Das 21. Jahrhundert ist geprägt von Digitalisierung, Schnelligkeit und Entgrenzung. Themen wie Stress und Burnout sind Alltagserscheinungen und nicht länger Modediagnosen. Menschen suchen respektive nach raschen Lösungen im sich rasant ändernden Umfeld. Der gesunde Kranke sucht Unterstützung, welche in Form von Beratung nachgefragt wird. Der Coaching-Markt boomt folglich. Die lösungsorientierte Kurzzeit-Beratung, nach der Philosophie der Solution-focused Brief Therapy (SFBT) von Steve de Shazer, ist eine Antwortmöglichkeit auf dieses erstarkte Bedürfnis nach rascher Lösung. Die Leitideen der SFBT besagen, dass Zukunft – egal welche Vergangenheit vorliegt - formbar ist und dass jeder Mensch, die notwendigen Ressourcen und Fähigkeiten besitzt, sein Veränderungsziel aus eigenen Kräften zu erreichen. Das praxisorientierte Kurzzeit-Coaching greift diese Philosophie aus der psychotherapeutischen Disziplin auf. Um rasch, erfolgreich und effizient zu handeln, bedarf es einer Systematik im Coaching. Eine zielgerichtete und standardisierte Eingangsdiagnostik würde den Coaching-Prozess entsprechend positiv beeinflussen. Aktuell gibt es weder einschlägige Literatur zu diesem Thema noch respektive eingangsdiagnostische Werkzeuge, die diese Anforderung unterstützen würden.
Das vorliegende Gruppenprojekt nimmt sich diesem Mangel an und hat zum Ziel, einen standardisierten Leitfaden für die Eingangsdiagnostik im Kurzzeit-Coaching zu entwickeln. Die Arbeit geht der Frage nach: „Was braucht der Coach zu Beginn der Kurzzeit-Intervention, um den Prozess zielgerichtet erfolgreich zu gestalten?“. Basis für den Leitfadenentwurf stellen die wissenschaftlich fundierte psychologische Diagnostik einerseits und die kaum existierenden Coaching-Inventare andererseits dar. Um die Ansprüche der lösungsorientierten Kurzzeit-Beratung zu sichern, werden in die Leitfadenentwicklung die Leitideen, die Erfolgsfaktoren und Empfehlung der SFBT aufgenommen. Aus diesen Basiskonzepten werden mögliche Leitfadenfragen entnommen und entsprechend der Philosophie der SFBT bewertet. Da die Fragen nur subjektiv bewertet werden können, findet die Bewertung der Fragen zur Aufnahme in den Leitfaden mittels qualitativer Nutzwertanalyse statt. Dies ermöglicht die Objektivität zu erhöhen und der Subjektivität in der Bewertung Einhalt zu gewähren. Ergebnis der vorliegenden Gruppenarbeit ist ein standardisierter Leitfaden für die Eingangsdiagnostik in der Kurzzeit-Beratung.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Stress, Burnout, Coaching - Phänomene des 21. Jahrhunderts
1.2 Tragweite der Eingangsdiagnostik im lösungsfokussierten Kurzzeit-Coaching
2 Diagnostik allgemein - Eingangsdiagnostik speziell
2.1 Was versteht man unter Diagnostik – Begriffsklärung
2.2 Bedeutung und Relevanz von Diagnostik im Coaching
2.3 Was ist die Psychologische Diagnostik?
2.4 Eingangsdiagnostik im Kurzzeit-Coaching
3 Solution-focused Brief Therapy (SFBT)
3.1 Kurzzeit-Coaching nach der Philosophie der SFBT von Steve de Shazer
3.2 SFBT: Leitideen, Erfolgsparameter, Empfehlungen
3.3 Die Bedeutung der standardisierten, strukturierten Informationserfassung
4 Empirischer Teil: Methodisches Vorgehen
4.1 Methodik der Gruppenarbeit
4.2 Literaturrecherche und -sichtung
4.3 Analyse der Literatur und Bewertung
4.4 Itemauswahl aus unterschiedlichen Disziplinen
4.4.1 Psychologischen Diagnostik
4.4.2 Das Kasseler -Coaching-Inventar
4.4.3 Verhaltensstichproben
4.4.4 Persönlichkeitspsychologie
4.5 Bewertungskriterien für die Fragenauswahl des Leitfadens
4.6 Punkteschema für die Bewertung der Items
4.7 Clusterung der Items
4.8 Beschreibung der Nutzwertanalyse als Bewertungsverfahren
5 Bewertungsergebnisse: Beschreibung und Interpretation, Leitfaden
5.1 Ergebnisse der NWA
5.1.1 Items vom Kasseler Coaching Inventar (Möller, Kotte, 2013)
5.1.2 Ergebnisanalyse der Items aus der Nutzwertanalyse nach SFBT Fragen von Steve de Shazer
5.1.3 Ergebnisanalyse der Items der Psychologischen Diagnostik nach Wittchen und Hoyer 2011, Schmidt- Atzert Amelang 2012, Kubinger 2006
5.2 Konstruktion des Leitfadens für die Eingangsdiagnostik im Coaching:
5.3 Anwendungsbeispiel
5.4 Testgütekriterien
5.5 Rechtliche und ethische Grundsätze für die Eingangsdiagnostik im Coaching
6 Diskussion & kritische Betrachtung
7 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit entwickelt einen standardisierten Leitfaden für die Eingangsdiagnostik im lösungsorientierten Kurzzeit-Coaching, um den Mangel an wissenschaftlich fundierten Instrumenten in diesem Bereich zu beheben und den Coaching-Prozess für den Klienten zielgerichteter zu gestalten.
- Entwicklung eines standardisierten Eingangsdiagnostik-Leitfadens
- Integration der Philosophie der Solution-focused Brief Therapy (SFBT)
- Anwendung der Nutzwertanalyse als qualitative Auswahlmethode
- Optimierung der Professionalität und Qualitätssicherung im Coaching-Erstkontakt
Auszug aus dem Buch
1.1 Stress, Burnout, Coaching - Phänomene des 21. Jahrhunderts
Das 21. Jahrhundert ist geprägt von Schnelligkeit, Globalisierung, Digitalisierung, Entgrenzung und Überengagement. Konsequenzen sind Erschöpfung, innere Leere und Orientierungslosigkeit. Tägliche Diskussionen über Stress oder Burnout als Modediagnose und eine mediale Flut zu diesen Themen zeigen eindrucksvoll die Auswirkungen eines sich rasch ändernden Umfeldes (vgl. Psota, Horowitz, 2016, S. 37 ff.). Burnout im Sinne von Ausbrennen ist keine anerkannte Krankheit gemäß der internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD-10) aber ein geflügeltes Wort, welches Teil der Alltagssprache geworden ist, und in einem gewissen Maße das heutige gesellschaftliche und berufliche Leben so treffend widerspiegelt. Eine aktuelle Studie der deutschen Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin untermauert dies.
Allen voran steht der Stressfaktor Arbeitsverdichtung, welcher zu diesem Ausbrennen führt (vgl. BAuA, 2017, S. 9). Stress hat vielfältige Auswirkungen: sowohl auf die humane Gesundheit, welches sich in psychischen und physischen Krankheiten widerspiegelt, als auch auf die wirtschaftliche Gesundheit, welches in steigende betriebs und volkswirtschaftliche Kosten aufgrund steigender Fehlzeiten und Ausfalltage resultiert. Obwohl das Thema Stress weit verbreitet und gut untersucht ist, gilt der Bereich heute immer noch als unzureichend thematisiert (vgl. BAuA, 2017, S. 93). Im Vordergrund stehen die Implementierung „kleiner Lösungen“, die zu spürbaren Verbesserungen führen. Eine umfassende Systematik ist nicht etabliert und ist eher vom Scheitern geprägt (vgl. BAuA, 2017, S. 97). Es stellt sich die Frage, ob es im 21. Jahrhundert rascher Lösungen mittels einer Psychotherapie für Gesunde bedarf. Coaching ist Beratung Gesunder und entspringt der Psychotherapie Kranker. Beratung Kranker orientiert sich am Problem, blickt zurück und versucht, die Ursachen zu erkunden.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Beschreibt die Phänomene des 21. Jahrhunderts wie Stress und Burnout und die daraus resultierende Notwendigkeit für eine systematische Eingangsdiagnostik im Coaching.
2 Diagnostik allgemein - Eingangsdiagnostik speziell: Definiert diagnostische Grundlagen und erörtert die Bedeutung der Diagnostik für die Professionalität und Qualitätssicherung im Coaching.
3 Solution-focused Brief Therapy (SFBT): Erläutert die lösungsorientierte Philosophie nach Steve de Shazer und deren Relevanz für kurzzeit-orientierte Beratungsprozesse.
4 Empirischer Teil: Methodisches Vorgehen: Detailliert die methodische Herangehensweise zur Item-Selektion mittels Nutzwertanalyse sowie die Literaturrecherche und theoretische Fundierung.
5 Bewertungsergebnisse: Beschreibung und Interpretation, Leitfaden: Präsentiert die Ergebnisse der Item-Bewertung, die Konstruktion des Leitfadens und dessen Anwendung sowie ethisch-rechtliche Rahmenbedingungen.
6 Diskussion & kritische Betrachtung: Reflektiert den Entwicklungsprozess des Leitfadens, dessen Grenzen sowie Möglichkeiten für zukünftige Verbesserungen und weiterführende Forschung.
7 Fazit: Fasst die Kernergebnisse der Arbeit zusammen und betont die Notwendigkeit einer standardisierten Eingangsdiagnostik für ein professionelles Kurzzeit-Coaching.
Schlüsselwörter
Coaching, Eingangsdiagnostik, lösungsorientiertes Kurzzeit-Coaching, SFBT, Steve de Shazer, psychologische Diagnostik, Nutzwertanalyse, Standardisierung, Interventionsdiagnostik, Ressourcenorientierung, Erstgespräch, Coaching-Prozess, Professionalität, Fragebogen, Persönlichkeitspsychologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Entwicklung eines standardisierten Leitfadens für die Eingangsdiagnostik, um den Coaching-Start im lösungsorientierten Kurzzeit-Coaching professioneller und strukturierter zu gestalten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit verknüpft die Bereiche der klassischen psychologischen Diagnostik, der lösungsorientierten Kurzzeittherapie (SFBT) nach Steve de Shazer und der praktischen Coaching-Diagnostik.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die Erstellung eines wissenschaftlich fundierten, standardisierten Fragebogens, der Coaches dabei unterstützt, den Coaching-Anlass und die Klienten-Bedürfnisse effizient und zielführend zu erfassen.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Zur Auswahl der relevanten Fragen (Items) wurde eine Nutzwertanalyse (NWA) durchgeführt, bei der verschiedene Kriterien der lösungsorientierten Philosophie auf ihre Eignung für den Coaching-Prozess bewertet wurden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil umfasst die theoretische Fundierung von Diagnostik und SFBT, die Beschreibung der empirischen Methodik zur Itemauswahl und die detaillierte Darstellung der gewonnenen Bewertungsergebnisse.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Coaching, Eingangsdiagnostik, Lösungsorientierung, SFBT, Professionalität, Nutzwertanalyse und Standardisierung.
Warum ist die Standardisierung für Coaches ohne psychologischen Hintergrund wichtig?
Ein standardisierter Leitfaden bietet Sicherheit, sorgt für eine einheitliche Qualität und ermöglicht es auch fachfremden Coaches, den Erstkontakt strukturiert und wissenschaftlich fundiert zu führen.
Welche Rolle spielt die "Wunderfrage" in der entwickelten Diagnostik?
Die Wunderfrage dient als lösungsorientiertes Instrument, um Zielklarheit zu gewinnen und den Fokus des Klienten von den Problemen der Vergangenheit auf eine erstrebenswerte Zukunft zu lenken.
Warum reicht ein Erstgespräch laut den Ergebnissen oft nicht aus?
Aufgrund der Komplexität der 25 entwickelten Items zeigt die Diskussion, dass eine sehr dichte Eingangsdiagnostik an zeitliche Grenzen stößt, weshalb die Selektion der wichtigsten Fragen entscheidend ist.
Wie wird mit der Subjektivität des Coaches umgegangen?
Durch die Standardisierung und die Anwendung der Nutzwertanalyse wird die Gefahr von willkürlichen Wahrnehmungsverzerrungen minimiert und eine objektivere Datengrundlage geschaffen.
- Citation du texte
- Anonym (Auteur), 2018, Eingangsdiagnostik im Coaching, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/907188