So radikal die Forderung Jens' in seinem Buch "Der Fall Judas" nach der Seligsprechung des Verräters auch scheinen mag, fand sich ein ähnlicher Ansatz bereits rund 30 Jahre früher in der Erzählung "Drei Fassungen des Judas", welche Jorge Luis Borges 1944 im Rahmen seiner "Ficciones" veröffentlichte.
Die folgende Untersuchung zeigt sowohl die inhaltlichen und formalen Parallelen beider Werke auf, als auch deren Unterschiede im Hinblick auf die ihnen zugrundeliegende Konzeption. In diesem Zusammenhang werden die beiden Autoren über die beiden näher untersuchten Texte hinaus - und für diese erhellend - charakterisiert.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 EINORDNUNG DER WERKE IN DAS ŒUVRE IHRER AUTOREN
2.1 Walter Jens
2.2 Jorge Luis Borges
3 RESÜMEE
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die literarische Auseinandersetzung mit der Judas-Problematik bei Walter Jens und Jorge Luis Borges. Ziel ist ein komparativer Vergleich der Werke hinsichtlich ihrer Argumentationsstruktur, sprachlichen Gestaltung und der zugrundeliegenden Autorintentionen unter besonderer Berücksichtigung der jeweiligen Einordnung in das Gesamtschaffen der Autoren.
- Analyse der biblischen Judas-Figur in der zeitgenössischen Literatur.
- Kontrastierung von Walter Jens' "Fall Judas" und Jorge Luis Borges' "Drei Fassungen des Judas".
- Untersuchung der theologischen vs. fiktional-ästhetischen Zielsetzungen.
- Vergleich der Erzählstrukturen und Perspektivwechsel.
- Reflexion über die Rolle des Lesers bei der Interpretation christlicher Symbole.
Auszug aus dem Buch
1 Einleitung
Am 28. August 1960 stellte der Franziskanerpater Berthold B., ein Priester deutscher Herkunft, beim lateinischen Patriarchen von Jerusalem den Antrag, man möge ein förmliches Verfahren eröffnen, an dessen Ende die Erklärung stehen solle, daß Judas, der Mann aus Kerioth, in die Schar der Seligen aufgenommen worden sei – ein Märtyrer, der Jesus Christus bis zum Tod die Treue hielt.
Dieses scheinbar ungeheuerliche Anliegen bildet die Grundlage vom Fall Judas aus dem Jahr 1975, in dem der Schriftsteller Walter Jens den Gang des Seligsprechungsprozesses von Judas darstellt. In einer ähnlichen Art und Weise bearbeitete bereits der Argentinier Jorge Luis Borges die Judasproblematik: In der Erzählung Drei Fassungen des Judas, welche im Rahmen seiner 1944 veröffentlichten Sammlung „Ficciones“ erschien.
Als Ansatz dieser Ausarbeitung soll die Einschätzung Kuschels dienen, der Ähnlichkeiten in Form und Inhalt bemerkt, die Arbeit Borges´ allerdings als „in der theologischen Pointe [...] radikaler [...] als [die von] Jens“ beurteilt. Im folgenden sollen beide Werke hinsichtlich ihrer Argumente, der sprachlichen Gestaltung und der Erzählinteressen beider Autoren miteinander verglichen werden. Der Inhalt der Werke wird dabei als bekannt vorausgesetzt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Die Einleitung führt in die thematische Auseinandersetzung mit der Judas-Figur ein und stellt die beiden Vergleichswerke sowie die Forschungsfrage der Arbeit vor.
2 EINORDNUNG DER WERKE IN DAS ŒUVRE IHRER AUTOREN: Dieses Kapitel analysiert das literarische Schaffen von Walter Jens und Jorge Luis Borges im Hinblick auf ihren Umgang mit Religion und Theologie.
2.1 Walter Jens: Dieser Unterpunkt beleuchtet die theologische Dimension im Werk von Walter Jens und die Funktion des Lesers als aktive Instanz in seinen Fallstudien.
2.2 Jorge Luis Borges: Dieser Unterpunkt untersucht die Erzählweise von Borges, die weniger theologische als vielmehr fiktional-ästhetische Schwerpunkte in der Auseinandersetzung mit der Judas-Problematik setzt.
3 RESÜMEE: Das abschließende Kapitel fasst die Untersuchungsergebnisse zusammen und betont die unterschiedlichen Zielsetzungen beider Autoren bei der Bearbeitung der Judas-Thematik.
Schlüsselwörter
Judas, Walter Jens, Jorge Luis Borges, Seligsprechung, Theologie, Christentum, Literaturwissenschaft, Fall Judas, Drei Fassungen des Judas, Fiktion, Religion, Exegese, Erzählstruktur, Heilsgeschichte, Sündenbock
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit vergleicht die literarische Behandlung der Judas-Figur durch den deutschen Autor Walter Jens und den argentinischen Autor Jorge Luis Borges.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die theologische Rezeption der Judas-Figur, die Funktion literarischer Texte als "Gegenmodelle" zur Tradition sowie die Absichten der Autoren beim Umgang mit bekannten Mythen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, die Unterschiede zwischen Jens' theologisch motiviertem "Fall Judas" und Borges' eher philosophisch-ästhetischem Ansatz in "Drei Fassungen des Judas" herauszuarbeiten.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit angewandt?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Komparistik, die den Textvergleich mit biographischen Hintergründen und rezeptionsästhetischen Aspekten verbindet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Analyse der Autorenbiografien und ihrer Werkintentionen, wobei insbesondere die unterschiedlichen Herangehensweisen an das Thema Religion und die Rolle der Judas-Figur diskutiert werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Judas, Walter Jens, Jorge Luis Borges, Seligsprechung, Fiktion, Theologie und Heilsgeschichte sind die zentralen Begriffe der Publikation.
Warum wählt Walter Jens die Form einer "forensischen Fallstudie"?
Er nutzt diese Form, um den Leser aktiv in die Urteilsfindung einzubeziehen und ihn als "Richter" über das tradierte Bild des Judas zu provozieren.
Inwiefern unterscheidet sich Borges' Zugang von dem des Walter Jens?
Während bei Jens ein theologisches Anliegen im Vordergrund steht, nutzt Borges die Judas-Figur eher, um in seiner "phantastischen Literatur" paradoxe Gedankenspiele zu entwerfen, ohne den Anspruch, eine kirchenpolitische Debatte zu führen.
Welche Bedeutung hat das Ende der Diskussion für die Autoren?
Beide Autoren lassen ihre Hauptfiguren am Ende scheitern, was die Schwierigkeit unterstreicht, aus den vorgegebenen theologischen Bahnen auszubrechen.
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- Constanze Wellendorf (Author), 2004, Walter Jens: "Der Fall Judas" im kurzen Vergleich mit Jorge Luis Borges: "Drei Fassungen des Judas", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/90999