Von Interesse für diese Arbeit ist der erste Traum, in dem Heinrichs Gefühlswelt dargelegt und damit das Primat der Aufklärung, Erkenntnisse durch die empirische Beobachtung der Natur zu gewinnen, umgekehrt wird. Novalis sucht die Erkenntnis sozusagen nicht im Äußeren, sondern im Inneren. Überdies zeigt der Traum, so wie er zu einem Ort der Erfahrbarkeit und Präsenz wird, nicht mehr stellvertretend auf etwas Abwesendes, sondern erzeugt etwas Neuartiges.
Bewerkstelligt wird dies durch Erzählstrategien der performativen Präsenzerzeugung, die teilweise mit Novalis’ Romantisierungspostulat korrespondieren. Um diese Strategien aufzuspüren, verwende ich größtenteils das textbezogene Performativitätskonzept nach Häsner et al., welches eine geeignete Trennschärfe zur Strukturierung der performativen Elemente darbietet. Zuvor jedoch folgt ein kurzer Querschnitt in Novalis’ Denken, sodass sich etwas mehr erhellt, welche Ambitionen ihn zur Wiederverzauberung der Welt treiben.
Die Epoche der Aufklärung wurde einst als „Entzauberung der Welt“ bezeichnet. In ihrer Dialektik der Aufklärung demonstrieren Theodor W. Adorno und Max Horkheimer, wie durch das wissenschaftliche Kalkül seit der Neuzeit nicht nur Mythen aufgelöst werden, sondern auch das menschliche Vorstellungs- und Abstraktionsvermögen und damit auch das Sinnliche verdrängt werden. Die Aufklärung trägt so gesehen eine totalisierende Dynamik in sich, welche auch schon in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts mit Argwohn betrachtet wurde.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Tendenzen seiner Zeit
3. Theorien des Performativen
3.1 Das sprachphilosophische Performanzkonzept
3.2 Das literaturwissenschaftliche Verständnis der Performativität
4. Das Performative im Traum des Heinrich von Ofterdingen
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Performative in Novalis' Roman Heinrich von Ofterdingen, mit besonderem Fokus auf den ersten Traum des Protagonisten. Das Hauptziel ist es aufzuzeigen, wie Novalis durch performative Erzählstrategien der Entfremdung der Aufklärung entgegenwirkt und eine eigene, frühromantische Ästhetik erschafft, die den Leser aktiv in den Prozess der Wirklichkeitskonstituierung einbindet.
- Die philosophischen Grundlagen des deutschen Idealismus (Fichte) und ihre Rezeption durch Novalis
- Die theoretische Einordnung des Performativen (Sprachphilosophie und Literaturwissenschaft)
- Analyse der performativen Präsenzerzeugung im Traumgeschehen
- Das Wechselspiel zwischen funktionaler und struktureller Performativität
- Die Rolle der Rezeptionsästhetik bei der „Wiederverzauberung der Welt“
Auszug aus dem Buch
4. Das Performative im Traum des Heinrich von Ofterdingen
Das erste Kapitel beginnt mit der bildhaften Beschreibung einer nächtlichen Situation, die als präfigurativer Schwellenzustand zwischen dem real Erlebtem und dem verarbeitenden Traum verstanden werden kann. Während die Eltern bereits schlafen, liegt der „Jüngling [...] unruhig auf dem Lager“ (S. 9, V. 5f) und denkt an den „Fremden und seine[] Erzählungen“ (S. 9, V. 6f), die in ihm „ein so unaussprechliches Verlangen“ (S. 9, V. 7f) wecken, die „blaue Blume [...] erblicken“ (S. 9, V. 9f).
Dem geht einher, dass das Schlaflager des Jünglings bereits in den ersten drei Zeilen in eine Sphäre des Schutzes umhüllt wird, was sich der Abgrenzung zwischen der heimeligen Innen- und der sturmtosenden Außensphäre verdankt. Klangassoziierend, also auf Basis der Rezeptionsästhetik, wird der Leser dazu veranlasst, den „einförmigen Takt“ (S. 9, V. 2) der Wanduhr zu den „klappernden Fenstern“ (S. 9, V. 2), die durch den „saus[enden] [...] Wind“ (S. 9, V. 3) erzeugt werden, zu kontrastieren.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Epoche der Aufklärung und deren Kritik durch die Frühromantik ein, wobei der Fokus auf Novalis' Bestreben liegt, der Entfremdung durch eine neue ästhetische Poesietheorie entgegenzuwirken.
2. Die Tendenzen seiner Zeit: Das Kapitel skizziert die philosophischen Impulsgeber für Novalis, insbesondere den Idealismus Fichtes, und wie dieser die Grundlage für den magischen Idealismus und die progressive Universalpoesie bildet.
3. Theorien des Performativen: Hier werden die theoretischen Grundlagen des Performativen dargelegt, angefangen bei Austins Sprachphilosophie bis hin zu literaturwissenschaftlichen Ansätzen, die Präsenz und Wirklichkeitskonstituierung betonen.
4. Das Performative im Traum des Heinrich von Ofterdingen: In diesem Hauptteil wird der erste Traum des Romans detailliert analysiert, um die performativen Erzählstrategien und deren Wirkung auf den Leser im Prozess der Textrezeption aufzudecken.
5. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, wie das Zusammenspiel von struktureller und funktionaler Performativität zur Einheitswerdung von Mensch und Natur beiträgt und Novalis' Ambition zur Romantisierung der Welt auf Rezeptionsebene untermauert.
Schlüsselwörter
Novalis, Heinrich von Ofterdingen, Performativität, Frühromantik, magischer Idealismus, Rezeptionsästhetik, Wirklichkeitskonstituierung, Selbstreferentialität, Traum, Potenzierung, Entfremdung, Aufklärung, Gegenaufklärung, ästhetisches Erleben, Poesie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das Konzept des Performativen im Roman Heinrich von Ofterdingen von Novalis und analysiert, wie literarische Mittel im Text eine unmittelbare Wirkung und Präsenz beim Leser erzeugen.
Welches sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf dem Verhältnis von Sprache und Wirklichkeit, der frühromantischen Ästhetik, der Rolle des Traums als Medium der Erfahrung und der Interdependenz zwischen Textstruktur und Leserwahrnehmung.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Das Ziel ist es zu zeigen, dass Novalis mittels performativer Strategien die Grenze zwischen Text und Welt auflöst, um den Leser zu einer aktiven Mitgestaltung am „goldenen Zeitalter“ der Romantik zu bewegen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt ein textbezogenes Performativitätskonzept, insbesondere unter Rückgriff auf Häsner et al., um zwischen struktureller und funktionaler Performativität zu differenzieren und diese auf den Primärtext anzuwenden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der Analyse des ersten Traums im Roman, wobei die Darstellung von Nähe und Distanz, die Bedeutung von Sinneseindrücken und die Transformation des Protagonisten im Zentrum stehen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Neben dem zentralen Begriff der Performativität sind Begriffe wie "magischer Idealismus", "Rezeptionsästhetik", "Wirklichkeitskonstituierung" und "Romantisierung" essentiell für das Verständnis der Untersuchung.
Wie unterscheidet die Arbeit zwischen "funktionaler" und "struktureller" Performativität?
Strukturelle Performativität bezieht sich auf die Textbestandteile selbst, die als Bühne fungieren, während funktionale Performativität den außertextuellen Wirkungsgrad und die dynamische Einbindung in den Leseprozess beschreibt.
Inwiefern spielt der Traum eine Rolle bei der "Wiederverzauberung der Welt"?
Der Traum fungiert bei Novalis als Medium, das durch die "Potenzierung" und "Depotenzierung" von Empfindungen eine neue Wirklichkeit schafft, die über die rein rationale Sichtweise der Aufklärung hinausgeht und das Unbegreifliche erfahrbar macht.
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- David Gense (Author), 2018, Das Performative im "Heinrich von Ofterdingen" von Novalis. Der Traum der blauen Blume und seine performative Ästhetik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/909163