Karriere trotz Dialekt? - Die Rolle von Standardsprache und Dialekt bei der Personalauswahl


Diplomarbeit, 2007
113 Seiten, Note: 1

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 Einleitung

THEORETISCHER TEIL
2 Kommunikation und Sprache
2.1 Kommunikationstheorien
2.2 Sprechen als soziales Handeln
2.3 Sprache im Konstruktivismus
3 Dialekt versus Standardsprache
3.1 Begriffsdefinitionen
3.1.1 Sprachvarietät
3.1.2 Standardsprache
3.1.3 Dialekt
3.1.4 Umgangssprache
3.1.5 Verkehrssprache
3.1.6 Soziolekt
3.2 Wissenschaftliche Disziplinen
3.3 Gründe für die Existenz mehrerer Varietäten
3.3.1 Die Bedeutung von Nonstandardvarietäten
3.3.2 Die Bedeutung einer Standardvarietät
3.4 Normen des Sprachgebrauchs
3.4.1 Situative Komponente
3.4.2 Diastrische Komponente
3.4.3 Diatopische Komponente
3.4.4 Subjektive Faktoren
4 Der deutsche Sprachraum
4.1 Region I: Dialektrückgang
4.1.1 Theorien des Dialektrückgangs
4.1.2 Dialektrückgang am Beispiel Norddeutschland
4.2 Region II: Dialekt-Standard Kontinuum
4.3 Region III: Diglossie
4.3.1 Begriffsbestimmung
4.3.2 Verwendung von Dialekt und Standard
4.3.3 Problembereiche der Diglossie
4.4 Das sprachliche Gefüge in Österreich: Polyglossie
4.4.1 Historische Entwicklungen von Dialekt und Standardsprache
4.4.2 Urbanisierung
4.4.3 Forschungsergebnisse zum Dialekt
4.4.4 Forschungsergebnisse zur Standardsprache
4.4.5 Forschungsergebnisse zum Sprachverhalten
5 Bewertung von Sprachvarietäten
5.1 Wissenschaftliche Bewertung von Sprachvarietäten
5.1.1 Inherent value-Ansatz
5.1.2 Imposed norm-Ansatz
5.1.3 Sprachemanzipatorische Bemühungen
5.2 Bewertung durch Laien
5.2.1 Laien-Linguistik
5.2.2 Stereotyp
5.2.3 Einstellung
5.2.4 Halo-Effekt
5.2.5 Sympathie
5.2.6 Rollenerwartungen
5.2.7 Kommunikative Kompetenz
6 Personalauswahl
6.1 Definition
6.2 Ziele der Personalauswahl
6.3 Das Bewerbungsgespräch als Methode der Personalauswahl
6.3.1 Ziele eines Bewerbungsgesprächs
6.3.2 Arten von Bewerbungsgesprächen
6.3.3 Probleme des Bewerbungsgesprächs
6.3.4 Empfehlungen für Unternehmen
6.3.5 Empfehlungen für Bewerber
7 Sprache und Karriere
7.1 Anforderungen an die sprachlichen Fähigkeiten
7.1.1 Anforderungen an die Verständlichkeit
7.1.2 Sektorale Anforderungen
7.1.3 Anforderungen an verschiedene Hierarchieebenen
7.2 Einflüsse der Sprachvarietät auf die Bewertung
7.3 Conclusio

EMPIRISCHER TEIL
8 Die qualitative Studie
8.1 Allgemeines
8.2 Hypothesen
8.3 Methode
8.3.1 Erhebung
8.3.2 Auswertung
8.4 Durchführung
8.4.1 Sampledarstellung
8.4.2 Zeitraum der Erhebung
8.4.3 Kategorienbildung
8.4.4 Subjektivität
9 Ergebnisse
9.1 Persönlicher Hintergrund und eigenes Sprachverhalten (Kategorie 1)
9.1.1 Kompetenz von Standardsprache und/oder Dialekt (1a)
9.1.2 Situativer Sprachgebrauch (1b)
9.1.3 Die österreichischen Dialekte: Unterscheidungsfähigkeit und Einstellung (1c)
9.2 Das sprachliche Verhalten anderer (Kategorie 2)
9.2.1 Sprache in der Öffentlichkeit (2a)
9.2.2 Dialektsprecher (2b)
9.2.3 Sprecher Standardsprache (2c)
9.3 Sprache im Bewerbungsgespräch (Kategorie 3)
9.3.1 Erwartungen an das sprachliche Verhalten des Bewerbers (3a)
9.3.2 Tatsächliches sprachliches Verhalten der Bewerber (3b)
9.3.3 Authentizität versus Anpassung (3c)
9.4 Sprache im Banken- und Versicherungssektor (Kategorie 4)
9.4.1 Dialekt versus Standardsprache (4a)
9.4.2 Anforderungen an höhere Hierarchieebenen (4b)
9.4.3 Barrierecharakter von Sprache für die Karriere? (4c)
9.5 Der deutsche Sprachraum (Kategorie 5)
9.5.1 Einflüsse der Internationalisierung auf die sprachlichen Anforderungen (5a)
9.5.2 Einstellungen gegenüber den Sprachvarietäten Deutschlands (5b)
9.5.3 Deutsch versus Österreichisch (5c)
10 Conclusio der Untersuchung
10.1 Zusammenfassung der Ergebnisse
10.2 Hypothesenprüfung
10.3 Experten- versus Laiensicht
11 Resümee und Ausblick
12 Anhang: Interviewleitfaden
13 Bibliographie

TABELLENVERZEICHNIS

Tabelle 1: Sampledarstellung

Tabelle 2: Kategorien

Tabelle 3: Einstellung zu den österreichischen Dialekten

1 Einleitung

„Der Mensch ist nicht nur von Natur aus das sprechende, sondern auch das stilistisch angemessen sprechende Wesen.“

(Haas 2004: 86)

Weder Dialekt noch Standardsprache sind immer und überall angemessen oder erwünscht. Wir entscheiden in Abhängigkeit von der Situation, wie wir sprechen und erwarten das auch von anderen . D adurch haben sich gesellschaftliche Normen über das sprachliche Verhalten entwickelt.

Für die Situation des Bewerbungsgesprächs wird häufig von Ratgebern und Jobbörsen empfohlen , „sich nicht zu verstellen und zu seinen Wurzeln zu stehen“[1]. Dialekt zu Sprechen kann im Berufsleben aber auch eindeutig zum Nachteil werden [2] . Ob Dialekt nun zur „Karrierebremse oder Katalysator“[3] wird, hängt laut der Süddeutschen Zeitung schlichtweg von der Position ab.

Wie die Verwendung von Dialekt und Standardsprache bei Bewerbern im Rahmen eines Vorstellungsgesprächs in Unternehmen des Banken- und Versicherungssektors in Österreich ankommt, was erwartet wird und welche Bewertungsdifferenzen durch Sprache auftreten können, soll im Rahmen dieser Arbeit untersucht werden.

Zu Beginn (Kapitel 2) wird ein Überblick über die Thematik Kommunikation und Sprache gegeben. Im folgenden Kapitel (3) werden zuerst relevante Begriffe aus der Linguistik sowie die Disziplinen, die sich mit diesen Themenstellungen befassen, vorgestellt. Weiters werden Gründe für die Existenz mehrerer Sprachvarietäten sowie Normen des Sprachgebrauchs erläutert.

Das 4. Kapitel zeigt die Gegebenheiten im deutschen Sprachraum allgemein und die sprachliche Situation in Österreich im Besonderen auf .

Im Rahmen des 5. Kapitels werden wissenschaftliche Bewertungen verschiedener Sprachvarietäten sowie deren Bewertung durch Laien dargestellt. Es werden weiters verschiedene Modelle beschrieben, mit denen Bewertungsverzerrungen aufgrund der Sprache des Gesprächspartners erklärt werden können.

Darauf folgt im Kapitel 6 eine Beschreibung des Prozesses der Personalauswahl, im Speziellen des Bewerbungsgesprächs. Im 7. Kapitel wird die Brücke zwischen Sprache und Berufsleben geschlagen: Anforderungen an die sprachliche Ausdrucksfähigkeit im heutigen Arbeitsleben werden neben den spezifischen Bewertungsdifferenzen und Verzerrungen der Auswahlentscheidung, die aufgrund der gesprochenen Varietät im Bewerbungsgespräch auftreten können, erläutert.

Mit dem 8. Kapitel beginnt der empirische Teil der Arbeit, wo eine Darstellung qualitativer Studien im Allgemeinen, der aufgrund des Theorieteils abgeleiteten Hypothesen, der Erhebungsmethode sowie der zur Auswertung verwendeten Methode erfolgt. Weiters wird die Durchführung der Studie beschrieben.

Kapitel 9 befasst sich mit der Ergebnisdarstellung. Im Rahmen des darauf folgenden Kapitels (10) werden die Resultate der qualitativen Untersuchung zusammengefasst und die aufgestellten Hypothesen geprüft.

Für eine bessere Lesbarkeit wird in dieser Arbeit von einer geschlechterspezifischen Schreibweise, also einer ausdrücklichen Verwendung der weiblichen und männlichen Variante, abgesehen. Es soll jedoch festgehalten werden, dass unter der männlichen Form (wie Bewerber, Personalist, Sprecher, Befragter etc.) stets Männer und Frauen gleichermaßen verstanden werden.

THEORETISCHER TEIL

2 Kommunikation und Sprache

Viele wissenschaftliche Disziplinen beschäftigen sich mit den Themen Kommunikation und Sprache. Im Folgenden wird daher nur ein kurzer Überblick über Kommunikationstheorien, Sprache als soziales Handeln sowie Sprache im Konstruktivismus gegeben.

2.1 Kommunikationstheorien

Ganz allgemein versteht man unter Kommunikation

„jede Form von wechselseitiger Übermittlung von Information durch Zeichen/Symbole zwischen Lebewesen (Menschen, Tieren) oder zwischen Menschen und Daten verarbeitenden M aschinen.“

(Bußmann 2002: Kommunikation)

Im engeren Sinne, also in den Sozialwissenschaften und in der Sprachwissenschaft, bezieht sich Kommunikation auf die

„ z wischenmenschliche Verständigung mittels sprachlicher und nichtsprachlicher Mittel wie Gestik, Mimik, Stimme u.a..“

(Bußmann 2002: Kommunikation)

Paul Watzlawick versteht unter Kommunikation „alles Verhalten in einer zwischenpersönlichen Situation“ und meint weiter , dass man „nicht nicht kommunizieren kann, respektive sich auch nicht nicht verhalten kann“ (Watzlawick 1980; nach Langenberger 2000: 42f). Die einfachste Form der Kommunikation stellt der Dialog zwischen zwei Personen dar.

Kommunikation lässt sich in die verbale, nonverbale und paraverbale Ebene unterteilen. Die verbale Ebene bezieht sich auf sprachliche Zeichen, auf nonverbaler Ebene wird z.B. mittels Körpersprache, Mimik oder Gestik Information vermittelt. Die paraverbale Ebene meint Aspekte der sprachlichen Äußerung wie Rhythmus, Intonation, Betonung, Akzent, Lautstärke oder ähnliches.

Unzählige Kommunikationstheorien wollen erklären, wie Kommunikation an sich funktioniert, warum sie gelingt oder misslingt , und welche Einflussfaktoren darauf wirken. Besondere Bekanntheit hat in diesem Zusammenhang das mechanistische Kommunikationsmodell nach Shannon und Weaver (z.B. Heinrich & Schmidt 2002: 224) erlangt. Aufgrund seiner Einfachheit und klaren Verständlichkeit wird es immer wieder zur Erklärung des Phänomens Kommunikation herangezogen.

Äußerst berühmt wurde weiters das Modell „Vier Seiten einer Nachricht“ von Schulz von Thun (Schulz v. Thun 1991: 16ff). Er geht davon aus, dass jede Nachricht neben der Inhaltsebene Aspekte der Selbstoffenbarung, der Beziehung sowie des Appells enthält. Erst das Entschlüsseln aller dieser Botschaften ermöglicht Verstehen und somit erfolgreiche Kommunikation.

2.2 Sprechen als soziales Handeln

Die Kommunikation auf verbaler Ebene erfolgt also mit Hilfe von Sprache. Sprache wird seit Hymes als soziales Handeln verstanden. Er geht davon aus, dass Sprachkompetenz „die Fähigkeit, grammatische Sätze zu bilden und im sozialen Umfeld richtig zu gebrauchen“ bedeutet (Hymes 1982b: 120; nach Steinegger 1997: 5)

Sprechen ist zielorientiert und bewusst , m an will also etwas Bestimmtes mit dieser Handlung erreichen. Insofern kann Sprechen als soziale Interaktion verstanden werden, „die sich des Kommunikationsmediums Sprache bedient“ (Steinegger 1997: 4) und ist so ein Handlungsmodus.

Da aber Sprache nicht unabhängig von Menschen, die sie sprechen, und von Interaktion vorhanden ist, gibt es außersprachliche Einflüsse und Wechselwirkungen, die wiederum Sprache und Kommunikation beeinflussen.

Sprachliches Handeln ist als Teil gesellschaftlichen Handelns zu verstehen , und deshalb müssen gesellschaftliche Faktoren und Bedingungen bei einer Analyse von Sprache einbezogen werden (Schilling 2001: 18).

Sprache schafft außerdem Identität. Insofern ist Sprachverhalten relevant für die Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht, einer Gruppe oder einem Netzwerk. Hie r bei haben z.B. Ausbildung oder Beruf große Bedeutung (Maitz 2004: 35).

2.3 Sprache im Konstruktivismus

Der Konstruktivismus ist ein neueres Paradigma in den Sozialwissenschaften und beschäftigt sich als solches auch mit dem Bereich Kommunikation und Sprache.

Essenziell im Konstruktivismus ist die Vorstellung der Wirklichkeitskonstruktion. Andere Paradigmen gehen von einer eindeutig existierenden Realität aus, die von allen gleich wahrgenommen und als eben so vorhanden gesehen wurde. Der Konstruktivismus folgt allerdings anderen Prämissen, nämlich dass Erkennen generell vom System, das erkennt, abhängig ist (Schmidt 1995: 240).

Die Welt, wie wir sie sehen, ist also nicht so, sondern wird von uns erzeugt. Wir konstruieren uns selbst eine eigene „Realität“.

Konstruktion wird hier als Prozess verstanden, bei dem sich Vorstellungen über die Realität entwickeln und bilden. Dies geschieht aber nicht willkürlich, sondern aufgrund verschiedener Faktoren, die auf das Leben eines Individuums in seiner sozialen Umwelt und der daraus folgenden Sozialisation zurückgehen. (Schmidt 1995: 240).

Dabei ist zu beachten, dass nicht jeder Mensch von Neuem diesen Prozess der Konstruktion lernt und sich von Grund auf seine Wirklichkeit bildet. Vielmehr wird man in eine soziokulturelle Umwelt hineingeboren, die sich ihre Realität schon konstruiert hat und so auch übermittelt. Durch Sozialisation übernimmt man diese Ordnung und Gesamtheit von Wissen und wendet sie selbst an (Schmidt 1995: 239) :

„Kollektives Wissen, das individuelles Handeln orientiert und reguliert, resultiert aus sozialem Handeln der Individuen und orientiert wiederum deren soziales Handeln.“

(Schmidt 1995: 239)

Man ist als Mensch in seiner Realitätskonstruktion also geprägt von der Gesellschaft, in die man hineingeboren wurde. Ausschlaggebend sind dabei viele Faktoren, wie beispielsweise Kultur, Sozialstruktur aber auch die Muttersprache (Schmidt 1995: 240).

Aus diesen Gründen kann man bei Wirklichkeitskonstruktion auch nicht von einem bewussten Prozess ausgehen. Es passiert vielmehr mit uns. Erkennen kann man diese Konstruktionen nur, „wenn wir beobachten, wie wir beobachten, handeln und kommunizieren“ (Schmidt 1995: 240); also als Beobachter zweiter Ordnung.

Schmidt (1995: 241) sieht Kommunikation allgemein als soziales Handeln, wobei Erwartungserwartungen eine wichtige Rolle spielen. So kommt es zu Konventionen und Normen, die aufgrund des kollektiven Wissens und seiner Reproduktion eingehalten werden. Sprache wird als soziales Instrument verstanden, das der Koordinierung von Verhalten dient. Aus der Sicht der Konstruktivisten hat sich Sprache durch das Sprechen selbst entwickelt (Schmidt 1995: 242).

Ein sprachliches Zeichen, also beispielsweise ein Wort, bezieht sich nicht , wie bei anderen Theorien angenommen, direkt auf ein Objekt der Realität, das es benennt. Vielmehr wird die Referenz durch das allgemein herausgebildete „Wissen“ bzw. den Gebrauch des Zeichens an sich konstruiert (Schmidt 1995: 241). Dies ist das Resultat vorangegangener Sprechleistungen, also sozialem Handeln. Derartige Erfahrungen werden in die Gesamtheit des sprachlichen Wissens aufgenommen, wodurch sich wiederum der Gebrauch von Sprache an vorangegangenen Erfahrungen orientiert (Schmidt 1995: 241).

Sprache ist also essenzieller Teil der Wirklichkeitskonstruktion und nicht etwa Mittel, mit dem die Wirklichkeit konstruiert wird. In diesem Sinne wird Sprechen auch als Handeln verstanden und bestimmt die Welt, wie wir sie sehen (Schmidt 1995: 242).

Durch die Abhängigkeit des Sprachgebrauchs von früheren individuellen , aber auch kollektiven Erfahrungen werden zukünftige kalkulierbar. Wissen über Sprache und ihren Gebrauch gibt demnach Orientierung. Durch die kollektive Basis kann davon ausgegangen werden, dass ein Gesprächspartner ähnliches Wissen hat (Schmidt 1995: 244).

Bourdieu (nach Schmidt 1995: 242) sieht so auch soziale Ordnung in der Sprache widergespiegelt. Wie jemand spricht, verleiht Orientierung, da man auf gewisse soziale Unterschiede, Herkunft o.ä. schließen kann. Wie diese sprachlichen Unterschiede ausschauen können und welche Folgen das hat, wird in den folgenden Kapiteln beschrieben.

3 Dialekt versus Standardsprache

Im Rahmen des Kapitels werden für diese Arbeit relevante Begriffe aus der Linguistik definiert, dazugehörige wissenschaftliche Disziplinen vorgestellt sowie Aspekte zum Thema Dialekt vs. Standardsprache behandelt.

3.1 Begriffsdefinitionen

In einem Sprachraum wie z.B. dem deutschen gibt es unzählige Dialekte, weiters etwas, das laienhaft als „Hochsprache“ bezeichnet wird und Bereiche, die dazwischen liegen. Eine derartige sprachliche Situation wird als Variation bezeichnet , und Malliga versteht darunter das „mehr oder minder systematische Nebeneinander mehrerer sprachlicher Varietäten in einer Sprachgemeinschaft“ (Malliga1997: 22, nach Steinegger 1997: 9). Was Varietäten sind, welche es im Einzelnen gibt und wodurch Variation entsteht, wird im Folgenden erläutert.

3.1.1 Sprachvarietät

Unter einer Varietät wird in der Sprachwissenschaft „eine spezifische Ausprägung eines sprachlichen Verhaltens in einem mehrdimensionalen [...] ‚Varietätenraum’“ (Bußmann 2002: Varietät) verstanden. In diesem Sinne lassen sich z.B. räumliche (Standardsprache, Dialekt), soziale (Soziolekt) oder funktionale (Fachsprachen) Unterscheidungen treffen (Brockhaus 2005: Varietät). Die Verschiedenheiten können auf allen sprachlichen Ebenen (also Phonetik, Phonologie, Morphologie, Syntax, Lexik, Semantik, Pragmatik) auftreten (Bußmann 2002: Varietät).

Eine Sprache ist die Menge ihrer verschiedenen Varietäten. Das Sprachwissen des Einzelnen kann, was die verschiedenen Varietäten betrifft, aktiven oder auch passiven Charakter haben. Ein Dialekt wird bei passiver Kompetenz also nicht gesprochen, sehr wohl aber verstanden (Steinegger 1997: 9).

Ganz allgemein kann man Standardvarietäten von Nonstandardvarietät en , wozu z.B. Dialekte zählen, unterscheiden (Ammon 1995: 3ff). Diese Differenzierung schließt aber nicht aus, dass es zwischen verschiedenen Varietäten einer Sprache nicht unzählige Übereinstimmungen gibt. So heißt „Apfel“ nicht nur in der Standardvarietät sondern auch, gegebenenfalls mit phonetischen Abweichungen, in den meisten Nonstandardvarietäten des Deutschen „Apfel“.

Im Zusammenhang mit Sprachvarietäten ist weiters der Begriff Code-Switching von großer Bedeutung. Darunter versteht man den

„Wechsel zwischen verschiedenen Sprachen [...] oder Varietäten eines Sprachsystems (standardisierte vs. nicht-standardisierte Varietäten bzw. Dialekt vs. Hochsprache) bei bi/multilingualen bzw. bi/multidialektalen Sprechern innerhalb einer Konversation.“

(Bußmann 2002: Code-Switching)

Code-Switching wird auch oft language switching (Mattheier 1983: 1463) genannt und tritt innerhalb eines Kommunikationskontextes auf. Dies kann verschiedene Ursachen haben und wird insbesondere durch situative Faktoren wie Grad der Formalität, Gesprächsthema oder die Beziehung der Gesprächspartner zueinander gesteuert (Bußmann 2002: Code-Switching).

3.1.2 Standardsprache

Nach Bußmann (2002) ist Standardsprache eine

„deskriptive Bezeichnung für die historisch legitimierte, überregionale, mündliche und schriftliche Sprachform der sozialen Mittel- bzw. Oberschicht; [...] Entsprechend ihrer Funktion als öffentliches Verständigungsmittel unterliegt sie (besonders in den Bereichen Grammatik, Aussprache und Rechtschreibung) weit gehender Normierung, die über öffentliche Medien und Institutionen, vor allem aber durch das Bildungssystem kontrolliert und vermittelt werden.“

(Bußmann 2002: Standardsprache)

Wiesinger geht demnach davon aus, dass es Unterschiede zwischen z.B. der deutschen und der österreichischen Standardsprache gibt, aber andererseits auch, dass man hört, ob ein Sprecher der Standardvarietät aus Vorarlberg oder der Steiermark kommt „ohne dass ein einziger Dialektismus fällt“ (Wiesinger 2006: 34). Für Wiesinger ist Standardsprache die Sprache der Öffentlichkeit und definiert sie wie folgt:

„Die Standardsprache ist die regionale Realisierung der Schriftsprache, die vor allem in ihren konstitutiven Sprachfaktoren an die landschaftlichen Gegebenheiten gebunden ist.“

(Wiesinger 2006: 34)

Hochdeutsch ist in diesem Sinne die Standardsprache für das Deutsche und wird von Bußmann (2002: Hochsprache) im sprachsoziologischen Sinne vor allem als Gegensatz zur regional gefärbten Umgangssprache und zum kleinräumigeren Dialekt gesehen. Ein weiteres Merkmal der Standardsprache ist, dass sie an Schulen explizit unterrichtet und auf ihren korrekten Gebrauch geachtet wird bzw. werden sollte. Der Begriff Substandard bezieht sich auf eine sprachliche Varietät, die eine Ebene unter der Hochsprache angesiedelt ist . [4]

Auch nach Ammon (1995: 3ff) zeichnet sich eine Standardvarietät besonders dadurch aus, dass sie in Wörterbüchern, Grammatiken etc. kodifiziert ist und die genauen Regeln niedergeschrieben sind: In den meisten Fällen gibt es daher ein eindeutiges Richtig oder Falsch, was sich im Laufe der Zeit durch den Sprachwandel allerdings auch verändern kann.

Als Grund für die Existenz einer Standardvarietät wird die Notwendigkeit eines überregionalen Kommunikationsmittels für einen Raum (wie z.B. einen Staat) genannt. Aus diesem Grund muss sich diese Varietät einerseits regional zu dialektalen Varianten, die jeweils nur in einem Gebiet verwendet werden, und andererseits sozial zu den auf bestimmte Gruppen beschränkten Sprachvarietäten abgrenzen (Ammon 1995: 82ff).

Generell ist Standardsprache ein Produkt von Zuschreibung. Eine bestimmte Varietät wird von Personen, die über Macht verfügen, gesprochen und daraufhin als „Standard“ angesehen sowie als „richtige Sprache“ vermittelt. Derjenige, der diesen Normen folgt, hat soziale Vorteile.

Zentral für eine Standardsprache ist also ihre Normiertheit, Legitimiertheit, ihre überregionale Gültigkeit sowie die Verwendung dieser in Bereichen des öffentlichen Lebens.

Standardsprache wird in dieser Arbeit mit Hochsprache und Standardvarietät gleichgesetzt.

3.1.3 Dialekt

Das Wort Dialekt stammt vom altgriechischen Verb „dialegesthai“ ab, das „sich unterreden; sprechen“ bedeutet. Diese Bezeichnung für Mundart wurde Ende des 16. Jahrhunderts aus dem Lateinischen „dialektos“ für „Ausdrucksweise“ entlehnt (Duden Band 7 , 4. Auflage : Dialekt).

Unter dem Begriff Dialekt, versteht man eine

„Sprachliche Varietät mit begrenzter räumlicher Geltung im Gegensatz zur überdachenden Standardsprache; [ein] Sprachsystem [...], das

a) zu anderen Systemen ein hohes Maß an Ähnlichkeit aufweist, sodass eine – zumindest partielle – wechselseitige Verstehbarkeit möglich ist,
b) regional gebunden ist in dem Sinne, dass die regionale Verbreitung dieses Systems nicht das Gebrauchsgebiet eines anderen Systems überlappt, und
c) keine Schriftlichkeit bzw. Standardisierung im Sinne offiziell normierter orthographischer und grammatischer Regeln aufweist.“

(Bußmann 2002: Dialekt)

Dialekt ist nach dieser Definition an eine bestimmte geographische Region gebunden, nicht offiziell normiert und primär nicht sozial verschieden. Mit dieser Differenzierung geht eben auch eine stärkere räumliche Einschränkung als bei der Standardvarietät einher (Ammon 1995: 82ff).

Mattheier bestimmt Dialekt hingegen

„eine in der heutigen Gesellschaft verbreitete sprachliche Varietät, die in erster Linie definiert ist durch das Substandardverhältnis zu der sie gesellschaftlich überdeckenden Hochsprache, dem Hochdeutschen“.

(Mattheier 1980: 140)

Hier fehlt die Regionalität als entscheidender Faktor. Dies wird damit begründet, dass aufgrund der Entwicklung einer Standardsprache, der Regionalitätscharakter des Dialekts in den Hintergrund geraten ist und durch einen Substandardcharakter ersetzt wurde (Mattheier 1980: 140).

Mundart ist stellt zumeist ein „nichtkodifiziertes System“ (Brockhaus 2005: Mundart, Dialekt) dar, „unter kommunikativem Aspekt ist sie dieser (Anm. der Standardsprache) prinzipiell ebenbürtig, jedoch an andere Verwendungsbereiche gebunden.“ Im Dialekt kann demnach alles ebenso gut ausgedrückt werden, die spezifische Situation in der man sich befindet, spielt aber eine große Rolle.

Nach Ammon (1995: 82ff) können auch Dialekte kodifiziert sein. Der Unterschied besteht aber darin, dass der Zugang in diesem Fall deskriptiv und aufgrund wissenschaftlichen Interesses erfolgt und nicht wie beim Standard als normative Regeln , die es einzuhalten gilt.

Dialekt ist zudem etwas anderes als der umgangssprachlich oft synonym verwendete Begriff Akzent. Allgemein versteht man unter Akzent die „charakteristische Lautform einer sprachlichen Äußerung“ (Brockhaus 2005: Akzent). Die individuelle Sprechweise einer Person zeichnet sich demnach durch intonatorische und artikulatorische Eigenheiten aus.

So kann ein Kärntner ö sterreichisches Standarddeutsch mit einem kärntnerischen Akzent sprechen, aber nicht Hochdeutsch mit einem kärntnerischen Dialekt.

3.1.4 Umgangssprache

In der Literatur finden sich sehr viele verschiedene Definitionen von Umgangssprache und die Verwendung des Begriffes gilt allgemein als problematisch (z.B. auch Ammon 1995: 85), da sich „keine linguistisch eindeutig abgrenzbare eigene Varietät [...] nachweisen lässt“ (Bußmann 2002: Umgangssprache). Dennoch soll im Folgenden eine Begriffsbestimmung versucht werden:

Zwischen Standardsprache und Dialekt befindet sich eine Umgangsvarietät, oft Umgangssprache genannt (Ammon 1995: 85ff). Sie wird meist als Ausgleichsvarietät zwischen Standardsprache und Dialekt gesehen, die eine „deutliche regionale Färbung, jedoch keine extremen Dialektismen aufweist“ (Bußmann 2002: Umgangssprache) und ist eine „Form der gesprochenen Sprache, [...] landschaftlich gefärbt und jeweils von Bildungsstand und sozialer Umwelt des Sprechers bestimmt“ . [5] .Sie kann also explizit k einer gesellschaftlichen Schicht zugeordnet werden, hat aber gruppenspezifische Varianten.

Umgangssprache wird also als „ ‚ nonstandardsprachlich im regionalen Sinn ’ [...], zwar großräumiger als ‚ dialektal ’ , aber kleinräumiger als ‚ standardsprachlich ’ “ (Ammon 1995: 84) verstanden und zeigt Unterschiede aufgrund sozialer Zugehörigkeit.

Als Grund für die Entstehung der Umgangssprache gilt das historische Spannungsgefüge zwischen Standardsprache und Dialekt. Sie ist zuallererst in Städten entstanden und ist inzwischen, deshalb auch oft Alltagssprache genannt, für die meisten die Sprache des täglichen Lebens (Hornung & Roitinger 2002; Wiesinger 2006)

Umgangssprache tritt besonders dort auf, wo viele Menschen verschiedener Herkunft und mit verschiedenen Dialekten aufeinander treffen, also in Großstädten. Eigentümlichkeiten der speziellen, regionalen Besonderheiten gehen in der Umgangssprache mehrheitlich unter und gerade die Stadtmundarten, die am Land als vornehmer angesehen werden, haben einen größeren Einfluss. Städte werden als Ausstrahlungszentren der Umgangssprache gesehen (Wiesinger 2006: 32).

Anzumerken ist weiters, dass gerade in gehobenen städtischen Kreisen Umgangs- und Standardsprache sehr ähnlich sind und ineinander fließen (Wiesinger 2006: 34).

3.1.5 Verkehrssprache

Die Verkehrssprache ist eine Varietät

„mit deren Hilfe sich Angehörige verschiedener Sprachgemeinschaften auf einzelnen Gebieten (u.a. im Handel) verständigen können (z.B. Englisch); auch Umgangssprache zwischen Angehörigen verschiedener Mundarten einer Sprache.“ [6]

Sprechen also Personen miteinander, die eigentlich verschiedene Umgangssprachen haben, wird zumeist in die Verkehrssprache gewechselt.

Eine genaue Unterscheidung zwischen Umgangs- und Verkehrssprache gibt es nicht, die Übergänge sind fließend.

3.1.6 Soziolekt

Ein Soziolekt beschreibt eine für eine bestimmte sozial definierte Gruppe charakteristische Sprachvarietät und ist somit „Abbild gesellschaftlicher Strukturen“ (Bußmann 2002: Soziolekt). Soziolekte sind also vertikal geschichtet (Brockhaus 2005: Soziolekt) und insofern gibt es Unterschiede im Prestige der einzelnen Varietäten:

„Während standardsprachliche Soziolekte [...] einen hohen gesellschaftlichen Status haben, vor allem in formellen, öffentlichen Domänen gebraucht werden [...], sind nicht-standardsprachliche Soziolekte (z.B. Cockney, Berliner Stadtdialekt) mit geringerem sozialem Prestige verknüpft.“

(Bußmann 2002: Soziolekt)

Soziolekte werden vor allem in informellen Situationen gebraucht, da sie sehr stark Solidarität vermitteln und affektive Bedeutung haben. Ein Soziolekt hängt also von einer Gruppenzugehörigkeit oder sozialen Schicht ab. So haben z.B. Jugendliche andere Sprachgewohnheiten als ältere Generationen. Verschiedene Berufsgruppen sprechen unterschiedliche Soziolekte, die Sprache im Fußballverein ist eine andere als in der Kirche. [7]

Wichtig ist hier die Abgrenzung zum Idiolekt. Da jeder Mensch eine ihm eigene und spezifische Art des Sprechens hat, versteht man unter dem Idiolekt den „für einen bestimmten Sprecher charakteristischen Sprachgebrauch“ (Bußmann 2002: Idolekt). Auch Individualsprache genannt, zeigen sich die Eigenheiten „in Aussprache, Wortschatz und Syntax“ (Bußmann 2002: Idiolekt).

3.2 Wissenschaftliche Disziplinen

Im Rahmen der Sprachwissenschaft (Linguistik) gibt es verschiedene Disziplinen die sich mit der Thematik Dialekt auseinandersetzen.

So beschäftigt sich die Dialektologie als linguistische Teildisziplin mit der „Analyse örtlich oder regional bedingter sprachlicher Erscheinungen“ (Brockhaus 2005: Dialektologie). Der Raum als Variable steht im Vordergrund (Christen 2004: 7).

Während man aufgrund des historischen Interesses früher nur versuchte über Dialekte zu früheren Sprachstufen zu gelangen , wurde die Dialektologie später erweitert und beschäftigt sich mit dem Zusammenhang zwischen Dialekt und Gesellschaft bzw. Individuum (Christen 2004: 7f) . Diese neue Orientierung, also die Beschäftigung mit Spracheinstellungen und der soziale n Dimension von Dialekten , hat allerdings sehr unscharfe Grenzen zur Soziolinguistik zur Folge.

Die Dialektpragmatik bezeichnet einen Teilbereich der Dialektologie, der sich vor allem mit den situativen Bedingungen und Funktionen von Dialekten und mit dem Verhältnis zu anderen Varietäten beschäftigt (Mattheier 1980: 22).

Die Soziolinguistik ist durch die Interdisziplinarität zwischen „Linguistik und Soziologie, Anthropologie, Sozialpsychologie“ sowie „Erziehungswissenschaft“ (Bußmann 2002: Soziolinguistik) gekennzeichnet. Es geht also um die Zusammenhänge zwischen Sprache und Gesellschaft, das „wechselseitige Bedingungsgefüge von Sprach- und Sozialstruktur“ (Bußmann 2002: Soziolinguistik) und befasst sich im Bereich der Dialektologie mit der Frage, ob „der Dialekt, dessen Gebrauch mindestens gebietsweise mit sozialen Faktoren korreliert, als defizitärer Soziolekt betrachtet werden kann, der seine Sprecherinnen und Sprecher benachteiligt und als ‚Sprachbarriere’ wirkt“ (Christen 2004: 10).

Weiters gehen in Theorien über Sprache bzw. Dialekt auch Begriffe aus der Sozialpsychologie ein, die im Allgemeinen menschliches Verhalten unter dem Einfluss sozialer Faktoren erklären und dies in weiterer Folge vorhersagen wollen . Prestige oder Einstellung sind in diesem Zusammenhang wichtige Variablen die auf das sprachliches Verhalten wirken können (Maitz 2004: 36).

Das Ziel , die Varietätenwahl zu erklären sowie vorherzusagen , verfolgt laut Maitz (2004: 34) ebenso die Dialektsoziologie.

3.3 Gründe für die Existenz mehrerer Varietäten

Da Sprache als soziales Handeln aufgefasst wird, hat die Verwendung einer bestimmten Varietät auch soziale Dimensionen und Symbolwert. Dialekt und Standardsprache haben in Beziehungen eine wichtige Funktion und große Bedeutung. Die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gesellschaft, sozialen Schicht oder Gruppe wird über Sprachvarietäten indirekt kontrolliert.

3.3.1 Die Bedeutung von Nonstandardvarietäten

Obwohl Dialekte manchmal mit einer „verderbten Schriftsprache“ in Verbindung gebracht wird, haben sie eine große Bedeutung für die sprachliche Zusammensetzung eines Landes. Sprache verändert sich ständig, und gerade Dialekte lassen noch Einblicke auf die frühere Zeit und das ursprüngliche Wesen einer Sprache zu (Hornung & Roitinger 2002).

Für den deutschen Sprachraum ist hier Jakob Grimm von besonderer Bedeutung, der sich als einer der ersten mit der Abstammung vieler Dialekte vom Mittelhochdeutschen befasste und diese untersuchte (Hornung & Roitinger 2002).

Dialekt wird aber vor allem als kulturelles Phänomen gesehen, dem „eine identitätsstiftende und gegebenenfalls solidarisierende Wirkung zu[kommt], womit sie für unterschiedliche Bewertungen offen ist“ (Brockhaus 2005: Mundart, Dialekt).

Nach Trudgill (1986: 110ff; nach Christen 2004: 9) verlieren Dialekte teilweise ihre einstige regionale Bedeutung und erhalten stattdessen immer mehr eine soziale Konnotation. Baumgartner (1940; nach Christen 2004: 9) nennt für dieses Phänomen das Beispiel der ärmliche n Landbevölkerung, die in die Stadt zieht , wo schließlich ihr Dialekt als der von „ U nterprivilegierten“ bzw. einer Unterschicht wahrgenommen wird. Schon früh macht man also am Dialekt soziale Unterschiede fest und er wird als Sprache der Unterschicht bzw. des ungebildeten Volkes betrachtet (Christen 2004: 8).

Dialekt ist aber auch zum Emotionsträger geworden und wird so beispielsweise in der Werbung oft verwendet. Zugespitzt lässt sich festhalten:

„Dialekt ist zur Ware geworden: für anbiederungssüchtige popularitätsheischende Politiker, für die findige Werbeindustrie, für Literaten, die auf der Welle schwimmen.“

(iWK 2 1980: 39, nach Neuberger 1989: 30)

Gezielt kann das mit einer Verwendung des Dialekts einhergehende Emotionale und Ländliche in den Mittelpunkt gestellt und bewusst zur Manipulation eingesetzt werden. So kommt es, dass „Dialekt eben nicht nur Informationen transportiert, sondern auch einen emotionalen Wert für die Kommunikationspartner darstellt.“ (Patocka 1986: 96; nach Steinegger 1997: 117).

3.3.2 Die Bedeutung einer Standardvarietät

Traditionellerweise wurde die Existenz einer Standardsprache mit der Notwendigkeit einer überregionalen Verständlichkeit begründet. Moosmüller und Vollmann (1995: 1f) sehen politische und gesellschaftspolitische Normen aber als wichtiger an. Daneben haben nach Hundt (1992: 1) sprachlogische und geschichtliche Faktoren eine Wirkung auf das, was als Standard gilt.

Durch die gestiegene Mobilität in der Gesellschaft ist die Existenz einer Standardsprache nahezu eine Notwendigkeit, um die Kommunikation aufrecht zu erhalten. Überregionales Verständnis wird so erreicht und wurde im Laufe der Zeit auch immer expliziter gefordert (Neubauer 1989: 84). Ebenso waren Zentralisierungsprozesse, aufstrebender Kapitalismus sowie fortschreitende Arbeitsteilung für die Herausbildung einer Standardvarietät förderliche Faktoren (Mattheier 1980: 83).

Ein Staat hat bewusst oder unbewusst den Wunsch nach einer eigenen Sprache und „nationale Identität wird auf die Sprache transferiert und konstituiert sich über die Sprache“ (Moosmüller & Vollmann 1995: 1).

Standardsprache dient also auch der Abgrenzung. Einerseits nach außen gegen andere Staaten, was den inneren Zusammenhalt fördert. Andererseits nach innen, indem sprachliche Vielfalt innerhalb eines Staates nicht gefördert sondern eher unterdrückt wird. Eine zusätzliche Funktion ist die Abgrenzung nach unten. Im Normalfall ist die Standardsprache die Sprache der sozial höheren Schichten. Die Sprecher dieser Varietät haben zumeist Macht und Prestige, um ihre Sprache als Standard durchzusetzen (Moosmüller & Vollmann 1995: 2).

Mittel- und Oberschichten haben aufgrund ihrer Bildung und anderer Vorteile starken Einfluss und große Macht ; sie können sozusagen Standard und Sprachnorm bestimmen. Soziale Unterschichten sehen deren Lebensstil als begehrenswert und so erhält auch die Sprache Vorbildfunktion und wird zur Norm (Hundt 1992: 8ff).

Standardsprache ist also die Auswahl aus einem heterogenen Angebot verschiedener Varietäten, welche die Herausbildung einer gemeinsamen Sozialstruktur fördert , eine gemeinsame Kultur repräsentiert und somit große Bedeutung für eine Sprachgemeinschaft hat (Neubauer 1989: 83).

3.4 Normen des Sprachgebrauchs

Normen des Sprachgebrauchs regeln , wann welche Varietät von einem Sprecher verwendet werden sollte. Diese bilden sich im Lauf der Zeit in einer Gesellschaft heraus, da Hörer z.B. eine Region, eine soziale Gruppe oder bestimmte Stereotype und Einstellungen haben und auch Reaktionen anderer auf eine Varietät wiederum auf ihren Gebrauch zurückwirken. Man versucht und soll so sprechen, dass es zur jeweiligen Situation passt (Weiss 1980; nach Ammon 1995: 65ff).

Über die Einhaltung von Sprachnormen wachen vielfältige Instanzen. Kultur, Institutionen, Benimmregeln, Grammatikbücher, soziale Gruppierungen oder z.B. psychische Mechanismen sind nur einige davon (Steinegger 1997: 6). Nachteile bzw. ungleiche Chancen für Sprecher einer bestimmten Varietät ergeben sich allerdings nicht aus der Sprache selbst , sondern oft aufgrund der Verletzung derartiger Sprachnormen (Ammon 1995: 197 ff).

Die Verwendung einer bestimmten Sprachvarietät lässt sich mit Hilfe von drei Aspekten erklären (Mattheier 1980; nach Steinegger 1997: 2), nämlich als Folge der

1. Abhängigkeit von der Situation (situative Komponente),
2. Abhängigkeit von der gesellschaftlichen Gruppierung (diastrische Komponente) und
3. Abhängigkeit vom Raum (diatopische Komponente).

Diese Unterscheidung ist zwar für eine generelle Einteilung und Orientierung hilfreich, es gibt aber Interdependenzen und Überschneidungen, welche die tatsächliche Verwendung einer Varietät nur in ihrer Gemeinsamkeit erklären.

3.4.1 Situative Komponente

Fishman (1975: 15) formuliert folgende Frage: „Wann und zu welchem Zweck spricht (oder schreibt) wer welche Sprache (oder welche Sprachvarietät) mit wem (an wen)?“. Eine Antwort darauf erlaubt, Normen des Sprachgebrauchs in einer gegebenen Situation zu definieren bzw. zu erkennen. Situation wird dabei als die „unmittelbar gegebene, konkrete Wirklichkeit, in der sich der Mensch befindet, und in der sich Sozialhandeln – also auch Sprechen – ereignet“ (Mattheier 1980: 19) verstanden. Es geht also um „das Wissen um den situationsadäquaten Einsatz von spezifisch konnotierten Varianten“ (Scheutz 1982: 29, nach Neubauer 1989: 66).

Mattheier beschreibt Situation auch als ein „dynamisches Ensemble von Bedingungsfaktoren für Handlungsreaktionen“ (Mattheier 1980: 91). Hieraus kann die Varietätenwahl seiner Meinung nach abgeleitet werden.

Gerade bei einem sprachlichen Gefüge wie in Österreich, wo von Standardsprache bis zum Dialekt ein Kontinuum verschiedenster Varietäten existiert, regulieren „gesellschaftliche Gebrauchsnormen, welche Sprachformen in bestimmten gesellschaftlichen Kreisen und Situationen zulässig erscheinen und welche nicht“ (Wiesinger 1985: 1940).

In verschiedenen Situationen ist es wahrscheinlich bzw. möglich, dass eine Person sich auch verschiedener Sprachvarietäten bedient. Je nach Kommunikationsbereich wird eine andere Sprache verwendet , und die wesentlichsten Entscheidungskriterien sind die Faktoren „Öffentlichkeit“ und „Formalität“ (Mattheier 1980: 96). Während man im privaten Bereich eher auf Nonstandardvarietäten zurückgreift, wird der Standard mit zunehmender Öffentlichkeit sowie steigender Formalisierung vermehrt angewendet (Steinegger 1997: 13).

Steger (1984: 188f) unterscheidet beispielsweise sechs Kommunikationsbereiche: 1. Alltagssprache, 2. Literatursprache, 3. Wissenschafts-/Theoriesprache, 4. Institutionensprache, 5. Religionssprache und 6. Techniksprache. Auch Henzen geht davon aus, dass Menschen in verschiedenen Situationen verschiedene Register verwenden. Die Registerspektren, über die eine Person verfügt, hängen von ihrer gesellschaftlichen Position ab (Henzen 1954: 204; nach Mattheier 1980: 94).

In stark formalisierten Situationen wird daher der Gebrauch einer höheren Sprachlage erwartet. Ist man als Dialektsprecher nicht bereit oder fähig, den großen Sprung in die Standardvarietät zu machen, wird oft Umgangssprache gewählt. „Sie wählen somit die Umgangssprache, weil es in dieser Situation nicht gleichgültig ist, Dialekt zu sprechen“ (Steinegger 1997: 93).

Wie eine Person eine Situation wahrnimmt bzw. definiert und mit welchen Anforderungen an die Sprache sie diese verbindet, hängt entscheidend von der Sozialisation und den so vermittelten Normen ab (Mattheier 1980: 19). Die situative Komponente und soziale Gruppen, wie im folgenden Abschnitt näher beschrieben, sind in diesem Sinne nicht voneinander unabhängig. Dennoch scheint die Situation direkter auf den Sprachgebrauch zu wirken, als die gesellschaftlichen Verhältnisse (Mattheier 1980: 91).

3.4.2 Diastrische Komponente

Welche Sprachvarietäten verlangt, verwendet bzw. überhaupt beherrscht werden, hängt auch vom gesellschaftlichen Umfeld und demographischen Merkmalen wie Alter, Geschlecht, Beruf, Bildung etc. ab.

Oft behandelt wird der Aspekt der sozialen Schicht bzw. sozialer Gruppen. Mattheier versteht unter dem Begriff der sozialen Schicht einen „Ausschnitt einer Gesellschaft, der mehr Homogenität bezüglich wichtiger gesellschaftsgliedernder Faktoren zeigt“ (Mattheier 1980: 87). Soziale Gruppen werden

„durch Menschen gebildet [...], die unter vergleichbaren Lebensbedingungen in potentiellem kommunikativem Kontakt miteinander leben, diese Lebensbedingungen auch in ähnlicher Weise interpretieren und daher vergleichbare Sozialverhaltensweisen erwarten lassen.“

(Mattheier 1980: 96f).

Gruppierungen von Menschen, die sich aufgrund verschiedener Merkmale von anderen unterscheiden, stehen also hier im Mittelpunkt. Aspekte, welche die Zugehörigkeit beeinflussen, sind Einkommen, Ausbildung oder Beruf. Gerade die beiden letzten haben durch spezifische kommunikative Anforderungen besonderen Einfluss auf die Sprache des Einzelnen (Steinegger 1997: 10).

Ammon geht ebenfalls von einem sozioökonomischen Schichtbegriff aus. „Unterschiedliche Verfügungsgewalt über materielle Güter“, „Unterschiede in der Machtbefugnis“, „Unterschiede im Wissen und in der Bildung“ sowie „Unterschiede in der allgemeinen Lebensweise“ (Ammon 1973; nach Mattheier 1980: 84) dienen der Zuteilung zu verschiedenen sozialen Schichten.

Weiters trifft Ammon die Unterscheidung in manuelle und nicht-manuelle Berufe, wobei bei letzteren die „verbale Kommunikation tendenziell intensiver und abwechslungsreicher“ ist und „sich auch in regional weiteren Kommunikationsradien bewegt“ (Ammon 1973: 18-19). Da nun die Standardvarietät die höchste Reichweite hat, wird sie oft von Ausübenden nicht-manueller Berufe bevorzugt (Steinegger 1997: 10).

Die Abhängigkeit des Gebrauchs der Varietäten von der sozialen Schicht bzw. sozialen Gruppen spielt in Großstädten eine wesentlichere Rolle als auf dem Land, wo Regionalität ein wichtigerer Faktor ist (Steinegger 1997: 118). Generell konstatiert auch Mattheier (1980: 90), dass man in Regionen, wo vorwiegend Dialekt gesprochen wird, nicht von einem engen Zusammenhang zwischen Sprachgebrauch und sozialer Zugehörigkeit ausgehen kann.

Unterschiede in der Verwendung verschiedener Varietäten sind teilweise auch auf das Geschlecht zurückzuführen. Allerdings bezieht man sich hier nicht auf das biologische Geschlecht an sich sondern auf das „soziale Geschlecht“, das Ergebnis von Sozialisation, Verhaltenserwartungen und Rollenbildern ist (Steinegger 1997: 11).

Schon im alten Rom war für Cicero Dialekt die Sprache der Frauen und er begründet e dieses Phänomen mit unterschiedlichen Kommunikationskontakten. So kamen Frauen selten aus dem Lebensbereich, dem sie entstammten , heraus, während Männer schon allein aus beruflichen Gründen, z.B. aufgrund des Wehrdienstes, mehr reisten und sich mit Personen unterschiedlichster Herkunft und Sprache verständigen mussten (Mattheier 1980: 25).

Während früher Frauen noch als die Hüterinnen ursprünglichen Sprechens galten, weisen die meisten Untersuchungen heutzutage Frauen als dialektferner aus. Dies hängt vor allem mit den gesellschaftlichen Veränderungen, die mit wandelnden Geschlechterrollen einhergehen, zusammen. Außerdem wird Männern im Allgemeinen gesellschaftlich mehr Wildheit zugestanden, während sich Frauen gesitteter zu benehmen haben (Steinegger 1997: 11).

„Frauen sprechen mehr prestigeorientiert, lehnen den Dialekt eher ab und identifizieren ihn mit Männlichkeit. Sie verwenden mehr hyperkorrekte Formen, ihr Sprachverhalten drückt Angepasstheit aus.“

(Malliga 1997: 71)

Nach Mattheier sind Frauen leichter zur Anpassung bereit und wollen eher eine prestigeträchtige Ausdrucksweise verwenden. Weiters kann eine größere Dialektferne von Frauen mit Perioden der Kindererziehung begründet werden, da besonders Mütter in dieser Phase vermehrt Standardsprache mit dem Kind sprechen. Schließlich sind Frauen häufiger in schreibenden Berufen tätig, wo die Schriftsprache zumindest gekonnt werden muss und tendenziell mehr Standardsprache verwendet wird (Mattheier 1980: 26).

Die Unterschiede in der Sprachverwendung zwischen Frauen und Männern sind also durchwegs „durch die unterschiedliche Position von Frau und Mann in unserer Sozialordnung motiviert“ (Mattheier 1980: 34).

Einer bestimmten Sprachvarietät mächtig zu sein kann auch explizit gesellschaftliche Macht bedeuten. Die sozialen Machtverhältnisse sind wesentlich über Sprache konstituiert und am Sprachgebrauch zu erkennen. Wie wir sprechen zeigt, welche Position wir innerhalb der Gesellschaft bereits einnehmen und vor allem überhaupt einnehmen können (Steinegger 1997: 6). Insofern hängt auch die soziale Mobilität entscheidend von der Fähigkeit ab, verschiedene Varietäten zu sprechen, insbesondere die Hochsprache (Neubauer 1989: 84).

3.4.3 Diatopische Komponente

Region und Größe des Wohnorts sind ebenfalls entscheidende Faktoren für Sprachnorm en . Laut Mattheier (1980: 169) ist in Österreich das Stadt-Land-Gefälle für die Dialektverwendung und –intensität ausschlaggebender als die soziale Schicht. Dörfer und Kleinstädte weisen generell einen höheren Dialektgebrauch und eine positivere Dialekteinschätzung auf, während sich in größeren Städten eine höhere Dialektdistanz zeigt (Steinegger 1997: 140). Festzuhalten ist, dass Dialekt in verschiedenen Regionen unterschiedlichen Stellenwert, Prestige und Wichtigkeit hat (Steinegger 1997: 10).

Die räumliche Komponente spielt bei der bewussten Wahl der Varietät dann eine Rolle, wenn aus Verständnisgründen aufgrund der zu starken regionalen Differenzen in eine andere Sprachvarietät als die gewohnte gewechselt wird. Hier wird dann generell auf Standard- oder Umgangssprache zurückgegriffen, da diese größere Reichweiten besitzen (Steinegger 1997: 2).

Mattheier geht davon aus, dass in mobilen Gesellschaften mehr Sprecher über die Standardvarietät verfügen und verschiedene Dialekte eher verstanden werden als in immobilen (Mattheier 1980: 95). Dies spiegelt sich auch in den Ergebnissen von Steinegger (1997) zur Mobilität wider. So sinkt mit steigender Mobilität einerseits die Dialektkompetenz und andererseits steigen die Werte für Hoch- und Umgangssprache als bevorzugte Sprechweise.

[...]


[1] http://www.backinjob.de/index.php?page=dialekte

[2] http://www.backinjob.de/index.php?page=dialekte

[3] „Haschd a Gschäft?“

[4] http://lexikon.meyers.de/meyers/Substandard

[5] http://lexikon.meyers.de/meyers/Umgangssprache

[6] http://lexikon.meyers.de/meyers/Verkehrssprache

[7] http://lexikon.meyers.de/meyers/Soziolekt

Ende der Leseprobe aus 113 Seiten

Details

Titel
Karriere trotz Dialekt? - Die Rolle von Standardsprache und Dialekt bei der Personalauswahl
Hochschule
Wirtschaftsuniversität Wien
Note
1
Autor
Jahr
2007
Seiten
113
Katalognummer
V90858
ISBN (eBook)
9783638050197
Dateigröße
736 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Karriere, Dialekt, Rolle, Standardsprache, Personalauswahl
Arbeit zitieren
Mag. Barbara Kellner (Autor), 2007, Karriere trotz Dialekt? - Die Rolle von Standardsprache und Dialekt bei der Personalauswahl, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/90858

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Karriere trotz Dialekt? - Die Rolle von Standardsprache und Dialekt bei der Personalauswahl


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden