Walter Jens: "Der Fall Judas" im kurzen Vergleich mit Jorge Luis Borges: "Drei Fassungen des Judas"

Unter besonderer Beachtung der zugrundeliegenden Autorintentionen


Seminararbeit, 2004
11 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Einordnung der Werke in das Œuvre ihrer Autoren
2.1 Walter Jens
2.2 Jorge Luis Borges

3 Resümee

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Am 28. August 1960 stellte der Franziskanerpater Berthold B., ein Priester deutscher Herkunft, beim lateinischen Patriarchen von Jerusalem den Antrag, man möge ein förmliches Verfahren eröffnen, an dessen Ende die Erklärung stehen solle, daß Judas, der Mann aus Kerioth, in die Schar der Seligen aufgenommen worden sei – ein Märtyrer, der Jesus Christus bis zum Tod die Treue hielt.[1]

Dieses scheinbar ungeheuerliche Anliegen bildet die Grundlage vom Fall Judas aus dem Jahr 1975, in dem der Schriftsteller Walter Jens den Gang des Seligsprechungsprozesses von Judas darstellt. In einer ähnlichen Art und Weise bearbeitete bereits der Argentinier Jorge Luis Borges die Judasproblematik: In der Erzählung Drei Fassungen des Judas, welche im Rahmen seiner 1944 veröffentlichten Sammlung „Ficciones“ erschien.

Als Ansatz dieser Ausarbeitung soll die Einschätzung Kuschels dienen, der Ähnlichkeiten in Form und Inhalt bemerkt[2], die Arbeit Borges´ allerdings als „in der theologischen Pointe [...] radikaler [...] als [die von] Jens“[3] beurteilt. Im folgenden sollen beide Werke hinsichtlich ihrer Argumente, der sprachlichen Gestaltung und der Erzählinteressen beider Autoren miteinander verglichen werden. Der Inhalt der Werke wird dabei als bekannt vorausgesetzt.

Ausgangspunkt beider Argumentationen bildet der „Versuch, mit einem eingebürgerten und zum Teil auch theologisch abgesegneten Judasbild zu brechen und Judas ganz aus seiner Funktion in der christlichen Heilsgeschichte zu verstehen“[4]. Judas wird somit als Verbündeter, ja sogar „Bruder“ Jesu angesehen, der sich sowohl durch seine Wahl zum Jünger als auch durch seine besondere Frömmigkeit von anderen abhob. Seine Person war nötig, um den göttlichen Heilsplan zu erfüllen, denn:

Ohne Judas kein Kreuz, ohne das Kreuz keine Erfüllung des Heilsplans. Keine Kirche ohne diesen Mann; keine Überlieferung ohne den Überlieferer.[5]

Um diese Überlegungen zu diskutieren, wählten sowohl Borges mit seiner „lexikographischen Abhandlung“[6] als auch Jens, dessen Werk als „forensische Fallstudie“[7] bezeichnet wurde, die Form des fiktiven Berichts, der die Ausgangshypothese, die sich im Anschluss daran entwickelnde Diskussion und deren Folgen darlegt. Besonders auffällig sind allerdings die Parallelen in den Charakteren der Hauptfiguren, welche die Diskussion angezettelt und so den Stein ins Rollen gebracht haben: Gleich zu Beginn werden sowohl Nils Runeberg als auch Pater Berthold als gläubige Christen charakterisiert („tief religiös“[8], „ein frommer Mann“[9] ). Damit verstärkt sich der Eindruck, dass es sich hierbei nicht nur um bloße Gedankenspielerei zweier Verrückter handelt, sondern dass eine ernste Absicht vorausgesetzt werden kann bzw. ihrer Handlung bestimmte Motive zugrunde liegen – ein Argument für ihre Glaubwürdigkeit, gerade in den theologischen Bereichen. Trotz der jeweils sehr engagiert geführten Auseinandersetzungen mit den zahlreichen und größtenteils aggressiven Gegnern scheitern beide kläglich – sie erkranken, verfallen dem Wahnsinn und gehen daran schließlich zugrunde.

Ettore Pedronelli, der Chronist im Fall Judas, sieht in diesem Ende seines Vorreiters Berthold eine Parallele zum angefeindeten Judas – für ihn gewinnt der Fall an Aktualität, somit ist der „Fall Judas keine historische Kuriosität, sondern [spiegelt] brutale aktuelle Wirklichkeit [wieder]“[10].

Im Hinblick auf das Gesamtwerk und den Hintergrund der Schriftsteller stellt sich die Frage nach der Autorintention sowie ihren Zielen und auf welche Art und Weise diese eventuell zum Ausdruck kommen.

[...]


[1] Jens, Walter: Der Fall Judas, S.5.

[2] Vgl.: Kuschel, Karl-Josef: Jesus im Spiegel der Weltliteratur. Eine Jahrhundertbilanz in Texten und Einführungen, S.270.

[3] Ebd.

[4] Hinck, Walter: Walter Jens. Un homme de lettres. Zum 70. Geburtstag, S. 102.

[5] Jens, Walter: Der Fall Judas, S. 8.

[6] Kuschel, Karl-Josef: Jesus im Spiegel der Weltliteratur. Eine Jahrhundertbilanz in Texten und Einführungen, S. 505.

[7] Kuschel, Karl-Josef: Jesus in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, S. 222.

[8] Borges, Jorge Luis: Drei Fassungen des Judas, S. 108.

[9] Jens, Walter: Der Fall Judas, S. 19.

[10] Kuschel, Karl-Josef: Jesus in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, S. 226.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Walter Jens: "Der Fall Judas" im kurzen Vergleich mit Jorge Luis Borges: "Drei Fassungen des Judas"
Untertitel
Unter besonderer Beachtung der zugrundeliegenden Autorintentionen
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Neuere deutsche Literatur und Medien)
Veranstaltung
Biblische Gestalten in der Literatur seit 1945
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
11
Katalognummer
V90999
ISBN (eBook)
9783638055024
ISBN (Buch)
9783640116218
Dateigröße
514 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
"Die Untersuchung hält sich [...] strikt an die spezielle Thematik und wirkt somit ungemein konzentriert und schlüssig. Zu beiden Texten wird das jeweils für den Vergleich Wesentliche argumentativ überzeugend herausgearbeitet und klar und ausgereift formuliert." (Dr. Reinhard Görisch)
Schlagworte
Walter, Jens, Fall, Judas, Vergleich, Jorge, Luis, Borges, Drei, Fassungen, Beachtung, Autorintentionen, Biblische, Gestalten, Literatur
Arbeit zitieren
Constanze Wellendorf (Autor), 2004, Walter Jens: "Der Fall Judas" im kurzen Vergleich mit Jorge Luis Borges: "Drei Fassungen des Judas", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/90999

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