"Die Alpen" von Albrecht von Haller und die aufkommende Alpenbegeisterung im 18. Jahrhundert

Eine kurze Einführung


Hausarbeit, 2020

14 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Hauptteil
„Die Alpen“ und das veränderte Naturverhältnis
Stadt-Land Gegensatz und Sittenkritik in „Die Alpen“
Das Erhabene der Alpen

Schlussteil

Literaturverzeichnis

Einleitung

„Jedes Zeitalter, wenn es neue Ideen bekömmt, bekömmt auch neue Augen.“ -Heinrich Heine1 Diese Hausarbeit soll das Gedicht „Die Alpen“ (1729) von Albrecht von Haller2 analysieren, interpretieren und der Fragestellung nachgehen, inwiefern das Gedicht auf das Naturverhältnis und -verständnis im 18. Jahrhundert Einfluss genommen hat. Dabei möchte ich auf die Punkte von Raimund Rodewald3 Bezug nehmen, welcher erläutert, was an Hallers Alpenansicht so neu war und welche Besonderheiten damit auch das Gedicht mitbringt. Hierbei werden Punkte genannt wie Hallers naturwissenschaftlich genaue Beschreibungen, das Herstellen eines lebendigen Landschaftbildes, den Alpen-Mythos, den er vor allem dadurch entwickelte, dass er die Alpenbevölkerung in den Vordergrund stellte, ihr Leben idealisierte und ästhetisierte anhand dessen Leben es schaffte eine Kritik am Sittenverderbnis mit einer Gegenüberstellung von Stadt und Land auszuüben. Hinzu werde ich noch den Begriff des Erhabenen sowie seine Bedeutung im 18. Jahrhundert erklären und erläutern, warum gerade dieser in einer engen Verbindung zu den Alpen steht.

Dabei sollen verschiedene wissenschaftliche Texte als Untersuchungsmaterial dienen, die sich vor allem auf das Landschafts -und Alpenverständnis im 18. Jahrhundert beziehen. Die Hauptquellen, die ich dabei heranziehe sind „Das Alpenerlebnis in der deutschen Literatur des 18. Jahrhundert“ von Richard Weiss, „Die Alpen in Literatur und Malerei. Albrecht von Haller, Caspar Wolf, Ludwig Hohl, Ferdinand Hodler“ von Barbara Lafond-Kettlitz und „“Die Alpen“ Albrecht von Hallers: Landschaftsgemälde, wissenschaftliche Hypothesenbildung und verborgene Theologie“ von Barbara Mahlmann-Bauer. Diese dienen zur Erläuterung und historischem Hintergrundwissen, um die in meiner Gedichtsanalyse herausgefundenen Erkenntnisse zu verdeutlichen und in einen Kontext zu bringen.

Ziel der Arbeit ist es somit anhand des Gedichtes und dessen Analyse und Interpretation einzuordnen, wie Hallers Bild der Alpen und das Alpenvolk die zeitgenössische Rezeption von Natur und vor allem der „neuen“ Landschaft geformt hat und teilweise auch eine Art Natursehnsucht in den Menschen ausgelöst hat.

Hauptteil

„Die Alpen“ und das veränderte Naturverhältnis Albrecht von Hallers Gedicht „Die Alpen“ erschien im Jahre 1729 und kann als eine Art Auswertung seiner alpinen Exkursion gesehen werden, auf welche er sich ein Jahr zuvor begeben hatte. Dabei erlangen vor allem seine naturwissenschaftlichen Erkenntnisse innerhalb der Pflanzenkunde große Bedeutung. Diese vermischen sich in Hallers Gedicht mit moralischer Überlegung, die auf einen Gegensatz zwischen Alpenbevölkerung und fürstlicher Gesellschaft in den Städten abzielt. Dadurch kann man innerhalb dieser Strophen von satirischen Elementen sprechen. Das Gedicht gehört zu der Gattung der physikotheologische Lehrdichtung4. Formal lässt sich das Gedicht in 49 Strophen mit je 10 Alexandrinern beschreiben, welche das Reimschema ababcdcdee streng verfolgen. Hierbei liegt ein durchgängiger Wechsel von männlicher und weiblicher Kadenz vor. Innerhalb einer Strophe findet eine Steigerung statt, die sich dann mit dem Reimschema ee bis zum Ende der letzten beiden Verse erkennen lässt und sich wie eine Art Zusammenfassung der vorherigen Verse innerhalb einer Strophe versteht. Die Reime im Allgemeinen sind einfach und anakreontische Rokokoverse verdeutlichen das Hirtenleben und sind angelehnt an die Schäferdichtung der Antike5.

Mit dem Gedicht ist Albrecht von Haller der erste Dichter, der Zeugnis von den Alpen ablegt und diese und ihre Bevölkerung in ein gutes Licht rückt6. Vor Haller wurden die Alpen auch schon erwähnt oder behandelt, jedoch war dies meist eher oberflächlich. Die meiste Zeit wurde diese Landschaft einfach links liegen gelassen und fand keine Beachtung. Wie schon erwähnt war Hallers eigene Alpenreise ein Grund dieses Gedicht zu schreiben, jedoch war er nach seinem akademischen Erfolg darauf aus, die Begrenztheit der Menschen zu analysieren und darüber zu berichten7. Besonders wichtig war zu der Zeit die Stimmung innerhalb der Aufklärung. Denn der Aufklärer verlor zu der Zeit seine Sicherheit und stieß an die Grenzen als er versuchte, alles Mögliche in ein vernünftiges Weltbild einzuordnen8. Die Alpen waren eines der Angelegenheiten, die nicht in das geordnete System der Aufklärung passte. Sie standen für Angst und Schrecken durch die Naturgewalten und das wenige Wissen, das man bis dort von ihnen besaß9. Erst mit dem 18. Jahrhundert kam es zu einer Wandlung des Alpenbildes10, wobei Albrecht von Haller nicht ganz unbeteiligt ist. Und auch das Verhältnis vom Menschen zur Natur ändert sich. Ein glückliches Verhältnis zwischen Mensch und Natur zeigt Haller am Beispiel der Alpenbevölkerung, welches durch ihr ursprüngliches, einfaches, anstrengendes, freiheitliches und vor allem glückliches Leben als eine erstrebte Form des Menschenseins dargestellt werden. Sie werden ins Zentrum des Gedichtes gerückt und ihr Leben wird ästhetisiert. Die Alpen werden zum Hintergrund des menschlichen Geschehens in den Alpen (vgl. V.101f.). Den Charakter des Lehrgedichtes machen vor allem die Fußnoten innerhalb des Gedichtes deutlich, die immer wieder naturwissenschaftliche Erläuterungen enthalten oder zu verdeutlichen versuchen, dass es sich hier um tatsächliche Beschreibungen des Lebens in den Alpen handelt. So ist es Haller beispielsweise nach Strophe 6 wichtig die realen Begebenheiten des sogenannten Bergfestes zu erläutern, wo die Bewohner der Alpen nach der harten Arbeit auch zufrieden feiern. Damit entwirft Haller das Gegenbild zu dem, was noch vorher über die Bevölkerung in den Bergen gedacht wurde. Denn genauso wie die Berge selber, wurde auch über die Menschen, die in ihnen wohnten, negativ gedacht. Sie galten in den vorherigen Jahrhunderten noch als zurückgeblieben, gefährlich oder sogar als „wilder Kannibalenstamm“11. Demnach basierte das neue Verhältnis zwischen Mensch und Natur auch auf einer Erweiterung des Horizontes, aber auch einer veränderten Perspektive auf die Dinge im Leben. Die Sehnsucht nach Glück durch die Natur stellt Haller auch in der Liebe dar. So beschreibt das lyrische Ich in den Strophen 14 bis 16 mit Begriffen wie „ungeheuchelt Wort“ (V.134), „Keuschheit“ (V.139) oder „Treu“ (V.143). In Vers 156 behauptet das lyrische Ich auch, dass es die Liebe ist, welche die Anstrengungen und die Arbeit erträglich macht, so sehr, dass man sich sogar an diesen Sachen erfreut. Hiermit ist Liebe die Basis des „Mythos des Paradies“12 und der Grund, warum das Leben hier noch so nah an dem Goldenen Zeitalter ist.

Darauf folgen Strophen die verdeutlichen, dass Hallers Sicht immer noch die eines Naturwissenschaftlers ist und er die Alpen selber eher objektiv als subjektiv beschreibt. Gerade wegen dieser Passagen des Gedichtes erlangte dieses im 18. Jahrhundert viel Aufmerksamkeit. Denn das Gedicht wirkt lebendig durch den Reichtum an Bildern und den vielen naturgetreuen Beschreibungen. Haller schickt den Leser auf eine Reise durch die verschiedenen Jahreszeiten in den Alpen und „beseelt“ die ganzen Naturvorgänge13 („Wann sich der Erde Schoos mit neuem Schmucke zieret“ (V.173)). So auch in Vers 253, in dem das lyrische Ich von einem erschöpften Feld redet und damit das Feld personifiziert. Dies hat zur Folge, dass Haller es schafft die Alpen zu entmystifizieren, in dem er den Elementen in diesen etwas Menschliches gibt und somit auch die Bedeutung der Alpen in das teleologische System einordnet14. In Strophe 18 beschreibt das lyrische Ich lebendig den Frühling. Das ist schon in Vers 173 zu erkennen, in dem der Leser durch die Formulierung „neuem Schmucke“ darauf schließen kann, dass die Naturwelt so langsam nach dem „Winterschlaf“ wieder erwacht und nun die Alpenbevölkerung auch wieder ihren Tätigkeiten nachgehen kann. Sie können sich die Natur wieder zu „Nutzen“ (V.180) machen. Das Leben in den Bergen nimmt seinen Lauf in seiner Einfachheit und Ursprünglichkeit und in Strophe 21, nach der Blüte des Sommers und „der Sonne Macht“ (V.201), beginnt der Herbst, der „Flora verdränget“ (V.205). Und auch diesen machen sich die Menschen zu Nutzen (vgl. V. 214) In dieser Strophe werden Frühling und Herbst sich zudem gegenübergestellt, was verdeutlicht, dass in der Natur alles seine Richtigkeit hat und dass die Abfolgen der Naturvorgänge vernünftig sind und somit einen Platz im Schöpfungsplan haben15. Auch zu erwähnen ist, dass hier auch wieder deutlich wird, dass Haller die Alpen auf naturwissenschaftlicher Ebene erkennt und beschreibt. Somit beschreibt er in diesen Strophen zwar auf der einen Seite objektiv seine Erkenntnisse, jedoch wird auch eine Gefühlsebene deutlich, die die Natur in den Alpen ästhetisiert und auch idealisiert. Ob dieser Gefühlston wirklich von Haller intendiert war oder er einfach kreativ rezipiert wurde, ist eine Frage, die auch heute noch offen ist16. In Strophe 26 weicht der Herbst dem Winter. Gerade der Winter in den Alpen machte den Leuten zur früheren Zeit Angst und sie verknüpften diesen mit Schrecken und Furcht. Doch auch hier entwirft Haller ein Bild der Alpen, welches ein Gegenstück zu den meisten Auffassungen bildet. Denn anstatt auf die Naturgewalten und die Schwierigkeiten im Winter einzugehen, beschreibt er diesen eher mit friedlichen Worten („beschneyten Hütten“ (V.255)). Der Winter ist eine Ruhezeit für die Alpenbevölkerung, die das ganze Jahr über gearbeitet hat. Dabei ist aber nach den tatsächlichen Begebenheiten dieser Beschreibungen zu fragen und ob der Winter wirklich so sorgenlos war. In den Strophen 27 und 28 weist Haller zudem auf einen großen Unterschied zwischen den Aufklärungsmenschen und den Menschen in den Bergen hin. Dieser wird besonders deutlich in Vers 280. Während Literatur und Kunst in der Aufklärung nach Regeln und Vernunft entstanden ist, so braucht der Mensch in den Alpen dies nicht, sondern lässt seinen Gefühlen freien Lauf. Er braucht keine Bücher, die ihm das Leben erklären, denn er selbst lebt nach seinen Erfahrungen (vgl. V.270).

Ganz besonderes Ansehen und besondere Bekanntheit gelang Haller mit seinem Gedicht auch durch die Pflanzenschilderungen, welche er in den Fußnoten noch weiter erläutert und einen naturwissenschaftlichen Blick ermöglicht. Besonders nahbar wirken diese Beschreibungen durch die Verwendungen von vielen Adjektiven und Allegorien. Formulierungen wie „Der Blumen helles Gold“ (V.385) sind nicht nur sehr spezifisch, sondern verbildlichen die Flora in den Alpen. In Vers 390 vermenschlicht er wiederum auch die Pflanzen und gibt ihnen eine „Seele“. Sie sind Teil der Natur wie auch der Mensch selber.

[...]


1 Petra Raymond: Von der Landschaft im Kopf zur Landschaft aus Sprache, Studien zur deutschen Literatur, Bd. 123, Tübingen 1993, S.1

2 Deutsche Akademie der Wissenschaften zu Berlin, Institut für deutsche Sprache und Literatur (Hg.), Die Alpen. Albrecht von Haller, Studienausgaben zur neueren deutschen Literatur, Berlin 1959 (jede Erwähnung des Gedichtes bezieht sich auf diese Ausgabe)

3 Raimond Rodewald: Landschaftswahrnehmung zu Hallers Zeit und heute, In: Mitteilungen der Naturforschenden Gesellschaft in Bern 66 (2009), S. 43

4 Barbara Mahlmann-Bauer: „Die Alpen“ Albrecht von Hallers. Landschaftsgemälde, wissenschaftliche Hypothesenbildung und verborgene Theologie, In: Mitteilungen der Naturforschenden Gesellschaft in Bern 66 (2009): S.9

5 Ebd.: S. 9

6 Richard Weiss: Das Alpenerlebnis in der deutschen Literatur des 18. Jahrhunderts, Horgen-Zürich 1933: S.21

7 Barbara Mahlmann-Bauer: „Die Alpen“ Albrecht von Hallers: S. 10

8 Richard Weiss: Das Alpenerlebnis in der deutschen Literatur des 18. Jahrhunderts: S. 21

9 Barbara Lafond-Kettlitz: Die Alpen in Literatur und Malerei. Albrecht von Haller, Caspar Wolf, Ludwig Hohl, Ferdinand Hodler, In: Études Germaniques 64 (2009): S.3

10 Holger Böhning: Der deutsche Blick auf die Schweiz und die Alpen im 18. Und frühen 19. Jahrhundert, In: Die Alpen!. Zur europäischen Wahrnehmungsgeschichte seit der Renaissance, Bern [u.a] 2005: S.175

11 Richard Weiss: Das Alpenerlebnis in der deutschen Literatur des 18. Jahrhunderts, S:56 12 Barbara Lafond-Kettlitz: Die Alpen in Literatur und Malerei, S:934

13 Barbara Mahlmann-Bauer: „Die Alpen“ Albrecht von Hallers: S. 14

14 Richard Weiss: Das Alpenerlebnis in der deutschen Literatur des 18. Jahrhunderts: S.28

15 Ebd.: S.29

16 Petra Raymond: Von der Landschaft im Kopf zur Landschaft aus Sprache: S.14

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Details

Titel
"Die Alpen" von Albrecht von Haller und die aufkommende Alpenbegeisterung im 18. Jahrhundert
Untertitel
Eine kurze Einführung
Autor
Jahr
2020
Seiten
14
Katalognummer
V908770
ISBN (eBook)
9783346222138
ISBN (Buch)
9783346222145
Sprache
Deutsch
Schlagworte
albrecht, alpen, alpenbegeisterung, eine, einführung, haller, jahrhundert
Arbeit zitieren
Jil Englert (Autor), 2020, "Die Alpen" von Albrecht von Haller und die aufkommende Alpenbegeisterung im 18. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/908770

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