Die tierethischen Positionen von Singer, Regan und Diamond


Bachelorarbeit, 2019

30 Seiten, Note: 1.5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Mensch und das Tier – Moralischer Differentialismus

3. Tierethische Position: Peter Singer
3.1 Der Autor – Philosoph und Utilitarist
3.2 Utilitarismus
3.3 Animal Liberation – Das Prinzip der Gleichheit und Speziesismus
3.4 Tiere als Nahrung und Tierversuche
3.5 Singers Axiologie – Weshalb ist Töten verwerflich?

4. Tierethische Position: Tom Regan
4.1 Der Autor
4.2 Wie man Rechte für Tiere begründet – Der Indirekte-Pflichten-Ansatz
4.3 Kontraktualismus
4.4 John Rawls Theorie der Gerechtigkeit
4.5 Regans Ansatz der Grausamkeit und der Freundlichkeit
4.6 Regans Kritik des Utilitarismus
4.7 Der Rechts-Ansatz – Der inhärente Wert
4.8 Kritik an Regans Theorie

5. Tierethische Position: Cora Diamond
5.1 Die Autorin
5.2 Fleisch essen und Menschen essen – Sind die Positionen Singers und Regans nur Konfusion?
5.3 Moralische Akteure

6. Gründe für eine vegetarische Ernährung
6.1 Darf man Tiere essen? Plutarchs Einwand
6.2 Vegetarismus
6.3 Das Recht des Stärkeren?

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Grimm-Märchen „Die Bremer Stadtmusikanten“ kennt wahrscheinlich jeder von uns. Das Märchen startet mit der Flucht eines Esels und im Verlauf schließen sich mehrere Tiere an, darunter eine Katze, ein Hund und ein Hahn, die ebenfalls flüchten wollen. Doch warum wollen diese Tiere überhaupt flüchten? Der Esel ist zu alt geworden und dementsprechend nicht mehr zur Arbeit fähig. Daher will ihn sein Besitzer töten, um nicht mehr für ihn sorgen zu müssen. Das gleiche Schicksal teilen der Hund und die Katze. Der Hahn bekommt mit, dass er für die Sonntagssuppe bestimmt ist, also rennt auch er davon. Das gemeinsame Ziel ist die Freiheit.

Das Beispiel der Bremer Stadtmusikanten eignet sich hervorragend für einen Einstieg in die Tierethik, da es den tiefgreifenden Unterschied in der Mensch-Tier Beziehung aufzeigt. Die Tiere werden als Mittel für bestimmte Zwecke gesehen und können als Arbeitstiere gehalten werden, Nahrungs- bzw. Rohstofflieferant sein oder ganz einfach ihre Daseinsberechtigung verlieren. Natürlich ist dies bei Menschen kaum vorstellbar. Menschen können und dürfen kein Eigentum anderer sein und die Daseinsberechtigung ist nicht gekoppelt an weitere Bedingungen.1 Menschen scheinen also etwas anderes zu sein als Tiere. Die Ursache bzw. die Antwort für diesen weitreichenden Unterschied, finden wir wahrscheinlich, wenn wir uns die Geschichte der Mensch-Tier Beziehung anschauen. Dann können wir feststellen, dass die Menschen, schon seit Anbeginn, Tiere als Mittel zum Zweck benutzt haben. Ob Menschen eine Spezies lieben, essen oder ausrotten, hängt nicht von deren Biologie, sondern von der sie betreffenden sozialen Konstruktion ab.2 Doch diese Arbeit wird sich nicht mit der Geschichte von Tiernutzung auseinandersetzen, obwohl viele historische Ereignisse und vor allem Religionen unser Verhältnis zu Tieren geprägt haben. Vielmehr will diese Arbeit die Frage beantworten, wie wir uns Tieren gegenüber moralisch verhalten sollen. Sollen Tiere den gleichen, moralischen Status wie Menschen haben? In der Öffentlichkeit hat die Tierethik bzw. die Tierrechtsbewegung in den letzten Jahrzehnten großen Zulauf bekommen. Durch die globalisierte Massentierhaltung, Tierversuche und Experimente zur medizinischen Forschung, hat das Thema immer mehr Aufmerksamkeit erhalten. Forscher fanden zudem heraus, dass auch Tiere in der Lage waren, ein soziales und geistiges Leben zu führen, ferner dass Menschen eine Wesensverwandtschaft mit dem Tier haben.3 Deswegen kann die Aufgabe der Tierethik nur sein, den moralischen Status der Tiere zu überdenken und das Verhältnis zwischen Menschen und Tieren neu zu reflektieren.4 Die moderne Tierethik hat vor ca. 45 Jahren, mit der Publikation von Peter Singers Buch „Animal Liberation (1975)“ angefangen und seitdem die Debatte um den moralischen Status der Tiere nachhaltig geprägt. Ein weiterer international renommierter Vertreter der Tierethik ist Tom Regan. Er argumentiert in seinem Buch „The Case for Animal Rights (1983)“ dafür, dass einigen Tieren Rechte zukommen und stellt die wichtigste alternative Position in der Debatte dar. Diese beiden Werke wurden zunächst gegeneinander diskutiert und teilweise bestritten. Da diese den Grundstein der Tierethik bilden, sind sie für die vorliegende Arbeit unerlässlich und werden zur Beantwortung der Forschungsfrage analysiert. Eine weitere, interessante Position vertritt die Philosophin Cora Diamond. Anders als Singer und Regan argumentiert sie vom Standpunkt der Tugendmoral und soll als dritte Position in der Analyse Platz finden. Dazu wird das Werk „Menschen, Tiere und Begriffe“ herangezogen.5

Zunächst soll ein kurzer Überblick über die Tierethik gegeben und einige Hauptprobleme in der Debatte angesprochen werden. Danach werden die tierethischen Positionen einzeln vorgestellt. Da Singers Werk, die Diskussion erst entfacht und zu einer Flut von Veröffentlichungen zur Tierethik geführt hat, wird seine Position als erstes vorgestellt. Darauf folgt die Vorstellung von Regans Position. Im Anschluss daran, sollen die Positionen Singers und Regans verglichen, analysiert und bewertet werden. Da Cora Diamond gegen Singer und Regan argumentiert, wird abschließend ihr Standpunkt vorgestellt und ebenfalls bewertet. Zum Schluss soll ein Fazit gezogen werden, in der die These dieser Arbeit bestärkt und unterstützt wird.

2. Der Mensch und das Tier – Moralischer Differentialismus

Wie in der Einleitung erwähnt wurde, besteht ein tiefgreifender, großer Unterschied zwischen Tieren und Menschen. Dass Tiere gehandelt, gezähmt, getötet, genutzt und gegessen werden, ist Normalität und Alltag. Die Frage an dieser Stelle könnte lauten, woher die unterschiedliche Auffassung von Tieren stammt, doch richtig ist es danach zu fragen, warum die Unterschiede gültig sein sollen. Die Annahme des Menschen, dass Tiere anders seien, kann keine Berechtigung bzw. Befähigung sein, die Tiere auf diese Art und Weise zu behandeln. Zunächst soll also untersucht werden, worin der Unterschied zwischen Tier und Mensch besteht, dass die vorherrschende Situation legitimieren würde. Markus Wild schreibt dazu, dass der Mensch das Tier plus X sei, denn alle Eigenschaften, die Tiere besitzen, besitze auch der Mensch und darüber hinaus noch weitere Qualitäten:

„So ist der Mensch etwa das vernünftige Tier, das Tier, das spricht (Aristoteles), Staaten bildet (Aristoteles), Hände hat (Aristoteles), eine Seele hat (Descartes), vernunftfähig ist (Kant), um seinen Tod weiß (Hölderlin), sich an alles gewöhnt (Dostojewskij), nicht festgestellt ist (Nietzsche), exzentrisch positioniert ist (Plessner), eine Welt hat (Heidegger), etwas stattdessen tut (Marquard).“ 6

Die Antwort ist also die „anthropologische Differenz“. Durch diese Formel werden die Tiere so definiert, dass ihnen etwas Entscheidendes fehlt, denn wenn Mensch ein Tier plus X ist, dann müsste Tier ein Mensch minus X sein. Menschen scheinen etwas anderes zu sein, indem sie sprechen, Gedanken bilden und zukunftsorientiert planen können. Dabei bleibt die Frage offen, ob wir den Tieren auch Geist zuschreiben können. In der Realität steht einer Berücksichtigung nichtmenschlicher Tiere, in den sozial- und geisteswissenschaftlichen Disziplinen, ein Anthropozentrismus entgegen, der sie am Rande des Forschungsbereiches belässt.7 Dennoch machten Forscher bei der Beobachtung von Menschenaffen Fortschritte. Sie fanden dabei heraus, dass die Schimpansen Grashalme zupften, um in Termitenbauten nach Termiten zu fischen.8 Daraus lässt sich schlussfolgern, dass die Schimpansen diese Jagdstrategie mit Absicht und Bewusstsein ausführen. Die anthropologische Differenz kann dementsprechend bezweifelt werden und die Grenze zwischen Menschen und Tieren, scheint nach diesen Erkenntnissen nicht mehr ganz klar zu sein.

Um ein weiteres Problem in der Tierethik-Diskussion aufzuzeigen, werden im Folgenden zwei Argumente analysiert. Vegetarier und Veganer essen aus ethischen Gründen kein Fleisch und erachten es als falsch, Tiere für den Fleischkonsum zu töten. Dagegen lautet das gängigste Argument vieler Menschen, dass im Verlauf der Evolution, Fleisch als Nahrungsmittel unverzichtbar gewesen sei, denn ohne Fleisch als wichtige und energiereiche Nahrungsquelle, hätten die Menschen nicht überleben können, ferner unsere Art, also der Mensch, hätte sich nicht zu dem entwickeln können, was er heute ist.9 Vertreter dieser Hypothese schauen also auf die Entwicklung des Menschen und nehmen damit eine genetisch-historische Perspektive ein, während die Vegetarier und Veganer dagegen herausfinden möchten, ob es richtig ist, Tiere für den Fleischkonsum zu töten. Damit nehmen sie eine normativ-philosophische Perspektive ein.10 Hier muss man deshalb aufpassen, historische Tatsachen mit ethischen Argumenten zu vermischen. Dabei ist das erste Argument ohnehin nichtig, denn aus der Argumentationsweise lässt sich schlussfolgern, dass alles was alt ist bzw, früher gemacht wurde, auch gut ist. Schließlich brauchen wir kein Fleisch mehr zum Überleben und adaptieren nicht alles, was früher gemacht wurde. Sonst würden wir heute noch in Höhlen leben, Frauenrechte missachten, Sklaven halten und Rassisten sein.11 Nur weil früher Tiere geschlachtet und gegessen wurden, heißt das nicht, dass das richtig ist.

3. Tierethische Position: Peter Singer

3.1 Der Autor – Philosoph und Utilitarist

Peter Singer wurde 1946 in Melbourne, Australien, geboren. Nach seinem Studium an den Universitäten von Melbourne und Oxford, hatte er verschiedene Lehraufträge. Er ist seit 2004 Ira W. DeCamp Professor an der Princeton University und wurde 2013 zum Laureat-Professor an der University of Melbourne ernannt.12 Der Utilitarist zählt als einer der Gründerväter der Tierrechtsbewegung und setzte sich mit seinem Buch „Animal Liberation“ für eine neue, angemessenere Haltung gegenüber Tieren ein.13 Ein weiteres wichtiges Werk von Singer ist die „Praktische Ethik“, erschienen 1979. Dort fasst Singer seine ethischen Standpunkte zusammen und sorgte international für große Empörung, mit seinen Überlegungen zur Euthanasie und der Verwerfung der Heiligkeit des menschlichen Lebens.14

Der thematische Schwerpunkt seiner Arbeiten liegt in der Frage der Lebensrechte der Tiere. Er vergleicht hierbei den Lebenswert zwischen Menschen und Tieren und fordert eine neue Definition bzw. eine Ausweitung des moralischen Status auf Tiere.

3.2 Utilitarismus

Im Folgenden soll zunächst Singers utilitaristische Position kurz dargestellt werden, um seine Argumentation verständlicher und zugänglicher zu machen. Die Grundvoraussetzung des Utilitarismus ist, dass Schmerzen und Leiden schlecht sind und verhindert werden sollen und Lust und Glück gut sind und maximiert werden sollen.15 Die Grundlage bildet also keine Pflicht oder ein Recht, sondern eine Handlung wird nach ihrem Nutzen hin bewertet. Das Ziel ist die Verringerung des Gesamtleidens und die Vermehrung des Gesamtglücks auf der Welt. Dabei zählt nicht das subjektive, sondern das objektive Glück. Die Grundidee des Utilitarismus lässt sich in vier Prinzipien charakterisieren.16 Das Konsequenzenprinzip sagt, dass Handlungen von ihren Folgen zu beurteilen sind. Die Folgen, die eine Handlung bewirkt, werden nach ihrem Nutzen bewertet.17 Das zweite Prinzip ist das Utilitätsprinzip. Im Utilitarismus gibt es keine guten oder schlechten Handlungen bzw. feste Anordnungen. Eine Handlung ist dann gut, wenn sie das definierte Handlungsziel, also den größtmöglichen Nutzen fördert.18 Das dritte Prinzip ist das Hedonismusprinzip. Wie der Name schon sagt, gilt alles als nützlich, dass Lust, Freude und Glück vermehrt. Das letzte Prinzip ist das Sozialprinzip. Bei einer Handlung soll nicht das eigene Glück bevorzugt werden, sondern das Glück der ganzen Menschheit. Angestrebt wird das größtmögliche Glück der größtmöglichen Zahl.19 Auf Singers erweiterten Präferenzutilitarismus wird später noch eingegangen, auch in Verbindung mit der Kritik Regans.

3.3 Animal Liberation – Das Prinzip der Gleichheit und Speziesismus

In seinen Werken „Animal Liberation“ und „Praktische Ethik“ appelliert Singer an alle Menschen, dass sie auf dieselbe Art und Weise für die Gleichberechtigung der Tiere kämpfen sollen, wie sie es für die Frauen und Schwarzen taten. Natürlich können die Tiere ihre Interessen nicht selbst vertreten, stattdessen sollen die Menschen sich für das Wohl der Tiere einsetzen. Singers Argumentationsgang greift die Schrift „A Vindication of the Rights of Women“ von Mary Wollstonecraft auf.20 Die Feministin forderte schon 1792 Rechte für Frauen, dass damals jedoch als Absurdität abgestempelt wurde. Thomas Taylor, der ein angesehener Professor an der Uni Cambridge war, versuchte gar ihre Forderungen ins Lächerliche zu ziehen und verlangte sodann Rechte für Tiere, denn diese Vorstellung war zu dieser Zeit ebenfalls abwegig. Doch Singer kennt eine Lösung, die erstens Wollstonecrafts Argumentation gegen Taylor verteidigt und zweitens das Prinzip der Gleichheit auch auf Tiere bzw. andere Spezies ausweiten lässt. Dazu sagt er, dass es nicht nötig sei, bei der Argumentation für Frauenrechte, nichtmenschliche Tiere einzubeziehen, denn es bestehe eine sehr hohe, natürliche Gleichheit zwischen Männern und Frauen, während sich Tiere wesentlich von Männern unterscheiden würden.21 Singer erkennt zwar auch, dass es Unterschiede zwischen Frauen und Männer gibt. Männer können nicht abtreiben, daher ist es Unsinn, ein Abtreibungsrecht für Männer zu fordern, genauso wie es Unsinn wäre, ein Wahlrecht für beispielsweise Hunde zu fordern. Hunde können nicht wählen und deswegen bedarf es keiner Rechte in dieser Hinsicht. Deswegen schlussfolgert Singer, dass die Gleichheit ein moralisches Prinzip ist und keine Tatsachenbehauptung.22 Die Ausdehnung des Grundprinzips der Gleichheit auf weitere Gruppen, erfordert laut Singer nicht die gleiche Behandlung, sondern die gleiche Berücksichtigung bzw. die Gleichheit der Rücksichtnahme der Interessen der betreffenden Wesen. Dabei kann die gleiche Berücksichtigung verschiedener Wesen zu unterschiedlicher Behandlung führen.23 Das Prinzip der Gleichheit heißt also nicht, dass alle gleich sind und gleich behandelt werden sollen und impliziert, dass die Forderung der Rücksichtnahme auf andere und die Bereitschaft, Interessen anderer zu bedenken, nicht davon abhängen soll, wie die anderen beschaffen sind oder welche Fähigkeiten sie besitzen.24 Tiere haben Interessen und deswegen sollte das Prinzip der Gleichheit konsequenterweise auch für sie gelten. Wer trotz dieser Gleichheitsforderung in Bezug auf die Berücksichtigung der Interessen von Menschen und Tieren nur die Interessen der eigenen Spezies beachtet, wird von Singer als „Speziesist“ bezeichnet.25 Die springende Punkt in der Speziesismuskritik liegt nicht darin, dass Tiere wie Steine und Pflanzen, keine Menschen sind, sondern das manche Tiere, im Unterschied zu Pflanzen und Steinen, interessensfähige Individuen sind.26

„Speziesismus ist ein Vorurteil oder eine Haltung der Voreingenommenheit zugunsten der Interessen der Mitglieder der eigenen Spezies und gegen die Interessen der Mitglieder anderer Spezies. 27

Singer führt aus, dass die Zugehörigkeit zu einer Spezies oder die Intelligenz eines Wesens keinen Einfluss auf die Berücksichtigung der Interessen haben darf, da dies willkürlich wäre.28 Unter den Menschen zählt z.B. der Intelligenzquotient auch nicht als Grund, mehr wert zu sein, deshalb darf es auch unter anderen Wesen kein Grund sein, diese auszuschließen. Um die auschlaggebende Eigenschaft zu nennen, die ein Wesen haben muss, damit es bei einer moralischen Beurteilung unsere Rücksicht verdient, zitiert Singer Jeremy Bentham, in welcher er die Leidensfähigkeit als notwendige und hinreichende Eigenschaft nennt: „Die Frage ist nicht: Können sie denken? oder: Können sie sprechen?, sondern: Können sie leiden?“ 29 Außerdem präzisiert Singer diesen Gedanken weiter, indem er die Fähigkeit zu Schmerz und angenehmen Empfindungen als entscheidendes Kriterium festlegt. Damit schließt er Wesen von der Berücksichtigung ihrer Interessen aus, die nicht fähig sind, etwas zu empfinden. Nur wenn ein Wesen Leid und Glück erfahren kann, ist es qualifiziert, moralisch berücksichtigt zu werden. Singer führt weiter aus, dass alle Interessen gleich zu gewichten sind. Demnach ist der Schmerz von Tieren ebenso zu werten, wie der Schmerz von Menschen. Allerdings können Menschen, durch ihre höheren geistigen Fähigkeiten, einen gleichen Schaden subjektiv schlimmer erleben als Tiere, zum Beispiel durch die Voraussicht bzw. der Antizipation der Zukunft. Bei Tieren tritt dieser Fall ein, wenn sie für wissenschaftliche Zwecke oder in Zoos eingefangen sind, da sie die Gefahr nicht einschätzen können und sich in Todesangst befinden.30

3.4 Tiere als Nahrung und Tierversuche

Um die Probleme des Speziesismus aufzuzeigen, spricht Singer über das Thema Tiere als Nahrung. Auch wenn man das Argument akzeptieren würde, dass Menschen früher Fleisch essen mussten zum Überleben, brauchen sie heutzutage kein Fleisch mehr. Fleisch als Nahrungsmittelbedarf, ist demnach kein gültiger Grund, das Lebensinteresse und Wohl der betroffenen Tiere zu missachten. Außerdem sind die heutige Industrialisierung bzw. die Massentierhaltung zu verurteilen, da die Tiere ein elendiges Leben in zusammengepferchten Ställen führen, bevor sie getötet werden. Singers Prinzip der gleichen Interessenabwägung erlaubt nicht, dass größere Interessen für kleinere Interessen geopfert werden. Das Problem aus moralischer Sicht besteht darin, dass die Menschen ein relativ geringes Interesse am Leben und Wohl der Tiere haben, wenn es um Fleischverzehr geht, und dass dieselben Menschen dann abwägen müssen zwischen Fleischverzehr oder Beachtung der Interessen der Tiere.31 Für Peter Singer sind die Menschen auch in der Frage der Tötung Speziesisten, das heißt, dass die Tötung eines nichtmenschlichen Tieres weniger Bedeutung hat als die Tötung eines Menschen. Er prangert hier die Heiligkeit des menschlichen Lebens an, denn laut Singer verfügen erwachsene Tiere bzw. Hunde, Schimpansen oder auch Schweine über komplexere und reichere Fähigkeiten als ein schwer hirngeschädigtes Kind.32 Singer fordert zwar nicht, dass die Tötung eines Hundes gleich zu bewerten ist, wie die Tötung eines Menschen, jedoch sei es falsch, einen Unterschied an der Speziesgrenze zu machen. Wer nur denen ein Recht auf Leben zuschreibt, die zur Gattung homo sapiens gehören, betreibe blanken Speziesismus.33 Die Argumentation, dass Menschen denkende, fühlende Wesen sind und bestimmte Merkmale aufweisen, die ihr Leben wertvoller machen als andere, legitimiert nach Singer nicht die Tötung oder Nutzung der Tiere zu Experimenten.34 Denn wenn man Tiere nach dieser Argumentation töten, essen und für Experimente verwenden darf, müssten hierfür auch Kleinkinder und Menschen mit schwerwiegenden und unheilbaren Hirnschäden in Erwägung gezogen werden, da sie die genannten Eigenschaften nicht besitzen. Singers Absicht ist hierbei jedoch nicht, geistig behinderten Menschen und Kindern das Recht auf Leben zu versagen. Ebenso wenig möchte er Tieren einen Status zuschreiben, der sie unantastbar macht. Singer ist darauf aus, die Diskriminierung an anderen Spezies zu stoppen, denn kein Forscher wäre bereit, Experimente bzw. Versuche an z.B. verwaisten Menschen mit schwerwiegenden und unheilbaren Hirnschäden durchzuführen. Der Tatbestand, dass wir dies ohne Bedenken bei Tieren tun, zeigt die offensichtliche Diskriminierung und den Speziesismus.35 Als zu erreichendes Ziel formuliert Singer deshalb, dass wir nichtmenschliche Tiere in den Bereich der moralischen Rücksicht einbeziehen und damit aufhören müssen, sie für menschliche Zwecke zu opfern.36 Ein Ansatz zur Verbesserung der Lage der Tiere könnte sein, auf Fleisch zu verzichten oder sich vegetarisch oder vegan zu ernähren. Auch die Industrie könnte ihren Beitrag dazu leisten und Tierversuche unterlassen und stattdessen zu Alternativtests übergehen.

3.5 Singers Axiologie – Weshalb ist Töten verwerflich?

Singer stellt die Heiligkeit des menschlichen Lebens in Frage und legt zwei Grundsätze in seiner Definition fest, die den Ausdruck „menschlich“ bzw. Mensch definieren.37 Erstens sei ein Wesen menschlich, wenn es der Gattung homo sapiens angehöre und zweitens, wenn es eine Person sei. Singer macht hier Unterscheidungen zwischen Lebewesen, die „nur“ empfindungsfähig sind und denen, die weitere kognitive Merkmale wie Selbstbewusstsein und Zukunftsorientierung besitzen. Singer benutzt hier den Personenbegriff in dem Sinne, wie ihn der englische Philosoph John Locke benutzt hat, der eine Person definiert als ein denkendes, intelligentes Wesen, das mit Vernunft und Verstand begabt ist.38 Er erweitert den Begriff allerdings und stellt drei Kategorien des Lebens auf: die unterste Kategorie, die nicht-bewusstes Leben umfasst; die mittlere Kategorie, die bewusstes Leben umfasst und die oberste Kategorie, die selbstbewusstes Leben umfasst.39 Damit trennt er nicht nur die Menschen von den Tieren, sondern auch Menschen von Menschen. Singer sagt, dass nicht alle Menschen Personen sind und stuft damit z.B. geistig behinderte Menschen und Säuglinge auf ein Niveau mit nichtmenschlichen Tieren. Die biologische Zugehörigkeit zur Gattung homo sapiens hat keine moralische Relevanz für ihn und macht deswegen homo sapiens noch nicht zu Personen. Person und Mensch sind also nicht gleichbedeutend. Auf der anderen Seite hält er Gorillas, Schimpansen, Delphine und Wale für mögliche nichtmenschliche Personen. Er kritisiert dabei, dass wir Menschen, die keine Personen sind, einen vollen moralischen Status zugestehen, während wir Tieren, die diesen Menschen in ihren Fähigkeiten gleichkommen oder sogar überlegen sein können, diesen Status nicht anerkennen.40 So lässt sich schlussfolgern, dass das Töten von ausgewachsenen Schimpansen, Gorillas, Delphinen und Walen dem Töten von menschlichen Personen gleichkommt. Für Singers Präferenz-Utilitarismus ist die Tötung einer Person ein direktes Unrecht, da diese ein Wunsch zum Weiterleben hat, während für ihn das Töten einer Nicht-Person ein kleineres Übel darstellt.41 Ferner vertritt Singer den Standpunkt Michael Tooleys, dass nur die ein Recht auf Leben haben, die Wünsche hinsichtlich der Zukunft hegen können.42 In der Wertlehre Singers steht unter den Personen die Kategorie „bewusstes Leben“. Diese Leben verfügen auch über einen bestimmten Wert, der jedoch nicht mit dem von Personen messbar ist. Unter diese Kategorie fasst Singer die Wesen zusammen, die bewusst und fähig sind, Lust und Schmerz zu erfahren, aber nicht selbstbewusst bzw. vernunftbegabt sind. Darunter fallen z.B. die Säugetiere, die heute in der intensiven Tierhaltung aufgezogen und die meisten Tiere, die für Tierversuche verwendet werden.43 Die letzte Kategorie sind nichtempfindungsfähige Lebewesen. Diese sind nicht in der Lage, Reize, Einflüsse bzw. Geschehen als angenehm oder nicht angenehm zu empfinden. Dieser Kategorie gegenüber schreibt Singer keine moralischen Verpflichtungen zu, außer durch die Handlung würden Wesen höherrangiger Kategorien beeinflusst. Die Grenze zu den bewussten Lebewesen setzt Singer unterhalb der Muschel an. Außerdem fallen unter diese Kategorie alle Pflanzen und die gesamte unbelebte Natur (Flüsse, Landschaften, Berge).44 Zusammenfassend kann man sagen, dass Singers Prinzipien unter Umständen dazu führen können, dass ein Tier im Vergleich zu einem Menschen höher bewertet werden kann. Ferner unterteilt er Menschen in zwei Gruppen. Neugeborene, Föten und geistig behinderte Menschen gehören zwar der biologischen Gattung homo sapiens an, sind in der Wertlehre jedoch auf einer Stufe mit Wesen der zweiten Kategorie. Allein der Personenstatus, der nach Singer auch einigen (oben aufgeführten) Tieren zukommen kann, ist entscheidend.45 Dabei möchte er den Status der Tiere heben, während es Singer nicht darum geht, den Status von Neugeborenen, Föten und geistig Behinderten durch den Vergleich mit Tieren zu senken. Im folgenden Kapitel soll nun Tom Regans Ansatz zur Tierethik thematisiert werden. Die Kritik an Singers Ausführungen werden im Zuge der Kritik Regans behandelt, der in seiner Position vor allem auf Singer eingeht und seine utilitaristische Position beanstandet.

[...]


1 Grimm, Herwig; Wild, Markus: Tierethik zur Einführung. Hamburg 2016, S.25.

2 Boucabeille, Alejandro; Kompatscher, Gabriela; Schachinger, Karin; Spannring, Reingard (Hg.): Disziplinierte Tiere?. Perspektiven der Human-Animal-Studies für die wissenschaftlichen Disziplinen. Bielefeld 2015, S.22f.

3 Wild, Markus: Tierphilosophie zur Einführung. Hamburg 2008, S.28f.

4 Thurnherr, Urs: Angewandte Ethik zur Einführung. Hamburg 2000.

5 Diamond, Cora: Menschen, Tiere und Begriffe. Aufsätze zur Moralphilosophie. Berlin 2012.

6 Vgl. Wild, S.26.

7 Vgl. Boucabeille, Alejandro; Kompatscher, Gabriela; Schachinger, Karin; Spannring, Reingard, S.21f.

8 Vgl. Wild, S.20.

9 Vgl. Grimm & Wild, S.27.

10 Vgl. Grimm & Wild, S.27f.

11 Vgl. Grimm & Wild, S.28f.

12 Singer, Peter: Animal Liberation. Die Befreiung der Tiere. Erlangen 2015, S.331

13 Nogradi-Häcker, Annette: Die Personwerdung des Menschen. Zur Ethik Peter Singers. Münster 1994, S.14f.

14 Vgl. ebd.

15 Wolf, Ursula: Ethik der Mensch-Tier-Beziehung. Frankfurt am Main 2012, S.34ff.

16 Vgl. Nogradi-Häcker, S.16ff.

17 Vgl. ebd., S.18

18 Vgl. ebd.

19 Vgl. ebd.

20 Flury, Andreas: Der moralische Status der Tiere. Henry Salt, Peter Singer und Tom Regan. Bamberg 1999, S.112.

21 Vgl. Singer, S.27f.

22 Vgl. Nogradi-Häcker, S.19.

23 Vgl. Flury, S.115.

24 Vgl. Singer, S.31f.

25 Vgl. Nogradi-Häcker, S.21.

26 Wolf, Jean-Claude: Tierethik. Neue Perspektiven für Menschen und Tiere. Erlangen 2005, S.17

27 Vgl. Singer, S.33.

28 Vgl. Nogradi-Häcker, S.21.

29 Vgl. Singer, S.33f.

30 Vgl. Flury, S.117.

31 Vgl. Grimm & Wild, S.75.

32 Vgl. Flury, S.118.

33 Vgl. Singer, S.46.

34 Vgl. ebd., S.47.

35 Vgl. Grimm & Wild, S.78.

36 Vgl. Singer, S.48.

37 Vgl. Flury, S.123.

38 Vgl. ebd., S.113.

39 Vgl. ebd., S.113f.

40 Wolf, Ursula: Das Tier in der Moral. Frankfurt am Main 1990, S.47f.

41 Vgl. Flury, S.124.

42 Vgl. Nogradi-Häcker, S.25

43 Vgl. Flury, S.114.

44 Vgl. ebd.

45 Vgl. Nogradi-Häcker, S.31.

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Die tierethischen Positionen von Singer, Regan und Diamond
Hochschule
Universität Paderborn
Note
1.5
Autor
Jahr
2019
Seiten
30
Katalognummer
V908934
ISBN (eBook)
9783346204295
ISBN (Buch)
9783346204301
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tierethik, Ethik, Singer, Regan, Diamond, Tiere, Peter Singer, Tom Regan, Cora Diamond, Tier, Philosophie, Moral
Arbeit zitieren
Harun Tas (Autor), 2019, Die tierethischen Positionen von Singer, Regan und Diamond, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/908934

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