Der Weg zum Akademiker in Deutschland aus der Sicht einer Ost-Europäischen Migrantin

Die Anwendungsweise des narrativen Interviews


Hausarbeit, 2007

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2. Theoretische Grundlagen zur qualitativen Sozialforschung
2.1 Herleitung der Forschungsfrage
2.2. Hypothesenbildung

3. Das narrative Interview – Die Methode
3.1 Biografietheoretische Grundlagen
3.2 Die Erhebung des Untersuchungsgegenstandes im narrativen Interview
3.2.1 Aushandlungsphase
3.2.2 Der Hauptteil
3.2.3 Der Nachfrageteil
3.2.4 Die Transkription

4. Erfahrungen mit der Untersuchungsvorbereitung und Durchführung
4.1 Feldzugang
4.2 Die Erhebung
4.3 Kurzbeschreibung der Biografie in Bezug auf den Forschungsgegenstand

5. Die inhaltliche Auswertung und Interpretation
5.1 Formale Textanalyse
5.2 Strukturelle Beschreibung
5.3 Analytische Abstraktion
5.4 Wissensanalyse

6. Zusammenfassung

7. Ausblick

1 Einleitung

Im Zuge der Diskussionen über Deutschland als Migrationsland möchte ich mich mit dem Gegenstand beschäftigen, wie der Weg von Osteuropäern verläuft, die hier in Deutschland in 1. Generation leben und studieren. In diesem Entdeckungszusammenhang stellt sich für mich die Frage, wie es zum einen zur Entscheidung darüber gekommen ist und wie man es zum anderen als Migrant schafft, in Deutschland zu studieren ohne finanzielle Unterstützung seitens der Eltern. Ich habe festgestellt, dass dieses Forschungsfeld wenig Literatur zur Verfügung stellt, selbst der aktuelle Bildungsbericht 2006 gibt über Studenten aus Ost-Europa – speziell Bulgarien – keine nähere Auskunft, obwohl 2006 erstmals soviele Studenten aus Osteuropa wie aus Westeuropa in Deutschland die Hochschule absolviert haben und hier ein hoher Anteil auch von bulgarischen Migranten gestellt wird (in Wissenschaft Weltoffen 2006).

Das von mir gewählte Forschungsfeld, stellt nur wenige Theorien bereit und bietet die Möglichkeit, Neues zu entdecken. Aus diesem Grunde habe ich mich entschlossen, in meiner Forschungsarbeit explorativ zu arbeiten. Hierzu hat sich eine bulgarische Akademikerin im Alter von 28 Jahren für ein narratives Interview zur Verfügung gestellt, deren Biografie mir als analytischer Bezugspunkt helfen soll, Deutungsmuster, Handlungsorientierungen und Wissensbestände mit Primärdaten zu rekonstruieren. In Bezug auf die biografischen Inhalte des Falles möchte ich diese mit Hilfe von zwei Theorien von Bourdieu und Breckner diskutieren.

In Kapitel 2 werden neben theoretischen Grundlagen zur qualitativen Sozialforschung auch die Herangehensweise an das Erstellen meiner Forschungsfrage inklusive der daraus resultierenden Auswahl der Methode sowie die Vorab-Hypothese dargestellt. In diesem Kontext wird auf Literatur der oben angegebenen Sozialwissenschaftler verwiesen, die mit der von mir aufgestellten Hypothese in Verbindung gebracht werden sollen.

Im 3. Kapitel wird die qualitative Forschungsmethode – das narrative Interview – theoretisch kurz beleuchtet und die einzelnen von mir durchgeführten Schritte aus dieser Methode im Zusammenhang mit dem Untersuchungsgegenstand erläutert. Der Feldzugang sowie die Erfahrungen mit der empirischen Untersuchung werden im 4. Kapitel beschrieben, wobei der Inhalt des Interviews in Bezug auf die Forschungsfrage direkt angeschlossen wird. In Kapitel 5 wird das Interview nach dem Analyseverfahren von Schütze ausgewertet und Ergebnisse interpretiert. Die Hausarbeit schließt mit der Zusammenfassung und einem Ausblick ab.

2. Theoretische Grundlagen zur qualitativen Sozialforschung

Die qualitative Sozialforschung zielt auf die Entdeckung von Theorieaussagen anhand empirischer Daten ab (Brüsemeister 2006). Laut Kiefl & Lamnek (1984) beschäftigt sie sich mit dem „Wie“ von Zusammenhängen und deren innere Struktur aus Sicht der Betroffenen (Lanmek, 2004, S.4). Mit der qualitativen Sozialforschung werden Daten über Individuen gewonnen, die als Teile eines Ganzen gesehen werden können. Hierbei werden der Sinn oder die subjektiven Sichtweisen eines Individuums rekonstruiert.

2.1 Herleitung der Forschungsfrage

Bei meiner qualitativen Forschung geht es um die Entdeckung neuer Deutungs- und Handlungsmuster, denn selbst wenn man nur einen Fall beleuchtet, können Muster daraus entstehen, die in weiteren Untersuchungen für andere Fälle in ähnlichem Umfeld gelten können. Dies führte dazu, dass mit empirischen Daten gegenstandsangemessenen umgegangen werden musste. Es gibt nur wenige Informationen über das Thema ost-europäische Akademiker in Deutschland, auf die ich zugreifen konnte. Meine Forschungsfrage wird nicht durch eine Zustandsbeschreibung beantwortet, sondern durch die gegenstandsangemessene Veranschaulichung der Prozessbeschreibung, wie sich der Weg von Elena (Name wurde geändert), 28 Jahre, Bulgarin, Diplom-Psychologin und in Ausbildung zur Psychotherapeutin, entwickelt bzw. verändert hat (Ursachen, Prozesse, Konsequenzen, Strategien) (Flick 1996; 69). Mit einer Prozessbeschreibung im Sinne der Fragestellung wird deutlich, dass es sich um den biografischen Lebensweg von Elena handelt, weshalb das narrative Interview hierfür die geeignetste Methode der empirischen Sozialforschung darstellt. Es stellte sich die Frage, welche Handlungsvarianten Elena in Bulgarien als Tochter hart arbeitender und studierter aber nicht reicher Eltern hatte. Um sowohl die erhobenen Daten im Nachgang der Untersuchung besser reduzieren und strukturieren zu können als auch um Klarheit über den Untersuchungsgegenstand zu erhalten, wurde die Fragestellung zwar nach dem Prinzip der Offenheit gestellt, jedoch leicht konkretisiert. (Flick, 1995). Denn je besser die Befragte über den Untersuchungsgegenstand informiert ist, desto klarer ist der Bezug darauf. Meine Forschungsfrage lautete also nicht nur nach dem Lebensweg, sondern auch nach dem Weg zur Akademikerin in Deutschland aus der Sicht einer Ost-Europäischen Migrantin. Trotz des Bezugs auf den Gegenstand wird die Befragte zu einer Stegreiferzählung ermutigt, die schon in der Kindheit beginnt und die Handlungskontexte und Selektionsentscheidungen darstellt.

2.2. Hypothesenbildung

Im Vorfeld des Interviews hatte ich eine Vorab-Hypothese aufgestellt, um herauszufinden, welche Informationen für den Untersuchungsgegenstand gebraucht wurden. Diese Hypothese bildete als theoretisches untersuchungsleitendes Modell den Bezugsrahmen für meine Forschung. (Kromrey, 2007, S.272). Meine Hypothese war, dass man in Deutschland als Ausländer studieren kann ohne finanziellen Background der Eltern. Damit wollte ich untersuchen, wie Migranten mit dem deutschen Sozialnetz umgehen. Die erste Veränderung der Hypothese kam durch einen Text von Roswitha Breckner zustande, die mit ihren Untersuchungen einen Unterschied zwischen der Aufnahme von Migranten in Deutschland vor und nach 1989 herausfand. In ihrem Textbeitrag (Breckner 2003) stellt sie die Theorie auf, dass Migranten aus Osteuropa vor 1989 - dort „Republikflüchtlinge“ - im Westen als „Kommunismusflüchtlinge“ gesehen wurden, denen nahezu allen politisches Asyl sowie finanzielle Unterstützung gewährt wurde. Nach 1989 wurden aus den gleichen vormals politischen Flüchtlingen „Armenflüchtlinge“, die in Deutschland als Bedrohung gesehen wurden. Es stellt sich also auch die Frage, welchen Vorurteilen Elena bei ihrer Ankunft in Deutschland ausgesetzt war und wie sie damit umging. Ich musste außerdem feststellen, dass meine Anfangshypothese falsch war, die davon ausging, dass ausländische Studenten im deutschen Sozialnetz aufgefangen werden. Durch Elena habe ich erfahren, dass ausländische Studenten verpflichtend einen Kontoauszug auf ihren Namen mit (damals) 20.000 DM für das Einstiegsjahr vorweisen müssen, da man anderenfalls kein Visum für die Einreise erhält. Nach meinem Interview war klar, dass Elena einen starken Willen hat und sehr zielstrebig – wie ihre Mutter – den Titel der Akademikerin anstrebte, egal ob in Bulgarien oder in Deutschland. Damit war klar, dass Elena mit kulturellen Kapitalien ausgestattet ist, die mit den Theorien von Bourdieu erklärt werden können. Diese beiden Aspekte zusammen führen nun zu einer neuen Hypothese:

Heute - also nach 1989 - spielen nicht mehr politische, sondern überwiegend soziale Hintergründe eine Rolle für eine Migration von jungen Osteuropäern nach Deutschland, die mit eigener Arbeit in Deutschland lernen und leben wollen.

3. Das narrative Interview – Die Methode

3.1 Biografietheoretische Grundlagen

Das narrative Interview ist eine Erhebungsmethode der qualitativen Sozialforschung. Hiermit sollen biografische Entscheidungen anhand von empirischen Daten nachvollzogen und Handlungsabläufe von Individuen erklärt werden. Im Zentrum dieser Forschung steht das Erkenntnis- und Entdeckungsinteresse, neue Theorien anhand von Primärdaten zu entwickeln oder bestehende Theorien zu bestätigen. Um Primärdaten zu erhalten, wurde Elena um die Rekonstruktion der Entstehung und weiteren Entwicklung einer Geschichte in ihrer Gesamtgestalt gebeten (Glinka 1998). Durch das Prinzip der Offenheit, das sich auf die von mir aufgestellte Hypothesen bezieht, wird die theoretische Strukturierung des Forschungsgegenstandes solange zurückgestellt, bis die Strukturierung durch die Befragte herausgebildet wurde. (Flick, 1995). Eine Struktur entsteht dadurch, dass die Befragte zwar den Forschungsgegenstand kennt, jedoch eine offene Fragestellung über einen Prozess erhält, die dazu führt, dass sie den biografischen Lebensweg aus dem Stegreif erzählt. Hierbei können sich Hypothesen bewahrheiten, oder immer wieder geändert werden. Durch eine offene Fragestellung verbaut sich der Forscher nicht den Weg, neue unvorhersehbare Erkenntnisse zu erlangen, an die man vor der Datenerhebung nicht gedacht hat. Die Nennung des Forschungsgegenstandes – also der Weg zur Akademikerin in Deutschland – im Vorfeld des Interviews lenkt die Befragte jedoch eigenständig, selbst nach ablenkenden Argumentationen, immer wieder in die Struktur zurück.

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Der Weg zum Akademiker in Deutschland aus der Sicht einer Ost-Europäischen Migrantin
Untertitel
Die Anwendungsweise des narrativen Interviews
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften)
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
20
Katalognummer
V91017
ISBN (eBook)
9783638042789
Dateigröße
387 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Hervorragende Arbeit zu einer interessanten Fragestellung. Hypothesen und die einzelnen Methodenschritte werden ausgezeichnet vorgestellt. Sehr gut ist ebenfalls die einfühlsame und präzise Interpretation des Fallgeschehens. Sehr gute Ausarbeitung. Das - nicht bewertete - Forschungsjournal ist sehr konzentriert und enthält - vorbildlich - fast ausschließlich strategische Überlegungen und Erfahrungen. Es gibt die einzelnen methodischen Reflexionen und Ängste sehr gut als Tagebuchaufzeichnungen wider.
Schlagworte
Akademiker, Deutschland, Ost-Europäischen, Migrantin, narratives Interview, qualitative Sozialforschung, Transkription
Arbeit zitieren
Martina Bruns (Autor:in), 2007, Der Weg zum Akademiker in Deutschland aus der Sicht einer Ost-Europäischen Migrantin, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/91017

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