Misstrauen: Bedeutungszuwachs eines gesellschaftlichen Phänomens (?)


Hausarbeit, 2008

22 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitende Betrachtung und Klärung wichtiger Begriffe
1.1 Einleitung und Fragestellung
1.2 Was versteht man eigentlich unter einer „Vertrauen“ und „Misstrauen“?

2 Misstrauen: Bedeutungszuwachs eines gesellschaftlichen Phänomens?
2.1 Der Erklärungsansatz nach Hitzler – Kurze Darstellung der Thesen
2.2 Wie aber kommt Hitzler zu diesem Ergebnis? – Erste Ansätze
2.3 Wie wirkt sich nun dieses Interaktionsproblem aus?
2.4 Wie sieht eine Gesellschaft unter diesen Vorzeichen aus?

3 Abschließende Betrachtung

4 Verwendete Literatur

1 Einleitende Betrachtung und Klärung wichtiger Begriffe

1.1 Einleitung und Fragestellung

Gewerkschaftsführer, Fernsehmoderatoren, Politiker, Buchhändler, Journalisten, Offiziere und Manager in Großunternehmen – all diese Berufsstände oder Personengruppen haben, zumindest in statistischer Sichtweise, eines gemein: sie verkörpern diejenigen, die in einer für Gesamtdeutschland repräsentativen Umfrage als besonders unbeliebt auserkoren wurden.[1]

Was dabei als eine in Zahlenwerten oder Schulnoten ausgedrückte, vermeintliche Grundstimmung der BürgerInnen oftmals nur für einen kleinen Artikel und/oder Beitrag herhalten muss und somit nicht selten nur als kleine Randnotiz wahrgenommen wird, verdient beim näheren Hinsehen und in der Einordnung in weitere Zusammenhänge jedoch deutlich mehr Beachtung.

Unbeliebtheit als besonders negative Einschätzung, als eine Art „Stempel“ oder als Urteil/Beurteilung. Besonders davon betroffen dürfte hierbei die Gruppe der Politiker sein, welche offensichtlich nicht nur als Gesamtgruppe unter fehlendem Ansehen und niedriger Beliebtheit zu leiden hat, sondern durchaus und ganz besonders auch individuell persönlich in öffentlicher Beurteilung und Kritik steht. Die verschiedensten Meinungsumfragen und Stimmungsabbilder – besonders auch vor politisch wichtigen Ereignissen, wie z.B. Wahlen – zeugen davon.[2] Besonders eindringlich an eben diesen Arten von Bürgerbefragungen sind jedoch die deutlich werdenden Tendenzen, für die es sogar einen eigenen Begriff gibt: Politikverdrossenheit.

Die gezeigten Beurteilungen der Unbeliebtheit auf der einen Seite und eine deutlich spürbare Politikverdrossenheit auf der anderen, müssen – dies zumindest als kurz aufgeworfene Frage – doch auf konkreten Ursachen und/oder Gründen fußen? Das Stichwort, das sich einem an dieser Stelle aufdrängt, heißt: Misstrauen.

Umfragen (wie die eben angeführte Beliebtheitsumfrage des IfD Allensbach) drücken in Zahlen das aus, was Meinungen, Stimmungen und letztlich gar Verhaltensweisen häufig genug vermuten lassen. Es ist also offensichtlich – wenn auch freilich in unterschiedlichsten Ausprägungen – ein gewisses Misstrauen gegenüber Politikern, Politik sogar im Allgemeinen, gegenüber Institutionen, aber auch eine Zurückhaltung – wenn nicht sogar eine mit weiteren Folgen verbundene Ablehnungshaltung gegenüber der Gesamtgesellschaft, also bis hin zur Infragestellung der Rechtsstaatlichkeit – beobachtbar.

Dass diese Tendenzen besonders oft unter Jugendlichen und auch – zumindest in finanzieller Hinsicht – schlechter Gestellten der Gesellschaft zu beobachten ist und dies ein besonderes (auch gesondertes) Problem darstellt, soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben. Die verschiedensten Ausprägungen von Misstrauen in der gesamten Gesellschaft werden hiervon aber m.E. nicht überdeckt, sondern vielmehr noch an den folgenden Beispielen deutlich.

Zum einen sei hier die Repräsentativität der Befragungen genannt. Diese bezieht sich in der angeführten Umfrage, wie auch in der Mehrzahl der als seriös zu bezeichnenden politischen Meinungsumfragen ja doch stets auf die Gesamtgesellschaft. Die aufgeworfenen Problematiken, wie eben die des fehlenden Vertrauens bzw. gezeigten Misstrauens und damit verbundener Stimmungen und Meinungen, sind somit keine alleinigen Phänomene bestimmter Nischen – sondern in der gesamten Gesellschaft zu beobachten.

Zum anderen seien an dieser Stelle noch einige weitere Beispiele der Abnahme von (haltbaren) Vertrauensbeziehungen in der gesamten Gesellschaft genannt, betrachtet man nur einmal die stetig steigende Zahl von Ehescheidungen bzw. die sinkende Zahl von Eheschließungen – zu großen Teilen quer durch die Gesellschaft.

Fehlendes Vertrauen ist jedoch nicht nur auf intime Beziehungen begrenzt, sondern zieht sich nicht selten auch durch den (höchst öffentlichen) Bereich der Wirtschaft. Unterschiedlichste Nachrichten über Fehlinvestitionen, Unterschlagungen, Untreue etc. und ein schon zum allgemeinen Ton gehörendes Klagen über eine schlechte Zahlungsmoral, ausstehende Rechnungen, nicht gelieferte Waren usw. scheinen hierbei schon fast nicht wegzudenken. Fehlendes Vertrauen geht so allem Anschein nach oftmals Hand in Hand mit weiteren negativen Einstellungen, Einschätzungen und nicht zuletzt auch Handlungen.

Nach dieser einleitenden Betrachtung bleibt als Zusammenfassung festzustellen: Misstrauen stellt für sich also keineswegs nur eine in Umfragen deutlich werdende Beurteilung oder eine als Meinung geäußerte Randnotiz dar. Vielmehr ist anzunehmen, dass es die unterschiedlichsten gesellschaftlichen Gruppen und Bereiche durchzieht. – Hierbei drängen sich jedoch sogleich weitere Fragen auf: Wie kam und/oder kommt es aus soziologischer Sichtweise zu einem derartigen Aufschwung des zwischenmenschlichen Phänomens „Misstrauen“? Wie entstand und/oder entsteht also „Misstrauen“ als eine Art Gegenpol oder evtl. sogar Ersatz von „Vertrauen“?

Unter der Zuhilfenahme von bisherigen Bedeutungszuschreibungen des Begriffs „Vertrauen“ erscheinen diese Fragestellungen sogleich sehr dramatisch.

Vertrauen in Verfassung, Recht und Demokratie galt bzw. gilt bisher als eine, wenn nicht gar die Grundvoraussetzung für das Funktionieren von modernen (westlichen) Gesellschaften. Demokratie braucht bzw. baut regelrecht auf Vertrauen auf und setzt zu ihrem Bestand ein gewisses Vertrauen voraus. (vgl. Schaal 2004: 11) Vertrauen wird dabei auch in der Systemtheorie – besonders auch im Systemüberlebensmodell nach David Easton (vgl. Bleek/Lietzmann 2005: 252) – als eine Ressource von „diffuser Unterstützung“ (Schaal 2004: 11) der Demokratie angesehen, Luhmann spricht sogar von einem Systemvertrauen. (vgl. Laucken 2001: 57) Vertrauen besitzt somit unter diesen Sichtweisen ganz offenbar einen positiven Einfluss auf demokratische Performanz.

Unter diesem Eindruck werden nun für meine Hausarbeit die folgenden Fragen von großer Bedeutung sein:

1.) Welche Umstände, Auslöser und/oder Veränderungen führten oder führen zu einem Verlust einer in vielen Bereichen so grundlegend wichtigen Verlässlichkeit?
2.) Wie ist der Widerspruch oder Konflikt zwischen dem Angewiesensein der Demokratie auf Vertrauen auf der einen Seite und dem Ausbilden eines Misstrauens, welches dem hinderlich gegenüber steht, zu erklären?

Ich vermute dabei zum jetzigen Zeitpunkt, dass ich bei der Darstellung von Erklärungen besonders häufig auf die sich in der vorliegenden Literatur[3] schon andeutenden gesellschaftlichen Modernisierungsprozesse bzw. eine sich innerhalb dieses Prozesses vollziehende Individualisierung des Individuums treffen werde. (vgl. Ratzke 2003: 109)

Bevor ich aber zu den eigentlichen Hauptfeldern meiner Hausarbeit komme, möchte ich zunächst für diese Hausarbeit, aber auch zu meinem eigenen Verständnis, die Begriffe „Vertrauen“ und „Misstrauen“ kurz abstecken.

1.2 Was versteht man eigentlich unter „Vertrauen“ und „Misstrauen“?

Im folgenden Unterpunkt soll zumindest der Versuch unternommen werden, die beiden – für diese Arbeit grundlegenden – Begriffe „Vertrauen“ und „Misstrauen“ näher zu beleuchten. Schon beim Einlesen in die vorliegende Literatur deuteten sich bereits die vielfältigsten Bedeutungsgehalte an, die dem Begriff „Vertrauen“ in der Alltagssprache zugeschrieben werden. Je nach Vorstellung, Interesse und Perspektive erhielte man wohl eine Vielzahl unterschiedlicher Deutungen.

Allen Deutungen gemein ist dabei zumindest und zuerst einmal die Annahme, man habe es beim Begriff „Vertrauen“ mit einem speziellen Phänomen menschlichen Zusammenlebens zu tun. (vgl. Bosshardt 2001: 27) Diese „diffuse Unbestimmtheit“ (ebd.) erhält jedoch, je nach Betrachtungsperspektive, durch die unterschiedlichsten, die Gesellschaft untersuchenden Disziplinen zumindest einige erste konkrete Anhaltspunkte.

So spielt der Vertrauensbegriff beispielsweise sowohl in den Wirtschaftswissenschaften, wie auch in der Psychologie/Entwicklungspsychologie (Stichwort: Urvertrauen und die dazugehörigen Ausführungen von Erikson[4] ), der Politikwissenschaft (hier insbesondere wieder zu finden als so genanntes Institutionenvertrauen) und – gerade für diese Hausarbeit von besonderer Bedeutung – auch in der Soziologie eine oftmals tragende Rolle. In letzterer Disziplin ist der Vertrauensbegriff u.a., aber insbesondere mit Niklas Luhmanns Buch mit dem Titel „Vertrauen – Ein Mechanismus zur Reduktion von Komplexität“, welches er bereits im Jahr 1973 schrieb (vgl. Laucken 2001: 440), verwoben.

Als besonders wichtig für die Soziologie ist zudem herauszustellen, dass Vertrauen als affektive Haltung und emotionale Einstellung gegenüber bzw. zu Ereignissen, die durch Verhalten und Entscheidungen anderer zu Stande gekommen sind oder kommen werden, anzusehen ist. (vgl. Ratzke 2003: 14) Vertrauen bezieht sich danach also unmittelbar auf menschliches Handeln sowie die soziale Umwelt. Ein aus diesem Blickwinkel betrachteter Vertrauensbegriff stellt ein besonderes Merkmal von sozialem Handeln bzw. von sozialen Beziehungen dar, welches sich beispielsweise auch in der Beziehung zu im Auftrag handelnden Akteuren von Institutionen, Organisationen – allgemein: der sozialen Ordnung – ausdrückt. (vgl. ebd.: 15) Piotr Sztompka vermerkt hierzu, dass sich Vertrauen „letztendlich immer auf soziales Handeln und erst davon abgeleitet auf dessen Effekte oder Produkte“ (ebd.) bezieht. Vertrauen stellt sich danach durch bestimmte Eigenschaften ein, die im Handeln von Personen wahrgenommen werden.[5] Inwieweit diese vertrauensbildenden Eigenschaften für die Beantwortung der für diese Hausarbeit aufgeworfenen Fragen eine Rolle spielen, kann zu diesem frühen Zeitpunkt natürlich noch und nur offen bleiben.[6]

[...]


[1] Für Gesamtdeutschland repräsentative Umfrage unter 2108 Befragten, durchgeführt vom Institut für Demoskopie Allensbach (vgl. dazu Allensbacher Archiv, IfD-Umfrage 7071, Mai/Juni 2005 – abrufbar als pdf.-Datei unter http://www.ifd-allensbach.de/pdf/prd_0512.pdf)

[2] Nicht alltäglich und daher unvergessen wohl sicherlich auch das politische Jahr 2005, in welchem der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder die so genannte „Vertrauensfrage“ im Deutschen Bundestag stellte.

[3] Insbesondere vorzufinden bei Hitzler/Honer In: Beck/Beck-Gernsheim (Hg.) 1994, Ratzke 2003 und Laucken 2001

[4] Erikson veröffentlichte seine Ausführungen zum Begriff „Urvertrauen“ im Jahr 1973. Der Begriff hat seitdem das erzieherische Umgangswissen mitgeprägt. (vgl. Laucken 2001: 16)

[5] Sztompka führt als vertrauensfördernde Eigenschaften oder Qualitäten eine individuelle Kompetenz, Fairness, Integrität und Großzügigkeit an. Giddens nennt die Begriffe Redlichkeit, Ehrenhaftigkeit und Zuneigung (vgl. Ratzke 2003: 16)

[6] Als Förderer von Misstrauen wären an dieser Stelle natürlich Defizite bei den vertrauensbildenden Eigen-schaften zu vermuten. Inwieweit jedoch z.B. auch Defizite in der Wahrnehmung dieser Eigenschaften oder zusätzliche, weitere Faktoren eine Rolle spielen, kann nur im Bereich der Spekulation liegen.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Misstrauen: Bedeutungszuwachs eines gesellschaftlichen Phänomens (?)
Hochschule
Universität Erfurt  (Lehrstuhl Strukturanalyse moderner Gesellschaften)
Veranstaltung
Vertiefungsseminar Sozialstruktur und Vertrauen
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
22
Katalognummer
V90764
ISBN (eBook)
9783638071215
ISBN (Buch)
9783638956215
Dateigröße
477 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Misstrauen, Bedeutungszuwachs, Phänomens, Vertiefungsseminar, Sozialstruktur, Soziologie, Bedeutung, Entstehen, Vertrauen
Arbeit zitieren
Ludwig Finster (Autor), 2008, Misstrauen: Bedeutungszuwachs eines gesellschaftlichen Phänomens (?), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/90764

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