Test ist, dass es bei einem Fragebogen keine richtigen oder falschen Antworten gibt (vgl. Conzelmann, Spohn, Zinn, S. 22). Ein Fragebogen kann handschriftlich auf Papier oder durch ein computerunterstütztes Programm durchgeführt werden (vgl. Conzelmann, Spohn, Zinn, S. 28). Ein computerunterstütztes Programm ist bei Anwendung eines Fragebogens ökonomisch, da die Daten direkt aufgenommen und ausgewertet werden können. Das spart Personalkosten und Zeit, da die ausgefüllten Fragebögen nicht mehr übertragen werden müssen. Durch ein computerunterstütztes Programm ist eine hohe Standardisierung möglich (vgl. Conzelmann, Spohn, Zinn, S. 28).

2.4 Eingangsdiagnostik im Kurzzeit-Coachingks

Die Frage die bei der Eingangsdiagnostik im Coaching gestellt wird ist wie der Umfang einer Diagnostik in einem Zeithorizont von 3 bis 5 Stunden zu leisten ist und ob die Eingangsdiagnostik nötig ist? Um diese Frage zu erklären werden Vorteile und der Nutzen einer Eingangsdiagnostik vorgestellt (vgl. Möller, Kotte, 2013, S. 639). Die Eingangsdiagnostik ist ein Ausdruck von der Professionalität des Coachings. Denn jeder Mensch diagnostiziert in der Form der Alltagspsychologie. Die Ergebnisse einer Alltagspsychologie sind nicht professionell, da diese ohne fachspezifische Kenntnisse über die Diagnostik erhoben werden (vgl. Asendorpf, 2014, S. 10). Der Ausbildungshintergrund des Coaches beeinflusst die Eingangsdiagnostik. Theologen, Sozialpädagogen, Philosophen und Juristen verwenden die Diagnostik durch Ihre berufsgruppenspezifischen Fachkenntnisse. Die Ergebnisse, die bewertet werden, sind geprägt von den berufs- spezifischen Fachkenntnissen der einzelnen Berufsgruppen (vgl. Möller, Kotte, 2013, S. 639). Daher haben Coaches, die eine psychologische Ausbildung als Ausbildungshintergrund haben, einen Vorteil gegenüber den anderen Berufsgruppen. Psychologisches Fachpersonal ist aufgrund Ihrer Kenntnisse, die Sie im Studium erworben haben, in der Lage das methodische Vorgehen in der Eingangsdiagnostik einzusetzen und anzuwenden (vgl. Möller, Kotte, 2013, S. 642). Die Gefahr, die beim Einsetzten von falscher und zu wenig eingesetzter Diagnostik besteht ist, dass Klienten zu schnell beurteilt und bewertet werden. Das führt dazu, dass der Coaching Prozess falsch ausgewählt wird. So wird der Coaching-Prozess nicht erfolgversprechend verlaufen. Dazu passt das Zitat von Watzlawick „Wer nur einen Hammer als Werkzeug hat, sieht in jedem Problem einen Nagel.“ (vgl. Möller, Kotte, 2013, S. 642). Gerade Nichtpsychologen haben wenige diagnostische Instrumente auf die Sie zurückgreifen können, so dass Sie jedes Problem mit wenigen diagnostischen Methoden analysieren. Das führt zu vorschnellen Informationen (vgl. Möller, Kotte, 2013, S. 643). Die Anwendung von diagnostischen Methoden in der Eingangsdiagnostik führt dazu, dass Unsicherheiten, die im Erstkontakt auftreten, wegstrukturiert werden können. Desweitern ist eine ausführliche Eingangsdiagnostik sinnvoll, da eine Diagnostik immer eine Intervention ist (vgl. Möller, Kotte, 2013, S. 645). Die Eingangsdiagnostik regt die Selbstreflexion des Klienten an. Durch die Standardisierung in der Eingangsdiagnostik sind der Coach und der Klient gezwungen, Fragen zu stellen die aus dem Coaching Anlass erstmals nicht ableitbar sind. Das führt zu neuen Erkenntnissen, die in der Interventionsprozess-Planung eingebaut werden. Durch eine standardisierte Eingangsdiagnostik werden Fehlentscheidungen, die in der Interventionsdiagnostik auftreten, vermieden (vgl. Möller, Kotte, 2013, S. 646). Die Eingangsdiagnostik verhindert auch Beurteilungs- und Wahrnehmungsfehler seitens des Coaches. Denn auch ein Coach besitzt keine 100% Abwehr gegen die Wahrnehmungsverzerrungen (vgl. Möller, Kotte, 2013, S. 646). Ein weiterer Vorteil für den Einsatz einer Eingangsdiagnostik ist, dass durch die wissenschaftlichen Ergebnisse, Zahlen, Daten und Fakten die Angst vor einer willkürlichen Einschätzung des Coaches beim Klienten gemindert wird. Das zeigt sich aus den Ergebnissen der empirischen Studie von McDowall & Smewing 2009, die den Einsatz von psychologische diagnostischen Instrumenten im Coaching untersuchte. Durch die Zahlen, Daten und Fakten haben die Klienten etwas Greifbares (vgl. Möller, Kotte, 2013, S. 647). Aus den genannten Vorteilen lassen sich 7 Grundsätze für den Einsatz einer Eingangsdiagnostik ableiten.

1. Diagnostik ist auch immer Intervention
2. Gefahr, Wesentliches zu übersehen wird gemindert
3. Vermeiden von Selbstüberschätzung
4. Verhindern von Wahrnehmungsverzerrungen
5. Zahlen, Daten und Fakten sind greifbar
6. Unterstützung der Selbstdarstellung des Coaches
7. Möglichkeit von Triangulation

Eine Eingangsdiagnostik ermöglicht eine prä-und post- Messung des Coaching Erfolges (vgl. Triebel et al. 2016, S. 133). Die Eingangsdiagnostik verschafft einen Überblick über den Kontext und das Anliegen des Klienten, die den Interventions-Prozess steuern und festlegen. Die Studie von McDowall und Smewing 2009 zeigt, dass 90 % der Befragten Coaches psychometrische Verfahren in der Eingangsdiagnostik verwenden. Persönlichkeitstests werden von den Befragten am häufigsten verwendet (86%) (vgl. Triebel et al. 2016, S. 145). Es lassen sich in der Eingangsdiagnostik im Coaching 2 diagnostische Wege einteilen. Die Einteilungen sind profil- und kriteriumsorientierte Diagnostik. Die profilorientierte Diagnostik betrachtet die Kompetenzen, Einstellungen und die persönlichen Charakteristika. Die kriteriumsorientierte Diagnostik beschriebt die Stellenanforderung und beschriebt so welche Person zu welcher Arbeitsstelle im Unternehmen passt. Das unterscheidet auch die Eingangsdiagnostik im Coaching von der Diagnostik in einer Beratung das die Stellenanforderung und das Arbeitsumfeld bei der Eingangsdiagnostik im Coaching betrachtet wird (vgl. Triebel et al., 2016, S.148).

In der Studie von McDowalls und Smewing 2009 wurde erforscht wie und welche Methoden in der Eingangsdiagnostik von den Coaches eingesetzt werden. Dabei wurden 15 Coaches im Alter von 39 bis 61 Jahren (Mittelwert 52,1 Jahre) zu Ihrer Eingangsdiagnostik befragt. Dabei waren die meisten Befragten (n=9) davon überzeugt, dass eine wissenschaftliche Eingangsdiagnostik für die Auftragsklärung und die Ausrichtung für die Interventions- Prozesse wichtig sind. Diese gaben an, dass ihre diagnostischen Interviews durchschnittlich 35 Minuten andauern (Spannbreite 20 bis 55 Minuten). Die Interwies haben die Coaches mittels einer Inhaltsanalyse ausgewertet. Inhalte für die Eingangsdiagnostik gemäß Angaben der Coaches umfassen drei Bereiche: 1. Die vom Coaches erlebte Problematik 2. Die Ziele, die der Klient erreichen möchte und 3. Das Ausmaß der Veränderungsmotivation (vgl. Triebel et al., 2016, S. 150). Darüber hinaus gaben 3 Coaches an, zu prüfen ob eine Therapie und nicht ein Coaching von Nöten ist. Diese 3 Bereiche werden bei der vorliegenden Arbeit bei der Auswahl der Items für den standardisierten Leitfaden berücksichtigt.

3 Solution-focused Brief Therapy (SFBT)mp

3.1 Kurzzeit-Coaching nach der Philosophie der SFBT von Steve de Shazer mp

Warum widmet sich die vorliegende Arbeit dem Kurzzeit-Coaching, respektive eines erfolgreichen Startes, mittels einer maßgeschneiderten Eingangsdiagnostik? Gemäß dem deutschen Coaching-Report ist der Hauptgrund, Coaching aufzusuchen ein Mangel an Feedback über das eigene Verhalten. Dieser Mangel führt in Orientierungslosigkeit und ein unrealistisches Selbstbild, welche berufliche, private und gesundheitliche Probleme fördern (vgl. BCO, 2015). Orientierungslosigkeit, innere Leere und ein Ausbrennen, wie eingehend erwähnt, sind Begleiterscheinungen der heutigen Zeit und Konsequenzen des sich ändernden Arbeitsumfeldes, welche in einer steigenden Coaching-Nachfrage resultieren. Der Zeit entsprechend bedarf es an Unterstützung und rascher Lösungen für gesunde Kranke.

Das Konzept der lösungs- und ressourcenorientierten Kurzzeit-Therapie nach Steve de Shazer entspricht diesen Anforderungen und ermöglicht daran anzusetzen. Die Solution-focused Brief Therapy (SFBT) gehört zu den am häufigsten eingesetzten therapeutischen Modellen. Sie findet auch Anwendung im ökonomischen Kontext (vgl. Cauffman 2001, S. 1ff.). Sie fand Einzug in das Coaching und zeigt dadurch ihren angewandten Praxisbezug. Erstens ist, gemäß ihrer Philosophie, die Zukunft - egal welche Vergangenheit ihr innewohnt - formbar. Zweitens besitzen alle Menschen, die dies ausdrücklich wünschen, Ressourcen, Fähigkeiten und Wissen, die eigene Zukunft wunschgemäß zu formen. Dies sind die beiden Hauptgrundannahmen der lösungs- und ressourcenfokussierten Therapie. Sie liegen also einerseits in der Tatsache, dass Zukunft, nach eigenen Wünschen gestaltbar ist und andererseits darin, dass der Klient alle notwendigen Ressourcen, Fähigkeiten und das Wissen besitzt, seine eigene Zukunft, wenn dieser dies entschieden wünscht, zu formen, unabhängig davon, welche vergangenen oder aktuellen Probleme ihn umgeben (vgl. Middendorf, 2018, S. 6).

Die SFBT ist seit den 70er Jahren vordergründig vertreten durch Insoo Kim Berg, Steve de Shazer, Peter de Jong und dem Brief Family Therapy Center (BFTC) in Milwaukee, USA. Sie entspringt dem Sozial-Konstruktivismus. Lösungsorientierte Beratung fokussiert auf dem nicht-pathologischen Teil der Klienten (vgl. Bannink, 2007, S. 88). Sie richtet sich also an das Gesunde und das Funktionierende. Sie stellt eine Hilfe zur Selbsthilfe dar mit dem Ziel, dem Klienten einen anderen Blickwinkel zu vermitteln, mit welchem er auf seine Probleme schaut. Einer Meta-Analyse von 21 internationalen Studien zufolge hat lösungsorientierte Kurzzeit-Therapie in geringer Zeit einen positiven Effekt und befriedigt das individuelle Bedürfnis nach Autonomie (vgl. Bannink, 2007, S. 90).

Die noch junge Disziplin der SFBT, stammend aus dem Jahr 1982, widmet sich Problemen, um sie zu lösen. Das Adressieren des Gesunden im Menschen in der SFBT, entspricht auch der Coaching-Philosophie, welche Beratung Gesunder darstellt. Die SFBT hat zum Ziel, ein zufriedenes Leben zu fördern und fand Einzug in das Beratungsmilieu. Die Disziplin hat wie erwähnt sozial-konstruktivistische Wurzeln. Dies bedeutet, dass wir Dinge so sehen, wie wir sie sehen wollen. Der Ansatz geht davon aus, dass lediglich der Klient weiß, wie seine Zukunft aussehen soll. Lösungen entstehen, wenn der ausgetretene Pfad verlassen und etwas Anderes als zuvor gemacht wird (vgl. Middendorf, 2018, S. 6). Lösungsorientierung ist nicht gleichzusetzten mit dem Lösen von Problemen, wie beispielsweise in der Psychotherapie. Lösungsorientierung bezieht sich auf den Fokus von möglichen Lösungen, individuellen Kompetenzen und persönlichen Ressourcen. Sie grenzt sich dadurch deutlich von der Psychotherapie mit Problemfokus ab, welche kaum auf Lösungen fokussiert ist und die Problemsicht und das Problemverständnis den Hauptanteil der Therapie ausmacht. Der Ansatz der SFBT, welche sofort auf die Lösung blickt, bevor noch das Problem verstanden wurde, zeigte einen blinden Fleck in der Psychotherapie auf. Dies deshalb, weil sich Psychotherapie vorwiegend mit der Rückschau auf die bestehenden Probleme beschäftigt, versucht sie zu verstehen um sie zu lösen. Die SFBT blickt sofort auf Lösungen und lässt das Problemverständnis bei Seite (vgl. de Shazer, 2015, S. 25). Die Erkenntnis aus der SFBT ist, dass Lösungsansätze, die erfolgreich waren, nichts mit den Problemen des Klienten zu tun haben müssen. Folgende Metapher erklärt dies beispielsweise: Wenn der Schlüssel nicht passt, um das Türschloss zu öffnen, ändert man nicht das Schloss, sondern probiert andere Schlüssel, um es zu öffnen. Der Schlüssel steht für die Lösung, das Schloss für das Problem (vgl. Middendorf, 2018, S. 4). Eine gewohnte Handlung anders ausführen wie üblich, führt zu einem andersartigen Ergebnis oder einem anderweitigen Weg. Dies zeigt sich im Außen, also dem sozialen System, aber auch im Inneren, also dem der Person innewohnenden System. Die SFBT fokussiert auf das System Berater-Klient als das relevante System und lässt das Umfeld außen vor.

Das Konzept der SFBT basiert ursprünglich nicht auf einer Theorie, sondern entwickelte sich aufgrund praktischer therapeutischer Anwendungserfahrungen. Ein aus der Praxis entstandener Ansatz, welcher über die Theorie wieder zur praktischen Anwendung führte, beispielsweise dem heutigen Coaching. Der Vergleich des Ansatzes der SFBT aus dem sozialen Konstruktivismus und der Psychotherapie mit der Beratung Gesunder, also dem Coaching, zeigt Parallelen. Diese sind beispielsweise der Zielfokus, der Veränderungs-wunsch oder die Kompetenzstärkung. Die Idee des SFBT findet sich in verschiedenen Coaching-Ansätzen, beispielsweise der Kurzzeitberatung oder dem Intensivcoaching (vgl. Cauffman, 2011). Trotz kurzer Beratung und minimalistischem Eingriff durch den Coach, zeigen sich große Erfolge mit diesem Konzept (vgl. Bannink, 2007, S. 92). Die Philosophie besteht darin, den Klienten prozessgeleitet zu unterstützen seinen eigenen Weg im Lösen der Probleme zu finden. Das gewünschte Ziel oder die gewünschte angestrebte Veränderung werden lediglich mit Hilfe der eigenen Kompetenzen des Klienten erreicht (vgl. Bannink, 2007, S. 87). Die Therapieform der SFBT ist international anerkannt (vgl. de Shazer, Dolan, 2016, S. 17) und zahlreiche Studien dienen als Beleg für ihre Wirksamkeit (vgl. de Shazer, Dolan, 2016, S. 229).

3.2 SFBT: Leitideen, Erfolgsparameter, Empfehlungen mp

Die Leitideen der lösungsfokussierten Therapie lassen sich an den beiden Zitaten, welche das solide Fundament der SFBT darstellen, darlegen (Middendorf, 2018, S. 6):

(1) „Die Zukunft wird erschaffen und ist verhandelbar, da wir nicht Sklaven unserer Vergangenheit sind!“
(2) „Klienten haben alle Ressourcen, Fähigkeiten und das Wissen, um ihr Leben selbst zu gestalten.“

Die erste Leitidee besagt, dass die Zukunft unabhängig von der Vergangenheit ist. Sie ist gestaltbar nach eigenen Vorstellungen. Dies zeigt die Bedeutung der Konzentration auf die Lösung in der Beratung von Anfang an anstelle des Fokus auf die Probleme. Somit erfolgt eine Abwendung der Generalisierung durch Regeln und vom rückschauenden sokratischen Dialog, in dem es wenig Freiraum für Gestaltung und Lösung gibt. Ziel des Konzeptes ist die Hinwendung zu Lösungs-Alternativen und das Aufspüren eigener kreativer Ideen mittels eines lösungsfokussierten Dialogs (vgl. de Shazer, Dolan, 2016, S. 9ff.).

Des Weiteren geht die SFBT davon aus, dass jeder Mensch die gewünschte Veränderung aus eigenen Kräften zustande bringen kann und vor allem, dass der Mensch für sein Problem schon einmal eine Lösung hatte. Die Suche nach diesen versteckten Lösungen und Umständen, welche in der SFBT als Ausnahmen bezeichnet werden, in denen das Problem nicht bestanden hat oder gelöst wurde, ist tragender Inhalt der SFBT (vgl. de Shazer, Dolan, 2016, S. 27). Zurückkommend auf die Schlüsselmetapher, stellt sich somit die Frage nach dem passenden Schlüssel und nicht nach der Funktion des Schlosses.

Neben den beiden oben ausgeführten Leitideen der SFBT gibt es eine Reihe an Erfolgsfaktoren, die gemäß Steve de Shazer zu einer gelungenen Beratung beitragen. Diese werden folgend vorgestellt und sind im Text hervorgehoben. Ein Erfolgsfaktor der SFBT ist das Unterlassen der Interpretation. Interpretationen durch den Berater veranlassen zu Annahmen, die das Verhalten des Klienten willkürlich darstellen und sind daher zu vermeiden. Ein weiteres Erfolgskonzept ist das Stellen von Fragen, welches sich mit Fortschritten und Lösungen beschäftigt. Fragen sind in der SFBT das primäre Mittel zur Kommunikation. Sie stellen ein Hauptinterventionsmittel dar. Sie richten sich an die Zukunft und nicht auf die Probleme der Vergangenheit, mit dem Fokus darauf, zu wiederholen was bereits einmal funktioniert hat. Teil der Kommunikation ist auch die Sprache. Eine lösungsfokussierte Sprache beschreibt nicht Probleme, sondern ist positiv gefärbt und versucht Lösungen zu formulieren (vgl. de Shazer, Dolan, 2016, S. 19ff.). SFBT geht davon aus, dass jeder die Kraft und Fähigkeit besitzt, eine gewünschte Veränderung in Gang zu bringen. Diese Philosophie wird bereits in der ersten Sitzung, also im Erstkontakt, umgesetzt. Beispielsweise wird der Klient, zu Beginn einer Intervention gefragt, ob bereits vor dem eigentlichen Termin, Veränderungen aufgetreten sind. Unabhängig ob dies eingetreten ist oder nicht, ermöglichen diese Fragen den Einblick in Ausnahmen, in Gegebenheiten, welche schon einmal zur Lösung des Problems führten. Wichtig ist auch die Formulierung des Ziels als Lösung und nicht als Abwesenheit des Problems. Das schrittweise Umsetzen des gewünschten Ziels ist wichtig. Dies ermöglicht Teilerfolge aufzuzeigen, welche mit Skalierungsfragen dokumentiert werden und somit in den einzelnen Sitzungen jeweils positiven Auftrieb geben können. Zielformulierung kann manchen Klienten schwerfallen. Die Wunderfrage versucht den Klienten Anhaltspunkte zu geben, um ein Ziel zu formulieren. Durch die Wunderfrage wird der Klient aufgefordert, sich vorzustellen, dass ein Wunder geschah und sein Problem über Nacht im Schlaf verschwunden ist. Der Klient wird dann danach gefragt, woran er merkt, dass sein Problem am Morgen nicht mehr existiert (vgl. de Shazer, Dolan, 2016, S. 70ff.). Dadurch schaut der Klient aus einer anderen Perspektive auf sein Problem, welches zu neuen Lösungsansätzen führen kann und ihm Zielklarheit vermittelt.

Steve de Shazer hat auch Erfahrungen in Bezug auf „Erste Sitzungen“ gesammelt und dargelegt. Diese „ Erste Sitzung “ kann im Hinblick auf das Coaching, als Teil der Eingangsdiagnostik gesehen werden. In der ersten Sitzung wird beispielsweise die Beziehung von Therapeut und Klient konstruiert (vgl. de Shazer, 2015, S. 102). In der Sitzungseröffnung wird die Frage nach einer bereits eingetretenen Veränderung, welche möglicherweise schon vor dieser ersten Sitzung eingetreten ist, empfohlen. Des Weiteren soll die Suche nach Ausnahmen, in denen das Problem nicht existiert, bereits im Erstkontakt forciert werden. Der Fokus wird also von Beginn an daraufgelegt, was der Klient bereits erfolgreich macht (vgl. de Shazer, 2015, S. 28), wenngleich zu Beginn auch die Beschreibung der Beschwerde oder des Problems steht und vom Klienten dargelegt wird (vgl. de Shazer, 2015, S. 68). Die Kurzzeit-Therapie kann scheitern, wenn beispielsweise das Problem, die Beschwerde oder das Ziel nur mangelhaft eruiert werden (vgl. de Shazer, 2015, S. 135 ff).

Kurzzeittherapie blickt nicht in die Ursachen der Probleme, sondern sieht diese situations- und personenbezogen (vgl. de Shazer, 2015, S. 76). Es ist wichtig, die Leitideen, Erfolgsfaktoren und Erfahrungen aus der SFBT in die Coaching-Eingangsdiagnostik zu transferieren. Nicht nur in der psychologischen Therapie, sondern auch im beratenden Coaching ist es wichtig, den Klienten „genau kennen zu lernen“, zu „erkennen“, zu „kategorisieren“ um zu „beschließen“ (vgl. Möller, Kotte, 2016, S. 1; Kaegi 1904, S. 184).

3.3 Die Bedeutung der standardisierten, strukturierten Informationserfassung mp

In der psychologischen Diagnostik gibt es grundsätzlich drei Gruppen von Verfahren, um Informationen zu erfassen. Die freie Exploration bedarf eines erfahrenen Diagnostikers und wird mittels qualifizierter Gesprächsführung durchgeführt. Checklisten ermöglichen das Listen von Diagnosekriterien zur Erfassung der Symptome ohne jegliche Detaillierung. Strukturierte Interviews bzw. Leitfäden geben den Wortlaut der Fragen, die Reihenfolge und Regeln zum Überspringen von Teilen fix vor. Ein Variationsspielraum bleibt erhalten, um die Erfahrungen des Diagnostikers einfließen lassen zu können. Das standardisierte Interview legt alle Schritte der Informationserfassung fest ohne Beurteilungsraum für den Diagnostiker (vgl. Erhart, 2016, S. 24). Der Grad der Strukturierung eines diagnostischen Verfahrens gibt Auskunft über das Maß, in wie weit ein Prozess einer fix vorgegebenen Struktur folgt. Der Grad der Standardisierung gibt neben dem festgelegten Strukturausmaß das Maß der Formulierung der Fragen an. Vorteil der Standardisierung und Strukturierung sind die Objektivität. Je weniger strukturiert und standardisiert ein Diagnoseverfahren etabliert ist, desto mehr Spielraum besteht und es fließt daher mehr Subjektivität des Diagnostikers mit ein. Weiterer Vorteil liegt in der psychometrischen Qualität. Die Strukturierung und Standardisierung ermöglichen auch eine gewisse Zeitkomponente einzuhalten und dem Gespräch eine gewisse Richtung vorzugeben (vgl. Erhart, 2016, S. 60). Nachteile der Standardisierung und Strukturierung sind die eingeschränkte Interpretationsmöglichkeit durch den Diagnostiker. Auch kann durch eine zu starre Vorgabe der Diagnoseprozess, die vertrauensvolle Umgebung und Atmosphäre gestört werden (vgl. Erhart, 2016, S. 60). In Bezug auf die SFBT, wird folgend die Bedeutung der Strukturierung und Standardisierung in der SFBT aus der Sicht von de Shazer aufgezeigt und anschließend die Begründung der Standardisierung des Leitfadens der vorliegenden Arbeit dargelegt. De Shazer’s Kurzzeittherapie startet mit der Formulierung von Beschwerden durch den Klienten. Der therapeutische Prozess fokussiert auf die Formulierung von Lösungen und das Erkennen von Veränderungen auf dem Weg zur Zielerreichung. Dies hilft dem Klienten vorgefasste Blickwinkel zu ändern und Ausnahmen zu entdecken, die zu Unterschieden in der bisherigen Problemsicht werden, welche einen Unterschied darstellen und daher eine Lösung anstoßen können. De Shazer hat basierend auf seinen Sitzungserfahrungen seine Sitzungsschritte standardisiert, wohlwissend, dass trotzdem jede Therapie individuell und situationsabhängig ist (vgl. de Shazer, 2015, S. 9f.). Strukturierung und Standardisierung zeigen nach de Shazer Vorteile. Diese liegen beispielsweise in der Übertrag- und Vergleichbarkeit der einzelnen Sitzungen. Ferner liegt ein Vorteil in der Effektivität eines standardisierten vordefinierten Vorgehens durch Verkürzung der Therapiezeit einerseits und durch bewusst gesteuerte Lösungsentwicklung andererseits. Die Kooperation zwischen Klient und Therapeut entwickelt sich aufgrund der Struktur des Interviews von selbst. Die Strukturierung und Standardisierung hindert den Therapeuten nicht daran, auch über Probleme, Beschwerden oder Schwierigkeiten zu sprechen oder Ursachen ein- bzw. auszuschließen (vgl. de Shazer, 2015, S. 15ff.). Je nach Antworten auf die vorstrukturierten Fragen gestaltet sich der Interviewablauf und trägt in gewissen Maßen zu einer Vereinfachung bei (vgl. de Shazer, 2015, S. 64). Ferner gibt es dem Klienten ein gewisses Gefühl von Vertrauen, dass die Intervention aufgrund einer Strukturierung sinnvoll und professionell und somit therapeutisch relevant ist (vgl. de Shazer, 2015, S. 30). Festzuhalten ist auch der Zeitpunkt, wann für den Klienten das Problem gelöst ist, um endlose Therapien zu vermeiden (vgl. de Shazer, 2015, S. 109). Wie eingehend erwähnt sichert die Struktur und Standardisierung auch einen entsprechenden Qualitätsanspruch, welcher vom Klienten erwartet wird. Aufgrund der Vorteile und des erwartenden Qualitätsaspektes, wird der Leitfaden standardisiert ausgearbeitet. In der abschließenden kritischen Reflektion werden etwaige Grenzen aufgezeigt.

4 Empirischer Teil: Methodisches Vorgehen mp

4.1 Methodik der Gruppenarbeitmp

Die vorliegende Arbeit ist ein Gemeinschaftsprojekt einer Zweiergruppe. Um den Herausforderungen der Gruppenarbeit und der zeitlichen Begrenzung zu entgegnen, wird ein Projektleiter bestimmt und ein Projektstrukturplan mit Meilensteinen erstellt. Dieser mindert das Risiko der terminlichen und koordinativen Komponente durch Planung, Steuerung und Kontrolle. Das Projekt wird in Teilschritte mit entsprechenden Meilensteinen ausgerichtet und entsprechend den vorgegebenen zeitlichen Rahmen eingeteilt. Laufende Abstimmungen der Gruppenmitglieder und Meilensteinbesprechungen ermöglichen einen kontrollierten Fortschritt, qualitative Anpassungen und die zeitliche Einhaltung. Da die Gruppenmitglieder räumlich getrennt sind, wird die Gruppenarbeit auf virtueller Basis gehandhabt. Zur Unterstützung des Austausches dienen Videotelefonie mittels Skype, Dokumente-Teilung via eMail und gemeinsame Online-Bearbeitung mittels Box sowie spontaner Nachrichtenaustausch mittels WhatsApp. Um den Umfang der Gruppenarbeit von ungefähr 50 Seiten anteilsmäßig und ausgeglichen auf die Gruppenmitglieder aufzuteilen, wird ein gemeinsames Struktur-Dokument, als Spiegel des Inhaltsverzeichnisses, in Excel aufgestellt und dient als Exposé. Die Inhaltsstruktur mit den Seitenangaben hilft, bei der anteilsmäßigen Aufteilung der Textbausteine auf die Mitglieder, als auch bei der Strukturaufteilung der Textteile, um Einleitung, methodischen Teil sowie Schlussteil prozentuell gemäß Kriterien einer wissenschaftlichen Arbeit zu gewichten. Ferner werden die Teilbereiche der Arbeit stets abwechselnd adressiert, um sicherzustellen, dass beide Gruppenmitglieder sich sowohl mit Theorie, Praxis, Einleitung, Schluss und Methodik beschäftigen. Eine abschließende Kurzüberprüfung der Anzahl der Wörter der vorliegenden Arbeit unter Berücksichtigung des Arbeitsaufwandes der in Excel aufgestellten und durchgeführten Nutzwertanalyse sichert ebenfalls den ausgeglichenen Arbeitsumfang. Die strukturierte und abgestimmte Herangehensweise gewährleistet, den zeitlichen Rahmen von ca. drei Monaten zur Verfassung der Gruppenarbeit, einzuhalten. Im Anhang finden sich die Meilensteine (A), der Strukturplan (B) sowie der Persönlichkeitstest B5T (C) und die finale Nutzwertanalyse (D). Die verfassten Teile sind mit den Initialen der Gruppenmitglieder gekennzeichnet, um die Autorenschaft zu belegen (mp; ks).

4.2 Literaturrecherche und -sichtungmp

Zur Entwicklung eines standardisierten Leitfadens für die Eingangsdiagnostik im Kurzzeit-Coaching wird im Vorfeld eine systematische Literaturrecherche durchgeführt. Die gezielte Suche nach den Erfolgskomponenten und Kriterien der psychologischen und Coaching-Diagnostik, der spezifischen Eingangsdiagnostik, Studien der Wirksamkeit und den Erfolgskriterien in der Kurzzeittherapie nach Steve de Shazer ermöglicht das Auffinden von vorhandenem, publizierten, inhaltlich relevanten und wissenschaftlichen Datenmaterial. Sie schafft eine qualitative Literaturbasis, welche einen Überblick über den aktuellen Wissensstand ermöglicht. Dieser dient als Grundlage für das Verständnis der Materie, der aktuellen Diskussionen und Forschungslücken, um darauf ansetzend einen standardisierten Leitfaden für die Coaching-Eingangsdiagnostik in der Kurzzeit-Beratung zu entwickeln. Die Literatursuche erfolgt sowohl in deutsch- als auch englischsprachiger Literatur. Schlüsselwörter, die für die Literatursuche in beiden Sprachen Anwendung finden, lauten: "Coaching", "Diagnostik", „lösungsorientiert“, "Eingangsdiagnostik", „Steve de Shazer“, „Solution-focused Brief Therapy (SFBT)“, „psychologische Diagnostik“, „Erfolgskomponenten“, „Erfolgsfaktoren“ und „Leitfaden“. Die verwendeten Operanten bei der Suche sind und/oder-Verknüpfungen. Datenquellen, welche durchsucht werden sind: Springer Bibliothek; Bibliothek der Universität Düsseldorf; Bibliothek der Donau-Universität Krems; Studienhefte der Apollon Hochschule; Coaching Magazine; psychologische wissenschaftliche Fachzeitschriften, Dissertationen, Kataloge und Datenbanken, wie EBSCO1 und Pub-Psych2. Ferner wurde eine spezielle Suche nach durchgeführten wissenschaftlichen Studien zum Thema Eingangsdiagnostik, Wirksamkeit der SFBT und Coaching durchgeführt, um entsprechend belegtes Datenmaterial zur wissenschaftlichen Untermauerung aufzufinden. Die Wissenschaftlichkeit des Materials, die Aktualität der Informationen, die Reliabilität, Objektivität und Validität der Quellen wurden bedacht.

Das Sichten des Materials, die Aufbereitung der Literatur und die Erschließung der relevanten Daten erfolgt ausgerichtet auf das Ziel der Arbeit, respektive der Erstellung eines maßgeschneiderten standardisierten Eingangsdiagnostikleitfadens für das lösungs-orientierte Kurzzeit-Coaching. Dies bildet das Wissensstandfundament des vorliegenden Projektes.

4.3 Analyse der Literatur und Bewertungmp

Zur Entwicklung einer maßgeschneiderten standardisierten Eingangsdiagnostik ausge-richtet auf die Philosophie der Kurzzeit-Therapie werden die wissenschaftlich fundierte psychologische Diagnostik, die Coaching-Diagnostik und die Leitideen und Erfolgsparameter der SFBT eingebunden.

Mithilfe des gesichteten Materials wird im ersten Schritt die psychologische Diagnostik analysiert. Als Grundlage dienen die Standardwerke von Wittchen & Hoyer (Diagnostische Prozesse in der Klinischen Psychologie), Schmidt-Atzert & Amelang (Psychologische Diagnostik) und Kubinger (Psychologische Diagnostik). Fokus in der Analyse und Bewertung wird auf die nachhaltigen Item-Erfolgskomponenten der Diagnostik und eingangsdiagnostische Verfahren gelegt, um diese Items zu extrahieren und auf Relevanz für die Eingangsdiagnostik im Kurzzeit-Coaching nachfolgend zu bewerten.

Im zweiten Schritt wird die Eingangsdiagnostik im Coaching gesichtet. Als Ausgangsbasis dient das Werk von Möller & Kotte (Diagnostik im Coaching), welches eine systematische Übersicht über die bis dato wenig erforschte Diagnostik im Coaching bietet. Als Grundlage des zu etablierenden Leitfadens dient das Kasseler Coaching Inventar für die Eingangs-diagnostik, welches aktuell den einzigen relevanten eingangsdiagnostischen Leitfaden für das Coaching darstellt. Die Items des Inventars werden ebenfalls auf die Relevanz des Kurzzeit-Coachings folgend bewertet.

Im dritten Schritt werden die Bewertungskriterien für die ausgewählten zu überprüfenden Items extrahiert. Als Kriterien zur Bewertung werden die Erfolgsfaktoren, die Leitideen und die Erfahrungen aus den Erstsitzungen aus der SFBT herangezogen. Diese sind: (1) Lösungsorientierung sowie Fokus auf funktionierende Ausnahmen; (2) Kompetenz-, Fähigkeiten- und Ressourcenorientierung; (3) Interpretationslosigkeit des Coaches; (4) positive, fragenorientierte Kommunikation und Sprache; (5) Zielausrichtung und -formulierung; (6) Zukunftsorientierung (Wunderfrage). Eine konkrete Beschreibung dieser Bewertungskriterien findet in Punkt 4.5 statt.

4.4 Itemauswahl aus unterschiedlichen Disziplinen mp

4.4.1 Psychologische Diagnostikmp

Die Kernbereiche der klinisch-psychologischen Diagnostik nach Wittchen und Hoyer (2011), Schmidt-Atzert und Amelang (2012) und Kubinger (2006) werden folgend näher erläutert und als Items in den Leitfaden zur Bewertung aufgenommen. Kernbereiche der psychologischen Diagnostik sind Problembeschreibung, Symptom- und Befundanalyse und Erkennen der funktionalen Bedingungen. Des Weiteren fokussiert sie auf das Diagnostizieren der Klienten-Eigenschaften und der Analyse seiner Lebensbedingungen und zielt auf eine klassifikatorische Diagnose ab. Sie dient als Entscheidungshilfe für die Art der Behandlung und Vorhersage der Erfolgswahrscheinlichkeit (vgl. Erhart, 2016, S. 19). Der erste Fragenteil umfasst das Problemumfeld. Die Problem-, Symptom- und Befundbeschreibung ermittelt die offensichtlichen Aspekte des Klienten-Anliegens und der Symptomatik. Die funktionale Problem- und Bedingungsanalyse erfasst den Kontext, in dem die Probleme auftreten. Die Darstellung der Problemvorgeschichte versucht Zusammenhänge aus früheren Umständen zu ermitteln. Der zweite Fragenblock umschließt den persönlichen und familiären Hintergrund samt Persönlichkeit, Verhalten und Einstellungsfokus des Klienten. Die Anamnese unterteilt sich in die Familien- und biografische Anamnese des Klienten, um ursprüngliche Besonderheiten oder etwaige Ursachenzusammenhänge erkennen zu können. Die Diagnostik der Eigenschaften, der Persönlichkeit, der Einstellungen und des Verhaltens fokussiert auf das Individuum und eruiert die Persönlichkeitsstruktur, das Leistungspotenzial und neuropsychologische Aspekte. Der dritte Itemblock fokussiert auf das Lebensumfeld. Die Lebensbedingungs-analyse und jene der aktuellen Lebenssituation richten den Blick auf die Gegenwart und das Umfeld und geben Einblick in die aktuelle Lebenssituation auf verschiedenen Ebenen, wie beispielsweise der sozialen oder kulturellen Ebene. Der letzte Block an Items umspannt die Diagnose, den Therapieentscheid und die Kontrolle. Ziel der Diagnose ist die Kategorisierung der Störung gemäß der internationalen Klassifikation von Krankheiten (ICD-10) der WHO. Durch die Verwendung von diagnostischen Werkzeugen, wie Tests oder Fragebögen, wird die Multimedialität gesichert und die Fremdsicht und Objektivität gewährleistet. Diese Standardisierung ermöglicht eine einheitliche Kommunikation. Informationsgewinnung findet beispielsweise durch freie Exploration, Checklisten, strukturierte klinische Interviews und standardisierte Interviews, Tests oder Fragebögen statt. Die Behandlungsartentscheidung und die Prognose der Zielerreichungswahr-scheinlichkeit samt Kontrolle des Behandlungsverlaufes mittels Skalierungsfragen schließt die psychologische Diagnostik ab (vgl. Erhart, 2016, S. 19ff).

4.4.2 Das Kasseler -Coaching-Inventarks

Das Kasseler-Coaching-Inventar ist ein Leidfaden für die Diagnostik im Coaching für die Praxis (vgl. Möller, Kotte, 2013, S. 654). In der Psychotherapie wird ein Anamnesebogen für die Eingangsdiagnostik verwendet. Das Kasseler-Inventar ist der Anamnesebogen für die Eingangsdiagnostik im Coaching. Der Kasseler-Inventar-Leitfaden ist in fünf Ebenen unterteilt. Als erstes wird der Coaching-Hintergrund analysiert. In diesem Bereich wird das Alter des Klienten, wie der Kunde auf das Coaching aufmerksam geworden ist (wie erfolgreich sind die Marketingstrategien), Coaching-Anlass (warum wünscht sich der Klient eine Veränderung), Zeitpunkt der Anfrage (wieso wünscht der Klient sich zu diesem und zu keinem früheren Zeitpunkt eine Veränderung), bisherige Lösungsversuche, Vorerfahrungen im Bereich des Coachings und Coaching-Ziele erfragt und festgesetzt (vgl. Möller, Kotte, 2013, S. 657). Der zweite Bereich, der im Kasseler-Inventar diagnostiziert wird, ist die Berufsbiographie und die organisationale Einbettung. Die konkreten Bereiche, die analysiert werden, sind professioneller Werdegang (Ausbildungsverläufe, Weiterbildungen, auf denen das Coaching aufbauen kann), Analyse der Weltanschauung (ein Physiker betrachtet die Welt anders als Theologen), berufliche Stationen (Welche Organisationstypen wurden vom Klienten kennengelernt? Welche Rollen würden innerhalb des Berufes eingenommen? Beruflicher Status – Student, Beamter, Selbstständig), berufliche Funktionen und berufliche Aufgaben die der Klient absolviert hat, Organisationstyp (Mitarbeiteranzahl, Organisations-form, Dienstleistungsunternehmen oder Handelsunternehmen) sowie das Team -und Organisationsklima (Betriebsklima, Anerkennung, Strafen und Aspekte der Wertschätzung im Betrieb) analysiert (vgl. Möller, Kotte, 2013, S. 658 ff.). Die dritte Ebene, auf der Kasseler-Inventar diagnostisch tätig ist, ist die Kurzbiographie. Bestimmt werden dabei der Beruf der Eltern und die Stellung in der Geschwisterreihe wenn vorhanden, das Genogramm (Mehrgenerationenperspektive), bedeutsame Lebensereignisse (Berufliche Erfolge und Misserfolge), die aktuelle Lebenssituation (Kinderwunsch, Einstellung zu Partnerschaft, Zufriedenheit mit Familienstand und Wohnsituation), biophysisches System (Gesundheits-zustand, Stresslevel und Stressanfälligkeit), Motivationsmuster, Normen und Werte, Stärke und Schwächen (Persönlichkeitstest B5T) sowie Lebensträume und Ziele (vgl. Möller, Kotte, 2013, S. 661 ff.). Die vierte Ebene in der Eingangsdiagnostik ist die Interaktions-Diagnostik. Dazu werden diese Bereiche konkret bestimmt: erster Eindruck, Beziehungsgestaltung (wie ist der Kontakt von Klienten zum Coach, freundschaftlich oder Dienstleitungsatmosphäre), Gegenübertragung (Diagnostik über Verhalten des Coachs zum Klienten, mütterlich, engagiert) und Einstellungen und Erwartungen an das Coaching (vgl. Möller, Kotte, 2013, S. 664 ff.). Die Letzte Ebene, die in der Eingangsdiagnostik im Coaching berücksichtigt wird, sind die Managementaufgaben. Diese Ebene wird eingesetzt, wenn der Klient eine Führungskraft ist. Hier wird analysiert, welche Aufgaben der Führungskraft als Vorgesetzter schwerfallen und welche nicht (vgl. Möller, Kotte, 2013, S. 666).

4.4.3 Verhaltensstichprobenks

Eine ausführliche Eingangsdiagnostik im Coaching ist unverzichtbar für den Coaching-Erfolg. Um den Coaching-Prozess planen zu können, muss die Diagnostik festlegen, welche Ziele im Coaching bearbeitet werden sollen (vgl. Möller, Kotte, 2013, S. 320).

Verhaltensstichproben sollen dazu dienen, dass der Klient dem Coach nicht nur eine Selbsteinschätzung über die Wünsche, Ziele und Ängste abgibt. Eine Fremdeinschätzung dient dazu, dass auch unbewusste Verhaltensweisen vom Coach eingeschätzt werden, die dem Klienten nicht bewusst oder irrelevant erscheinen (vgl. Möller, Kotte, 2013, S. 321). Der Coach entwickelt aufgrund seiner Beobachtung eine oder mehre Arbeitshypothesen. Arbeitshypothesen sind die Grundlage für die Interventionsplanung. Daher eignet sich die Verhaltensstichprobe für die Eingangsdiagnostik. Da die Verhaltensstichproben wichtige Daten zu dem Verhalten liefert die der Klient ändern oder erweitern möchte. Wenn das Coaching Thema sich auf ein Verhalten das für die Öffentlichkeit zugänglich ist, eignet sich das Instrument der Verhaltensstichproben. In den Schilderungen des Klienten werden automatisierte und habitualisiertes Verhaltensweisen nicht angegeben. Durch die Verhaltensstichproben ist es dem Coach möglich, diese zu erkennen und diese in der Interventionsplanung zu berücksichtigen. Durch eine Video-Aufzeichnung ist es möglich, diese unbewussten und automatisierten Verhaltensweisen dem Klienten bewusst und ansprechbar zu machen (vgl. Möller, Kotte, 2013, S. 322). Jede Verhaltensstichprobe hat einen Einstieg und einen Ausstieg. Der Einstieg beinhaltet die Klärung über die Beobachtung und die Bewertung. Das bedeutet, dass dem Klienten erläutert wird, wie und was in den Verhaltensstichproben analysiert wird. Beim Ausstieg ist zu beachten, dass alle Ergebnisse dem Klienten transparent gemacht werden und welche Bedeutungen der Coach darin erkennt (vgl. Möller, Kotte, 2013, S. 323 f.).

4.4.4 Persönlichkeitspsychologieks

Die Persönlichkeitspsychologie beschreibt die individuellen Persönlichkeitseigenschaften eines Menschen. Diese ergeben sich aus der körperlichen Erscheinung und aus den Regelmäßigkeiten des Verhaltens und Erlebens einer Person (vgl. Asendorpf, 2014, S. 3). Beim ersten Kennenlernen einer fremden Person werden die körperlichen Erscheinungen und die Regelmäßigkeiten des Verhaltens und Erlebens bewusst. Diese erweitern und korrigieren sich im weiteren Verlauf des Kennenlernens (vgl. Asendorpf, 2014, S. 3). Der Prozess der eben beschriebenen Bildung der Persönlichkeit eines Menschen ist differenziert zum wissenschaftlichen Diagnostizieren einer Persönlichkeit zu betrachten, da bei einer Alltagsbegutachtung von Persönlichkeitseigenschaften die Gütekriterien wie Objektivität, Validität und Rentabilität nicht angewandt werden. Wie oben beschrieben, muss eine diagnostische Begutachtung diese Elemente enthalten (vgl. Asendorpf, 2014, S.10). Es existieren mehrere Theorien über die Erfassung von Persönlichkeitsmerkmalen. Die ausgewählte Theorie für die vorliegende Arbeit ist das Big-Five-Modell von Lars Satow, dessen Grundlage auf die Theorie von Gordon Allport zurückführt. Die grundlegende Theorie des Big-Five-Modells ist die Trait-Theorie (vgl. Myers, 2014, S. 568 f.)

Grundlagen der Persönlichkeitspsychologie: Der Psychologiestudent Gordon Allport bemerkte in einem Gespräch mit Sigmund Freud, dem Gründer der Psychoanalyse, dass dieser nur ein Bestreben hätte: Sigmund Freud versuchte die verborgenen Motive eines Menschen aufzudecken. Das tat er auch in dem Interview mit Allport. Diese Erfahrung brachte Allport dazu, die Persönlichkeitsdefinition in sogenannten Traits zu beschreiben, was Freud völlig unbeachtet ließ. Traits sind typische Verhaltensweisen und bewusste Motive eines Menschen. Das Big-Five-Modell ist eine Möglichkeit, die Traits zu verfassen (vgl. Myers, 2014, S. 568 f.). Das Big-Five-Modell erfasst fünf Dimensionen von Persönlich-keitsmerkmalen: Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, Offenheit, Neurotizismus und Extra-version. Neurotizismus beschreibt die emotionale Stabilität oder Instabilität eines Men-schen. Die Extraversion beschreibt, ob ein Mensch extrovertiert und nach außen gesellig oder eher introvertiert und nachdenklich nach innen orientiert ist (vgl. Satow, 2012, S. 5 f.).

Messung der Persönlichkeit: Der Big-Five-Persönlichkeitstest (B5T) von Lars Satow wurde um drei Grundbedürfnisse erweitert, die für die Arbeits- und Organisations-psychologie bedeutsam ist. Diese Grundbedürfnisse sind Bedürfnis nach Anerkennung und Leistung (Leistungsmotiv), Bedürfnis nach Einfluss und Macht (Machtmotiv) und das Bedürfnis nach Sicherheit und Ruhe (vgl. Satow, 2012, S. 7f.). Um eine Testverfälschung seitens der Coaching-Teilnehmer zu vermeiden, ist eine Erfassung der Ehrlichkeit der Coaching-Teilnehmer in dem B5T-Test verankert. Viele Coaching-Teilnehmer könnten versuchen, das Testergebnis zu beeinflussen, um eine besseres Ergebnis zu erzielen. Dies führt dazu, dass das Testergebnis unbrauchbar ist (vgl. Satow, 2012, S. 9). Das ist der Grund für die Messung der Ehrlichkeit. Die Items im B5T-Test sind leicht formuliert und ab einer Altersklasse von 16 Jahren geeignet. Für die Antworten auf die Items wurde ein vierstufiges Likert-System gewählt. Das vierstufige Likert-Format hat den Vorteil, dass eine neutrale, mittlere Antwort auf die Items nicht möglich ist. Die Antworten auf die Items sind trifft gar nicht zu (1 Punkt), trifft eher nicht zu (2 Punkte), trifft eher zu (3 Punkte) und trifft genau zu (4 Punkte), bei negativ gepolten Items verläuft die Punktevergabe von 4 bis 1 (vgl. Satow, 2012, S. 10). Zur Erfassung der drei Grundbedürfnisse wurden 28 Items entwickelt und erprobt (vgl. Satow, 2012, S. 10). Die Items beziehen sich auf diese Motive Interessen, Sehnsüchte, Visionen und Lebensträume als innere Kraftquelle (vgl. Satow, 2012, S. 10).

4.5 Bewertungskriterien für die Fragenauswahl des Leitfadensmp

Die gesammelten Items aus den unterschiedlichen Disziplinen bedürfen einer Auswahl, um sie in den zu entwickelnden Leitfaden aufzunehmen. Die in Punkt 4.3 kurz erwähnten sechs Bewertungskriterien werden nachfolgend näher ausgeführt. Das Verständnis dieser Kriterien ist Voraussetzung für die objektive Bewertung der Items zur Aufnahme in den finalen Leitfadenvorschlag.

Kriterium 1: Lösungsorientierung; Fokus auf funktionierende Ausnahmen: Das Kriterium stellt die Idee der SFBT sicher. Diese ist die Abwendung von der Grundidee des sokratischen Dialoges, da der Klient in dieser Therapieform zu wenig Möglichkeiten zur Exploration seiner Fähigkeiten, Ideen und Lösungsstrategien besitzt (vgl. de Shazer, Dolan, 2016, S. 9f.). Lösungsorientierung bedeutet die eigene Suche nach Möglichkeiten, die schon fragmenthaft vorhanden sind, und in der Vergangenheit schon zu Erfolg führten (vgl. de Shazer, Dolan, 2016, S. 12f.). In der Bewertung der Items nach diesem Kriterium, sind jene die eine Problemsicht fördern niedrig zu bewerten und jene die nach Lösungen und funktionierenden Ausnahmen fragen, höher zu bewerten.

Kriterium 2: Kompetenz-, Fähigkeiten- und Ressourcenorientierung: Die Items werden mit dem zweiten Kriterium nach deren Ressourcen- bzw. Kompetenzorientierung bewertet. Dabei können Fragen zwar das Problem durchleuchten, aber im Hinblick auf etwaige Kompetenzen und Ressourcen, die es ermöglichten eine Lösung oder Verbesserung in der Vergangenheit zu bewirken. Es wird davon ausgegangen, dass es stets Ausnahmen gibt, die eine Problemlösung ermöglichen. Nach diesen Ausnahmen wird gesucht (vgl. de Shazer, Dolan, 2016, S. 18) und diese sollen durch die Fragen adressierbar sein. Items, die lösungsfokussierte Fragen fördern und Ressourcen und Kompetenzen aufstöbern versuchen, um eine Lösung zu entwickeln, sind höher zu bewerten als jene die darauf nicht Bedacht nehmen.

Kriterium 3: Interpretationslosigkeit des Coaches: Die Items müssen sicherstellen, dass das Unterlassen von subjektiven Bewertungen auf der Basis von willkürlichen nicht erwiesenen Annahmen durch den Coach, stattfindet. Die Fragen müssen wertschätzend, motivierend und hoffnungsstiftend sein und es wird davon ausgegangen, dass der Klient sein Bestes gibt und allein er selbst Besitzer des Lösungsschlüssels ist (vgl. de Shazer, Dolan, 2016, S. 18f.). Items, welche die Interpretationslosigkeit des Coaches ermöglichen, werden mit höheren Punkten bewertet als jene die dieses Kriterium nicht erfüllen.

Kriterium 4: positive, fragenorientierte Kommunikation / Sprache: Des Weiteren ist eine lösungsorientierte, positive Sprache relevant. Sie entspricht einer auf die Zukunft und Lösung orientierten Kommunikation. Sie wendet sich von der problemorientierten Sprache, die auf die Vergangenheit konzentriert ist, ab und deutet auf die Endlichkeit von Problemen hin (vgl. de Shazer, Dolan, 2016, S. 24). Es ist darauf zu achten, dass die Fragen diesem Aspekt genügen. Jene Items, die dieses Kriterium erfüllen, sind höher zu bewerten als jene Items, welche den Aspekt nicht ermöglichen.

Kriterium 5: Zielausrichtung und -formulierung: Die auf Lösung gerichteten Ziele sind ein wichtiger Erfolgsfaktor der SFBT. Es wird auf eher kleine, schrittweise Erreichung des Zieles fokussiert. Im Falle des Nichtfindens des Zieles oder der Unklarheit hilft die Philosophie der Wunderfrage, die eingehend erläutert wurde (vgl. de Shazer, Dolan, 2016, S. 30). Der Ansatz zielt auf kleine, langsame Schritte ab, um Klienten zum Nachdenken zu animieren (vgl. de Shazer, Dolan, 2016, S. 230). Es ist darauf zu achten, dass die Fragen diesen Ansatz genügen. Eine Rück- bzw. Problemschau würde diesen Faktor nicht adressieren und die Items wären entsprechend niedriger zu bewerten.

Kriterium 6: Zukunftsorientierung (Wunderfrage): Dieses Kriterium, welches eines der beiden Leitsätze der SFBT darstellt, bezieht sich auf die Tatsache, dass die Zukunft einerseits etwas Geschaffenes andererseits etwas Verhandelbares ist. Fragen im Dialog sind somit vorrangig auf die Gegenwart und die Zukunft zu richten und nicht auf die Vergangenheit zu fokussieren (vgl. de Shazer, Dolan, 2016, S. 28). Die gelisteten Fragen bedürfen einer Bewertung in Hinblick auf die Zukunftsorientierung und respektive Abwendung von einer Vergangenheits- bzw. Problemorientierung und sind folgend dementsprechend zu bewerten.

4.6 Punkteschema für die Bewertung der Itemsmp

Das zugrundeliegende Punkteschema zur Bewertung der Items basiert auf dem deutschen Schul-Notensystem. Auch Universitäten verwenden die Schulnotenskala, neben den ECTS-Punkten (European Credit Transfer System) zur Bewertung von Klausuren. Das Notensystem ist einheitlich, bekannt und die einzelnen Notengrade klar gesetzlich definiert. Die Notendefinition laut KMK-Beschluss3 aus dem Jahre 1968 stellt eine bundesweite Vereinheitlichung sicher. Die Notenskala reicht von 1 „sehr gut“ als beste Leistung bis zu 6 „ungenügend“, als nicht ausreichend (vgl. Tab. 4.1). Ferner gibt es ein zweites deutsches Notensystem, welches aus Punkten besteht. Die Punktezählweise von 0 bis 15 Punkten wird beispielsweise im Abitur angewandt. Die Umrechnung der Punkte auf das Notenschema erfolgt in folgender Weise:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab. 4.1.: Deutsches Notensystem laut KMK (Quelle: KMK Beschluss 1968)

Basierend auf dieser Noten- und Punkteskala, in Anlehnung an das deutsche Notensystem laut KMK werden die unterschiedlichen Items mit 0 bis 15 Punkten bewertet.

Die Note 1 „sehr gut“ (15-13) wird vergeben, wenn das Item der Philosophie, also den Erfolgsfaktoren und der Leitidee der SFBT und der Coaching-Eingangsdiagnostik im besonderen Maße entspricht. Das Item stammt aus der SFBT, wird als Teil der Ersten Sitzung empfohlen oder erfüllt weit über das Wesentliche hinausgehende Ausmaß an Relevanz für die Exploration.

Die Note 2 „gut“ (12-10) ist zu vergeben, wenn das Item der Leitidee und den Erfolgsfaktoren sowie Empfehlungen für Erste Sitzungen im korrekten Maße in allen Bereichen entspricht und für den diagnostischen Eingangsprozess relevant ist. Ein Weglassen des Items würde eine unvollständige Diagnostik und Prozessmängel zur Folge haben.

Die Note 3 „befriedigend“ (9-7) wird angewandt, wenn das Item in wesentlichen Bereichen der Philosophie der SFBT entspricht und eingangsdiagnostische Relevanz aufweist. Dabei können manche Ideen oder Empfehlungen der SFBT nicht zur Gänze erfüllt sein. Diese Mängel in der Übereinstimmung sind jedoch nicht tragend genug, um das Item aus der Eingangsdiagnostik auszuschließen.

Die Note 4 „genügend“ (6-4) ist zu vergeben, wenn das Item dem Konzept der SFBT oder dem Konzept der Eingangsdiagnostik noch ausreichend entspricht, auch wenn bereits Teile der Leitideen, der Empfehlungen der SFBT oder der Coaching-Eingangsdiagnostik nicht mehr erfüllt sind. Es ist davon auszugehen, dass das Item für die Eingangsdiagnostik verwendbar ist, jedoch keine tragende Auswirkung auf den anschließenden Coaching-Prozess ausübt, und eventuell ein Weglassen des Items keinen Unterschied machen würde. Die Note 5 „mangelhaft“ (3-1) ist für Items zu vergeben, die im Wesentlichen weder der SFBT noch der Eingangsdiagnostik entsprechen. Ein Beibehalten des Items im diagnostischen Eingangs-Prozess hat keine Relevanz für das Coaching noch für den erfolgreichen Verlauf der Sitzungen.

Die Note 6 „ungenügend“ (0) betrifft alle Items, die keinen Bezug zur SFBT noch zur Eingangsdiagnostik darstellen, und diesen Prozess nicht fördern. Die Aufnahme des Items würde keinen Beitrag zum eingangsdiagnostischen Vorgehen leisten. Schlimmsten Falls, würde die Aufnahmen, sogar eine negative Auswirkung in der Eingangsdiagnostik bewirken.

4.7 Clusterung der Itemsmp

Die ausgewählten Items der unterschiedlichen Ansätze werden einer Clusterung unterzogen, da sie zu Gruppen zusammenfassbar sind und dies die Lesbarkeit fördert. Die Bündelung der Items folgt der Einteilung der psychologischen Diagnostik (nach Wittchen, Hoyer) und umspannt die (1) biografische und biophysische Anamnese, die (2) Problembe-schreibung und funktionale Bedingungsanalyse, die (3) Lebensbedingungsanalyse und die (4) Eigenschaftsdiagnostik. Nicht abgedeckt sind dadurch Items aus dem Coaching und der SFBT. Diese Bereiche werden ebenfalls gruppiert und umfassen die (5) Beziehungs-komponente, den (6) Lösungs- und Zielfokus sowie das (7) systematische, methodische Vorgehen, also den Prozess an und für sich. Die Clusterung wird aus Übersichtsgründen durchgeführt.

Das Cluster der biografischen & biophysischen Anamnese umspannt alle Items in Bezug auf den Namen, das Alter, den Beruf der Eltern, die Stellung der Geschwister (ggf. Genogramm), das biophysische System sowie die biografische und Familienanamnese. Die Anamnese ist Teil beider Ansätze – Coaching und psychologischer Diagnostik. Die Bereiche fokussieren auf die Eigenanamnese, also die Auskunft durch den Klienten sowie die Familien- und Sozialanamnese. Eine Fremdanamnese ist nicht vorhanden. Hauptpunkte der biografischen und biophysischen Anamnese nach Wittchen, Hoyer (2006) sind die Familiensituation, die Biografie des Klienten und die körperliche Verfassung.

Die Gruppe der Problembereichsbeschreibung, -analyse und funktionalen Bedingungsanalyse umspannt Fragen nach dem Zeitpunkt der Kontaktaufnahme, die Beschreibung des Problems, die Darstellung, die Symptome und Befunde, die funktionale Problem- und Bedingungsanalyse sowie die Problemvorgeschichte. Nach Wittchen, Hoyer (2006) ermöglicht sie, das Problem initial zu beschreiben, zu analysieren und zu strukturieren. Die funktionale Bedingungsanalyse versucht Einblick in auslösende Faktoren, in die Konsequenzen des Problemverhaltens und in die eigenen Erwartungen zu geben.

Der Block der Lebensbedingungen zeigt den beruflichen Hintergrund, bedeutsame Lebensereignisse, die aktuelle Lebenssituation und die Analyse der Lebensbedingungen, in unterschiedlichen Bereichen (sozial, kulturell, …). Gemäß Wittchen, Hoyer (2006) fokussiert dieser Bereich unter anderem auf die objektiven Bedingungen sozialer, ökologischer, ökonomischer und gesellschaftlicher Natur.

Das Eigenschaftsdiagnostik -Cluster umfasst die Eigenschaften, die Persönlichkeit, die Einstellungen, das Verhalten, die Motivation, die Stärken und Schwächen sowie Normen und Werte des Klienten. Laut Wittchen & Hoyer (2006) fokussiert sie auf Leistungs- und Fähigkeitspotenziale sowie auf die Persönlichkeit. Sie umfasst daher auch die eigenen, bisherigen Lösungsversuche und die Vorerfahrungen mit Coaching, da dies Ressourcenorientierung darstellt.

Der Bereich der Beziehungskomponente umfasst Items, welche sich auf die persönliche Beziehungsgestaltung zwischen Coach und Klient beziehen. Sie klärt den Ersten Eindruck und zeigt auf, wie sich der Kontakt zwischen Coach und Klient gestaltet. Ferner versuchen diese Fragen aufzuzeigen, ob es etwaige Über- oder Gegenübertragungen zwischen Coach und Klient gibt, welche den Interpretationslosigkeitsanspruch der Beratung gefährden würden.

Das Cluster Lösung, des Ziel- und Erwartungsfokus fokussiert auf bereits eingetretene Veränderungen, schon zu Beginn der Sitzung und die gezielte Suche nach Ausnahmen, also Bereichen, in denen das Problem nicht existent ist. Dieser Bereich ist in der psychologischen Diagnostik nicht vertreten, er nimmt Bezug auf das Konzept der SFBT.

Die Ziel- und Erwartungsausrichtung eruiert die Lebensziele, Lebensträume, Einstellungen und Erwartungen an das Coaching. Ferner wird die Frage nach dem möglichen Ende des Coachings aus unterschiedlichen Sichtweisen (Klient, Coach, System) gestellt. Die Entscheidung über die Art der Behandlung und die Prognose des Ergebnisses sowie die Kontrolle des Behandlungsverlaufes sind ebenfalls Teil der zielfokussierten Fragen. In der psychologischen Diagnostik sind die Erwartungen an die Therapie und die Prognose-erstellung durch den Therapeuten zielorientiert. Dieser Bereich ist im SFBT tragend, und deshalb als eigenes Cluster abgebildet.

Das prozessrelevante Cluster beinhaltet die Notwendigkeit der Definitionsklarheit des Problems und des Ziels sowie die klassifikatorische Diagnose und den Ansatz der Multimedialität, also die Verwendung von Tests oder Fragebögen zur Förderung der Fremdsicht und Objektivität. Ferner bedarf es der rechtlichen Abklärung, ob es sich um ein Coaching oder eine Psychotherapie handelt.

4.8 Beschreibung der Nutzwertanalyse als Bewertungsverfahrenmp

Die Leitfadenfragen können einer monetären, quantitativen Bewertung nicht unterzogen werden. Die Aspekte wie Lösungsorientierung, Kompetenzorientierung oder Zielfokus sind qualitative Alternativen, und können quantitativ nicht bemessen werden. Diese würden keine eindeutigen Ergebnisse lukrieren. Um Anhaltspunkte für die Entscheidung in Bezug auf die Übernahme der Items in den zu konzipierenden Leitfaden zu erhalten, wird eine qualitative Bewertung durchgeführt. Dies erfolgt nach dem Konzept der Nutzwertanalyse, eines Punktebewertungsverfahrens aus der Entscheidungstheorie.

[...]


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2 PubPsych: vertikales Open-Access-Suchportal für Psychologie und verwandter Nachbar-disziplinen.

3 KMK: Ständige Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland

Ende der Leseprobe aus 72 Seiten

Details

Titel
Eingangsdiagnostik im Coaching
Untertitel
Entwicklung eines standardisierten Leitfadens für das lösungsorientierte Kurzzeit-Coaching
Hochschule
APOLLON Hochschule der Gesundheitswirtschaft in Bremen  (Angewandte Psychologie)
Veranstaltung
Psychologische Methodenlehre
Note
2
Jahr
2018
Seiten
72
Katalognummer
V907188
ISBN (eBook)
9783346226877
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Diagnostik Coaching Kurzzeit Coaching Psycholgische Methodik Leitfaden
Arbeit zitieren
Anonym, 2018, Eingangsdiagnostik im Coaching, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/907188

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