Auszug aus der Einleitung: Gewerkschaftsführer, Fernsehmoderatoren, Politiker, Buchhändler, Journalisten, Offiziere und Manager in Großunternehmen – all diese Berufsstände oder Personengruppen haben, zumindest in statistischer Sichtweise, eines gemein: sie verkörpern diejenigen, die in einer für Gesamtdeutschland repräsentativen Umfrage als besonders unbeliebt auserkoren wurden.
Was dabei als eine in Zahlenwerten oder Schulnoten ausgedrückte, vermeintliche Grundstimmung der BürgerInnen oftmals nur für einen kleinen Artikel und/oder Beitrag herhalten muss und somit nicht selten nur als kleine Randnotiz wahrgenommen wird, verdient beim näheren Hinsehen und in der Einordnung in weitere Zusammenhänge jedoch deutlich mehr Beachtung. Unbeliebtheit als besonders negative Einschätzung, als eine Art „Stempel“ oder als Urteil/Beurteilung. Besonders davon betroffen dürfte hierbei die Gruppe der Politiker sein, welche offensichtlich nicht nur als Gesamtgruppe unter fehlendem Ansehen und niedriger Beliebtheit zu leiden hat, sondern durchaus und ganz besonders auch individuell persönlich in öffentlicher Beurteilung und Kritik steht. Die verschiedensten Meinungsumfragen und Stimmungsabbilder – besonders auch vor politisch wichtigen Ereignissen, wie z.B. Wahlen – zeugen davon. Besonders eindringlich an eben diesen Arten von Bürgerbefragungen sind jedoch die deutlich werdenden Tendenzen, für die es sogar einen eigenen Begriff gibt: Politikverdrossenheit. Die gezeigten Beurteilungen der Unbeliebtheit auf der einen Seite und eine deutlich spürbare Politikverdrossenheit auf der anderen, müssen – dies zumindest als kurz aufgeworfene Frage – doch auf konkreten Ursachen und/oder Gründen fußen? Das Stichwort, das sich einem an dieser Stelle aufdrängt, heißt: Misstrauen. Umfragen (wie die eben angeführte Beliebtheitsumfrage des IfD Allensbach) drücken in Zahlen das aus, was Meinungen, Stimmungen und letztlich gar Verhaltensweisen häufig genug vermuten lassen. Es ist also offensichtlich – wenn auch freilich in unterschiedlichsten Ausprägungen – ein gewisses Misstrauen gegenüber Politikern, Politik sogar im Allgemeinen, gegenüber Institutionen, aber auch eine Zurückhaltung – wenn nicht sogar eine mit weiteren Folgen verbundene Ablehnungshaltung gegenüber der Gesamtgesellschaft, also bis hin zur Infragestellung der Rechtsstaatlichkeit – beobachtbar. [...]
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitende Betrachtung und Klärung wichtiger Begriffe
1.1 Einleitung und Fragestellung
1.2 Was versteht man eigentlich unter einer „Vertrauen“ und „Misstrauen“?
2 Misstrauen: Bedeutungszuwachs eines gesellschaftlichen Phänomens?
2.1 Der Erklärungsansatz nach Hitzler – Kurze Darstellung der Thesen
2.2 Wie aber kommt Hitzler zu diesem Ergebnis? – Erste Ansätze
2.3 Wie wirkt sich nun dieses Interaktionsproblem aus?
2.4 Wie sieht eine Gesellschaft unter diesen Vorzeichen aus?
3 Abschließende Betrachtung
4 Verwendete Literatur
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht den soziologischen Bedeutungszuwachs von Misstrauen als gesellschaftliches Phänomen und analysiert, inwieweit dieses im Kontext von Modernisierungs- und Individualisierungsprozessen als reaktives Verhaltensmuster oder als Folge einer erodierenden sozialen Ordnung zu verstehen ist.
- Analyse des Vertrauens- und Misstrauensbegriffs in soziologischer Perspektive.
- Untersuchung des Zusammenhangs zwischen Modernisierung und der "Bastelexistenz" des Individuums.
- Erforschung von Interaktionsproblemen in einer durch mangelnde Verlässlichkeit geprägten Gesellschaft.
- Diskussion des Konflikts zwischen individueller Freiheit und dem Bedürfnis nach Sicherheit.
- Darstellung der Folgen von Individualisierungsschüben für den sozialen Zusammenhalt.
Auszug aus dem Buch
2.3 Wie wirkt sich nun dieses Interaktionsproblem aus?
Unter der Annahme, dass der so betitelte „misstrauische Akteur“ bereits einen so überwiegend negativen Erfahrungsschatz angesammelt hat bzw. ansammeln musste, ist die Beeinflussung hierdurch oftmals schon so prägend, dass er dahin übergeht, für sich „allein und individuell“ (ebd.: 36) zu entscheiden. Er handelt zunehmend zweckorientiert, rational, in Erwartung eines für ihn möglichst positiv ausfallenden Nutzens und nicht zu letzt auch nach aktuellen Bedürfnissen und Präferenzen. (vgl. ebd. sowie Ebers 1995: 330/331) Einer Entscheidung für etwas oder jemanden liegt in diesem Falle stets ein möglichst positives oder begünstigendes Ergebnis zu Grunde. Das Ziel, eine Wahl möglichst mit dem günstigsten Ergebnis, wenn nicht gar mit dem meisten Profit abzuwägen und schließlich auch zu treffen, scheint in seiner Bedeutung für den modernen Menschen stark gestiegen.
Sich selbst das Leben, die eigene Biografie zu gestalten, ist in der vorliegenden Literatur eng mit dem Begriff „Bastelexistenz“ verknüpft. (Hitzler/Honer In: Beck/Beck-Gernsheim (Hg.) 1994: 310 und Ratzke 2003: 37) Frei nach der These „Wenn man sich schon nicht auf andere verlassen kann, möchte ich mich wenigstens auf mich verlassen und über mein Leben selbst Regie führen.“ stellt die „Bastelexistenz“ (ebd.) ein Ergebnis nach eigener Wahl aus allen verfügbaren biographischen Angeboten und Alternativen dar. Die Auswahl ist dabei vom Prinzip her nicht eingeschränkt, aus jeder Situation, aus dem Lebenslauf und auch aus der Gesellschaft insgesamt kann hier geschöpft werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitende Betrachtung und Klärung wichtiger Begriffe: Das Kapitel führt in das Thema ein, problematisiert die zunehmende Politikverdrossenheit und definiert die zentralen Begriffe Vertrauen und Misstrauen als soziologische Kategorien.
2 Misstrauen: Bedeutungszuwachs eines gesellschaftlichen Phänomens?: Hier werden die theoretischen Ansätze von Hitzler und das Individualisierungstheorem nach Beck genutzt, um Misstrauen als Resultat einer zersplitterten Lebenswelt und als Bewältigungsstrategie des modernen Individuums zu deuten.
3 Abschließende Betrachtung: Das Fazit führt die Ergebnisse zusammen und bewertet die Auswirkungen des Misstrauens auf das soziale Miteinander sowie die Verknüpfung der Probleme in einer modernen Gesellschaft.
4 Verwendete Literatur: Dieses Kapitel listet die für die Untersuchung herangezogenen wissenschaftlichen Werke und Internetquellen auf.
Schlüsselwörter
Misstrauen, Vertrauen, Individualisierung, Bastelexistenz, Moderne, soziale Ordnung, Interaktionsproblem, Verlässlichkeit, existenzielle Verunsicherung, Risikogesellschaft, Sinn-Markt, gesellschaftlicher Wandel, Soziologie, Lebensführung, Handlungspotential.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die soziologische Analyse von Misstrauen als einem Phänomen, das in der modernen Gesellschaft an Bedeutung gewinnt und die zwischenmenschlichen Beziehungen sowie das Vertrauen in Institutionen nachhaltig beeinflusst.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit fokussiert auf die Dynamik zwischen individueller Freiheit, gesellschaftlicher Individualisierung und dem Verlust von verlässlichen sozialen Strukturen.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die zentrale Frage ist, welche Umstände zu einem Verlust von Verlässlichkeit führen und wie der Widerspruch zwischen dem Angewiesensein auf Vertrauen und der Ausprägung von Misstrauen in der Moderne zu erklären ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine theoretische Literaturanalyse und diskursive Auseinandersetzung mit soziologischen Theorien, insbesondere den Individualisierungstheoremen von Ulrich Beck und Ronald Hitzler.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Mechanismen der "Bastelexistenz", die Auswirkungen von Interaktionsproblemen auf das Individuum und die gesellschaftlichen Konsequenzen der sogenannten "biographischen Freisetzung".
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Misstrauen, Vertrauen, Individualisierung, Bastelexistenz und existenzielle Verunsicherung.
Was genau versteht der Autor unter einer "Bastelexistenz"?
Dieser Begriff beschreibt ein Leben, in dem das Individuum mangels vorgegebener gesellschaftlicher Sinnzusammenhänge gezwungen ist, seine Biografie individuell aus verschiedenen Angeboten und Rollen selbst zusammenzusetzen.
Warum führt "Freiheit" laut der Arbeit paradoxerweise zu Misstrauen?
Der Autor argumentiert, dass die mit der Individualisierung gewonnene Freiheit ohne korrespondierende Sicherheit zu einer existenziellen Verunsicherung führt, die dazu zwingt, den Mitmenschen und Institutionen aus Schutzgründen misstrauisch gegenüberzutreten.
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- Ludwig Finster (Author), 2008, Misstrauen: Bedeutungszuwachs eines gesellschaftlichen Phänomens (?), Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/90764