Der romantische Heine - Kritiker oder bloßer Nachahmer?

Eine Untersuchung anhand der „Traumbilder“


Seminararbeit, 2005

11 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Eine Einführung

2. Heines „Traumbilder“ im Unterschied zu „romantischen Träumereien“
2.1 Epigonale Lyrik oder origineller Duktus?
2.2 Die besondere Funktion des Traummotivs
2.3 Traum und Erwachen im dritten Traumbild

3. Schlussbetrachtungen

Bibliographie
Primärliteratur:
Sekundärliteratur:

1. Eine Einführung

Heines „Traumbilder“, der erste Zyklus von zehn Gedichten im „Buch der Lieder“, scheinen kein Thema „großer Worte“ mehr zu sein, scheinen zu wenig kontroversen Stoff zu bieten, der der einen oder aber einer ganz anderen Sichtweise genügen könnte. Heißt es doch beispielsweise recht abgeklärt, sie seien „im Wesentlichen nicht mehr als ein effektvolles Arrangement vorgefundener Motive aus Volksliedern, Legenden und Balladen“[1]. An anderer Stelle wird Heines frühe Dichtung auf seine Biographie reduziert und damit auf die „erste ernste Liebesgeschichte“[2] mit der Cousine Amalie. Und wie kommt es dazu, dass in zahlreichen Publikationen zum „Buch der Lieder“ die „Traumbilder“ lediglich mit standardisierten Anmerkungen zusammengefasst oder nur flüchtig bedacht werden? Liegt es daran, dass die „Traumbilder“ ob ihrer „Offensichtlichkeit“ angesichts des Titels und der Position im „Buch der Lieder“ auf den ersten Blick keine Mannigfaltigkeiten herzugeben scheinen? Ist über sie bereits alles gesagt und geschrieben worden?

Einer der vielen beachtenswerten Fragen zu Heines „Traumbildern“ nachgehend, widmet sich diese Arbeit vor allem dem Vorkommen von Elementen der romantischen Dichtung in den „Traumbildern“. Das Hauptaugenmerk soll hierbei auf dem Motiv des Traumes liegen und darauf, wie Heine es versteht, sich in hohem Maße romantischer Stilmittel zu bedienen, wodurch „nur selten de[r] Eindruck des Epigonalen“[3] entsteht, vielmehr jedoch das Bild eines in seiner frühen Dichtung kritisch reflektierenden jungen Künstlers.

2. Heines „Traumbilder“ im Unterschied zu „romantischen Träumereien“

2.1 Epigonale Lyrik oder origineller Duktus?

Dem jungen Heine „träumte einst von wildem Liebesglühn, von hübschen Locken, Myrten und Resede“[4], doch „verblichen und verweht sind längst die Träume“[5]. So jedenfalls eröffnet sich dem Leser der „Traumbilder“ die Eingangssituation des lyrischen Ichs. Und so auch stellt sich gleich zu Beginn ein wesentliches Spezifikum von Heines „Nachtstücken“[6] heraus, das eine grundlegende Unterscheidung zur Motivik der romantischen Dichtung bedeutet. Zwar lässt sich ohne Weiteres der Traum, ein zuvorderst der Romantik zuordenbares dichterisches Element, als das Leitmotiv des ersten Gedichtzyklus aus den „Jungen Leiden“ bezeichnen, dennoch findet er hier in einer anderen Art Verwendung als bei den romantischen Vorgängern Heines wie etwa Herder, Tieck und Brentano. Den „Traumbildern“ geht es „nicht um die Verklärung einer vermeintlich wahren Wirklichkeit“[7], nicht darum, mit dem Bewusstsein des Lesers verschmelzend transzendentale Refugien des Unterbewussten aufzusuchen. Der Traum in seiner eigentlichen Bedeutung für die Romantik, als „Zeichen dichterischer Lebenserfahrung und Weltdurchdringung“[8], als „Sehnsuchtserfüllung im Gedicht“[9] kommt bei Heine so nicht zum Tragen. Das machen unter anderem schon die eingangs zitierten Verse deutlich. Hier wird bereits ausdrücklich auf den Beginn eines Traumes hingewiesen, der aber nunmehr in einer Rückschau des Erwachten geschildert werden soll. Anders als in typisch romantischen Dichtungen wird hier von vornherein eine Distanz geschaffen, sowohl zeitlich als auch räumlich, zwischen dem Zustand des Träumens und Erwachens als auch zwischen Leser und Autor. Indem nur rückblickend, nicht aber unmittelbar das Traumgeschehen Gegenstand des Gedichtes ist, wird eine „vollständige Identifikation mit dem Traum, zu der die Romantik noch einlud“[10] schlichtweg unterbunden. Weiterhin garantiert Heine diese Distanzierung mithilfe des konkreten Bildes vom geschilderten Traum. Wie anhand der klaren Strukturierung des gesamten Gedichtzyklus erkennbar wird, lässt sich eine Gliederung in Prolog- und Epiloggedicht ausmachen, womit dem Leser Beginn und Anfang der Traumschilderung markiert sind. Eine bereits mit diesem Verfahren geschaffene Wirkung scheint es denn auch zu sein, die die „Traumbilder“ ihrem Wesen nach von der romantischen Gattung unterscheidet. Derart präzise gegliedert entsteht der Eindruck genauer Orientierung, eindeutiger Perspektive und zeitlichem Bewusstsein, was für den Traum nach romantischen Idealen einem individuellen Zugang oder auch der „tiefsinnigen Symbolsprache“[11] von Träumen gerade nicht zuträglich sein mag. Indem die geschilderten Visionen in all ihrer Schauerlichkeit und Abstrusität dennoch zeitlich begrenzt sind und sich auch der Sprecher der Traumbilder „zum bloßen Zuschauer bzw. Aufzeichner [stilisiert]“[12], erreicht Heine bereits jene feine Nuance der Unterscheidbarkeit. Es lassen sich Konturen ausmachen, der Traum wirkt geradezu plastisch. Greifbarer und nachvollziehbarer, angelehnt an das mögliche eigene Traumempfinden wecken die „Traumbilder“ den Eindruck, auf die „Wiedergabe authentischen Traumerlebens“[13] abzuzielen. Dennoch, so Monica Tempian, sind Heines Träume doch immer auch „bewusst als literarische Träume konstruiert“[14], um nachvollziehbar zu sein, dabei aber in gewisser Hinsicht auch unnahbar zu bleiben.

[...]


[1] Storz, Gerhard: Heinrich Heines lyrische Dichtung. Stuttgart: Klett 1971. S. 35.

[2] Windfuhr, Manfred: Heinrich Heine. Revolution und Reflexion. Stuttgart: Metzler 1969. S. 24.

[3] Klussmann, Paul Gerhard: Die Deformation des romantischen Traummotivs in Heines früher

Lyrik. In: Untersuchungen zur Literatur als Geschichte. Festschrift für Benno von Wiese. Hrsg.

von Vincent J. Günther, Helmut Koopmann, Peter Pütz, Hans Joachim Schrimpf. Berlin: Schmidt 1973. S. 259-285.

[4] Heinrich Heine. Sämtliche Schriften. Hrsg. von Klaus Briegleb. 2. Auflage. München: Carl Hauser 1975. Bd. I , S. 20.

[5] Ebd., S. 20.

[6] Heinrich Heine: Historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke. Hrsg. von Manfred Windfuhr. Hamburg:

Hoffmann und Campe 1975. Bd. 1, S. 636.

[7] Giese, Peter Christian: Lektürehilfen Heinrich Heine „Buch der Lieder“. 3. Auflage. Stuttgart, Dresden: Klett-Verlag für Wissen und Bildung 1994.

[8] Klussmann, P. G.: Die Deformation des romantischen Traummotivs. S. 265.

[9] Ebd., S. 266.

[10] Tempian, Monica: „Ein Traum, gar seltsam schauerlich...“. Romantikerbschaft und

Experimentalpsychologie in der Traumdichtung Heinrich Heines. Göttingen: Wallstein-Verlag 2005. S. 43.

[11] Ebd., S. 57.

[12] Giese, P. Chr.: Lektürehilfen Heinrich Heine „Buch der Lieder“. S 46.

[13] Tempian, M.: Romantikerbschaft und Experimentalpsychologie. S. 57.

[14] Ebd., S. 49.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Der romantische Heine - Kritiker oder bloßer Nachahmer?
Untertitel
Eine Untersuchung anhand der „Traumbilder“
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
11
Katalognummer
V90926
ISBN (eBook)
9783638054973
ISBN (Buch)
9783638950015
Dateigröße
410 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Heine, Kritiker, Nachahmer
Arbeit zitieren
Franziska Rosenmüller (Autor), 2005, Der romantische Heine - Kritiker oder bloßer Nachahmer?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/90926

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