Das "chanson de la malmariée" am Beispiel des Liedes 21 aus dem Rostocker Liederbuch

Übersetzung und Kommentar


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Das Rostocker Liederbuch

3. Die Bearbeitung des Liedes 21
3.1 Lied Nr. 21 „Sind myr der gruß des wollust kam“
3.2 Allgemeine Angaben
3.3 Übersetzung des Liedes 21
3.4 Kommentar
3.4.1 Grammatischer Kommentar
3.4.2 Sachkommentar
3.4.3 Literarischer Kommentar
3.5 Sprachstand und dialektgeographische Einordnung

4. Fritsch-Staars Übersetzung
4.1 Übersetzung des Liedes
4.2 Kommentar zur Übersetzung

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis
6.1 Grammatiken, Wörterbücher und Lexika
6.2 Primärliteratur
6.3 Sekundärliteratur

1. Einleitung

Obwohl Ehen nach der christlichen Glaubensauffassung auf der freien Partnerwahl beruhen und ewig währen sollen, war dies im Mittelalter kaum der Fall. Denn entsprechend des davor Jahrhunderte lang gültigen germanischen Eherechts stand das Wohl der Sippe auch im Mittelpunkt jeder Ehe. Das bedeutete, dass die Familien Eheschließungen unabhängig von der Meinung der beiden Ehepartner selbst arrangierten. Dass dies in vielen Fällen zu unglücklichen Ehen führte, erklärt sich von selbst.[1] Die Klagen der Ehefrauen fanden Eingang in die mittelalterliche Literatur: In chansons de la malmariée wird das Leid der Frauen dargestellt. Ein Text dieser Gattung findet sich auch im Rostocker Liederbuch, nämlich im Lied 21. Diese Arbeit beschäftigt sich mit einer Übersetzung und Kommentierung dieses Liedes. Untersucht wird, inwiefern es sich um einen chanson de la malmariée handelt, außerdem folgt der Versuch einer dialektgeographischen Einordnung. Schließlich wird auch eine von Fritsch-Staar angebotene Übersetzung betrachtet.

2. Das Rostocker Liederbuch

Das Rostocker Liederbuch wurde 1914 zufällig von dem Bibliothekar Dr. Bruno Claußen in der Rostocker Universitätsbibliothek entdeckt. Er fand ein Blatt der Handschrift in dem Einband eines 1568 neu eingebundenen und zur Bibliothek des Herzogs Johann Albrecht von Mecklenburg gehörenden Buches. Bei weiterem systematischen Suchen wurden insgesamt 44 handgeschriebene Seiten gefunden, die nun als „Niederdeutsches Liederbuch 1478“ gebunden wurden. Die im Buch erhaltenen 60 Lieder stehen in niederdeutscher, hochdeutscher und lateinischer Sprache. Zu den meisten Liedern gibt es Melodien. Die Lieder wurden von drei Hauptschreibern niedergeschrieben. Schreiber 1 werden alle Lieder außer die Schreiber 2 zugewiesene Nr. 10 sowie die Schreiber 3 zugewiesenen Nr. 19 bis 21 zugeordnet.

Wahrscheinlich ist das Liederbuch im letzten Viertel des 15. Jahrhunderts im Umkreis der Rostocker Universität entstanden. Einige Inhalte deuten aber auf historische Ereignisse in anderen deutschsprachigen Regionen hin. Daher ist sich die Forschung über den genauen Entstehungsort nicht sicher. Wahrscheinlich ist das Liederbuch im Zeitraum von 1465 und 1487 angelegt worden.[2]

3. Die Bearbeitung des Liedes 21

3.1 Lied Nr. 21 „Sind myr der gruß des wollust kam“

Sequitur aliud.

Sind myr der gruß des wollust kam,
do nam ich mich vil kortczwil an,
sind ich dyr warth kyntlichen czam,
von nuenczig jaren eyn stolczer knab.
dar v m me so las genuegen dich:
der wi1 ist gut, die werck sind czam,
sind du mich host erkennet nicht
dy wi1 ich was vff sneller bann.

[20v] [. . . . . . . . . . .

„kem ich dar czu, ich macht dyrs er.
das spil ist mer denn halp vorlorn.
Eyn sanfte spiße vnde weche bette
der beyder ich dyr wol wil gewern.
das obrige das las weßen wet,
wiltu myn er hulde vnd fru n thschaft nicht entpern.“

o? Vor sluß dy thoer vn n d regel dy fenst er zcu,
der den(st) myr wo1 gefallen sol.
die husten dy habe ich spot vnd e fru,
das kan dy jogent gewenden wol.
such, ruck her czu vnd e mach myr warm,
myn dinst dyr schir zum staden kom m pt,
vnd e slüs mich in din snewißen arm
vm rock vnde mantel, das es dyr from m t.

„Ab es myr fromet mantel vnd e rock,
dennoch bi s tu myr widder czem.
du leist by myr recht a1s eyn fawler stogk.
das ich vor alle dyn gabe nem,
das selben ich enperen muß.

do mit mir aller basten wer

vnd e bren n get meyn [21r] . . . .

. . . . . . . . . . . .

Domit ich nu irßercket pin,
sind ich ken trost andyr irfynde.
35 „ich lachet och, het ich gewin.“
der schimpff der ist myr gar zu swinde.
hyr vm m e ich alleczit trawren sol,
des ich mich nicht yrwer e n kan.
,,du sprochst, als du kundeft wol,
vnde bist des schympffs eyn armer man.“

3.2 Allgemeine Angaben

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Lied 21 befindet sich in der Handschrift auf den Blättern 20r, 20v und 21r. Der Autor des Liedes ist unbekannt. Ins Rostocker Liederbuch wurde es vom Schreiber 3 getragen. Eine Melodie ist hier nicht überliefert. Das Lied enthält keine Hinweise auf eine mögliche Datierung, so dass hier der allgemeine Entstehungszeitraum des gesamten Liederbuches angenommen wird, d.h. zwischen 1465 und 1487.

Die Arbeit mit diesem Lied gestaltet sich zum Teil als schwierig, weil die Schrift sowohl auf Blatt 20v als auch auf 21r nicht vollständig zu erkennen ist. Als problematisch erweisen sich die fehlenden Zeilen 9 und 10 sowie das fehlende Ende von Zeile 31 und die fehlende Zeile 32. Die Zeilen 9 und 10 bildeten den Anfang der zweiten Strophe. Claußen ergänzt am Ende der Zeile 10: „… [ersweren]“[3]. Auch das Ende von Zeile 31 ergänzt er: „vnde brennget meyn[em herzen luft]“ sowie Zeile 32: „[vnd ich darvon irsterket wer]“.

Die Abschrift des Liedtextes erfolgt originalgetreu, d.h. die Zeilenumbrüche werden so dargestellt wie gesehen.

3.3 Übersetzung des Liedes 21

Es folgt ein weiteres.

„Seitdem mich die Wollust grüßte,
und weil ich Dir wie ein Kind zahm wurde,
habe ich mich sehr vergnügt,
ich, ein stolzer Knabe von neunzig Jahren.
Aus diesem Grunde begnüge Dich damit:
Der Wille ist stark, die Werke sind schwach.
Du kanntest mich nicht,
als ich auf schneller Bahn lief.

[20v] [. . . . . . . . . . .

Wäre ich dazu gekommen, dann hätte ich es Dir auch eher gemacht.
Das Spiel ist mehr als halb verloren.
Ein leckeres Essen und ein weiches Bett
- die zwei Dinge, die werde ich Dir wohl bieten,
das Übrige, das sei damit vergolten,
wenn Du meiner Zuneigung und Freundschaft nicht entbehren willst.

o? Verschließe die Tür und riegele die Fenster zu,
dieser Dienst wird mir sehr gefallen.
Hustenanfälle habe ich früh und spät,
die kann die Jugend sehr gut verhindern.
Versuch’s, rück heran und mache mich warm
(Dein Dienst kommt Dir schnell zu statten!)
und schließe mich in Deine schneeweißen Arme -
des Rocks und des Mantels wegen, so dass es Dir Nutzen bringt.“

„Selbst wenn es mir Mantel und Rock bringt,
so bist Du mir doch zuwider.
Du liegst bei mir wie ein fauler Stock und
dasjenige, was ich lieber als alle Deine Geschenke annähme,
auf das muss ich nun selbst verzichten.
Zu einem Zeitpunkt, als es mit mir am allerbesten wäre
und bringt mein [21r] . . . .

Damit bin ich nun eingesperrt,
weil ich keine Unterstützung bei Dir finde.
Ich lachte auch, wenn ich dabei gewinnen würde.
Der Spaß ist mir viel zu schnell vorbei.
Aus diesem Grund werde ich jederzeit trauern,
deswegen kann ich mich nicht wehren.
Du sprachst, als ob du es noch gut könntest
und bist, was den Spaß angeht, ein armer Mann.“

[...]


[1] Vgl. Fritsch-Staar 1995, S. 47 ff.

[2] Vgl. http://www.rostocker-liederbuch.de/Rostocker-Liederbuch.html

[3] Die von Claußen ergänzten Wörter werden in eckigen Klammern gegeben.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Das "chanson de la malmariée" am Beispiel des Liedes 21 aus dem Rostocker Liederbuch
Untertitel
Übersetzung und Kommentar
Hochschule
Universität Rostock  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Forschungskolloquium: Übersetzen aus dem „Rostocker Liederbuch“
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
20
Katalognummer
V90970
ISBN (eBook)
9783638052085
ISBN (Buch)
9783638946537
Dateigröße
448 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Beispiel, Liedes, Rostocker, Liederbuch, Forschungskolloquium, Liederbuch“
Arbeit zitieren
Jana Groh (Autor:in), 2008, Das "chanson de la malmariée" am Beispiel des Liedes 21 aus dem Rostocker Liederbuch, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/90970

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