Dadaismus in der Literatur. Lautgedicht und Sprachmagie von Hugo Ball


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008
14 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Das Problem der Sprache
2.1 Bestimmung des grundsätzlichen Problems der Sprache
2.2 Der Dadaismus und das Problem der Sprache
2.3 Hugo Ball und das Problem der Sprache

3. Zur Gattung des Lautgedichtes

4. Struktur-Funktions-Analyse
4.1 KARAWANE
4.2 bfirr bfirr

5. Schlussfolgerung

6. Bibliographie

1. Einleitung

1916 gründete eine Gruppe junger Männer das Carabet Voltaire in Zürich und nannte sich Dada. Dada sollte eine neue Kunstrichtung sein, die die bisherige Gesellschaft ablehnte. Deren Moral und Normen sollten zerstört werden.[1] Diese Ideen stießen beim Publikum zunächst auf Unverständnis: „Man rief nach der Polizei, nach dem Irrenarzt und dem Verbandkasten. Man drohte, zischte und weinte, Frauen fielen in Ohnmacht […]“[2] Obwohl Dada keine Antikunst wollte, wollte es das Nichts.[3] Das Nichts also im Gegensatz zum Bestehenden. Es wollte die „künstlerische Bestätigung der Sinnlosigkeit der Kunst“[4]. Immer wieder taucht also der Ansatz auf, dass Dada das Bestehende negierte, ohne jedoch nihilistisch zu sein. Die Dadaisten wollten etwas Neues schaffen. In der Literatur beispielsweise wollten sie die bestehende Sprache nicht mehr benutzen, sondern sie reduzieren, literarisch provozieren. So entstanden u.a. Lautgedichte, die Ball unter den Dadaisten zuerst vortrug.

In dieser Hausarbeit geht es nicht nur um Balls Lautgedichte, sondern auch um ihre Funktion, das Problem der Sprache zu zeigen. Daher wird zunächst das grundsätzliche Problem der Sprache bestimmt, dabei wird auch kurz auf Äußerungen dazu von Dada und ins Besondere von Ball eingegangen. Anschließend wird die Gattung des Lautgedichtes mit ihren Besonderheiten vorgestellt, bevor Balls Lautgedichte „KARAWANE“ und „bfirr bfirr…“ mit Hilfe der Struktur-Funktionsanalyse betrachtet werden.

2. Das Problem der Sprache

2.1 Bestimmung des grundsätzlichen Problems der Sprache

Alle Menschen nutzen Sprache beim Sprechen und Denken. Dabei nutzen bzw. produzieren sie sprachliche Zeichen. Gemäß de Sausure besteht jedes sprachliche Zeichen aus zwei Seiten, erstens aus dem Signifikat, welches die mentale Seite des Zeichens ist, und zweitens aus dem Signifikanten, welches die lautliche Seite des Zeichens ist. Die Beziehung zwischen dem Konzept, d.h. dem Signifikat, und dem Lautbild, d.h. dem Signifikanten, sind mit Ausnahme von onomatopoetischen Wörtern arbiträr. Innerhalb einer Sprechergemeinschaft sind diese Beziehungen konventionell, so dass die Sprecher miteinander kommunizieren können. In der modernen Sprachphilosophie wird die Arbitrarität[5] als Problem der Sprache diskutiert.

Laut Nietzsche, dessen Schrift „Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne“ von 1872 als Geburtsurkunde der modernen Sprachphilosophie zählt, sind das menschliche Denken und Sprechen nicht Rekonstruktionen der Wirklichkeit, sondern Konstruktionen.[6] Dies bedeutet wiederum, dass es zwischen der Sprache und den durch sie bezeichneten Dingen keinen ursächlichen, kausalen Zusammenhang gibt, ihre Beziehungen sind also arbiträr. Es gibt eine grundsätzliche Begrenztheit des Denkens und Sprechens, d.h. sie können nicht die ganze Natur bezeichnen. Es gibt hier eine unüberschreitbare Grenze, die Nietzsche nicht durch die Entwicklung eines neuen Sprechens und Denkens, sondern durch die Zertrümmerung des alten und der Vernunft überwinden will.[7]

Auch Hofmannsthal beschäftigt sich mit dem Problem der Sprache, nämlich im 1902 veröffentlichten „Chandos-Brief“[8]. Dort werden der Adressat des Briefes, Francis Bacon und der Schreiber, Lord Chandos gegenübergestellt. Während Bacon dem Diskurs folgt, befindet sich Chandos in einer Krise, weil er das Problem der Sprache erkannt hat, es aber nicht lösen kann. Sein größtes Leiden ist, dass er diesen Zusammenbruch der Sprache nur mit gerade dieser Sprache beschreiben kann. Da er dies nicht will, schweigt er meistens.[9]

Während in „Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne“ und im „Chandos-Brief“ behauptet wird, dass das Sprechen und Denken, das Menschen für die Wahrheit halten, begrenzt ist, wird in Wittgensteins 1918 entstandener Abhandlung „Tractatus logico-philosophicus“ nur der Sprache eine Grenze gezogen. Er sieht als Grenze der Sprache die Grenze der Erkenntnis.[10] Er zieht eine Grenze der Sprache zwischen sinnvollen und sinnlosen Sätzen. Außerdem gibt es eine Grenze zwischen dem Sagen und dem Zeigen. Das Zeigen wiederum gliedert sich in drei Arten auf: Es gibt erstens deskriptive Sätze, zweitens Sätze, die die logische Form der Abbildung zeigen und drittens Formen, die das Mystische zeigen.[11]

Schließlich beschäftigt sich auch Foucault mit dem Problem der Sprache. Er stellt den Diskurs dem Außen des Diskurses gegenüber. Die Literatur soll nun diese Grenze zwischen den beiden aufzeigen, auch wenn sie sie nicht überwinden kann. Sie zeigt im signifikativen Funktionieren der Sprache das nicht signifizierbare Funktionieren derselben. Als grundsätzliches Problem der Sprache zeigt sich, dass jeder Diskurs das Draußen konstituiert, es aber unsichtbar macht, dass er das Draußen konstituiert. Foucault sieht aber eine Chance, die Grenze durch das nicht signifizierbare Funktionieren der Sprache sichtbar zu machen.

2.2 Der Dadaismus und das Problem der Sprache

Die Dadaisten waren schöpferische Irrationalisten, weil sie den Sinn des Chaos (unbewußt viel mehr als bewußt) begriffen hatten. Sie näherten sich der schöpferischen Irrationalität und flohen vor ihr, sie liebten das Un-sinnige ohne deshalb den Sinn aus den Augen zu verlieren. […] Man nennt irrational etwas, was im Gegensatz zur sinnvollen Rationalität steht, während man es nicht über sich bringen kann, dem Chaos einen sinnvollen Wert zuzusprechen. […] Anfang und Ende aller Erklärungen des Dadaismus, nämlich daß die Dadaisten […] dem Chaos (es als innere und äußere Notwendigkeit akzeptierend) durch ihre Arbeiten, Produkte und Handlungen einen Sinn gaben.[12]

So redet Richard Huelsenbeck, ein Mitbegründer des Dadaismus, rückblickend über diese Literaturbewegung. Sicherlich war das Problem der Sprache nur eines von vielen, dass die Dadaisten beschäftigte, doch taucht es immer wieder auf. Wie bei Wittgenstein zeigt sich auch hier eine Unterscheidung von Sinnvollem, Sinnlosem und Unsinnigem. Das Chaos lässt sich mit dem Außen vergleichen. Dieses Außen ist eigentlich sinnlos. Huelsenbeck sagt in diesem Zitat aber, dass die Dadaisten das Chaos, d.h. das Außen, wenn auch vielleicht unbewusst, erfasst und ihm einen Sinn gegeben hatten. Sie müssen das Problem der Sprache also erkannt haben und versuchten, das Draußen des Diskurses zu beschreiben. Hier zeigt sich aber ein Widerspruch zum Grundproblem der Sprache: Die Literatur kann nur die Grenze darstellen, sie aber nicht überwinden. Daher können die Dadaisten eigentlich auch nur die Grenze, nicht aber das Chaos selbst beschrieben haben. Hier kann man eher davon sprechen, dass gemäß Wittgenstein das Mystische gezeigt wurde.

2.3 Hugo Ball und das Problem der Sprache

Hugo Ball äußerte sich in Tagebucheinträgen konkret zum Problem der Sprache. Er wollte auf die gewohnte Sprache verzichten, weil sie unbrauchbar geworden sei. Seiner Meinung nach waren alle Wörter abgedroschen, weil sie von allen unendlich oft benutzt wurden. Um nicht nur Wörter zu kopieren, müsse man das Wort aufgeben, um die Dichtung zu bewahren. Ball gibt vor allem der Politik und dem Journalismus Schuld, dass sie die Bedeutung der Wörter unwiederbringlich zerstörten. Als Lösung sah er den Abbau der Sprache, indem man Wörter auf Laute reduziert.[13] Das bedeutet, dass er die semantisch eindeutige Sprache ablehnt. Er erkannte außerdem, dass man mehr denken als sagen kann. Diese Fülle der Gedanken wollte er mit Lauten wiedergeben.[14]

[...]


[1] Vgl. http://66.102.9.104/search?q=cache:_3J8lCdmRBUJ:www.uni-saarland.de/fak4/fr41/Engel/ME/Vorlesungen/Moderne%2520Lyrik2/11.Hugo%2520Ball.rtf+ansatzreihe+lyrik&hl=de&ct=clnk&cd=3&gl=de

[2] Huelsenbeck 1987, S. 22

[3] Vgl. Tzara 1998, S. 7

[4] Cromme 1998, S. 109

[5] Obwohl frz. arbitraire zumeist mit „Willkür“ übersetzt wird, beinhaltet der Begriff auch „Beliebigkeit“, z.B. kann ein Signifikat durch mehrere Signifikanten wiedergegeben werden bzw. können mehrere Signifikate von nur einem Signifikanten beschrieben werden. Daher nutze ich im weiteren Verlauf der Arbeit wegen der weiter gefassten Bedeutung das Fremdwort Arbitrarität.

[6] Vgl. Nietzsche 2000, S. 16

[7] Vgl. Nietzsche 2000, S. 24 ff.

[8] Eigentlich ist dies ein fiktionaler Text, also Literatur, dennoch wird der „Chandos-Brief“ als Geburtsurkunde der Problematisierung der Sprache gesehen.

[9] Vgl. http://gutenberg.spiegel.de/?id=5&xid=1247&kapitel=1#gb_found

[10] 5.6.1 „Was wir nicht denken können, das können wir nicht denken; wir können also auch nicht sagen, was wir nicht denken können.“ http://www.geocities.jp/red_mad_hatter/Tractatus/jonathan/D.html

[11] 6.5.2.2 „Es gibt allerdings auch Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische.“

http://www.geocities.jp/red_mad_hatter/Tractatus/jonathan/D.html

[12] Huelsenbeck 1984, S. 14.

[13] Vgl. http://66.102.9.104/search?q=cache:_3J8lCdmRBUJ:www.uni-saarland.de/fak4/fr41/Engel/ME/Vorlesungen/Moderne%2520Lyrik2/11.Hugo%2520Ball.rtf+ansatzreihe+lyrik&hl=de&ct=clnk&cd=3&gl=de

[14] Vgl. http://www.kunstwissen.de/fach/f-kuns/o_mod/dada26.htm

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Dadaismus in der Literatur. Lautgedicht und Sprachmagie von Hugo Ball
Hochschule
Universität Rostock  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Sprachskepsis oder Sprachkritik – die Problematisierung der Sprache in der Literatur der Moderne
Note
2,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
14
Katalognummer
V90967
ISBN (eBook)
9783638052061
ISBN (Buch)
9783638946520
Dateigröße
444 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
18 Literaturangaben incl. 9 Onlinequellen (davon 2 Wikipedia-Fundstellen)
Schlagworte
Dadaismus, Sprachskepsis, Sprachkritik, Problematisierung, Sprache, Literatur, Moderne
Arbeit zitieren
Jana Groh (Autor), 2008, Dadaismus in der Literatur. Lautgedicht und Sprachmagie von Hugo Ball, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/90967

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